Tatort Franken 5 -  - E-Book

Tatort Franken 5 E-Book

4,6

Beschreibung

Mittlerweile Kult: Die fränkische Krimiszene fiebert der neuen Tatort Franken-Anthologie entgegen, ebenso wie passionierte Leserinnen und Leser, die Teilnehmer am Fränkischen Krimipreis oder die Besucher der Fränkischen Kriminacht. Denn auch in Band 5 der Reihe geht es erneut kriminell zu an bekannten und entlegenen Schauplätzen in der Region, und beliebte Topautoren haben wieder hineingehorcht in die Abgründe der fränkischen Seele. Das Ergebnis: eine spannende Mischung neuer Fälle, mal schwarzhumorig, mal augenzwinkernd, mal psychologisch packend, mal hintergründig immer jedoch auf der Spur des Verbrechens und seiner Motive ...

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Tatort Franken

No. 5

 

 

 

 

 

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage Mai 2014)

 

© 2014 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Eva Elisabeth Wagner

Umschlaggestaltung: Silke Klemt

 

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

ISBN 978-3-86913-446-8

 

Inhalt

Helwig Arenz – Jaqui und Johnny

 

Roland Ballwieser und Petra Rinkes – Die Carmen

 

Jan Beinßen – Die bunte Witwe

 

Veit Bronnenmeyer – Mord nach Wahl

 

Tommie Goerz – Vom Jagen

 

Anne Hassel – Der Glaube an Gerechtigkeit

 

Thomas Kastura – Die Göögägäng

 

Christian Klier – Klotz und die Fahrt ohne Wiederkehr

 

Tessa Korber – Spiegelbilder

 

Dirk Kruse – Das Verdi-Komplott

 

Hans Kurz – Nur über deine Leiche

 

Killen McNeill – Langer Michel

 

Horst Prosch – Gut so

 

Jeff Röckelein – Das Fünfte Gebot

 

Elmar Tannert – Yanyana

 

Volker Wachenfeld – Make-up für mein Leben

 

 

Fränkischer Krimipreis 2014: Gewinnerbeiträge

 

Theobald Fuchs – Der Tote im Wehr

 

Susanne Reiche – Der Tod des Baulöwen

 

 

Die Autoren

 

Dank

 

 

Helwig Arenz – Jaqui und Johnny

Gleich würde es anfangen zu regnen. Ich hatte eine Regenjacke in meinem Rucksack, aber Jaqui hatte keine. Sie hatte nur einen großen Busen, über den sich ein knappes Shirt spannte und auf den es gleich schamlos hinuntertropfen würde. Ich erwog ganz kurz, ritterlich zu sein und ihr meine Jacke zu geben, entschied mich dann aber dagegen, es war ja nicht mehr unser erstes Rendezvous! Mit dem einsetzenden Regen war ich weg.

Abends sahen wir uns wieder, denn zwischen sieben und acht kochte ihre Mutter immer Essen, und da lud ich mich ein. Jaqui war pitschnass nach Hause gekommen, und ich sah gleich, dass etwas nicht o. k. war, denn sie hatte so eine komische Verzögerung in allem, was sie sagte.

»Geht es dir gut?«, fragte ich, und sie sah mich erst hohl an, ehe sie mit engem Hals antwortete: »Na klar.« Dann nieste sie, und ich sagte: »Prost.«

Ich wollte sie gerne packen und an die Wand pressen. Aber die Küchentür war offen. Später würde ich sie trösten, nahm ich mir vor, im Bett ihrer großen Schwester, das so ein bisschen wackelig war, wie ein altes Floß. Leise würde ich sie trösten, denn die Mutter schlief nebenan. Sie sagte am nächsten Morgen beim Frühstück gerne Sachen wie: »Na, habt ihr gut geschlafen?«, um dann wie eine Hexe zu lachen. Ich grinste in mich hinein, aber Jaqui hatte da nicht so viel Humor. Denn wenn man noch jung ist und in seinem Leben noch nicht so oft Sex ­hatte wie ich oder vielleicht die Mutter, dann kann einem das schon peinlich sein. Die Mutter sah mich manchmal schief an, wenn sie glaubte, ich bemerkte das nicht, und dann war irgendetwas Seltsames in ihrem Blick.

