Teutonic Future - Michael Schmidt - E-Book

Teutonic Future E-Book

Michael Schmidt

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Beschreibung

Die dunkle Seite der Zukunft. Hier die Playlist:   1.Uriel 2.Brainpool 3.Transformation 4.Die Sicht der Dinge 5.Ruf des Herzens 6.Geliebte Maid 7.Der Freiheitskämpfer 8.Das Auge des Beobachters 9.Die ungleichen Brüder 10.Top of the Pops 11.She 12.Battery 13. Mitbestimmung 14. Wie die deutsche SF zu Weltruhm gelangte

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Michael Schmidt

Teutonic Future

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1.Uriel 6

1.Uriel

 

 

Nachrichtenmeldung des Weinlandchen Rundfunks:

Die neue Zeitrechnung nach Margroff ist mittlerweile etabliert. Als letzter Staatenbund hat Skandinavien Margroff eingeführt. Damit ist Europa dem amerikanischen Kontinent nachgezogen. Dort gilt dieser Zustand seit der Zustimmung durch Mayaland schon seit sieben Jahren. Bei einzelnen Ländern reicht dies noch weiter zurück.

Auf Nachfrage durch WR bestätigte sowohl die „Unabhängige europäische Verwaltung“ als auch der „Weinlandsche Führungsrat“ dass trotzdem das Bestreben bleibt, dem amerikanischen Kontinent nicht nachzueifern und einen eigenständigen Weg zu gehen. Den dritten Weg. Die neue Mitte. Es wurde abermals bestätigt, die Mittlerrolle zwischen dem modernen Amerika bzw. Australien und den traditionellen Kontinenten Asien und Afrika aufrecht zu erhalten.

In Großbritannien häufen sich die Forderungen, dem amerikanischen Staatenbund beizutreten. Dem entgegen bleiben Strömungen der östlichen und südlichen Länder, sich ganz der Tradition zu verpflichten und einen vollständigen Verzicht auf Technik und damit einen Beitritt in den afrikanischen Bund als Führungsmacht zu vollziehen.

Gerade eben erreichen uns erste unbestätigte Meldungen, dass es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Grenzregion zwischen England und Schottland gekommen ist. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

17. Juni im Jahr 103 nach Margroff

 

Meine Lider heben sich und geben den Blick frei. Im ersten Moment will ich sie wieder schließen, die Helligkeit ist fast unerträglich, doch bezwinge ich den Reflex und stelle mich der Farbexplosion. Meine Netzhaut passt sich den Gegebenheiten an, filtert die aufkeimenden Blindflecken.

Weniger als eine Minute ist vergangen, mein Blick ist klar. Ich liege auf einem Bett. Drei breite, widerstandsfähige Riemen fesseln mich daran. Ich spanne leicht die Muskeln an, um ihre Festigkeit zu prüfen. Das Ergebnis befriedigt meine Erwartungen. Sie werden mich nicht aufhalten können.

Um mich herum ein Gewirr von Schläuchen und Apparaturen. Ihre Funktion ist mir bewusst. Der weiß bekittelte Mann direkt vor mir ist Professor Arnheim, drei Assistenten flankieren ihn.

Moment! Woher weiß ich das alles?

Nach meinem subjektiven Empfinden ist mein Wissen immens, ich könnte stundenlang über Arnheims Biografie und den Inhalt des Zimmers referieren. Meine Augen zoomen und erkennen eine Narbenstruktur an Arnheims Hals. Luftröhrenoperation, mäßig durchgeführt. Er hat braunen Augen und eine Nickelbrille, drei Dioptrien, das erkenne ich an dem Schliff der Gläser. Seine Augen verharren selten auf einer Stelle, ein untrügliches Zeichen seiner Nervosität.

Gefühle!

Ich weiß von ihnen, kann sie aber nicht praktisch nachvollziehen. Mein Erinnerungsspeicher zeigt ihr Vorhandensein und ihre Auswirkungen. Mehr nicht.

