Tausend Grad - Jean Secré - E-Book

Tausend Grad E-Book

Jean Secré

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Beschreibung

Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Eine alte Geschichte, vielleicht. Oder eine neue – je nachdem, aus welcher Zeit du auf sie blickst. Am 20. Dezember 1986 zerschneidet ein Licht den Himmel über Europa. Ein Kondensstreifen zieht sich über die kalte Winterluft, ein kurzer Moment, in dem die Welt den Atem anhält. Anton Rossi, ein italienischer Geschäftsmann, steht vor einer Berghütte, als sein Blick nach oben wandert. Er sieht das Licht, spürt die Kälte in seinen Knochen. Doch das, was ihn frösteln lässt, ist nicht der nahende Abend. Es ist etwas anderes. Eine Ahnung. Eine Erkenntnis, die sich noch nicht in Worte fassen lässt. Eine Linie in der Zeit bricht. Unsichtbar, lautlos. Und mit ihr verändert sich alles. Die Jahre vergehen, dann Jahrhunderte. Die Welt dreht sich weiter, als wäre nichts geschehen, doch im Schatten jener einen Sekunde entstand eine neue Wirklichkeit. Der Riss in der Zeit aber bleibt verborgen, die Geschichte wird zu einem Mythos. Und dann – 427 Jahre später …

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jean Secré

Broken Timeline

Tausend Grad

Fantasy Roman

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.Und die Erde war wüst und leer.

Das erste Buch Mose (Genesis)

Vorwort

Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Eine alte Geschichte, vielleicht. Oder eine neue – je nachdem, aus welcher Zeit du auf sie blickst.

Am 20. Dezember 1986 zerschneidet ein Licht den Himmel über Europa. Ein Kondensstreifen zieht sich über die kalte Winterluft, ein kurzer Moment, in dem die Welt den Atem anhält. Anton Rossi, ein italienischer Geschäftsmann, steht vor einer Berghütte, als sein Blick nach oben wandert. Er sieht das Licht, spürt die Kälte in seinen Knochen. Doch das, was ihn frösteln lässt, ist nicht der nahende Abend. Es ist etwas anderes. Eine Ahnung. Eine Erkenntnis, die sich noch nicht in Worte fassen lässt.

Eine Linie in der Zeit bricht. Unsichtbar, lautlos. Und mit ihr verändert sich alles.

Die Jahre vergehen, dann Jahrhunderte. Die Welt dreht sich weiter, als wäre nichts geschehen, doch im Schatten jener einen Sekunde entstand eine neue Wirklichkeit. Der Riss in der Zeit aber bleibt verborgen, die Geschichte wird zu einem Mythos.

Und dann – 427 Jahre später.

Ein abgeschottetes Tal, versteckt hinter unüberwindbaren Bergen, umgeben von einer Wüste, in der kein Leben existiert. Terra Burgess – ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Wer hier lebt, lebt nach alten Regeln: Bleib im Tal. Stell keine Fragen. Und geh niemals in die Salzwüste. Die Ältesten sprechen von einer verlorenen Welt, von einer Gefahr, die einst alles veränderte.

Lorenzo kennt keine andere Realität als diese. Er lebt, wie es ihm beigebracht wurde, in der Ordnung, die ihn umgibt. Unberührt von allem, was jenseits der Berge liegt. Bis er Lily trifft.

Lily ist anders. Sie stellt Fragen, auf die es keine Antworten geben darf. Sie sucht nach etwas, das im Tal längst verloren gegangen ist – oder vielleicht nie existiert hat. Und mit ihr erwacht eine Unruhe, die sich durch die Stille frisst, wie ein Feuer, das lange nur geschwelt hat.

Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie schlummert nur. Und als ein altes Geheimnis ans Licht kommt, beginnt das, was so lange verborgen lag, seinen Schatten auf die Gegenwart zu werfen. Die Ordnung gerät in Gefahr. Denn in einer Welt, die das Leben nur innerhalb ihrer Grenzen duldet, bleibt keine Wahl – entweder man fügt sich, oder man geht zugrunde.

Bist du bereit?

Über Jean Secré

Jean Secré ist Journalist, Pressefotograf, Schriftsteller, Bergsteiger und Abenteurer. Manche Teile seiner Geschichte haben einen echten Bezug zum Leben, während andere vollständig der Fantasie des Autors entspringen.

Monolog

Diese Geschichte ist nie passiert. Zumindest nicht so, wie ich sie hier aufgeschrieben habe. Aber könnte sie es nicht? Könnte sie nicht genau so passieren – vielleicht schon morgen? Aber Moment mal – zu viele Details vorwegzunehmen, das wäre doch langweilig. Was man wissen sollte: Es ist keine einfache Geschichte von Gut und Böse. Sie ist menschlich, in all ihren Facetten. Trotz allem, was düster und bedrohlich wirkt, soll sie aber in erster Linie unterhalten.

Die Handlung erstreckt sich über viele Jahrhunderte, zusammengefasst unter dem Titel ‚Broken Timeline‘. In einem ersten Entwurf nannte ich sie ‚Verborgene Zeit‘. Was verbirgt sich hinter diesen Namen? Was ist mit der Zeit passiert? Was hat sie unterbrochen? Und welche Geheimnisse liegen im Verborgenen, bleiben vielleicht für immer im Schatten? Und was wird ans Licht kommen?

