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Nikola Tesla, Erfinder zwischen Genie und Wahnsinn, mit serbischen Wurzeln im heutigen Kroatien geboren, schillernde Figur im Gesellschaftsleben New Yorks um 1900, war schon zu Lebzeiten legendär. Einer seiner Bewunderer ist der junge Anton aus Zadar, der nach politischen Umtrieben gegen den österreichischen Kaiser von der Schule fliegt und mit zehn Dollar in der Tasche nach Amerika auswandert. Dort fasst er schnell Fuß, lernt Englisch, arbeitet als Dolmetscher im anatomischen Museum eines deutschen Arztes am Broadway und studiert schließlich Medizin. Er trifft den alten, vereinsamten, wunderlich gewordenen Tesla, sein Idol, und wird ihm in langen Gesprächen über dessen Leben und Gott und die Welt zum Freund. Doch dann erreicht Anton eine Nachricht aus Europa: Er soll zurückkehren, um sich um seine alten Eltern zu kümmern. Also macht er sich wieder auf, mit Frau und Kindern, in die Armut verwahrloster Dörfer im Hinterland Dalmatiens kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Zum Abschied vertraut ihm Tesla die Pläne zu einer »Friedenswaffe« an, und er bittet ihn, nach einem verschollenen Porträt zu suchen, das erst 2006 wieder auftauchen wird.
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Seitenzahl: 481
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Jung und Jung, Salzburg
Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten
Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-99027-198-8
ALIDA BREMER
Roman
Für Leon, Fabian und Ali
Teil 1: 1905–1912
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Teil 2: 1912–1944
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Teil 3: 1970–1980
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Teil 4: 2023
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Anmerkungen
Danksagung
Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.
Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.
Johann Wolfgang von Goethe
Aus: Das Göttliche
in dem sich Anton, ein siebzehnjähriger Kroate von der östlichen Adriaküste, die zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehört, 1905 im Hafen von Triest auf einen Ozeandampfer einschifft, um in die Neue Welt auszuwandern. Aus der Donaumonarchie stammt auch der serbische Erfinder Nikola Tesla, der in New York lebt und von Anton bewundert wird. Anton ist vom Leben in Amerika am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begeistert, doch mit dem Untergang der Titanic im April 1912 endet die Epoche des Glaubens an den ungebremsten Fortschritt. Zur gleichen Zeit kriselt es im Südosten Europas, und im Oktober 1912 beginnt der Erste Balkankrieg. Anton schließt sich dem amerikanischen Roten Kreuz an und kehrt nach Europa zurück.
Es war Mittag, als sich der Dampfer Giulia vom Ufer zu entfernen begann. Aufgebrachte Möwen zogen immer weitere Kreise über die Menschenmenge, die sich an jenem 5. März 1905 im Hafen von Triest versammelt hatte, um die Reisenden zu verabschieden, und ihre Schreie ließen Anton erschaudern. Sein Vater stand ein wenig abseits. Von oben gesehen wirkte er wie eine schwarze Statue, erhaben und regungslos, während die Enden des Mantelsaums um seinen Körper flatterten. Er hatte den rechten Arm ausgestreckt, und die rote dalmatinische Kappe, die er in der Hand hielt, ähnelte einer Fackel, die zum Abschied loderte. Nachdem die Giulia einige Male gehupt und an Geschwindigkeit gewonnen hatte, verwandelte sich der Vater in einen kleinen Mann, der mit seiner roten Trachtenmütze winkte, und schließlich sah er nur noch wie ein geknicktes Streichholz aus, dessen letztes Drittel schräg in die Luft ragte.
Unten auf dem Pier hatte sich Anton noch tapfer gegeben, doch als auch die Spitze des angebrochenen Streichholzes nicht mehr zu erkennen war, wurden seine Glieder weich wie die einer Stoffpuppe. Seine Großmutter nähte solche Puppen für seine kleine Schwester, und in einem Anflug von Selbstmitleid empfand er ein schlechtes Gewissen, weil er diese ausgestopften Wesen hin und wieder geknetet und zusammengerollt hatte. Da er nicht wollte, dass die Mitreisenden seine Tränen sahen, kämpfte er sich bis zum Bug durch und setzte sich dort auf den Boden. Die Bilder der letzten Tage und die Wortfetzen der Abschiedsgespräche bildeten in seinem Kopf Wirbel, die sich immer schneller drehten, um schließlich nacheinander in seinem Inneren zu verschwinden. Der Krater in seinem Kopf oder befand er sich in seiner Brust? – verschluckte das Gesicht der Mutter, das sich jedoch zurück zur Oberfläche durchschlagen konnte, um erneut in den Strudel zu geraten, zusammen mit dem Mantel des Vaters. Der Strudel hatte auch das Familienhaus in Castell Vitturi erfasst und zu einem Hexentanz in seinem Kopf gezwungen.
Eigentlich hieß sein Heimatort Ort Kaštel Lukšić, und in Gedanken korrigierte er sich so, wie ihn der Vater korrigiert hätte: »Castell Vitturi sagen die Italiener, mein Junge.« Die Rivalität an der Adria spielte sich in immer gleichen Mustern ab: Die italienische Überlegenheit war raffiniert, die slawische Rebellion dagegen bedrohlich. Anton ärgerte sich über sich selbst, weil er häufig in italienischer Sprache dachte, aber er verabscheute auch die Enge seiner kroatischen Herkunft, und dieser unlösbare Konflikt bescherte ihm jetzt heftiges Heimweh. Er sehnte sich nach den Klängen beider Sprachen, wie war das möglich? Er zwang sich, an New York zu denken. Waren die Häuser dort wirklich so hoch? Arbeiteten dort Maschinen anstelle von Menschen? Und musste er ständig darauf achten, in welchem Stadtteil er sich bewegte, um nicht ausgeraubt und getötet zu werden?
Die rot lackierte Schnauze des Schiffs pflügte eine breite Furche in das dunkelblaue Wasser, durch die der Rumpf der Giulia glitt. Er saß allein auf dem Bug, gelehnt an eine weiße Metallwand. Andere Passagiere drängten sich auf dem Heck und viele verharrten dort noch, als Triest schon lange nicht mehr zu sehen war. Am frühen Abend durfte er sich endlich auf die schmale Pritsche im Gemeinschaftssaal der dritten Klasse legen, der bis 18 Uhr verschlossen bleiben musste. Er deckte sich mit der Wolldecke zu, die er zusammen mit einem Teller, einer Tasse, einem Löffel und einer Gabel aus glanzlosem grauem Blech, in die die Worte Austro-Americana eingeprägt waren, im Hafen zugeteilt bekommen hatte. Außerdem hatte jeder einen Nachttopf mit Deckel erhalten.
*
Die ersten beiden Tage blieb er die meiste Zeit auf seiner Liege, ohne wirklich schlafen zu können. Da nur Kranke im Gemeinschaftssaal bleiben durften, nahm er seine Übelkeit als eine Art Segen wahr. Sein Vater hatte ihm unten an der Schiffstreppe gesagt: »Keine Sorge, solange das Schiff in unseren Gewässern ist, in der Adria, wo es keine großen Wellen, keine Stürme und keine nennenswerten Gezeiten gibt, wird alles gut gehen, und wenn es zum offenen Meer hinausfährt, wirst du dich schon an das Schwanken gewöhnt haben.« Doch bereits in der Bucht von Triest hatte man die ersten Böen der Bora gespürt, die immer stärker zu wüten begann, je weiter sich die Giulia vom Festland entfernte. Auch in Dalmatien war die März-Bora, die marčanska bura, gefürchtet, wie hatte der Vater das bloß vergessen können?, und hier im Norden der Adria schien sie sich noch viel heftiger entfalten zu können.
Anton legte seine rechte Hand auf den Bauch und versuchte es mit einer Massage, doch die kreisenden Bewegungen verstärkten den Brechreiz. So wie ihm ging es mindestens der Hälfte der Reisenden, die hier unter Deck dicht aneinandergereiht lagen und stöhnten. Das Schiff schien an den Wogen emporzuklettern, tänzelte kurz auf den Wellenkämmen und fiel dann in die Tiefe. Bei jedem dieser Abstürze wurde ihm noch übler. Er versuchte, sich abzulenken und sich die Unterrichtsstunden in Erinnerung zu rufen, in denen vom menschlichen Körper die Rede gewesen war. Was stülpte sich da tief um, was kurbelte in ihm so sehr, dass eine scharfe, saure Flüssigkeit aus den Eingeweiden in seine Nase stieg?
Er hatte in Triest nur ein mit Butter bestrichenes Hörnchen aus Maismehl gegessen. Eine neue hohe Welle ließ ihn von der Liege auf den Boden rollen. Jetzt kniete er vor dem Nachttopf, seine Stirn mit kaltem Schweiß benetzt. Eine Böe in seinem Inneren trieb die zersetzten Reste jenes Brötchens und die geschmolzene Butter durch den Mund hinaus. Dass sich sein Vater in der Wetterprognose geirrt hatte, schmerzte ihn beinahe mehr als die Tatsache, dass er ihn abschließend nicht umarmt, sondern ihm nur seine Hand geschüttelt hatte: »So, mein Sohn, und nun versuche, ein anständiger Mann zu werden.« Zunächst musste er versuchen, die Fahrt zu überleben.