Während wir aßen, rückte Jaqui endlich mit der Sache heraus. Sie sagte mit triefender Nase: »Diese Arschlöcher haben sich für eine andere Bewerberin entschieden!«

Ich verschluckte mich fast: »Was?«

»Ja. Nur eine Nachricht auf dem AB, mit einer ganz hässlichen Stimme«, klagte mein Schatz und nieste neben den Tisch.

»So eine Scheiße!«, entfuhr es mir.

Die Mutter sah mich an und dachte einen Hexengedanken, das war klar, denn wir beide wussten, es tat mir nicht leid, dass Jaqui keine Fachkraft in der Systemgas­tronomie werden würde, sondern es tat mir leid, dass Jaqui nun nicht zu mir ziehen durfte.

»Tja, jetzt bleibt die Jaqueline erst mal hier, solange sie keine Lehrstelle kriegt«, säuselte die Mutter mich an, und schlecht verhohlener Triumph knarzte in ihrer Stimme.

Ich legte Jaqui nun die Hand aufs Knie und sagte ganz nah an ihrem Mund wie bei einem Kuss: »Du findest was. Das weiß ich. Und dann –«

Aber mit einer schneidenden Stimme, scharf wie ein Küchenmesser, schaltete sich die Mutter wieder ein: »Ne, nicht mit der ihren Noten, da kannst du lange warten.« Und als ob das nicht genügt hätte, fügte sie hinzu: »Für die meisten Sachen kommt die Jaqui ja eh nicht infrage. Gell, Jaqui?«

Ein peinliches Schweigen entstand wie bei einer Beerdigung. Die Mutter hatte ihr heißes Bügeleisen der Bosheit genüsslich in den Flokati unserer Liebe gedrückt. Und der Gestank ließ nicht lange auf sich warten. Scheiße, dachte ich, stand auf und holte mir aus der Küche einen Drink. Als ich wiederkam, weinten Mutter und Tochter und schrien sich an. Ich setzte mich auf den knarrenden Schaukelstuhl und schaltete den Fernseher ein, bis es ruhiger wurde, weil die Mutter das Zimmer verließ.

»Du darfst deine Mutter nicht immer so aufregen, das muss ich dann immer ausbaden!«, ermahnte ich Jaqui, die wieder schniefte.

»Ich kann hier nicht wohnen, da werde ich wahnsinnig. Sie hat mir versprochen, sie lässt mich gehen, wenn ich eine Lehre kriege!«, jaulte sie und versuchte, sich auf meinen Schoß zu setzen, was der Stuhl nicht so ganz zuließ. Die Rückenlehne knallte eben gegen die Glastür einer Vitrine, als die Mutter zurückkam. Sie trug ein Tablett voller guter Laune. Ich wurde sofort misstrauisch, griff aber trotzdem zu: Jetzt sollte ich also mit der Alten trinken! Ich bekam Longdrinks, die Mutter Cocktails, aber Jaqui gab sie nur Cola. »Die Jaqui trinkt nicht«, hieß es. Aber die Jaqui trank sehr wohl, wenn die Mama nicht da war.

»Ich werd der Jaqui schon helfen bei ihren Bewerbungen«, sagte ich irgendwann milde zur Mutter. Die winkte ab.

»Du? Na klar«, sagte sie und lachte. Wir lachten mit.

»Das mit der Wohnung war auch gar nicht so endgültig gemeint«, versuchte ich es weiter. »Nur dass die Jaqui nicht immer nachts allein nach Hause muss, wenn sie dann eine Stelle in Fürth hat.«

»Die hat ja schon ne Stelle in Fürth«, rief die Mama, »ne faule Stelle!«, und prustete in ihr Glas.

»Der Johnny hat ne wunderschöne Wohnung mit viel Platz! Und du hast selbst gesagt, du kannst es nicht mehr aushalten mit mir«, versuchte es mein Schatz.

»Man ist mitten in der Stadt und schaut direkt auf die neue Feuerwache runter!«, warb ich.

»Wie romantisch! Ich wünschte, sie könnten die Glut eurer Liebe löschen!«, kicherte die Alte vergnügt.