Der „Kalte Krieg“? Der schien irgendwann in Vergessenheit zu geraten. Osten gegen Westen, die Berliner Mauer, der Eiserne Vorhang – alles war einmal Realität, die Menschen trennte. Ideologien prallten aufeinander. So wie sie es heute noch tun, wieder tun! Jeden Tag. Zu all dem gab es die Berechnungen der Experten, die im „Kalten Krieg“ erklärten, wie oft wir die Welt mit den vorhandenen Nuklearwaffen zerstören könnten, wenn wir nur wollten. Wenn wir sie gegeneinander, Menschen gegen Menschen, einmal abfeuern würden. Die Erde, ein zerbrochener Felsbrocken, ins All geschleudert, für immer. Damals?

Aber was, wenn …? Wenn es passiert? Gibt es dann noch eine zweite Chance? Diese Geschichte erzählt davon.

Inhalt

Vorwort 6

Über Jean Secré 8

Monolog 10

Am Rand der Zeit

Schatten der Vergangenheit 16

Lorenzos Traum 16

Verblasste Herrlichkeit 19

Das Amulett der Kaiserin 19

Die Berghütte 30

Ein ausgelassener Abend 30

Tausend Grad

Einmal Urlaub und zurück 36

Das Flüstern der Vergangenheit 36

Bella Italia 45

Ein langer Arbeitstag 51

Liebe und ein Lebewohl 57

Spuren der Zeit 62

Mai 1958 bis Juli 1986 62

Sonnenwind 110

Wechseljahre

Tage der Entscheidung 130

Auf der Flucht 150

Stille Spuren vergehen langsam 179

Genesis

Die Welt der Cittadini 184

Drei Freunde 194

Der Stolz der neuen Welt 216

Das Korallenriff 222

Die Schöne und das Biest 228

Lily und das Amulett 230

Der falsche Prinz 239

Epilog – Im Schatten der Zeit 254

Impressum 256

Buchvorschau 258

Am Rand der Zeit

Himmel und Erde waren vollendet.Es wurde Abend und es wurde Morgen.

Schatten der Vergangenheit

Lorenzos Traum

1

Silberfarbenes Mondlicht wirft unwirkliche Schatten. Hügel erheben sich wie kleine Inseln aus einem Meer dichter Nebelschwaden. Grashalme biegen sich unter der Last des frühen Morgentaus. Wasser rinnt an den Halmen hinab, tropft schwer zu Boden.

Genau dort setzt es seine langen, weißen Beine in das frische Gras. Seine Nasenspitze streift über die feuchten Halme, Atemwolken steigen dampfend aus den großen Nüstern auf in die kalte Luft. Schatten spielen im Mondlicht mit der wallenden Mähne, aus der sich ein Horn erhebt.

Eingehüllt in einen Schleier sanften Lichts steckt das Einhorn den Kopf in das feuchte Gras. Kräftig reißt es an den saftigen Stängeln, zermalmt sie mit seinen Zähnen.

Doch plötzlich – ein Zittern in der Luft. Ein Schatten, der nicht vom Mondlicht stammt.

Ein dumpfes Grollen zerreißt die Stille. Das Einhorn horcht auf. Seine braunen Augen weiten sich. Sekundenbruchteile verstreichen, in denen die Welt in perfekter Ruhe verharrt.

Als das Einhorn ihn anschaut, glaubt Lorenzo, eine Stimme zu hören. Nicht laut, sondern wie ein ferner Klang im Wind.

»Lorenzo … pass auf – es ist zerbrechlich.«

Die Stimme ist fast ein Flüstern. Er muss sich anstrengen, um zu verstehen, aber er erkennt sie sofort. Es ist die seiner Mutter.

Er möchte sie sehen, sucht nach ihr, doch da ist nur Nebel. Und – das Einhorn.

»Du musst auf es aufpassen, hörst …«

Er will etwas sagen, doch bevor die erste Silbe über seine Lippen kommt, verändert sich alles. Die Luft vibriert erneut und plötzlich ist da eine andere Stimme. Tiefer. Älter.

»Es ist filigran und schön … aber täusche dich nicht, es ist aus dem Feuer entstanden. Aus der Glut meines Schmelzofens!«

Mit einem Mal spürt Lorenzo die Hitze. Sie kommt von unten, von überall. Wie ein drückender, flammender Windhauch.

Jetzt sieht er die Glut – hellrot und schwarz, wie flüssiges Magma. Er taumelt zurück, doch der Boden ist nicht mehr fest – es ist eine Schmelze. Flüssiges, pulsierendes Glas.

Das Einhorn steht direkt vor ihm. Und sein ganzer Körper beginnt zu schmelzen. Tropfen fallen und verdampfen.

Ein Schmerz durchfährt ihn, als ob flüssiges Glas in seinen Händen zerfließt.

Das Einhorn starrt ihn an. Ein Zucken, ein Ruck geht durch das schmelzende Tier. Sein Kopf schnellt nach oben, die Nüstern geweitet.

Braune Augen, groß und dunkel, blicken in den Nachthimmel – und dann verändert sich alles. Ein grelles Licht schneidet durch die Dunkelheit, scharf wie eine Klinge. Ein Donnerschlag zerreißt die Luft. Der Himmel brennt. Alles beginnt sich aufzulösen.

Das Einhorn weicht zurück. Die Erde vibriert. Ein Abgrund öffnet sich, bodenlos und schwarz. Das, was noch von ihm übrig ist, bäumt sich auf. Sein gläserner Leib stemmt sich gegen die Gewalt der tobenden Elemente.

