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Die Qualifikation haben die Ambroses gemeistert, aus den Kurierfliegern sind Rennfahrer in der größten Rallye der bekannten Galaxis geworden. Nun beginnt das wahre Abenteuer: Auf die Ambroses warten die ersten gefährlichen Aufgaben des Djibril-Cups. Und die Konkurrenz ist ihnen in Erfahrung und Technik voraus. Aber die Ambroses haben auf ihren Flügen viel erlebt und sind es gewohnt, die irrwitzigsten Situationen zu meistern. Also stürzen sie sich ins Abenteuer, auch gegen die Brockensegler von Fento.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Die Qualifikation haben die Ambroses gemeistert, aus den Kurierfliegern sind Rennfahrer in der größten Rallye der bekannten Galaxis geworden.
Nun beginnt das wahre Abenteuer: Auf die Ambroses warten die ersten gefährlichen Aufgaben des Djibril-Cups. Und die Konkurrenz ist ihnen in Erfahrung und Technik voraus. Aber die Ambroses haben auf ihren Flügen viel erlebt und sind es gewohnt, die irrwitzigsten Situationen zu meistern. Also stürzen sie sich ins Abenteuer, auch gegen die Brockensegler von Fento.
Teil 2 von 3 des Djibril-Cups.
Ulli Schwan schreibt seit Jahren fantastische Geschichten. Mit den KosmoKurieren kehrt er zurück zum Space Adventure: Abenteuergeschichten zwischen den Sternen.
Für Viola. Weil du dieses Abenteuer unbedingt lesen wolltest und deine Kreativität es bereichert.
»Feuchtigkeit und Stoffwechsel im grünen Bereich. Kein Befall«, sagte Robin gähnend und schob den Pflanzenkasten wieder an seinen Platz unter der Decke.
Sie wuschelte sich durch den grün und lilafarbenen Haarschopf und ließ die Arme kreisen. Robin war früh geweckt worden, um ihre Runde zu beginnen – ihr Kreislauf lag wohl noch im Bett. Da konnte etwas improvisierte Morgengymnastik nicht schaden. Sie trug grüne Sportschuhe, Leggings und eine langärmlige rote Tunika.
»Okay, dann sind wir mit unseren Pflanzenfreunden durch«, sagte leicht lispelnd Sylvester, Robins Großvater. Er sah wach aus – in seinem hohen Alter brauchte er nicht mehr so viel Schlaf wie seine fünfzehnjährige Enkelin. Sylvester trug den Strohhut, unter dem sein weißes Haar hervorlugte, einen grünen Pullover, karierte Hosen und Klocks.
Robin sah zur Decke. Dort reihten sich Kästen mit unterschiedlichen Pflanzen. Sie waren wichtig für das Leben auf der Jig: Sie reinigten Luft und Wasser, einige konnte man auch essen. Auf seine Art war der kleine Garten so wichtig wie die technischen Geräte des Schiffes. Sie mochte es, sich um die Pflanzen zu kümmern, den Boden zu lockern oder sie zu stutzen. Das ist spannender, als irgendwelche Spulen zu justieren oder Kopplungen zu warten, dachte sie.
Sylvester wandte sich an den Roboter, der einige Meter hinter ihnen stand. »Nelson, bring die Säcke mit der Erde bitte ins Lager.«
»Natürlich«, antwortete Nelson. »Soll ich danach den Gang säubern?«
Sylvester zuckte mit den Schultern. »Wie du willst.«
Nelson hatte einen eiförmigen Körper, dessen spitzes Ende zu Boden zeigte. Er besaß drei Beine und vier lange, gelenkige Arme. Statt eines Gesichts lag vorne am kugelförmigen Kopf ein rotbraunes Visier, auf dem in der Regel Augen und Mund als Symbole dargestellt wurden. Nelson war seit Jahrzehnten im Besitz von Sylvester, lange bevor die Jig ihren ersten Flug gemacht hatte. Im Laufe seines Dienstes hatte Sylvester dem Roboter allerhand einprogrammiert, so dass Nelson ein rechter Tausendsassa war.
Nelsons Kopf rotierte einmal, dann entschied er: »Ich denke, es ist notwendig mal durchzukehren. Haja wird es mir danken.«
Robin grinste. Haja war die Ingenieurin der Jig und sehr darauf bedacht, das Schiff in Topform und sauber zu halten. Sylvester nahm es mit der Sauberkeit nicht so genau, was immer wieder zu Reibereien zwischen den beiden führte.
