Teresa Jung und der tote Nachbar - Band 1 - Lena Sand - E-Book

Teresa Jung und der tote Nachbar - Band 1 E-Book

Lena Sand

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Beschreibung

Heiter bis wolkig – aber immer mit Biss: Der turbulente Kriminalroman »Theresa Jung und der tote Nachbar« von Lena Sand als eBook bei dotbooks. In diesem provenzalischen Küstenort ist der Teufel los … Die Schriftstellerin Teresa hütet über den Sommer das Haus ihrer Tante, während sie an ihrem nächsten unanständigen Bestseller arbeitet. Zudem hofft sie auf das ein oder andere Abenteuer, denn je mehr Erotik sie verkauft, desto weniger erlebt sie davon selbst. Doch bald schon überschlagen sich die Ereignisse: In einem Nobelhotel wird ein deutscher Galerist ermordet und Teresas Nachbar verschwindet plötzlich spurlos. Bei ihren Nachforschungen erhält Teresa Hilfe von gleich mehreren Verehrern – doch einer von ihnen scheint es weniger auf ihre Liebe, sondern vielmehr auf ihr Leben abgesehen zu haben … Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Teresa Jung und der tote Nachbar« – Band 1 der heiteren Krimireihe von Lena Sand. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 263

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Über dieses Buch:

In diesem provenzalischen Küstenort ist der Teufel los … Die Schriftstellerin Teresa hütet über den Sommer das Haus ihrer Tante, während sie an ihrem nächsten unanständigen Bestseller arbeitet. Zudem hofft sie auf das ein oder andere Abenteuer, denn je mehr Erotik sie verkauft, desto weniger erlebt sie davon selbst. Doch bald schon überschlagen sich die Ereignisse: In einem Nobelhotel wird ein deutscher Galerist ermordet und Teresas Nachbar verschwindet plötzlich spurlos. Bei ihren Nachforschungen erhält Teresa Hilfe von gleich mehreren Verehrern – doch einer von ihnen scheint es weniger auf ihre Liebe, sondern vielmehr auf ihr Leben abgesehen zu haben …

Über die Autorin:

Lena Sand ist das Pseudonym der deutschen Schriftstellerin Christa Jekoff. Sie wuchs in Frankfurt am Main auf und studierte dort Germanistik an der Goethe-Universität. Heute schreibt sie erfolgreich in verschiedensten Genres und arbeitet als Dozentin für den Fachbereich Deutsch.

Lena Sand veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre heiteren Romane »Ein Mann macht noch keinen Sommer« und »Seewind und Champagnerküsse«.

Die Kriminalromanreihe um Teresa Jung umfasst:»Teresa Jung und der tote Nachbar«»Teresa Jung und der Tote im Pool«»Teresa Jung und die Tote am Küchentisch«»Teresa Jung und der schöne Tod«

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eBook-Neuausgabe Dezember 2018

Dieses Buch erschien bereits 1996 unter dem Titel »Zur Sache Kätzchen« bei Econ

Copyright © der Originalausgabe 1996 by ECON Verlag GmbH, Düsseldorf

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Anastasia Ness, Eric Isselee, Africa Studio und donatas 1205

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-321-1

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Lena Sand

Teresa Jung und der tote Nachbar

Kriminalroman

dotbooks.

Danksagung

Meinen Dank ganz prosaisch zuerst denen, die mir finanziell geholfen haben – denn ohne Geld kann man nicht schreiben und allen, die mich ermutigen, kritisieren und sonstwie unterstützen. Mein ganz besonderer Dank gilt meinem Agenten Klaus Middendorf für seinen engagierten Einsatz. Meiner vierbeinigen bunten Freundin danke ich für ihr Schnurren, das mir die Einsamkeit am Schreibtisch erträglich macht, meinem zweibeinigen Hausgenossen dafür, daß er noch nicht ausgezogen ist, und last not least der Firma Apple Macintosh für die Herstellung ihres wunderbaren Power-Books.

GALILEI: Ich verstehe: freier Handel, freie Forschung. Freier Handel mit der Forschung, wie?

DER KURATOR: Aber Herr Galilei! Welch eine Auffassung! Erlauben Sie mir zu sagen, daß ich Ihre spaßhaften Bemerkungen nicht ganz verstehe. Der blühende Handel der Republik erscheint mir kaum als etwas Verächtliches.

Bertolt Brecht: Leben des Galilei

Kapitel 1

Ich trat auf die Bremse meines Alfa Spider und ärgerte mich maßlos, nicht den Verkehrsfunk eingeschaltet zu haben. Rod Stewart konnte ich schließlich immer hören. Das hatte ich nun davon. Wie kann man nur so blöd sein! Ferienverkehr. Stau auf der Autobahn Lyon-Marseille. Wäre ich bloß rechtzeitig runtergefahren.

»Jetzt sitzen wir fest«, seufzte ich und streichelte liebevoll das Sportlenkrad meines dunkelblauen Alfas.

Im Nu war ich eingekeilt. Vor mir ein Wohnanhänger, neben mir ein Wohnanhänger und hinter mir ein Wohnmobil. Alle steckengeblieben in der Utopie von Freiheit und Abenteuer. Ich sah schon die Schlagzeile vor mir: KATASTROPHALER URLAUBSSTAU VERHINDERT ZUFAHRT ZU MITTELMEERSTRÄNDEN.