Die Giulia war gerade ein Jahr alt und gehörte den Gebrüdern Cosulich, die das Schiff für das florierende Geschäft mit den Auswanderern gebaut und der Flotte der Austro-Americana angeschlossen hatten, einer Gesellschaft, die eine Verbindung zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und der Neuen Welt pflegte. Der Fahrkartenagent hatte Vater und Sohn versichert, das Schiff werde mit seinen 3.000 Bruttoregistertonnen in zwölf bis vierzehn Tagen New York erreichen, doch als sie in der Mitte des Golfs von Triest waren, rechnete Anton aus, dass bei acht Meilen pro Stunde, so viel erreichte dieser Dampfer maximal, mindestens das Doppelte an Zeit notwendig sein würde, und er begriff, dass sowohl die Cosulichs wie auch der Agent das wussten. Doch vermutlich hätten sich vor allem die Passagiere der dritten Klasse, die Mehrheit aller Reisenden, nicht so einfach auf dieses Abenteuer eingelassen, hätten sie gewusst, wie lange sie sich tatsächlich in diesem stickigen, nach ungewaschenen Körpern, Urin und Erbrochenem stinkenden Gemeinschaftssaal würden quälen müssen.
Nach einem Tag des Hungerns stellte er sich in die Schlange für die dünne Suppe und etwas Brot, immer noch wackelig auf den Beinen. Vor der Suppe ekelte es ihn, doch er zwang sich, sie zu essen, damit er wenigstens etwas herausspeien konnte, wenn die Stürme in seinem Inneren wieder verrücktspielen würden.
*
In der Morgendämmerung des dritten Tages wurde es ruhiger, das Schiff glitt an der Amalfiküste entlang, auf dem Weg nach Neapel, um dort die süditalienischen Passagiere an Bord zu nehmen, und als er sich der Gruppe der Reisenden anschloss, die an der Reling lehnten und in der kalten Luft darüber stritten, wann die Insel Capri auftauchen würde, fühlte er sich plötzlich stark und ausgeruht. Er hörte, wie ein junger Triestiner, den er ausgezeichnet verstehen konnte, ungeachtet des Gelächters, das sein Dialekt bei den anderen Italienern hervorrief, hochmütig verkündete:
»Es dauert noch bis nach Capri, ihr Tölpel, und die Stadt, die hinter uns liegt, heißt Salerno. Dort wurde die erste medizinische Universität Europas gegründet, falls ihr überhaupt wisst, was Medizin und was eine Universität ist!«
Die Mitreisenden lachten noch lauter und riefen derart albern »Piròn, Piròn!«, dass auch der Triestiner zu lachen begann. Den Namen Piròn hatte er sich eingehandelt, als er in der Essensschlange erklärt hatte, dass jene Blechgabel, die man ihnen vor der Abreise ausgehändigt hatte, der reinste Betrug sei, da für das Gebräu hier nur ein Löffel benötigt werde. Er nannte die Gabel piròn, und das war triestinisch, auf Italienisch hieß es forchetta.
»Forchetta, forchetta, merk dir das, du österreichischer Clown!«, rief ein vergnügter älterer Herr, der stolz darauf war, aus Rom zu stammen, auch wenn sich bei der aufflammenden Diskussion herausstellte, dass es nicht gerade Rom war, sondern ein Dorf namens Cottanello.
Da man auch in Dalmatien pirun sagte, fühlte sich Anton diesem Jungen verbunden, traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Für Zigarette sagte man in Dalmatien španjulet, und in Triest hatte er den Vater spagnolèto sagen gehört, er wusste aber, dass man im restlichen Italien sigaretta sagte. Dalmatien und Triest schienen sprachlich verwandt zu sein, aber vermutlich gefiel das den anderen Italienern nicht so gut. Er konnte es kaum erwarten, endlich Amerika zu erreichen. In Europa war es wichtig, aus welcher Straße man stammte, noch wichtiger, aus welchem Kaff, und am allerwichtigsten, welcher Nation man angehörte, und er hielt es für angebracht, unter all diesen Italienern den Mund zu halten.
Er hatte sich noch vor kurzer Zeit geschworen, nie mehr etwas mit Italienern zu tun haben zu wollen. Sie waren mit schuld daran, dass er jetzt auf diesem Schiff saß und ins Ungewisse fuhr, während in Dalmatien seine Mutter weinte. Sein Vater war vermutlich schon nach Hause zurückgekehrt, düster und schweigsam. So war er seit Januar, als Anton mit der Nachricht aus Zadar nach Hause gekommen war, dass er kein österreichisches Gymnasium mehr besuchen dürfe. Er hatte eilig das Internat verlassen, seine Kleidung und seine Schulbücher in einem Seesack. Von Zadar nach Kaštel Lukšić hatte er nur zweimal die Kutsche gewechselt und war am Ende noch ein gutes Stück zu Fuß gegangen. Zugegeben, es war nicht besonders klug von ihm gewesen, dass er in Zadar mit ein paar anderen Rabauken die österreichische Flagge verbrannt hatte. Es geschah aus Protest, weil die Österreicher damals zu den Italienern hielten, die Dalmatien beherrschten, obwohl dort die Kroaten die Mehrheit stellten. Bis heute empfand er Wut, wenn er an die italienischen Lehrer dachte, die die kroatischen Schüler mit Verachtung behandelten. Genauer gesagt, es waren nicht alle Italiener – viele von ihnen waren Kroaten, die ihre Namen wie die Reeder Cosulich geändert hatten, damit sie italienisch klangen, so als wollten sie sich den Herrschenden anpassen und als schämten sie sich, Slawen zu sein. Tschi-Tschi-Tschi-Schi-Schi-Schi verspotteten die italienischen Mitschüler ihre kroatischen Kameraden, wenn diese wieder einmal untereinander Kroatisch sprachen. Diese blieben ihnen nichts schuldig: Sie bewarfen die Italiener mit Steinen und nannten sie Katzelmacher, schnitten Grimassen, miauten, fauchten und rannten weg, wenn die Gruppe wutentbrannter Italiener ebenfalls nach Steinen griff.
»Wir mögen keine vornehmen Lateiner sein«, so sagten sich Anton und seine Freunde, während sie ihre ersten Zigaretten in einem Park unweit des Gymnasiums rauchten, »unsere Vorfahren haben die Römer von diesen Ufern vertrieben! Wir sind die Nachfahren der Uskoken und der Haiducken. Auch die Venezianer haben wir von hier vertrieben, und so wird es auch den Italienern in Zadar und erst recht diesen bescheuerten Österreichern ergehen!« Es bestand eine uralte Fehde zwischen den Völkern in diesem Winkel des Kontinents, eine komplizierte Hassliebe, ein Geflecht aus wirren Emotionen und gegenseitigen Beschuldigungen, von den Schülern mehr erahnt als verstanden. »Wir sind Slawen, unsere Vorfahren sind aus den Steppen hinter den Karpaten bis an die Adria gekommen, und ihr dummen Italiener solltet froh sein, dass sich die slawischen Barbaren damit zufriedengaben, am östlichen Ufer zu bleiben, sonst hättet ihr sie noch auf eurem Apenninenstiefel erlebt. Und ihr österreichischen Wichtigtuer könnt froh sein, dass wir euch vor den Türken verteidigt haben, sonst wäre euer Wien heute muslimisch«, so riefen sie, als sie die Flagge verbrannten. Im Zimmer des Direktors spuckten sie einer nach dem anderen auf den Boden, die ganze Truppe, er wusste nicht mehr, wer damit angefangen hatte. Das Spucken begann, nachdem der Direktor ihnen erklärt hatte, dass sie in der gesamten Monarchie von der Schulbildung ausgeschlossen seien. »Uns sind eure Schulen und die Schulen dieser blöden Italiener egal! Nieder mit allen Schulen! Wir sind Uskoken und Piraten, keine verdammten Streber, die langweilige deutsche und italienische Gedichte auswendig lernen!«
Doch als der Triestiner nun hier auf dem Deck der Giulia ausholte, die Geschichte der Scuola medica salernitana zu erzählen, war Anton ganz Ohr. Er liebte es, von solchen historischen Zusammenhängen zu erfahren, selbst dann, wenn sie zum Ruhm der italienischen Kultur erzählt wurden. Wo hatte der Triestiner all das bloß gelernt? Und wieso dozierte er mit solcher Leichtigkeit und schaffte es, dass ihm das ganze Schiff an den Lippen hing?