Das Licht ist gleißend. Blitze erfassen das Einhorn. Und für einen Moment – für einen furchtbaren Moment – reißt die zerstörerische Energie die Überreste zu Boden.

Die Welt verdunkelt sich.

Das Einhorn schreit.

Schwarze Regentropfen mischen sich mit dem klaren Tau der Morgenstunden. Der Wind heult durch das zerfetzte Gras.

Lorenzo reißt die Augen auf. Sein Atem geht schnell, seine Brust hebt und senkt sich unter der Last des Traums. Er fühlt die Kälte des Regens, das Zittern der Erde, die verzweifelten Schreie.

Sekundenlang liegt er einfach nur da, in der Dunkelheit seines Zimmers. Dann ganz leise ein Gedanke: Es war nur ein Traum, ein Albtraum.

2

Stunden nach dem Albtraum wachte Lorenzo wieder auf. Sein Körper war schweißgebadet, die Grenzen zwischen Traum und Realität noch verschwommen. Mit der linken Hand rieb er sich die Stirn, drückte dann fester, bis er den Druck an den Schläfen spürte.

Was ist hier los?

Die Frage hallte in seinem Kopf, doch seine wirren Gedanken glitten ihm durch die Finger. Kein einziger ließ sich fassen. Ein Schauer lief über seinen Rücken. Ihm war kalt.

»Ach«, stöhnte er in die Dunkelheit seines Zimmers. Saß aufrecht im Bett und wusste plötzlich nichts mehr.

Sein muskulöser Oberkörper sank zurück auf die harte Schlafbank. »Komm schon«, murmelte er und zog die schwere Leinendecke nach oben, bis seine Fußspitzen unten hervorschauten. Dann strampelte er sie wieder hinunter und begann seine Füße aneinanderzureiben, ließ sie abwechselnd bis zu den Knien hinaufwandern. Die Bewegung jagte eine wohlige Wärme durch seine Glieder.

Seine Augenlider flimmerten, schlossen sich. Ein letzter, tiefer Atemzug, ein leises Stöhnen. Dann atmete er gleichmäßig und ruhig.

Die Schatten fielen. Die Gedanken verschwanden dorthin, wo sie niemand je wiederfinden würde. Lorenzo war noch einmal eingeschlafen.

Verblasste Herrlichkeit

Das Amulett der Kaiserin

1

Für einen Augenblick vergaß Alessandro den Prozess und den eigentlichen Grund seines Aufenthalts in der alten Stadt – Venedig. Er begann zu träumen, während sich die teils baufälligen Gebäude um ihn aufzulösen schienen – nur um Sekundenbruchteile später in altem Glanz wiederzuerstrahlen.

Vor seinem geistigen Auge manifestierte sich eine Zeichnung, die er als kleiner Junge in einem der Kunstbücher gesehen hatte, die er damals so gerne durchstöberte: Zwei vornehme Damen flanierten über die Piazza, entlang der Prokurazien. Eine von ihnen war eine Kaiserin.

Die kolorierte Handzeichnung war signiert mit dem Datum 1861, in jener Schreibweise aus der verborgenen Zeit – daran erinnerte sich Alessandro. Den Namen des Künstlers hatte er vergessen.

Und die Kaiserin? Es war ein Kosename. Sisy.

Der Venezianer verlor sich in seinen Träumen – und plötzlich standen sie vor ihm.

2

Salzig schlug ihr die Meeresbrise entgegen.

»Mmh, ist das nicht ein herrlicher Tag?«, schwärmte Elisabeth. Ihre Begleiterin nickte zustimmend.

So vieles war ihr noch vertraut. Mit jedem Schritt über das Pflaster der Piazza wuchs ihre Lebensfreude. Elisabeth, von Freunden und Familie Sisy genannt, besuchte Venedig zum zweiten Mal. Fast fünf Jahre war es her, dass sie die Serenissima zum ersten Mal gesehen hatte. Damals, 1856, boykottierte der venezianische Adel die österreichische Herrschaft.

Jahrzehnte zuvor hatte der letzte Doge abgedankt und die Stadt Napoleon Bonaparte übergeben – das Ende der politischen Eigenständigkeit der einst mächtigen Handelsstadt. Für einen kurzen Moment schien die Freiheit zurückzukehren, als die Venezianer die Republik San Marco ausriefen. Doch nach langer Belagerung marschierten österreichische Truppen in die Stadt ein. Und mit ihnen kam die Cholera.

Was als Pflichtbesuch geplant war – eine Reise an der Seite ihres Gemahls Franz Joseph, Kaiser von Österreich, König der Lombardei und Venedigs, mehr als ein halbes Jahrhundert nach jenen Ereignissen – wurde für die junge Monarchin zur Leidenschaft. Sie verliebte sich in die Geschichte der Hafenstadt an der nördlichen Adria. In die malerischen Gassen, die Palazzi, die zahlreichen Kirchen und belebten Plätze. Und in den Geruch der Lagune.

Jetzt hatte sie sich erneut mit der Serenissima verabredet. Mit jedem Atemzug spürte sie die Energie, die sie beim Anblick der Stadt erfüllte. Doch das Jahr 1861 war eine Zeitenwende: Mit der Gründung des Königreichs Italien unter der Herrschaft des Hauses Savoyen kündigten sich tiefgreifende Veränderungen an.

Nach einem langen Frühstück in der Residenz des österreichischen Gouverneurs, wo Elisabeth seit drei Tagen wohnte, direkt am Markusplatz, brach sie gemeinsam mit ihrer Hofdame zu einem Spaziergang über die sonnenüberflutete Piazza San Marco auf. Kein großes Programm, nur Flanieren und Stöbern in den kleinen Läden.