Ich sah Jaqui an. Jaqui sah mich an. »Sein Mitbewohner ist nicht da, zwei Zimmer sind frei!«, sagte Jaqui matt, und ich ergänzte: »Ja, Andi ist in der Psychiatrie, der kommt nicht so bald wieder!«

»Was hat er denn?«, fragte die Mutter plötzlich interessiert. Ich zuckte mit den Schultern. »Ich glaub Drogen«, sagte Jaqui, und ich trat unter dem Tisch nach ihr, traf sie aber nicht.

»Drogen!«, rief die Mutter in gespieltem Entsetzen, »da muss ich wohl noch viel besser auf dich achtgeben!« Und mich blitzte sie höhnisch an dabei.

»Ronald McDonald hat sich also für eine andere entschieden!«, grollte ich vor mich hin, als der Abend schon etwas stiller geworden war.

»Wahrscheinlich für eine, die einen noch kürzeren Rock anhatte als du!«, lallte die Mutter boshaft. Jaqui antwortete nicht. »Sei froh! Such dir hier was!«, lachte die Alte, »dann musst du auch nicht immer durch die dunkle Unterführung fahren! Ich wünschte, das Thema Fürth wäre für immer begraben.«

 

Jetzt war es Winter geworden, und Jaqui wohnte immer noch bei ihrer Mutter. Immer noch musste ich ihr beim Sex den Mund zuhalten, und immer noch war mein Mitbewohner in Erlangen und kriegte Elektroschocks oder was sie mit den Irren da machten. Manchmal schickte er mir Briefe, in denen er mit seiner seltsamen Mädchenhandschrift bettelte, ich solle ihn rausholen oder ihm dies oder jenes Dokument senden, aber das ignorierte ich, weil ich immer noch die Hoffnung hatte, Jaqui würde bei mir einziehen. Seine zwei Zimmer waren schließlich nutzlos leer und verwaist und schrien förmlich danach, dass Jaqui sich dort in den Laken wälzte. Aber wie sollte ich sie da reinbekommen? Die Schlampe mit dem ultrakurzen Rock, die Ronald McDonald um den Finger gewickelt hatte, hatte uns alles verdorben. Und dann hatte ich sie eines Tages gesehen! Einen Burger hatte ich mir holen wollen, da war sie vor mir gestanden in gelbem Licht, blond war sie und gelächelt hatte sie. »Azubi« hatte auf ihrem übertriebenen Busen gestanden. Immer wieder lief sie mir seitdem über den Weg, und immer lächelte sie. Wenn sie mit ihrem Fahrrad aus dem schwarzen Loch der Unterführung schoss und direkt gegenüber abstieg, um ihre Wohnung zu betreten, die von mir nur drei Gehminuten entfernt lag – sie lächelte, als wüsste sie, was sie uns angetan hatte – verdammt noch mal. Jaqui und ich hätten es so einfach gehabt!

In diesem Jahr hatte es überhaupt nicht richtig Sommer werden wollen, bis in den Juni hinein blieb es kalt. So was ist schlecht für die Liebe, denn Jaqui und ich hatten irgendwann einen Koller bekommen, vom ewigen Hin und Her. Couch und Bett, Couch und Bett und dazwischen: »Nein, Mami, nicht beim Johnny. Ich bin bei der Fine, da übernachte ich heute.« Pizza ist fertig. Bier ist alle. Fernsehen. Ficken. Und da wunderte es mich nicht, dass dann an jenem Abend im Dezember – das hatten wir uns richtig lustig vorgestellt.

Wir standen im dreckigen Schnee und froren uns die Füße ab. Ich hatte Jaqui eine große Colaflasche halb halb abgefüllt. Eine Tüte voll tschechischem, illegalem Feuerwerk baumelte zwischen unseren Füßen. Wir mussten warten. Mir wurde langweilig. In so einem Frost war Küssen auch kein sinnvoller Zeitvertreib, denn Lippen und Wangen waren inzwischen taub.

»Eine Katze, da bei den Weiden!«, rief Jaqui.

Aber bis ich eine Rakete aus der Verpackung gezerrt und das Feuerzeug aus der Tasche genestelt hatte, war sie schon weg. Schossen wir eben auf die Saatkrähe. Aber die erhob sich auf trägen Schwingen und verhöhnte uns mit ein paar lässigen Schreien.

