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Beschreibung

„Wer jemals eine verlorene Handtasche fand und den Mut aufgebracht hat, sie tatsächlich zu öffnen, stößt auf eine verborgene Wirklichkeit, in der die Requisiten zu sprechen beginnen. Handtaschen sind Momentaufnahmen und ganze Lebensgeschichten zugleich: Zeig mir die Tasche, und ich sage dir, wer du bist.“ So beschreibt Felicitas Hoppe, was sich in den Falten und Fallen des tückischen Innenfutters einer Handtasche abspielt, hinter den Knöpfen und Reißverschlüssen, in den Seiten- und Nebentaschen.

Warum Handtaschen eine ganze Welt enthalten, wie wir uns gefährlich in ihnen verlieren und wie sie uns verraten können, erzählen Nora Bossong, Ulrike Draesner, Franziska Gerstenberg, Judith Hermann, Felicitas Hoppe, Judith Kuckart und viele andere renommierte Autorinnen in diesem literarischen Handtaschenbuch, das in jede Birkin Bag, jede Schultertasche und jede Clutch gehört.

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EPUB

Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Zum Buch

»Wer jemals eine verlorene Handtasche fand und den Mut aufgebracht hat, sie tatsächlich zu öffnen, stößt auf eine verborgene Wirklichkeit, in der die Requisiten zu sprechen beginnen. Handtaschen sind Momentaufnahmen und ganze Lebensgeschichten zugleich: Zeig mir die Tasche, und ich sage dir, wer du bist.« So beschreibt Felicitas Hoppe, was sich in den Falten und Fallen des tückischen Innenfutters einer Handtasche abspielt, hinter den Knöpfen und Reißverschlüssen, in den Seiten- und Nebentaschen.

Warum Handtaschen eine ganze Welt enthalten, wie wir uns gefährlich in ihnen verlieren und wie sie uns verraten können, erzählen Nora Bossong, Ulrike Draesner, Franziska Gerstenberg, Judith Hermann, Felicitas Hoppe, Judith Kuckart und viele andere renommierte Autorinnen in diesem literarischen Handtaschenbuch, das in jede Birkin Bag, jede Schultertasche und jede Clutch gehört.

Zur Herausgeberin

Manuela Reichart lebt als Autorin, Herausgeberin und Radiomoderatorin in Berlin, zuletzt erschienen die Prosabände »Schon wieder Verspätung!« und »Beziehungsweise – Liebesvariationen«. Monogame Taschenträgerin.

Manuela Reichart (Hrsg.)

Taschenliebe

Ein literarisches Lesebuch

Für Heike Klapdor, die die allerkleinsten Taschen liebt

INHALT

VORWORT Alle Gefühle der Welt

FELICITAS HOPPE Kleine Handtaschenkorrespondenz

ILMA RAKUSA Meine Tasche, mein Ein und Alles

LUCY FRICKE Eine Tasche fährt nach Düsseldorf

ULRIKE DRAESNER Indie

JUDITH HERMANN Meine Tasche diesen Sommer

ANKE STELLING Das Brauereipferd

FRANZISKA GERSTENBERG Verluste

KETO VON WABERER Taschenköder

ESTHER KINSKY Goldtäschel

KARIN KALISA Nadeltasche

BARBARA BONGARTZ Kelly Taxila, Lahore, Islamabad

JUDITH KUCKART Nicht dafür

KARIN RESCHKE Der Sohn der Friseurin

SABINE BERGK Der große Drache Angst

TANJA DÜCKERS Meine Candy-Bag

ULRIKE KOLB Eines Nachts

HELKE SANDER Beutel, Netze, Rucksäcke und Tüten

MANUELA REICHART Taschentricks

NORA BOSSONG Die Hochsteckfrisur der Madame de Guermantes

THERESIA ENZENSBERGER Ode an die Nierentasche

MIRKO BONNÉHandtaschen

AUTORINNEN

VORWORT Alle Gefühle der Welt

»Die Tasche ist für die Frau das, was das Schneckenhaus für die Schnecke ist.«

Jean-Claude Kaufmann

In der Handtasche findet sich alles, was eine Frau zum Überleben oder zum Aufbruch in ein neues Leben braucht: Kosmetik, Schlüssel, Handy, Geldbörse, Ausweis, Führerschein, Hustenbonbons, alte Fotos, Haarbürste, Pfefferminz, USB-Stick, Taschentücher, Kugelschreiber, Tampons, Haarspangen, Parfum, Klebestift, Nagelfeile, Aspirin, … Und ein Taschenbuch!