»Na, dann wollen wir Haja mal einen Gefallen tun«, sagte Robin und lächelte ihren Opa schelmisch an.
Der zuckte nur mit den Schultern.
Nelson wandte sein Visier Robin zu. Die abgebildeten Augen zeigten Vorfreude. »Darf ich dann mit deinem Zimmer weitermachen und es aufräumen?«
Robin zuckte zurück. »Das ist nicht nötig.«
»Das sieht Haja bestimmt anders. Und wenn meine Meinung gewünscht ist: Ich auch.«
»Guter Versuch«, gab Robin zurück. »Aber nein: Du räumst mein Zimmer nicht auf. Das mache ich schon.«
Das Visier-Gesicht wurde traurig. »Ein Tag, den ich hoffe erleben zu dürfen.«
Nelson rollte auf seinen Kugelreifen zu den Säcken voller Erde und hob sie auf. Dann fuhr er Richtung Lager.
Sylvester sah dem Roboter nach und trommelte mit den Fingern auf seinen runden Bauch. »Zeit für das Frühstück.«
»Was gibt es heute?«, fragte Robin.
»Ich war gestern auf dem Markt und konnte ein paar frische Sachen auftreiben: Es gibt Omelette und Kepbeeren. Frisches Brot habe ich auch gefunden.«
»Klingt super«, freute sich Robin.
Sylvester war der Koch der Jig. Robin hatte häufig gelesen, dass der Küchenmeister auf einem Schiff die wichtigste Person war – gleich mit dem Kapitän. Immerhin war das Essen entscheidend für die Moral der Besatzung; das galt auf historischen Segelschiffen ebenso wie auf kosmischen Klippern.
Sylvester nahm seinen Stock und sie gingen Richtung Bug. Da sie sich auf dem Oberdeck befanden, war der Weg zur Messe kurz.
Der große Esstisch stand direkt unter dem ausladenden Doppelfenster an der Decke. Sylvester zupfte aus den Topfampeln Kräuter. Sie hingen im ganzen Raum: über dem Tisch, den Liegen und auch über der Küche, und ließen die Messe angenehmer riechen.
Während Sylvester mit Schürze und Messern bewaffnet das Essen zubereitete, deckte Robin den Tisch mit einem bunten Durcheinander von Essgeschirr. Es bestand aus Teilen, die weder in Form noch Farbe zusammenpassten, und aus allen Raumhäfen angesammelt worden war, die die Familie Ambrose aufgesucht hatte.
»Kann ich helfen?«, fragte Robin und kannte die Antwort.
»Ich komme schon klar«, sagte Sylvester.
Er konnte es nicht leiden, wenn jemand seine Küche durcheinanderbrachte.
Als hätte der Geruch von gebratenen Eiern sie angelockt, erschienen Robins Eltern. Sie waren von der nahe gelegenen Brücke gekommen, deren Kommando sie sich teilten: Tia als Pilotin, Harry als Astrogator.
»Das riecht gut«, sagte Tia. Sie hatte sich die langen, roten Locken zusammengebunden. Dadurch kamen ihre großen Augen noch mehr zur Geltung. Sie trug Stiefeletten, Hose und ein schwarzes Hemd.
Ihr Mann war einen guten Kopf größer, breitschultrig und ebenso wie sie etwas rund um die Hüften. Er grinste breit durch seinen Vollbart und seine blauen Augen funkelten. Er trug einen roten Pullover, blaue Jeans und Sneaker. »Bereit für den großen Tag?«, fragte Harry.
Sie nickte. »Klar, Paps.«
»Wie war die Inventur?«, fragte Tia.
»Alle Pflanzen leben und gedeihen«, meldete Robin. »Sie sollten die lange Tour durch den Hyperraum überstehen. Die Warenlager sind mit allem Nötigen bestückt und die Tanks des Materiedruckers bis zum Rand gefüllt. Kaffee?«
Beide bejahten und setzten sich an den Esstisch. Robin brühte ihnen einen Cappuccino – der Getränkeautomat war die einzige Küchenmaschine, auf die Sylvester kein Monopol hatte. Dem Koch stellte sie eine kalte Milch hin. Für sich selbst brühte sie sich einen süßen Apfel-Tee.
