Technik und Lebenswirklichkeit -  - E-Book

Technik und Lebenswirklichkeit E-Book

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Beschreibung

Philosophen, Theologen und Soziologen deuteten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Technik als ein die gesamte Lebenswirklichkeit prägendes Phänomen. Dabei entwickelten sie sehr unterschiedliche Positionen. Walter Benjamin sah in der Technik einen Weg, die Wirklichkeit neu zu konstruieren; Rudolf Bultmann nahm die Technik zum Anlass, das Transzendente neu zu bestimmen. Der Band bietet in Teil I Rekonstruktionen klassischer Positionen der Technikdeutung: Max Weber, Ernst Troeltsch, Paul Tillich, Rudolf Bultmann, Dietrich Bonhoeffer, Walter Benjamin, Martin Heidegger. Die Beiträge in Teil II des Bandes thematisieren neuere theologische Zugänge zur Technik.

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Anne-Maren RichterChristian Schwarke (Hrsg.)

Technik und Lebenswirklichkeit

Philosophische und theologische Deutungen der Technik im Zeitalter der Moderne

Verlag W. Kohlhammer

Gefördert mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des SFB 804 der Technischen Universität Dresden.

Umschlagabbildung: Erich Schilling: „Der natürliche Tod in Berlin“, in: Simplicissimus 34 Jg. (1929), Heft 32, S. 395.

1. Auflage 2014

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-024138-1

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-024139-8

epub:    ISBN 978-3-17-024140-4

mobi:    ISBN 978-3-17-024141-1

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Danksagung

Die Beiträge dieses Bandes gehen in der Mehrzahl auf eine Tagung mit dem Titel „Unverfügbarkeit und Handlungsfreiraum. Gestalten anthropologischer und theologischer Technikdeutung“ zurück, die im Rahmen des Teilprojektes N „Konstruktionen von Transzendenz und Gemeinsinn in Technik und Theologie“ im Dresdner Sonderforschungsbereich 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“ im April 2012 durchgeführt wurde. Die Planung, Organisation und Moderation der Tagung lag in den Händen Anne-Maren Richters.

Den Autorinnen und Autoren sei ausdrücklich für Ihre Bereitschaft gedankt, sich auf die Fragestellung des SFB einzulassen und ihre Ergebnisse für diese Publikation zur Verfügung zu stellen.

Viele haben sowohl am gelungenen Ablauf der Tagung als auch an der Fertigstellung des Bandes mitgewirkt.

Katharina Neumeister, M.A., hat die interne Organisation wesentlich mitgetragen. Katharina Kallähne und Annemarie Zielke haben bei der Tagung mit großem Einsatz die unerlässliche Unterstützung geleistet. Anne Katrin Lemmel hat – unterstützt von Anja Pulver, Nele Weduwen und Annemarie Zielke – die Mühe der Redaktion des Bandes übernommen und die Texte umsichtig in Form gebracht. Allen sei für Ihr Engagement sehr herzlich gedankt.

Wir danken dem Sprecher des Sonderforschungsbereichs, Prof. Dr. Hans Vorländer, für die finanzielle Unterstützung der Tagung und der Publikation aus den Mitteln des Sonderforschungsbereichs.

Herrn Jürgen Schneider danken wir sehr für die Aufnahme des Buches in das Verlagsprogramm.

 

Die Herausgeber

Inhaltsverzeichnis

Technik und Lebenswirklichkeit in der Moderne. Zwischen Unverfügbarkeit und Handlungsfreiraum – Eine Einleitung

Christian Schwarke und Anne-Maren Richter

I Theologische und philosophische Technikdeutungen

Max Weber als Theoretiker technischer Rationalität

Georg Neugebauer

Dem Unverfügbaren gelassen begegnen. Martin Heideggers wesentliche Besinnung auf die Technik

Philipp David

Auratisch – Technik und Transzendenz in Walter Benjamins „Kunstwerkaufsatz“

Malte Dominik Krüger

Paul Tillichs Technikdeutung im Kontext seiner wissenschaftssystematischen und religionsphilosophischen Schriften der 1920er Jahre

Thorsten Moos

„Nuclear Knowledge, the Special Serpent of our Time“ – Gordon D. Kaufman, Sallie McFague und der Ruf nach einer Theologie für das Nuklearzeitalter