Da kam sie! Ich erkannte ihre Silhouette sofort, als hätte ich einen geheimen Sinn dafür entwickelt. Ich scheuchte Jaqui ans andere Ende der Unterführung. Und schon kam die Schlampe angefahren. Mit geröteten Wangen warf sie mir noch ihr nichtssagendes Lächeln zu, bevor sie in den dunklen Tunnel einbog. Und dann krachte es. Nicht länger dunkel war der Tunnel und auch nicht länger still. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllte ihn. Im bunten, flackernden Licht der Böller sah ich sie vom Fahrrad stürzen und auf den Boden knallen. Die Tasche ging auf und erbrach ihren Inhalt um den dunklen, wimmernden Haufen Mensch mit dem Strohschopf. Von dem tausendfachen Echo der Kracher waren Jaqui und ich wie betäubt. Das Flackerlicht machte alles unwirklich, und ich verlor Zeit und Sinn und Boden, während ich zündete und warf. Feuerspuren zogen über das Mädchen hinweg oder verebbten funkensprühend im Gebirge ihrer Daunenjacke, in der sie sich zusammenkrümmte wie ein sterbendes Tier.

»Genug!«, schrie ich. Ich sah auf die Uhr. Drei Minuten hatte der Spaß gedauert. Nur drei Minuten? Nichts wie weg hier. Aber von Jaqui war nichts zu sehen. Ich rannte an dem reglosen Mädchen vorbei zum anderen Ende. Jaqui war nicht da. Die Flasche war auf den Boden gefallen, und die Böllertüte lag aufgerissen daneben. Der Wind schleifte sie ein wenig über das Eis. Ich ging zurück in den Tunnel. Blöd, das Mädchen bewegte sich nicht, hoffentlich war sie nicht tot. Das gäbe Ärger! Auch nach mehrmaligem Anstupsen rührte sie sich nicht. Ein wackeliges Licht näherte sich und verwandelte sich in einen großen, schwarzen Radfahrer, der bremste und glotzte und dann neben uns halten wollte. Da brüllte ich los und hob die Arme und schrie, er solle sich verpissen, es sei alles in Ordnung.

Es war unglaublich heiß in der Wohnung. Jaqui hatte alle Heizungen aufgedreht und saß in eine Decke gewickelt am Küchentisch: »Bist du bescheuert? Warum hast du sie mitgebracht?«, schnauzte sie mich an, als ich das Mädchen auf das Sofa legte.

»Warum bist du abgehauen?«, schrie ich.

Jaqui fing an zu weinen: »Ich hör nichts mehr auf dem rechten Ohr, du Arschloch!«, kreischte sie mich hysterisch an.

Da regte sich die blonde Azubi. »Hilf mir jetzt mal«, brüllte ich noch lauter in Jaquis nutzloses, rechtes Ohr. Da beruhigte sie sich.

Zusammen trugen wir das Mädchen auf das Bett in einem der leeren Zimmer. Jaqui war ganz außer Atem. »Die trägt übrigens eine Hose!«, meinte sie nun zu mir, als hätte ich je etwas anderes behauptet. »Und keinen ultrakurzen Rock«, fügte sie hinzu.

Ich sah Jaqui an. Verschwitzt und rot stand sie da, der Atem hob und senkte ihre Brüste, und ihre Augen glühten. Einen Moment schwiegen wir und starrten nur, aber dann fielen wir übereinander her. Wir fickten uns durch den ganzen Raum, bis wir heiß und keuchend auf dem eiskalten Boden aufeinanderlagen und lachten, uns kniffen und bissen und an den Haaren zogen. »Pst!«, machte Jaqui und deutete nach rechts. Da waren Füße. Die Blonde versuchte aufzustehen!

Ich sprang auf, nahm sie sanft in den Arm und legte sie wieder hin. »Ganz ruhig, kleines Eichhörnchen!«, redete ich auf sie ein. Jaqui ging ins Nebenzimmer, und ich hörte, wie sie das Telefon nahm. »Wen rufst du an?«, flüsterte ich aufgeregt, nachdem ich die Tür hinter mir gut verschlossen hatte.

»Die Mama!«, flüsterte Jaqui gereizt, »die war doch mal Rettungssanitäterin.«

»Oh Gott!«, fluchte ich und floh ins Wohnzimmer auf die Couch. Wir warteten. Den unerträglichen, leisen »Hilfe«- und »Ist-da-jemand?«-Singsang übertönten wir mit dem Fernseher, bis Jaquis Mutter eintraf.