Dafür hatten sich beide standesgemäß herausgeputzt und ihre schönsten Schmuckstücke angelegt. Sisy trug ein Collier aus Bernstein, während am Hals ihrer Begleiterin ein dickes, mit Diamanten besetztes Amulett funkelte, das an feinen, parallel aneinandergereihten goldenen Kettengliedern befestigt war.

»Schau mal, Lily! Da! Siehst du den? Der sieht lustig aus«, gluckste Elisabeth und zeigte auf einen Mann mittleren Alters, der sich mit einer riesigen Staffelei abmühte. Vergeblich versuchte er, sie gerade auszurichten, doch immer wieder neigte sie sich in eine abenteuerliche Schräglage.

»Was hat der denn vor?« Lily – in ihren Kreisen als Karoline Gräfin Alásy von Sümeg bekannt – zuckte belustigt mit den Schultern. »Vielleicht soll das ja das größte Bild vom Markusdom werden, das je gemalt wurde«, spöttelte sie.

»Vielleicht hast du recht. Wir sollten das in Erfahrung bringen«, schlug Elisabeth vor.

Lily hielt das für keine besonders gute Idee, nickte aber dennoch zustimmend – aus Neugierde und wohl auch aus Gewohnheit. 1834 in eine alte ungarische Adelsfamilie geboren, war sie früh mit den Regeln und Gepflogenheiten der österreichischen Monarchie konfrontiert worden. Ihrer kaiserlichen Hoheit zu widersprechen, kam selten infrage, besonders wenn diese sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Trotz ihrer Zurückhaltung verband die beiden ein enges, freundschaftliches Verhältnis – und Lily galt als Elisabeths engste Vertraute.

Als die beiden Frauen den Maler erreichten, dessen Staffelei gerade mit einem klackenden Scheppern endgültig nachgab, war er so in seine Arbeit vertieft, dass er seine belustigten Zuschauerinnen zunächst nicht bemerkte. Erst als Sisy ihn mit ihrem kleinen Sonnenschirm anstupste – jenem, der für gewöhnlich locker an ihrem rechten Arm baumelte, wenn er nicht aufgespannt war –, blickte er überrascht auf.

»Mi scusi, per favore«, sagte der Mann verwirrt. Im Verlauf der Unterhaltung erfuhren sie, dass er Giovanni hieß.

Sisy sprach etwas Italienisch. Lily ebenfalls. Eine einfache Konversation klappte.

»Was wollen Sie malen?« fragte Sisy.

»Ähm … die Menschen auf dem Platz vor dem Dom«, antwortete Giovanni.

»Wie groß soll das Bild werden?« Sisy klang neugierig. Auch Lily schaute Giovanni mit großen Augen an – der es inzwischen aufgegeben hatte, seine Staffelei aufzurichten. Immer wieder sackte sie in sich zusammen.

»Äh, nicht so groß. Eher klein«, stammelte er und wurde rot im Gesicht, als er einen kleinen Skizzenblock aus seinem Beutel zog und darauf zeigte. »Die Staffelei habe ich von einem Freund ausgeliehen. Sie ist viel zu groß. Ich male erst seit elf Monaten. Ich sollte mir eine eigene kaufen.«

Giovanni lachte, als er in die amüsierten Gesichter der Frauen blickte. Angetan von ihrer Schönheit betrachtete er den reich verzierten Stoff ihrer Kleider, besetzt mit feinster Spitze, und bewunderte die kunstvolle Haarpracht der einen – jene, die neugieriger zu sein schien als ihre Begleiterin. Ihre langen braunen Haare waren geflochten und elegant aufgesteckt.

Ihr Charme und ihre warme, offene Art veranlassten Giovanni, eine forsche Frage zu stellen – eine, die ihm unter normalen Umständen, im Angesicht solch vornehmer Frauen, zweifellos Aristokratinnen, niemals über die Lippen gekommen wäre.

»Darf ich Sie beide zeichnen? Hier auf dem Markusplatz?«

Sisy bemerkte, wie Lily bereits abwinken wollte, und gab ihr einen leichten Handwischer auf den Oberarm. Dann wandte sie sich Giovanni zu, der sie offensichtlich bewundernd ansah, und nickte.

»Gern. Ich hoffe nur, Sie sind ein guter Maler. Wo sollen wir uns hinstellen?«

3

Das Zusammentreffen mit dem tollpatschigen Maler, der sich als begabter Künstler mit Blick fürs Detail, die nötige Dramatik und die Perspektive erwies, sorgte selbst am Abend in den kaiserlichen Appartements noch für Gesprächsstoff.

Das Zimmer, in dem es sich die kaiserliche Hoheit mit ihren Hofdamen bequem gemacht hatte und belustigt plauderte, war klassizistisch: weiß getäfelte Wände, malvenfarbene Seide, goldene Ornamente, kostbar gewebte Wandbehänge. An den Decken prangten Gemälde mit mythologischem Inhalt, eingerahmt von mächtigen Kristallleuchtern. Auch die Bilder an den Wänden krönten schwere, goldene Rahmen. Sitzmöbel und Tische waren reich mit goldfarbenen Verzierungen geschmückt.

»Hast du gesehen, wie der geguckt hat, als du ihm deinen Namen gesagt hast?« witzelte Lily.

»Na ja. Man porträtiert schließlich nicht jeden Tag eine Kaiserin, oder?« erwiderte Sisy.

