Taterndorf - Johanna Marie Jakob - E-Book

Taterndorf E-Book

Johanna Marie Jakob

0,0

Beschreibung

Preußen 1831: Wilhelm Blankenburg ist voller Enthusiasmus, als ihn der Naumburger Missionsverein mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betraut: In dem Provinzdorf Friedrichslohra soll er einen Sinti-Stamm aus bitterer Armut führen, ansiedeln und die Kinder unterrichten. Er trifft mit seiner jungen Frau Magdalena auf ein kleines, lebenslustiges Volk, mittellos, verachtet und ausgenutzt von den Einheimischen. Das Dorf ist gespalten vom Gegensatz zweier Konfessionen, die Weber und Wollspinner fristen selbst ein karges Dasein. Die beiden Missionare gewinnen das Vertrauen der "Tatern", bauen für sie eine Schule und ein Wohnhaus. Doch die Dörfler sind missgünstig und als Magdalena am Sinn ihrer Aufgabe zu zweifeln beginnt, droht nicht nur die Mission zu scheitern, sondern auch ihre Ehe … Der historische Roman über die Zwangsansiedlung eines Sinti-Stammes in und das Nebeneinander zweier Religionen beruht auf sorgfältig recherchierten Tatsachen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 579

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Johanna Marie Jakob

Taterndorf

Roman über die Zwangsansiedlung eines Sintistammes

 

 

 

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

1. Ankunft

2. Vertrauen

3. Fortschritte

4. Probleme

5. Zweifel

6. Hoffnung

7. Fehler

8. Atempause

9. Wende

Impressum

Vorwort

Nikolaus Lenau

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal

liegen an einer Weide,

als mein Fuhrwerk mit müder Qual

schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein

in den Händen die Fiedel,

spielte, umglüht vom Abendschein,

sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,

blickte nach seinem Rauche,

froh, als ob er vom Erdenrund

nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,

und sein Zimbal am Baum hing,

über die Saiten der Windhauch lief,

über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei

Löcher und bunte Flicken,

aber sie boten trotzig frei

Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,

wenn das Leben uns nachtet,

wie man‘s verraucht, verschläft, vergeigt

und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun

mußt ich im Weiterfahren,

nach den Gesichtern dunkelbraun,

den schwarzlockigen Haaren.

An die Gesellschaft zur Beförderung der evangelischen Missionen unter den Heiden

Berlin NO 43

Georgenkirchstraße 70

Berlin, den 12ten Dezember 1827

Sehr geehrter Herr Direktor Wolfenhagen,

1. Ankunft

Oh, das stört nicht meine Ruh,

wär ich Herr, doch wozu?

Wenn ich kein Zigeuner blieb,

hätt mich dann mein Liebchen lieb?

(Zigeunerreim)

Ohne Unterlass trommelte der Regen auf das Dach der Kutsche. Magdalena blickte seit Stunden immer wieder besorgt nach oben, als erwarte sie, dass die ersten Tropfen durch den mit dunklem Stoff bespannten Himmel sickerten. Wilhelm hatte es längst aufgegeben, sie zu beruhigen. Er wandte den Blick vom tropfenverhangenen Fenster ab. Der Ausblick stimmte ohnehin schwermütig, da das graue Licht des Tages wie Blei auf abgeernteten Feldern und gelbbraunen Wiesen lag. Er musterte seine junge Frau unauffällig. Sie war bleich, die beschwerliche Fahrt bekam ihr nicht. Schützend lag ihre Hand auf ihrem Bauch. Hatte er ihr zu viel zugemutet? Die lange Reise auf schlechten Wegen, fremde Menschen dicht neben ihr in einer unbequemen Kutsche und als Ziel dieses unbekannte Dorf weitab von ihrer Heimat.

„Es kann nicht mehr weit sein“, sagte er halblaut, bemüht, das Rauschen des Regens und das Knarren der gequälten Achsen zu übertönen, ohne dabei die beiden Mitreisenden zu wecken.

Sie lächelte dankbar und deutete mit dem Kinn auf die Männer. „Ich muss mir immerzu vorstellen, wie es wäre, wenn ihnen die Köpfe abfielen!“, flüsterte sie.

Die zwei Handelsleute aus Sondershausen waren trotz des starken Schaukelns auf den miserablen Straßen der preußischen Provinz eingeschlafen. Ihre Schädel wackelten im Takt der Schlaglöcher.

Wilhelm grinste. Wenn Lenchen ihren Humor nicht verloren hatte, konnte es so schlimm nicht sein. Er fasste nach ihrer Hand, die auf den zerschlissenen Polstern lag.

Das Unglück kam, nicht wie erwartet, in Form von Wasser durch das Dach, sondern als gewöhnlicher Karossenschaden. Ein harter Schlag fuhr in das Gefährt, es neigte sich bedrohlich zur rechten Seite. Die beiden Handelsreisenden rutschten von der Bank, wobei der eine mit dem Kopf in Magdalenas Schoß landete, während der andere sich reflexartig auf Wilhelms Knie abstützte. Ein erstickter Schrei ging unter im lauten Fluchen des Kutschers und im erschrockenen Wiehern der Pferde.

Ein weiterer Ruck und der Wagen stand, wenn auch mit Schlagseite. Wilhelms Gegenüber rappelte sich auf, entschuldigte sich schlaftrunken und öffnete die Tür. Der andere Händler suchte mit hochrotem Kopf nach seinem Hut. Wilhelm sprang hinaus in den Regen. Die Gäule tänzelten nervös und verdrehten schnaubend die Hälse. Der Kutscher redete ihnen beruhigend zu, während er die Zügel am Kutschbock festband. Gewandt kletterte er herunter und beugte sich unter die schiefhängende Karosse.

„Was ist passiert?“, fragte Wilhelm.

„Ein Splint an der Aufhängung!“ Der Mann fluchte halblaut und schob seinen Regenhut in den Nacken. „Zum Glück ist es nicht die Achse. Wenn wir im nächsten Dorf einen Stellmacher finden, ist der Schaden schnell behoben!“

„Im nächsten Dorf?“

„Ja, wir sind kurz vor der Station Elende. Ich spanne ein Pferd aus und reite hin. In einer halben Stunde kann ich wieder hier sein.“

„Wie weit ist es noch bis Friedrichslohra?“

„Ein bis zwei Meilen, schätze ich. Es liegt am Berghang oberhalb von Elende. Aber bei dem Wetter und mit Ihrem Gepäck rate ich von einem Fußmarsch ab. Schon gar nicht in dieses Dorf.“ Der Mann begann, das vordere Kutschpferd abzuschirren.

Bereits beim Einsteigen in Sangerhausen hatte der Kutscher ihn neugierig gemustert, als Wilhelm sein Reiseziel nannte.

„Was ist mit diesem Dorf?“

Der Mann antwortete nicht, das rechte Pferd drängte sich unruhig gegen ihn, als er versuchte, es auszuschirren. „Ruhig, Mose, ruhig. Alles in Ordnung.“

Magdalena steckte den Kopf aus der Tür. „Wie lange wird es dauern?“ Ihre müden Augen flehten, er überlegte, wie er ihr sagen konnte, dass sie in dieser Schieflage ausharren mussten, bis sich ein Handwerker gefunden hatte.

Einer der Händler antwortete ihr: „Geduld, gnädige Frau. Der Kutscher reitet los, jemanden aus dem Dorf zu holen.“ An Wilhelm gewandt, fuhr er fort: „Wir sollten uns ins Trockene setzen, mein Herr. Eine Erkältung ist sicher das Letzte, was wir von dieser Reise mitbringen wollen.“

Schwere Hufschläge verklangen im nahen Wald. Das zurückgebliebene Pferd wieherte verstört und versuchte zu folgen. Ein kräftiger Ruck ging durch das Gefährt.

„Brrr!“, rief Wilhelm. „Steigen Sie ruhig ein, ich gehe mal nach den Zügeln sehen.“

Während er die Bremsen und Leinen überprüfte und dem braunen Hengst den Hals klopfte, vernahm er erneut Hufgetrappel, doch kamen die Geräusche aus der anderen Richtung. Eine leichte Anhöhe, die sie kurz vor ihrem Unglück überwunden hatten, versperrte die Sicht. Er kletterte auf den Kutschbock, was die instabile Karosse gehörig ins Schwanken brachte.

„Wilhelm, was tust du?“, hörte er Magdalena ängstlich rufen.

Von seinem Standpunkt aus konnte er den Weg besser einsehen. Was er erblickte, ließ ihn die Stirn runzeln. Über dem nahen Horizont schwankten bunte Stoffe im Regen, deren Farben sich gegen den tristen Herbsttag behaupteten. Sie wuchsen aus dem Nebelgrau des Tages heraus, wurden größer und farbenprächtiger. Gleichzeitig schwoll das Geräusch klopfender Hufe und knarrender Deichseln zu einer solchen Stärke an, dass selbst in der Kutsche das Regenprasseln übertönt wurde, denn er hörte Magdalena erneut rufen: „Wilhelm, was ist das?“

Er hielt die Hand über die Augen, um das Wasser abzuhalten. Im selben Moment hob sich der erste bunte Stofffetzen vollends über den Wegkamm und wurde zur Plane eines von stämmigen Pferdchen gezogenen Wagens. Wilhelm musste lachen.

„Zigeuner! Es sind Zigeunerwagen“, rief er in die Kutsche hinunter.

Während er hinabkletterte, schwang die Tür auf und Magdalena sprang heraus, die Augen erwartungsvoll aufgerissen. Aus dem Dunkel des Wagens hörte er den Händler: „Seien Sie vernünftig, gnädige Frau. Sie werden sich den Tod holen, da draußen!“

„Er hat recht. Du wirst nass und verdirbst dir die Schuhe“, ermahnte er sie.