Und dann diese erbarmungslose Mittagssonne des erbarmungslos heißen Südens! Um einen Hitzschlag zu verhindern, schloß ich das Verdeck meines Cabrios und stellte alle Fenster auf Durchzug. Dann knotete ich das weiße Seidentuch auf, das ich immer trug, wenn ich offen fuhr, und schüttelte meine schwarze Mähne, um die Luft wenigstens ein bißchen in Bewegung zu setzen. Hinter meiner Sonnenbrille begann sich bereits mein Lidstrich aufzulösen. Auf der Gegenfahrbahn donnerte der Verkehr vorbei, und zu der unerträglichen Hitze gesellte sich der mörderische Gestank von Autoabgasen.

Sehnsüchtig dachte ich an meine kühle Frankfurter Altbauwohnung mit den langen zugezogenen Samtvorhängen und dem Summen des Ventilators, aus der mich normalerweise zu dieser Jahreszeit keine zehn Pferde herausbekommen hätten. Ich liebe die Ferienzeit in der Großstadt. Das gesellschaftliche Leben geht gegen Null, und man kann ungestört arbeiten. Überall findet man einen Parkplatz in der City und einen freien Tisch im Gartenlokal.

So jedenfalls hatte ich mir auch diesen Sommer vorgestellt. Bis Tante Arabella anrief.

»Aber nur, wenn du es wirklich einrichten kannst!«, hatte sie mehrmals betont. Nie hätte sie es mir übelgenommen, wenn ich nein gesagt hätte. Eben deswegen konnte ich ihr nichts abschlagen. Darüber hinaus hatte sie noch nie etwas von mir verlangt. Im Gegenteil: Ich hatte ihr viel zu verdanken, eigentlich alles. Nach dem tragischen Flugzeugabsturz, dem meine Eltern damals zum Opfer gefallen waren, hatte sie mich stets großzügig unterstützt, ohne sich je in mein Leben einzumischen.

»Natürlich komme ich«, hatte ich ihr gesagt.

»Du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich bin, wenn du dich um die Katzen kümmerst. Füttern würde Alice sie ja auch. Aber du kennst ja Alice.«

Alice ist Tante Arabellas Putzfrau. Eine kleine, rundliche Südfranzösin mit unzähligen Lachfältchen, eine Perle von Putzfrau. Allerdings hat sie zu Katzen ein entschieden unsentimentales Verhältnis.

»Wie lange bist du denn nicht zu Hause?«, hatte ich mich so beiläufig wie möglich erkundigt.

»Ich denke, so ungefähr sechs Wochen. Geht das? Weißt du, Justus hat sich kurzfristig entschieden, seine Villa renovieren zu lassen. Und während dieser Zeit will er ein bißchen mit der Yacht herumkreuzen. Er besteht darauf, daß ich mitkomme. Ich finde es zwar ziemlich langweilig, den ganzen Tag auf ein paar Quadratmetern Planken zu verbringen. Aber du kennst ja Justus: Wenn der sich etwas in den Kopf gesetzt hat –«

Justus. Er ist der charmanteste alte Dickschädel, den man sich vorstellen kann. Ein Bonvivant mit einem ungeheuren Vermögen und einer ungeheuer interessanten Vergangenheit. Und er ist der Freund meiner Tante.

Der geliebte Sommer in der City ließe sich wohl klaglos verschmerzen, schließlich konnte ich im Haus meiner Tante in Ruhe arbeiten, war abseits vom Ferienrummel und trotzdem nah an der Küste. Die meisten Leute würden mich beneiden.

»Da fällt mir wirklich ein Stein vom Herzen, Teresa. In den Karten steht nämlich etwas von einem unangenehmen Zwischenfall im Zusammenhang mit einer Reise, und bei dir weiß ich wenigstens die Katzen gut versorgt. Ach, wenn du vielleicht die Rosen noch gießen könntest. Mit abgestandenem Wasser. Alice nimmt immer den Gartenschlauch.«

Ich mußte lächeln. Katzenfreundin Tante Arabella und ihre Tarotkarten!

»Mach dir nur keine Sorgen«, hatte ich ihr versichert, lief schnurstracks in meine Lieblingsboutique, kaufte mir ein paar Lümpchen, packte meinen Laptop ins Auto und machte mich auf nach Südfrankreich zu den Katzen meiner Lieblingstante.

Ein Hoffnungsschimmer: Der Wohnwagen neben mir bewegte sich. An die Stelle des Wohnwagens schob sich langsam ein grauer Mercedes-Kombi mit Heidelberger Kennzeichen. Gleichzeitig ertönte ein schrilles, langgezogenes Gelächter. Dann ein ohrenbetäubender Trommelwirbel. Kurz darauf rief eine übermütige Frauenstimme: »Wo ist der Deinhard?« Das hätte ich zwar auch gern gewußt, aber deutsche Fernsehwerbung für deutschen Sekt auf einer südfranzösischen Autobahn überschreitet meine patriotische Toleranzschwelle ganz erheblich.