»Der griechische Pilger Pontus fand zu Beginn des zehnten Jahrhunderts Unterschlupf unter einem Aquädukt in einer Bucht am Tyrrhenischen Meer, das ist hier, schaut euch um! In der Bucht hatte bereits Salernus, ein Latiner, Zuflucht vor dem Sturm gesucht. Salernus war verletzt und behandelte seine Wunde mit ungewöhnlichen Kräutern, die Pontus neugierig machten. Pontus, ein Christ östlicher Prägung, erzählte Salernus, einem Christen westlicher Prägung, wie eine Wunde seines Wissens nach zu behandeln sei. Zwei weitere Personen suchten in jener Nacht nach einem Versteck, ein jüdischer Reisender namens Helinus und ein arabischer Reisender namens Abdela. Hinzugekommen, kümmerten auch sie sich um die Wunde von Salernus, die schnell heilte. Die vier kamen überein, gemeinsam eine Schule zu gründen. Es war die Geburtsstunde der europäischen Medizin.«
Den Zuhörern war es peinlich, dass sie so bereitwillig in die Stimme dieses Kindes versanken und ihm mit offenen Mündern zuhörten. Deshalb fingen einige aus Verlegenheit laut zu lachen an – und auch, weil sie dazu nichts zu sagen hatten. Der Erzähler blieb seelenruhig, wobei er noch betonter in seinen Dialekt verfiel:
»Auf der Medizinschule von Salerno durften auch Frauen studieren und lehren.«
Allgemeines Getöse und Gejohle. »Frauen! Das ist doch zum Brüllen komisch!«
Erneut lachte der Triestiner mit, zeigte dabei seine winzigen weißen Zähne und kniff die Augen zusammen. Anton sah ihn an und beschloss, wie er zu werden. Er wollte sich ändern, nicht mehr aufbrausend und leicht zu beleidigen sein, und das Verhalten dieses gebildeten Jungen, der wie ein Fünfzehnjähriger aussah und der genauso wie er allein unterwegs war, kam ihm wie eine erste Lektion vor. Auch wenn sie ihn immerfort neckten, versammelten sich die Reisenden um Piròn und riefen: »Erzähl uns noch solche lustigen Geschichten!« Zu Antons Begeisterung ließ sich Piròn nicht beirren, sondern erzählte weiter, obgleich es eindeutig war, dass er seine Reden nicht für lustig hielt:
»Wenn einer von uns eine ansteckende Krankheit hätte, dann würden wir in Kürze alle krank werden und die Amerikaner würden über unser Schiff eine Quarantäne verhängen. Oder uns zurückschicken. Für mich ist Salerno eine heilige Stadt, weil ich Angst vor Krankheiten habe.«
Wieder lachten alle, jemand rief »Schisshase!«. Der junge Mann rümpfte verächtlich seine fein geformte Nase und setzte gelassen seine Erzählung fort:
»Kennt ihr Dubrovnik? Ragusa? Das ist der lateinische Name einer slawischen Stadt an der Adria (Pfiffe und Buh-Rufe). Im Mittelalter, als die Pest Europa heimsuchte, wurden in Dubrovnik (Pfiffe und Lachen) die einreisenden Händler für vierzig Tage isoliert, bevor sie die Stadt betraten. Auch wurde ihre Ware gelüftet und mit Essig desinfiziert. Seitdem nennt man die Isolation der Kranken Quarantäne. Vierzig Tage, Freunde!«
Niemand lachte mehr, als hätten die Worte Pest und Essig und die Zahl Vierzig sie nachdenklich gestimmt. Nur der angebliche Römer aus Cottanello knurrte:
»Quaranta, die Slawen benutzen also unsere italienische Sprache, wenn es um ihre Haut geht. Typisch. Damit unsere Ärzte sie retten, wenn die Seuche sie befällt. Damit unsere Heiler aus Salerno für sie den Kopf hinhalten. Hast du nicht gerade erklärt, dass wir Italiener uns hier an den Ufern des Mare Tirreno die Medizin ausgedacht haben, Piròn?«
Bald erreichte das Schiff die Höhe von Sorrento, man sah jetzt nicht nur Capri, sondern auch Neapel mit dem rauchenden Vulkan in der Ferne. Ein Mann räusperte sich und sagte: »Kennt ihr das Lied Torna a Surriento?«, und als alle verneinten, fing das unscheinbare Männlein an zu singen. Sein unerwartet kräftiger Tenor hob sich in die Höhe. Anton, der die Augen zusammengekniffen hatte, ließ sein feuchtes Gesicht vom Fahrtwind trocknen. Er verlor den Faden direkt nach dem Anfang des Lieds, nach »vide ’o mare quant’è bello« verstand er nur noch vage, dass es sich um den Abschied von Sorrento handelte, und er erkannte das Wort »Orangenblüten«, was ihn so sehr rührte, dass er leise schluchzte.
Als Piròn, der Triestiner, in der Stille nach dem Gesang sagte: »In Sorrento wachsen die Zitronen so groß wie Kinderköpfe. Wie groß müssen dann erst die Orangen sein?«, begannen alle wieder zu lachen, und Anton glaubte herauszuhören, dass sie genau wie er zuvor geweint hatten. Hätte er sich nicht geschämt, wäre er dem Sänger um den Hals gefallen, und er hätte auch seine neuen italienischen Freunde geküsst, mit Ausnahme jenes miesepetrigen Cottanelloners.
Nun war er reif für den Abschied von Europa. Er verspürte wieder den Tatendrang, mit dem er seinen Eltern vor zwei Monaten verkündet hatte, dass er nach Amerika auswandern werde. Da sie nicht wussten, was aus ihm ohne einen Schulabschluss werden sollte, hatten sie zugestimmt. Sein Vater schrieb einen Brief an den tschechischen Arzt Doktor Vilimek, der früher einmal in Kaštel Lukšić eine Praxis betrieben hatte und der seit einigen Jahren in New York lebte, und dieser versprach, sich um Anton zu kümmern. Danach ging alles ganz schnell: Er drückte die Mutter kurz an sich, küsste seine Schwester und seinen Bruder, es dauerte ewig, bis der Vater und er Triest erreichten, wo ihm der Vater einen Anzug kaufte, die Fahrkarte bezahlte und ihm zehn Dollar zusteckte. »Ab jetzt bist du auf dich selbst gestellt.« Es klang so, als zweifelte sein Vater an dem guten Ausgang dieser Reise.
Doch die Reise hatte sich für ihn schon jetzt als eine Herausforderung gezeigt, der er gewachsen war. Wenn ihn der Vater heute früh nur sehen könnte! Er hatte die Seekrankheit überwunden und auch den Schmerz des Heimwehs, obwohl er in der ersten Nacht geglaubt hatte, dass sie sein Inneres zerreißen würden, so wie Wölfe in dem Heimatdorf seiner Mutter ein Schaf in Fetzen gerissen hatten, während die Bauern versuchten, sie mit Fackeln zu vertreiben. Er war zum ersten Mal jemandem begegnet, der sich so souverän zwischen Unbekannten zu behaupten wusste, und er hatte entschieden, wie dieser Triestiner zu werden. Und jetzt konnte er sogar vom Schiffsdeck aus in die rauchende Flamme des Vesuvs blicken. Ein Weltwunder zum Greifen nahe. Vor der Abreise hatte der Agent diese Sehenswürdigkeit in höchsten Tönen gepriesen: »Seien Sie froh, dass die Strecke dieses Mal über Neapel führt. Seit einem Jahr ist der Vulkan wieder aktiv, die Schlacke quillt heraus, es ist eine Sensation«, er hatte innegehalten und mit einem feierlichen Ton wieder angesetzt: »Mit etwas Glück werden Sie eine Eruption erleben. Das wäre zwar ein Unglück für die Menschen, die an den Hängen des Vesuvs leben, aber Sie verstehen schon, wie ich es meine.«
»Pompeji, Herculaneum, Stabiae«, zählte Piròn auf, und alle hörten zu. »So hießen die Städte, die damals vom Vulkan vernichtet wurden. Verbrannt. Unter Asche begraben. Ausgelöscht.« Er suchte nach einem weiteren Wort, aber dann schwieg er, und alle starrten nur noch die Flammenzungen an, die auf dem riesigen Kegel tänzelten.
Ob es im Inneren der Erde Gänge gab, in denen sich die kochende Lava sammelte und brodelte, bis sie hervorbrach? Es gab so viele Geheimnisse auf der Welt, von denen Anton nichts wusste. Würde er in Amerika in die Schule gehen können? Er wollte den tschechischen Arzt danach fragen, sobald er angekommen war. »Das ist der Vorteil der österreichungarischen Monarchie«, hatte ihm der Vater gesagt, als Doktor Vilimek in seinem Brief versprach, sich in New York um Anton zu kümmern, »dieser Vilimek war früher Amtsarzt in Karlsbad, tschechisch heißt der Ort Karlovy Vary, und da er Asthmatiker war, nutzten ihm all die Thermen mit ihrem Salzwasser nichts, er musste ans Meer, und da wir ja alle in einem Staat leben, die Tschechen und die Kroaten und so viele andere, alle in einer Monarchie, wurde er nach Kaštel Lukšić versetzt. So bekamen wir endlich einen Amtsarzt. Besonders fähig war er, ehrlich gesagt, nicht, aber egal, jetzt wird er dir helfen, auch wenn du ausgerechnet die Flagge unserer gemeinsamen Monarchie verbrannt hast.«
Dieser Vorwurf war der Ratlosigkeit seines Vaters geschuldet, der sich gewünscht hätte, dass sein Sohn das Gymnasium beenden und danach studieren würde, sicher nicht einer Verbundenheit mit der Monarchie, das war Anton jetzt noch klarer als damals.