*

Es gibt zwei Sorten von Frauen: monogame und polygame Taschenträgerinnen. Die einen gehen mit ihrer Tasche durch dick und dünn und das jeden Tag und über eine lange Zeit, sie trennen sich erst von diesem besten und vertrauten Stück, wenn es gar nicht mehr anders geht, wenn die Tasche alt und abgerissen aussieht, Freundinnen nachdrücklich darauf aufmerksam machen, dass die Lebensdauer nun wirklich überschritten sei. Und auch wenn sie im Geheimen von einer Birkin Bag träumen, die sie sich niemals leisten können, sind sie ihrer Tasche treu und innig verbunden.

Die anderen haben viele Taschen, sie wechseln ständig das Modell, sind am Ein- und Umpacken – abends wenn sie nach Hause kommen oder morgens bevor sie zur Arbeit gehen. Für jede Gelegenheit braucht es eine andere Tasche, klein oder geräumig, blau oder rot, sie muss zur Kleidung und zum Anlass passen. Auch wenn der Schrank schon überquillt, neben der teuren Baguette Bag ist in jedem Fall noch Platz für eine kleine Metropolis.

*

Handtaschen sind aber nicht nur modisches Accessoire und notwendiger Alltagsgegenstand, sie werden inzwischen auch als renditeträchtige Investition gehandelt.

In Zeiten niedriger Zinsen erscheinen plötzlich Zeitungsartikel über Luxustaschen als Anlageobjekte. Auf der Website von Christie’s gibt es einen »Handbag Shop«, auf speziellen Luxus Secondhand-Plattformen bringen Taschen den größten Umsatz. Und bieten interessante Einblicke in die Welt des Geldes: Eine zweifarbige Birkin Bag wird da etwa für 65 000 Euro angeboten. Neu kriegt man ein solches – schlichteres – Modell (das seinen Namen der Schauspielerin Jane Birkin verdankt) aus dem Haus Hermès schon für rund 7700 Euro. Angeblich kann man diese Taschen gleich am nächsten Tag für rund 10 000 Euro verkaufen. Eine stattliche Rendite. In einem Artikel über die Rekordsummen, die manche Taschenmodelle inzwischen erzielen, wird eine Pariser Investmentbankerin zitiert, die eine pinkfarbene Birkin Bag im Safe deponiert: »Als langfristige Wertanlage für ihre dreijährige Tochter.«

Eine neue Lady-Dior-Tasche (Prinzessin Diana bekam sie 1995 als Staatsgeschenk Frankreichs überreicht) kostet neu nur rund 4000 Euro. Und inspirierte namhafte Künstler zu Taschen-Interpretationen, die auf einer Dior-Wanderausstellung durch Europa touren.

Aber es gibt zum Glück auch wunderbare bezahlbare, preiswerte Handtaschen.

*

Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann, der mit seinen Untersuchungen das Banale zum Sprechen bringen will, hat Frauen nach ihren Taschen befragt und ihre Geschichten aufgeschrieben. Es geht in seiner Feldstudie nicht allein um den Inhalt, nicht um Differenzierungen und Trägerinnen-Typen, vielmehr um Leidenschaften und Trauer, um Aufbruch und Abschied, um interne Hierarchien und weibliche Geheimnisse. Er hat die Taschen also tatsächlich zum Reden gebracht.

»Eine Tasche ist kein gewöhnlicher Gegenstand, sie sieht nur so aus. Natürlich, sie ist aus Leder oder aus Stoff, stolz auf ihre arrogante Jugend oder abgenutzt von den Jahren. Man könnte sie wie ein Ding beschreiben. Doch mit ihr wurde tagaus, tagein so viel herumhantiert, sie wurde so oft berührt, in Gedanken und mit Händen gestreichelt, dass sie zu einer Erweiterung des Selbst geworden ist.«1

Kaufmann zitiert in seinem Buch einen Song der französischen Sängerin Camille:

Man hat sich zu viele Fragen gestellt:To be or not to be?Gibt es Gott?Doch um den Lauf der Welt zu verstehen,müssten mir die Männer erklären,was in der Tasche der Mädchen ist.