Ich bin leer!

Keinerlei Vergangenheit. Keinerlei Persönlichkeit. Ich korrigiere: Erinnerungsspeicher ist das falsche Wort. Bei Menschen nennt man es Gedächtnis.

Ich bin ein Mensch. Die Erkenntnis ist da. Trotzdem spüre ich weder Angst noch Aufregung, nicht einmal Neugier. Das müsste aber da sein. Ein Widerspruch an sich. Ich bewege mich im Nirwana zwischen Maschine und Lebewesen. Bin ich nun ein Mensch oder nicht?

”Hallo, Professor Arnheim. Bin ich ein Mensch?”

Meine Frage löst Aufregung aus. Einem der Assistenten fällt eine Spritze herunter. Seine Hand zittert, seine Augen flackern vor Angst.

Arnheim zieht hörbar die Luft ein. Sein Mundwinkel zuckt. Dann hat er sich wieder unter Kontrolle.

”Wir hoffen es. Rein biologisch sind Sie es. Doch es gibt Unterschiede. Ihre Frage verweigert sich einer pauschalen Antwort. Aus welcher Sicht soll ich diese Frage beantworten? Philosophisch, theologisch oder streng nach den Gesetzen der Naturwissenschaft?”

Mein Gehirn arbeitet einwandfrei, logisch und emotionslos. Ich spüre die Wärme in mir, die Druckempfindlichkeit meiner Haut, die Notwendigkeit, zu atmen. Ich bin natürlich, wenn auch nicht natürlichen Ursprungs. Ein Klon. Das Wissen in mir lässt keinen anderen Schluss zu. Doch das absolute Fehlen von Gefühlen stellt diesen Sachverhalt in Frage. Es gibt nur einen Weg, dies herauszubekommen.

”Klären Sie mich über meine Person auf. Worin liegt der Unterschied zu meinen Vorgängern? Und warum fehlt mir das Wissen über meine Person?”

Das verräterische Aufblitzen in seinen Augen lässt mich handeln. Ich zentriere meine Muskelkraft an den richtigen Stellen und zerreiße die Bänder. Endlich kann ich mich frei bewegen, die Spritze des Assistenten zerquetsche ich in seiner Hand, eher er nur blinzelt. Ich packe Arnheim am Kragen und werfe ihn den beiden heranstürmenden Assistenten entgegen. Dann begebe ich mich zum Fenster und zerschlage die Scheibe. Das widerstandsfähige Material erfordert zwei Anläufe, dann ist es vollbracht.

Ich springe aus dem Fenster, ein Salto vorwärts, und lande vier Meter tiefer auf dem Boden. Ein Blick in die Runde zeigt schweres Gerät. Entweder führt Arnheim Krieg oder er schätzt mich gefährlicher ein, als ich erwarte.

Ich konzentriere mich auf die Situation und verschwinde im nahe gelegenen Wald. Im Moment habe ich Wichtigeres zu tun, als mich mit potentiellen Verfolgern auseinander zu setzen.

 

Die Dunkelheit ist mein Freund. Ich bin nachtsichtig. Mein Gehör ähnelt dem eines Wolfs, die Augen denen eines Adlers. Meine Verfolger verursachen einen gewaltigen Lärm, während ich mich nahezu lautlos vorwärts bewege. Mein Erinnerungsspeicher bestätigt meine Besonderheit. Arnheim hat ein überlegenes Wesen geschaffen. Ich bin ein Evolutionssprung. Der erste einer neuen Rasse.