Anne Katrin Lemmel

Wohltaten und Dämonien. Eine Deutung des Technikbegriffs bei Dietrich Bonhoeffer

Hermann Diebel

II Zugangsmethoden und Kategorien der Technikdeutung

„Unverfügbarkeit“. Die (technik-)ethische Anwendung des Begriffs und der Inhalt der Begriffsprägung bei Rudolf Bultmann

Anne-Maren Richter

Transzendente Technik? Die Transzendenzkonstruktion von Technik durch Michael Trowitzsch in der transdisziplinären und theologischen Kritik

Ralph Charbonnier

Technik als Ritual, Ritual als Technik. Über einen elementaren Zusammenhang zwischen Transzendenz und Gemeinsinn

Christian Polke

Laien, Experten, Propheten: Zur Rolle von Theologen in Technikdiskursen

Stephan Schleissing

Autorenverzeichnis

 

 

 

 

        Trotz eingehender nachforschungen ist es uns leifed nicht in allen Fällen gelungen, die inhaber- von text und bildrechten zu ermitteln. Für entsprechende Hinweise sind Autor undVerlag dankbar.

Christian Schwarke, Anne-Maren Richter

Technik und Lebenswirklichkeit in der Moderne. Zwischen Unverfügbarkeit und Handlungsfreiraum – Eine Einleitung

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ließ die Erkenntnis unabweisbar werden, dass Technik die gesamte Lebenswirklichkeit der westlichen Gesellschaften durchdringt. Konnte man als Intellektueller im 19. Jahrhundert noch einzelne Produkte industrieller Fertigung nutzen, sich aber ansonsten in die Villenviertel Berlins oder Heidelbergs zurückziehen, so drang Technik nach dem Ersten Weltkrieg sowohl durch die Präsenz ihrer Artefakte (Industrieanlagen ebenso wie Automobile) als auch durch die mit ihr einhergehenden Konflikte in die Alltagswelt der bürgerlichen Schichten ein. Nun wurde Technik als ein dominierender Faktor der Kultur wahrgenommen, den es zu verstehen, einzuordnen und möglichst einzuhegen galt. Die philosophischen und theologischen Konzepte, die auf diese Lage reagieren und cum grano salis zwischen 1919 und 1950 entstanden, bestimmen bis heute maßgeblich die Diskussion. Es gibt keine Technikphilosophie oder -theologie, die nicht in der einen oder anderen Weise an Martin Heidegger anknüpfte.1 Kaum ein kulturwissenschaftlicher Beitrag zur Medientechnik in der Moderne kommt ohne Verweis auf Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz aus.2

Die in diesem Band vorgelegten Studien gehen in der Mehrzahl auf eine Tagung zurück, die im Rahmen des systematisch-theologischen Forschungsprojektes „Konstruktionen von Transzendenz und Gemeinsinn in Technik und Theologie“ im Dresdner Sonderforschungsbereich 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“ veranstaltet wurde. Im Gegensatz zu ethischen Themenstellungen und deren normativen Implikationen ging es dem Projekt um eine Hermeneutik der Technikwahrnehmung, insofern darin Transzendenzverweise sichtbar werden. Unter „Transzendenz“ werden dabei solche Diskurse und Praktiken verstanden, die sich auf die Konstruktion von „Unverfügbarkeiten“ beziehen. Insbesondere im 20. Jahrhundert wurde Technik wahrgenommen als in Spannung stehend zwischen einer Verfügbarmachung natürlicher Prozesse und der Erzeugung neuer Kontingenz.

Hatte der Vorgängerband zu diesem Buch3 das Verhältnis von Technik und Transzendenz im Rahmen einer Bestimmung der Technik als Kultur durch historisch-empirische Fallstudien zu erhellen versucht, so geht es nun um eine Auseinandersetzung mit theologischen und philosophischen Deutungen der Technik. Das Ziel der dem vorliegenden Band zugrunde liegenden Tagung mit dem Titel „Unverfügbarkeit und Handlungsfreiraum. Gestalten theologischer und anthropologischer Technikdeutung“ lag darin, den Schwerpunkt von der eher negativen Konnotierung des Technischen in der deutschen Theologie und Philosophie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugunsten einer mehr konstruktiven Blickrichtung zu verschieben. Um solche konstruktiven Verhältnisbestimmungen zwischen Techniken und Handlungsspielräumen der modernen Lebenswelt zu eröffnen, wurden religionstheoretisch und anthropologisch relevante klassische Technikdeutungen analysiert.