*

Männer sehen in der weiblichen Handtasche angeblich ein Mysterium und – behaupten manche Psychologen – eine Metapher für die Vagina. Gleichermaßen besetzt mit Faszination und Angst. Vielleicht trauen sich deswegen viele Männer nicht, in die Handtaschen ihrer Frauen und Freundinnen zu greifen.

Als politisches Statement ist ein neues Handtaschenmodell mit Vulva-Motiv gedacht: »PussyPouch« wurde von einer New Yorker Designerin entworfen, nach dem sie in der U-Bahn einmal mehr mit übereinandergeschlagenen Beinen breitbeinigen männlichen Mitfahrern gegenübersaß.

*

Von der besten Therapiestunde, die er je erlebt hat, erzählt der amerikanische Psychoanalytiker Irvin D. Yalom.2 Eine ältere Witwe ist das Opfer eines Raubüberfalls geworden. Ihre Tasche findet sie wieder, das Geld ist weg, vor allem aber das Zutrauen, dass ihr nichts geschehen, dass sie den Menschen vertrauen kann.

Der Raub ihrer Handtasche führt bei der Frau zu extremen Ängsten. Sie traut sich kaum noch das Haus zu verlassen und wiederholt immer wieder, »ich hätte nie geglaubt, dass mir das passieren könnte«. Der Therapeut ist ratlos, bis sein Blick auf ihre extrem große Handtasche fällt, eben jene, die ihr gestohlen worden war. Sie selber findet ihre Tasche nur mittelgroß.

»›Noch etwas größer‹ entgegnete ich, ›und Sie brauchen einen Gepäckwagen dafür‹. Und dann fordert Yalom seine Patientin auf, ihre Tasche auszupacken. Da werden etwa drei Haarbürsten und zwölf Kugelschreiber ans Licht befördert, eine große Taschenlampe, drei Sonnenbrillen, zwei Flaschen Eau de Cologne und ein Paket Stärkemehl. All das, betont die Patientin, brauche sie dringend.

Als die Tasche schließlich leer ist, sind beide traurig und spüren eine besondere Nähe. »Es war ein außerordentlich intimer Augenblick. Auf eine Weise wie es nie zuvor ein Patient getan hatte, hatte sie mir alles gezeigt.«

*

Geschichten über Taschen und ihre Inhalte, Erinnerungen an gefürchtete und geliebte Taschen, an verlorene und wiedergefundene, an bedrohliche und ersteigerte: Weibliches Leben in die Tasche gepackt. Geschichten, die in der Tasche versteckt sind und von Autorinnen ausgepackt werden.

19 Taschengeschichten und ein männlich lyrischer Blick ins fremde Universum.

Ein Taschenbuch, das in jede Handtasche gehört. Auch wenn gerade die Miniaturhandtasche als Nonplusultra gefeiert wurde: Die französische Designerin Olympia Le-Tan hat etwa Clutches (die gute alte, extrem unpraktische Unterarmtasche) in Buchform entworfen, bedruckt mit literarischen Titeln. Eine schöne Spielerei, mit Peter Pan oder Grimms Märchen-Minihandtaschen herumzulaufen, aber da passt nun wirklich nichts von dem rein, was eine Frau dringend zum Leben und Überleben braucht.

Manuela Reichart

1 Jean-Claude Kaufmann: Privatsache Handtasche, Konstanz 2012

2 Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker & andere Geschichten aus der Psychotherapie, München, 1990

FELICITAS HOPPE Kleine Handtaschenkorrespondenz

Meine Mutter, die Tochter des Schneiders, der damals mein Großvater war und uns in die magische Welt der verwandel- und verwertbaren Stoffe einführte, in diese herrliche Welt aus Seide und Samt, aus Leinen und Leder, Loden und Filz, liebte Handtaschen über alles. Bis heute sehe ich mich neben ihr vor den Schaufenstern einer niedersächsischen Kleinstadt stehen, während sie, mit einer Hand, die bis heute nach wie vor gern in Handschuhen steckt, so verträumt wie sachkundig, auf die Objekte ihrer heimlichen Wünsche weist, von denen sie sich die wenigsten leisten konnte; denn ihr guter Geschmack (wie man, erstaunlicherweise, immer noch sagt) kam mit ihren Einkünften und ihrem Haushaltsgeld niemals zur Deckung.