Das Bild hatten sie Giovanni geschenkt, ihm zum Abschied viel Glück gewünscht, als er mit zitternder Hand das Werk mit dem Titel „Sisy, Kaiserin von Österreich und Lily“ signierte.

»Was für ein schöner Tag. Der sollte nie zu Ende gehen«, schwärmte die Kaiserin, erhob sich leichtfüßig von ihrem Stuhl und trat ans Fenster. Die schweren roten Vorhänge mit goldenem Blumendekor bewegten sich im kühlen Wind der Meeresluft. Vor den bodentiefen Fenstern erstreckten sich kleine Balkone mit Blick auf den Bacino di San Marco – weit hinaus in die Lagune. Hinweg über Handelsschiffe, Fischerboote und Gondeln.

4

Allmählich kehrten Alessandros Gedanken zurück zu jenem Tribunal – einem Tribunal, das nur tagte, weil er selbst am Abend zuvor den Anlass dafür gefangen genommen hatte.

Jetzt stand er dort, unter dem Portal der Prokurazien, und ließ den Blick über die Männer schweifen, die noch immer diskutierten. Der sanfte Wind wehte ihre Stimmen in Fetzen zu ihm herüber, einzelne Silben, Bruchstücke eines längst entschiedenen Schicksals. Er las in ihren Gesten wie in einem offenen Buch, dechiffrierte jede Nuance.

Lange sollte es nicht dauern. Er wusste es. Der Junge war verloren.

»Das Urteil ist längst gefällt«, murmelte er in den Wind.

»Es lautet Tod.«

5

Viele hundert Jahre vor Allesandro, in einer anderen Zeit, saß Ella Engel träumend in einem Bistro an der Molo. Seit den Tagen von Sisy waren hundert Jahre vergangen, doch der Blick auf die Lagune hatte sich kaum verändert. Auch im Sommer 1958 lag der Zauber Venedigs ungebrochen über der Stadt.

Nach ihrer Ankunft hatte sie sich nur kurz im Hotel frisch gemacht. Den hellbraunen Lederkoffer halb ausgepackt auf dem Bett liegen lassen. Noch immer trug sie den weißen Faltenrock mit den kleinen schwarzen Punkten, der knapp über dem Knie endete – jetzt kombiniert mit einer pfirsichfarbenen Leinenbluse. Dazu bequeme weiße Slipper aus weichem Leder.

Ihr Blick war leer, ihre Gedanken nicht. Sonnenstrahlen funkelten auf den Wellen, die sich sanft kräuselten. Sie beobachtete beladene Barken, Jollen, große und kleine Jachten mit ein oder zwei Masten, dazu Gondeln, die sich mutig im Wellengang wiegten. Dahinter, am anderen Ufer des Kanals, erhoben sich die barocken Kuppeln der Santa Maria della Salute wie eine gemalte Kulisse.

Doch es war das Schiff, das ihre Fantasie fesselte. Ein Dreimaster, im San-Marco-Becken vor Anker, die weißen Segel im Wind flatternd. Ella ließ den Blick über jedes Detail gleiten – und dachte an den tollkühnen Piraten, der sie an diesem Morgen aus dem Labyrinth der venezianischen Gassen gerettet hatte. In Gedanken sah sie sich in seinen Armen, hoch oben in der Takelage, von Mast zu Mast schwingend, während die Mannschaft jubelte – so wie Errol Flynn in einem Hollywood-Film, den sie in Pfaffenhofen im Kino gesehen hatte.

Es kam, wie es kommen musste. Ella hatte sich verliebt. Vielleicht in den schönen Unbekannten, bestimmt aber in die Stadt.

Schwarze, lockige Haare. Ein kleiner Schnurrbart über weichen Lippen. Beinahe verwegen. Ihr erster Gedanke: Pirat. Als sie in seine braunen Augen blickte, die im Licht der Morgensonne grünlich schimmerten, hämmerte ihr Herz wie nie zuvor.

»Mi chiamo Michele. Michele Mura«, hatte er sich ihr vorgestellt.

Höflich, fast zu höflich für einen Piraten, dachte Ella.

Wenn sie ihn richtig verstanden hatte, war er auf dem Weg zur Arbeit. Mehr hatte er nicht gesagt. Oder sie nicht verstanden.

Aber das war jetzt egal.

Den ganzen Tag war sie durch Venedig gestreift, hatte die Stadt in sich aufgesogen. Jetzt saß sie erschöpft in diesem kleinen Bistro an der Piazzetta San Marco, blickte mit wasserblauen Augen in den azurblauen Himmel, beobachtete die Möwen und die Tauben, die sich von Touristen füttern ließen. Und dachte an ihn. Würde sie ihn je wiedersehen?

Wahrscheinlich nicht. Sie kannte weder die Stadt noch die Sprache gut genug. Und doch – sie würde es versuchen. Sie würde Venedig nach ihm absuchen. Jeden Winkel durchstreifen, unter jede Brücke schauen. Bei den Schiffen würde sie gleich beginnen. Ella musste schmunzeln.

Sie nahm einen Schluck ihres allerersten Espressos – und verzog das Gesicht. Bitter. Zu bitter. Eilig leerte sie die winzige Tasse, spülte mit Wasser nach und schob das silberne Tablett zur Mitte des runden Tischchens.