»Das ist eine Freundin von Jaqui«, behauptete ich, während die Mutter das Mädchen untersuchte.

»Warum sagt sie dauernd Hilfe?«, wandte sich die Mutter misstrauisch an mich, während sie ihr einen großen Verband um Kopf und Gesicht wickelte.

»Ignorier’s einfach«, sagte ich.

Die Mutter machte weiter, aber nach einer Weile beugte sie sich wieder näher zu dem Mädchen, das vor sich hin flüsterte. »Was sagt sie da?«, fragte die Mutter scharf.

»Sie ist auf den Kopf gefallen und redet lauter Scheiße!«, rief ich.

»Sie sagt, sie ist überfallen worden!«, erwiderte die Mutter in beunruhigendem Ton.

»Immer dein lästiges Misstrauen!«, schimpfte ich los. »Du hasst mich, nicht wahr?«, fuhr ich fort, »du hasst mich, weil du Angst hast, ich nehme dir deine Tochter weg, stimmt’s?« Und jetzt konnte ich nicht mehr an mich halten, es brach einfach so aus mir heraus: »Du denkst, ich bin der Falsche, oder? Weil ich keinen Job hab und trinke und weil ich so alt bin! Das denkst du, das weiß ich, du brauchst es nicht zu leugnen!«

Dann war es eine Weile still, außer dem Wimmern von unter dem Mull. Die Mutter sah mir erst ernst ins Gesicht und dann auf den Boden. »Ja!«, rief ich, »jetzt guckst du weg. Schau mich doch an! Weißt du, wie scheiße das ist, gegen so was anzukommen?«

»Jetzt lass sie doch weiter verbinden«, unterbrach mich Jaqui leise.

»Nein, du weißt ja nicht, wie das ist: In dem Moment, als ich zur Tür reinkam und deine Mutter mich sah, hatte ich schon verloren. Ich war der Falsche. Ich hatte nie eine Chance!«

»Hilfe!«, klang es dumpf zu mir herauf, aber ich konnte mich nicht darum kümmern. Jaqui nahm mich in den Arm und wiegte mich, und ich vergrub mein Gesicht in ihrem T-Shirt. Die Mutter machte ihre Arbeit fertig und ging, ohne sich zu verabschieden. Es war still in der Wohnung, also fast, als wir schlafen gingen.

Andrea, so hieß unser Sonnenschein, lebte sich ganz gut bei uns ein. Sie wohnte jetzt schon zwei Tage im Zimmer meines psychisch kranken Mitbewohners und hatte aufgehört, um Hilfe zu rufen. Das war schön, denn es war ein Tag vor Heiligabend.

»Ich hab Hunger!«, rief Andrea. »Schieb mal deinen Wohnungsschlüssel unter der Tür durch. Dann kriegst du was zu essen!«, riefen wir, beide auf dem Flur kniend.

»Nein, als ihr mein Portemonnaie wolltet, habt ihr mich auch schon verarscht! Gebt mir was zu essen!«, weinte sie.

»Wir müssen etwas kochen, das unter der Tür durchpasst«, überlegte Jaqui leise.

»Dann machen wir Pfannkuchen!«, flüsterte ich. »Geh unten bei Norma Eier, Mehl und Milch holen!«

Jaqui zog sich zwei Jacken übereinander und ging in die Kälte. Als sie wiederkam, hatte sie die Post mitgebracht. Den Brief meines Mitbewohners erkannte ich sofort an der blumigen Schrift. Aus Langeweile riss ich ihn auf: Liebe Freunde, liebe Familie, leider kann ich dieses Weihnachten nicht mit euch zusammen verbringen. Ich vermisse euch alle zwar sehr, aber es geht mir gut, denn ich bin an einem Ort, an dem man sich gut um mich kümmert …, las ich.

»Hm«, machte ich. »Hm«, machte Jaqui, die mir über die Schulter gesehen hatte. Wir sahen uns an. Plötzlich rannte ich zum Schreibtisch und holte einen nagelneuen Umschlag. Jaqui nahm ihren Füller und malte sorgfältig den neuen Absender und Adressaten auf das blütenweiße Papier. Unsere Systemgastronomin war noch bei ihren Eltern gemeldet, wie wir ihren Personalien entnahmen. Dahin würde der Brief gehen und alle weiteren auch, in denen mein Mitbewohner um Geld und Güter bat und versicherte, es gehe ihm gut. Aus In Liebe, Andi malten wir ein schönes In Liebe, Andrea.