Doch die Technik meiner Verfolger ist nicht zu unterschätzen. Nachtsichtgeräte, Helikopter, Wärmesensoren. Ich verlangsame meinen Herzschlag und senke die Körpertemperatur, während ich weiter in die Nacht flüchte. Der Wald wird dichter, meine Verfolger werden Schwierigkeiten haben, mit ihrem technischen Gerät zu folgen. Ich lausche, mein Vorsprung ist ausreichend. Ich grabe unter dem Buschwerk ein Loch und lege mich hinein. Ich schütte das Loch notdürftig zu, einer aufmerksamen Kontrolle wird es nicht standhalten. Ein Rohr versorgt mich mit Sauerstoff.

Jetzt drossele ich meine Körperfunktion auf ein Minimum. Ihre Wärmesensoren erfassen mich nicht, es wäre Zufall, wenn sie mich entdecken. Langsam gleite ich in einen tranceähnlichen Halbschlaf. Jetzt ist Geduld gefragt.

 

Vor meinen Augen befindet sich eine trübe Flüssigkeit. Sie ist warm, schon fast unangenehm. Ich spüre meinen Körper, ein Erinnerungsfetzen sagt mir, er ist unvollständig.

Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich?

Ich erinnere mich kaum. Vor meinem geistigen Auge erscheinen Gestalten, doch sind sie seltsam unwirklich.

Da!

Ein Name, doch ist er mir entglitten, bevor er mir richtig bewusst wurde. Ein Gesicht taucht vor mir auf, doch bevor es konkrete Züge annimmt, zerfließt es in schwarzer Tinte.

Jäh verspüre ich einen grauenvollen Schmerz. Ich hebe meine Lider. Instinktiv wollen sich meine Muskeln verkrampfen, doch liege ich starr, regungslos. Vor meinen Augen tanzen rote Gestalten, die mich höhnisch mustern. Ich höre ihr geisterhaftes Wispern. Sie beschimpfen mich. Ich schließe die Augen, eine weitere Schmerzwelle trifft mich in meiner innersten Seele. Ich will schreien, doch mein Mund ist verschlossen.

Ich gerate in Panik. Verzweifelt versuche ich nach Luft zu schnappen, doch es geht nicht. Ein unbarmherziger Druck im Kopf , in der Brust, in den Augen.

Ich öffne sie, ein grelles Licht blendet mich, wird matter und matter, immer düsterer, bis es schwarz wird und dann ist jegliche Helligkeit verschwunden. Es ist vorbei.

 

Es sind mittlerweile dreiundvierzig Stunden vergangen. Sie waren mir nahe gekommen, doch nicht nahe genug. Das ist jetzt dreißig Stunden her. Seitdem erhöhe ich meine Körperfunktion Schritt für Schritt.

Herzschlag, Puls und Körpertemperatur ähneln einem schlafenden Menschen. Die Zeit geht ins Land, währenddessen übe ich mich in Geduld. Dann ist es soweit, das Risiko überschaubar. Ich befreie mich aus dem Loch und schreite in Richtung Norden, weg vom Ort meines Erwachens. Meine Sinne sind gespannt, doch finden nichts, wenn sie mich suchen, dann an anderer Stelle.

Nach zehn Kilometern begebe ich mich in die Nähe einer Straße. Der Verkehr bewegt sich auf zwei roten, zwei Meter breiten Streifen. Die Fortbewegung findet auf elektromagnetische Weise statt, die unterschiedliche Polung zwischen Fahrzeug und Straße sorgt für eine Fortbewegung. Dabei wechselt die Polarität ständig. Ich entscheide mich, der Straße zu meiner Linken zu folgen, halte mich aber in der Deckung des Buschwerkes.

Weitere fünfundzwanzig Kilometer später erreiche ich eine Ortschaft. Niederbachheim. Ich warte, bis es Nacht ist, dann suche ich unbemerkt nach Kleidung und Nahrung. Ein offen stehendes Fenster führt mich zu einem Lagerraum. Ich sättige mich an den in der Ecke befindlichen Vorräten, mein Energieverbrauch ist wesentlich höher als bei einem normalen Menschen. Alles hat seinen Preis. Nebenan finde ich einen Waschraum. Jeans, Hemd und Unterwäsche. Die Kleidung ist verknittert, aber das stört mich nicht weiter. Sie passt einigermaßen, mehr verlange ich nicht.

