Temptation 1-4 - Weil du mich verführst - Beth Kery - E-Book

Temptation 1-4 - Weil du mich verführst E-Book

Beth Kery

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Beschreibung

Heisse Seiten für den kalten Winter!

Die komplette »Temptation«-Story – jetzt endlich in einem Roman! Die attraktive Malerin Francesca Arno erhält den Auftrag ihres Lebens: Sie soll für die Lobby eines brandneuen Wolkenkratzers ein Gemälde erschaffen. Auf einer Party lernt sie kurz darauf den Auftraggeber und Besitzer des Gebäudes kennen – und verfällt ihm auf den ersten Blick. Denn der rätselhafte Ian Noble ist nicht nur reich und gut aussehend, sondern übt sogleich eine starke, faszinierende Anziehungskraft auf Francesca aus, der sie sich nicht entziehen kann ... und will. Auch Ian kann Francesca nicht widerstehen: Sie verkörpert die reine Unschuld. Aber er spürt, dass tief in ihrem Inneren eine Leidenschaft schlummert, die nur darauf wartet, geweckt zu werden ...

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Seitenzahl: 525

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Buch

Die attraktive Malerin Francesca Arno erhält den Auftrag ihres Lebens: Sie soll für die Lobby eines brandneuen Wolkenkratzers ein Gemälde erschaffen. Auf einer Party lernt sie kurz darauf den Auftraggeber und Besitzer des Gebäudes kennen – und verfällt ihm auf den ersten Blick. Denn der rätselhafte Ian Noble ist nicht nur reich und gut aussehend, sondern übt sogleich eine starke, faszinierende Anziehungskraft auf Francesca aus, der sie sich nicht entziehen kann … und will. Auch Ian kann Francesca nicht widerstehen: Sie verkörpert die reine Unschuld. Aber er spürt, dass tief in ihrem Inneren eine Leidenschaft schlummert, die nur darauf wartet, geweckt zu werden …

Autorin

Die amerikanische Erfolgsautorin Beth Kery liebt Romane – je erotischer, desto besser. Mit ihrer E-Book-Serie Temptation, der leidenschaftlichen Liebesgeschichte von Francesca und Ian, stürmte sie die New-York-Times-Bestsellerliste und schrieb sich in das Herz von Tausenden begeisterten Leserinnen.

BETH KERY

Temptation

Roman

Übersetzt von Lina Kluge

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Because you are mine« bei Berkley Books, Penguin Group USA, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung 2013 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Beth Kery

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.This edition is published by arrangement with The Berkley Publishing Group, a member of Penguin Group (USA) Inc.

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel, punchdesign, München

Redaktion: Sabine Thiele

HS ∙ Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-10204-3

www.blanvalet.de

KAPITEL 1

Francesca wandte sich um, als Ian Noble den Raum betrat – hauptsächlich, weil sämtliche anderen Köpfe in dem luxuriösen Restaurant herumfuhren. Beim Anblick des großen, schlanken Mannes in einem gut sitzenden, maßgeschneiderten Anzug, der seinen Mantel auszog, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie erkannte Ian Noble auf Anhieb. Ihr Blick blieb an dem eleganten schwarzen Mantel über seinem Arm hängen – dem Anlass angemessen, ganz im Gegensatz zu seinem Anzug, dachte sie. Eigentlich war dieser Mann doch wie geschaffen für Jeans, oder? Was für eine idiotische Vorstellung. Erstens sah er einfach umwerfend in seinem Anzug aus, zweitens sorgte er laut einem kürzlich erschienen GQ-Artikel nahezu im Alleingang dafür, dass die Geschäfte in Londons Savile Row auf Hochtouren liefen. Was sollte ein Geschäftsmann und Angehöriger einer niedrigen britischen Adelsfamilie auch sonst tragen? Einer der Männer in seiner Begleitung machte Anstalten, ihm den Mantel abzunehmen, doch er schüttelte den Kopf.

Offenbar hatte der geheimnisvolle Mr Noble die Absicht, lediglich kurz sein Gesicht auf der Cocktailparty zu zeigen, die er zu Francescas Ehren gab.

»Da ist Mr Noble. Er freut sich schon sehr darauf, Sie kennenzulernen. Er ist ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit«, verkündete Lin Soong. Francesca hörte den Anflug von Stolz in ihrer Stimme, als wäre Ian Noble nicht ihr Boss, sondern der Mann an ihrer Seite.

»Sieht so aus, als hätte er Wichtigeres zu tun, als mich kennenzulernen«, gab Francesca lächelnd zurück, nippte an ihrem Mineralwasser und sah Ian Noble zu, wie dieser mit dem Handy am Ohr am anderen Ende des Raums stand und knappe Anweisungen erteilte. Seine leicht nach unten gezogenen Mundwinkel verrieten, dass er sich über irgendetwas ärgerte. Aus irgendeinem Grund spürte Francesca, wie sie sich angesichts dieser allzu menschlichen Regung ein wenig entspannte. Sie hatte ihren Mitbewohnern verschwiegen – bei ihnen genoss sie den Ruf, sich von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen zu lassen –, dass sie die Aussicht, Ian Noble persönlich kennenzulernen, merkwürdigerweise ziemlich nervös machte.

Die Gäste wandten sich wieder ihren Gesprächen zu, dennoch schien sich mit Nobles Auftauchen die Atmosphäre im Restaurant verändert zu haben. Schon seltsam, dass ein so eleganter, weltgewandter Mann in der technikverrückten Jeans-und-T-Shirt-Generation als Ikone galt. Noble musste um die dreißig sein. Sie hatte irgendwo gelesen, er habe vor Jahren mit seinem bahnbrechenden Social-Media-Unternehmen seine erste Milliarde gemacht; dessen Börsengang hatte ihm weitere dreizehn Milliarden eingebracht, ehe er unverzüglich das nächste Unternehmen, einen nicht minder erfolgreichen Internetversand, aus dem Boden gestampft hatte.