Gerade als sie aufblickte, kamen zwei auffällig adrett gekleidete Frauen über die Piazzetta direkt auf sie zu. Sie sprachen Deutsch – mit österreichischem Akzent. Die eine, mit kurzen schwarzen Haaren, war schlicht gekleidet. Die andere, eine Brünette, trug ein aufsehenerregendes Kleid mit tiefem Dekolleté. Auf den angehobenen, fülligen Brüsten funkelten Diamanten.

Doch es war nicht das Kleid, das Ellas Blick fesselte. Es war das Collier.

Ein goldenes Amulett, diamantenbesetzt, gehalten von feinen Kettengliedern. Als die Frauen an ihr vorübergingen, berührte Ella unwillkürlich ihren Hals. Es war, als könnte sie das Collier dort spüren.

Sie seufzte. Dann kehrten ihre Gedanken zurück zu Michele.

Als sie aufsprang, um nach ihm zu suchen, stoben vor dem Dogenpalast unzählige Tauben in die Luft. Das Schlagen ihrer Flügel hallte über den Markusplatz, hallte von den Fassaden des Doms wider und dem frei stehenden Glockenturm, dem Campanile.

Die Stadt pulsierte um sie herum, Stimmen, Gelächter, das Klappern von Schuhen auf den alten Pflastersteinen. Sie ließ sich davon treiben, ließ sich von ihrer Sehnsucht führen. Dann verschwand sie in der Menge.

6

In Ella Engels Zeit – Jahre später und Monate nach einem schicksalhaften Ereignis, das Toni in seiner Berghütte bei Seis am Schlern beobachtet hatte – versammelte er an einem Freitag, oder was er dafür hielt, die Mitglieder der Neuen Welt um sich.

»Bürger! Lasst uns eine neue, eine bessere Welt erschaffen als die alte es je war!«, rief er mit erhobener Stimme. »Wir wollen nicht länger jene Menschen sein, die Elend und Leid über andere bringen. Cittadini! Keiner von uns soll sich von seinem Nachbarn unterscheiden. Keine Missgunst, keine Verbrechen mehr!«

Er breitete die Arme aus, ließ den Blick über die Menge gleiten.

»Legt eure Nachnamen ab – diese Relikte der Vergangenheit, die uns trennen! Ich werde euch beim Vornamen nennen.«

Jubel brandete auf.

»Cittadini! Lasst uns eine neue Welt erschaffen.«

Am selben Tag legte Toni gemeinsam mit seinen engsten Vertrauten – Swetlana, Alois, Matilde, Helga und Anthony – Regeln fest, die fortan für alle galten, ob Mann, Frau oder Kind.

Der Besitz von Waffen wurde streng verboten. Selbst Rasiermesser mussten abgegeben werden. Die Büffelrinder durften nicht mehr getötet werden. Schmuck, Gold, Geld – alles, was einst von Wert war, wurde eingezogen.

Fast alles.

Anna durfte ihr kleines Einhorn aus Glas behalten. Und nicht jeder gehorchte restlos.

Maria Frederike von Sümeg, eine österreichische Adelige, brachte es nicht übers Herz, sich von ihrem Erbstück zu trennen – einem Collier, das einzigartig war. Sie versteckte es, so wie andere kleine Erinnerungsstücke an eine Welt, die nicht mehr existierte.

So entstanden, ungewollt, neue Unterschiede.

Eine stille, exklusive Clique formierte sich – jene, die mehr wussten als die anderen, die mehr besaßen, die mehr Privilegien genossen.

Sie bewahrten das Geheimnis der Vergangenheit. Denn sie hatten erlebt, was geschehen war. Sie wussten, wie schnell Ordnung im Chaos versinkt.

Und die Jahrhunderte verstrichen.

7

Der Prinz betrachtete das Collier in Alessandros Händen. Ein Schmuckstück – weiter nichts. Und doch durchfuhr ihn eine seltsame Gewissheit.

»Ich kenne das«, murmelte er.

Alessandro hob eine Braue. »Wie bitte?«

»Ich habe es gesehen. Nicht in echt, aber auf einer Zeichnung.«

Der Prinz zog die Stirn in Falten. »Es ist das Collier einer Kaiserin. Ihr Name steht in den alten Chroniken. Und jetzt taucht es hier auf – mit deiner Freundin Lily.«

Alessandro verzog den Mund. »Ja, ich kenne es auch. Ich habe davon geträumt, als der geheimnisvolle Fremde zu uns kam. Aber es könnte eine Fälschung sein.«

Der Prinz schüttelte den Kopf. »Nein. Das ist es nicht.«

Er beugte sich vor, ließ die Finger über die filigrane Metallarbeit gleiten, über die funkelnden Edelsteine. Ein Zeichen der Macht. Und jetzt gehörte es Lily.

»Ihr glaubst, sie ist …« Alessandro stockte.

Der Prinz antwortete nicht sofort. Seine Fingerspitzen berührten die Diamanten, sein Blick ruhte auf dem Collier.

Wenn das stimmte, war Lily nicht einfach nur ein Mädchen aus diesem Tal.

Sie war etwas anderes. Etwas Größeres. Ein Nachhall der alten Zeit, genauso wie Lorenzo und die Runen im Bauch des Einhorns.

Die Berghütte

Ein ausgelassener Abend

1

Am Vorabend des 20. Dezember 1986, in einer abgelegenen Berghütte bei Seis am Schlern: Anton Rossi öffnete die schwere Holztür und grinste breit, als er seinen alten Freund Alois Wegleitner erblickte.