Während sie aus dem Hafen von Neapel ausliefen, stellten sie sich mit ihren ärmlichen Utensilien in die Warteschlange vor der Küche. Hier wandte sich Anton zum ersten Mal an Piròn: »Heute brauchen wir doch unsere piròni, unsere piruni«, und zeigte auf den Kochgehilfen, der das Essen austeilte. Der Angesprochene zog zuerst die Augenbrauen hoch und sah ihn fragend an, ließ aber sofort darauf seine schneeweißen Zähne aufblitzen. Anton beeilte sich zu erklären: »Ich bin aus Dalmatien, weißt du. Wir sprechen so wie ihr Triestiner, wenn wir mal Italienisch sprechen. Normalerweise sprechen wir allerdings Kroatisch. Aber auch dann nennen wir die Gabel pirun.«
Auf den Blechtellern landeten tatsächlich gabelwürdige Speisen: gekochtes Rindfleisch, Kartoffeln und Rüben, es war ein Fest.
Sein neuer Freund hieß Ernesto, er war ebenfalls siebzehn, seine Eltern waren gestorben und es hatte ihn nichts mehr in Triest gehalten. Als er das sagte, bebte seine Stimme, doch dann erstrahlte in seinem Gesicht wieder ein verführerisches Lächeln. Ob ihn in New York jemand abholen würde? Nein, aber er habe gehört, dass sich die Italiener dort um Neuankömmlinge kümmerten, es würde schon irgendwie klappen.
»Darf ich dich weiter Piròn nennen?«, fragte Anton, und Ernesto antwortete: »Nur wenn ich dich Španjulet nennen darf.«
Anton staunte: Wie konnte Ernesto wissen, dass ihn seine Mitschüler in Zadar so genannt hatten? Später erklärte ihm Ernesto, dass auch in Triest alle Jungen, die schlaksig und groß gewachsen wie Anton waren, mit dem Spottnamen Spagnolèto bedacht wurden. »Die ersten Zigaretten sind auf dem Seeweg aus Spanien zu uns nach Triest gekommen, genauso wie das Wort weiter zu euch nach Dalmatien gewandert ist.«
Nur eine der fünf Voraussetzungen für die Einreise in die Neue Welt erfüllten Anton und Ernesto nicht: Sie waren minderjährig und unbegleitet, und das bedeutete, dass jemand für sie bürgen musste. Die anderen Anforderungen erfüllten sie: Sie hatten jeweils zehn Dollar in der Tasche, sie waren zum Glück keine Frauen, wer war schon gerne eine Frau?, weder minderjährige noch volljährige und nicht einmal ganz alte Frauen durften alleine einreisen, wenn niemand für sie bürgte. Sie waren keine Kriminellen oder politische Umstürzler, und sie waren gesund, man hatte ihnen kein X für geistesschwach, kein Ct für Trachom und kein S für senil mit Kreide auf die Schulter geschrieben.
Mehr war nicht nötig, nicht einmal ein Reisedokument brauchte man, die Geburtsurkunde reichte. Allerdings verschwieg Anton dem Einwanderungsbeamten, genauer gesagt dem Dolmetscher, der jeden seiner Sätze aus dem Italienischen ins Englische übertrug, die Vorkommnisse um die abgefackelte kaiserliche und königliche Flagge und die Verbannung aus allen Schulen der österreichisch-ungarischen Monarchie, als dieser ihm die Frage nach kriminellen oder politischen Aktivitäten stellte. Am Ende des Gesprächs wusste er, dass er einen guten Eindruck hinterlassen hatte. In Gedanken sagte er zu seinem Vater: »Es war eine Notlüge, aber du siehst, dass ich mich zurechtfinde.« Die erste Hürde lag hinter ihm, jetzt musste nur noch Doktor Vilimek erscheinen und ihn abholen.
Nach fünfundzwanzig Tagen auf dem Atlantik waren die ersten Boten des Festlands die Möwen gewesen, die dem Schiff entgegenflogen. Er hatte sie wie alte Bekannte begrüßt, auch wenn ihre Schreie und das Kreisen über den Köpfen der Menschen genauso beunruhigend waren wie am Himmel über Triest. Die kreischende weiß-graue Eskorte hatte die Giulia an Staten Island und Coney Island vorbei bis zum Hafen in Brooklyn begleitet, wo die amerikanischen Staatsbürger und die Reisenden der ersten und der zweiten Klasse an Land gingen, während alle anderen mit einem kleinen Dampfer nach Ellis Island gebracht wurden.
Nach der ersten medizinischen Untersuchung – ein Arzt hatte ihnen die Augenlider umgestülpt, was schmerzhaft gewesen war, und sie durchgewunken, ein anderer hatte ihre Lungen abgehört – waren sie durch eine Tür mit der Aufschrift »Push to New York« gegangen und saßen nun in einer riesigen Halle inmitten aufgeregten Treibens. Aufseher liefen hin und her und baten die Männer, ihre Hüte abzunehmen, während Krankenschwestern in weißen Trachten die weinenden Kinder ermahnten und mit süßem Tee und Gebäck beruhigten.
Eine Gruppe ukrainischer Juden, die auf dem Schiff tagelang ausgelassen getanzt hatten und die vollständig verstummt waren, als am neunzehnten Tag der Überfahrt ein Mann starb, war noch immer nicht aus ihrer Schockstarre erwacht, die sich nach jener Seebestattung bei ihr eingestellt hatte. Der Leichnam des Mannes war in einen Sack gesteckt worden, an dem ein zweiter Sack mit Kohle befestigt war, und beide Säcke ließ man dann langsam über ein Holzbrett ins Meer gleiten. Zum letzten Geleit waren drei lange Hupsignale ertönt, dann hatte die Giulia ihre Fahrt fortgesetzt. Als Anton diese Gruppe hier im Wartesaal wiedererkannte, musste er an den Tod auf dem Atlantik denken und an das unendliche Wasser, das den Verstorbenen verschluckt hatte.
Im Fenster sah er die Nebelschwaden über den Hudson River ziehen.
Überall standen Koffer und Reisesäcke herum, man musste um sie herumlaufen oder darüber springen, und Anton wunderte sich, warum manche Auswanderer mehr mit sich schleppten, als sie zu tragen imstande waren, auf dem Weg vom Schiff bis hierher waren sie gestolpert und hatten geschwitzt und gestöhnt, und jetzt wurden sie von den anderen beschimpft, denen diese Berge im Weg standen. Man würde doch bald in Amerika neue Kleidung kaufen können. Er hatte nur seinen sorgfältig verpackten Anzug und seine guten Schuhe in einer Tasche sowie den Seesack mit schmutziger Wäsche dabei. Er fragte sich, wann er sie endlich würde waschen können; wie man Wäsche wäscht, hatte ihm seine Mutter vor der Abreise gezeigt. Sie hatte ihm eine ganze Reihe praktischer Dinge erklärt. Am meisten hatte ihm das Nähen gefallen: Mithilfe einer einfachen Nadel und eines Fadens konnte man Wunder vollbringen.
Ohne einen Knopf sei die teuerste Hose wertlos, hatte die Mutter erklärt und ihn gebeten, zur Illustration dieser Behauptung einmal im Zimmer auf und ab zu gehen, ohne den Knopf zu schließen. Dann hatte sie ihm gezeigt, wie man einen Knopf wieder befestigt. Sie strickte für ihn zwei Paar Wollsocken; ein Paar sollte immer einen Tag lang gelüftet werden, bevor es wieder getragen wird, dieser Wechsel sei bei Socken sehr wichtig, und nach der Reise sollte er alle Socken in einer Seifenlauge waschen. Sie waren aus heller Wolle, die eine Farbe von gesalzenem Sauerrahm hatte, und ihre Oberfläche ließ ihn an die Schafe im Heimatdorf seiner Mutter denken, und an die Pappeln am Fluss, die selbst an Tagen ohne Wind rauschten. Diese Socken waren für seine klobigen Schuhe gedacht, für die guten Schuhe sollte er sich in Amerika dünnere Socken kaufen, so lautete der Rat seiner Mutter.