Es sah ganz so aus, als würde alles zu Gold, was Ian Noble anfasste. Aber wieso nur? Ganz einfach: weil er Ian Noble war. Er konnte praktisch alles tun, was ihm gerade in den Sinn kam. Francesca musste ein Grinsen unterdrücken. Ja, es half definitiv, sich ihn als arroganten und unsympathischen Wichtigtuer vorzustellen. Na schön, er war ihr Mäzen, aber ebenso wie alle anderen Künstler im Verlauf der Jahrhunderte hegte auch Francesca ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber demjenigen, der das nötige Kleingeld springen ließ, damit sie ihrer Tätigkeit nachgehen konnte. Leider war so gut wie jeder Künstler auf seinen persönlichen Ian Noble angewiesen.

»Ich gehe nur kurz rüber und sage ihm, dass Sie hier sind. Wie gesagt, er war sehr angetan von Ihrem Gemälde und hat es ohne mit der Wimper zu zucken den beiden anderen Finalisten vorgezogen.« Lin sprach von der Ausschreibung, die Francesca für sich entschieden hatte. Infolgedessen durfte sie das Gemälde im feudalen Eingangsbereich von Nobles neu erbautem Wolkenkratzer in Chicago malen, ein höchst lukrativer und sehr begehrter Auftrag. Der Cocktailempfang zu Francescas Ehren fand im Fusion statt, einem der angesagtesten Nobelrestaurants, das ebenfalls im Noble Enterprises Building untergebracht war. Und was noch viel wichtiger war: Francesca würde hunderttausend Dollar bekommen, was für eine Kunststudentin, die jeden Tag ums nackte Überleben kämpfte, ein wahrer Segen war.

Ehe Lin verschwand, stellte sie ihr eine junge Afroamerikanerin namens Zoe Charon vor, die Francesca solange Gesellschaft leisten sollte.

»Freut mich sehr, Sie kennenzulernen.« Zoe verzog den Mund zu einem strahlenden Lächeln, das jeden Zahnarzt ins Schwärmen gebracht hätte, und schüttelte Francesca die Hand. »Und herzlichen Glückwunsch zu dem Auftrag. Bald werde ich Ihr Bild jeden Morgen sehen, wenn ich zur Arbeit komme.«

Beim Anblick von Zoes Kostüm verspürte Francesca das vertraute Unbehagen, das sie überfiel, wann immer sie ihr Äußeres mit anderen verglich. Lin, Zoe und sämtliche anderen Gäste waren in diesem typisch schlichten, aber eleganten Stil gekleidet. Woher hätte sie auch wissen sollen, dass sie mit ihrem Boho-Chic bei einer Party von Ian Noble nicht punkten konnte? Und dass die Marken, die sie trug, noch nicht mal das Attribut »chic« verdienten.

Sie erfuhr, dass Zoe als Assistant Manager in einer Abteilung namens Imagetronics bei Noble Enterprises arbeitete. Was zum Teufel sollte das denn sein?, fragte sich Francesca abwesend und nickte höflich, während ihr Blick ein weiteres Mal zum Eingang schweifte.

Der angespannte Zug um Ian Nobles Mund wich einem distanzierten, gelangweilten Ausdruck auf seinen Zügen, als Lin auf ihn zutrat. Er schüttelte kurz den Kopf und sah auf seine Uhr. Offenbar verspürte Noble ebenso wenig Lust auf das Begrüßungsritual eines der zahlreichen Künstler, die in den Genuss seines philantropischen Engagements kamen, wie umgekehrt. Für Francesca stellte der Cocktailempfang zu ihren Ehren eine lästige Pflicht dar, die nun einmal mit dem Gewinn der Ausschreibung einherging.

Sie schenkte Zoe ein strahlendes Lächeln. Nun, da sie erkannt hatte, dass ihre Nervosität, weil sie Ian Noble bald gegenübertreten würde, völlige Zeitverschwendung gewesen war, würde sie sich endlich amüsieren.

»Und, was ist so Besonderes an Ian Noble?«, fragte Francesca.

Ihre Unverblümtheit ließ Zoe zusammenzucken. Ihr Blick schweifte zu der Bar, wo Noble inzwischen stand.

»Wie bitte? Kurz gesagt, der Mann ist Gott.«

Francesca grinste. »Untertreibung ist nicht so Ihr Ding, was?«

Zoe brach in schallendes Gelächter aus, in das Francesca aus vollem Herzen einstimmte. Einen Moment lang waren sie nichts als zwei junge Frauen, die wegen des attraktivsten Mannes der Party kicherten. Und das ließ sich nicht leugnen, das musste Francesca zugeben. Ian Noble war der aufregendste Mann, den sie je gesehen hatte, Party hin oder her.

Beim Anblick von Zoes Miene verebbte ihr Gelächter. Sie drehte sich um. Nobles Blick war direkt auf sie gerichtet. Eine eigentümliche Hitze, wie sie sie noch nie erlebt hatte, schien sich in ihrem Bauch auszubreiten, als er, mit der sichtlich verblüfften Lin im Gefolge, auf sie zusteuerte.

Sie verspürte den lächerlichen Drang kehrtzumachen und davonzulaufen.

»Oh … er kommt direkt auf uns zu … Lin hat ihm wohl gesagt, wer Sie sind.« Zoes Tonfall verriet eine Mischung aus Bestürzung und Staunen – exakt das, was auch Francesca empfand; mit dem Unterschied, dass Zoe sich wesentlich sicherer auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegte als Francesca. Als Noble vor ihnen stand, war nichts mehr von dem albernen, kichernden Mädchen zu sehen. An ihrer Stelle stand eine beherrschte, bildschöne Frau.

»Guten Abend, Mr Noble.«

Seine leuchtend kobaltblauen Augen lösten sich für den Bruchteil einer Sekunde von Francescas Gesicht, was ihr Gelegenheit gab, Atem zu schöpfen.

»Zoe, richtig?«

Zoe konnte ihre Verzückung über die Tatsache, dass Noble ihren Namen kannte, nicht verhehlen. »Ja, Sir. Ich arbeite in der Abteilung Imagetronics. Darf ich Ihnen Francesca Arno vorstellen, die junge Künstlerin, die Sie als Gewinnerin der Far Sight Ausschreibung ausgewählt haben.«

Er ergriff ihre Hand. »Es ist mir ein Vergnügen, Miss Arno.«

Francesca nickte nur stumm. Seine Erscheinung, die Wärme seiner Hand, die ihre Finger umschlossen, und die tiefe Stimme mit dem britischen Akzent waren zu viel für ihr völlig überfordertes Gehirn. Sein kurzes, dunkles Haar und der graue Anzug ließen seine Haut auffallend blass wirken. Dunkler Engel. Die Worte schoben sich unwillkürlich in ihr Gedächtnis.