»Ja schau her, wer do is!«, rief er aus und klatschte Alois kräftig auf die Schulter. »Hob scho gmoant, ihr findets net mehr her!«

»Toni, du olta Lausbua!« Alois lachte, sein Gesicht gerötet von der kalten Bergluft. Er zog seine Frau Matilde näher. »Do bring i dir die Matilde a mit, sunst hätt i nit kemma dürfa!«

Matilde, in einen dicken Wollmantel gehüllt, verdrehte die Augen. »Ja freili, ohne mi verlauft er sich ja sofort! Wo isch denn die Swetlana?«

»Da drinnen, am Herd. Sie mocht die besten Knödel, die du je gessn hosch!« Toni zwinkerte und winkte die beiden hinein.

Drinnen prasselte das Feuer im offenen Kamin, tauchte die Stube in flackerndes Licht. Der Duft von Knödeln, Speck und Rotwein lag schwer in der Luft.

Der Gruber-Sepp, die Ziehharmonika in der Hand, hob den Kopf und rief: »Ja, do san’s endlich! Alois und Matilde, geats eich guat?«

»Sepp, du olter Hund, hob i di a moi wiedergfundn!« Alois lachte und ließ sich auf eine der rustikalen Holzbänke plumpsen.

Der Wein floss, die Stimmen wurden lauter, die Lieder vertrauter. Die Stimmung war ausgelassen.

Das Durchschnittsalter der Runde lag längst jenseits der fünfzig – und wäre noch höher gewesen, hätte Swetlana mit ihren achtunddreißig Jahren den Schnitt nicht gnadenlos nach unten gezogen.

Toni saß an einem der Tische, ein Glas Rotwein in der Hand, und erzählte alte Geschichten. Swetlana schüttelte nur den Kopf.

»Mei Luci weiß doch sowieso olles besser!«, lachte er und küsste sie auf die Wange.

Der Gruber-Sepp sprang auf die Bank, hob sein Glas und rief: »Auf eich zwoa! Und auf die nächsten zehn Johr Gaudi do heroben!«

»Auf die nächsten zehn!«, erklang es vielstimmig. Gläser klirrten, Stimmen hallten von der massiven Zirbelholzdecke wider.

Draußen, vor der Berghütte, türmten sich die Wolken über den Gipfeln. Der Wind nahm zu.

2

Spät in der Nacht von Freitag auf Samstag war es in der Berghütte still geworden. Die meisten Gäste lagen längst in ihren Stuben, auch Toni und Swetlana hatten sich zurückgezogen.

»Es war ein schöner Abend. Danke«, flüsterte Luciana. Ihre Finger glitten über Tonis Brust, zeichneten sanfte Linien auf seine Haut. Langsam schob sie sich näher, ihre Berührungen wurden intensiver.

3

Beim Frühstück – es war bereits fast eins am Nachmittag – herrschte Katerstimmung. Einige klagten über Kopfschmerzen.

»Aber wir lassen uns doch das gute Frühstück nicht verderben!« Josef Gruber polterte gut gelaunt. Es gab Bauernbrot mit Speck, dazu Almkäse und literweise heißen Kaffee.

»Geht das auch etwas leiser?« knurrte Helga und hielt sich den Kopf.

Auf der knarrenden Holztreppe erschien Toni.

»Guten Morgen!« rief Josef grinsend. »Wo ist denn deine Liebste?«

»Liegt noch im Bett«, brummte Toni.

»Mensch, leiser!« zischte Helga und stöhnte. Ihr Nebenmann Alois grinste verschmitzt.

»Du brauchst gar nicht so zu grinsen. Und hör auf zu schmatzen«, fuhr sie ihn an.

Toni sah in die Runde. »Was habt ihr heute vor?«

Ratlose Blicke.

Nach kurzem Grübeln stand Alois auf, als wolle er eine Rede halten. »Was wäre schöner hier im Herzen der Dolomiten als eine erfrischende Bergtour? Der Weg ist geräumt, kaum Tiefschnee. Wir könnten zum Schlern wandern. Was haltet ihr davon?«

»Super!« rief Josef Gruber spontan. Zwei andere am Tisch hoben zögerlich die Hand. Doch nicht alle waren begeistert von der Idee, mit einem Brummschädel einen Berg zu erklimmen.

»Ohne mich.« Matilde verzog das Gesicht. Mit beiden Händen umklammerte sie ihren dampfenden Kaffeebecher. Ihre rot gefärbten Haare waren hoch toupiert, ihre dunklen Wimpern klimperten zweimal, bevor sie versonnen in die Runde blickte.

»Ich bin dafür, dass wir in die Stadt fahren, ein bisschen shoppen und dann lecker essen gehen.«

»Tolle Idee. Da bin ich auch dabei«, flüsterte Helga.

»Jungs, Matilde hat recht. Den Berg könnt ihr später besteigen. Der läuft euch nicht weg.«

Unbemerkt war Swetlana über die Treppe in den Frühstücksraum gekommen und stand nun am Tisch.

Es folgte eine hitzige Diskussion, an deren Ende sich die Gruppe in zwei Lager spaltete: Die Frauen wollten nach Bozen fahren, die Männer beharrten auf einer Wanderung durch die – wie sie fanden – einzigartige Welt der Dolomiten.

»Wisst ihr was …« Toni hob die Hände. »Es ist jetzt schon fast halb drei. Viel zu spät für eine Bergtour und genauso zu spät für einen Stadtbummel. Heute ist Samstag. Was haltet ihr von einem Spielenachmittag? Und heute Abend lade ich euch alle zum Essen ein.«

»Super Idee!« Josef war sofort dabei. Sogar Helga nickte begeistert.