Seine Gedanken kamen ihm gewöhnlich vor, da Piròn neben ihm herumphilosophierte: Warum es verschiedene Sprachen in der Welt gebe? Warum verschiedene Religionen und Nationen? Was das überhaupt sei, eine Nation? Und die Staaten, was seien die Staaten? Was sei ein Heim und was eine Heimat? Wäre man frei wie eine Möwe, wenn man der Heimat abschwöre? Oder seien die Möwen an das Meer gebunden wie die Menschen an ihre Herkunft? Ob Španjulet einen Blick durch diese fabelhaften hohen Fenster geworfen habe? Die Stadt dort drüben, ob sie nicht eine Nummer zu groß für dieses Lumpenproletariat sei, das mit ihnen angereist war? Aus Europa werde nur Elend und Armut über den Ozean geschwemmt, während dieses Gebäude hier von einem wohlhabenden Leben zeuge, ob Anton das nicht auch so empfinde? Ihm sei es jetzt sogar ein wenig peinlich, hierhergekommen zu sein. Was würden die Amerikaner über uns bloß denken? Über diese zerstrittenen und zerrissenen Nationen Europas, deren hungrigste und ärmste Teufel hier strandeten? Nationen seien sowieso bloß Einbildungen irgendwelcher europäischer Dichter. Eine amerikanische Dichterin habe dagegen ein Sonett geschrieben, in dem sie die europäischen Elenden begrüßt, das Gedicht sei am Podest der Freiheitsstatue angebracht worden, davon habe er vor der Abreise in Triest erfahren, und jetzt sei diese Statue zum Greifen nahe, aber sie dürften nicht zu ihr, um das Sonett zu lesen. Von ihrer eigenen Insel grüßte die Freiheitsstatue alle mit ihrer Fackel. Nun ja, es hätte sowieso nicht viel gebracht, Englisch könnten sie ja noch nicht. Ob Španjulet wisse, dass diese Insel hier nach einem gewissen Herrn Ellis benannt sei? Ihm habe die Insel früher gehört.
»Stell dir vor, Spagnolèto, in Amerika leben Menschen, die ganze Inseln besitzen. Der besagte Ellis hat sie deshalb verkauft, weil sie derart günstig vor dem Hafen von New York liegt. Damit man uns hier schneller abfertigen kann. Das ist nur vernünftig. Sie müssen uns kontrollieren, sie wollen doch nicht jeden in ihr Paradies hereinlassen. Und Amerika ist ein Paradies, schau dir bitte an, wie hochwertig die Stühle sind, auf denen wir sitzen, und wie hübsch die Uniformen dieser Beamten aussehen!«
Anton dachte über seine Wäsche nach, über die Armut – er schwor sich, nie mehr in der dritten Klasse reisen zu müssen, er wollte in Amerika reich werden, na gut, zumindest so wohlhabend, dass er sich die zweite Klasse leisten konnte –, und er dachte über die Ratschläge seiner Mutter zum Sparen und Haushalten nach, deshalb antwortete er nicht, doch das schien seinen neuen Freund nicht zu stören.
Ernesto redete weiter, fragte sich nun laut, wie man ein echter Amerikaner werden könne? Er wollte es unbedingt schaffen. Er, Ernesto Chiaro, ein ehrenwerter amerikanischer Staatsbürger, das sei sein Traum. Warum fühle sich jemand zu einer Nation gehörig? Und er antwortete sich selbst: Entweder aus Stolz, weil irgendjemand aus dieser Nation irgendwelche Leistungen vollbracht hat und man sich mit ihm identifiziert, oder aus Verletzung, weil dich irgendjemand wegen deiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation benachteiligt oder beleidigt hat. Das erste Modell, das sei eher amerikanisch, und das zweite, das sei etwas für die kleineren, unbedeutenden europäischen Nationen, die ständig von jemandem unterdrückt und beleidigt würden.
»So wie du, Španjulet, von meinen Leuten in Zara.«
»Wir nennen die Stadt nicht Zara, sondern Zadar.«
»Nun sei nicht so empfindlich.«
Sie schwiegen eine Weile und starrten auf das Gedränge in der Einwanderungshalle, die mit amerikanischen Flaggen geschmückt war. Überall stapelten sich Kisten und Koffer. Bei dem Gedanken an all die Habseligkeiten, die die Menschen mit sich schleppten, überkam Anton ein Anflug von Melancholie und Mitleid. Er war froh, jung zu sein. Wenn er erst einmal reich wäre, würde er seine ganze Familie zu sich holen. Er würde für sie teure Schiffskabinen buchen und ihnen raten, in ihrer besten Kleidung und ohne viel Gepäck zu reisen.
»Es waren die Engländer, die Herren aller Meere, die die Stadt vor uns von New Amsterdam in New York umgetauft haben. Hier wird die Zukunft der Menschheit entschieden, deshalb wollten sie das letzte Wort behalten. Perfides Albion! Sie haben den Niederländern die Stadt einfach entrissen. Wen kümmert es also, ob eine kleine Stadt am Ufer eines winzigen Meeres Zadar oder Zara heißt?«
»Die Italiener versuchen, die ganze Adria an sich zu reißen«, sagte Anton, der nicht immer verstand, wovon sein italienischer Freund sprach.
»Der Stärkere hat immer Recht.«
Ernesto konnte wesentliche Dinge mit einer Selbstverständlichkeit aussprechen, die Anton versöhnlich stimmte. Er beschloss, nicht nur so gebildet, sondern auch so schlagfertig wie Ernesto zu werden. Unterdessen redete dieser weiter:
»Aber was heißt das überhaupt: deine und meine Leute? Denn, schau, Španjulet, wir beide sind Bürger desselben Staates. Eigentlich sind die Österreicher so etwas wie Engländer, wenn du verstehst, was ich meine. Es gibt diese Idee, alle Italiener in einem Staat zu vereinigen. Dafür müssten wir aber Friaul, Triest, Tirol und Istrien den Österreichern wegnehmen.«
»Istrien? Aber in Istrien ist die Bevölkerung mehrheitlich slawisch«, sagte Anton. »Das zeigt doch wieder, dass ihr Italiener es gewohnt seid, uns gar nicht zu bemerken.« Aber er konnte es seinem Freund nicht übel nehmen. Das kleine slawische Volk an der ostadriatischen Küste war recht einfach zu übersehen. Außerdem neigte es zu unsinnigen Feindschaften und falschen Loyalitäten, Selbstverleugnung und Verrat. Aber hier, vor den Toren der mächtigsten Stadt der Welt, verlor all das an Bedeutung. Er wollte nun endlich New York erreichen.
»Wenn du meinst. Ich schlage vor, dass man eine Befragung unter der Bevölkerung macht. Es könnte bald böse Überraschungen in Europa geben, Španjulet. Uns beiden kann es egal sein. Wir haben es bald geschafft.«
Da weiterhin nichts geschah, holte Piròn nach längerem Schweigen ein schwarz-weißes Bild aus seiner Tasche, auf dem ein Mann eine zylindrische Mütze ohne Krempe trug, die mit einem gestickten Ornament verziert war.
»Ist diese Kappe in Wirklichkeit rot?«, fragte Anton.
»Sie kann rot oder dunkelblau sein. Eine solche Mütze wird Rauchermütze, barretto da fumo genannt. Das ist Giuseppe Garibaldi. Weißt du, wer das war?«
Jeder im Süden Europas wusste, wer Garibaldi war. Aber noch nie hatte Anton von einem barretto da fumo gehört. Er starrte die Mütze an. Sie gehörte zum nationalen Stolz der Dalmatiner, und jetzt sollte sie ihm ausgerechnet auf dem Kopf des berühmtesten italienischen Freiheitskämpfers wiederbegegnen?
»Wieso heißt sie Rauchermütze?«
»An diesem Punkt müssen wir erneut von den Engländern sprechen.« Ernesto genoss die Rolle des Lehrers. »Angeblich haben sie sich solche Mützen aufgesetzt, wenn sie rauchen gingen, damit ihr Haar nicht den Geruch des Rauches annahm. Die Form und die gestickten Ornamente sind orientalisch, und dir sollte bekannt sein, dass die Engländer den Orient für sich beanspruchen.«
Die Engländer hatten die dalmatinische Kappe aus dem Orient mitgebracht und zum Rauchen aufgesetzt, und Garibaldi hatte sie aus Spaß getragen? Er war geneigt, Ernesto nicht zu glauben, doch es war ihm klar, dass Ernestos Wissen unabhängig von seiner Bereitschaft, die Wahrheit zu hören, existierte. Sollte er seinem Vater davon berichten? Oder ihn in seinem Irrglauben von der authentischen dalmatinischen Trachtenmütze belassen?
»Und wie ist es mit euch Südslawen, wollt ihr euch auch vereinigen? Miteinander und alle zusammen mit den Russen? Slowenen, Kroaten, Serben, Bulgaren? Gibt es noch welche von euch dort unten? Freies Italien und freies vereintes Südslawien! Die Österreicher und die Ungarn würden uns allen etwas husten. Aber vielleicht lohnt es sich, es zu versuchen. Auf dem alten Kontinent herrscht ein Durcheinander, findest du nicht auch? Kroatisch ist ähnlich wie Russisch, oder? Bringst du mir Kroatisch bei, Španjulet?«
Er plapperte unermüdlich weiter und Anton fragte sich, ob Piròn vielleicht nervös geworden war oder ob er einfach immerfort reden musste, um sein Gehirn von dem vielen Wissen zu befreien.