Wie sie es trotzdem geschafft hat, immer die passende Tasche zu finden, und sie nicht nur zu finden, sondern tatsächlich zu tragen, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Doch die Bilder von damals beweisen, dass ihr, mit welchen Mitteln auch immer, etwas gelang, was mir niemals gelungen ist und vermutlich niemals gelingen wird: Sie war eine Handtaschenträgerin von Format, eine Königin des guten Geschmacks. Sie selbst nannte das allerdings Stilsicherheit, gern auch Korrespondenz, womit sie so einfach wie deutlich zum Ausdruck brachte, dass eine Frau, die nicht die richtige Tasche trägt, offenbar gar nicht weiß, wer sie wirklich ist. Auf zwei Dinge, sagte sie, kommt es an: auf die richtigen Schuhe und auf die richtige Tasche. Wer in einem von beiden fehlgeht, hat bereits im Vorfeld verloren.

Das war die erste Lektion. Die zweite betraf das Innenleben des geliebten Objekts, besser gesagt, seine innere Organisation. Denn meine Mutter war nicht nur schön, sondern auch klug. In einer Handtasche muss Ordnung herrschen, sagte sie, sonst taugt entweder die Tasche oder ihre Trägerin nichts. Eine klare und überschaubare Ordnung, die nicht der Schönheit dient, sondern, allem voran, dem höheren Zweck, eine höchst persönliche Innenwelt mit der allgemeinen Außenwelt zur Deckung und in Einklang zu bringen. Frauen, die in ihren Handtaschen wühlten (dabei musste sie gar keine Namen nennen, ich wusste genau, von wem sie sprach), verachtete meine Mutter zutiefst, Nervosität ließ sie nicht gelten. Eine Frau muss jederzeit wissen, was in welchem Moment wo zu finden ist, sagte meine Mutter. Und sie hielt sich daran. Sie war eine geniale Innenarchitektin des Taschenformats, eine perfekte Einrichterin von Notwendigkeiten; schließlich wusste sie als Mutter von fünf Kindern genau, wie man das Leben auf engstem Raum möbliert.

Jede Handtasche ist ein Mikrokosmos, ein Schatzhaus privatester Requisiten, das den Kosmos der Frau spiegelt, die sie trägt, ihre erfüllten und ihre unerfüllbaren Wünsche. Ein so geordneter wie chaotischer Kosmos, mit einem tückischen Innenfutter voller Falten und Fallen, voller seltsamer Knöpfe und Reißverschlüsse, voller Seiten- und Nebentaschen, die bis heute voller Geheimnisse sind und alles und nichts über jene verraten, die diesen Kosmos bewohnen. Wer jemals eine verlorene Handtasche fand und womöglich sogar den Mut aufgebracht hat, sie tatsächlich zu öffnen, bevor er sie aufs Fundbüro trägt, stößt auf eine verborgene Wirklichkeit, in der die Requisiten zu sprechen beginnen und auf so einfache wie quälende Weise alles verraten, was der Finder wahrscheinlich nie wissen wollte. Handtaschen sind Momentaufnahmen und ganze Lebensgeschichten zugleich: Zeig mir die Tasche, und ich sage dir, wer du bist.

Genau das ist vermutlich der Grund dafür, weshalb ich bis heute keine Handtasche trage. Was nicht heißt, dass ich keine Handtasche hätte, ich habe sogar jede Menge davon; sie hängen und liegen seit Jahren in einem Hinterzimmer, das ich nur selten betrete, und warten wahrscheinlich noch immer darauf, dass ich sie endlich zum Leben erwecke, dass ich sie endlich in Gebrauch nehmen werde. Denn wie mich die Erfahrung meiner Betrachtung der Außenwelt der Innenwelt lehrt, sind Handtaschen höchst lebendige und bewegliche Wesen, die man, wie kleine Tiere, ständig füttern und unterhalten muss, damit sie nicht vor ihrer Zeit unter die Räder ständig wechselnder Geschmäcker und Moden geraten. Man muss sie lieben und pflegen, weshalb mich nicht selten ein schlechtes Gewissen beschleicht, ein leises Gefühl von Verrat, weil ich sie einfach so hängen lasse und nicht den geringsten Versuch unternehme, meine Innenwelt mit der Außenwelt wirklich zur Deckung zu bringen.