»Was glaubt ihr, wird die Aufgabe sein?«
Harry zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, es kann alles sein. Schon ein normaler Postflug ist voller Überraschungen – wer weiß, was die Djibril sich ausgedacht haben.«
»Deswegen ist es wichtig, die volle Ausstattung zu haben«, sagte Tia und nippte am Kaffee.
Von der Küchenzeile her, sagte Sylvester: »Es hat etwas mit unserer Fracht zu tun.«
Harry sah zu seinem Vater: »Weißt du mehr als wir?«
»Wissen? Nein. Aber warum sollten sie uns sonst so ein Dings in den Frachtraum stellen? Wenn sie uns unterwegs eine Falle stellen wollen, müssten wir doch nichts transportieren.«
Tia erwiderte: »Oder es ist wirklich nur Fracht. Ich meine: Wir fliegen für die Djibril, effizientere Kaufleute gibt es nicht. Wenn die uns auf einen Trip schicken, können wir ebenso gut gleich Ware für sie transportieren.«
Harry sagte: »Ich habe den Quader mal untersucht, aber kein Bild von drinnen erhalten.«
Alle sahen zu Sylvester.
»Seien wir auf eine Überraschung gefasst.« Er drehte sich mit Pfannen in beiden Händen um. »Essen ist fertig.«
»Das ist ja nett von dir, Zottel, wie aufmerksam«, rief Hajastan, die just in diesem Moment zur Tür hereinspazierte. Zu dem Mechanikeroverall trug sie pinke Pumps und das lange Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Den Schnäuzer ihres Vollbarts hatte sie an den Enden hochgezwirbelt. Sie war die Chefingenieurin der Jig und das einzige Besatzungsmitglied, das nicht zur Familie Ambrose gehörte, jedoch war sie als Tias beste Freundin und Patentante von Robin und Nick quasi adoptiert – und stand ihnen näher als die meisten anderen Ver wandten. Sie winkte Robin zu. »Liebes, machst du mir auch einen Tee?«
»Sicher.«
Haja warf ihr eine Kusshand zu. »Danke. So, Nick und ich haben die Lady genaustens untersucht und ich darf sagen: Sie ist in Topform!«
»Gut zu hören«, sagte Harry. »Apropos Nick: Wo ist er?«
»Er holt einen Gast bei der Rampe ab.«
»Wen?«
»Mich«, sagte Andrew McClintock. Der Mann, der in die Messe trat, trug einen maßgeschneiderten Anzug in den Farben blau und gelb – den Farben der terranischen Post.
Tia musterte ihn. »Bist du offiziell als Filialleiter der Post hier?«
»Sieht man mir das an?«, sagte er unschuldig lächelnd.
»So in etwa.«
Hinter Andrew war Nick Ambrose in der Tür zur Messe stehengeblieben. Er war kräftig gebaut, hatte die blauen Augen seines Vaters und dichte Augenbrauen. Er trug eine Schirmmütze auf dem halblangen, sandfarbenen Haar. Seine Datenbrille hing in einer Brusttasche seines Overalls. »Kann ich mich für das Frühstück hinsetzen oder geht es gleich los?«
Tia fragte ihren Sohn: »Was geht los?«
Er tippte auf das MultiArmband. »Gleich beginnt eine Versammlung der Postler.«
Tia sah zu Andrew. »Deswegen dein Besuch?«
»Ja. Es beginnt in zehn Minuten.«
Laut stellte Sylvester die Pfannen auf den Tisch. »Das reicht für die gierige Meute!«
Nick stieß sich vom Türrahmen ab und setzte sich an seinen Platz.
Andrew McClintock stand unsicher in der Küche und sah zu, wie sich die Besatzung der Jig über das Essen hermachte.
Nach einer Weile sah Harry zu Andrew. »Schon gefrühstückt?«
»Nur was Leichtes«, erwiderte er. »Das sieht lecker aus.«
»Na, dann setz dich zu uns.«
Andrew ließ sich nicht zweimal bitten.
»Warum das Treffen?«, fragte Tia zwischen zwei Bissen. »Das nächste sollte doch erst in einem Monat sein.«
»Na ja, euretwegen«, sagte Andrew und nahm sich eine Schüssel frische Kepbeeren.
Haja meinte: »Wegen unserer Qualifikation beim Djibril-Cup? Wie hoch sind unsere Chancen?«
»Die Favoriten seid ihr nicht gerade«, musste Andrew sagen. »Nicht nur wegen des Cups.«
»Was denn noch?«
»Wegen Hajas Vorschlag beim letzten Treffen.«
Alle machten eine Essenspause und sahen zu Haja. Die verharrte in der Bewegung, die Gabel wenige Zentimeter vor dem Mund.