»Ich verlasse mich auf die altansässigen Italiener hier. Sie werden mich schon abholen kommen. Ich könnte ihnen Vorträge über Garibaldi halten. Ich frage mich, ob sie verstehen werden, dass ich als Triestiner einer von ihnen bin. Oder soll ich mich vor den Italienern in Acht nehmen? Angeblich sind die Kriminellen in New York alle Italiener. Und deine Leute, Španjulet? Ist davon irgendjemand etwas geworden in der Neuen Welt?«
»Doch«, sagte Anton. »Ein einziger, aber dafür ein ganz wichtiger. Sein Name ist Nikola Tesla.«
»Nie gehört«, sagte Ernesto.
Das war ein schlechtes Zeichen, was die Bedeutung von Nikola Tesla betraf, denn Ernesto wusste immer alles. Hatte sich Antons Vater womöglich geirrt, als er ihm erzählte, dass Nikola Tesla, ein Landsmann, der berühmteste Mann in New York sei? Dem Glauben nach sei Tesla zwar orthodox und nicht katholisch, also sei er eher Serbe als Kroate, aber dennoch ein Landsmann, ein Erfinder aus Kroatien, Anton solle sich diesen Namen merken, und als Nikola Tesla so alt wie Anton gewesen sei, habe er die Große Kaiserliche und Königliche Realschule in Karlovac besucht, eine erstklassige Schule der Monarchie, doch Tesla sei nicht der Schule verwiesen worden, da ihm das Lernen wichtiger gewesen sei als die Politik.
*
Der tschechische Doktor war noch immer nicht aufgetaucht. Der Inspektor der Immigrationsbehörde, dem die beiden jungen Männer endlich vorgeführt wurden, sagte zu Anton: »Wenn Herr Vilimek nicht kommt, wirst du leider mit demselben Schiff zurückfahren müssen, es legt in drei Tagen ab.« Beim Gedanken an die Rückfahrt auf der Giulia drehte sich Anton der Magen um. »Oder der Vertreter deines Staates nimmt sich deiner an.«
Ernesto, der nach ihm befragt wurde, bekam das Gleiche zu hören: Niemand sei gekommen, um ihn abzuholen. Das war nicht verwunderlich, denn Ernesto hatte den Namen eines angeblichen Onkels angegeben: »Ettore Schmitz, Lebensmittelhändler, Broadway.« Eigentlich hatte er sich auf gut Glück eingeschifft, ohne vorher irgendjemanden in New York um eine Garantie zu bitten, da er niemanden kannte.
Man telegrafierte nach Mister Ettore Schmitz und nach Doktor Vilimek, und es hieß aufmunternd: Morgen würden ihre Garanten bestimmt kommen. Die beiden Freunde wurden in einen Schlafsaal geführt. Eine Krankenschwester beaufsichtigte sie, während sie sich die Hände wuschen, und begleitete sie in den Speisesaal. Es war das erste anständige Essen, seit Anton sein Haus verlassen hatte. Er dachte an seine Mutter und wollte von ihrer Kochkunst erzählen – von ihrer Tomatensuppe, von den Kartoffeln aus dem Ofen, die mit Zwiebeln und Rosmarin in Olivenöl schwimmen, von den mit Knoblauch, Petersilie und in Wein eingeweichtem Weißbrot gefüllten Zucchini, vom Risotto, dessen Körner schwarz schimmerten, vollgesogen mit der Tinte von Calamari –, er besann sich dann aber darauf, dass Ernesto keine Eltern mehr hatte, und schwieg.
Während sie in einer der unzähligen Schlangen anstehen mussten, um eine der vielen Prüfungen zu durchlaufen, berichtete Ernesto kurz und sachlich vom Tod seiner Mutter bei seiner Geburt, und wie sein Vater an Magenschmerzen gelitten hatte und kurz vor Ernestos Abreise »in einem Sturzbach aus Blut« gestorben war.
Nach diesen Worten schwiegen die beiden jungen Männer so lange, bis Ernesto wieder seine Stimme erhob und mit seinem Singsang von den Formalitäten der Beerdigung berichtete, von dem bescheidenen Erbe, das er zur Sicherheit in einer Bank in Triest angelegt hatte, so wie es ihm sein Vater bestimmt geraten hätte, und dass er deshalb nur wenig Geld bei sich trug, »nur damit du Bescheid weißt, solltest du auf krumme Ideen kommen, du alter Kroatenbruder«. Es war, als berichtete er nicht von einer Tragödie, vor der er gerade auf der Flucht war, sondern gäbe eine seiner historischen Anekdoten vom Besten: »Ein Geschwür. Einfach so geplatzt. Davor hat er nur einmal merkwürdig gepfiffen, dieses Pfeifen kann ich nicht vergessen, weißt du. Er hatte mir gerade aus einer Komödie von Carlo Goldoni vorgelesen, das war ein altes Heft, das Papier saugte sein Blut auf wie ein Schwamm. Mein Vater war, ehrlich gesagt, kein lustiger Mensch, aber Goldoni gehörte nun mal zu dem Stoff, den er mir beibringen wollte.« Als er sah, dass Anton ihn voller Entsetzen anschaute, sagte er mit betont gleichgültiger Stimme: »Er war Mathematiklehrer an der Höheren Handelsschule in Triest. Ich glaube, dass er nicht gewusst hat, was er mit mir anstellen sollte, deswegen hat er sich mit mir von meinem ersten Tag an wie mit einem seiner Studenten unterhalten.«
»Und wer ist Ettore Schmitz?«, fragte Anton.
»Antonino mio, mein Slawenherz, das musst du selbst herausfinden. Aber der wartet bestimmt nicht auf mich.«
*
Nach der Nacht in dem großen, gut gelüfteten Schlafsaal frühstückten sie mit den anderen Wartenden, es gab Eier, Butter, Brot und Milchkaffee, was Anton besonders amerikanisch fand. In der großen Halle saßen hinter einem eisernen Gitter Männer in ziviler Kleidung, die unterschiedliche Häuser vertraten, Vereinigungen der Bürger verschiedener europäischer Staaten, die sich in New York organisiert hatten, um den Neuankömmlingen zu helfen. Einige hatten Heimweh, und die Aktivität in einer solchen Vereinigung half ihnen, darüber hinwegzukommen, doch alle waren von der Idee durchdrungen, etwas für Amerika tun zu müssen, und sei es nur, die Neuen zu unterstützen, damit auf den Straßen weniger Elend herrschte. Einige Männer trugen eine silberne Plakette am Revers, in die eine Nummer und die Worte Forwarding Passenger Agent eingraviert waren.
Ein Inspektor erkundigte sich bei diesen Männern, ob einer von ihnen Doktor Vilimek sei oder ob ein gewisser Doktor Vilimek einen von ihnen bevollmächtigt habe, Anton abzuholen, doch da das nicht der Fall war und da sich auch kein Ettore Schmitz gemeldet hatte, um Ernesto abzuholen, rief der Inspektor den Vertreter des österreichisch-ungarischen Hauses St. Rafael zu sich. Dieser sprach sie auf Ungarisch an. Als er begriff, dass die beiden ihn nicht verstanden, drehte er sich um und sagte etwas zu dem Inspektor. Der Dolmetscher erklärte den beiden daraufhin, dass es im österreichisch-ungarischen Haus St. Rafael keine freien Plätze mehr gebe und dass er sie bedauerlicherweise nicht übernehmen könne. Anton wusste, dass der Mann log. Ob es die Politik der Monarchie war, Italienisch und Kroatisch sprechende Untertanen in Amerika nicht als eigene Bürger zu behandeln, oder ob es sich um die persönliche Entscheidung dieses Mannes handelte, egal, was ihn betraf, sollte diese ganze Monarchie genauso zu Asche zerfallen wie die verhasste rot-weiße Flagge mit dem schwarzen Adler darauf. Die Russen waren seiner Meinung nach die einzigen Slawen, die man respektierte. Er hat mehrere Vertreter der Russen hinter dem Gitter bemerkt, sie trugen lange Bärte und hochgeschlossene Jacken.
Dem Vorfall mit der Flagge in der Schule in Zadar war ein Streit zwischen den Italienern und Kroaten wegen des Russisch-Japanischen Kriegs vorangegangen. Wenn er jetzt auf Ellis Island daran zurückdachte, fand er es nur verständlich, dass er und seine Freunde für ihre slawischen Brüder, die Russen, Partei ergriffen hatten. Aber was hatten die Italiener mit den Japanern zu schaffen? Wieso waren sie so fanatisch auf deren Seite gewesen? Es blieb ihm ein Rätsel.