Doch irgendeine seltsame Kraft hindert mich bis heute daran, mit einer Tasche an oder über oder unter dem Arm oder, etwas lässiger, einfach über der Schulter, beherzt auf eine öffentliche Straße zu treten. Stattdessen trifft man mich meistens mit einem Rucksack an, und mit dem fadenscheinigen Alibi, es gehe mir um Beweglichkeit, um zwei freie Hände nach vorn, um die Angst vor einer schiefhängenden Schulter und um den Versuch, mit einem durch den Rucksack verstärkten Rücken besser durch die feindliche Welt zu kommen; mit anderen Worten, mit einem Sack auf den Schultern, in dem sich ein deutlich vergrößerter Raum für meine höchst geheimen Wünsche befindet.

Ein unelegantes Alibi. Denn obwohl inzwischen, laut WIKIPEDIA, sogar der Rucksack in die Kategorie der Handtasche fällt, und obwohl seit knapp vier Jahrzehnten, wie im Mittelalter, auch Männer plötzlich wieder Handtaschen tragen und selbst die Gürteltasche zurückgekehrt ist: Ein Rucksack sieht nun mal einfach nicht schön aus, oder, wie meine Mutter sagen würde, er korrespondiert nicht. Mein Großvater dagegen hätte in der Welt der ewig verwandel- und verwendbaren Stoffe längst ein neues Geschäft gewittert, das die erweiterte Innenwelt der Außenwelt der Geschlechter auf neue Weise zur Deckung bringt und von allen lästigen Korrespondenzen befreit.

Das wäre dann, frei nach der Mode, die dritte und vorerst letzte Lektion.

ILMA RAKUSA Meine Tasche, mein Ein und Alles

Sie ist ziemlich elegant, meine schwarze Rucksacktasche von Christa de Carouge, und groß genug. Ihre Vorgängerinnen waren genauso, ich habe sie so lange benutzt, bis der Reißverschluss kaputtging und das Leder unschöne Gebrauchsspuren aufwies. Dann kam die nächste, gleiches Modell, denn was sich bewährt, soll man schätzen. Meine Tasche ist mein Häuschen, mein Lebensutensil, mein Ein und Alles. Diese eine Tasche, denn ich benutze nur sie, mögen die vielen ungebrauchten im Schrank auch heftig protestieren. Hier befinden sich, in einem abschließbaren Innentäschchen, Haus- und Autoschlüssel, im tiefen Schlund, den ein amerikanischer Freund treffend als »black hole« bezeichnet hat, der ganze Rest: Notizheft, fünf gespitzte Bleistifte (für Buchunterstreichungen), mindestens sechs Kugelschreiber, Portemonnaie, Ausweise, Handy, Lese- und Sonnenbrille, Papiertaschentücher, ein Etui für Kamm, Lippenstift etc., Handschuhe und ein Kopftuch, unbedingt. Gegen Kälte, Regen, Hitze, aber auch um in katholischen oder orthodoxen Kirchen schicklich zu erscheinen. Auf manchen Reisen gesellt sich ein Fotoapparat hinzu. Kurzum, ich trage viel mit mir herum. Und weil es so viel ist, wühle ich regelmäßig in diesem »schwarzen Loch«, um dies oder jenes zu finden, was partout nicht zum Vorschein kommen will. Die Nervosität der tastenden Hand. Dann die Erleichterung, wenn das Objekt auftaucht.