Die Beiträge des ersten Teils rekonstruieren einzelne Techniktheorien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie zeigen das breite Spektrum der Theorieansätze und markieren den jeweiligen systematischen Ertrag für gegenwärtige Bemühungen um eine theologische Reflexion der Technik. Der zweite Teil des Bandes fragt daraufhin konstruktiv nach geeigneten theologischen Zugangsmethoden und Kategorien der Technikdeutung, welche die Herausforderungen durch Technik produktiv wenden.

In aller Vielfältigkeit der Zugänge und Perspektiven der behandelten Autoren lassen sich dennoch gemeinsame Linien und Bezüge identifizieren. Drei dieser Verbindungen sollen im Folgenden kurz erläutert werden. In je unterschiedlicher Weise geht es in theologischen und philosophischen Technikdeutungen um die Themenkreise der Bedeutung von Technik in der Moderne (1), um die Relation von Technik und Macht (2) und um das Verhältnis zwischen Technikdeutungen und theologischen Weltdeutungen (3).

1. Technik und Moderne. Für zahlreiche Autoren wurde die Technik zum bestimmenden Merkmal der neuen Lebenswirklichkeit. Technik wird in diesen Entwürfen zu einem Epochenbegriff. Für Max Weber, Martin Heidegger, Paul Tillich und Walter Benjamin ist die Moderne nicht nur technisch bestimmt, sondern die Technik bestimmt, was die Moderne allererst konstituiert. Selbst dort, wo die historische Allgegenwart der Technik anerkannt wird, führt die Einführung einer Gegenüberstellung von traditioneller und moderner Technik dazu, die Gegenwart in Abgrenzung zum Vergangenen definieren zu können. Stephan Schleissing hat gezeigt,4 dass mit der Inanspruchnahme der Technik als geschichtsphilosophisches Passwort freilich auch eine Rückwirkung auf Theologie und Philosophie verbunden war. Zukunft konnte nun in Übernahme eines technischen Verständnisses des Zeitlaufs nur noch als offene verstanden werden (siehe auch den Beitrag am Ende dieses Bandes). Nicht zuletzt in Walter Benjamins Konzept wird diese Dopplung von geschichtsphilosophischer Grundierung einerseits und Rückwirkung auf das Geschichtsverständnis andererseits deutlich.

2. Technik und Macht. Mit der Wahrnehmung, dass Technik die gesamte Lebenswirklichkeit unentrinnbar durchdringe, verband sich im 20. Jahrhundert die Frage, wer das Subjekt solcher Entwicklungen sei. Von den hier behandelten Autoren wird diese Frage besonders von Martin Heidegger und Dietrich Bonhoeffer traktiert. Indem Heidegger der Technik nicht nur äußerliche Wirkung bescheinigt, sondern ihren Einfluss weit darüber hinaus auf das Denken und die gesamte Lebensorientierung zu beschreiben versucht, verleiht er dem damals wie heute verbreiteten Urteil Ausdruck, dass letztlich die Technik subjekthaft die Macht in der Moderne an sich gerissen habe. Konnte Heidegger noch in der Kunst sowie in der Dialektik von Gefahren- und Rettungsbewusstsein einen Hoffnungsschimmer sehen, so verdüstert sich dieses Bild bei Michael Trowitzsch zu einer mythisch grundierten Ohnmachtsthese. Die Frage der Macht wird auch in Walter Benjamins Konzept zum Zentralthema, nun aber politisch gewendet: Nicht die moderne Technik an sich konfrontiert den Menschen mit einem übermächtigen Subjekt. Allein die politische Inanspruchnahme dieser Technik zu unterschiedlichen Zwecken befreit oder zerstört den Menschen. Benjamins Rezeption der modernen Technik fällt denn auch signifikant positiver aus als bei den meisten anderen zeitgenössischen Theoretikern.

Die veränderte Signatur der Gegenwart lässt die Frage nach der Technik zu einer Frage des Umgangs mit den von ihr induzierten konkreten Konflikten werden. Antworten darauf findet Christian Polke in ritualtheoretischen Erwägungen, die darauf abzielen, die gewöhnende Einübung mit technischem und religiösem Weltumgang in Parallelen zu begreifen und gleichermaßen ernst zu nehmen. Stephan Schleissing thematisiert konkrete Orte der Kommunikation über technische Innovationen, in denen gerade Transzendenz als Vernunft- und Vermittlungsinstanz erkennbar wird.