„Aber Wilhelm, Zigeuner! Sind wir nicht ihretwegen hierhergekommen?“

„Nun ja, vielleicht nicht gerade wegen denen dort“, murmelte er und starrte dem bunten Gewirr von Stoffen, zottigen Pferdemähnen und dunklen Gesichtern entgegen. Er griff in die Kutsche und zog eine Decke heraus, die er seiner Frau um die Schultern legte.

Als der erste Wagen heran war, rief der bärtige Mann auf dem Kutschbock ein lautes Kommando nach hinten und sprang herunter. Aus dem Wageninneren griff eine schmale Hand nach den Zügeln. An ihrem Gelenk klimperte eine Unzahl von glänzenden Armreifen. Sie gehörten einer jungen Frau mit einem roten Kopftuch, die behände auf den frei gewordenen Platz kletterte. Ihre Haut war dunkel wie Schokolade. Kohlenschwarze Augen musterten ihn ohne Scheu. In ihren Ohren baumelten goldene Scheiben, die auch in großer Menge an einer Schnur um ihren Hals hingen. Das Verwunderlichste an ihr aber war die kurze krumme Pfeife, die ihr im Mundwinkel hing und auf der sie unablässig kaute. Als sie sich nach vorn beugte, um die Zügel zu lockern, öffnete sich ihre nur liederlich um die Schultern gezurrte Bluse noch weiter und Wilhelm fühlte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg. Er wandte sich abrupt ab. Vor ihm stand der Mann, der eben vom Kutschbock gesprungen war. Er war groß und schlank, seine Haut glänzte dunkel. Volles Haar lugte unter einem kecken Filzhut hervor, an dem eine Pfauenfeder steckte. Ein schwarzer Bart ließ ihn wahrscheinlich älter aussehen, aber er mochte etwa in Wilhelms Alter sein.

„Brauchst du Hilfe, Herr? Was ist mit deinem Wagen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, beugte sich der Zigeuner unter die Kutsche.

„Das ist nicht mein Wagen!“, sagte Wilhelm in Richtung der schiefen Achse, unter der der Mann verschwunden war. „Der Kutscher ist losgeritten, um einen Stellmacher zu holen.“

Magdalena zog an seinem Ärmel. „Frag sie, ob sie aus Friedrichslohra sind.“

„Warum?“

„Sie könnten uns mitnehmen.“

„Was?“ Sein Blick glitt über die abenteuerlich aussehenden Wagen und die ausgemergelten kleinen Pferde, die langsam an ihnen vorüberzogen. Dunkle Gestalten lugten neugierig hinter bunten Planen hervor, ein paar Kinder sprangen nackt durch den Regen, verfolgt von einer Meute graubrauner Hunde.

„Warum nicht? Wozu hier im Regen stehen und warten?“ Magdalena zerrte bereits ihren Proviantkorb aus der Kutsche.

Im Nu war sie von einem Dutzend Kindern umringt, die angesichts des Korbes sofort ihre schmutzigen kleinen Hände ausstreckten. „Bitte, Frau! Hast du Brot für uns? Bitte, Frau!“

„Da hast du es“, wollte Wilhelm sagen, doch beim Anblick der mageren Körper, die trotz des nasskalten Wetters gar nicht oder nur sehr dürftig bekleidet waren, verschlug es ihm die Sprache. Die Jungen trugen entweder ein Hemd oder eine zerlumpte Hose, so als ob sich mehrere von ihnen die Kleidung eines Kindes teilen mussten. Die Mädchen hatten meist gar nichts an, nur die größeren steckten in schmutzigen und fadenscheinigen Kittelchen. Dafür trug jedes mindestens ein Schmuckstück, sei es ein Reif um das Fuß- oder Handgelenk, große runde Ohrringe oder klimpernde Halsketten. Fast alle waren dünn und schoben aufgetriebene Bäuche vor sich her, die Krätze oder Flöhe hatten ihre Haut in den Kniekehlen und an den Armen beinahe aufgefressen. Eine scharfe Stimme rief etwas, dass Wilhelm nicht verstand und die Kinder stoben auseinander.

Der Zigeuner trat neben Magdalena und sagte zu Wilhelm: „Du hattest recht, Herr. Hier kann man nichts tun. Ein Splint muss her.“ Er verbeugte sich leicht vor Magdalena, wobei er eine Hand galant auf den Rücken legte und mit der anderen den Hut lüpfte. „Gnädige Frau, gestatten: Christoph Weiß, Musiker. Ich hörte, Sie reisen nach Friedrichslohra. Das ist auch unser Ziel. Wenn Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorliebnehmen wollen?“

Magdalenas Gesichtsausdruck hatte in den letzten Momenten so oft gewechselt wie das Wetter im April. Nach dem Entsetzen über den armseligen Anblick der Kinder glitten Neugier und Abenteuerlust über ihre Züge, zuletzt sogar etwas Koketterie. Bevor Wilhelm Einwände erheben konnte, schenkte sie dem Mann, dessen Gesicht inzwischen fast ihre Füße berührte, ein strahlendes Lächeln und nickte, ohne zu bedenken, dass der das nicht sehen konnte.

„Wir haben eine Menge Gepäck, und außerdem müsste der Kutscher bald zurück sein“, sagte Wilhelm halbherzig.

Der Zigeuner hob den Kopf und blickte direkt in Magdalenas Gesicht, auf dem die Freude gerade von Enttäuschung, oder war es Zorn? – abgelöst wurde.

„Aber Herr, wir haben Platz auf unseren Wagen, nimm das Angebot ruhig an. Schau, wie nass und frierend die gnädige Frau hier im Regen steht!“ Der Mann hob den Arm und setzte den Hut leicht schräg auf seine drahtigen Locken. Der weite Ärmel seines weißen Hemdes bauschte sich im Wind. Er griff dem gerade vorbeiziehenden Pferd rüde ins Geschirr und der Wagen kam neben ihnen zum Stehen. Mit dem Kutscher, einem ebenfalls bärtigen Mann in einer bunten Fellweste, wechselte er ein paar schnell gesprochene Sätze in ihrer Sprache. Sofort sprangen zwei Frauen unter der Stoffplane hervor und rafften ihre weiten Röcke über dem nassen Boden. Ihre nackten Füße versanken im Schlamm des aufgeweichten Weges.

„Wo ist euer Gepäck, Herr?“, fragte eine von ihnen.

Wilhelm seufzte ergeben und deutete zur Rückwand der Postkutsche, an der zwei Kisten und ein Koffer fest verschnürt waren. „Das ist alles unseres.“

Ohne lange zu überlegen, begannen die Frauen, die Seile zu lösen.

Magdalena stieß einen kleinen Freudenschrei aus und wandte sich den Herren in der Kutsche zu. „Wir reisen mit den Zigeunern. Ich wünsche Ihnen eine baldige Weiterfahrt und alles Gute.“

Wilhelm verstand nicht, was sie ihr zur Antwort gaben, doch der Ältere beugte sich aus dem Fenster und winkte ihn zu sich heran. „Ich hoffe, Sie wissen, was Sie da tun“, sagte er mit gefurchter Stirn. „Lassen Sie Ihre Koffer keinen Moment aus den Augen!“

Trotz aller Zweifel an der Richtigkeit seines Handelns war Wilhelm doch froh, als er endlich ins trockene Innere des Planwagens klettern konnte. Sein Mantel war inzwischen nass und schwer und das Regenwasser war ihm zum Kragen hineingelaufen. Fröstelnd sah er sich um. Das Wageninnere war geräumiger als es von außen schien. Dicke Felle polsterten die Sitzbänke aus, darunter standen Kisten und Truhen, allerlei Hausrat baumelte von den wie Rippenbögen aufragenden Hölzern, die der Plane über seinem Kopf Halt gaben. Direkt hinter dem Kutschbock waren mehrere kleine Fässer festgezurrt, an denen Becher und Schöpfkellen hingen. Magdalena rückte dicht an ihn heran und lächelte zufrieden.

„Möchtest du zu trinken, Herr?“, fragte eine rauchige Stimme aus dem Dämmerlicht des Wagens.

„Ja, bitte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Mehrstimmiges Kichern kam als Antwort, doch seine Augen hatten sich noch nicht an die Dämmerung gewöhnt, und er konnte nicht erkennen, wer außer ihnen im Wagen saß. Er hörte Holz auf Holz schaben, ein Plätschern, dann wurde ihm ein Becher gereicht. Die Hand vor seinem Gesicht war runzlig und so dunkel wie die eines Kaminfegers. Ein Dutzend glänzender Ringe klimperte um das Gelenk. „Nimm!“

Während er zugriff, fasste die Hand nach seiner Linken und öffnete sie. Erschrocken wollte er sie zurückziehen, doch die rauchige Stimme beruhigte ihn: „Keine Angst Herr, ich will nur dein Schicksal sehen. Trink und gib auch deiner Frau davon.“

Ein Finger, so knorrig wie der Ast eines alten Fliederbaumes, strich über die Innenfläche seiner Hand. Es kitzelte leicht und war seltsam angenehm. Aus lauter Verlegenheit hob er den Becher an die Lippen und trank. Er hatte angenommen, sie würden ihm Wasser geben, und nahm deshalb einen herzhaften Schluck. Zu spät spürte er den scharfen Geruch, der wie eine Glocke über dem Gefäß hing und ihm beißend in die Nase stieg. Die Flüssigkeit fuhr wie eine Stichflamme die Kehle hinunter und trieb ihm augenblicklich die Tränen in die Augen. Er keuchte, würgte und hustete.

„Was ist?“, fragte Magdalena besorgt. Im Hintergrund erklang wieder dieses Kichern. Verflixt noch mal, jetzt stand ihm auch noch das Wasser in den Augen.