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie beeindruckt ich von Ihrer Arbeit bin«, erklärte er. Kein Lächeln. Kein Anflug von Weichheit in seinem Tonfall, sondern lediglich eine unverblümte Neugier in seinem Blick.

Sie schluckte. »Danke.« Sie spürte die Berührung seiner Finger überdeutlich auf ihrer Haut, als er ihr langsam seine Hand entzog. Einen peinlichen Moment lang musterte er sie schweigend. Sie sammelte sich und straffte die Schultern.

»Es freut mich, dass ich die Gelegenheit bekomme, mich persönlich bei Ihnen für den Auftrag zu bedanken. Er bedeutet mir mehr, als ich ausdrücken kann«, presste sie hervor. Sie hatte die Worte vorher auswendig gelernt.

Er zuckte kaum merklich die Achseln und winkte ab. »Sie haben es verdient.« Er sah ihr in die Augen. »Oder werden es zumindest demnächst tun.«

Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, und konnte nur hoffen, dass er es nicht merkte.

»Das habe ich. Aber Sie sind derjenige, der mir die Gelegenheit gegeben hat. Und dafür möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Ohne diese Chance hätte ich mir das zweite Jahr meines Masterstudiums wahrscheinlich nicht leisten können.«

Er blinzelte. Aus dem Augenwinkel registrierte sie, wie Zoe sich versteifte, und wandte verlegen den Blick ab. War ihr Tonfall zu scharf gewesen?

»Meine Großmutter wirft mir oft vor, ich könnte mit Dankbarkeit nicht gut umgehen und sei viel zu schroff«, sagte er eine Spur freundlicher. »Sie haben völlig recht, mich zu schelten. Es freut mich, dass ich Ihnen die Gelegenheit geben konnte, Miss Arno«, fügte er mit einem leichten Nicken hinzu. »Zoe, würden Sie Lin von mir ausrichten, dass ich gerade beschlossen habe, das Essen mit Xander LaGrange doch abzusagen. Sagen Sie ihr bitte, sie soll einen neuen Termin vereinbaren.«

»Natürlich, Mr Noble«, erwiderte Zoe und verschwand.

»Möchten Sie sich setzen?«, fragte er und nickte in Richtung einer ledernen Sofaecke.

»Gern.«

Er ließ ihr den Vortritt. Sie wünschte, er würde es nicht tun, weil es sie verlegen machte und ihr das Gefühl gab, ungelenk zu sein. Als sie sich gesetzt hatte, ließ er sich mit einer eleganten fließenden Bewegung neben ihr nieder. Francesca strich den dünnen Rock ihres mit winzigen Perlen besetzten Vintage-Hängerkleids glatt, das sie in einem Secondhandladen in Wicker Park erstanden hatte. Der Septemberabend hatte sich als kühler entpuppt als angenommen, und außer der lässigen Jeansjacke hatte ihr Kleiderschrank nichts hergegeben, was zu dem Kleid mit den schmalen Trägern gepasst hätte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie lächerlich sie neben diesem Inbegriff männlicher Eleganz wirken musste.

Sie zupfte nervös an ihrem Kragen herum, ehe sie den Kopf hob und trotzig das Kinn reckte. Der Anflug eines Lächelns spielte um seine Lippen, bei dessen Anblick sie ein leises Ziehen im Unterleib spürte.

»Sie sind also im zweiten Jahr Ihres Masterstudiums, richtig?«

»Ja. Ich studiere am Art Institute.«

»Eine sehr renommierte Kunstschule«, murmelte er, legte die Hände auf die Tischplatte und lehnte sich scheinbar entspannt zurück. Die muskulöse Eleganz seines Körpers erinnerte Francesca an ein Raubtier, dessen scheinbare Ruhe und Gelassenheit jederzeit umschlagen konnte. Er hatte schmale Hüften und breite Schultern, die darauf schließen ließen, dass sich ein durchtrainierter Oberkörper unter seinem gestärkten weißen Hemd verbarg. »Wenn ich mich recht entsinne, stand in Ihrer Mappe, dass Sie an der Northwestern University Kunst und Architektur studiert haben.«

»Das stimmt«, antwortete Francesca atemlos und löste den Blick von seinen Händen. Sie waren elegant, aber zugleich groß, kräftig und zupackend. Aus irgendeinem Grund brachte ihr Anblick sie völlig aus dem Konzept. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich seine Finger auf ihrem Körper vorstellte … um ihre Taille …

»Wieso das?«

Sie schrak aus ihren unangemessenen Gedanken auf und sah ihn an. »Wieso ich Kunst und Architektur studiert habe?«

Er nickte.

»Architektur für meine Eltern und Kunst für mich«, erwiderte sie, erstaunt über ihre Offenheit. Normalerweise begegnete sie dieser Frage mit kühler Verachtung. Weshalb hätte sie sich zwischen ihren beiden Talenten entscheiden sollen? »Meine Eltern sind beide Architekten. Es war ihr sehnlicher Wunsch, dass ich eines Tages in ihre Fußstapfen trete.«

»Also haben Sie ihnen diesen Wunsch erfüllt und die Qualifikation erworben, aber nicht ernsthaft vor, Ihren Lebensunterhalt mit Architektur zu verdienen.«

»Ich werde immer Architektin sein.«

»Das freut mich zu hören«, sagte er und sah auf, als ein gut aussehender Mann mit Dreadlocks und hellgrauen Augen, die in scharfem Kontrast zu seiner dunkleren Hautfarbe standen, an ihren Tisch trat. »Lucien! Wie laufen die Geschäfte?«

»Bestens«, gab dieser zurück und musterte Francesca interessiert.