Und wenn es nicht auftaucht? Noch immer sitzt mir der Schock in den Knochen. März 2015, ein kühler Sonntagnachmittag in Salzburg. Ich habe Zeit, spaziere gemütlich durch die Altstadt. Im ehrwürdigen Petersfriedhof schaue ich lange zur Felswand mit den Katakomben hoch, beachte nicht, was sich hinter mir abspielt. Touristen drängen sich auf dem schmalen Pfad, manchmal schnappe ich ein russisches Wort auf. In der Peterskirche ist es ruhig, noch ruhiger im Hof des legendären Peterskellers. Ich überquere Plätze, bleibe stehen, gehe weiter Richtung Felsenreitschule. Weil mir die Hände frieren, nehme ich die Tasche vom Rücken und stelle fest: der Reißverschluss ist offen. Hatte ich ihn nicht ordentlich zugezogen? Dann wird das Malheur offensichtlich: In der Tasche fehlt eine Menge. Die Brieftasche mit sämtlichen Ausweisen und Kreditkarten, meine Brille, das Etui mit den Kosmetikartikeln, mon Dieu. Aber das Geld ist da, desgleichen die Schlüssel. Wie kommt es, dass ich nichts gemerkt habe? Steifbeinig und wie in Trance gehe ich denselben Weg zurück, den Blick auf den Boden geheftet. Im Petersfriedhof, neben dem Pfad, auf dem sich diesmal asiatische Touristen tummeln, entdecke ich einen meiner Handschuhe und mein schwarzes Kopftuch. Voilà, hier ist es also passiert, der Tatort wäre gefunden. Nun eile ich ins Hotel, um die Kreditkarten sperren zu lassen. Doch ohne Brille bin ich hilflos wie ein Kind. Der Rezeptionist zeigt Mitgefühl und kramt, nach längerer Suche, aus einer Schublade eine Lesebrille hervor. Gerettet. Selbst die Telefonate darf ich kostenlos an der Rezeption tätigen. Ausweislos mache ich mich als Nächstes zur Polizeistation auf, um den Diebstahl zu melden. Es ist gegen 17 Uhr, der Polizeibeamte höflich, nur zieht sich das Protokoll in die Länge. Während ich Auskunft gebe, füllt sich der Raum. Im Hintergrund höre ich von weiteren Diebstählen. Die Salzburger Altstadt, so klärt mich der Beamte auf, werde von verschiedenen Diebesbanden heimgesucht, gerade sei man auf der Suche nach zwei Männern. Er beschreibt mir deren Äußeres und fragt, ob mir das was sage. Tatsächlich habe ich einen Mann gesehen, der einer der Beschreibungen entspricht. Mit Papieren bestückt verlasse ich kurz nach 18 Uhr das Polizeibüro, nicht ohne mich beim Beamten zu bedanken und ihm mitzuteilen, dass ich mich noch mal zum Tatort begebe. Das tue ich unverzüglich, noch ist es ziemlich hell. Der Touristenstrom ist etwas abgeebbt, ich biege vom Hauptpfad ab, halte auf die Friedhofsecke am linken Rand zu. Und sehe drei große grüne Abfalltonnen. Instinktiv öffne ich den Deckel einer Tonne und erblicke zuunterst, unter welken Blumen, meine blaurote Miles & More-Karte wie ein leuchtendes Omen. Doch die Tonne ist groß, viel zu groß, um hineinzulangen. Als sich ein sympathischer junger Mann mit Frau und Kind nähert, bitte ich ihn um Hilfe. Im Nu kippt er die Tonne um und zusammen mit der Brieftasche kommen sämtliche Karten zum Vorschein, wie ein ausgelegtes Patiencespiel. Zwar sind sie verdreckt, aber vorhanden, heureka! Man hilft mir, die Karten mit Papiertaschentüchern zu säubern. Wichtiger aber ist es, nach den anderen vermissten Gegenständen Ausschau zu halten. Und siehe da, in der zweiten Tonne findet sich mein Brillenetui mit Brille, nur das Kosmetiktäschchen bleibt verschollen. Sei’s drum. Ich bedanke mich überschwänglich bei meinen Helfern – und beim Heiligen Nikolaus von Myra, dem Schutzheiligen der Reisenden und Seeleute. Bilder des Heiligen trage ich ständig in meiner Brieftasche. Sie sind unversehrt geblieben wie die Brieftasche selbst. Also hat ER seine Hände doch im Spiel gehabt und alles zu einem halbwegs guten Ende gebracht. Dem Polizeibeamten berichte ich von meinem Fund, worauf dieser freudig lächelt und das Protokoll abändert. Ich hätte Glück gehabt, dass die Geldjäger, nachdem sie nichts gefunden, alles in der Nähe entsorgt hätten. Mein größtes Glück war freilich, dass sie im Friedhof Spuren hinterlassen und dadurch den Tatort verraten haben.