Und dann sah ich zum ersten Mal Mario.

Er saß hinter dem Fahrersitz, eingekeilt zwischen Tür und Kindersitz, und starrte teilnahmslos ins Leere. Ein Walkman schottete ihn von der Außenwelt ab. Der Kombi war vollgestopft mit einer kinderreichen Familie, der ein gelbblauer Ara noch einen kräftigen Schuß Exotik verlieh. Der Papagei schimpfte in seinem Käfig wie ein Rohrspatz. Doch niemand nahm Notiz von ihm. Selbst als er mit stolz geschwellter Brust sein Gefieder spreizte und in beifallheischender Hektik auf seiner Stange hin und her lief, blieb seine Vorstellung, von mir einmal abgesehen, ohne Beachtung.

In den Kindersitz kam plötzlich heftige Bewegung.

»Gib her!«

»Nein, das ist meine!«

Ein Kinderarm schoß in die Luft. Ein zweiter und ein dritter folgten. Schließlich ergoß sich der Inhalt der tapfer verteidigten Cola-Dose über die Sitzpolster, was nicht ohne Tränen blieb. Nun erkannte ich zwei sommersprossige Kindergesichter, offensichtlich Zwillinge, denn sie glichen sich aufs Haar. Die Cola-Dosen-Schlacht der Zwillinge hatte scheinbar den vorher friedlich schlafenden Säugling, den die Frau neben dem Fahrer auf dem Schoß hielt, geweckt, jedenfalls schrie er markerschütternd.

Der Fahrer drehte sich zu den beiden Cola-Dosen-Kriegern auf dem Rücksitz um, in der erfolglosen Absicht, sie zu ermahnen, denn seine Worte gingen im Gebrüll des Kleinkindes unter. Der Fahrer kam mir irgendwie bekannt vor.

»Da nimmt man Abflußfrei, das macht den Abfluß frei!«, krächzte der Papagei mit unerreichter Pointensicherheit. Er schien sämtliche Werbespots draufzuhaben. Als er schließlich noch die Deinhard-Werbung mit der Frage »Wo ist der Abfluß?«, parodierte, mußte ich laut losprusten. Das Ganze krönte er noch mit einem schrillen Pfiff, den er wahrscheinlich von Fußballübertragungen kannte. Das war für den Fahrer offensichtlich das Signal, seine krakeelende Familie endlich zu beruhigen, denn unmittelbar darauf öffnete er die Heckklappe, gab dem Vogel eine Erdnuß und kraulte ihm den Kopf, worauf der prompt die Ruhestörung einstellte. Die Zwillinge bekamen jeder eine Cola aus der Kühlbox und das Kleinkind eine Flasche Kakao. Anschließend zündete er sich eine Pfeife an, stützte sich auf die offene Fahrertür und blickte in die Ferne, in die er eigentlich reisen wollte.

Das Schöne an Familien ist immer die Fürsorge. Ich hatte weder das eine noch das andere und hätte wohl auch beides auf Dauer nicht ertragen. Deshalb mußte ich jetzt auch verdursten.

Das Kleinkind, offensichtlich unbestechlich, brüllte unterdessen unvermindert weiter. Doch mich beschäftigte viel mehr die Frage, wo ich diesen patenten Familienvater schon mal gesehen hatte. Diese sandfarbenen, etwas zu langen Haare, die unordentlich über dem Hemdkragen hingen – ein Indiz, daß er nur selten zum Friseur fand –, diese leicht vorstehenden Augen mit den schweren Lidern, die herabhängenden Wangen, der wuchtige Körper, dieses gutmütige, etwas bekümmert dreinschauende Gesicht, das an einen Basset erinnerte, das alles war vertrautes Inventar aus der Vergangenheit, das ich lediglich nicht zu benennen wußte.

Der Walkman Junge blieb immer noch ungerührt in sich versunken. Das brachte mich auf die Idee, meinen Rod Stewart umzudrehen.

Hübsches Bürschchen, der Filius. Er hatte das gleiche Haar wie sein Vater, nur modischer geschnitten, und ein schmales, blasses Gesicht mit feinen Zügen. Ein leichter Flaum über seinem ausdrucksvollen Mund verlieh ihm eine jugendliche Lässigkeit, die durch dunkelbraune Augen hinter langen schwarzen Wimpern, um die ihn jede Frau beneiden mußte, eine südländische Note bekam. Ich schätzte ihn auf siebzehn. Es mußte ihn unendlich anöden, mit der Familie in Urlaub zu fahren. Er tat mir leid, so deplaziert zwischen den kleinen Bälgern und den uralten Erwachsenen. Ich hätte ihn gern in den Arm genommen und getröstet. Wahrscheinlich hatte er seidenweiche Haare. Vielleicht würde ich ihn auch küssen. Ober davon träumte, einmal mit einer erfahrenen Frau zu schlafen?

Ich rief mich zur Ordnung. Schließlich war ich fast doppelt so alt.