Dann verlasse ich den Ort wieder. Wandere weiter.

Dachsenhausen. Dahlheim. Wellmich.

Dort erreiche ich einen breiten Fluss und folge seinem Lauf. Kestert. Kamp-Bornhofen, Filsen. Osterspai, Braubach. Lahnstein.

Hier treffen sich zwei Flüsse. Ein gutes Omen, ich beschließe, vorerst hier zu bleiben. Geld habe ich mir unterwegs besorgt. Mal hier, mal da. Aber immer unerkannt bleiben. Es ist verwunderlich, wie vertrauensselig die Menschen sind. Offene Fenster, Türen, unverschlossene Fahrzeuge.

Von dem erbeuteten Geld kaufe ich mir eine Badehose und begebe mich in das örtliche Schwimmbad. Es wird Zeit für die Körperpflege. Ich dusche ausgiebig, die Blicke der Verkäuferin zeigte, dass mein Körpergeruch ins unangenehme ging. Anschließend schwimme ich ein paar Runden und beobachte die anwesenden Menschen. Ich begebe mich erneut zur Dusche und genieße das warme Wasser. Ein Blick in den Spiegel zeigt blaue Augen, schmales Gesicht, die Haare voll und schwarz, durchschnittliche Kurzhaarfrisur. Mein Gesicht ist glatt, Arnheims Veränderungen machten auch vor alltäglichen Kleinigkeiten nicht halt.

Während ich mich föhne, wandern meine Gedanken zu meinem Sein. Ich bin ein Mensch, doch kein gewöhnlicher. Wurde ich modifiziert oder gar neu geschaffen? Die Modifizierung eines normalen Menschen erscheint mir unwahrscheinlich. Nach meinen Informationen übersteigt das Arnheims Kompetenz. Gegen das Klonen sprechen die Erinnerungsfetzen. Mein Geist müsste der eines Neugeborenen sein.

Und was bedeuten die Träume, die mich des Nachts überkommen? Träume von Schmerz, von einem Behälter mit Flüssigkeit, von einem unvollendeten Körper? Sind das Erinnerungen an meine Erschaffung?

”Entschuldigen Sie! Vielleicht können Sie mir weiterhelfen.”

Sie ist blond, eins fünfundsechzig groß, sechzig Kilo schwer und unglaublich attraktiv. Ihre blaugrünen Augen mustern mich fragend, ich verspüre eine Verwirrtheit in mir, die sich nicht logisch erklären lässt.

”Fragen Sie nur. Ich werde sehen, ob ich Ihnen weiterhelfen kann. Meine Bereitschaft ist vorhanden.”

Meine Stimmlage ist tief, es kratzt ein wenig im Hals. Seit dem kurzen Gespräch mit Arnheim habe ich meine Stimmbänder nicht mehr benutzt.

”Ich bin nicht aus Lahnstein, nur aus beruflichen Gründen hier. Eigentlich zum ersten Mal, obwohl ich gar nicht so weit von hier aufgewachsen bin. Daher kenne ich mich überhaupt nicht aus. Und Schwimmen macht immer so hungrig. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich hier eine nette und gepflegte Mahlzeit zu mir nehmen kann?”

Gedanken schießen mir durch den Kopf, dann überrasche ich mich selbst mit meiner Antwort.

”Ich bin ebenfalls fremd. Daher kann ich Ihnen leider keinen Tipp geben. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Sie gerne begleiten. Ich bin nämlich ebenfalls hungrig. Ich könnte Ihnen Gesellschaft leisten.”

Ihr Mund verzieht sich zu einem spitzbübischen Grinsen. Sie mustert mich genauer, ein Aufblitzen in ihren Augen verrät sie.