»Miss Arno, das ist Lucien Lenault, der Manager des Fusion und der schillerndste Gastronom Europas. Ich habe ihn in einem der besten Restaurants von Paris entdeckt.«

Lucien verdrehte belustigt die Augen und grinste. »Ich hoffe, ich kann bald dasselbe vom Fusion behaupten. Es ist mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Arno«, fügte er mit seinem hinreißenden französischen Akzent hinzu. »Was darf ich euch beiden bringen?«

Noble sah sie erwartungsvoll an. Seine Lippen waren ungewöhnlich voll für einen Mann mit so herben, maskulinen Zügen, sinnlich und fest zugleich.

Streng und unnachgiebig.

Wo kam dieser Gedanke denn auf einmal her?

»Danke, ich bin zufrieden«, presste sie hervor, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug.

»Was trinken Sie?«, fragte er mit einem Nicken auf ihr halb volles Glas.

»Das Übliche. Mineralwasser mit Zitrone.«

»Sie sollten feiern, Miss Arno.« Lag es an seinem britischen Akzent, dass ihre Haut so prickelte, wenn er ihren Namen aussprach? Er war ungewöhnlich. Britisch, aber gelegentlich war noch etwas anderes herauszuhören, das sie nicht recht zuordnen konnte. »Bring uns eine Flasche Roederer Brut«, sagte er zu Lucien, der lächelnd nickte und sich mit einer kurzen Verbeugung zurückzog.

Sie musterte ihn mit wachsender Verwirrung. Wieso war er auf einmal so versessen darauf, seine kostbare Zeit mit ihr zu verbringen? Garantiert trank er nicht mit jedem Champagner, der in den Genuss seiner Großzügigkeit kam. »Wie gesagt, ich bin sehr erfreut über Ihren Architekturhintergrund. Ihre Fachkenntnisse und Fertigkeiten verleihen Ihren Arbeiten erst ihre typische Präzision. Das Gemälde, mit dem Sie sich für die Ausschreibung beworben haben, ist spektakulär. Sie haben genau die Stimmung eingefangen, die ich mir vorgestellt hatte.«

Ihr Blick schweifte über seinen Maßanzug. Seine unübersehbare Liebe zu klaren Linien überraschte sie nicht. Und er hatte völlig recht: Ihre Schwäche für Form und Struktur schlug sich sehr häufig in ihren Werken nieder, aber es ging ihr nicht um Präzision. Weit gefehlt. »Es freut mich, dass es Ihnen gefallen hat«, sagte sie in, wie sie hoffte, neutralem Tonfall.

Ein Lächeln erschien um seine Mundwinkel. »Sie verschweigen mir etwas. Sind Sie etwa nicht glücklich darüber, dass es mir gefallen hat?«

Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch. Meine Kunst muss nur mir gefallen, niemandem sonst, lag ihr auf der Zunge, doch sie verkniff sich die Bemerkung gerade noch rechtzeitig. Was war nur los mit ihr? Immerhin hatte sie es diesem Mann zu verdanken, dass sich ihr Leben zum Positiven gewendet hatte.

»Wie gesagt, ich bin außer mir vor Freude darüber, dass ich diesen Wettbewerb gewonnen habe.«

»Ah«, murmelte er, als Lucien mit dem Champagner und einem Eiskübel erschien, musterte sie jedoch weiter eindringlich. »Aber sich über den Auftrag zu freuen, ist nicht dasselbe, wie sich darüber zu freuen, dass Sie mir eine große Freude damit bereiten.«

»Nein, das habe ich nicht gemeint«, platzte sie heraus und warf Lucien, der den Champagnerkorken mit einem leisen Ploppen löste, einen Seitenblick zu, ehe sie sich wieder Noble zuwandte. Seine Augen funkelten, ansonsten war seine Miene ausdruckslos. Wovon um alles in der Welt redete der Mann? Und wieso trieb ihr seine Frage die Röte ins Gesicht, obwohl sie sie im Grunde noch nicht einmal zu beantworten brauchte? »Es freut mich, dass Ihnen mein Bild gefallen hat. Sehr sogar.«

Noble erwiderte nichts darauf, sondern sah desinteressiert zu, wie Lucien den prickelnden Champagner in die hohen Gläser goss. Er nickte und murmelte einen flüchtigen Dank, dann zog Lucien sich zurück. Francesca griff im selben Moment nach ihrem Glas wie er.

»Herzlichen Glückwunsch.«

Sie rang sich ein Lächeln ab, als ihre Gläser kaum hörbar aneinanderstießen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so etwas probiert: Der eisgekühlte, trockene Champagner glitt wie flüssiges Gold über ihre Zunge und ihre Kehle hinab. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Sie warf Noble einen Blick zu. Wie konnte ihn die bedeutungsschwangere Atmosphäre, die ihr regelrecht den Atem zu rauben drohte, scheinbar völlig kaltlassen?

»Als Mitglied einer Adelsfamilie wird eine einfache Cocktailkellnerin wohl kaum gut genug sein, um Sie zu bedienen«, sagte sie und wünschte, sie könnte das Zittern in ihrer Stimme unterdrücken.

»Wie bitte?«

»Oh, ich meinte nur …« Sie ohrfeigte sich insgeheim. »Ich arbeite nebenbei als Kellnerin. Damit finanziere ich meine Miete«, fügte sie hinzu und registrierte den Anflug von Panik, der in ihr aufstieg. Wie kühl er auf einmal wirkte. So unterkühlt, dass sie schlagartig der Mut verließ. Sie hob das Glas an die Lippen und trank einen großen Schluck. Oje, wenn sie Davie erst erzählte, wie sie alles vermasselt hatte! Ihr bester Freund wäre garantiert stocksauer auf sie, wohingegen sich ihre anderen Mitbewohner – Caden und Justin – über den jüngsten Beweis ihrer Unfähigkeit im Umgang mit anderen Menschen vor Lachen biegen würden.

Wäre Ian Noble doch nur nicht so attraktiv. Geradezu nervtötend attraktiv.

»Tut mir leid«, murmelte sie. »Ich hätte das nicht sagen dürfen. Ich … ich habe nur gelesen, dass Ihre Großeltern dem britischen Adel angehören, ein Earl und eine Countess.«

»Und deshalb haben Sie Angst, ich könnte es als unter meiner Würde empfinden, von einer einfachen Kellnerin bedient zu werden, ja?«, hakte er nach. Die Belustigung machte seine Züge keineswegs weicher, sondern ließ sie nur umso anziehender wirken. Sie stieß einen Seufzer aus und entspannte sich ein wenig. Offenbar hatte sie ihn also doch nicht bis aufs Blut beleidigt.