Er mußte meinen Blick gespürt haben. Für einen Moment trafen sich unsere Augen. Er schaute sofort wieder weg und strich sich die Haare aus der Stirn. Dabei fielen mir seine schlanken Hände mit den langen Fingern auf. Sehr gepflegt für sein Alter. Have I told you lately, that I love you? sang Rod Stewart. Wie lange war es her, daß ein Mann das zu mir gesagt hatte? In einem Punkt logen die Karten meiner Tante leider wirklich nicht: Ich hatte immer Pech mit Männern. Natürlich fehlte es mir nicht an Angeboten. Solchen eben, wie sie jede gutaussehende Frau reihenweise bekommt: unglücklich Verheiratete, unverheiratete Kaputtnix und Reichlinge mit viel Bauch und wenig Haaren. Der Markt war eng angesichts meiner zweiunddreißig Jahre, wo brave Bürger längst mitten in der Familienplanung stecken. Dabei liebe ich die Männer und habe keine besonderen Ansprüche. Obwohl – einen interessanten Beruf sollte er schon haben. Das finde ich erotisch. Humor und Charakter sind ein absolutes Muß. Und untreu sollte er ja auch nicht gerade sein.

Treu war mein Exfreund, Studienrat für Deutsch und Geschichte, zwar gewesen, allerdings: Humor hatte er keinen. Besonders nicht, als ich mein Philologiestudium endgültig an den Nagel hängte und einen erotischen Roman schrieb. Als der ein Bestseller wurde, flippte mein Literaturbeamter völlig aus. Das ist zwar kaum ein Jahr her, aber es kommt mir vor wie hundert Jahre. Meine Tante hatte mich übrigens immer in meinem Tun bestärkt. Sowohl moralisch als auch mit einem monatlichen Scheck. »Du mußt deinen Weg gehen, Kind«, pflegte sie mit liebenswürdig stoischer Hartnäckigkeit zu meinen Eskapaden zu sagen. Jetzt hatte ich zwar keine finanziellen Probleme mehr, aber mit der Erotik sah es mau aus. Und je mehr Erotik ich verkaufte, um so weniger erlebte ich davon.

Der Junge mit dem Walkman drehte sich eine Zigarette. Gebannt starrte ich auf diese schönen geschickten Hände. Er suchte in seinen Jeanstaschen nach Feuer. Er sagte etwas zu seinem Vater. Jetzt wußte ich es: Ich hatte seinen Vater in einer Talk-Show gesehen. Es ging um Gefährlichkeit und Nutzen von Atomkraft. Genau: Rebe hieß er, Professor Rebe, Atomwissenschaftler. Er sollte eigentlich die Expertenargumente für die atomare Nutzung liefern. Doch zur allgemeinen Verblüffung aller Beteiligten tat er genau das Gegenteil und fuhr seiner eigenen Branche an den Karren.

Als der Stau sich aufzulösen begann, vergaß ich die ganze Geschichte. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, daß sie mich schon bald wieder einholen würde.

Nächtliches Zwischenspiel

In diesen warmen Vollmondnächten hält es keine Katze im Haus. Überall sieht man ihre phosphoreszierenden Augen aufblitzen. (Wissen Sie eigentlich, wie viele Millionen Katzen allein in Europa leben?)

Niemandem fiel der Schatten auf der sich hinter dem Bürofenster des Professors am Institut für Kernforschung in Heidelberg hin und her bewegte. Nur den leuchtenden Katzenaugen war nicht entgangen, wie jemand mit einer Taschenlampe in Schubläden und Schränke hineinleuchtete, in Aktenordnern blätterte und sich am Computer zu schaffen machte.

Der Professor schlief indes in einem Hotel bei Aix. Er lag ruhig auf dem Rücken, seine rechte Hand ruhte auf dem Herzen, beim Ausatmen blies er die Lippen auf Seine Frau schlief nebenan bei dem Kleinkind. Damit er nicht aufwachte, wenn es schrie. Das war in letzter Zeit immer so. Er wußte nicht, daß es dafür noch einen anderen Grund gab.

Die junge Frau mit dem dunkelblauen Alfa schlief ebenfalls allein. Das Fenster des rustikalen Gästezimmers war weit geöffnet. Wegen der Hitze war sie nicht zugedeckt. Sie schlief auf dem Bauch, die schwarzen Haare fielen über ihren Rücken. Ein Bein hatte sie leicht angewinkelt. Sicherlich wäre sie beunruhigt gewesen, wenn sie geahnt hätte, daß jemand ums Nachbarhaus schlich, gefolgt von vier glühenden Katzenaugen, die unter den Oleanderbüschen hervorleuchteten und beobachteten, wie die Gestalt immer wieder innehielt, die Taschenlampe einschaltete und sich etwas zu notieren schien.

Wenig später kletterte dieselbe Gestalt an der Rückseite dieses kleinen vornehmen Hotels in der Nähe von Aix über die Balkone hinauf und verschwand durch eine angelehnte Tür in einem der Zimmer.

Kapitel 2

Mein erster Ferientag fing damit an, daß ich Bastian aufrichten mußte.

Wir saßen beide auf den Marmorfliesen in der Küche meiner Tante vor einem frisch gefüllten Futternapf.

