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Gloria stellt in ihrer luxuriösen Umgebung fest, dass es ihr an nichts fehlt - außer an etwas Unbezahlbarem. Rückblickend erzählt sie, wie sie an diesem Punkt angelangt ist, der so gar nicht ihrer Natur entspricht. Mit Mitte vierzig, alleinerziehend, nach jahrzehntelanger Arbeit in der Werbebranche verwirklicht Gloria ihren Traum, der vor über 20 Jahren in Afrika seinen Anfang gefunden hat. Dort besuchte sie ihre Schwester, die im Alter von 18 Jahren Deutschland verlassen hatte, um auf dem heißen Kontinent ein neues Zuhause aufzubauen. Was lange Jahre für Gloria nur das Urlaubsreiseziel war, sollte nun auch für sie zu einer zweiten Heimat werden. Erst nach Südafrika, wo sie den interessanten, aber auch schwer durchschaubaren George kennenlernt. Dann wieder nach Zimbabwe um ihre Schwester bis zu deren Tod zu pflegen. Am traumhaften Strand von Mozambique erleidet sie einen schweren Malaria-Anfall, der sie beinahe das Leben kostet. Zurück in Südafrika lernt sie den Mann kennen, der ihr Leben mehr verändert, als sie es je für möglich gehalten hätte. Das Glück, der Wohlstand, der Luxus verblenden die Sicht für die Wirklichkeit. Bis sie aufwacht.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2015
© 2017 Claudia van Ruiten/Rechteinhabers
Umschlaggestaltung, Illustration: Claudia van Ruiten
Lektorat, Korrektorat: Christin Davies
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN e-Book: 978-3-7323-4804-6
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Claudia von Ruiten
Für meine Mutter, meine Schwester und dich.
War je einer von euch in der Situation, dass der Partner zur Tür geht, ruft „Bis gleich Schatz“, dann habt ihr geantwortet „Bis gleich“, habt aber gedacht: „Hmmm, ehrlich, du musst nicht gleich zurückkommen, in 10-20 Jahren ist früh genug.“
Ja, in dieser Lage bin ich genau JETZT.
Wenn man so lebt wie ich, dann habe ich eigentlich kein Recht, solche Gedanken zu haben. Denn mir fehlt es an NICHTS. Es ist fast pompös, wie ich lebe und das im ärmsten Afrika. Ja, ich stöhne hier auf ziemlich hohem Niveau, aber die Luft wird von Tag zu Tag dünner hier oben.
Das Haus, in dem ich seit zwei Jahren lebe, hat ca. 500 qm Wohnfläche, was meinen bisherigen Standard weit übertrifft. Hier wird allerdings nach Räumen berechnet. Also das Haus hat zusammen 10 Räume, die da wären: 3 Schlafzimmer, 3 Badezimmer, ein Wohnzimmer, ein Esszimmer, Küche und angeschlossenes Büro.
Dazu ein separates, kleines Apartment mit eigenem Bad sowie Sauna. Draußen vor dem Apartment gibt es einen kleinen Kaktusgarten mit romantischer Bank zwischen zwei mannshohen Kakteen. Vor dem Herrenhaus präsentiert sich der großzügige Garten, der nach feiner Garteningenieurs-Arbeit gestaltet ist. In diesem künstlich schön anmutenden Garten ist ein Pool eingebettet, der mit perfekt glasklarem Wasser, einschließlich Wasserfall, zum Hineinspringen lockt.
Überhaupt kann man so gar nichts an dem Haus oder Garten bemängeln, außer vielleicht der Tatsache, dass der obligatorische Tennisplatz fehlt - und dem Besitzer einiges mehr, was nicht käuflich zu erwerben ist.
Das hört sich alles schlimmer an, als es ist.
Denn viele leben hier so, wobei ich hier nur die gutverdienende Bevölkerungsschicht anspreche, die in der Minderheit ist.
Ja, ich möchte fast behaupten der Pool ist Standard. Allerdings leben nur sehr wenige mit einem Hausherren zusammen, der es einem unmöglich macht, den Luxus -der es für mich ist- auch zu genießen. Denn der „Gutshof-Grundbesitzer“ ist nie zufrieden. Alles klar?
So lebe ich hier im wahrsten Sinne des Wortes in Saus und Braus, inklusive vier Autos: Toyota Geländewagen, 500 SL Mercedes, BMW Coupé und meinem kleinen Toyota Harrier, liebevoll von mir Harriet getauft.
Alldem wird dann noch die Krone aufgesetzt durch das dazugehörige Personal. Drei im Garten, zwei im Haus.
Ich weiß, ihr könnt mit allem Recht den Kopf schütteln, mit Fug und Recht davon ausgehen, dass hier eine verwöhnte, manikürte wie pedikürte Frau sitzt, die einfach nicht den gelifteten Hals voll kriegen kann. Mit Ausnahme von dem Hals stimmt dies sogar. Ja, ich stöhne hier auf verdammt hohem Niveau.
Nun, ich komme aus einer Großfamilie, habe sechs Geschwister (fünf Brüder und eine Schwester) und meine Art von Luxus fing damit an, dass mehr als einmal in der Woche Fleisch auf dem Tisch stand. Diese Art von Luxus -genau hier neben dem Notstand von einfachen Grundnahrungsmitteln bei Menschen an jeder Straßenecke- lässt in mir täglich die Wut aufkommen. Mein Verlangen, etwas dagegen zu unternehmen, wird im Keim erstickt. Also tue ich es heimlich, sprich verboten.
Das und einiges andere mehr hat sich nun bei mir angesammelt und droht sich zu entladen. Womit ich nicht diesen Zustand hier in erster Linie meine und den Mann, der das alles scheinbar verursacht hat. Der Mensch, dem ich hier am liebsten Mal gehörig die Meinung sagen würde, bin ich selbst. Mir steht es bis zum Hals, dass ich mich zum wiederholten Male in eine derartige Beziehung habe driften lassen.
Also wo fange ich an? Warum bin ich eigentlich hier in Afrika, wo doch Deutschland, Hamburg, mein Zuhause ist,/war. Vielleicht hat mein Unterbewusstsein mir gesagt, wenn du auf dem einen Kontinent nicht das findest, was dich glücklich macht, gehe auf einen anderen suchen? Aber wer weiß denn schon wirklich, was einen glücklich macht.
Die Vorstellung davon haben wir alle bestimmt, nur wenn dann die Wünsche in Erfüllung gehen, tja, dann sieht das oftmals ganz anders aus.