„Was haben Sie mir da gegeben?“

Magdalena fasste nach dem Becher und schnupperte. „Schnaps. Ziemlich hochprozentig, so wie der riecht.“

„Der vertreibt die Kälte aus den Knochen“, sagte die alte Frau. Dann griff sie nach Wilhelms rechter Hand. Wieder fuhr der dunkle Finger die Linien ab. Sie murmelte etwas, ihre Stimme klang plötzlich belegt. Aus dem Wageninneren kam eine schnelle Frage, sie antwortete leise.

„Was sagt sie?“, fragte Magdalena neugierig an Wilhelms Ohr.

„Ich verstehe sie nicht, sie spricht in ihrer Sprache.“

„Wir werden diese Sprache lernen müssen.“

Er nickte nachdenklich.

Magdalena beugte sich vor. „Was sehen Sie in seiner Hand?“

Die Zigeunerin blickte auf. Zum ersten Mal traf das Licht, das von hinten in den Wagen fiel, ihr Gesicht. Sie musste steinalt sein. Ihre Haut war dunkelbraun wie zu lange gebackenes Brot und von tiefen Runzeln durchzogen. Unter tief hängenden Lidern waren keine Augäpfel zu erkennen. Zwischen den eingefallenen Lippen klebte eine kurze, erloschene Pfeife, die sich auf und ab bewegte wie der Schwengel einer Pumpe. Schwere Silberringe baumelten auf ihren Schultern, sie hatten die Ohrläppchen zu langen Hautstreifen gedehnt. „Ich sehe seltsame Dinge. Ein gutes Herz, aber einen schwachen Mann. Ich sehe Freud und Leid für uns aus deinem Schicksal erwachsen.“

Er zog seine Hand weg und steckte sie in die feuchte Manteltasche. Im vorderen Teil des Wagens tuschelte jemand aufgeregt. Wilhelm erkannte jetzt zwei Frauen mit langen schwarzen Zöpfen und einige nackte Kinder, die ihn anstarrten.

Magdalena gab ihm den Becher mit dem Schnaps zurück und streckte der Frau ihre Hand entgegen. „Sagen Sie mir, was Sie in meiner Hand sehen.“

Die Alte mümmelte an der kalten Pfeife und beugte sich über Magdalenas Handfläche. Wilhelm wurde bange, er war in Versuchung, die dunklen Finger wegzuschlagen, weg von der kleinen weißen Hand seines Lenchens.

„Ich sehe ein gutes Herz und Kinder, viele Kinder.“

Magdalena lachte und klopfte sich sacht auf den Bauch. „Ja, das wird stimmen.“

Die Alte hob den Kopf. Unter den faltigen Lidern blitzten für einen Moment Augen wie feuchte Kohlenstücke hervor. „Fremde Kinder, unglückliche Kinder!“

„Jetzt ist es genug mit dem Firlefanz!“ Besorgt sah Wilhelm in Magdalenas erschrockenes Gesicht. Er schob die Hand der Alten weg und nahm noch einen Schluck aus dem Becher. Jetzt, wo er darauf vorbereitet war, schmeckte das Zeug gar nicht so schlecht. Und warm wurde ihm, warm und wohlig. „Komm trink auch etwas. Das wärmt schön.“

Magdalena nippte ein wenig und schüttelte sich. „Brrr!“

„Ist guter Schnaps“, sagte die Alte, „der alte Löschhorn macht den besten Schnaps weit und breit.“

„Löschhorn?“, fragte Magdalena und rang nach Atem.

„Mein Mann, derbulibasha“, verkündete die Alte stolz.

Sie verstand nicht, was die Frau meinte, aber sie nickte.

Der Wagen ruckelte eine lange Steigung hinauf. Die beiden jungen Frauen und die Kinder sprangen hinaus in den Regen, griffen in die Speichen und halfen dem keuchenden Pferd. Wilhelms Körper neben Magdalena wurde schwer, sein Kopf sank auf ihre Schulter. Er war eingeschlafen.

„Sehr guter Schnaps“, sagte Magdalena und die Alte lachte und zeigte ihren zahnlosen Kiefer.

Nach einer Weile drohten auch Magdalenas Augen zuzufallen, als die Alte sie an der Schulter fasste und vorn aus dem Wagen wies. Sie hielten an einer Wegscheide, links von ihnen streckte sich eine Häusergruppe an einem Bergrücken entlang wie ein sich rekelnder Kater. Erstaunt beugte sie sich nach vorn. Ein solch ordentlich angelegtes Dorf hatte sie noch nie gesehen. Die Gebäude reihten sich beidseitig des Weges, der weiter den Berg hinaufführte. Sie sahen alle gleich aus, wie die Holzquader aus einem Baukasten. Rote Ziegeldächer, darunter Fachwerk, zwei Fenster nach vorn zur Straße, zwischen den Häusern je ein Tor, durch das höchstens ein Ziegenfuhrwerk passte. Aus den parallel aufragenden Schornsteinen drängte heller Rauch dem Regen entgegen.

„Ist das Friedrichslohra?“

Die Alte nickte. „Die Leute hier nennen es das Neue Dorf. Sie benutzen den anderen Namen nicht.“

Magdalena rüttelte Wilhelm an der Schulter wach. „Schau, unser Dorf!“

Er blinzelte, sein Atem roch nach Schnaps.

Die Wagen vor ihnen bogen vom Weg ab. Christoph Weiß steckte den Kopf in den Wagen. „Ihr müsst jetzt aussteigen. Meine Brüder werden euer Gepäck tragen.“

Wilhelm taumelte, als er nach einem gewagten Sprung vom Wagen auf dem schlammigen Wegrand landete. Er half Magdalena herunter, die sich winkend von der alten Frau verabschiedete. Sie zog ihr Kopftuch fester, der Regen hatte nicht nachgelassen. Vier halbwüchsige Jungen standen barfuß am Weg und sahen ihnen abwartend entgegen. Aus ihren schwarzen Locken tropfte das Wasser. Wilhelm erinnerte sich plötzlich an die Warnung der Handelsreisenden und musterte hastig die Gepäckstücke. Zwei Kisten, ein Koffer, es schien nichts zu fehlen.

„Wohin wollt ihr?“, fragte der größere der Jungen in klarem Deutsch.

„Zum Pfarrhaus!“

Sie griffen nach dem Gepäck und setzten sich in Bewegung. Magdalena und Wilhelm hatten Mühe, ihnen zu folgen. Als Magdalena über die Schulter zurückblickte, schwankte gerade der letzte bunte Planwagen den Feldweg entlang und verschwand hinter einer Reihe von Weißdornbüschen.

Nach wenigen Minuten erreichten sie die schnurgerade Dorfstraße. Es ging bergauf, was die schwer schleppenden Zigeunerjungen nicht bremste. Sie trugen die Kisten zwischen sich und nahmen die gesamte Straßenbreite ein.

Die kleinen Häuser blickten mit hohläugigen Gesichtern auf die Neuankömmlinge. Die Fachwerke waren schlicht und solide, aber ohne besondere Kunst angelegt, das Mauerwerk dazwischen war grob verputzt und an einigen Hausfronten frisch gekalkt. Vor einem auffallend schäbigen Haus setzten die Jungen das Gepäck ab und klopften an ein Fenster. Die Fassade war grau, von den Fachwerkbalken blätterte die Farbe. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, den Straßenschlamm vom Sockel abzuwaschen. Einer der Träger rief etwas und lachte. Dann zeigte er auf sie. Hinter der Fensterscheibe drängten sich mehrere dunkle Schöpfe, schwarze Augen starrten Wilhelm und seine Frau neugierig an.

„Hier wohnen Zigeuner“, flüsterte Magdalena, als fürchte sie, die Häuser hätten Ohren.

Wilhelm nickte. „Der Herr Gerichtsrat Göschel meinte, dass die Familien sich für den Winter bei den Dorfbewohnern einmieten.“

Sie waren auf einer Hochfläche angelangt, wo sich die Straße zu einem Dorfanger weitete, bevor sie an dessen Ende erneut leicht anstieg. Rechts von ihnen stand ein etwas größeres Haus mit einer breiten Eingangstür in der Mitte. Eine Mauer aus großen, glatt behauenen Kalksteinen stützte den Sockel. Wilhelm kletterte hinauf und schaute durch ein Fenster.

„Eine Schule!“, rief er begeistert.

„Was tust du da?“, fragte Magdalena und sah sich beschämt um. „Du kannst doch nicht einfach …“

„Hab ich doch gleich gesehen, dass das kein Wohnhaus ist“, beschwichtigte er und sprang von der Mauer.

„Aber der Lehrer wohnt doch sicher hier?“, fragte Magdalena.

Neben dem Schulhaus öffnete sich ein leicht ansteigender Platz mit einem kreisrund ummauerten Brunnen, dahinter duckte sich eine schäbige Kirche aus groben Feldsteinen an den Berg. Zwei Fensterscheiben fehlten, die Löcher waren provisorisch mit Werg oder Hanf zugestopft. Der runde Dachreiter hatte dem Gewicht der Glocke anscheinend nicht mehr standgehalten und war halb eingestürzt. Die Glocke lag seitlich auf dem First, verkeilt in zerbrochenen Ziegeln und gesplitterten Holzbalken. Eine mit grüner Patina überzogene Wetterfahne baumelte über dem Fiasko und zeigte anklagend nach unten.

Gegenüber fiel der Anger steil ab und endete an einem größeren Fachwerkhaus, über dessen Eingang ein Wirtshausschild im Wind schaukelte. Das Nebengebäude, wohl das Backhaus, wurde von einem turmhohen Schornstein überragt.