»So ein schöner, lieber Kater muß doch fressen. Frauchen kommt ganz bestimmt wieder«, versuchte ich ihn zu beruhigen und streichelte seinen markanten Katerkopf. Die großen bernsteinfarbenen Augen blickten ausdruckslos über das Futter hinweg. Dabei hatte er sich gefreut und ausgiebig mit mir geschmust, als ich am Abend angekommen war. Bastian ist ein sehr freundlicher Kater und kennt mich von früheren Besuchen. Aber inzwischen schien ihm klar zu sein, daß Tante Arabella nicht nur einkaufen war. Währenddessen saß Paulinchen, die schillernde Schönheit, in der Eingangstür, die vom Garten direkt in die große Küche führt, und putzte sich genüßlich. Sie hatte ausgiebig gefrühstückt und war mit sich und der Welt zufrieden. Ihr schwarzes Fell mit den rot-weiß gesprenkelten Flecken glänzte vornehm in der Sonne. Für sie ging das Leben weiter, notfalls auch ohne Frauchen. Mich hatte sie höflich-distanziert behandelt. Ich war der Dosenöffner, nicht mehr. Bastian dagegen litt. Seine Schnurrbarthaare hingen traurig nach unten, Gesicht und Lenden waren leicht eingefallen, und das Fell war stumpf

Meine Tante ist davon überzeugt, daß Bastian ein verwunschener Prinz in Gestalt eines großen roten Katers ist. Also blieb mir nichts anderes übrig, als hinunter in den Ort zu fahren und für den Prinzen Tatar zu kaufen.

Das Haus meiner Tante liegt über einer kleinen Bucht zwischen Marseille und Toulon, wo die Provence sanft zur Küste hin ausläuft. Man erreicht es, wenn man den kleinen Ort an der Küstenstraße ganz durchfährt und dann die schmale Straße nimmt, die sich den pinienbewachsenen Hügel hinaufschlängelt. Sie läuft entlang hoher Mauern aus Natursteinen oder weißgestrichenen Ziegeln, über die Oleanderbüsche und Bougainvilleas quellen und hinter denen Palmen gegen den dunkelblauen Himmel wachsen. Manchmal werden die Mauern von massiven dunklen Holztoren unterbrochen, die an Eingänge zu Burgverliesen erinnern. Hier stehen die Häuser der Reichen, die um diese Jahreszeit lediglich hinter den geschlossenen Schlagläden hervorkommen, um sich an ihren Pools oder auf ihren Yachten zu treffen oder am frühen Morgen, wenn die Touristen ihre Hotels noch nicht verlassen haben, ihre Einkäufe zu erledigen. Ansonsten überlassen sie den Ort im Sommer den Urlaubern, die ihn gewissermaßen seiner Nationalität berauben und ihn mit seinen Bars, seinem Yachthafen und seinem überfüllten Strand zu einem der gewöhnlichen Badeorte am Mittelmeer machen.

Eines dieser festungsartig eingefriedeten Häuser gehört meiner Tante. Eigentlich ist es gar nicht ihr Stil, in solch feudaler Abgeschiedenheit zu leben, aber sie hatte das Haus nebst einem stattlichen Vermögen vor einigen Jahren von einem alten Liebhaber geerbt, der sich auf seinem Sterbebett an sie erinnerte. Sie hatte keinen Moment gezögert, hier einzuziehen. Schließlich war es besser als ein Reihenhaus in Deutschland.

Ich parkte meinen Alfa hinter der roten Ente meiner Tante. Das ist typisch für sie: Sie fährt seit zwanzig Jahren 2CV, obwohl sie sich inzwischen jedes Auto leisten könnte.

Hier oben roch es wieder nach Provence, während die Luft unten an der Küste ein Dunstgemisch aus Benzin und Sonnenöl zu sein schien.

Mit zwei großen Tüten frischer Croissants und anderen französischen Köstlichkeiten im Arm – und natürlich dem Tatar für Bastian – versuchte ich mühsam das Tor aufzuschließen, als neben mir ein knatterndes Mofa hielt.

»Mademoiselle Terèse, wie schön, daß Sie da sind. Ihre Tante hat mir erzählt, daß Sie kommen!«

»Hallo, Victor!«, rief ich erfreut.

Victor ist der alte Briefträger auf Tante Arabellas Berg und mit seinem grauen Schnäuzer, seiner Baskenmütze und seiner permanent lässig im Mundwinkel hängenden Gauloise ein Bilderbuchfranzose. (Ob er damit schon auf die Welt gekommen ist?)

»Ah, Sie haben sich schon eingelebt, Sie waren einkaufen«, stellte er mit einem Blick auf meine Tüten fest. »Ist das nicht schrecklich, die vielen Touristen im Ort? Es wird jedes Jahr schlimmer.« Besorgt schüttelte er den Kopf. Aber seine blauen Augen lachten mich an.

»Bastian will nicht fressen, da habe ich ihm Tatar besorgt und für mich auch gleich eingekauft. Ich habe noch nicht gefrühstückt. Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?«

»Nicht heute, Mademoiselle Terèse. Ich habe noch so viel zu tun.« Er schlug mit der Hand auf seine zum Bersten volle Umhängetasche, stellte aber, widersprüchlich, wie der Mensch nun mal ist, sein Mofa ab, lüftete seine Mütze und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Nur eine Zigarette«, sagte er und hielt mir sein Päckchen hin. Ich schüttelte den Kopf. Wie sollte ich auch mit vollen Händen?