Also schön vorsichtig sein mit dem, was du dir wünschst. Es könnte in Erfüllung gehen.
Der eigentliche Grund für mich, nach Zimbabwe zu kommen ,war meine Schwester. Sie hatte im jungen Alter von 17 Jahren -also damals noch weit von der Volljährigkeit entfernt- ihre Koffer gepackt und ist ihrer Liebe nach Kenia gefolgt, schwanger geworden und hat geheiratet um nur wenige Jahre später wieder geschieden zu werden. Ihr Ex ist nach Deutschland zurück. Sie blieb mit 2 Töchtern auf dem heißen Kontinent. Als ich damals zum ersten Mal hierher kam, für einen Sommerurlaub, war mir schnell klar, dass ich hier enden würde.
Nur das Wann, Wie und Warum erschloss sich mir damals noch nicht.
Ich kam zwei Jahre nach der Unabhängigkeit, ohne meinen damaligen Freund, weil der Flug ein kleines Vermögen gekostet hatte (für den ich tatsächlich einen Kredit aufnehmen musste). Mir hatte sich ein Land mit Menschen offenbart, das -wie ich finde- noch heute seines Gleichen sucht.
Als ich Jahre später Mutter wurde, hat mein Sohn Florian mich begleitet. Sein Vater wiederum hat das Weite woanders gesucht.
Als Dreikäsehoch hatte mein Sohn mit seinem Cousin Brett (der hier geboren wurde) sowie dessen Freunden im Schlepptau, den afrikanischen Busch erforscht und wurde so ungefragt mit dem afrikanischen Virus infiziert.
Mit jedem Urlaub wurde Florians Englisch besser und besser. Sosehr, dass er noch vor der Einschulung fließend Englisch sprach. Wie Kinder eben so sind, ging das alles spielend, wie selbstverständlich, von dannen.
Mit einer großen Portion Abenteuerlust gepaart mit Neugierde und Respekt, haben wir über 15 Jahre hinweg ein Land kennengelernt, das trotz allem Für und Wider für mich die Liebe meines Lebens werden sollte.
Bis zu dem Trip, der alles veränderte.
Eine enge Freundin aus den Tagen der wilden, hektischen, bunten Werbewelt (welcher ich 24 Jahre meines Lebens geopfert habe), ist die gute Nina aus Hamburg. Ob es an meiner schwärmerischen Beschreibung über MEIN Afrika lag oder wohl wahrscheinlich mehr an der Tatsache, dass einfach zu der damaligen Zeit alle Werbefilme in Südafrika gedreht wurden, kann ich nicht sagen. Jedenfalls hat Nina dort in der Weltstadt Kapstadt, bei der Produktion eines Werbefilms, ihren zukünftigen Mann kennengelernt.
Nun saß ich im Taxi auf dem Weg vom Flughafen zu ihrem neuen Zuhause mit Kleinkindern, Mann und Hund. Sie hat geheiratet und eine neue Berufung gefunden, ich habe den Job an den Nagel gehängt und ließ mich treiben.
So bin ich am schönen Kap der Hoffnung gelandet. Und da wir beide viel gemeinsame Zeit im Werbedschungel verbracht hatten, wollten wir jetzt der anderen Dschungelleidenschaft frönen. Ich war von dem afrikanischen Zauber angetan. Ich kannte mittlerweile Zimbabwe wie meine Hosentasche, das Nachbarland Südafrika so gar nicht.
Hier nun bestaunte ich den Inbegriff von Urlaub auf dem schwarzen Kontinent, denn in Europa denken ja die meisten, dass Afrika vor allem Kapstadt ist.
Tja, ich muss gestehen, es hat Weltstadtformat und ist eben wunderschön gelegen. Dazu das mediterrane Flair, wenn man an den perfekt gelegenen Straßencafés einen Platz erobert.
Vom Flughafen zu Ninas Heim bekam ich die kleine Stadtrundfahrt.
Das Taxi, was ich bevorzugte, war ein Kleinbus, der nicht die direkte Route benutzte, öfter mal anhielt und viel billiger war. So sah ich mehr von Kapstadt und konnte mich auf den Empfang seelisch vorbereiten.
Nina hatte sehr schnell nach der Vermählung Zwillinge bekommen. Das sah sehr danach aus, dass geheiratet werden musste.
Was in der heutigen Zeit absurd ist. Wenn man allerdings aus einer gutbetuchten, angesehenen hanseatischen Familie kommt, scheint es noch immer die Regel zu sein. Was bei mir das Bedürfnis auslöst, ihr bei Gelegenheit da auf den Zahn zu fühlen.
Den Gedanken versenke ich lieber schnell in den Wellen der Atlantikküste, um unvoreingenommen das Glück in Augenschein zu nehmen.
Meine Skepsis war unbegründet. Bei Nina angekommen, stellte ich fest, dass hier eine rundum glückliche Familie ein gemütliches Zuhause geschaffen hatte. Und das am Stadtrand von Kapstadt, denn wir sind hier etwas abgelegen von dem pulsierenden Zentrum der Großstadt.
Das kleine Haus liegt an einem Hang, sodass wir einen weiten Blick auf das endlose Meer haben. Nina kommt aus Blankenese und dieses kleine, weiß gestrichene Haus mit blauen Fensterläden sowie Blick aufs Wasser, erinnert doch sehr an das viel weiter nördlich gelegene Familiendomizil ihrer Kindheit. Ja, die Kombination aus kühlem, frischem Norden und wildem, heißem Afrika ist den beiden wirklich gelungen. Wild sind hier allerdings fürs Erste nur die Kinder.
Am nächsten Morgen starten wir die Tour durch das Südafrika der Urlaubsprospekte: Weinstraße, Wildparks und Shopping-Center.
Dieses Land ist nicht das Afrika, was ich kenne.
Hier ist alles ordentlich kultiviert, vermessen und eingezäunt. Kein Tier lebt hier wirklich frei. Dennoch, es ist schön. Vor allem das Wasser, das Meer. Da kommt auch kein Kariba mit. Aber das will ich lieber nicht vergleichen. Ich will einfach nur genießen, dass ich hier alles haben kann. Kein Anstehen oder überteuerte Preise (die an Wucher grenzen), dazu funktionierende Strom- und Wasserversorgung. Hier funktioniert fast alles.
Wo bleibt da das Abenteuer, frage ich mich unter der heißen Dusche.
Nach 6 Tagen mit Familie Sonnenschein hat sich mein Anziehungsmechanismus eingependelt und die kleinen Sorgen, Probleme und Herausforderungen anderer Menschen liegen wie auf dem Silbertablett zur fröhlichen Anteilnahme bereit.