3. Technikdeutungen und theologische Deutungen der Lebenswelt. Eine dritte Linie verbindet die behandelten Entwürfe schließlich in der Frage nach den säkularisierenden Wirkungen der modernen Technik und der Frage danach, was dies für die Theologie bedeuten könnte. Bereits Max Weber sieht einen engen Zusammenhang zwischen der durch die Propheten initiierten Säkularisierung und der technischen Entwicklung im Abendland. Benjamin wendet diese Erkenntnis dann auf die konkrete Technik des Films an und stellt die Frage, wie denn eine Kunst in dieser Moderne sich behaupten könne. Damit ist eine Umkehr der Fragerichtung verbunden: Wie lässt sich ein religiöses Welt- und Selbstverständnis konzipieren, wenn die moderne Technik die Stützen traditioneller Gläubigkeit auflöst? Gesucht wurde daher ein religiös und rational valides Verständnis der Lebenswirklichkeit, das sich der technischen Durchdringung grundsätzlich entzieht. Demgegenüber haben amerikanische Theologen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Frage gestellt, wie denn die Theologie in Übereinstimmung mit den technischen Herausforderungen gedacht werden könnte. In dieser Tradition zielen Gordon D. Kaufman und Sallie McFague dabei auf eine Revision des Gottesbegriffs. Mit der Erfahrung interdisziplinärer Gespräche der letzten zwanzig Jahre im Rücken ergibt sich heute freilich nicht nur das Problem, religiöse Begriffe und Vorstellungen zu modernisieren, sondern die Lebenswirklichkeit auch begrifflich zu integrieren: Theologische Technikdeutung muss sich der Konkretion des Technischen stellen, so die Forderung Ralph Charbonniers.

Die dargestellten Linien in den Konzepten der klassischen Autoren werden mithin auch von den Beiträgen im zweiten Teil des Bandes fortgezogen. Stellt man die älteren Theorien und neueren Analysen einander gegenüber, so werden jedoch auch Unterschiede sichtbar. Die Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellten ihre Fragen im Blick auf „die“ Technik als Gesamtphänomen, aus dem heraus „die“ Moderne bestimmt und demgegenüber „der“ Mensch seine Macht wahren musste, was „den“ Glauben als die Verstehens- und Rettungsinstanz schlechthin erscheinen lassen konnte. Demgegenüber zeigen neuere Entwürfe eine Abkehr von solchen Gesamtperspektiven und bilden damit auf theoretischer Ebene eine Entwicklung nach, die sich auch in der Rezeption einzelner Techniken durch Gesellschaften zeigt: Wann immer eine Technik zum Allgemeingut geworden ist, verlagern sich die mit ihr verbundenen Fragen in die Konkretion.

Zu den Beiträgen des Bandes:

Georg Neugebauer eröffnet die Analyse der Klassiker mit Max Weber. Dessen Technikbegriff versteht Technik im engen Zusammenhang mit Wissenschaft und Wirtschaft als Ausdruck zweckrationalen Handelns. Die spezifisch moderne, westliche Fassung der Technik steht dabei in engem Zusammenhang mit der religiösen Tradition des Christentums, insofern diese – namentlich in Gestalt der Prophetie – in verschiedenen Stufen einen Rationalisierungsprozess gegen die ältere Magie initiiert hat. Wird aber diese Technik, im weitesten Sinne auch als Bürokratisierung verstanden, zum dominierenden Moment der Lebenswirklichkeit, dann schlägt die Rationalisierung um in ihr Gegenteil. Denn die Technik führt dann zu einer Entfremdung des Menschen vom rationalen Grund seines Lebens. Für den Einzelnen undurchschaubar und doch Anpassung gebietend wird die Technik als Rationalität selbst zu etwas, dem gegenüber man sich nicht mehr rational verhalten kann.

Martin Heideggers Beitrag zur Technikphilosophie liegt nicht zuletzt darin, dass er die Technik über alles einzelne Handeln hinaus als Leben und Denken in umfassender Weise bestimmende Macht verstanden hat. Kaum ein Denker hat Technik und Transzendenz so eng verflochten, ohne irgendeinen im engeren Sinne religiösen Bezug in Anspruch zu nehmen. Philipp David rekonstruiert Heideggers Technikphilosophie von der berühmten Schlusspassage des Vortrags „Die Frage nach der Technik“ aus. Das Fragen als die Frömmigkeit des Denkens markiert Heideggers Versuch, dem Menschen sowohl die Wahrheit über sich selbst zu eröffnen als ihn auch aus der Umklammerung des Technischen zu befreien. Gegen die Vorwürfe, die Heidegger eine romantische Verklärung des Vergangenen unterstellen, betont David das zukunftsgerichtete und Offenheit bewahrende Moment in Heideggers Denken.