»Bastian will nicht fressen, weil er traurig ist. Deshalb hat er mich auch heute nicht begrüßt. Mir fehlt ihre Tante auch. Wenn ich sie sehe, geht es mir den ganzen Tag lang gut. Aber jetzt sind Sie ja hier. Und wie schön Sie sind. Das wird mich trösten.«

»Sie Charmeur!«

»Ich muß weiter«, sagte er etwas unvermittelt, wohl aus Verlegenheit. »Hier Ihre Zeitung. Ist das Haus noch nicht vermietet?« Er deutete zum Nachbarhaus, das mit fest verschlossenen Läden verlassen in der Sonne lag. Es gehört einem Pariser Geschäftsmann, der ein paar Wochen im Jahr dort verbringt. Die meiste Zeit wird es an solvente Urlauber vermietet, und zwischendurch ist es auch mal unbewohnt. So wie jetzt.

»Dann wird sicher dieser Tage jemand einziehen«, sagte Victor. »Ich habe nämlich einen Brief für die Nummer sechzehn. Ich lasse ihn am besten bei Ihnen, dann muß ich ihn nicht wieder mitnehmen. Einen Absender hat er sowieso nicht.«

Die Nummer sechzehn besitzt keinen Briefkasten. Wahrscheinlich verfuhr Victor immer so, wenn er niemanden antraf. Er schob den Brief in den Küstenboten, klemmte die Zeitung unter meine Finger und knatterte davon.

Es war bereits Mittag, als ich endlich mit meinem Laptop im Liegestuhl lag und nach einer neuen erotischen Variante suchte. Meine Heldin brauchte unbedingt einen neuen Liebhaber. Genau wie ich.

Bastian hatte sich letzten Endes doch überreden lassen, von dem Tatar zu fressen, ein wohliges Schnurren war ihm allerdings immer noch nicht zu entlocken. Dafür hatte Paulinchen anerkennend das schwarzweiße Köpfchen mit den roten Ohren an meinem Bein gerieben. Immerhin eine Geste. Ich hatte die Regentonnen mit dem Gartenschlauch aufgefüllt, damit das Wasser sich bis zum Abend erwärmen konnte. Es war mörderisch heiß, sogar hier im Schatten, wo der Garten in ein Pinienwäldchen übergeht. Selbst das bißchen Stoff meines neuen schwarzen Bikinis war zuviel auf der Haut. Das monotone Zirpen der Zikaden und der schwere Duft von Eukalyptus und Pinien machte mich gleichzeitig schläfrig und kribbelig. Ich schloß die Augen und konzentrierte mich auf die Berührung der Finger entlang der Kante meines Bikinioberteils. Er war sehr sanft, dieser neue Liebhaber. Und schüchtern. Aber gerade seine schüchterne Liebkosung erregte mich.

Auf eine ohrenbetäubende Detonation folgte der langgezogene Heulton der Alarmsirene. Die Menschenmenge lief genau auf mich zu. Ich schreckte hoch und versuchte zu erfassen, was geschehen war. Ich lag noch immer im Liegestuhl meiner Tante. Alles andere war auch noch an seinem Platz. Zumindest schien sich keine Katastrophe ereignet zu haben. Und das Erwachen aus einem Halbschlaf konnte man ja weiß Gott nicht als solche bezeichnen.

Auch Bastian schien aus seinen Träumen gerissen worden zu sein und strich verstört um mich herum. Ich nahm ihn auf den Arm. »Aber Bastian, du brauchst doch keine Angst zu haben. Niemand tut dir etwas. Das sind bestimmt ...«

Das konnte nicht wahr sein! Offenen Mundes starrte ich zwischen zwei Oleanderbüschen hindurch auf das Schauspiel, das vor dem Nachbarhaus zu beobachten war. Niemand anderes als die Großfamilie aus dem Mercedes-Kombi war gerade im Begriff, nebenan einzuziehen.

In diesem Moment ahnte ich, daß aus meinen ruhigen Arbeitsferien nichts werden würde.

***

Als ich die Eingangshalle des Majestic-Hotels betrat, schaute mich der Empfangschef einen Augenblick lang fragend an. Dann schien ihm einzufallen, daß ich zum Clan von Justus gehörte. Jedenfalls hellten sich seine Gesichtszüge merklich auf.

»Madame, willkommen in unserem Haus. Wir freuen uns, daß Sie uns wieder einmal beehren.«

»Ich freue mich auch«, antwortete ich und meinte es ehrlich, denn wenn man sich durch das Gewühl der heißen staubigen Küstenstraße gekämpft hat, ist die gediegene Atmosphäre des Majestic, nicht zuletzt die Klimaanlage, die reinste Erholung.

Ich hielt ihm Justus' Clubkarte hin. Er nickte nur, ohne einen Blick darauf zu werfen.