Es ist, wie es ist. Die Menschen erzählen mir alles und ich kann meinen Mund nicht halten. Komme mit Tipps, Ratschlägen und Hilfe etwas zu schnell daher.
Allerdings wird mir dadurch hier ein weiteres Experiment angeboten, das ich erstmal nicht spontan ablehnen möchte. Nach kurzer Bestandsaufnahme meiner Situation sage ich zu, mir das Angebot persönlich anzuhören.
Da ich weiß, wie das Leben als Alleinerziehende sein kann, wird meine Helfersyndrom-Antenne ausgefahren. Mein Sohn ist erwachsen und braucht mich nicht. Aber andere könnten hier und da von meinem Erfahrungsschatz profitieren.
Was sich allerdings erst als echter Notfall anhört, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als leicht zu bewältigendes Zwischenspiel.
Die befreundete Familie von Nina hat ihre liebe Not mit den drei Kindern ohne ein Kindermädchen. Selbige hat während des Urlaubes der Familie hier in Kapstadt mal eben den Job gekündigt. Da nun Familie Schulz ein großes Transportunternehmen hat, das ihrer vollen Aufmerksamkeit bedarf, muss ein neue Nanny her - und zwar sofort. Das klingt nicht wirklich nach Notstand, aber hält mich nicht davon ab, hier meine helfenden Arme auszubreitenden.
Am nächsten Morgen lernte ich die Familie Schulz kennen; die da wären: Herr und Frau Schulz, deutscher Abstammung, sowie das Zwillingspaar Chris und Sophie von fast vier Jahren und der sechsjährige Paul.
Meine Abenteuerlust- plus grenzenlose Sympathie für Kinderveranlasste mich dazu, den Job kurzerhand anzunehmen, bis sich eine langfristige Lösung finden würde. Nach einer weiteren Woche am Kap reiste ich- mit höherem Standard als gewöhnlich und drei Kindern im Schlepptau- durch den südlichsten Teil Afrikas, in Richtung Norden nach Johannesburg. Ich fragte mich, warum wir nicht fliegen, wenn da doch mit Sicherheit genug Geld vorhanden war (bei der Betrachtung der Logos diverser Gegenstände, die in dem Anhänger des 5 Sterne Vans verstaut wurden).
Nach 2 Stunden Autofahrt bekam ich einen kleinen Eindruck von der tatsächlichen Problematik in dieser Familie. So groß das Land hier ist, wenn man den Auslauf dann aber nicht bekommt, kann man vor allem als Kind schon den Geduldsfaden verlieren.
Denn allmählich wurde mir klar, warum der Verschleiß an Kindermädchen erschreckend hoch war. Warum wir hier der Bodenhaftung vertrauen und nicht über den Wolken schweben?
Auf der Straße kann man schneller anhalten und den Wilden Auslauf geben, bevor sie sich gegenseitig zerfleischen.
In Johannesburg angekommen, wo Familie Schulz in einem geräumigen Betonbunker der Superlative wohnte, muss ich feststellen, dass die Kinder es nicht sehr leicht haben werden in ihrem späteren Leben ohne Mami und Daddy.
Hier und jetzt hatten sie es weiß Gott zu einfach. So sehr ich mich Kindern verbunden fühle, so sehr schmerzte es, erkennen zu müssen, dass ich eben nichts ändern konnte. Im besten Fall, hier und da neue Interessen wecken. Durch den Zustand, dass ich absolut freie Hand, sowie genug Geld samt Auto zu Verfügung hatte, gestaltete ich die Tage mit den Kindern so bunt und abwechslungsreich wie möglich.
Das hieß dann so oft wie möglich gar nichts planen. Dann überließ ich sie einfach ihrer fast brachliegenden Phantasie oder ihrem Spieltrieb. Da ja alles so praktisch durchorganisiert war, gab es kaum Raum für das ganz normale Leben.
Erschwerend kam dazu, das Haus war viel zu groß und der Garten viel zu klein. Also verbrachte ich Zeit damit, die Kinder zu ihrem Reit-, Ballett-, Klavier-Unterricht zu fahren, nach der Schule oder dem Kindergarten. Bis ich den Botanischen Garten für uns entdeckte, der, wann immer es möglich war, als neueste Eroberung in das Freizeitprogramm aufgenommen wurde. Wo wir nichts taten oder alles planlos.
Hier lernten wir eines schönen Freitagnachmittags, Sara und Michael kennen. Zwischen Sara und mir war es Freundschaft auf den ersten Blick. Michael übernahm mit Freuden den Held in der Kleinkind-Truppe.
Er war der Älteste mit fast neun Jahren, aber eben dennoch das Kind, dem man vertrauensvoll folgt. Michael hatte vielleicht als Einzelkind hier was nachzuholen und die lieben Kleinen einen großen Bruder nötig, der es ja nur gut mit ihnen meinen konnte.
Ja, das kenne ich das Gefühl. Ich hatte fünf große Brüder, die über mich wachten.
Wir versuchten, uns zweimal in der Woche im botanischen Garten zu verabreden. Sara und ich in erster Linie zur Beobachtung der kleinen Wilden, die jetzt erst das wahre Leben entdeckten. Ohne jegliche Scheu, den Luxus der häuslichen Designerwände vergessend, folgte sich das Trio auf Bäume und in Sumpfgebiete; sogar Bulldoggen wurden zu Spielkameraden erklärt.
Sara war wie ich alleinerziehend, hatte dazu das Glück, ein kleines Reisebüro zu besitzen, welches ihr die Möglichkeit gab, sich uns spontan anzuschließen. Ihr kleines Reisebüro warf genug ab, um sich eine Halbtagskraft zu leisten, so dass wir gemeinsam dem kleinen Schauspiel amüsant Tribut zollen konnten, wann immer es möglich war.
Und ich lernte mehr Menschen kennen, die den botanischen Garten ebenso als ihre Oase entdeckten um der schnellen, lauten Betonwüste Johannesburg entfliehen zu können; bis der Park am Abend schön britisch verschlossen wird.
Aus 2 Wochen bei Familie Schulz wurden 12 Wochen und das Jahr neigte sich zu Ende.
Bisher hatte sich kein Ersatz für mich gefunden oder keiner hat wirklich gesucht. Nach einem Gespräch mit Herrn und Frau Schulz, in dem ich erklärte, dass ich Weihnachten zu meiner Schwester nach Zimbabwe möchte, bekam ich spontan das Ticket bezahlt - wohl in der Hoffnung, dass mich dieser stetige Geldregen vielleicht überzeugen würde, länger für sie und vor allem die Kinder, in Aktion zu treten.