An Heiligabend aßen wir Schäufele. Andrea aß nichts, denn sie schien in Hungerstreik übergegangen zu sein und ließ nichts von sich hören. Gegen Abend verließen wir die Wohnung und schlenderten die Straße hinunter. Nachdem wir etwa drei Minuten gegangen waren, blieb ich stehen und lächelte Jaqui an. Hier wohnte Andrea, und hier hatte ich als Überraschung eine kleine Weihnachtsfeier vorbereitet. Ich zauberte den Schlüssel aus meiner Tasche, um den ich eine rote Schleife gebunden hatte, und überreichte ihn meiner kleinen Freundin. Sie zitterte vor Aufregung und brauchte eine kleine, süße Weile, ehe sie aufschließen konnte. Dann betraten wir die Wohnung.

»Oh Mann! Wie schön!«, rief Jaqui. Da waren blendend weiße IKEA-Regale und ein Metallbett mit Himmel. Die Küche war sauber, die Orchideen über der Heizung neigten ein wenig die Köpfe und streuten ein paar Blätter auf den dicken, flauschigen Teppich. Auf den warf sich Jaqui und wälzte und wiegte sich und sah mich in einer ganz bestimmten Weise an. Also kniete ich mich hin und kam zu ihr, und wir feierten ein schönes, lautes Weihnachten – bis es klingelte.

»Scheiße!«, prusteten wir wie ertappte Schulkinder. »Wir dürfen nicht so laut ficken!«, gluckste ich leise und vergrub mein Lachen in Jaquis Brüsten. »Ich mach auf!«, rief ich und war schon an der Tür. Ich öffnete und stand zwei Polizisten gegenüber.

»Frohe Weihnachten«, sagte einer von beiden, schob mich in den Flur und trat in die Wohnung. Jaqui war so bleich, dass sie sich im Badezimmer versteckte, und ich hörte, wie sie sich übergab. Ich selbst war ganz ruhig. In mir war ein Riesensturm, der ganz still wartete. Meinen Namen konnte ich kaum sagen, ich druckste ihn nur so heraus, so staute es sich in mir.

Während der eine der beiden mich nicht aus den Augen ließ, klopfte der andere heftig an die Tür zum Bad. »Kommen Sie heraus!«

»Nein!«, schrie es.

»So dramatisch ist es ja nicht, Frau äh –«, und hier sah er auf seinen Notizblock: »Andrea Schröder? Aber seien Sie das nächste Mal etwas leiser am Heiligen Abend!«

Ich atmete laut aus. »Aber natürlich sind wir das«, versprach ich mit einer ungeheuren Wärme in der Brust, als hätte ich neunzigprozentigen Schnaps getrunken, »Fröhliche Weihnachten.«

Die beiden verließen die Wohnung, und wir saßen völlig zerstört am Tisch. Mal kicherten wir, mal keuchte ich so schnell, dass ich Angst hatte, mein Herz würde zerspringen. Jaqui war seltsamerweise ruhiger als ich. Wie wir uns so gegenübersaßen und uns anschwiegen oder schief lächelten, sah ich sie an, als sähe ich sie zum ersten Mal. Etwas rund war sie schon, aber das machte sie für mich erst zur Frau. Ein Hauch von Spitze war über ihren drallen Körper gespannt, über ihre großen Brüste und ihren Kugelbauch. Sie war klein und fest und voller Tränen, Schreie und wirrer Gedanken, aber ich sah in ihrem Ausdruck zum ersten Mal etwas Erwachsenes, Starkes, das mich rührte und an sie band. »Wir müssen Andrea sofort loswerden!«, sagte ich, und sie hatte im selben Moment etwas Ähnliches gesagt.

Andrea schlief, und das war gut so. Wir hatten ihr was gegeben. Sie lag auf dem Bett, alles roch etwas ekelhaft, aber im Großen und Ganzen ging es ihr gut. Schön sah sie noch nicht wieder aus, aber das würde schon werden. Wie ich sie da liegen sah, das Gesicht so ohne Angst und ganz ruhig, fand ich sie fast sympathisch. Wir warteten, bis es gerade wieder hell wurde. Alle schliefen jetzt glücklich, niemand würde aus dem Fenster sehen. An­drea hing zwischen uns, wir schleiften sie mit, taten besoffen und sangen sogar leise vor uns hin, nur weil wir das stille, angestrengte Keuchen zu unheimlich gefunden hätten. Wir legten sie in ihre Wohnung, deckten sie zu und gingen zurück nach Hause.