»Den Großteil meiner Ausbildung habe ich hier in den Staaten absolviert«, erklärte er. »Deshalb fühle ich mich in erster Linie als Amerikaner. Und ich versichere Ihnen, dass es nur einen Grund gab, weshalb Lucien uns höchstpersönlich bedient hat: Er wollte es so. Wir sind nicht nur Fechtpartner, sondern auch Freunde. Dass die englische Aristokratie einen männlichen Bediensteten einem weiblichen vorzieht, kommt lediglich in Liebesromanen im England des frühen neunzehnten Jahrhunderts vor. Und selbst wenn dieses Vorurteil heute noch existieren sollte, trifft es wohl kaum auf einen Bastard zu. Tut mir leid, wenn ich Sie in diesem Punkt enttäuschen muss.«

Ihre Wangen glühten vor Scham. Wann lernte sie endlich, ihre große Klappe zu halten? Und Moment mal … wie war das gewesen? Hatte er gerade zugegeben, dass er unehelich war? Das war ja etwas ganz Neues.

»Und wo arbeiten Sie?«, erkundigte er sich, scheinbar ohne das leuchtende Rot ihrer Wangen zu bemerken.

»Im High Jinks in Bucktown.«

»Nie gehört.«

»Das überrascht mich nicht«, murmelte sie und nippte abermals an ihrem Champagner. Er brach in dröhnendes Gelächter aus. Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er sah so heiter aus. Ihr Herz zog sich zusammen. Ian Noble war in jeder Lebenslage eine echte Augenweide, doch wenn er lächelte, lief jede Frau in seiner Nähe Gefahr, vollends dahinzuschmelzen.

»Würden Sie mich begleiten? Es sind nur ein paar Blocks. Ich möchte Ihnen etwas Wichtiges zeigen.«

Sie hielt mitten in der Bewegung inne. Was hatte er vor?

»Es hat mit Ihrer späteren Arbeit zu tun«, erklärte er. Unvermittelt hatte sich ein spröder, autoritärer Ton in seine Stimme geschlichen. »Ich würde Ihnen gern die Aussicht zeigen, die ich mir für das Bild vorstelle.«

Wut stieg in ihr auf. Sie reckte das Kinn. »Ich muss also malen, was Sie sich ausgedacht haben, ja?«

»Genau«, antwortete er.

Sie stellte ihr Glas so abrupt auf dem Tisch ab, dass der Champagner überschwappte. Er schien nicht bereit zu sein, auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Dieser Kerl verströmte exakt die Arroganz, die sie vermutet hatte. Wie befürchtet, entpuppte sich der Gewinn der Ausschreibung als ultimativer Albtraum für ihre Kreativität. Ihre Nasenflügel bebten unter seinem durchdringenden Blick, den sie finster erwiderte.

»Ich schlage vor, Sie sehen es sich erst mal an, bevor Sie beleidigt sind, Miss Arno.«

»Francesca.«

Sie registrierte ein Flackern in seinen blauen Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde bereute sie die Sprödigkeit ihres Tonfalls, doch dann nickte sie.

»Francesca«, bestätigte er leise. »Gern. Aber nur, wenn Sie mich Ian nennen.«

Sie zwang sich, das Flattern in der Magengegend zu ignorieren. Lass dich bloß nicht von ihm einwickeln. Dieser Mann würde seine Vorstellungen um jeden Preis durchsetzen und ihre Kreativität dabei gnadenlos im Keim ersticken, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Das Projekt entpuppte sich als schlimmer als angenommen.

Ohne ein weiteres Wort erhob sie sich und durchquerte das Restaurant, dicht gefolgt von Ian Noble, dessen Anwesenheit ihr mit jeder Faser ihres Körpers bewusst war.

Stumm trat er auf den Bürgersteig und schlug den Weg zum Lower Wacker Drive und dem Chicago River ein.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie nach ein paar Metern.

»Zu mir nach Hause.«

Francesca blieb abrupt stehen. »Zu Ihnen nach Hause?«

Er blieb ebenfalls stehen und sah sie an. Die Brise vom Lake Michigan ließ die Schöße seines langen schwarzen Mantels flattern. »Ja, genau. Wir gehen zu mir«, wiederholte er in gespielt unheilvollem Tonfall.

Sie runzelte die Stirn. Er machte sich also auch noch über sie lustig. Wie schön, dass Sie sich so prächtig über mich amüsieren, Mr Noble.

»Ich sehe, dass Ihnen die Vorstellung missfällt, aber ich gebe Ihnen mein Wort: Es ist rein beruflich. Mir geht es allein um das Bild. Ich will, dass Sie die Aussicht so malen, wie man sie von meinem Apartment aus sehen kann. Sie glauben doch wohl nicht, dass ich Ihnen etwas antun würde. Immerhin haben sämtliche Gäste gesehen, wie wir gemeinsam das Restaurant verlassen haben«, sagte er schließlich.

Allerdings. Daran brauchte er sie nicht zu erinnern. Sämtliche Augen waren auf sie gerichtet gewesen, als sie den Raum durchquert hatten.

Er ging weiter. Ihr Blick blieb an seinem Haar hängen, das der Wind zerzauste. Etwas an dem Anblick kam ihr bekannt vor. Sie blinzelte, und das Déjà-vu-Gefühl verschwand.

»Soll das etwa heißen, dass ich von Ihrem Apartment aus arbeiten werde?«

»Es ist ziemlich groß«, gab er trocken zurück. »Sie werden mich kaum bemerken, wenn Sie es nicht wollen.«

Francesca blickte auf ihre lackierten Zehennägel, um zu verhindern, dass er ihr die Gedanken von den Augen ablas, die ihr in den Sinn kamen – Bilder von Ian, frisch aus der Dusche, seine Männlichkeit in ihrer vollen Pracht und Herrlichkeit lediglich von einem dünnen Handtuch verdeckt, das er sich um die schmalen Hüften geschlungen hatte.

»Das ist eine etwas unorthodoxe Methode«, stellte sie fest.