»Was spielen wir?« fragte Toni. »Monopoly, Mensch ärgere dich nicht oder, was ich am liebsten spielen würde, Das Spiel des Wissens?«

4

Beinahe zwei Stunden war der harte Kern der Gruppe mit dem Spiel des Wissens beschäftigt.

»Wie heißt der mystische Ort, der bei einer Naturkatastrophe im Meer versunken ist?« Helga blickte fragend in die Runde.

»Soll das Atlantis sein?« fragte Swetlana.

»Genau. Richtig. Untergegangen. Mit Mann und Maus.« Der Sarkasmus in Alois‘ Stimme war nicht zu überhören.

»Du bist gefühllos!« Matilde stieß ihm in die Rippen. Alois, der zwischen ihr und Helga saß, rollte unschuldig mit den Augen.

»Wie Avalon«, überlegte Swetlana. »Ihr wisst schon, die geheimnisvolle Insel von König Artus.«

Während sie weiter über mystische Orte diskutierten, hallte plötzlich ein dumpfes Grollen durch die Berghütte.

Einen Moment lang hielt die Gruppe inne. Dann standen Toni und die anderen auf und liefen hinaus.

Am Himmel zog sich ein dicker Kondensstreifen entlang, der sich in nordwestlicher Richtung langsam auflöste. Er bewegte sich schnell nach Südosten, als würde er dem Horizont entgegenstürzen.

»Was zur Hölle …?« Toni runzelte die Stirn.

»Das Ding fliegt zur Adria«, murmelte Alois.

Staunend verfolgten sie das Schauspiel. Die Flugbahn wirkte merkwürdig, fast falsch.

»Das kommt von weiter oben runter«, sagte Toni leise. Tatsächlich schien das Objekt zu sinken – bis es ganz verschwand.

»Hm.« Alois kratzte sich am Kopf. »Weg.«

»Da! Schaut mal! Seht ihr das auch?« Matilde zeigte in die Ferne.

Dort, wo das Flugobjekt verschwunden war, stieg eine Wolke in den Himmel. Sie schien von innen heraus zu leuchten, wuchs höher und immer höher, bis sie sich wie ein gewaltiger Pilz am Horizont ausbreitete.

Einen Moment lang stand die Gruppe wie erstarrt.

Matilde rieb sich die Arme. »Ich glaube, ich habe den Boden vibrieren gespürt.«

Swetlana drängte sich an Toni, ihre rehbraunen Augen zusammengekniffen. »Was ist das?«

Toni wusste keine Antwort. Aber etwas daran ließ ihn frösteln.

»Ist da ein Helikopter abgestürzt?« flüsterte Swetlana.

»Oder schlimmer – ein Flugzeug?« mutmaßte Matilde.

»Nein.« Toni schüttelte langsam den Kopf. »Das war kein Flugzeug. Und schon gar kein Helikopter.«

Ein tiefes Unbehagen erfasste ihn. Er konnte es nicht erklären, aber er wusste: Etwas Schreckliches war gerade geschehen.

»Leute, wir müssen hier weg. Packt eure Sachen und steigt in die Autos.«

Ohne weitere Fragen stürmten alle zurück in die Hütte und begannen zu packen.

Tausend Grad

Sie nahm von seinen Früchtenund gab auch ihrem Mann davon. Und auch er aß.

Einmal Urlaub und zurück

Das Flüstern der Vergangenheit

1

Es war Ende Mai, und die berühmte Stadt an der Lagune platzte aus allen Nähten. Täglich spülten Autos und Reisebusse neue Touristen nach Tronchetto, während Züge und Flugzeuge unaufhörlich frische Massen nach Venedig brachten.

Dann brach die Horde über die Stadt herein. Sie bevölkerten den Markusplatz, drängten sich auf den kleinen Piazzas, standen in dichten Reihen auf den Brücken, um den vorbeigleitenden Gondolieri zuzusehen. Sie belegten Cafés und Restaurants, ließen sich durch enge Gassen treiben. Fütterten die Tauben vor dem Markusdom – für ein schnelles Urlaubsfoto, für tausend Lire eine Tüte Mais.

Und sie brachten das Geschäft nach Venedig. Kauften Masken, Schmuck, Souvenirs aus Glas. Fuhren hinaus in die Lagune, nach Torcello, Burano, nach Murano – auf der Suche nach Glaskunst, nach Erinnerungen.

2

»Matteo, ich weiß wirklich nicht, was die von mir wollen.« Der zierliche Mann presste die Lippen zusammen, strich über seinen dunklen Schnauzer und nahm einen Schluck Espresso.

Matteo stand hinter dem Tresen seiner Trattoria – einem kleinen Lokal, das Michele Mura seit Jahrzehnten fast jeden Morgen besuchte, für eine Tasse Espresso, ein paar Zeilen in der Zeitung und ein Gespräch mit seinem alten Freund.

Während Matteo Gläser und Tassen abtrocknete, dachte er über Micheles Anliegen nach. »Also, ich finde das eine tolle Sache.«

»Meinst du?« Der zierliche Mann mit dem Schnauzer stellte seine leere Espressotasse auf ein winziges silbernes Tablett, zündete sich eine Zigarette an und blies langsam den Rauch aus. »Dann sollte ich zusagen.«

Matteo nickte, griff nach dem nächsten nassen Glas und rieb es trocken.

Ein sonores »Arrivederci, Matteo«, dann verließ Michele Mura sein Stammlokal.

---ENDE DER LESEPROBE---