”Einverstanden. Wir treffen uns am Ausgang, ich brauche noch ein wenig.”

Mein Herz schlägt ungewohnt schnell. Ich schaue ihr nach, die wiegenden Hüften lassen mein Blut schneller fließen. Der Verlust der absoluten Kontrolle ist verwirrend, aber angenehm. Ich horche in mich hinein, aber der Anflug von Gefühl ist wenig später vorbei. Wahrscheinlich beginne ich zu simulieren, um mir selbst die Menschlichkeit zu suggerieren.

Ein Blick in den Spiegel. Ich sehe älter aus als noch vor drei Tagen in Niederbachheim. Vielleicht habe ich mir zu viel zugemutet. Ich beschließe, die nächsten Tage gemächlicher anzugehen.

 

Sie ist leger gekleidet, Jeans und eine bunte Bluse.

”Ich habe die Kassiererin gefragt, sie hat mir ein nettes, gemütliches Lokal empfohlen. Und übrigens, ich heiße Tanja Michel, ich hatte ganz vergessen, mich vorzustellen. Von Beruf Reporterin.”

Ich erschrecke, muss meine erste Bekanntschaft unbedingt Journalistin sein? Ich beschließe, vorsichtig zu bleiben.

”Mein Name ist Daniel. Daniel Miletto. Im Moment ohne Anstellung.”

Wir steigen in das dritte Gleitwerk, die ersten beiden sind besetzt. Sie gibt den Zielort ein und bestätigt mit ihrer Karte, die neben der Bezahlung auch die Identität preisgibt, wie mir mein Erinnerungsspeicher verrät. Eine Kombikarte fehlt mir noch, doch darüber kann ich mir später den Kopf zerbrechen.

Die Türen schließen sich mit einem leisen Surren, und das Gleitwerk fährt an. Lahnstein ist eine kleine, nicht unbedingt moderne Stadt. Die Straßen sind eng und kurvig.

”Was treibt Sie in so ein verschlafenes Nest? Erwarten Sie hier eine Sensation, oder führt Sie ein bestimmter Grund hierher?”

Ich stelle Fragen, um ihre zu vermeiden. Es klappt.

”Ich recherchiere wegen eines Klonprojektes. Das Forschungsinstitut ´Siegfried´ ist nur zirka zwanzig Kilometer von hier entfernt. Und der wissenschaftliche Leiter wohnt hier. Haben Sie schon einmal von Professor Arnheim gehört?”

Mich durchfährt es siedend heiß. Merkwürdig. Ich dachte, mein rationales Wesen könnte so leicht nicht durcheinander gebracht werden. Eine Täuschung. Doch das werde ich später analysieren.

Ich registriere die Entfernung und rechne nach. Mein Hinweg war weiter, so war meine Reise wenig gradlinig.

”Nein! Sollte ich?”

”Eigentlich schon. Arnheim hat ziemlichen Wirbel mit seinen Forschungen verursacht. Er will den perfekten Menschen erschaffen. Ein Versuch nach dem anderen ist fehlgeschlagen. Abartige Kreaturen und lallende Idioten waren das Ergebnis. Doch man munkelt, jetzt hätte er den Durchbruch geschafft. Und ich bin hierhergekommen, um dieses Gerücht auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen.”

Was ich im Augenwinkel sehe, versetzt mich in erhöhte Alarmbereitschaft.

Arnheim!

Während wir plaudernd durch das verschlafene Nest fahren, geht er genau in diesem Moment die Straße entlang. Er sieht mich. Gestikuliert und ruft nach seinen Gehilfen. Meine Pechsträhne hält an. Ich sehe seine Gehilfen in die Mäntel greifen. Ich packe Tanja, drücke sie nieder und gebe der Kommandoeinheit den Befehl, das Gleitwerk zu beschleunigen.