Die Zigeunerjungen bogen nach rechts ab und steuerten ein Haus an, das halb hinter der Kirche versteckt lag und aus den gleichen Kalksteinen errichtet war. Es befand sich in einem ähnlich schlechten Zustand wie die Kirche. Zwei Fenster schienen neu, allen anderen und der Haustür fehlte die Farbe, die Gartentür hing schief in den Angeln und quietschte erbärmlich. Aus der Dachtraufe lief das Regenwasser in mehreren dünnen Rinnsalen in den Vorgarten, an der Giebelseite waren einige Fachwerke bereits herausgefallen, und mit Lumpen zugestopft.

Das Pfarramt, dachte Wilhelm. Er hatte plötzlich ein komisches Gefühl, doch bevor er darüber nachdenken konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Die wacklige Tür des Hauses sprang auf und ein kleiner dicker Mann in einem Anzug, der ihm schon längst zu eng geworden war, schoss heraus wie eine Kanonenkugel. Seine Jacke stand weit offen, die Hose wurde von derben Hosenträgern gehalten, es schien, dass der Hosenbund diese Aufgabe nicht mehr leisten konnte. Eben dieser wurde von einem überquellenden Bauch verdeckt, über dem sich die Falten eines schmutzigen Leinenhemdes bauschten.

„Was wollt ihr schon wieder, Diebespack? In meinen Vorgarten scheißen, was?“, schrie der Mann und lief mit erstaunlicher Schnelligkeit auf die Jungen zu. „Verschwindet!“

Die Jungen stellten seelenruhig Kisten und Koffer ab und wichen dem Hin und Her springenden Sonderling aus, als würden sie das alle Tage tun. „Was ist das für Zeug? Etwa Diebesbeute? Was wollt ihr damit bei mir?“ Er bückte sich und griff sich ein paar Steine. Nun erst drehten sich die Jungen um und stoben in verschiedene Richtungen davon. Das Gepäck stand verlassen im Regen.

Wilhelm und Magdalena waren mit wenigen Schritten heran. Magdalena stellte sich schnaufend vor den Koffer und sah sich ratlos um. Der Dicke ließ die Arme sinken.

„Und wer sind Sie?“, fragte er unfreundlich.

Wilhelm trat auf ihn zu und deutete einen hastigen Diener an. Als er sich wieder aufrichtete, musste der Mann zu ihm heraufsehen, was seinen Blick noch etwas boshafter werden ließ. „Blankenburg ist mein Name, Wilhelm Blankenburg. Das ist meine Frau Magdalena.“ Wilhelm machte aus lauter Gewohnheit eine weitere Verbeugung, obwohl ihm dabei jedes Mal das Wasser in den Mantelkragen lief und der Mann so viel Ehrerbietung sicher nicht verdient hatte.

„Ja und?“

„Darf ich fragen, wer Sie sind, mein Herr? Pastor Blume erwartet mich. Ich bin der Missionar aus Naumburg. Er schrieb mir, wir könnten im Pfarrhaus wohnen.“

„Blümchen?“ Der Mann musterte Wilhelm und lachte dann laut auf. „Na dann, viel Spaß beim Weitermarschieren. Das evangelische Pfarramt ist in Wenden.“

Nach einer vagen Armbewegung in Richtung der ansteigenden Dorfstraße drehte er sich auf dem Absatz um, eilte durch den vom Unkraut überwucherten Vorgarten und verschwand hinter der Haustür.

Wilhelms Blick schweifte über ihre Gepäckstücke und blieb mutlos an Magdalenas verdutztem Gesicht hängen.

„Was?“, stammelte sie und setzte sich auf den Koffer.

„Das hier ist eine katholische Kirche. Ich hatte gleich so ein komisches Gefühl. Der Glockenturm sieht gar nicht evangelisch aus“, erklärte er.

„Er sieht überhaupt nicht aus wie ein Glockenturm. Eher wie ein verlassenes Storchennest. Mir ist kalt. Was machen wir jetzt?“ Der hölzerne Koffer unter ihr knarrte.

Er blickte den Weg hinauf. Erneut reihten sich kleine Fachwerkhäuser aneinander, bis eine leichte Rechtskurve die Sicht nahm. Die Straße wirkte wie eine perfekte Kopie des hinter ihnen liegenden Stückes. Nichts deutete auf eine weitere Kirche oder ein Pfarrhaus hin. Unmöglich, das Gepäck auch nur zwei Häuser weiter zu tragen, ebenso wenig konnten sie es hier einfach stehen lassen. Sein Blick fiel auf das Wirtshaus am unteren Ende des Angers.

Er deutete hinab. „Ich besorge uns einen Wagen.“ Während er den Koffer zum Haus schleppte, wartete Magdalena bei den Kisten. Der Wirt öffnete ihm die Tür, er hatte ihn wohl durch das Fenster kommen sehen. „Zimmer habe ich nicht zu vermieten“, sagte er statt einer Begrüßung.

„Oh, nein. Ich brauche nur einen Wagen, damit wir zu Pastor Blume fahren können. Die Zigeunerjungen haben uns versetzt.“

Der Mann nickte, als wäre das selbstverständlich und schleifte den Koffer in die Gaststube. Hier saßen drei Männer an einem Tisch und rauchten. Vor ihnen standen halb volle Biergläser. Stumm schauten sie zu, wie Wilhelm das Gepäck in die Ecke schob.

Magdalena rümpfte die Nase, als sie kurz darauf die rauchige Wirtsstube betrat, doch der Ofen mit dem laut knisternden Feuer darin versöhnte sie sofort. Sie nickte den erwartungsvoll schweigenden Männern zaghaft zu und zog sich einen der derben Holzstühle neben die Wärmequelle.

„Häng deinen Mantel zum Trocknen über die Lehne“, riet ihr Wilhelm besorgt.

„Kümmere dich lieber um das Fuhrwerk, ich komme schon zurecht“, antwortete Magdalena.

„Wo bekomme ich wohl einen Wagen zum evangelischen Pfarrhaus?“, fragte Wilhelm die Männer.

Einer von ihnen, ein kräftiger Mann mit Stiernacken und grau gelocktem Haar, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas und deutete dann auf das Gepäck in der Ecke: „Für das da?“

„Ja.“

„Ich habe zwei junge Ziegenböcke im Stall. Kostet aber eine Runde.“

„Gerne.“ Wilhelm war froh, nicht sofort wieder hinaus in den Regen zu müssen. Er bestellte vier Bier und drei Schnäpse und einen Tee für seine Frau. Der Wirt zapfte mürrisch das Bier und schenkte aus einer dunklen Flasche ein.

„Trinken Sie keinen?“, fragte der Mann, der ihm seine Böcke angeboten hatte.

„Nein, ich hatte eben schon starken Schnaps von den Zigeunern. Das reicht für heute. Ich muss dem Pastor Blume mit klarem Kopf gegenübertreten.“

Die Männer nickten. „Sie brennen ein gutes Zeug, diese Tatern. Das kann einen schon umhauen“, sagte einer von ihnen und griff nach einem Päckchen Tabak.

Magdalena bekam ihren Tee.

„Prost! Auf meine Ziegenböcke!“, rief der Stiernacken.

Als der Wirt mit den Bierkrügen kam, waren die Schnäpse alle. „Bring noch mal ‘ne Runde, mach für dich einen mit und auch für unseren jungen Gast hier.“

„Nein, wirklich, ich muss zum Pastor. Wie weit ist es bis Wenden?“

„Ach, das ist nur ein Steinwurf. Wärm dich erst mal auf, Junge, du bist nass wie eine gebadete Katze.“

Tatsächlich fröstelte Wilhelm, sein Hemd fühlte sich klamm an.

Der Mann mit dem Tabak stopfte sich sorgfältig eine Pfeife. „Was willst du beim Pastor?“, fragte er.

Wilhelm zögerte ein wenig bei dieser direkten Frage, doch wenn er in diesem Dorf leben und arbeiten wollte, war er auf das Wohlwollen seiner Bewohner angewiesen. „Ich werde dort wohnen, mit meiner Frau.“ Er deutete zum Ofen, wo sie sich an die Kacheln lehnte und mit beiden Händen ihre Teetasse umschloss. „Wir sollen uns hier um die Zigeuner kümmern, im Auftrag des Missionsvereins Naumburg.“

Der Mann hielt ein brennendes Streichholz an den Pfeifenkopf und nahm einen tiefen Zug. Seine Wangen wölbten sich nach innen, seine Augenbrauen schoben sich wie zwei dicke Raupen in Richtung Nasenwurzel. Zwei oder dreimal paffte er angestrengt, dann blies er den Rauch gegen die Balkendecke. „Schon wieder“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Wann kapieren die Herren endlich, dass es verlorene Mühe ist?“

„Wiesoschon wieder?“, fragte Wilhelm verdutzt.

„Wie lange ist es jetzt her, Andreas?“, rief der Pfeifenmann. „Zwei Jahre?“

„Trudchen war kurz vorher geboren“, rief der Wirt vom Tresen herüber. „Frühjahr ‘28.“

„Sag ich doch. Gut zwei Jahre. Da kamen zwei junge Missionare, Zwillingsbrüder waren das. Man wusste nie, welchem man gerade begegnet war. Sie blieben ein paar Wochen, dann waren sie wieder verschwunden.“

„Es hat sich nichts geändert“, sagte der Stiernacken. Er sprach gemächlich, als wäre seine Zunge geschwollen. Er winkte dem Wirt. „Bring noch einen!“

„Was haben sie in dieser Zeit getan?“, fragte Wilhelm.

„Geredet. Sie sind zu den Igelfressern gegangen und haben mit ihnen geredet.“ Der dritte Mann mischte sich zum ersten Mal in das Gespräch ein. Er war weißblond und sehr blass, hinter den Qualmwolken der Pfeife verschwand er beinahe.

„Worüber haben sie geredet?“, fragte Magdalena vom Ofen her.