Es war gut, dass hier niemand etwas von der Aktion wusste, die er und seine Schulfreunde veranstaltet hatten: Auf der Uferpromenade von Zadar hatte eine Militärkapelle gespielt, sie hatten sich unter die Menge gemischt, auf den Köpfen hohe Kosakenmützen aus Astrachanfell und rotem Samt. Nicht einmal fünf Minuten waren vergangen, als jemand »Fuori le capre!« (»Ziegen raus!«) gebrüllt hatte. Im allgemeinen Tumult hatten sie einige Schläge auf Schultern und Rücken abbekommen, bevor sie im Barbierladen eines kroatischen Patrioten Unterschlupf gefunden hatten. Später hatte dieser den Schülern erklärt, dass die Russen zwar ihre slawischen Brüder seien, aber von ihrer Existenz bestimmt nichts ahnten. »Die Russen wissen gar nicht, dass es uns Kroaten gibt.« So sei das mit den Großen, für sie seien die Kleinen unsichtbar. Außerdem hatte der Barbier bezweifelt, dass die Russen bereit wären, etwas für die anderen Slawen zu unternehmen, es sei denn, sie ihrer Übermacht zu unterwerfen. Die sechs bleichen Gesichter unter den hohen Pelzmützen verzerrten sich, da sie ihm nicht glaubten. Sie konnten sich selbst deutlich im Spiegel hinter dem Mann sehen, sie gaben ein jämmerliches Bild ab.
*
Auf einmal kam Bewegung in die Reihen der Männer hinter dem Gitter. Der Dolmetscher hatte beschlossen, die Italiener darüber zu informieren, dass Ernesto aus Triest stamme. Nach einiger Zeit erschien ein gewisser Doktor Lucianelli und stellte sich Ernesto als Vertreter der italienischen Gesellschaft »Dante Alighieri« vor. Er fragte ihn, ob er mit ihm kommen wolle. Ernesto setzte sein gewinnendstes Lächeln auf, legte die rechte Hand aufs Herz und deklamierte:
Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura,
ché la diritta via era smarrita.1
Doktor Lucianelli umarmte ihn und schien gerührt zu sein, nahm den Pappkartonkoffer, auf dem E. C. geschrieben stand, und bugsierte Ernesto auf die andere Seite der Gitter, ehe dieser sich von Anton verabschieden konnte. Er musste aber Herrn Lucianelli zugeflüstert haben, dass sein Freund, der ihnen so traurig nachsah, aus Zara komme, denn sie kehrten zurück und Lucianelli fragte: »Tu sei Dalmata?«
Auch wenn es wehtat, ausgerechnet von Italienern Hilfe anzunehmen, Anton hatte keine Wahl. Er tröstete sich, dass er bei der Überfahrt in die Neue Welt den besten Freund seines Lebens gewonnen hatte, und diese Freundschaft wog viel schwerer als der Zwist mit den Italienern von Zadar. Doktor Lucianelli musste verschiedene Papiere unterschreiben, die ihm der Immigrationsinspektor vorlegte. Er übernahm somit im Namen der Gesellschaft »Dante Alighieri« alle Verpflichtungen für die beiden Minderjährigen.
Ein kleiner Dampfer brachte die Neuankömmlinge in Begleitung des freundlichen Arztes zur South Ferry in der Nähe von Battery Park. Ab und zu musterte Doktor Lucianelli Anton, als würde er darüber nachsinnen, zu welcher Sorte Dalmatiner dieser wohl gehöre: zur italienischen oder zur kroatischen? Aber er fragte nicht nach. Später, als sie sich endlich im italienischen Vereinshaus in zwei bequeme Betten legten, sagte Anton:
»Danke dir, Piròn!«
»Als dieser Lucianelli fragte, ob du Dalmatiner bist, wollte ich mit Dantes Versen aus dem 31. Gesang des Paradieses antworten. Unser dottore wollte eigentlich wissen, was für ein Dalmatiner du bist. Aber nachdem man uns ja schon im österreichisch-ungarischen Haus nicht hat haben wollen, dachte ich, dass es schlauer sei, keine Scherze zu machen und deine nationale Zugehörigkeit vorerst zu verschweigen.«
»Danke auch dafür, Piròn! Und wie lauten diese Verse?«
»Španjulet, es ist wirklich keine Tragödie, dass man dich aus der Schule geworfen hat, du hast dort sowieso nichts gelernt«, sagte Ernesto und flüsterte:
Qual è colui che forse di Croazia
viene a veder la Veronica nostra,
che per l’antica fame non sen sazia
ma dice nel pensier, fin che si mostra:
»Segnor mio Iesù Cristo, Dio verace,
or fu sì fatta la sembianza vostra?«2
Anton tat es leid, die Casa d’Italia zu verlassen. Hätte ihm das jemand vor einigen Monaten gesagt, dann hätte er ihn für verrückt erklärt: Er, ein Kroate, würde traurig sein, weil er nicht mehr im Haus der italienischen Kulturvereinigung wohnen sollte, unter den Italienern, die sich für etwas Besseres hielten?
Wenn er ehrlich war, stimmte etwas mit seiner Meinung über die Italiener nicht, da weder Doktor Lucianelli noch Ernesto ihm gegenüber eine derartige Überheblichkeit gezeigt hatten. Ganz im Gegenteil, sie hatten ihn gerettet, während ihn ein tschechischer, also slawischer Arzt im Stich gelassen hatte. Er wollte in den nächsten Tagen nach Doktor Vilimek schauen. Dank seiner Zusage war er nach Amerika gereist, und auch wenn dieser ihn nicht abgeholt hatte, war er jetzt in New York, überwältigt von der Größe der Häuser und von den Menschenmengen auf den Straßen.
Nach all den Aufregungen auf Ellis Island hatte er im Speisesaal der Casa d’Italia aus riesengroßen Porzellantellern einen Haufen cremefarbener, weicher Gnocchi in einer Soße aus Tomaten, Kräutern und gehacktem Rindfleisch vertilgt und fühlte sich heimisch, als wäre er in der Küche seiner Mutter. Wer weiß, vielleicht würde er sich am Ende sogar mit den Österreichern aussöhnen?
Er verwarf den Gedanken sofort. Die Monarchie würde er nie leiden können, davon war er überzeugt, auch wenn ihm aus dieser Entfernung seine alten Grundsätze naiv vorkamen. In der Schule hatten die kroatischen Rebellen von der Vereinigung der südslawischen Völker mit russischer Hilfe geträumt, weil sie dachten, damit könnten sie sich von den Österreichern, Italienern, Ungarn und Türken befreien, aber er fragte sich jetzt, wobei er all jene ernsthaften, angespannt wirkenden Gesichter der Auswanderer in der großen Empfangshalle auf Ellis Island in Erinnerung hatte, ob er weiter daran festhalten oder ob er sich vollständig auf Amerika einlassen sollte.
Es verwirrte ihn auch, dass Ernesto, obwohl er sich für Garibaldi begeisterte, immer wieder erklärte, dass Triest von der Monarchie nur profitiert habe. »Die Österreicher haben uns zwar noch mehr Slawen und andere komische Völker in die Stadt gebracht, aber sie haben gleichzeitig unsere schönsten Gebäude erbaut, außerdem laufen die Geschäfte wegen des Hafens besser als irgendwo anders in Italien.« Ernesto spekulierte sogar darüber, ob es für Triest nicht besser wäre, auch in einem vereinigten Italien seine Autonomie zu bewahren, »Corpus separatum, wie bisher, schon des vornehmen Namens wegen«.
Trotz des Eindrucks, den die Wolkenkratzer auf ihn gemacht hatten, und trotz der Annehmlichkeiten, die er als Gast der Italiener erlebt hatte, litt Anton an Heimweh. Er durfte sich das nicht eingestehen, da er sich keine Schwäche leisten konnte, aber seine Sehnsucht lastete auf ihm, als schleppte er eine Holzkiste mit dicken Eisenbeschlägen mit sich, von der Art, wie er sie auf dem Ozeandampfer gesehen hatte, eine Kiste, die er nirgendwo abstellen konnte. Deshalb hatte – als er unerwarteterweise von zwei Kroaten in der Casa d’Italia abgeholt wurde – die Freude überwogen, auch wenn es ihm schwerfiel, Abschied von seinen italienischen Freunden zu nehmen.
Nachdem er eine Nacht in diesem gastfreundlichen Haus verbracht hatte, waren dort zwei Männer erschienen, einer von ihnen trug eine Polizeiuniform und der andere behauptete, Antons Onkel zu sein. Er sagte, dass der Junge mit ihnen kommen müsse, und zeigte dem verdutzten Doktor Lucianelli ein Papier, das in der Immigrationsbehörde ausgestellt worden war, auf dem schwarz auf weiß stand, dass Anton mit diesem Mann gehen solle und dass dieser für ihn die Bürgschaft übernehme. Außerdem bot er den Italienern Geld, zwei Dollar für die Kosten, die Antons Unterbringung verursacht hatte.