Malte Dominik Krüger liest Walter Benjamins Theorie der Technik, wie sie vor allem in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ entfaltet wird, nicht allein als technische Säkularisierungstheorie. Vielmehr verbinde sich damit zugleich eine Modernisierungstheorie des Religiösen. Theodor W. Adornos heftigen Einwand, dass Benjamin die aufklärende technische Durchdringung der Wirklichkeit selbst zum Mythos gerate, wendet Krüger positiv: In der Verwandlung des ursprünglich Religiösen in die Technik wird das Technische am Kunstwerk offen für religiöse Deutungen. Dass Benjamin den Verlust der Aura des Kunstwerkes nicht verfallstheoretisch verbucht, lässt sich dann für eine Theorie des Religiösen in der Technik fruchtbar machen.

Paul Tillich gehört zweifellos zu den Theologen, die sich am eingehendsten mit der Technik beschäftigt haben. Thorsten Moos interpretiert Tillichs Äußerungen zur Technik zunächst von seiner frühen Kulturtheologie her, für die die Technik einen exemplarischen Ort darstellt. Mit ihr gelingt es Tillich, die Technik überhaupt zu einem Thema für die Theologie zu machen. Das Ringen mit den positiven und negativen Aspekten der Technik wird in Tillichs Betonung der Ambivalenz des Technischen sichtbar. Gerade in dieser Ambivalenz sieht Moos verschiedene Ansätze, Technik auch heute realistisch in den Blick zu nehmen. Dazu gehört nicht zuletzt die These Tillichs, dass gerade die vollkommene Profanität der Technik den Menschen vor die Sinnfrage stellt und ihm darin positive Potenziale eröffnet.

Anne Katrin Lemmel zeigt am Werk von Gordon D. Kaufman und Sallie McFague, wie die technisch bestimmte Lebenswirklichkeit explizit zum Movens einer veränderten theologischen Theoriebildung wird. Die atomare Bedrohung, wie sie die Wahrnehmung der 1970er Jahre bestimmte, wird von beiden Autoren als Herausforderung begriffen, die Gotteslehre so zu modifizieren, dass der menschlichen Verantwortung ein theologischer Stellenwert darin zukommen kann. Obwohl sich die Wahrnehmung dieser Verantwortung dabei auf die Eindämmung einer technischen Gefahr richten muss, wird die durch die moderne Technik mitbestimmte Selbstwahrnehmung des Menschen zur Fundierung einer „Constructive Theology“, die sich gegen einen frommen Atheismus wendet.

Ebenso wie Tillich und die Autoren der US-amerikanischen Debatte arbeitet sich Dietrich Bonhoeffer an den technischen Errungenschaften der Moderne in ihrer Ambivalenz ab. Hermann Diebel stellt heraus, dass Bonhoeffer trotz seines Wortes von den „Dämonien der Technik“ keineswegs eine generelle Verteufelung der Technik vertritt. Wie bei den anderen bisher behandelten Autoren fungiert die Technik auch bei Bonhoeffer als Moment einer allgemeinen Zeitdeutung. Charakteristisch für Bonhoeffers Technikverständnis ist dabei eine positive Wertung der Technik im engeren Sinne der Realtechnik. Technik in einem weiten Sinne als „sachgemäßes“ Handeln stehe jedoch unter den Bedingungen des Menschen post lapsum. Das Nachdenken über die moderne Technik führt bei Bonhoeffer so zur Anthropologie.