Er warf ihr einen schnellen Blick aus wässrig blauen Augen zu, bevor er wieder in sein Bier starrte. „Was weiß denn ich? Was Kirchliches sicherlich, sie sollten ihre Kinder taufen lassen. Und arbeiten gehen.“

Der Pfeifenmann lachte. „Der alte Löschhorn hat sie schön an der Nase herumgeführt, nicht wahr, Linzer? Er hat seinen Weibern erklärt, wenn sie die Bälger taufen lassen und sich Paten aus dem Dorf suchen, gibt es reichlich Geschenke. Na, das musste er nicht zweimal sagen.“

„Also sind die Kinder getauft worden?“, fragte Wilhelm.

„Ja aber“, lallte der Stiernacken. „Beinahe jeder aus ‘m Dorf, der nich grade selbst am Hungertuch nagt, hat inzwischen ‘nen Igelfresser als Patenkind.“ Er lehnte sich über den Tisch und raunte halblaut: „Kannst ja schlecht nee sagen, wenn se dich fragen. Is schließlich Christenpflicht, so ‘n Patenamt.“ Er lachte und zeigte auf den blassen Mann gegenüber, den sie Linzer genannt hatten. „Selbst sein Vater, der stolze Österreicher, der sonst keinen Finger rührt, wenn nicht ein Heller dabei herausspringt.“

„Aber arbeiten tun die nie und nimmer, da kannste ihnen sonst was versprechen“, ergänzte sein Kumpan und klopfte die Asche aus der Pfeife.

„Ssstimmt“, sagte der Stiernacken, dann sackte sein Kopf auf den Tisch.

Magdalena sprang auf. „Wir müssen ins Pfarramt.“

Ihr besorgter Unterton alarmierte Wilhelm. Kläglich blickte er auf den grauen Lockenschopf, der zwischen zwei Bierkrügen ruhte. „Wo krieg ich jetzt ein Fuhrwerk her?“

Die beiden anderen Männer blickten sich an und grinsten. „Andreas, der Herr Missionar möchte zahlen!“, rief der Zigarrenmann.

Der Wirt kam und verlangte die stolze Summe von zwanzig Groschen, bei der Wilhelm erneut das Herz in die Hose rutschte. Davon hätten er und Lenchen Brot und Milch für eine ganze Woche kaufen können.

„Was ist?“ Der Wirt klopfte ihm auf die Schulter. „Kannst auch anschreiben lassen, Junge, ich weiß ja, wo du wohnst.“

„Nein, nein.“ Hastig kramte Wilhelm seinen Beutel aus der Jackentasche. Ein paar Pfennige Trinkgeld machten den Wirt hilfsbereit. „Lass das Gepäck ruhig hier stehen, das kannst du morgen früh abholen. Ich gebe euch eine Laterne mit.“

Draußen war es bereits dunkel, der flackernde Lichtkreis der Petroleumlampe tastete sich den Dorfanger hinauf. Magdalena hielt die Lichtquelle am vorgestreckten Arm, mit dem anderen hakte sie Wilhelm unter. Sie hatte geglaubt, bei ihm Halt zu finden auf dem vom Regen aufgeweichten Platz, doch bald merkte sie, dass er an der frischen Luft Probleme mit dem Gleichgewicht hatte.

„Liebe Güte, Wilhelm, du bist betrunken“, schimpfte sie leise. „Was soll denn der Herr Pastor von uns denken?“

Inzwischen hatten sie die Dorfstraße erreicht, die zwischen den dicht stehenden Häusern hindurch schnurgerade in Richtung Wenden führte. Das jedenfalls hatte der Wirt ihnen versichert. Das alte Wendendorf sei voller Bauernhöfe, die keineswegs mehr so geordnet lägen wie die Handtuchgrundstücke im Neuen Dorf, aber wenn sie nur immer dieser einen Straße folgen würden, kämen sie direkt zum Pfarrhaus, das sie an der davor stehenden Eiche erkennen würden.

Die Straße kam Magdalena enger vor als vor wenigen Stunden im Tageslicht, es war, als würden die Häuser im Dunkeln zusammenrücken, um sich nachts die Geheimnisse ihrer Bewohner zuzuraunen. Wie Totenschädel starrten sie auf die beiden einsamen Fußgänger herab, nur einzelne Fassaden sandten, mit warmem Lichtschein aus den Fenstern, ein freundliches Lächeln für die Ankömmlinge.

Sie hatte sich gefragt, wie sie im Stockfinsteren eine Eiche erkennen sollten, aber jetzt zeigte sich, dass ihre Probleme ganz anderer Art waren. Wie vermochte sie ihren wankenden Mann am rechten Arm und die blakende Funzel am linken unbeschadet bis in dieses Bauerndorf bringen? Sie versuchte, sich abzulenken, indem sie in die wenigen beleuchteten Stuben der Dörfler blickte, an deren Fenstern sie vorüber stolperten. Immerhin hatte es aufgehört zu regnen und sie konnte ihr Kopftuch in den Nacken schieben. Wilhelm hatte darauf bestanden, wenigstens den Koffer mitzunehmen. Der schlug jetzt wiederholt gegen sein Schienbein und brachte ihn zum Straucheln. Magdalena seufzte. Sie würde auf ihn aufpassen müssen. Schon am ersten Abend hatten sie ihn gnadenlos über den Tisch gezogen.

Er stellte den Koffer ab, was ein leises Schmatzen im Matsch erzeugte und streckte den Rücken. Im Haus neben ihnen weinte ein Kind. „Ich schätze, die haben mich ausgetrickst“, sagte er kleinlaut.

Durch das Fenster sahen sie eine Frau frische Scheite in den Ofen legen. Der Schein der Flammen leuchtete aus der Ofentür hinaus auf die Straße und geradewegs in Wilhelms zerknirschtes Gesicht. Er sah aus wie ein Schauspieler auf der Bühne, der nicht wusste, in welchem Stück er gerade spielte.

„Macht nichts“, tröstete Magdalena, „das zahlen wir ihnen irgendwann heim. Jetzt komm weiter. Ich fürchte, wir werden den Pastor aus dem Bett klopfen müssen.“

Als die Häuserzeile endete, führte die Straße ein Stück über freies Land und sie rochen frisch gepflügte, feuchte Erde. Dann tauchten die ersten Bauernhöfe im Lampenlicht auf. Breite Holztore zwischen Steinmauern wirkten wie Höhleneingänge und atmeten den Gestank der Misthaufen aus. Die Häuser der Bauern duckten sich hinter den Kalksteinmauern und ließen keinen Lichtschimmer hinaus in die Nacht. Nur die Petroleumlampe und das Gekläff der aufgescheuchten Hunde zeigten ihnen den Weg. Glücklicherweise hatte Wilhelm sich inzwischen einigermaßen vom Schnaps erholt, denn den Koffer über den zerfahrenen Weg zu schleppen, erwies sich zunehmend schwierig. Seine Armmuskeln brannten und sein Rücken schmerzte. Wenigstens ging es jetzt leicht bergab. Die Straße wand sich nach links um einen Hof herum. Noch immer hatten sie keine Eiche gesehen.

„Und wenn wir schon vorbei gelaufen sind?“, stellte Magdalena die Frage, die ihm bereits einige Zeit durch den Kopf ging, ohne dass er sie ausgesprochen hatte. Seit die Wirkung des Alkohols nachließ, quälten ihn Halsschmerzen, die prompte Reaktion seines Körpers auf die Kälte und die nasse Kleidung.

Während er überlegte, was er Magdalena antworten sollte, blieb diese abrupt stehen. Der Koffer schlug gegen sein Schienbein, als sie an seinem Arm zerrte.

„Sieh doch, dort vorn!“

Aus der feuchten Dunkelheit schälte sich die kahle Krone eines Baumes. Wilhelm bückte sich, hob ein Blatt auf und hielt es in den Lichtkegel der Lampe. Gottlob, es war ein Eichenblatt! Am Rande des Platzes leuchtete anheimelnd ein einzelnes Fenster in einem freistehenden Haus ohne Zaun und ohne Mauer.

„Das muss es sein“, sagte Magdalena voller Inbrunst, mit der sie ihrem Wunsch, endlich angekommen zu sein, Nachdruck verleihen wollte.

„Zum Glück brennt noch Licht.“ Er stellte den Koffer mit einem leisen Seufzer ab und klopfte an die Doppeltür aus derben Holzbohlen. Es geschah nichts. Die Stille im Haus und in der Straße war erdrückend, selbst die Hunde schwiegen jetzt, als gäbe es unter ihnen eine geheime Absprache. Wilhelm klopfte noch einmal. Wieder nichts. Von dem Baum hinter ihnen tropfte Regenwasser in die Pfützen.

Schließlich hämmerte Magdalena mit der Faust an das Holz, dass die gesamte Tür in ihren Angeln erbebte. Wilhelm schnappte nach Luft, doch der Erfolg gab ihr recht. Aus dem Haus kamen die Geräusche schlurfender Schritte und das Murmeln einer Männerstimme. Ein Schloss klackte und kurz darauf fiel das Licht einer flackernden Kerze auf die beiden Reisenden. Sie wurde von einem Mann gehalten, der sie verwirrt anblinzelte. Über seine rechte Wange zogen sich Druckstellen, sein schütteres Haar hing ihm unordentlich über das Ohr. „Sind Sie der Missionar?“, fragte er unfreundlich, bevor Wilhelm etwas sagen konnte. „Ich habe Sie früher erwartet.“

„Ja, Wilhelm Blankenburg ist mein Name. Das ist meine Frau Magdalena. Es gab Schwierigkeiten mit …“

„Kommen Sie erst mal rein.“ Der Mann öffnete die Tür weiter und trat beiseite. „Möchten Sie etwas essen? Wir hatten zu Abend mit Ihnen gerechnet, nun ist das Mahl natürlich kalt.“

„Oh, bitte keine Umstände! Das ist völlig in Ordnung. Wie gesagt, wir wären schon früher …“

„Meine Frau ist inzwischen zu Bett gegangen. Das würde ich auch gern tun. Da hinten ist die Küche. Das Essen steht auf dem Tisch. Diese Treppe rauf, erste Tür rechts, dort befindet sich Ihre Schlafkammer. Morgen, gleich in der Frühe, muss ich nach Nordhausen, die Kutsche geht um neun. Ich nehme an, Sie wollen mich begleiten?“

„Ja, gern. Der Landrat von Arnstedt erwartet mich.“

„Na dann, eine gute Nacht!“ Er drückte Wilhelm die blakende Kerze in die Hand und verschwand im Dunkel des Treppenhauses.