»Ich?«, fragte sie unsicher.
»Dein Vorschlag, Nicht-Terraner in die Post aufzunehmen ist eingeschlagen wie eine Bombe.«
*
»Ich darf doch um Ruhe bitte. Ruhe! Und schön, dass die Verursacher dieses Tohuwabohus sich nun auch zu uns gesellen.« Dieser Vorwurf kam von Nigo Linh, Vorstand der terranischen Post. Seine Worte unterstützte er mit einem vorwurfsvollen Blick.
Dutzende Postler folgten seinem Beispiel.
Denn die Brücke war mit lebensechten Projektionen anderer Menschen überfüllt. Diese wurden übertragen durch überlichtschnelle Signale, gesendet durch den Hyperraum. Deswegen sah es auf der Brücke gerade so aus wie bei einer Vereinsversammlung in einer überfüllten Kneipe. Die heutige Sitzung war so gut besucht, dass es dem Schiffscomputer schwerfiel, alle abgebildeten Leute darzustellen, ohne dass sie sich überschnitten.
In Wirklichkeit befanden sich die anderen Postler auf der Erde, dem Planeten Modesty, entfernten Postämtern oder den Raumschiffen, die für die terranische Post fuhren. Sie brachten persönliche Lieferungen zu den Postfilialen auf Raumstationen, Monden und Planeten.
Alle schwiegen, Nigo setzte zum Sprechen an.
Da sprang ein Postfahrer in zerschlissenen Hosen und abgewetzter Lederjacke auf: »Wie ihr es in die Qualifikation des Djibril-Cups geschafft habt? Tolle Leistung! Glückwunsch!«
Nigo verdrehte die Augen. »Ja, genau das wollte ich auch gerade sagen.«
Glückwünsche kamen aus allen Holo-Kehlen, ein kurzes Lied wurde schief gesungen. Die Besatzung der Jig stand perplex zwischen ihren Mitfahrern, die – würde man sich leibhaftig gegenüberstehen – sie wohl auf Händen getragen hätten.
Oder wenigstens einige. Während die anderen nach Details des Rennens fragten, saß Wiebke Wagner demonstrativ ruhig in ihrem Stuhl und blätterte durch das Logbuch ihres Schiffes Blitz – dem modernsten und schnellsten der Postflotte. »Ohne die Kollision hätten sie die Qualifikation nicht geschafft«, erinnerte sie die anderen.
»Stimmt schon«, sagte Reiko Irie von der Sanjuro. »Tia und Harry sind toll geflogen, nur deswegen hatten sie am Ende die Chance – und ergriffen sie.«
»Mit meiner Blitz hätte ich die Kollision nicht gebraucht.«
Reiko zuckte die Schultern. »Dumm nur, dass du nicht dabei warst. Das wäre die Gelegenheit gewesen, uns allen zu zeigen, wie supertoll dein neues Schiff ist.«
»Pft, habe ich nicht nötig. Und schon im nächsten Rennen werden sie verlieren. Ich meine: Im Hyperraum sind die niemals schneller als Paramour mit seinem Boliden oder die Laruner mit ihrem Militärschiff.«
Reiko wiegte den Kopf. »Die Jig ist baugleich mit unserer Sanjuro. Die müssen sich nicht verstecken.«
»Vielleicht nicht vor dem klotzigen Frachter von diesem Grumtz. Aber die anderen Schiffe sind deutlich schneller. Wer weiß, vielleicht haben die Technosophen in ihrem Schiff sogar eine Technologie, mit der sie alle hinter sich lassen. Denen ist einiges zuzutrauen.«
Reiko hätte ihr zustimmen müssen: die Jig war zwar ein Kosmoklipper, jedoch immer noch ein Frachtschiff, kein hochgerüsteter Raumer, spezialisiert für Weltraum-Rallyes. Doch er hoffte, dass die Ambroses für eine weitere Überraschung gut waren – er mochte sie.
Die Begeisterung ebbte merklich ab und Nigo klopfte mit seinem Hammer auf das Rednerpult. Damit machte er allen klar, dass sie nun zum offiziellen Teil dieser Versammlung kommen sollten.