»Monsieur hat uns informiert, daß Sie kommen. Was kann ich für Sie tun?«

Das Majestic ist kein sehr großes, aber ein sehr feines Hotel. Es liegt etwas außerhalb des Touristenzentrums am Ende der Bucht, wo eine Landzunge ins offene Meer hinausragt. Hier haben Justus und ein paar andere Millionäre ihre Villen. Das Hotel schmiegt sich weiß und terrassenförmig in die Klippen, zwischen denen ein langgezogener Sandabschnitt zum Sonnen und Baden einlädt. Hier lassen sich die Hotelgäste und die handverlesenen Mitglieder des Majestic-Clubs verwöhnen. Das Majestic ist ein Geheimtip und ständig ausgebucht.

Über die Privilegien der Reichen kann man ja geteilter Meinung sein, aber in den Sommermonaten sind sie an der französischen Mittelmeerküste einfach überlebensnotwendig, und ich war heilfroh, daß ich nicht am öffentlichen Badestrand um einen Platz für mein Handtuch kämpfen mußte.

»Haben Sie einen Wunsch, Madame?«, fragte eine samtige Stimme.

Träge hob ich die Augen. Neben meiner Strandliege stand Adonis persönlich. Hatte ich mir meinen Ferienlover nicht genau so vorgestellt? Braungebrannt in weißem T-Shirt, Brombeeraugen, seidige schwarze Haare. Daß er in Gestalt eines Kellners daherkam, war zwar in meiner klassenbewußten Phantasie nicht vorgesehen, aber schließlich wollte ich den Knaben fürs Bett, und einen gewissen Stil konnte man bei den Angestellten des Majestic schließlich durchaus voraussetzen.

Er hätte blind sein müssen, um nicht zu merken, wie ich ihn taxierte.

Während er mit berufsmäßiger Gelassenheit auf meine Bestellung wartete, musterte er ungeniert meinen halbnackten Körper.

»Campari-Orange mit viel Eis«, sagte ich so blasiert wie möglich, um meine Nervosität zu überspielen, denn ich bin kein Profi im Männeranmachen. Ich drehte mich demonstrativ gelangweilt auf den Bauch. Ich würde einen Sonnenbrand bekommen.

»Einen Campari-Orange, sofort«, sagte Adonis und verschwand.

Ich weiß, daß ich mich meiner Figur nicht zu schämen brauche. Das mußte mein Liegestuhlnachbar zur Linken wohl auch so empfinden, denn ich fühlte seine Augen förmlich an mir entlanggleiten. Zum Glück stehen die Strandliegen des Majestic weit genug auseinander, so daß er kein Gespräch mit mir anfangen konnte. Er war nämlich absolut nicht der Typ, den ich mir als Urlaubsflirt erträumen würde. Kategorie arroganter blutleerer Jüngling. Dabei war er bestimmt höchstens dreißig.

Die Liege zu meiner Rechten war wesentlich interessanter, auf ihr hatte es sich gerade eine alte Dame bequem gemacht. Ich hatte sie schon vom Wasser aus beobachtet, wie sie mit ihrem Stock langsam von einem Ende des Strandstücks zum anderen ging, Schritt für Schritt, zäh und entschlossen. Sie war dürr und knochig. Ihre faltige braune Haut erinnerte mich an eine alte Squaw oder an die Rinde eines knorrigen alten Baumes. Ihr Stock lehnte jetzt an der Liege. Sein vergoldeter Griff hatte die Form eines Papageienkopfes, er sah dem Ara meiner neuen Nachbarn, deren hektischer Geräuschkulisse ich vorübergehend entronnen war, nicht unähnlich. Die Alte trug ein knallgelbes Strandkleid aus Frotteestoff, dazu groteskerweise Goldschmuck, der ein Vermögen wert war. Ohrringe, Armreifen, Halskette.

Sie schlug eine ledergebundene Ausgabe von »Bel Ami« auf. Ob man in ihrem Alter – sie war ganz sicher über achtzig – noch immer an die Liebe dachte? Und wie dachte man daran, wenn man einen Belami nicht mehr in seinen Bann ziehen konnte? Wehmütig, verbittert, verzweifelt? Obwohl: Claire Goll hatte ihren ersten Orgasmus mit sechsundsiebzig. Ihr Liebhaber war erst zwanzig. Ich wollte auf meinen nächsten jedenfalls nicht solange warten.

Als der Kellner mit der samtigen Stimme und den Brombeeraugen mir den Drink reichte, dachte ich: jetzt oder nie!

»Würden Sie mir bitte den Rücken eincremen?«

»Oui, Madame.« Es schien für ihn völlig selbstverständlich zu sein. Er verteilte die kühle Creme außerordentlich zart auf meiner Haut. Der berühmte Funke sprang über, als seine Hand einen Augenblick länger als nötig auf meiner Schulter verweilte. Ich sah, wie er nach einem Gesprächsanfang suchte, als es neben uns fürchterlich schepperte und eine krächzende Stimme gebieterisch »Toni!«, rief.

Toni wandte sich von mir ab und fragte: »Sie wünschen, Gräfin?«

Die Alte hatte mit ihrem Papageienstock gegen den Ständer ihres Sonnenschirms geschlagen, ungeachtet des Krachs, mit dem sie das Strandpublikum aus seiner dösenden Stille aufschreckte.