Erster Feiertag! Frank Sinatra im Radio, Heizung auf Hochtouren; und die Wohnung wirkte in ihrem obersten Stock wie ein Turm. Als gäbe es draußen keine Welt, als wäre alles vom Schnee und der angesagten Heiligkeit dieses Tages verschluckt und verwischt worden. Wir frühstückten, und dann hatten wir den lautesten Sex der Welt. Warum auch nicht schreien, wenn da draußen nichts mehr ist? Warum nicht diese Leere füllen mit Lebensfreude und Liebe? Auch die Klingel wollte wohl schreien vor Lust und Liebe, denn laut schrillte sie in Jaquis Ekstase und würgte mir meine Freude ab, wie eine eiskalte Hand im Nacken.

Das alte Spiel: Aufgescheucht wie Schneehühner rennen wir nackt durch die Wohnung auf der Suche nach den überall verstreuten Kleidern. Schnelle Musterung: Wer hat am meisten an, wer sieht am meisten aus wie ein zivilisierter Bürger, der niemals »Fick mich! Fick mich!« brüllen würde, dass der Putz Risse bekommt? Ich bin es und öffne die Tür.

Wieder die beiden Bullen. Das alte Spiel. Hereinspaziert! Und drinnen sehen sie mich an wie zwei Katzen eine Maus. Sie sagen meinen Namen, und als ich nicke, binden sie mir die Hände fest und nehmen mich mit. Halb angezogen hinaus in die Kälte. Auf Wiedersehen, Jaqui, Geliebte! Aber ein Wiedersehen wird es nicht so bald geben. »Das war doch nur ein Scherz!«, rufe ich noch im Auto. »Ich wollte sie doch nicht verletzen! Das war ein Unfall!«

»Ein Unfall?«, fragen sie, ziehen die Augenbrauen hoch und grinsen sich vielsagend an. »Sie Schwein!«, brüllt dann der eine plötzlich, und schon hat er mir eine gelangt, aber gewaltig. Mein Kopf fliegt herum und ich schmecke Blut auf meiner Lippe. Das kann doch nicht sein, das dürfen die doch gar nicht, denke ich, wie es mir in den Ohren klingelt. Aber da höre ich den alten Polizisten hasserfüllt sagen:

»Ich habe eine Tochter im gleichen Alter!«

»Ein Scherz?«, fragt mich der andere. »Wie meinen Sie das? Haben Sie die Kleine nur im Scherz gefickt, oder was? Die Mutter hat Sie angezeigt, und sie wird auch gegen Sie aussagen. Da kommen Sie nicht mehr raus!« Und das Blaulicht geht an, und ich werde weggefahren, weg von meiner kleinen Jaqui und ihrer dreckigen Mutter, die mich angezeigt und verraten hat.

Für seine Liebe ins Gefängnis zu gehen ist eine Sache. Aber wegen unfassbarer Dummheit verurteilt zu werden, eine andere. Besonders, wenn die Dummheit nicht die eigene ist. Grinsend waren die beiden Polizisten einen Tag später noch mal zu mir in die Zelle getreten und hatten mir ein wenig die Backen getätschelt.

»Jetzt wissen wir übrigens alles, mein Lieber! Für die entführte Frau Schröder kriegst du noch mal ein Jahrzehnt!«, sagten sie jovial und klopften mir auf die Schultern. »Deine dämliche Freundin hat nämlich auf euren gefälschten Brief deine Adresse als Absender geschrieben. Wenn du schon kleine Mädchen fickst, dann such dir das nächste Mal lieber eine am Gymnasium.« Das haben sie zu mir gesagt. Und dann haben sie gelacht und sind gegangen, und ich saß da. Aber irgendwie hatten sie ja auch recht. Von Jaqui will ich jedenfalls nichts mehr wissen, wenn ich rauskomme. Schade eigentlich, denn dann wäre sie alt genug.

Roland Ballwieser und Petra Rinkes –

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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