»So, Tia, Harry und Crew: Alles Gute für den Djibril-Cup. Wir alle drücken euch die Daumen. Kommen wir nun zu einem Thema, das den Vorstand und mich um den Schlaf bringt. Denn seit dem letzten Treffen werden wir mit Fragen und Vorschlägen geradezu bombardiert. Und zwar geht es um deinen Vorschlag – Haja!«
Alle Hologramm-Köpfe drehten sich ihr zu.
»Meinen?«, sagte Haja so eingeschüchtert, wie man sie selten erlebte. Sie beugte sich nah an Robins Ohr: »Ich bin nur froh, mit all denen nicht im gleichen Raum zu sein.«
Kann ich gut verstehen, dachte Robin und folgte Haja auf das Sofa. Es stand an der Rückwand der Brücke und bot genug Platz für die Besatzungsmitglieder, die nicht an der Piloten- und Astrogations-konsole saßen. Andrew hatte für sich einen Stuhl aus der Küche mitgebracht, den er an der Tür abstellte. Vermutlich will er schnell fliehen können, wenn die Fetzen fliegen, dachte Robin.
Wobei handgreifliche Auseinandersetzungen mit Hologrammen zum Glück unmöglich waren.
Robin wusste genau, um was es ging. Alle Postler waren Terraner: Auf der Erde geboren oder direkte Nachfahren, so war es üblich in der Terranischen Post.
Und wie es Haja beim letzten Treffen in Frage gestellt hatte. Robin fühlte sich ein wenig schuldig, dass ihre Freundin ins Kreuzfeuer geriet, denn die Idee hatten Haja, Nick und Robin gemeinsam gehabt. Nur vorgetragen hatte sie Haja allein. Weil wir wussten, dass ihn niemand erstnehmen würde, wenn Teenager wie Nick und ich ihn vorgeschlagen hätten.
»Wenn wir korrekt bleiben wollen, so war es Tia, die den Antrag eingebracht hat«, sagte Wiebke Wagner. Sie war die Führerin des schnellsten Postschiffes, der Blitz. Außer ihr nahm niemand ihrer Besatzung an dem Treffen teil – warum auch, da Wiebke auf ihrem Schiff alles allein bestimmte.
Nigo Linh lebte für seine Aufgabe als Postvorstand und achtete auf die korrekte Einhaltung der Regeln – selten war selbst ihm Wiebke zu kleinkariert, dieses Mal schon. Er verdrehte kaum merklich die Augen und meinte: »Korrekt. Nun, wie ihr seht: Es wird fleißig diskutiert.«
»Was genau?«, wollte Tia wissen.
»Wie: Was genau?«
»Na ja, gibt es eine Frage?«
»Eine Frage? Nein, es gib hunderte!« Nigo beugte sich weit über sein Pult. An den Fingern abzählend führte er aus: »Sollen einzelne Stellen auf Schiffen mit Nicht-Terranern besetzt werden? Sollen sie Kapitäne werden können? Sollen nicht-terranische Schiffe für die Terranische Post fliegen? Oder sollen sie alle auf der Erde registriert sein? Das ist wichtig für Erstattungen von Schadensfällen oder Strafzahlungen aus der Beitragskasse.«
Bei dieser Erläuterung schielte er zu einem speziellen Piloten herüber.
Traid Garner – Kapitän der Kenzi – hob beide Hände in einer Geste der Unschuld. »Woher sollte ich wissen, dass man Kratzkäfer nicht nach Luran einführen darf?«
»Weil es im Postmanifest steht«, rief Wiebke aufgebracht.
»Herzlichen Dank«, sagte Nigo mit einer angedeuteten Verbeugung in Richtung Wiebke.
»Das liest doch keiner«, murmelte Traid.
Diesen Einwand ignorierend, fuhr Nigo fort: »Sollen Nicht-Terraner als Filialleitungen eingesetzt werden? Stimmberechtigt sein? Passives oder aktives Wahlrecht erhalten?«
Eine Pause setzte ein.
»Ja«, sagte Robin. Wird Zeit, Farbe zu bekennen.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Nick leicht den Kopf schüttelte. War ich vorschnell?
Nigo wandte sich ihr zu – wie alle anderen Personen und Holos auf der Brücke.
»Ja? Ja zu was?«, fragte Nigo.
»Ja zu allem. Warum auch nicht?«, wollte Robin wissen.