Nun, es würde mein Leben schon einfacher machen, für die Kinder hier die Ersatzmutter zu spielen. Mit Kindern habe ich es schon immer einfacher gehabt umzugehen als mit Erwachsenen. Vielleicht, weil ich selbst nicht erwachsen werden will oder kann. Mich in der südafrikanischen Upper Class zu bewegen, von Politikern sowie Industriellen, Wirtschaftsbossen oder simplen Millionären zu Kindergeburtstagen eingeladen zu werden, ist dann doch nicht ganz meine Vorstellung von einem Leben unter der afrikanischen Sonne.
Die Position des Kindermädchens ist immer noch eine völlig normale Arbeitsanstellung in vielen Haushalten, nicht nur in der ausschließlich gehobeneren Gesellschaftsschicht.
Diesem wird neuerdings ein neuer Anstrich verliehen, wenn die Nanny weiß ist. Das ist gleichzusetzen mit fünf statt vier Autos im Fuhrpark. Man kann es sich leisten.
Und diese Einstellung passte mir so ganz und gar nicht. So sehr mir die Kinder ans Herz gewachsen waren und mir dabei leidvoll die bevorstehenden Abschiedsszenarios durch den Kopf gingen.
Aber wer hat schon den Luxus, sich seine Familie aussuchen zu können?
Die Neuigkeit, dass ich zu Weihnachten in Zimbabwe, bei meiner Schwester, ihrem Freund, meiner Nichte und Familie sein würde, löste bei denen auf der anderen Seite des Limpopo (Grenzfluss zwischen Südafrika und Zimbabwe) mir unbekannte Freudentaumel aus.
Naja, Weihnachten ist auch immer eine ganz besondere Zeit für uns Europäer; wenn auch die Weihnachtsstimmung im hochsommerlichen Zimbabwe nicht so aufkam wie ich und meine Schwester es in Erinnerung hatten. Hier setzt man sich Papiermützen auf und nimmt Trillerpfeifen in den Mund. Das dies wiederum der englischen Weihnachtstradition entspricht und so gar nichts mit afrikanischen Gebräuchen zu tun hatte, machte es noch absurder.
Was bei uns im hohen Norden schon mal beklemmend bis erdrückend wirkt, ist hier ein Saufgelage mit Grillgut, bei 30°C im Schatten, neben dem Pool.
2 Stunden nach Ankunft in Harare bekam ich einen Vorgeschmack von dem eigentlichen Grund der Fröhlichkeit meines Kommens. Die kleine Schwester muss der großen Schwester den Rücken stärken.
Das übermütige Handhaben eines halben Baumstammes hatte Monica seit Wochen starke Rückenschmerzen beschert und sie weigerte sich, einen Arzt aufzusuchen.
Der Wunsch, den dekorativen Gartenschmuck in dem eigenen Garten zu platzieren, hatte zur Folge, dass ich ihr bei fast jeder Bewegung zur Hand gehen musste. Sie sitzt das lieber in gebückter, schmerzvoller Haltung aus, als reumütig einen Arzt zu konsultieren, der ihr mit aller Wahrscheinlichkeit ins Gewissen reden würde- was meiner Schwester noch nie gefallen hat.
Das war also der Grund des Frohlockens. Ich soll meiner großen Schwester liebevoll, schwesterlich unter die Arme greifen und sie zum Arzt schleifen.
Nach drei Tagen in gekrümmter Haltung hatten wir beide die Nase voll. Sie von meiner Schwesternliebe, ich von ihrer Nörgelei. Also wurde der erste Termin bei einem Orthopäden gemacht.
Eine Woche nach Ankunft hatten wir fünf Ärzte konsultiert, um der Ursache der Rückenschmerzen auf den Grund zu gehen. Je mehr Ärzte wir aufsuchten, um so unterschiedlichere Diagnosen bekamen wir zu hören. Hier ist man sich allerdings einig, dass die Ursache nicht daran lag, dass meine Schwester ihre Muskelkraft überschätzt hatte. Denn diese Schmerzen hier raubten ihr im wahrsten Sinne des Wortes den Schlaf. Keiner konnte helfen. Somit wurden Medikamente verschrieben und Schmerzmittel mit vollen Händen ausgegeben. Der Kombination der bunten Mischung schenkt keiner der Ärzte Aufmerksamkeit.
Weihnachten und Silvester verliefen ruhig bis trostlos; beinahe langweilig, was so gar nicht zu meinen anderen Partyerfahrungen hier in Zimbabwe passte.
Der Umstand, dass Monica im Jahre 1945 geboren war, gab ihr das Recht, die Auffassung zu vertreten, sie bekäme das ALLES schon alleine hin, denn sie hat ja schließlich schon viel schwierigere Situationen bewerkstelligt als diese banalen Rückenschmerzen.
Was bei dem Rest von uns Kopfschütteln bis laute Entrüstung auslöste.
Meine Schwester hatte ihre Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit in Norddeutschland erlebt. Bis sie mit 17 Jahren nach Afrika ging, wo es ja ebenso nicht an Brandherden mangelte bis heute. Und hier, im ehemaligen Rhodesien, gab es auch den Bürgerkrieg, der 1980 in die Unabhängigkeit führte. Womit Monica wirklich einiges an Not und Furcht erlebte, aber auch Überlebenstricks lernen musste. Aber leider dadurch bedingt, oft auch von Angst geleitet wird.
Hier nun wurde dann die unbequeme Rückenlage mit der Vogel Strauß- Position ausgetauscht.
Und das Prinzip hatte sich nach jahrelanger Erfahrung scheinbar bewährt. Denn, ob es die gerade sehr persönliche in den eigenen vier Wänden ist, oder die ganz alltägliche Lage hier in Zimbabwe- hier wurde nichts hinterfragt, näher betrachtet, bestenfalls widerlegt. Hier wurde die Obrigkeit schon seit Jahren nicht in Frage gestellt- sondern kategorisch als unfähig verurteilt, oder auf den höchsten Sockel gehoben.
Dass die meisten Abgeordneten hier im hohen Alter sind und keine Schulbildung, geschweige denn, ein Studium hatten (weil es eben nicht erlaubt war zur Zeit der Rassentrennung) wird außer Acht gelassen.
Die Mehrheit, ob schwarz oder weiß, hat es nie gelernt, auf sein gutes Recht zu pochen; beziehungsweise sehen dann nur ihr eigenes Ziel vor Augen, nie das der Allgemeinheit.