Anton wusste nicht, wer die beiden Männer waren, aber als sie ihn in seiner Muttersprache ansprachen, überkam ihn ein Gefühl von Vertrautheit gepaart mit Begeisterung, und so verschwieg er, dass er gar keine Verwandten in New York habe. Ohne Doktor Lucianelli anzuschauen, der jene zwei Dollar nicht annehmen wollte, entschied er sich, sowohl dem Polizisten, der ihm aufmunternd zunickte, als auch seinem angeblichen Onkel zu vertrauen, packte seine am Abend zuvor gewaschene Kleidung, die noch nass war, und umarmte Ernesto. Als er seine Schultern berührte, kamen sie ihm so schmal vor, als wäre Ernesto über Nacht trotz all jener Gnocchi plötzlich viel dünner geworden, und deshalb flüsterte er ihm zu, er gehe jetzt, aber er werde sein Freund bleiben.
»Bis ans Ende unseres Lebens?«, fragte Ernesto und versuchte dabei witzig zu klingen, aber es hörte sich traurig an.
»Bis ans Ende unseres Lebens«, sagte Anton.
Der falsche Onkel erklärte ihm draußen, dass er am Tag zuvor auf Ellis Island gewesen sei und mitbekommen habe, dass Anton Kroate sei, der mit den Italienern gehen musste, weil ihn niemand abgeholt hatte. Er hatte jedoch keine Befugnis gehabt, ihn mitzunehmen, da die Kroaten nicht über eine registrierte Kulturvereinigung in New York verfügten. Er habe sich am Abend mit anderen Kroaten beraten, und sie hätten sich überlegt, dass auch sie in Zukunft etwas für ihre einreisenden Landsleute tun sollten, dass sie diesen Jungen aber unter allen Umständen von den Italienern übernehmen wollten. Deshalb hatten sich der falsche Onkel und einer der Kroaten, der bei der New Yorker Polizei arbeitete – ein Umstand, der ihre Glaubwürdigkeit erhöhen sollte –, wieder nach Ellis Island begeben und so getan, als suchten sie nach Anton. Der Beamte der Immigrationsbehörde notierte, dass es sich um Antons Verwandte handele, und gab ihnen die schriftliche Erklärung, dass sie sich um den minderjährigen Jungen, der mit den Italienern gegangen sei, kümmern dürften. Was sie auch tun wollten, wie ihm der falsche Onkel versicherte. Er lud ihn zu sich nach Hause ein, wo seine amerikanische Frau mit dem Essen auf sie wartete.
»Ich habe nicht gelogen«, sagte der falsche Onkel, als Anton drei panierte Hühnerschenkel und eine Riesenportion Kartoffelbrei verschlungen hatte. »Wir Dalmatiner sind mehr oder weniger alle untereinander verwandt. Du kannst hier bei uns wohnen bleiben, bis ich für dich eine Arbeit gefunden habe. In der Zwischenzeit sollst du die Stadt kennenlernen.«
*
In Dalmatien aufgewachsen, war Anton ein begeisterter Schwimmer. Und jetzt versuchte er sich vorzustellen, New York sei das Meer und er solle hineinspringen und losschwimmen. Wenn nur jene Last, die ihn bedrückte, nicht wäre! Jene Holztruhe voller Erinnerungen, die er mit sich herumschleppte. Schwimmen, tauchen, plantschen, schwimmen – und sein früheres Leben wie ordentlich gefaltete Kleidung am Strand liegen lassen. Doch sobald er sich dieses Gefühl der Freiheit erlaubte, sobald er sich schwimmend und gelassen treibend in der Menschenmasse dieser riesigen Stadt vorstellte, tauchten in seinem Kopf Bilder der Gassen an der Adria auf.
Der launische New Yorker Frühling hatte alles zu bieten: Hagelkörner, die wie Bonbons auf die Straße prasselten, Schneeflocken, die nach einigen Stunden nur noch kleine schmutzige Pfützen hinterließen, eisigen Wind, der sofort Schlangen vor die Stände der Straßenverkäufer trieb, die Mützen und Schals anboten, sie schienen in den Hauseingängen zu lauern. Die Farbe des Himmels, der ihm viel höher als in Kaštel Lukšić, Zadar oder Triest vorkam, wechselte stündlich zwischen Hellgrau und Blau, doch er hatte bisweilen das Gefühl, dass es über Manhattan gar keinen Himmel gab, und wenn es ihm auf einer der großen Avenues plötzlich so vorkam, als erstickte er, denn ohne Himmel konnte es auch keine Luft geben, dann eilte er entlang der geraden, durchnummerierten Straßen nach links oder nach rechts, nach East oder nach West, um an die Küste zu kommen und den Hudson River oder den East River zu sehen, in deren Gewässern sich der Himmel endlich spiegelte.
Der Hudson River war ein breiter, mächtiger Strom, über den Fähren und Schiffe verkehrten und Manhattan mit New Jersey verbanden, und der East River war gar kein Fluss, sondern eine Meerenge, über der eine erstaunliche Brücke hing – Anton glaubte, dass es sich um ein Weltwunder handelte –, über die man zu Fuß nach Brooklyn gehen konnte. In den ersten Wochen erkundete Anton die Stadt vorwiegend zu Fuß, aber wenn er müde wurde oder wenn ihn irgendeine Kapriole des New Yorker Wetters überraschte, setzte er sich in eine Straßenbahn.
Das zweite, was ihm aufgefallen war, waren die vielen Männer. Die Stadtbevölkerung schien fast nur aus Männern in seinem Alter zu bestehen, aber auch älteren Männern, die ausnahmslos Hüte trugen und alle irgendwohin eilten. Das lag daran, erklärte ihm der kroatische Polizist, dass die Einwanderer vorwiegend Männer seien und dass die wenigen Frauen, die mitgekommen waren, entweder in fremden oder in ihren eigenen Haushalten arbeiteten. »Im Geschlossenen«, wie er sich ausdrückte. Er habe seine Einstellung bei der New Yorker Polizei dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass er eine Irin geheiratet habe, die Stellen bei der Polizei und bei der Feuerwehr waren für Iren reserviert. Seine Frau, eine anständige Katholikin, wie sie sonst nur noch in Kroatien und in Polen zu finden sei, bleibe auch immer zu Hause. Dort kümmere sie sich um die Kinder und um das Essen, wobei er sich noch immer nicht an ihre Kochkünste gewöhnt habe, aber sie sei dennoch eine wunderbare Frau.
Es gab Viertel – ihre Straßen erinnerten ihn an Jahrmärkte, die er in Split oder in Sinj gesehen hatte –, in denen man Magier, Entfesselungskünstler, Spiritisten, Wunderheiler, Feuerschlucker, Straßenmusikanten, Wanderprediger, Jongleure, Schauspieler und Zauberer und hier und da eine Sängerin oder Trapeztänzerin antreffen konnte, die allesamt einen ärmlichen Eindruck machten, und wieder andere, mit breiten Alleen, auf denen grimmig blickende Männer mit Backenbärten, schwarzen Gehröcken und schwarzen Zylindern zu sehen waren, die aber keine Zauberer waren, sondern Banker, Eisenbahnbesitzer oder Diamantenhändler. Ernesto, mit dem Anton manche Streifzüge unternahm, blieb vor jedem der Jahrmarktdarsteller stehen, ohne sich um Anton zu kümmern, der ihn wegzuzerren versuchte. Wenn sie endlich weiterzogen, entlohnte Ernesto Antons Geduld mit einem seiner Vorträge: Über Shakespeare, über den Kaufmann von Venedig, über die Rivalität zwischen Genuesen und Venezianern, über die Commedia dell’Arte, über die Schnabelmasken der Pestdoktoren, über den Galataturm in Istanbul, über den Heiligen Antonius von Padua – »dein Namenspatron, ein Heiler, der zu den Fischen predigte« –, über Aristoteles, über die quinta essentia, »du weißt doch, Španjulet, die Quintessenz, die fünfte Essenz neben Luft, Erde, Feuer und Wasser – der Äther«. Anton wusste es nicht, und Ernesto erklärte es ihm: »Sterne und Planeten schwimmen darin. Und vielleicht auch die Seelen der Toten.«
*
Antons Vater hatte immer behauptet, dass nur die sichtbare und fassbare Welt uns Menschen zugänglich sei, nicht die immaterielle, diese sollte man dem lieben Gott und der Heiligen Mutter Kirche überlassen, wir Menschen sollten uns nicht anmaßen, das Jenseitige begreifen zu wollen. Die fassbare Welt konnte ganz schön erschreckend sein. Es gab Ecken hier in New York, in welchen Bettler ohne Beine, hustende Kinder und blinde alte Frauen im Schmutz ausharrten, es gab Hauseingänge, aus denen es nach Fäulnis und Zerfall muffelte.
Aus der Kindheit wusste er, wie Katzenkadaver stanken, wenn sie in der Sonne von Würmern zersetzt wurden. Den menschlichen Körpern würde es nicht anders ergehen, ließe man sie irgendwo liegen. Deswegen musste auch der tote Mann auf dem Schiff ins Meer geworfen werden. Anton stellte sich selten solche Fragen, aber jetzt fragte er sich, wo die Seelen der Menschen waren, die seit Menschengedenken in einer endlosen Folge starben? Im Äther, von dem Ernesto