Vibrationskanonen lassen die Fensterplastiken zerspringen. Ich liege über Tanja und bekomme einen Ausläufer der niederfrequenten Strahlung ab, doch sie ist harmlos. Meine widerstandsfähige Haut wird locker damit fertig.

Dann ist das Gleitwerk außer Schussweite. Ich rufe meinen Erinnerungsspeicher ab. Theoretisch ist eine Nachverfolgung des Gleitwerks möglich, doch wird Arnheim einige Zeit dafür brauchen. Ich gebe ein neues Ziel ein. Ich erhöhe nochmals die Geschwindigkeit, mein Glück, die Straße ist frei. Ich rechne nach. In siebenundzwanzig Minuten sind wir in Cochem. Ich nehme auf dem Fahrersessel Platz und manipuliere die Kommandoeinheit. Die Ortung ist ausgeschaltet, dafür muss ich das Gleitwerk manuell führen. Zwar kann die Position des Gleitwerks theoretisch noch über die Notfallerkennung ermittelt werden, doch bis Cochem dürfte das nicht zu schaffen sein. Arnheim muss erst noch die zuständigen Stellen zur Herausgabe dieser Information bewegen, bis dahin sind wir über alle Berge.

Jetzt, da ich zur Ruhe komme, zittern meine Hände. Irgendetwas muss bei Arnheims Experiment schief gelaufen sein. Ich bin nicht so, wie ich sein soll. Ich verschiebe diesen Gedanken auf später. Meine trügerische Allwissenheit fordert eine Überprüfung.

”Wie groß ist Arnheims Macht? Wie schnell wird er die zuständigen Stellen anzapfen können, um eine Notfallortung durchzuführen? Los, reden Sie schon!”

Ich erhalte keine Antwort. Tanja liegt zitternd halb auf dem Beifahrersitz, halb auf dem Boden. Sie schaut aus großen Augen, ich erkenne Angst.

”Sie wollten doch mehr über Arnheims Experimente erfahren. Jetzt können Sie es. Keine Angst, ich tue Ihnen nichts. Ich brauche nur ein paar Informationen.”

Ihre Stimme zittert. Mein aggressiver Tonfall lässt sie zurückweichen, ihre Körperhaltung drückt Angst aus.

Plötzlich sehe ich Verstehen in ihren Augen. Die Verkrampfung fällt von ihr ab, sie entspannt sich, rückt unwillkürlich nach vorne. Sie legt ihre Stirn in Falten, es arbeitet in ihr. Dann hat sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen.

”Sie sind der Klon. Der geheimnisumwitterte Evolutionssprung, von dem die Gerüchte sprechen. Sie sind Uriel.”

Ein geheimnisvolles Lächeln umspielt ihre Lippen. Sie reckt ihr Kinn nach vorne, die Schultern heben sich. Tanjas Selbstsicherheit ist zurückgekehrt, ich schätze, ihre berufliche Neugier hat gesiegt.

”Arnheim ist umstritten. Doch befürchte ich, er hat mehr Einfluss, als man ihm zugestehen würde. Gehen Sie vom schlimmsten Fall aus. Unsere Zeit ist begrenzt.”

Ich horche auf. Unsere Zeit? Ich scheine einen Partner gefunden zu haben. Ein angenehmes Gefühl.

Sie rafft sich auf, setzt sich in den Sitz und lehnt sich zurück. Das Zittern in ihrer Stimme ist vollends verschwunden und einem professionellen Interesse gewichen.

”Wie fühlen Sie sich? Fühlen Sie? Woran erinnern Sie sich? Und was können Sie alles?

Wenn nur ein Teil der Gerüchte wahr ist, die über Sie verbreitet wurden, sind Sie eine Art Supermann. Der Homo Futuros, die Rasse, welche mit Sicherheit die Welt verändern wird. Sie sind der Trumpf Europas, der erste technologische Vorsprung vor den Amerikanern. Und ich sitze neben Ihnen. Nein, neben Dir. Ich glaube, ich raste aus. Wahnsinn! Uriel, wie wäre es mit einem Exklusivinterview. Wie wurdest du erschaffen? Was denkst du über uns normale Menschen? Wie alt bist du...”