Dazu kommt, dass aus blanker Angst schnell zur Tagesordnung übergegangen wurde; ungeachtet fast täglicher, zum himmelschreiender Ungerechtigkeiten, die überraschenderweise tatsächlich an die Öffentlichkeit kamen.
Aber kein Aufschrei der Entrüstung.
Mitverantwortung erkennen, oder besser noch- Verantwortung übernehmen- kam einem Kopfschuss gleich.
Dazu kam, dass es ja einfacher ist, sich hinter hohen Mauern zu verziehen. Es ging einen ja dann doch nichts an, war eine oft zu hörende Entschuldigung. Dennoch gab jeder die versteckte Frustration an die Untergebenen weiter, um sich damit aus der Verantwortung zu ziehen oder ertrank den Kummer im Alkohol.
Hinter hohen, satt grünen, hübschen Hecken oder Betonmauern, mit Stacheldraht versehen (die mich stark an die ostdeutsche Grenze erinnern), sollte man wohl den Überblick verlieren.
Aus den Augen, aus dem Sinn- funktioniert überall.
"Du kannst den Schwarzen aus dem Busch holen, aber nie den Busch aus dem Schwarzen" ist so ein bevorzugtes Zitat meiner Schwester, das Bände spricht, und für viele der einfachste Weg ist, das Dilemma hier zu erklären.
Ich dagegen habe den vollen Luxus Europas -mit allen gesellschaftlichen Vorteilen, freier Bildung, sowie neuesten technischen Errungenschaften- erfahren. Das prägt den freien Geist, genauso wie lautes Mundwerk, das schon Mal unangenehm hier auffiel.
Meine europäische Denkweise, die sich eben nicht immer mit den Gegebenheiten zufriedengibt, dazu Wege einschlägt, die hier als naiv bis dumm abgeschmettert wurden.
Seit der Unabhängigkeit in Zimbabwe sind viele Dinge anders. Vieles zum Besseren, einiges hatte sich verschlechtert. Aber so ist das eben, wenn das Kind in die Unabhängigkeit geht, nicht viel gelernt hat und erstmal alles ausprobiert. Der Moment, die Dinge in bessere Bahnen zu rücken, ist schon lange vergangen. Die einen wurden aus dem Land gejagt, die anderen sprangen mit gut gefüllten Koffern auf den letzten Zug auf.
Die Ärmsten haben aus blanker Not, nur mit den Kleidern am Leib, zu Fuß das Heimatland verlassen müssen.
Die Zurückgebliebenen hofften oder beteten, einige verzweifelten.
Weil ich eben den langen Prozess hier nicht Tag ein Tag aus miterlebt habe, sondern nur in sporadischen Abständen zweimal im Jahr, sprach meine Schwester mir gerne mal das Recht ab, meine Meinung zu äußern.
So wie ich den ersten oder zweiten Weltkrieg nicht miterlebt habe, dennoch meine Gedanken frei zum Ausdruck bringe, wo mir kein Maulkorb aufgesetzt wird.
Aber so ist meine Schwester. Sie lässt nie wirklich Menschen an dem teilhaben, was sie bewegte und will auch deshalb nicht dieser Offenheit anderer ausgesetzt sein.
Dennoch ist Monica meine einzige Schwester und ich verstehe es. Aber ob nun auf Grund ihrer bedrückenden, frühkindlichen Erfahrungen, oder, weil es eben einfacher ist, steckt sie gemeinschaftlich mit den meisten Europäern hier, den Kopf in den Sand.
Wenn man mich fragen würde, hätte ich schon diverse Vorschläge, um die gravierenden Unterschiede in den Bevölkerungsschichten wenigstens ansatzweise auszugleichen. Aber mich fragt ja keiner.
Um des lieben Frieden Willen überdenke ich meine revolutionäre Grundhaltung. Toleranz, Harmonie und Familiensinn, sowie einfach mal die Klappe halten, war dann meine Devise. Meine aufrührerische Hippie-Mentalität wurde auf Sparflamme runter gedreht.
Wir kamen den Schmerzen nicht auf den Grund.
Monica war hochgradig gereizt, hatte keine Geduld, wollte nur noch allein sein. Also stellte ich mich darauf ein, in absehbarer Zeit den Koffer zu packen.
Hier nun starrte ich auf die grau-braun-melierte Auslegeware auf dem Armaturenbrett.
Diese Verkleidung ist, so wie mir versichert wurde, eine afrikanische Tradition, die womöglich ihren Ursprung aus dem ehemaligen Rhodesien begründete. Heute leider fast in Vergessenheit geraten, wurde sie allerdings bei meiner traditionsbewussten Schwester gepflegt. Dieses dekorative Interieur beschäftigte michbesser gesagt lenkte mich einfach ab. Denn seit unserem gemeinsamen Morgen-Tee hatte ich das Gefühl, besser nichts zu sagen, denn es würde das Falsche sein.
Der Mazda 232, Baujahr 1978, in dem wir langsam dahin trotteten, hatte schon so einige Trips mit uns erlebt. So ein altes Auto sieht man heutzutage nur noch in Afrika, aber da recht häufig. Hier ist fast jeder Wagen ein Oldtimer, aber schön schrottreif. Die anderen Extreme können dann so was wie das neueste Mercedes Coupé, BMW Modell oder Hummer Straßenkreuzer sein. Es gibt nichts dazwischen.
Diesen Wagen hatte Monica Petzi getauft, so wie sie allen ihren Autos Namen gegeben hatte. Drei Autos an der Zahl, in 40 Jahren Leben auf dem heißen Kontinent. Was tatsächlich dem gleichen Verbrauch an Ehemännern entsprach. Sie hatte dreimal geheiratet, ist dazu dreimal geschieden. Tatsächlich war sie nie so lange verheiratet, wie sie ihre Autos in ausgesprochen gepflegtem Zustand, ihr eigen nannte.
Dieser sehr persönliche Bezug zwischen Auto und Fahrer, verbunden mit der Namensgebung, bekommt gerade eine ganz andere Bedeutung beim Vergleich mit ihren Ehemännern.
Dazu lag mir zwar eine Frage auf den Lippen, aber der Gedanke wird besser sofort im Keim erstickt.
Oh, warum hier Auslegeware auf dem Armaturenbrett lag? Weil bei der Hitze hier sonst die Plastikverkleidung desselbigen wegschmilzt, so wurde mir erklärt. Somit stinkt das Innere solch dekorierter Autos nun nach dem Kleber, der bei der Herstellung einer solchen Teppichmeterware zum Einsatz kommt (und sich nun bei der Hitze auflöst), anstatt des Plastikbelages darunter.