»Ich bin ein unorthodoxer Mensch«, gab er brüsk zurück. »Wenn Sie die Aussicht erst mal gesehen haben, werden Sie verstehen, was ich meine.«

Er lebte in der East Archer 340, einem Renaissancegebäude aus den 1920ern, das sie bereits während des Studiums bewundert hatte. Es war ein eleganter, etwas düsterer Bau aus dunklen Ziegelsteinen, der zu ihm passte. Es überraschte sie nicht im Mindesten, als er ihr erzählte, dass sich seine Wohnung über die beiden gesamten oberen Stockwerke erstreckte.

Geräuschlos öffnete sich die Tür seines Privataufzugs. Mit einer einladenden Geste machte er einen Schritt zur Seite und ließ sie eintreten.

Die Wohnung war unglaublich.

Natürlich waren das Mobiliar und die Ausstattung überaus luxuriös, dennoch vermittelte der Eingangsbereich das Gefühl, willkommen zu sein, wenngleich auf eine etwas distanzierteArt. Sie erhaschte einen Blick auf ihr Gesicht im Spiegel. Ihr langes, rötlich blondes Haar war hoffnungslos zerzaust, und auf ihren Wangen lag ein rosiger Schimmer. Einen Moment lang redete sie sich ein, er käme ebenfalls vom Wind, doch sie musste zugeben, dass er wohl eher von Ian Nobles Gegenwart herrührte als von der Witterung.

In diesem Moment registrierte sie die Kunstwerke und vergaß alles um sich herum. Wie in Trance ging sie den breiten Korridor entlang, der als Galerie diente, und bestaunte die Gemälde – einiges sah sie zum allerersten Mal, wohingegen es sich bei anderen um berühmte Meisterwerke handelte, deren Anblick sie in blanke Verzückung versetzte.

Schließlich blieb sie vor einer Miniaturskulptur auf einer schmalen Säule stehen – eine hervorragend gemachte Replik einer antiken griechischen Arbeit. »Die Aphrodite von Argos habe ich schon immer geliebt«, sagte sie leise und ließ den Blick über die exquisiten Gesichtszüge und den anmutigen Schwung des Oberkörpers wandern, den der Künstler so kunstvoll aus Alabaster geformt hatte.

»Tatsächlich?«, fragte er aufrichtig interessiert.

Völlig überwältigt von der Schönheit der Statue nickte sie und ging weiter.

»Den hier habe ich erst vor ein paar Monaten gekauft. Er war sehr schwer zu bekommen«, sagte er und riss sie aus ihrer Ekstase.

»Sorenburg liebe ich ebenfalls sehr«, erklärte sie und deutete auf das Gemälde über einem samtbezogenen Sofa, vor dem sie stehen geblieben waren. Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie wie eine Schlafwandlerin uneingeladen in die Tiefen seines Zuhauses vorgedrungen war und er es ohne jeden Kommentar gestattet hatte. Inzwischen befanden sie sich in einer Art in üppigen Gelb-, Hellblau- und Dunkelbrauntönen gehaltenem Salon.

»Ich weiß. Sie haben es in Ihrem Anschreiben für den Wettbewerb erwähnt.«

»Ich kann nicht glauben, dass Sie etwas für Expressionismus übrig haben.«

»Wieso nicht?« Seine tiefe Stimme jagte ihr einen leisen Schauder über den Rücken, und sie spürte, wie sich die Härchen in ihrem Nacken aufrichteten. Sie sah ihn an. In ihrer Begeisterung hatte sie gar nicht gemerkt, wie dicht er neben ihr stand.

»Weil Sie … na ja, mein Bild ausgewählt haben«, antwortete sie lahm. Sein Blick wanderte an ihrem Körper entlang. Sie schluckte. Er hatte seinen Mantel aufgeknöpft. Ein würziger Seifenduft stieg ihr in die Nase. Sie spürte ein leises Ziehen, begleitet von dieser eigentümlichen Wärme, die sich in ihrem Unterleib ausbreitete. »Sie scheinen … viel für Ordnung übrig zu haben«, versuchte sie weiter zu erklären. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Stimmt«, bestätigte er, während sich ein Schatten über seine Züge legte. »Ich hasse Schlampigkeit und Unordnung. Aber darum geht es bei Sorenburg nicht.« Er betrachtete das Bild. »Sondern darum, dem Chaos eine Bedeutung zu verleihen. Sehen Sie das genauso?«

Sie war überrascht. Noch nie hatte sie jemanden Sorenburgs Arbeit so kurz und prägnant zusammenfassen gehört.

»Doch, das sehe ich genauso«, bestätigte sie langsam.

Er lächelte flüchtig. Sein voller Mund war das Attraktivste an ihm, abgesehen von seinen Augen. Und seinem kräftigen Kinn. Und seinem unglaublichen Körper …

»Täusche ich mich, oder höre ich da tatsächlich einen Funken Respekt in Ihrer Stimme, Francesca?«

Sie wandte sich ab und starrte blicklos auf den Sorenburg, während sie um Atem rang. »Sie verdienen meinen uneingeschränkten Respekt. Ihr Kunstgeschmack ist wirklich erlesen.«

»Danke. Das sehe ich rein zufällig genauso.«

Sie riskierte einen Seitenblick. Seine blauen Augen durchbohrten sie förmlich.

»Bitte, geben Sie mir doch Ihre Jacke«, sagte er und streckte die Hand aus.

»Nein.« Wieder schoss ihr das Blut in die Wangen, als ihr bewusst wurde, wie schroff sie geklungen hatte. Verlegen blickte sie auf seine immer noch ausgestreckte Hand.

»Ich nehme sie Ihnen ab.«

Sie öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, schloss ihn beim Anblick seiner leicht erhobenen Brauen jedoch wieder.

»Die Frau ist diejenige, die die Kleider trägt, Francesca, nicht umgekehrt. Das ist die erste Lektion, die ich Ihnen beibringen werde.«

Sie warf ihm einen gespielt verärgerten Blick zu und streifte ihre Jeansjacke ab. Die Luft fühlte sich kühl auf ihrer nackten Haut an, ganz im Gegensatz zu Ians Blick. Sie straffte die Schultern.