Sie bekam Antwort. Nicht nur eine. Dutzende. Alle auf einmal. Unwillkürlich sank Robin tiefer in die Sofapolster.
Nigo schlug mit seinem Hammer auf das Pult vor ihm und nach mehrmaligem Wiederholen, klang das Crescendo langsam ab. »Wer möchte dazu etwas sagen? Chiwetelu, du hast das Wort.«
Chiwetelu Zinder war eines der drei Vorstandsmitglieder und Leiter der Postfiliale auf dem Planeten Modesty – der einzigen Kolonie der Terraner. Er sprach mit Bedacht und fester Stimme, die sich hervorragend eignete, alle Gemüter zu beruhigen. »So einfach es sich anhört, so liegen hier doch die Probleme in zwei Bereichen: Der praktischen Umsetzung und ob Interesse von der Gegenseite besteht. Bevor wir den zweiten Punkt angehen, gilt es aber Klarheit über den ersten zu haben. Nehmen wir zum Beispiel Filialen: Diese müssen aufgebaut und unterhalten werden. Da wir mit der Öffnung hoffen, nicht mehr von Einheimischen übervorteilt zu werden, würden wir ihnen genau dazu Gelegenheit bieten, wenn sie eine unserer Filialen leiten können. Sie können die Routen der Flieger festlegen, die Pakete verteilen, wie es ihnen beliebt. Damit ist eine Bevorteilung ihrer Freunde und Familie Tür und Tor geöffnet.«
Robin verschränkte die Arme vor der Brust. »Wieso glaubt ihr gleich, alle Nicht-Terraner sind Betrüger?«
»Tue ich nicht, ich habe nichtterranische Freunde«, sagte Chiwetelu. »Aber ihr habt doch erzählt, dass ihr auf Kajip-Station ausgebootet wurdet, weil ein anderer Kurier Beziehungen spielen ließ. Damit begann diese ganze Diskussion.«
Haja sprang Robin zu Seite. »Wenn wir mit Leuten arbeiten, die vor Ort Beziehungen haben, wird das nur unser aller Vorteil sein. Deswegen müssen wir ihnen auch alle Posten öffnen. Halbheiten bringen uns nicht weiter.«
Jetzt war Wiebke an der Reihe. Sie zog ihre frisch gebügelte Postuniform zurecht. »Die Terranische Post ist eine Erfolgsgeschichte, neben Kartoffelchips und Budelhabschen ist sie eines der drei gewinnbringendsten Produkte, die wir Terraner im Kooperationssektor haben. Kein anderer Kurierdienst hat ein so effizientes Netzwerk an Schiffen und Filialen, wir haben einen guten Ruf und sind fest etabliert. Der Name Terranische Post steht für Qualität, Schnelligkeit und Vertrauen. Nur: Wenn keine Terraner mehr fliegen, ist der Name unpassend. Wie sollen wir uns dann nennen?«
»Kosmische Post?«, schlug Traid vor.
Wiebke sah ihn spöttisch an. »Wie unpassend. Natürlich bist du für die Öffnung, dich interessiert ja nichts, was die Terranische Post so einzigartig macht.«
»Ich fliege eh allein«, gab Traid zurück. »Mir ist es egal, bei wem ich Pakete abliefere oder empfange: Hand, Pranke oder Tentakel. Es können doch alle ihre Post bei uns aufgeben – also warum sollten auch nicht alle bei uns arbeiten können?«
»Es geht um Loyalität«, erwiderte Wiebke.