Hier lagen die Prioritäten bei den lebensnotwendigen Autos. Wobei alle zur Verfügung stehenden Mittel zum Einsatz kamen, um das Gefährt so lange wie möglich auf der Straße zu halten. Dass dabei möglicherweise die Insassen den Ausdünstungen des Lösungsmittels 12 Monate im Jahr ausgeliefert sind, wurde unter den Teppich gekehrt.
Auf dem Weg zum Busbahnhof, schwitzend, in einem schwarzen, topmodischem Adidas-Trainingsanzug, schaute ich gedankenverloren aus dem Fenster. Meine Schwester und ich schwiegen uns an. Sie wollte mich loswerden. Tatsächlich war auch ich froh, der vorangegangen Situation so zu entkommen, ohne böse Worte.
Aber ohne Worte war so gar nicht mein Stil.
Dennoch fügte ich mich, um denen das Feld zu überlassen, die sie besser kannten und ihr daher besser helfen könnten. Vorausgesetzt, sie würde die Hilfe auch annehmen. Allerdings wäre es weiß Gott nicht das erste Mal, dass ich mit der Einschätzung einer Situation völlig falsch läge. Das liegt vor allem daran, dass ich glaubte, die Menschen zu kennen. Solche, die ich lange kenne, mit denen ich das ein und andere erlebt habe; oder die obendrein mit mir verwandtschaftlich eng verbunden sind.
Aber man lernt NIE einen Menschen wirklich kennen. Selbst ich kann mich immer noch überraschen.
So zum Beispiel jetzt.
Es sind jetzt ca. 32 Grad Mittagshitze und ich machte hier auf Design- in komplett schwarzem Outfit. Tja, wer schön sein will, muss leiden. Das tat ich. Nicht nur der Hitze wegen. Auch wegen des Umstandes, dass ich hier mit farblich abgestimmten schwarz für Koffer und Reisetasche, auf reich aber verlassen tat.
Denn ich hatte mir das hier doch alles selber eingebrockt. Beziehungsweise haben mich unvorhergesehene Umstände in diese Lage am Busbahnhof gebracht und nicht wie ursprünglich geplant zum Flughafen.
In diesem Polyesteroverall der Sonderklasse klebend, wurde ich von hilfsbereiten, adretten jungen Männern freundlichst angesprochen und erfuhr die Dimension von fliegenden Bankern. Jeder wollte mein Geld haben, bzw. es mir umtauschen.
Denn der Zustand, dass ich hier mit über 3000 Rand saß, verdankte ich dem Tatbestand, dass ich wieder einmal zu gutgläubig war. Bei der Ausreise von Südafrika nach Zimbabwe war mein Visum seit drei Tagen abgelaufen. Das sollte kein Problem sein, weil man zu Weihnachten großzügig sei, so wurde mir bei der Behörde am Telefon bestätigt.
Bei mir kam diese vorweihnachtliche Stimmung nicht zum Einsatz. Wenn ich den Namen des Beamten von dem Telefonat aufgeschrieben hätte, wäre ich mit einem blauen Auge davon gekommen.
Stattdessen wurde ich zu einer 3000,- Rand Geldbuße verdonnert, als ich vor 3 Wochen Johannesburg am Flughafen in Richtung Harare verließ. Diese Summe musste ich dann bei meiner Einreise nach Südafrika bezahlen, oder ich dürfte nicht einreisen, nie wieder. Nun holte man sich hier im Jahre 2009 nicht einfach am Geldautomaten das Geld (ca. 300 $).
Es bedurfte da einiger kleiner Hilfsmittel. Aber da alle im gleichen Boot saßen, ist die Hilfsbereitschaft, gepaart mit Fantasie, geradezu grenzenlos. In meinem Falle musste das Geld buchstäblich von Südafrika nach Zimbabwe über die Grenze geschmuggelt werden. Was kein großes Vergehen war, weil es sozusagen im Fließbandverfahren passiert. Denn die Landeswährung hatte keinerlei Bedeutung mehr.
Demzufolge floriert der Börsen-Schwarzmarkt, wovon man mir mit Nachdruck abgeraten hatte. Denn keine Banknote ist anscheinend so einfach zu kopieren wie die amerikanische. Nachdem ich über diverse Kanäle das Geld hier hatte, nahm es meine Schwester in Verwahrung.
Dieser neutrale, braune Umschlag wurde mir als Wink mit dem Zaunpfahl vorgestern Abend ausgehändigt.
Sie wollte mich loswerden.
Nun, es war eben so ihre Art, unpassenden Situationen inklusive der Menschen- charmant den Weg zu weisen. Da ich sowieso zurück nach Johannesburg wollte, war das ja auch okay. Nur in Anbetracht dessen, dass hier irgendetwas im Argen lag, verursacht dann doch Sorgenfalten auf meiner Stirn. Denn ich sah, dass auch sie etwas bedrückte, als sie mich zum Abschied -ohne ein weiteres Wortnur kurz in den Arm nahm.
Wie vom Donner gerührt stand ich da, schaute ihr nach und fing augenblicklich an zu heulen, dabei wusste ich noch nicht mal genau, warum. Erschwerend kam dazu, dass man hier in der Öffentlichkeit keinen derartigen Gefühlsausbruch zeigte.
Schon gar nicht als Europäer.
Also verzog ich mich augenblicklich kopfneigend in den Busbahnhof, kaufte eine Karte und richtete mich auf drei Stunden Wartezeit bis zur Abfahrt des Busses nach Johannesburg ein.
Die gute Familie Schulz war zwar so großzügig, mir ein Rückflugticket zu kaufen, wogegen das Bodenpersonal hier in Harare noch großzügiger war -mit der Vergabe von Sitzplätzen. Das Flugzeug war hemmungslos überbucht. Was ich am Abend vor Abflug erfuhr und deshalb spontan umorganisieren musste.
So lernte ich stattdessen eine weitere architektonische Schönheit von Bahnhofshallen kennen.
Diese war ein fast vollständig gläserner Würfel von ca. 30x30x10 Metern. Zwei gegenüberliegende Wände waren vollständig verglast, was der Halle eine lichtdurchflutende, schwülstig wabbelnde, heiße Dunstwolke bescherte. Im Winter bestimmt ganz angenehm, der allerdings nur in der Nacht Einzug ins Land hält. Tagsüber werden es unangenehme 40 Grad. Jetzt im Sommer hieß das wiederum eine wahre Waschküche, angereichert mit altem Frittierfett, sowie gemixten Ausdünstungen aus einer Fisch-Fastfood-Kette, altem Kaffeegeruch, Schweiß, nebst Müllbergen im Flirren der Sonne.