»Das hört sich fast so an, als wollten Sie mir noch weitere Lektionen beibringen«, sagte sie und reichte ihm die Jacke.

»Könnte sein. Bitte, folgen Sie mir.«

Er hängte ihre Jacke auf, ging den galerieartigen Korridor ein Stück weiter entlang, ehe er in einen schmaleren, von Messingleuchten erhellten Flur bog. Schließlich öffnete er eine Tür, und Francesca trat ein. Eigentlich hatte sie erwartet, einen weiteren Raum voll kostbarer Kunstwerke vor sich zu sehen, doch stattdessen stand sie in einem großen, schmalen Zimmer, über dessen gesamte Breite sich eine Fensterfront vom Boden bis zur Decke erstreckte. Ian machte keine Anstalten, das Licht einzuschalten. Das war auch nicht notwendig, denn der Raum wurde von zahllosen Lichtern der Wolkenkratzer erhellt, deren Schein vom nahen Fluss zurückgeworfen wurde. Wortlos trat sie ans Fenster. Er stellte sich neben sie.

»Diese Gebäude leben … manche mehr, manche weniger«, hauchte sie mit einem betrübten Blick, den er mit einem Lächeln quittierte. Wieder spürte sie, wie sie verlegen wurde. »Ich meine, es hat zumindest den Anschein. So habe ich es immer empfunden. Jedes einzelne hat eine eigene Seele. Vor allem bei Nacht … Ich kann es fühlen«, fügte sie verlegen hinzu.

»Das weiß ich. Genau deshalb habe ich mich für Ihr Bild entschieden.«

»Also nicht wegen seiner geraden Linien und der präzisen Reproduktion?«, fragte sie mit bebender Stimme.

»Nein. Das war nicht der Grund.«

Seine Züge wurden ausdruckslos, als sie lächelte. Er verstand ihre Kunst also doch, registrierte sie mit einem unerwarteten Glücksgefühl. Und … sie hatte ihm geschenkt, was er sich gewünscht hatte.

Wieder fiel ihr Blick auf den atemberaubenden Ausblick. »Jetzt verstehe ich, was Sie gemeint haben«, sagte sie mit bebender Stimme. »Seit anderthalb Jahren habe ich keine Architekturvorlesung mehr besucht und war so mit meinen Kunstvorlesungen beschäftigt, dass ich auch keine Zeitschriften mehr gelesen habe, sonst hätte ich es bestimmt mitbekommen. Ich muss mich schämen, weil ich es erst jetzt erkenne.« Sie blickte zu den beiden Gebäuden, die am Ufer des schwarz-gold gesprenkelten Flusses emporragten, und schüttelte staunend den Kopf. »Sie haben aus Noble Enterprises die modernisierte Version eines der architektonischen Klassiker Chicagos gemacht. Es sieht wie eine zeitgenössische Version des Sandusky Building aus. Absolut brillant.« Das Sandusky Building stellte ein Meisterwerk gotischer Architektur dar, und Noble Enterprises war genau wie Ian – eine ausdrucksstarke, geradlinige, moderne Interpretation seines berühmten Vorfahren. Sie lächelte.

»Die meisten Leute sehen es erst, wenn ich ihnen diese Aussicht zeige«, erklärte er.

»Es ist absolut genial, Ian«, gab sie voll aufrichtiger Bewunderung zurück und bemerkte, dass sich die funkelnden Lichter der Stadt in seinen blauen Augen spiegelten. »Wieso haben Sie sich in der Presse nie mit dem gebrüstet, was Sie geschaffen haben?«, fragte sie.

»Weil ich es nicht für die Presse getan habe, sondern für mein eigenes Vergnügen, so wie die meisten Dinge.«

Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen und sah sich außerstande, etwas darauf zu erwidern. War eine solche Bemerkung nicht schrecklich egoistisch? Aber falls ja, wieso lösten seine Worte dann dieses merkwürdige Pochen zwischen ihren Beinen aus?

»Aber es freut mich, dass es Ihnen gefällt«, fuhr er fort. »Und jetzt möchte ich Ihnen noch etwas zeigen.«

»Wirklich?«, stieß sie atemlos hervor.

Er nickte. Sie folgte ihm, heilfroh, dass er im Halbdunkel ihre tiefroten Wangen nicht erkennen konnte. Er betrat einen Raum, dessen Wände fast ausschließlich von dunklen Walnussregalen gesäumt waren. Er blieb im Türrahmen stehen und beobachtete, wie sie sich neugierig umsah, ehe ihr Blick auf dem Gemälde über dem Kamin hängen blieb. Einen Moment lang stand sie erstarrt da, dann trat sie wie in Trance darauf zu, um ihr Werk in Augenschein zu nehmen.

»Sie haben es bei Feinstein gekauft?«, flüsterte sie. Davie Feinstein war einer ihrer Mitbewohner und Besitzer einer eigenen Galerie in Wicker Park. Bei dem Bild über dem Kamin handelte es sich um das erste ihrer Werke, das er für sie verkauft hatte. Sie hatte darauf bestanden, es Davie zu überlassen, quasi als Anzahlung für ihren Anteil an der Miete, als sie vor anderthalb Jahren völlig pleite bei ihm eingezogen war.

»Ja«, hörte sie Ian dicht neben ihrer rechten Schulter sagen.

»Davie hat nie erwähnt …«

»Ich habe Lin gebeten, es in meinem Auftrag zu erwerben. Die Galerie hat wahrscheinlich nie erfahren, wer sich in Wahrheit hinter dem Kauf verbirgt.«

Sie schluckte gegen den Kloß in ihrer Kehle an und ließ den Blick über den einsamen Mann wandern, der in der Düsternis der frühen Morgenstunden mit dem Rücken zu ihnen mitten auf einer Straße im Lincoln Park entlangging. Die Wolkenkratzer schienen mit distanzierter Gleichgültigkeit auf ihn herabzublicken, als wären sie ebenso immun gegen menschliches Leid wie er selbst gegen den Schmerz in seinem Innern. Seine offenen Mantelschöße bauschten sich um ihn. Er hatte die Schultern gegen den schneidenden Wind eingezogen und die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Sein Körper verströmte die Aura von Kraft und Anmut und jene resignierte Einsamkeit, die die Menschen hart und entschlossen werden ließ.