Gelernt habe ich aus diesem Vorfall, dass ich meine Tasche an belebten Orten nie auf dem Rücken tragen darf. Und dass Ausweise, Karten und Geld möglichst getrennt aufzubewahren sind. Seither liebe ich meine Tasche (dieselbe!) noch mehr, auch meine belgische Designerbrille im abgewetzten Etui und die schwarze Lederbrieftasche mit Fotos meines Sohns und Bildern meines Lieblingsheiligen. Im Restaurant lege ich die Tasche jeweils auf meinen Schoß oder halte sie zwischen meinen Beinen, auch beim Fliegen suche ich Tuchfühlung mit ihr. Wir sind unzertrennlich, mehr noch: Wir bilden zusammen eine Einheit. Ganz unvorstellbar, ich würde sie als modisches Zubehör behandeln, als auswechselbares Objekt. Heute sie, morgen eine Vuitton- oder Gucci-Tasche. Je nach Lust und Laune, je nach Anlass. Nein. Ich bin treu bis zum Geht-nichtmehr, ich weiß, was ich an ihr habe. Sie ist kein dekoratives Accessoire, sondern lebensnotwendig, mit allem, was ich ihr anvertraue.

Vielleicht bin ich mit ihr schon zu sehr verbunden, sorge mich um sie, als wäre sie ein Lebewesen. Und dehne die Ängste, die mich mit zunehmendem Alter häufiger befallen, auch auf sie aus. Als wären wir gemeinsam bedroht, gefährdet, infrage gestellt. Eine Übertreibung, zweifellos. Aber so fühlt es sich manchmal an. Bald werde ich ihr einen Namen geben, so wie ich als Kind meinem Pelzhandschuh, von dem ich mich auch im Sommer nicht trennen mochte, einen Namen gab. Er war schließlich mein Spielgefährte. Und die Tasche ist meine treue Weggefährtin. Nachts wartet sie hinter der Tür, bis ich aufwache und sie an mich nehme. An Tagen, wo ich sie nicht brauche, liegt sie verdrossen am Boden wie ein müder Sack.

Ist es nicht so, dass die Tasche, dieser intime und unverzichtbare Gegenstand einer Frauenexistenz, die Persönlichkeit ihrer Besitzerin spiegelt, außen und innen? Beim Beobachten von Taschen und ihren Trägerinnen erfahre ich viel über ein sehr spezifisches Verhältnis. Große, kleine Taschen, Taschen aus Kunstleder, Stoff, Krokoleder, Taschen als Accessoires oder als multifunktionale Bags, billige, exzessiv teure Taschen … Meine Aversion gegen Kunstledertaschen und solche mit riesigen Schlössern und sonstigem glänzendem Schnickschnack. Es mag kein Zufall sein, dass niemand in meinem Freundeskreis an ihnen Gefallen findet. Ach, und jene riesigen karierten Armutstaschen, die ganz Osteuropa überschwemmen und in denen man seine halbe Habe transportieren kann. Mein Herz krampft sich zusammen, wenn ich Frauen – manchmal auch Männer – beim Schleppen sehe. Auf Märkten, Bahnhöfen, an Ausfallstraßen. In überfüllten Wartesälen und Bussen haben sie sie zwischen die Knie geklemmt. Wer weiß, wohin die Reise geht. Die karierte Tasche ist das Signum der Nomaden.

Zeig mir deine Tasche, und ich sage dir, wer du bist. Ganz falsch ist das nicht, wenn es um Geschmack oder sozialen Status geht, doch zu einfach sollte man es sich nicht machen. Mir persönlich reicht es, dass ich meine Tasche liebe. Leider trägt sie schon einige Altersspuren, was insofern besorgniserregend ist, als ich auf eine Nachfolgerin nicht hoffen kann. Christa de Carouge hat ihre Läden geschlossen. Was also tun? Besser nicht daran denken. Bleib gesund, Tasche, lass mich nicht im Stich.

LUCY FRICKE Eine Tasche fährt nach Düsseldorf

Es war ein ungewohnt sorgloser Sommer, ein Sonntagmorgen wie ein Bossa-Nova-Song, könnte ich sagen, geborgen in der Welt, dieses irritierende Gefühl, mir könnte nichts passieren, von jetzt an würde alles nur besser werden. Das war ein seltener, famoser Zustand, doch leider meist kurz vor der Verblödung. An einem solchen Tag sollte man nicht nach Düsseldorf müssen.