Der vorherrschende, beißende Kaffeegeruch löste demnach nicht bei mir die norddeutsche Guten-Morgen-Kaffee-Laune aus. Wie ich hier in der großen Bahnhofsvorhalle, die Deckenhöhe, Reklame und andere wartende Fahrgäste beobachte- dabei abschätzend alles vergleiche mit einer Bahnhofshalle in Europamusste ich feststellen, dass das hier auch Spanien sein könnte.
Es ist voll, heiß, riecht nach Essen und schwitzenden, hereinströmenden Menschen, sowie Abgasen.
Das Afrika, das ich hier verließ, war nicht das, was ich vor fast 30 Jahren vorgefunden hatte. Es war eine gleichermaßen fast stündlich wachsende, geschäftige Unruhe; wie überall auf der Welt.
Der Verlust, der seit Urzeiten unveränderten Stille im Gleichklang mit der Natur, lebte dennoch in meiner Erinnerung. Das Schöne war, dass ich genau wusste, wo sich das alte unberührte Afrika befindet.
Hier und jetzt holte mich die Wirklichkeit ein, mit der Erkenntnis, dass durch mein Dahindösen drei Stunden wie im Flug vergingen. Schön britisch aufgereiht stand ich am Bus und zeigte mein Ticket vor, verfrachtete meinen Koffer in den Laderaum und stieg in den Bus, der wahrlich eine positive Überraschung war. Großzügig, sauber, modern- sogar mit Bordunterhaltung. "Tja, dann kann es losgehen", wird über die Lautsprecheranlage angesagt. Okay, wenn alle an Bord wären. Also warteten wir noch etwa eine Stunde in der Hitze im Bus- ohne Klimaanlage.
Eine Dame in ausgesprochen eleganter Kleidung sprach mich an und fragte, ob ich kurz ihr Gepäck beaufsichtigen würde, weil sie nach ihrem Sohn sehen wollte. Mir fiel sofort auf, dass sie ein gewinnendes Lächeln hatte, ein Kostüm der Marke Coco Chanel trug, sowie eine große Bibel unter dem Arm.
Das Lächeln und die Bibel waren echt, das Kostüm eine tolle Kopie.
Nach einer weiteren Stunde in der Sonne wurde der Motor angelassen. Der Bus war nicht voll besetzt, aber es würden noch Passagiere auf dem Weg zur Grenze aufgenommen, so wurden die Insassen im Bus informiert. Es war halb 4 und der Bus fuhr mit über drei Stunden Verspätung los. Das ganz normale Pünktlichkeitsverständnis im locker, lässig, entspannten Afrika.
Ich verabschiedete mich etwas übersentimental im Stillen von dem Straßengewirr, Staub und Menschen hier in der warmen Januarsonne.
Selbige wird hier in zwei Stunden untergehen.
Nichtsdestoweniger pulsiert hier das Geschäftsleben auf der Straße und vermittelt den Anschein, dass der Tag gerade angefangen hat. Bei einer Arbeitslosenrate von 95% fragt man sich, was hier so alles getrieben wird.
Das Verkehrsaufkommen erinnerte an Johannesburg, bzw. jede andere Großstadt. Nur eben hier mit vorwiegend TÜV-untauglichen Modellen in der langsam dahin rollenden Staukolonne, die wegen der vielen Schlaglöcher in gemütlicher Schlangenlinie stadtauswärts zog.
So schnell, wie die Sonne hier aufgeht, geht sie auch unter.
Im gleich schnellen Tempo kommt und geht das Treiben. Hier gibt es keinen schleichenden Übergang ins Nachtleben von Kneipen, Clubs oder Restaurants. Dass alles zog an mir wie ein Abspann vorbei. Fast, als ob ich wusste, dass es lange dauern würde, bis ich wiederkomme.
Nach ca. 2 Stunden Fahrt und 2 Stopps (um noch weitere Fahrgäste aufzunehmen), überlegte ich mir, mich dem Umschlag und den 3000 Rand zu widmen. Ich wollte das Geld schon längst nachgezählt haben, hatte es dann doch vergessen oder nicht gewagt, in aller Öffentlichkeit so viele Geldscheine auf meinem Schoss zu haben. Also dann hier, in der kleinen Privatsphäre hinter einer Rückenlehne und dem Fenster zugeneigt. Sehr konspirativ, aber eine Vorsichtsmaßnahme, so wie mir viele versicherten, die auch nötig ist.
Überraschung: Nachdem ich dreimal nachgezählt hatte, wird es nicht mehr. Mir fehlten 500 Rand! Ich rechnete zusammen, dass mit dem Geld, was ich noch bei mir hatte, 200 Rand fehlten, um die Erlaubnis zu erhalten, in Südafrika einzureisen. Okay, 200 Rand sind nicht viel.
Wenn man allerdings bedenkt, dass das für einige ein Wochenlohn war, oder die Gebühr für die staatliche Schule der kleinen Tochter, war es verdammt viel. Das muss ich mir hier irgendwie zusammenkratzen war mein erster Gedanke. Nun fing ich wirklich an zu schwitzen und das war nicht damit abzustellen, indem ich das Fenster öffnete oder den Reißverschluss der Trainingsjacke.
Draußen zieht, unberührt meiner aufsteigenden Panik, die wunderschöne Landschaft -in rote Sonnenuntergangsstimmung getaucht- an mir vorüber.
Meine Überlegungen reichten von einfach hier aussteigen, über irgendwie zurück nach Harare kommen und das Problem da angehen, bis laut um Hilfe zu schreien.
Das Geld muss ja schließlich irgendwie bei meiner Schwester abhanden gekommen sein, war mein zweiter Gedanke.
Nach kürzester Zeit wieder bei meiner Schwester auf der Türschwelle zu stehen, das Haupt gesenkt um Einlass zu bitten, gleichzeitig vorwurfsvoll den Verlust des Geldes anprangern, welches in ihrer Obhut lag, das würde mir teurer zu stehen kommen.
Ein entfernter, schwacher Geistesblitz offenbarte mir die Lösung. Mir fiel die gut gekleidete freundliche Christin ein.