Wilhelm und Magdalena sahen sich eine Weile sprachlos an. Sie fasste sich als Erste. „Komm, ich habe Hunger.“ Sie zog ihn in die von ihrem Gastgeber beschriebene Richtung. Nach dem kargen Empfang erschien ihnen der gedeckte Tisch mehr als üppig. Eine gebratene Schwartenwurst kringelte sich neben dicken Brotscheiben. Wilhelm schnupperte an einer Schüssel, in der helle Gemüsestücke in einer gelben Soße schwammen. „Kohlrabi“, brummte er genießerisch.

Während er zwei Teller füllte, sah Magdalena sich in der Küche um. Neben dem stabilen Tisch in der Mitte des Raumes mit vier derben Holzhockern gab es einen Schrank, der mit kleinen gehäkelten Gardinen hinter grünen Glasscheiben Gemütlichkeit ausstrahlte. Gleich neben der Tür stand ein großer weißer Herd mit einer glänzend gewienerten Platte. Ein Wasserkessel in der Ecke weckte Appetit auf frischen Tee, doch das Feuer war heruntergebrannt.

Wilhelm hatte eine Schüssel mit Käse entdeckt und begann die Wurst zu zerschneiden. „Komm, setz dich.“

„Ich habe Durst.“

„Hier ist Wasser im Krug.“

„Werden wir lange hier wohnen?“, fragte Magdalena und musterte das Besteck mit den hölzernen Griffen.

„Nein. Wir sollen ein Haus in Friedrichslohra beziehen. Der Landrat wird mir morgen die Papiere ausstellen. Es hieß, wir bekämen Möbel und Hausrat.“

„Mmh.“

„Was ist?“

Sie schob ihren Kopf über den Tisch und flüsterte zwischen zwei Bissen: „Ich finde diesen Pastor unheimlich. Ich möchte hier nicht länger bleiben.“

„Sobald das Haus bezugsfertig ist, sind wir hier weg. Es dauert sicher nur ein paar Tage.“

Der erste Hahnenschrei weckte Wilhelm aus einem schweren Traum, den er sofort vergessen hatte, als er die Augen aufschlug. Nur das ungute Gefühl steckte noch in seiner Brust und schnürte ihm die Luft ab. Er keuchte. Eine eiserne Hand krallte sich um seinen Hals. Die Bettdecke war nass von seinem Schweiß, seine Stirn glühte.

„Lieber Gott, warum gerade jetzt?“, stöhnte er leise und schluckte krampfhaft. Es fühlte sich an, als hätte er heißen Sand im Kehlkopf. Im Untergeschoss rumorte es, er hörte eine Männerstimme. Er musste zur Postkutsche! Wie spät mochte es sein? Noch war es finster draußen, doch er hatte keine Vorstellung, wie lange sie bis zur Poststation brauchen würden. Er tastete nach dem Nachttisch, auf dem seine Taschenuhr lag. Da fiel ihm ein, dass sie zwar eine Kerze, aber keine Zündhölzer hatten, um sie anzuzünden. Vorsichtig kroch er unter dem schweren Federbett hervor und tastete mit den Füßen nach seinen Schuhen. Seine Knochen schmerzten, als wäre er unter Pferdehufe geraten. Unsicher erhob er sich und trat gleich beim ersten Schritt in das Nachtgeschirr, das sie vorm Schlafengehen beide benutzt hatten, da sie nicht wussten, wo sich der Abort befand. Kalter Urin schwappte über seine Füße.

„Was, oh Herr, willst du mir sagen?“, entfuhr es ihm und er hob das Gesicht zur Zimmerdecke.

„Wilhelm?“ Hinter ihm regte sich Magdalena schlaftrunken. „Fluchst du etwa?“

„Schlaf weiter“, krächzte er, „ich bin ins Nachtgeschirr getappt.“

„Oh nein.“ Das Bett quietschte, als sie sich aufsetzte. „Puh, jetzt kann ich es riechen.“

„Ich gehe hinunter und hole Eimer und Lappen. Und Zündhölzer.“

„Wilhelm? Was ist mit deiner Stimme?“

Doch er war schon zur Tür hinaus.

Magdalena griff vom Bett aus nach ihren Sachen und kleidete sich an, ohne die Füße auf den Boden zu setzen. Nur kurze Zeit später schob sich eine kleine Frau mit einem Eimer in der Hand zur Tür hinein. Alles an ihr war grau im Licht der Kerze, die sie vor sich hertrug: Die streng zurückgekämmten Haare, der Kittel um ihren schmalen Leib, selbst ihr Gesicht hatte die Farbe von staubigen Steinen. Ihre Augen lagen tief im Schatten, doch es schien Magdalena, als musterten sie böse den nassen Fleck vorm Bett.

„Guten Morgen, es tut mir leid, aber wir hatten kein Licht. Bitte stellen Sie den Eimer ab. Ich mache das, wirklich, ich mache das selbst.“ Die Worte purzelten aus ihr heraus, sie hoffte nur, dass die Frau einfach wieder gehen würde. Doch die schien sie gar nicht zu hören, der Eimer knallte auf die Dielen und sie brachte die Kerze zum Nachttisch. Da erst zuckte sie zusammen, als sie Magdalena in ihren Kleidern auf dem Bett sitzen sah. Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, das wohl freundlich aussehen sollte, aber irgendwie schrecklich misslang. Was stimmte nicht mit diesem Gesicht? Das Licht der Kerze flackerte im Luftzug, der durch die offene Tür kam und brachte die Gesichtszüge zum Tanzen. Hastig wandte die Frau sich ab und wrang den Lappen aus, der im Wasser schwamm.

„Hören Sie doch!“ Magdalena schwang die Beine aus dem Bett. Jetzt konnte sie die Pfütze sehen und ihr ausweichen. Sie fasste nach dem Arm im grauen Kittel, um ihr den Lappen aus der Hand zu nehmen. Die Frau fuhr erschrocken herum und Magdalena sah plötzlich überdeutlich, was an dem Lächeln nicht gestimmt hatte. Eine Hasenscharte teilte die Oberlippe der Frau und verlief bis in ihre Nase. Sie zögerte nur einen Moment, hoffte, dass die andere es nicht als Entsetzen deutete und griff nach dem Tuch.

„Ich mache das, geben Sie mir den Lappen!“

Sie bemerkte, dass die kleine graue Frau ihr konzentriert auf den Mund sah, und begriff plötzlich. Sie las ihr die Worte von den Lippen ab. Jetzt nickte sie, drehte sich um und verschwand eilig zur Tür hinaus, wo sie fast mit Wilhelm zusammenstieß.

„Der Pastor sagt, seine Frau ist taubstumm.“

„Das hab ich gemerkt.“ Sie zog das Wischtuch über die Dielen und rümpfte die Nase. „Du klingst erkältet.“

„Ja, ich glaube, ich habe Fieber.“

„Dann leg dich wieder ins Bett! Den Termin beim Landrat kannst du doch gewiss verschieben.“

„Nein. Dann dauert es noch länger, bis wir hier rauskommen. Außerdem kann ich gleich Medizin besorgen.“ Er setzte sich auf den Bettrand und hob ihr die Füße entgegen. „Wisch mal über meine Schuhe.“

„Deinen Mantel muss ich ausbürsten. Der Saum ist voller Schmutz. Und die Hosenbeine auch. Kannst du im Koffer nach der Bürste sehen?“ Sie wrang den Lappen über dem Eimer aus. „Wie viel Zeit haben wir noch?“

„Eine Stunde. Hier ist keine Bürste.“

„Sie muss da sein. Warte, ich leuchte mit der Kerze.“

Sie wühlten den Koffer gründlich durch, vergeblich. „Sie ist sicher in einer der Kisten beim Wirt“, meinte Wilhelm schließlich.

„Ich weiß genau, dass ich sie hier drin hatte.“

„Egal, die Frau Pastor hat sicher eine Bürste für uns. Jetzt lass uns frühstücken gehen.“

Als es draußen hell wurde, rumpelte ein Leiterwagen vor das Pfarrhaus. „Blankenburg, kommen Sie“, sagte der Pastor, der außer einem Morgengebet während des Essens kein Wort von sich gegeben hatte, und stand vom Tisch auf. „Der Bauer nimmt uns bis zur Poststation mit.“

Magdalena hatte mit einer geborgten Bürste Mantel und Hose gründlich gesäubert. Nun war Wilhelm zwar adrett gekleidet, er sah jedoch trotzdem schlecht aus, seine Augen schimmerten glasig, sein Gesicht glühte. Besorgt beobachtete sie, wie er steifbeinig auf den Wagen kletterte. Der Bauer ließ die Peitsche knallen und bald verschwand das Fuhrwerk um die Ecke.

Gemeinsam mit der Frau des Pastors, die ihr Mann als Christine vorgestellt hatte, räumte sie den Tisch ab.

„Christine?“ Sie fasste sie am Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. „Können wir nach Friedrichslohra gehen und unser Gepäck holen? Es steht beim Kneipenwirt.“

Die Frau zögerte, dann nickte sie.