»Bringen Sie mir ein Glas Perrier mit einer Scheibe Zitrone ohne Eis!«

Die unwillkommene Störung vermochte indes nicht das prickelnde Gefühl einer herannahenden Liebesaffäre zu unterdrücken, das sich nun immer stürmischer seine Bahn brach. Ich schloß die Augen und spürte mein Herz Schwerstarbeit verrichten. Ich hatte noch nie einen Mann angesprochen, um mit ihm ins Bett zu gehen. Aber warum eigentlich nicht? machte ich mir Mut. Schließlich war ich eine erfolgreiche Frau in den besten Jahren und tat nichts anderes, als jeder Mann in der gleichen Situation getan hätte.

»Ihr Perrier mit Eis und Zitrone, Gräfin.«

»Ich sagte, ohne Eis!«, krächzte die Alte, weniger sauer, als vielmehr erstaunt darüber, daß einer ihrer Wünsche nicht ordnungsgemäß erfüllt wurde.

»Oh, Pardon«, entschuldigte sich Toni und wollte das Glas wieder an sich nehmen.

»Lassen Sie schon«, sagte die Gräfin ungeduldig. »Aber hören Sie demnächst besser hin.«

Ich weiß nicht, ob sich Tonis Gesichtsfarbe wegen seines Fauxpas verdunkelte oder weil ich ihm ein Zeichen machte.

»Kann ich für heute abend einen Tisch bestellen?«

»Selbstverständlich, Madame. Für wieviel Uhr?«, antwortete er beflissen, und seine Augen fragten: Was willst du von mir?

»Für einundzwanzig Uhr«, sagte meine Stimme, und meine Augen antworteten: Ich will mit dir schlafen.

»Einundzwanzig Uhr. Sehr wohl, Madame. Ich werde es notieren. Er lächelte, und wir sahen uns eine Weile an. Das Knistern zwischen uns muß bis zu dem blutleeren Jüngling hörbar gewesen sein.

Kapitel 3

»Ist das Ihr Kater?«

Vor mir stand der große Junge mit den verträumten Augen. Zu meiner Überraschung sah ich, daß er keinen Walkman trug. Er hatte Bastian auf dem Arm, der sich etwas verdutzt, aber nicht unzufrieden an den nackten Oberkörper des Jungen schmiegte.

Ich muß sagen, ich war irritiert, zumal ich nur halb angezogen war.

»Was ist mit Bastian?«, fragte ich etwas gereizt und raffte, so gut es ging, das Frotteejäckchen zusammen, das mir gerade mal über den Po ging.

»Er sitzt ständig bei uns auf der Terrasse und belauert Romeo.« Er sah zum Nachbarhaus rüber. »Ich wohne da drüben«, setzte er überflüssigerweise hinzu.

»Wer ist Romeo?«, fragte ich ungeduldig.

»Unser Papagei. Er mag keine Katzen.«

»Bastian wird ihn schon nicht fressen. Er fängt höchstens mal eine Maus, wenn sie ihm vor die Füße läuft. Im allgemeinen ist er froh, wenn ihm keiner was tut.« Daß Paulinchen eine große Jägerin ist und selbst Hühner und Hasen jagt, verschwieg ich. Das stand ja nicht zur Debatte.

»Eben, das meine ich ja: Wenn Romeo ihn mit seinem Schnabel erwischt ... Sie sollten echt gut auf ihn aufpassen. Er ist wirklich ein schöner Kater.«

»Schön, ich werde Bastian sagen, daß er Romeo zufrieden lassen soll.« Eigentlich glaubte ich, damit die Unterhaltung beendet zu haben. Aber der Knabe machte keinerlei Anstalten, zu gehen, kraulte den Kater und starrte verträumt auf meinen Busen, genauer gesagt auf die Stelle, an der ich diese verdammte Jacke zusammenhielt. Das machte mich nervös, und ich begann innerlich zu kochen, daß mich dieses halbe Kind in so eine unwürdige Situation brachte. Vielleicht war das der Fluch meiner Gedanken auf der Autobahn. Das halbe Kind war ein ganzes Stück größer als ich und nur mit einer aufgekrempelten weißen Jeans bekleidet. Eigentlich sah er süß aus, ja, ich gehe noch weiter: Er hatte durchaus etwas Verführerisches. Er mußte durch die Oleanderbüsche geschlüpft sein. (Das konnte ja heiter werden.)

»Ich heiße übrigens Mario, Mario Rebe.«

»Jung, Teresa Jung. Wir haben uns ja schon auf der Fahrt gesehen.«

»Ja, mir ist Ihr Wagen aufgefallen. Darf ich mal mitfahren?«

»Wenn Sie wollen. Meinetwegen.« (War er mehr von mir oder von meinem Wagen beeindruckt?) »Mario, du kannst mich gern wieder besuchen, aber jetzt muß ich mich verabschieden.« Ich hatte ihn aus Versehen geduzt.

Immer noch hielt ich die Gießkanne in der Hand, denn eigentlich hatte ich die Blumen gießen wollen.

»Wenn Sie's eilig haben, kann ich ja die Blumen gießen. Echt. Ich weiß sowieso nicht, was ich tun soll.«

Er tat mir zwar ein bißchen leid, als ich ihn mit dem Kater und der Gießkanne stehenließ, aber ich hatte einfach dieses Problem mit der Jacke.

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