»Ich bin der Post gegenüber loyal, weil sie fair ist«, gab Traid zurück. »Sie ist fair zu uns Piloten, sie ist fair zu den Filialleitern, die ihre Ämter auf entlegenen Welten führen, wo sie überwiegend mit Nicht-Terranern Geschäfte machen. Solange die Post fair bleibt, werden sich genug loyale Kollegen finden.«
Nigo sagte leise: »Einen neuen Namen hast du dir schon überlegt.«
»Terranisch klingt nach Provinz. Kosmische Kuriere klingt nach Größe, nach einem Service für alles und jeden. Es klingt nach ...«
»Übermut«, ergänzte Sylvester. Er saß vornübergebeugt auf dem Sofa, sein Kinn auf dem Stock, den er mit beiden Hände festhielt. »Wenn wir uns so darstellen, nach einem großen, allumfassenden Service für alle, werden uns die Djibril ober andere mächtige Konzerne einfach aufkaufen. Unsere Freiheit behalten wir nur, wenn wir eine Marktlücke nutzen, die zu klein ist, um die großen Konzerne zu interessieren. Lasst uns bleiben, wie wir sind: frei und unabhängig. Das soll uns genügen.«
Traid schüttelte den Kopf. »Der Name wird die Djibril nicht neugierig machen. Für die zählt nur der Gewinn.«
»Zudem ist unsere Organisation recht unattraktiv für einen Konzern«, sagte Nigo. »Zwar erwirtschaften wir Gewinne, doch sind wir immer noch ein Verein: Jeder Filialleiter, jede Kapitänin ist ein Mitglied des Vereins, zahlt aus seinen Einnahmen die Beiträge, die wiederum genutzt werden, um unsere Angebote aufrecht halten zu können: Mieten, Treibstoff, Reparatur – Strafzahlungen.«
Traid erwiderte Nigos Blick. »Die Gehälter der Vorstände.«
»Aufwandsentschädigung.«
Bevor der Streit weitergehen konnte, erhob sich das Holo von Misa Chiaki. Sie war die Kapitänin des Postschiffs Sanjuro und die dritte im Vorstand. »Ich möchte noch einmal auf Wiebkes Meldung zurückkommen. Das Postsystem, wie wir es unterhalten, ist tatsächlich ein großer Erfolg. Aber schon jetzt wächst die Konkurrenz. Vor uns gab es für Frachttransporte nur die übergroßen Megaschiffe und teure Kuriere, die man für jeden Flug mieten musste. Eben diese Kuriere sehen ganz genau auf uns: Mit unseren regelmäßigen Flügen zwischen den Filialen sind wir effektiver, wenn es um den Transport kleiner, persönlicher Fracht geht – oder einem Personentransport. Die Kuriere sind gut vernetzt, und eben diese Kontakte nutzen sie jetzt, um uns in die Schranken zu weisen. Und sie haben noch einen weiteren Vorteil: Sie können hinfliegen, wohin sie wollen. Unsere Postschiffe fliegen nur zwischen unseren Filialen hin und her.«
Von Traid kam ein Räuspern.
Nigo warf ihm einen wütenden Blick zu.
Misa fuhr fort: »Wenn wir unseren Ruf wahren und führend auf diesem Markt bleiben wollen, müssen wir unser Netz dichter machen. Wir müssen mehr Welten und Stationen anfliegen – und zwar bevor die Kuriere ein eigenes Netz aufbauen. Sie sind schon dabei.«
Ein Murmeln ging durch die Reihen.
Es war Tia, die sich ebenfalls erhob. »Ich stimme dir zu, Misa. Was schlägst du konkret vor?«
»Regulierte Expansion. Ein wichtiger Punkt: Alle Postschiffe fahren unter terranischer Flagge – damit können wir die rechtlichen Hürden für eine Übernahme steuern. Eine, wie Sylvester sie befürchtet.«
»Aber die Besatzung hat die gleichen Rechte?«, wollte Robin wissen.
Misa sah zu Nigo und Chiwetelu, bevor sie sagte: »Wer mit der Post fährt, hat alle Rechten und Pflichten.«
Robin und Haja grinsten. »Das klingt doch gut.«
Sylvester sah auf. »Das wird die Djibril nicht daran hindern, etwas Vergleichbares aufzuziehen oder jede Besatzung einzukaufen.«
Tia wandte sich an ihren Schwiegervater: »Wer hindert sie denn heute daran?«
»Das in der Post nur Terraner eingestellt werden. Dadurch können wir nicht weit genug wachsen, dass sich eine Übernahme lohnt.«
Tia wiegte den Kopf.
Nun war es Harry, der aufstand. Er wandte sich an Nigo Linh. »Was mich interessieren würde: Gibt es überhaupt Interessenten? Wie viele Nicht-Terraner haben denn schon nach einer Mitgliedschaft gefragt?«
Jandro Mortiz vom Frachter Durango sagte skeptisch: »Bleiben denn dann noch genug Aufträge für uns? Jetzt rechnet es sich ja noch – aber je mehr mitfliegen, desto kleiner werden unsere Einnahmen.«
Darauf brach ein Sturm von Einwänden los. Kein Postflieger war reich, niemand hatte genug Aufträge, um unbeschwert auf Einnahmen zu verzichten. Nicht einmal Wiebke mit der schnellen Blitz.