„Haben Sie einen Handwagen? Die Kisten sind schwer.“

Christine schüttelte erst den Kopf, überlegte kurz und nickte dann erneut. Sie zog Magdalena zum Fenster und zeigte auf den Bauernhof gegenüber. Dabei stieß sie ein paar gurgelnde Laute aus. Magdalena glaubte zu verstehen, dass sie vom Nachbarn einen Wagen bekommen würden.

Tatsächlich zogen sie bald darauf mit einem hölzernen Karren durch das Dorf, das sie nun bei Lichte in Augenschein nehmen konnte. Die schmale Straße wand sich in einer engen Kurve bergauf. Immer wieder mussten sie tiefen Pfützen ausweichen. Kein Wunder, dass ihre Kleider bis unter die Knie voller Schlamm gewesen waren. Mehrmals kamen ihnen Ochsenfuhrwerke entgegen. Die Bauern zogen die Kappe vom Kopf und grüßten, ihre Blicke voll Neugier. Ihr fiel auf, dass Christine den Kopf gesenkt hielt und schneller wurde, wenn ihnen jemand begegnete. Ein Holztor sperrte seinen Rachen auf wie ein gähnender Hund. Sie sah einen viereckigen Hof, begrenzt von einem lang gestreckten Fachwerkhaus, einer großen Scheune und einem weiteren Gebäude, in dem sie einen Stall vermutete. In der Mitte dampfte ein Misthaufen, auf dem dicke, weiße Hühner kratzten. In der hinteren Ecke bellte ein struppiger Köter und zerrte an seiner Kette.

Hinter dem letzten Hof begannen die Äcker. Ein Bauer folgte seinem Pferd, das mit kräftigen Schritten etwas übers Feld zog. Vielleicht war es ein Pflug, sie kannte sich mit diesen Dingen nicht aus und Christine konnte sie nicht fragen. Mehrere Frauen und Kinder liefen gebückt hinterher und sammelten zwischen Unmengen von hell leuchtenden Steinen runde Knollen in ihre Körbe, Kartoffeln, erkannte sie schließlich. Am Horizont erhoben sich die Harzberge, herbstgrau wie verschimmelte Brotlaibe. Links über dem Dorf streckte sich ein rotbraun gefärbter Wald auf einem Höhenzug, der die weitere Sicht in dieser Richtung versperrte. Die Luft war kühl, doch nicht kalt, sie roch würzig nach feuchter Erde und viel kräftiger als in Nürnberg. Es kam ihr vor, als müsse man hier weniger atmen, um genug Sauerstoff in die Lunge zu bekommen. Ein klein wenig Euphorie machte sich in ihrem Herzen breit.

Am Ende der Felder begann die eng bebaute Straße des Neuen Dorfes wie der Eingang zu einem Fuchsbau. Eines von diesen Häusern würde sie bewohnen.

„Christine? Wissen Sie, welches Haus wir beziehen sollen?“

Die kleine graue Frau schüttelte den Kopf.

„Können Sie mir zeigen, welche nicht bewohnt sind?“

Diesmal ein Nicken. Hinter den Häuserwänden hörten sie Kindergeschrei und klappernde Webstühle. In der Gosse tummelten sich ein paar Hunde. Bis zum Anger wies Christine auf drei Häuschen, denen man ansah, dass sie lange schon leer standen. Bröckelnder Putz, hohle Fenster ohne Scheiben, löchrige Dächer ließen Magdalenas Hochgefühl schnell abklingen. Es würde mehr Zeit brauchen, so eine Kate bewohnbar zu machen, als sie gedacht hatte.

Die Kneipe war verschlossen, selbst auf ihr Rufen und Klopfen öffnete niemand. Christine zog sie zum Nachbarhaus. Dessen hoher Schornstein stieß dicken weißen Rauch aus. Bereits vor der Tür schnupperte sie den Duft von aufgegangenem Brotteig. Das Backhaus war offen, der Kneipenwirt hockte vor dem Ofen, der den halben Raum einnahm, und schob dicke Holzscheite in die Feueröffnung. Auf einem langen Tisch an der Wand lagen Teigklumpen in Reih und Glied wie frisch gewickelte Säuglinge.

Als er sie sah, wischte er sich die rußigen Hände an seiner Schürze ab und neigte den Kopf. „Die Frau Pastor und die Missionarsfrau, einen guten Morgen zusammen.“ Sein Grinsen war unverkennbar ironisch.

Christine neben ihr schien noch weiter zusammenzuschrumpfen.

„Wir holen das Gepäck ab, bitte öffnen Sie uns den Schankraum.“

„Ich muss erst die Laibe in den Ofen schieben. Alles zu seiner Zeit.“ Er wies auf die bleichen Teigklumpen und machte eine wichtige Miene.

Magdalena erkannte, dass jetzt die Fronten geklärt werden mussten. „Ich bin sicher, die Brote haben mehr Zeit als wir. Das Gepäck zu holen dauert nicht lange, also bitte!“ Sie hatte so viel Schärfe in ihre Stimme gelegt, wie möglich und hoffte, dass er das leichte Zittern darin nicht gehört hatte. Der Wirt zuckte mit den Schultern, brummte und wies zur Tür. Das Backhaus schloss er sorgfältig hinter ihnen ab, an seinem Hosenbund baumelte ein großes Bündel Schlüssel.

Auf dem Anger lungerten mehrere halbwüchsige Zigeunerjungen herum.

„Verschwindet!“, rief der Wirt und fuchtelte mit der freien Hand, während er mit der anderen die Kneipentür aufschloss.

„Hast du ein Bier für uns?“, rief einer der Jungen.

„Wann sind die Brote fertig?“, fragte Magdalena.

„Gegen Mittag.“

„Lassen Sie zwei ins Pfarrhaus bringen.“

Er sah sie verdutzt an. „Ich lasse nicht bringen, Frau …“

„Blankenburg.“

„Hier holt sich jeder sein Brot selbst, Frau Blankenburg.“

Magdalena überlegte, wie sie den Kampf erneut gewinnen konnte. Sie winkte einem der Zigeunerjungen, den sie als einen der Gepäckträger vom Vortag erkannte. „Wie heißt du?“

„Christian Weiß, Herrin.“

„Gut, Christian, hör mir zu. Wenn die Brote hier fertig sind, holst du zwei ab und bringst sie nach Großwenden ins Pfarrhaus. Du bekommst als Lohn ein Viertel Brot.“

Der Junge nickte eifrig. „Gern, Herrin.“

„Ich bin Frau Blankenburg.“

„Ja, Herrin Blankenburg.“ Der Junge rannte davon.

„Sie werden schon sehen, wo Ihre Brote ankommen, Herrin Blankenburg.“ Der Wirt grinste höhnisch. Christine sah unzufrieden aus.

„Was bin ich Ihnen schuldig?“

„Einen Silbergroschen.“

Sie zahlte und schleppte mit Christine die Kisten zum Handwagen. Gemeinsam zogen sie den Wagen den Anger hinauf. Plötzlich war der Junge wieder da. „Herrin Blankenburg, soll ich dir den Wagen ziehen?“

Sie zögerte. Eigentlich schaffte sie das mit Christine bequem allein. Doch seine großen schwarzen Augen sahen sie treuherzig an. Und warum nicht, so lernte sie eines ihrer künftigen Schäfchen schon ein wenig kennen. Mit der stummen Pastorsfrau wurde der Weg doch recht lang. Also nickte sie. Christine schaute schon wieder missbilligend, doch Magdalena ignorierte das. Christian fasste nach dem Wagengriff und zog los.

„Nicht so schnell!“, rief sie. Aus den Augen verlieren wollte sie ihn auf keinen Fall. In der Nähe vom Anger war ihr schon auf dem Hinweg eine kleine Kolonialwarenhandlung aufgefallen. Hier hielten sie noch einmal an. Der Junge saß draußen auf dem Wagen, und Christine kaufte Lampenöl und Kernseife. Der Krämer, ein dicker Mann, der sie an den katholischen Pfarrer erinnerte, nahm ihr Geld entgegen, ohne sie anzusehen oder sich zu bedanken. Magdalena dagegen musterte er neugierig von der Seite. „Kann ich Ihnen mit etwas dienen, gnädige Frau? Vielleicht eine Tüte Tee aus Indien?“

Sie wehrte ihn höflich ab.

Nachdem sie mit dem Zigeunerjungen ihre Kisten bis in ihre Kammer getragen hatte, entließ sie ihn mit der Ermahnung, das Brot nicht zu vergessen.

Dann brachte sie den Wagen zum Nachbarn zurück. Die dicke Bäuerin nahm sie beiseite. „Junge Frau, bringen Sie die Tatern nicht mit nach Wenden. Sie klauen und betteln, das können wir hier nicht gebrauchen.“ Ihre feisten Wangen zitterten vor Entrüstung. Hinter ihr zerrte ein schwarzer Hofhund an der Kette und bellte.

„Aber der Junge hat mir nur den Wagen nach Hause gezogen.“

Die Frau drehte sich um und schnauzte den Hund an: „Sei still, Hasso!“ Dann fuhr sie fort: „Heute ist es dieses, morgen jenes. Sie werden sehen, die wird man nicht mehr los. Und wenn sie dann weg sind, fehlt immer was. Du kannst ihnen die Hand geben, aber zähl hinterher deine Finger, heißt es bei uns. Haben Sie schon nachgesehen, ob in Ihrem Gepäck alles beisammen war?“

„Ich muss jetzt gehen.“ Magdalena wollte nicht mit der Frau streiten.

„Warten Sie, nehmen Sie Ihren Schwiegereltern frische Kartoffeln mit, sind nur die kleinen, die rausgelesenen, aber die schmecken am besten. Schaben und einfach in Öl schwenken, schmeckt besser als jeder Sonntagsbraten.“

„Herr und Frau Pastor Blume sind nicht meine Schwiegereltern.“ Jetzt musste sie doch widersprechen.