 

Der zweite Teil des Bandes wird mit einem Beitrag zur Genese des Begriffs der „Unverfügbarkeit“, einem Zentralbegriff des Dresdner Sonderforschungsbereichs, eröffnet. Die Prägung der Kategorie „Unverfügbarkeit“ verdankt sich der Theologie Rudolf Bultmanns in den 1920er und 30er Jahren – insofern zeitlich einer Hochphase der Technikdeutung. Anne-Maren Richter vertritt in einer begriffsgeschichtlichen Analyse Bultmanns mit Blick auf vermutliche Einflüsse Heideggers die These, dass Bultmanns ursprüngliche Begriffsprägung interne Widersprüche im zeitlich verfassten Selbsterleben zur Darstellung bringt. Bultmanns Ausdruck für interne Transzendierungsvollzüge in religiöser Sinndeutung stehe somit in Spannung zu einer Kulturhermeneutik, welche Repräsentationen objektiv-räumlich gedachter (technischer) Artefakte oder Prozesse in den Blick nimmt. Mit Hans Blumenbergs Deutung des Husserl entlehnten Technikbegriffs fragt Richter auf diese Spannung hin, ob Bultmanns spezifische Transzendenzkategorie „Unverfügbarkeit“ dennoch einer theologischen Technikdeutung von Nutzen sein kann.

Ralph Charbonnier nimmt eine Auseinandersetzung mit dem Technikverständnis im Werk Michael Trowitzschs zum Anlass, um hermeneutische Defizite theologischer (und philosophischer) Zugänge zu markieren. Die an Heidegger und Nietzsche anknüpfende, jedoch von Trowitzsch verabsolutierte Technikkritik, ist empirisch nicht gesättigt und verliert darin ihren Gegenstand. Charbonnier zeigt, wie Technik mit Transzendenzkonstruktionen verbunden wird, dabei aber in keiner Weise mehr mit der Selbstbeschreibung der Trägerschichten technischer Entwicklungen vermittelbar ist. Dagegen plädiert der Autor für einen transdisziplinären Ansatz, der die Erkenntnisse historischer und sozialwissenschaftlicher Technikwissenschaften sowie ingenieurwissenschaftliche Technikbegriffe rezipiert.

Christian Polke erläutert den Zusammenhang von Technik und Ritual in seiner Bedeutung für die Konstitution von Gemeinsinn. Gesellschaften implementieren neue Techniken über Rituale. Umgekehrt dienen Techniken als Rituale dazu, gesellschaftliche wie individuelle Krisen zu bearbeiten und einen je neuen sensus communis herzustellen. Polke verknüpft Begriffe aus der Tradition Cassirers bzw. Kants und Elemente aus den Theorien John Deweys, George H. Meads und Alfred Schütz’. Diese ritualtheoretische Perspektive erlaubt es nicht nur, das praktische Zustandekommen gesellschaftlicher Integration angesichts von Dissensen über Technik zu verstehen, sondern auch menschliches Verhalten angesichts von Kontingenz als sinnvoll technisches zu begreifen, und so Dichotomien zwischen einem technischen und einem religiösen Weltumgang zu unterlaufen.

Stephan Schleissing thematisiert schließlich die unterschiedlichen Rollen und Rollenerwartungen, die an Theologen in gegenwärtigen Technikdiskursen herangetragen werden. Die von Max Weber gezogene Verbindung zwischen Technik und Prophetie aufgreifend lässt sich der öffentlich redende Theologe, der sich mahnend zu den Zukunftsperspektiven neuer Techniken äußert, als Prophet verstehen. Vor dem Hintergrund eines durch die moderne Technik geöffneten Zeithorizontes, an dem sich nach Schleissing die Theologie im 19. und 20. Jahrhundert grundlegend abgearbeitet hat, wird diese Rede aber zur ungewissen Prognose. In Ethikkomitees dagegen werden Theologen als geeignete Moderatoren wahrgenommen und geschätzt.

Im praktischen Vollzug – mit Polke zu sprechen: im Ritual – wird offenbar jene Gegenwart des Transzendenten aktualisiert, die in theologischen Diskursen zwar beschworen wird, aber in der technischen Lebenswirklichkeit erst zu plausibilisieren wäre.

1      Borgmann, Albert, Power Failure. Christianity in the Culture of Technology, Grand Rapids, MI 2003; Pattison, George, Thinking About God in an Age of Technology, Oxford 2005; Carlson, Thomas A., The Indiscrete Image. Infinitude and Creation of the Human, Chicago / London 2008.

2      Benjamin, Walter, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt a. M. 1977.

3      Neumeister, Katharina / Renger-Berka, Peggy / Schwarke, Christian (Hg.): Technik und Transzendenz. Zum Verhältnis von Technik, Religion und Gesellschaft, Stuttgart 2012.

4      Schleissing, Stephan, Das Maß des Fortschritts. Zum Verhältnis von Ethik und Geschichtsphilosophie in theologischer Perspektive, Göttingen 2008.