Ohne irgendwelche weiteren Gedanken oder zurechtgelegte Wortwahl sprang ich auf und sprach sie an. Erzählte ihr die verwirrende Geschichte und sie sagte: "Ja! Kein Problem. Ich gebe Ihnen das Geld." Ich versichere ihr, dass sie es sofort in Johannesburg am Busbahnhof wieder bekommen würde, weil ich dort abgeholt werde. Sie machte sich deshalb keine Sorgen und versicherte mir ihre Hilfe.
Was für eine Last mir da von den Schultern fiel, überraschte selbst mich. Schließlich landete ich ja nicht hinter Gittern, wenn ich schlimmsten Falles- nicht genug Geld hätte.
Entspannter fing ich an mich dem Gedanken zu widmen, wie das Geld wohl den Weg aus dem Umschlag gefunden hatte. Denn das Versteck, was meine Schwester in ihrem Schrank eingebaut hatte, war James Bond Qualität. Leider konnte ich das Rätsel von hier im Bus nicht lösen.
Da mein Handy kaum noch Guthaben aufweiste, und ich das wenige lieber für echte Notfälle aufheben wollte, ersparte ich mir ein Telefonat mit Monica, in dem mit wenig Worten so viel gesagt würde, dass ich mich dann doch -wie immer hinterher- schuldig fühlen würde. Klar ist es meine Schuld, dass es überhaupt dazu kam, so viel Geld bar im Haus zu haben, wäre ihre Argumentation.
Die weiteren vier Stunden sollten im Dämmerschlafzustand locker an mir vorbei ziehen. Da ich außer geistiger Nahrung -in Form eines Buches- nichts Weiteres zur Beköstigung bei mir hatte, versuchte ich mich an der Lektüre aus dem Leben einer englischen Frau aus dem 20. Jahrhundert, die unfreiwillig eine Zeitreise in das schottische Hochland des 15. Jahrhunderts unternimmt.
Die anderen Fahrgäste hatten sich wohlweislich aus Erfahrung besser eingerichtet mit Fresspaketen, Wasser oder Saftflaschen, sowie einem nicht enden wollenden Repertoire an Gesprächsstoff.
Mein Engel liest in ihrer Lektüre, die mir so gar nicht liegt. Der Rest ist entweder mit Kopfhörern bestückt oder schläft.
Ich wachte mitten in der Nacht auf als wir uns ungefähr 20 Minuten vor der Grenzebefanden. Der Bus hielt das letzte Mal vor der Grenze an einer Tankstelle zum Austreten. Letzte Toilette vor Südafrika. Beine vertreten war nicht nötig, weil wir gleich an der Grenze- schön britisch aufgereiht- ein bis zwei Stunden anstehen dürften.
Zimbabwe Austritt, Südafrika Eintritt- konnte dauern bei dem Zulauf, den das Land damals erlebte. Ich bereitete mich schon mal gedanklich auf 4-6 Stunden vor. Das tat ich immer und stellte mir sozusagen das Schlimmste vor, welches dann nicht passiert.
Weil nichts im Leben so passiert wie man es sich zusammenphantasiert.
Die Ausreise geht ausgesprochen schnell vonstatten. Fühlt sich an, als ob man uns los werden will.
Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man nicht so? Aber Leid ist doch sehr persönlich und wird eben nicht so geteilt wie Freud. Und was einige hier in der Warteschlange durchgemacht hatten, ist kaum vorstellbar, geschweige denn teilbar. Es ist den Schwarzen auch viel zu peinlich, darüber zu reden, aber ich konnte durch die Narben an Armen und Gesichtern erkennen, dass hier Opferbereitschaft kein bloßes Wort war.
Nach der ersten Prozedur begaben wir uns nun auf dem Fußweg zur südafrikanischen Bürokratie-Front. In der Schlange stehend kam ich mit meinem Engel Linda ins Gespräch. Ihr Sohn war etwas jünger als meiner, aber genauso desinteressiert an 2 Müttern und deren Unterhaltung. Er fixierte sein Handy und wurde vom weitem www. verschluckt.
Ich bekam die fehlenden 200 Rand bzw. in diesem Fall US$ 20 ausgehändigt und versicherte Linda nochmals meine prompte Rückzahlung am nächsten Morgen in Johannesburg.
Das Warten zehrte an der Standfestigkeit meiner Beine. Der Straßenrand machte mir keine Angst, also gesellte ich mich zu der Bordsteinkante und versuchte per SMS meinem Mitbewohner in Johannesburg mitzuteilen, wie die Lage war. Erwartungsgemäß kein Empfang, was mit stoischer Gelassenheit aufgenommen wurde, denn ich hatte noch genug Zeit, Peter vom Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen. Dennoch wollte ich sicherstellen, dass er auch mit Geld am Busbahnhof stehen würde, da er ständig in Geldnot war- trotz eines gut bezahlten Jobs. Denn er frönt einem ungewöhnlichen Hobby. Ein Militär-Geländewagen, dessen Unterhalt ihn so viel kostet wie das Dach über dem Kopf nebst Nebenkosten.
Nach zweieinhalb Stunden in der Schlange durfte ich an den Schalter. Da ich bei der Ausreise am Flughafen in Johannesburg ein Dokument bekommen hatte, das mich als jemand auswies, der ohne die Zahlung von 3000,- Rand keine nächste Einreise bekäme, wurde ich sogleich an den Abteilungsleiter dieser Grenzbehörde verwiesen. Dieser ließ aber auf sich warten. Nach weiteren 30 Minuten des Wartens bekam ich mitgeteilt, dass ich NUR in Rand bezahlen kann.
,Keine Fremdwährung‘, bekam ich in militärischem Befehlston ausgerichtet, von einem Mann, der in seinen besten Jahren mit tiefer Aufopferung auf Robin Island gearbeitet haben musste.
Wo ich jetzt US Dollar in Südafrikanische Rand tauschen könnte- mitten in der Nacht an der Grenze- war mir ein Rätsel. Welches wiederum gelöst werden könnte, erfuhr ich fast augenblicklich durch eine sehr freundliche Grenzbeamtin, die mich mit aufmunterndem Augenaufschlag nebst Kopfnicken an einen Busfahrer verwies.
Das wurde leider genauso schnell als Falschmeldung abgehakt.
Mein Gegenüber, der Abteilungsleiter, ist der buchstäbliche "Schwarze Peter" in weiß. Ein Bure, wie er im Buche steht. Groß, kurzgeschoren, genetisch unfreundlich, Respekt bis Furcht einflößend durch aufgebügelte, aggressive Grundhaltung.
Und ich hatte ihn aus seiner ruhigen Nachtschicht geweckt.