Die Bäuerin, die auf dem Weg zur Scheune war, blieb stehen. „Nicht? Sind Sie nicht die Braut vom Ludwig?“ Der Hund begann, wieder zu bellen.

„Nein, ich bin die Frau vom neuen Missionar.“ Stolz rief sie den neuen Titel ihres Gatten über den Hof. Sie hatte bisher nicht oft Gelegenheit gehabt, ihn auszusprechen. Das klang viel besser als Schuhmacher oder Hauswart. Und verheiratet war sie auch, da brauchte die Alte gar nicht so vorwurfsvoll gucken. Sie faltete beide Hände vor sich, damit der Ehering deutlich zu sehen war. Sie bedauerte, dass ihr Bauch noch immer flach wie ein Brett war, obwohl sie bereits seit drei Wochen sicher wusste, dass sie schwanger war.

„Missionar?“ Das Scheunentor verschluckte die Frau, um sie gleich wieder auszuspucken. Sie trug einen kleinen Hanfsack, der einige Pfund Kartoffeln enthalten musste. Ihr Gesichtsausdruck war jetzt merklich kühler. „Viele Grüße an die Frau Pastor.“

Magdalena bedankte sich und warf den Sack wie ein Mann über die Schulter. Nachdem sie die Kartoffeln, die nicht größer waren als gelbe Pflaumen, in der Küche abgelegt hatte, lief sie hinauf in ihre Kammer. Die beiden Kisten standen verschlossen vorm Bett, es schien alles in Ordnung. Sie öffnete die Lederriemen und legte die Kleider aufs Bett. Bettwäsche hatte sie nur einmal mitnehmen können, aber ihre Mutter hatte versprochen, die Aussteuer nachzusenden, sobald das Haus bezugsfertig wäre.

„Ich muss Maman schreiben“, murmelte sie vor sich hin. Papier, Tinte und Federkasten lagen unten in der zweiten Kiste. Irgendwo musste die Kleiderbürste sein, doch auch in der anderen Reisekiste war keine Spur von ihr; wahrscheinlich würde sie beim Krämer eine neue kaufen müssen.

Als sie in die Küche kam, hatte Christine die Kartoffeln auf den Tisch geschüttet und lächelte glückselig. Es war kein hübscher Anblick, die Spalte in der Oberlippe klaffte weit auf und ließ rote Schleimhaut erkennen, wo andere Menschen weiße Zähne hatten. Doch das Strahlen der Augen, die sonst umher huschten wie kleine graue Mäuse, war schön anzusehen.

„Die hat mir die Bäuerin von gegenüber mitgegeben. Wir sollen sie schaben und in Öl schwenken.“

Christine nickte, schloss genießerisch die Augen und rieb sich den Bauch. Magdalena musste lachen.

Von der Straße hörten sie plötzlich Geschrei und Hundegekläff. Gleich darauf hämmerte es an die Haustür. Die beiden Frauen fuhren auf. Magdalena rannte zur Tür.

Als sie hastig öffnete, fiel Christian fast herein. „Herrin, das Brot.“ Er hielt in jeder Hand einen Laib hoch über dem Kopf. Hinter ihm sprang kläffend der schwarze Hund vom Nachbarhof. Aus dem Tor gegenüber keifte die Bäuerin.

Magdalena zog den Jungen in den Hausflur und schloss die Tür. Sie nahm ihm die Brote aus den schmutzigen Händen. „Hat sie den Hund auf dich gehetzt?“, fragte sie empört.

Christian lachte, weiße Zähne blitzten in seinem dunklen Gesicht. „Ja, aber der ist schon alt. Er bellt nur. Die Brote hätte er gern gehabt, schätze ich.“

„Gut, dass du sie gerettet hast. Komm mit in die Küche, ich schneide dir deinen Anteil ab. Möchtest du dir die Hände waschen?“

Der Junge sah erst Magdalena, danach seine Hände verständnislos an. Dann schüttelte er den Kopf.

„Ich dachte nur, weil sie so schmutzig sind.“ Sie schnitt eines der Brote in der Mitte durch. Sie waren warm und dufteten nach Getreide und Feuer. „Hier, nimm.“

Er griff zu und zögerte dann. „Ein Viertel war abgemacht, Herrin.“

„War nicht auch abgemacht, dass du nicht Herrin sagen sollst? Das zweite Viertel ist für den Fuhrdienst am Handwagen.“

Christian strahlte. „Danke, Frau Blankenberg, du bist sehr nett.“

„Blankenburg! Sag mal, ist Christoph Weiß dein Vater?“

Der Junge schüttelte seine schwarzen Locken. „Er ist mein Bruder. Kennst du ihn?“

„Wir sind gestern mit seinem Wagen hier angekommen. Hast du noch mehr Geschwister?“

Er lachte. „Mein Vater hat zwei Dutzend Kinder. Er ist derbulibasha.“

Dieses Wort hatte die alte Frau im Wagen ebenfalls gebraucht. Sie konnte doch unmöglich Christians Mutter sein.

„Was heißt dieses Bulli-Dingsda?“

„Er ist unser Stammesvater. Er spricht für uns.“

„Und deine Mutter?“

„Wir wohnen beim Schneider im Haus, meine Geschwister auch.“ Der Junge sah sie seltsam an.

„Alle vierundzwanzig?“

„Nein, nur die Jüngeren. Zwei sind tot, sie sind im Krieg gefallen. Außerdem hat derbulibasha, also mein Vater, zwei Frauen. Die erste lebt mit ihm im Wagen, die zweite, meine Mutter, im Neuen Dorf, wegen der kleineren Kinder.“

„Ach.“ Das musste sie erst einmal verdauen.

Christian steckte das warme Brot wie einen kostbaren Schatz unter sein fadenscheiniges Hemd. „Ich muss los, Frau Blankenburg. Auf Wiedersehen!“

„Hüte dich vor den Dorfhunden.“ Magdalena sah nach dem Tor gegenüber, doch es war geschlossen.

Christine blickte sie vorwurfsvoll an, als sie zurückkam.

„Was ist? Haben Sie etwas gegen die Zigeuner?“

Die kleine Frau zog den Kopf zwischen die Schultern. Das konnte alles bedeuten. „Warum nur? Stehlen sie wirklich?“

Christine hob beide Hände, was wohl bedeuten sollte: Wer weiß? Dann zeigte sie auf den Kehrichthaufen vor dem Herd und deutete auf ihr Gesicht.

„Sie meinen, sie sind schmutzig?“

Heftiges Nicken.

„Dagegen kann man etwas tun. Deshalb müssen sie nicht schlecht sein.“

Die Frau nickte vage und wies auf die Kartoffeln. Dann holte sie zwei Messer und zeigte ihr, wie man die dünne Haut von den Knollen schabt.

„Kann es sein, dass ihr Stammesvater zwei Frauen hat?“, fragte Magdalena.

Christine nickte und zeigte ihr die offene Handfläche. Siehst du, sollte das wohl heißen.

„Na gut, im Alten Testament ist auch von Vielweiberei die Rede. Die Zigeuner sind sicher ein sehr altes Volk mit uralten Sitten und Gebräuchen. Woher kommen sie, wissen Sie das?“

Christine schnaubte verächtlich und hob die Schultern. Dann schabte sie weiter an den winzigen Knollen. Magdalenas Magen knurrte, der Duft der Brote kitzelte in ihrer Nase. „Wir essen jetzt von dem frischen Brot. Haben Sie vielleicht ausgelassenes Fett oder Butter?“

Jetzt lächelte die Frau wieder und Magdalena fand es gar nicht mehr so schlimm.

Aus den Instruktionen für den Missionar des Naumburger Missionsvereins in Friedrichslohra:

§1: Sie sind deshalb von dem Naumburger Missionsverein nach Friedrichslohra gesandt und werden deshalb mit den Ihrigen von demselben unterhalten, damit Sie, unter Gottes Beistand, durch Arbeit und Lehre, durch Gebet und Beispiel die unglücklichen Zigeuner in und um Friedrichslohra zur christlichen Sittigung führen sollen …

§4: Dazu gehört, 1.) daß jede einzelne Familie, wo möglich, ihre besondere Mietswohnung habe, 2.) daß jede einzelne Familie ihr eigenes Brot esse und deshalb ein notdürftig nährendes Gewerbe in Mäßigkeit und Sittsamkeit betreibe, 3.) daß in jeder Familie Gottes Wort gehört, beachtet und von der Jugend auch gelesen werde …

So will der Verein den Zigeunern nur eine Hilfe bei ihrer Sittigung geben, und das vorzüglich bei der Erziehung ihrer Kinder. Das einzige Mittel zur Veredlung der Zigeunerkinder, die sich sonst an die Lebensart der Eltern gewöhnen, ist ein besserer und wenig unterbrochener Unterricht …

§8: Gleichzeitig sollen die alten Zigeuner zur Arbeit angeleitet werden, und zwar möglichst zu solchen Gewerbstätigkeiten, die in jeder Jahreszeit geübt werden können …

Naumburg, 17ter Juli 1830

gez. Oberlandesgerichtsrat Göschel

gez. Oberlandesgerichtsrat Pinder

Magdalena ließ das Schreiben sinken und betrachtete das schweißnasse Gesicht ihres Mannes im Kerzenlicht. Sie stand auf und sah nach den Wadenwickeln. Vorsichtig zog sie die warmen Tücher von Wilhelms Beinen und tauchte sie in einen Eimer mit kühlem Wasser. Nachdem sie die frischen Wickel angelegt hatte, wischte sie ihm die Stirn ab. Er stöhnte und warf den Kopf hin und her, murmelte Unverständliches.