 

 

 

 

 

ITheologische und philosophische Technikdeutungen

Georg Neugebauer

Max Weber als Theoretiker technischer Rationalität

Zwar findet Max Weber in fast jeder Untersuchung zum Technikbegriff Erwähnung, als ein eigenständiger Theoretiker desselben wird er indes selten wahrgenommen. Das scheint seinen Grund darin zu haben, dass seine Ausführungen zu diesem Thema sehr verstreut sind und meist als im Schatten seiner Rationalisierungsthese stehend wahrgenommen werden. Auch wenn letzterer zweifelsohne eine überragende Bedeutung innerhalb seines Denkens beizumessen ist, darf die Konzentration darauf nicht dazu führen, dass andere, weniger markante Theoriedimensionen ins Hintertreffen geraten, zumal wenn mit ihnen interessante Nuancierungen jener These verbunden sind. Das gilt auch für den Technikbegriff.

Dieser Begriff zeichnet sich in der Sicht Max Webers durch eine spezifische Mehrdimensionalität aus und wird von ihm im Rahmen der Handlungstheorie, Kulturgeschichte, Ökonomie, Ordnungssoziologie, Sozialanthropologie und Zeitdiagnose reflektiert. Auf diesem Wege gelingt es ihm, einem zentralen Kriterium der neueren Debatte um diesen Begriffs gerecht zu werden: Technik als „intersektorales Phänomen“1 zu bestimmen. Diese unterschiedlichen Dimensionen gilt es in diesem Beitrag – zumindest ansatzweise – herauszuarbeiten. Doch ist damit nicht der Fluchtpunkt der folgenden Überlegungen bezeichnet. Dieser liegt vielmehr in dem antinomischen Charakter, den Weber der modernen, von ihm als „rational“ bezeichneten Technik bescheinigt. Er ist der Überzeugung, dass die Durchsetzung „rationaler Technik“ – im Zusammenspiel mit Naturwissenschaft und Wirtschaft – in der Moderne den Effekt einer Entfremdung von den rationalen Grundlagen der Lebensführung hat.

Vor diesem Hintergrund betrachtet kristallisiert sich ein Technikbegriff heraus, der sich durch die Gegenläufigkeit von Verfügbarkeit und Entzogenheit auszeichnet.

1.          Die Kategorie der Technik

In den Eingangspassagen zum wirtschaftssoziologischen Teil aus „Wirtschaft und Gesellschaft“ geht Max Weber eigens auf den Begriff der Technik ein.2 Seine Überlegungen zielen allerdings nicht darauf, diesen Begriff als eine primär ökonomische Kategorie zu entfalten, sondern vielmehr von der Wirtschaftssoziologie im engeren Sinne abzugrenzen und als allgemeine Kategorie im Aufbau der Handlungswelt zu plausibilisieren. Diese handlungstheoretische Ausrichtung des Technikbegriffs bildet ein grundlegendes Charakteristikum desselben und wird zunächst anhand der Zweck-Mittel-Relation spezifiziert: „‚Technik‘ eines Handelns bedeutet uns den Inbegriff der verwendeten desselben im zu jenem Sinn oder Zweck, an dem es letztlich (in concreto) orientiert ist“ (WuG, 32). Die Technik hat es somit mit den Mitteln zu tun, die dem Erreichen eines Handlungsziels dienen. Damit bedient sich Weber einer ausgesprochen elastischen Bestimmung des Technikbegriffs, der bei ihm keineswegs als auf die Verwendung von Sachgütern beschränkt begriffen werden kann. Vielmehr spricht er überall dort von Technik, wo Mittelreflexion und -verwendung stattfindet. Dieser elastischen Zugangsbestimmung entsprechend findet sie sich in allen Bereichen der Kultur. Weber führt die Religion („Gebetstechnik, Technik der Askese“), die Wissenschaften („Denkund Forschungstechnik“), die Pädagogik („Erziehungstechnik“), die Politik („Technik der politischen oder hierokratischen Beherrschung“), die Bürokratie („Verwaltungstechnik“), den Krieg, die Erotik, die Kunst u.a. an (WuG, 32). Bezogen auf die jeweils spezifische Relationierung von Mittel und Zweck lassen sich Webers Auffassung nach jedoch ganz unterschiedliche Rationalitätsgrade identifizieren (vgl. WuG, 32).

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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