Sie liebte dieses Bild. Es hatte sie enorme Überwindung gekostet, es Davie zu überlassen, doch die Miete musste nun einmal bezahlt werden.

»Die Katze, die frei umherstreifte«, sagte Ian mit rauer Stimme.

Sie lachte leise beim Klang des Titels, den sie ihrem Bild gegeben hatte – »Ich bin die Katze, die frei umherstreifte, und ich bin überall zu Hause.« »Ich habe dieses Bild im ersten Studienjahr gemalt. Damals habe ich gerade ein Literaturseminar besucht, bei dem Kipling auf dem Programm stand. Der Satz erschien mir irgendwie passend.«

Ihre Stimme verklang. Sie betrachtete die einsame Gestalt auf dem Bild, während sie sich der Gegenwart des Mannes hinter ihr mit jeder Faser ihres Körpers bewusst war. Sie sah ihn an und lächelte. Voller Verlegenheit registrierte sie, dass Tränen in ihren Augen brannten. Ihre Nasenflügel bebten leicht. Sie wandte sich ab und wischte sich unwirsch die Tränen ab. Das Bild in der Intimität seines Zuhauses zu sehen, hatte etwas tief in ihrem Innern berührt.

»Ich sollte jetzt wohl besser gehen«, sagte sie.

Ihr Herz hämmerte wie ein Trommelwirbel in der bedeutungsschwangeren Stille.

»Vielleicht wäre es das Beste, ja«, bestätigte er schließlich. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung – oder des Bedauerns? – aus, als sie sich umwandte und ihn das Zimmer verlassen sah. Sie folgte ihm und murmelte einen flüchtigen Dank, als er ihr die Jacke hinhielt. Sie versuchte, sie ihm aus der Hand zu nehmen, doch er blieb stehen, bis sie sich umdrehte und sich von ihm hineinhelfen ließ. Seine Fingerknöchel streiften ihre nackten Schultern. Sie unterdrückte einen Schauder, als er eine Hand unter ihr langes Haar schob und dabei ihren Nacken streifte. Behutsam zog er ihr Haar aus dem Kragen und strich es auf ihrem Rücken glatt. Beim zweiten Mal gelang es ihr nicht, den Schauder zu überspielen, und sie war sicher, dass er auch ihm nicht entgangen war.

»Eine sehr seltene Farbe«, sagte er leise, ohne seine Hände von ihr zu lösen, was ihre Nervenenden noch heftiger vibrieren ließ.

»Jacob, mein Chauffeur, kann Sie nach Hause bringen«, fuhr er fort.

»Nein«, widersprach sie und kam sich wie eine Idiotin vor, weil sie sich ihm nicht zuwandte. Sie war wie gelähmt, konnte sich plötzlich nicht mehr bewegen. »Ein Freund von mir holt mich sowieso bald ab.«

»Werden Sie hier malen?«, fragte er. Seine Stimme schien nur wenige Zentimeter neben ihrem rechten Ohr zu schweben. Sie starrte geradeaus.

»Ja.«

»Dann möchte ich, dass Sie gleich am Montag anfangen. Ich veranlasse, dass Lin Ihnen eine Zugangskarte und das Passwort zum Lift zukommen lässt, außerdem werden wir Ihr gesamtes Equipment herschaffen.«

»Ich kann aber nicht jeden Tag hier sein, weil ich Vorlesungen habe. Meistens finden sie vormittags statt, außerdem arbeite ich mehrmals pro Woche von sieben Uhr bis zur Sperrstunde als Kellnerin.«

»Kommen Sie einfach, wann immer Sie Zeit haben. Wichtig ist nur, dass Sie kommen.«

»Gut«, stieß sie mit erstickter Stimme hervor. Noch immer lag seine Hand auf ihrem Rücken. Spürte er, wie sie unter seiner Berührung bebte?

Sie musste hier raus. Und zwar schleunigst. Das hier war alles zu viel.

Sie stürzte zum Aufzug und drückte hastig den Knopf. Die Aufzugtüren glitten auf.

»Francesca?«, sagte er, als sie hineintrat.

»Ja?« Sie wandte sich noch einmal um.

Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, sodass sein Jackett auseinanderfiel und den Blick auf seinen muskulösen Bauch unter dem Hemd, seine schmalen Hüften, die silberne Gürtelschnalle … und alles freigab, was sich darunter befand.

»Nun, da Sie finanziell abgesicherter sind, möchte ich nicht, dass Sie auf der Suche nach Inspiration in den frühen Morgenstunden durch Chicago spazieren. Man weiß nie, was einem passiert. Es ist gefährlich.«

Sie riss vor Verblüffung die Augen auf. Er trat vor und drückte den Knopf, worauf sich die Türen schlossen. Das Letzte, was sie von ihm sah, waren seine leuchtend blauen Augen in seinem ansonsten ausdruckslosen Gesicht. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und schwoll zu einem dröhnenden Rauschen in den Ohren an.

Er war derjenige, den sie vor vier Jahren gemalt hatte. Das war es, was er ihr damit sagen wollte: Er wusste, dass sie ihn gesehen hatte, wie er mitten in der Nacht durch die Straßen gewandert war, während der Rest der Welt in tiefem Schlummer lag. Damals war sie sich der Quelle ihrer Inspiration nicht bewusst gewesen, und auch er hatte es wahrscheinlich erst gemerkt, als er das Bild gesehen hatte, aber es gab keinen Zweifel:

Ian Noble war die Katze, die frei umherstreifte.

Und er wollte, dass sie es wusste.

KAPITEL 2

Es gelang ihm, sie ganze zehn Tage lang aus seinen Gedanken zu verbannen. Er flog für zwei Tage nach New York, wo er ein Computerprogramm erwarb, das eine völlig neuartige Spieleanwendung mit einem Social Network verbinden würde. Als Nächstes absolvierte er seinen allmonatlichen Trip nach London, wo er ebenfalls ein Domizil besaß. Nach seiner Rückkehr nach Chicago zwangen ihn diverse Meetings und stapelweise Arbeit, bis weit nach Mitternacht am Schreibtisch zu sitzen, ehe er in sein stilles, leeres Penthouse zurückkehrte.

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