Es strömt förmlich aus ihr heraus, ein schier unerschöpflicher Quell an Fragen. Sie holte nicht mal Luft.

”Stopp!”

Sie verstummt und zuckt ängstlich zusammen. Ich lächele, um sie zu beruhigen.

”Ich fühle mich gut, wenn auch ein wenig mehr erschöpft, als ich es sein dürfte. Ich fühle nicht. Nein, das stimmt nicht ganz. Aber der Anteil meiner Gefühle ist sehr gering. Die Aufzählung der Dinge, die ich besser als jeder andere Mensch kann, würde den zeitlichen Rahmen sprengen, der uns zur Verfügung steht. Ich befürchte, Sie werden eine Kostprobe meiner Besonderheit erleben. Zumindest dann, wenn wir lange genug zusammen bleiben. Und im Moment haben wir andere Sorgen als Ihr Interview. Wie Sie selbst schon erwähnten, ist Arnheims Macht groß. Ich befürchte, er wird nicht zimperlich darin sein, mich zurückzubekommen.

Und jetzt bin ich an der Reihe. Erzählen Sie mir alles, was Sie über mich wissen. Jedes noch so unwichtig erscheinende Detail.”

Mit offenem Mund ist sie meinen Ausführungen gefolgt, dann hat sie sich wieder im Griff. Ich bilde mir ein, dass sie mich sympathisch findet. Aber vielleicht ist das nur Wunschdenken.

”Mann! Das ist gar nicht so einfach. Was für eine verrückte Situation. Gut. Ich beruhige mich wieder. Langsam. Wo fange ich an?

Arnheim ist einer der fähigsten Koryphäen auf dem Gebiet der Klontechnik. Er lebt sehr zurückgezogen. Eine Menge Gerüchte ranken sich um seine Person, wobei die meisten wohl der Fantasie der Reporter entsprungen sind. Aber selbst wenn man die Fakten nimmt, bleibt eine beeindruckende Persönlichkeit.

Arnheim war der Erste, der einen erwachsenen Menschen geklont hat. In nur drei Jahren. Später konnte er die Reifezeit immer weiter reduzieren.

Gleichzeitig fing er an, die Klone zu modifizieren. Er veränderte ihr Gehirn, den Anteil ihrer Muskelmasse, die Leistungsfähigkeit ihres Herzens. Seine Experimente waren und sind umstritten. Gerade weil einige seiner Klone immer weniger menschenähnlich waren. Ob äußere oder innere Veränderungen, die öffentliche Meinung hielt ihn für moralisch nicht haltbar. Der Druck wurde gewaltig. Selbst für amerikanische Verhältnisse. Sie wissen, die Entwicklungen zwischen Amerika und Europa haben sich getrennt. Während Amerika immer fortschrittsgläubiger wurde, hat Europa durch eine Vielzahl von Bestimmungen die Entwicklung gebremst. Dann kam die Kontinentalisolation. Die Globalisierung bekam einen Knick. Die Kontinente schotteten sich über die Margroffsche Mauer ab, seitdem gibt es nur noch kontrollierten Austausch, der von den jeweiligen Regierungen stark reglementiert wird. Und Arnheim hat seine Aktivitäten immer in Europa gehabt. Wenn auch niemand weiß, wo er herstammt. Er ist vor der neuen Zeitrechnung geboren und die Informationen des Zeitraums vor dem Jahr Null vor Margroff sind spärlich.

Als das Gebiet der ehemaligen Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland zur eigenständigen Zone Weinland wurde, hatte er seine Aktivitäten dorthin verlagert. Hier bekam er freie Hand. Die Behörden duldeten ihn und kümmerten sich wenig um das, was er entwickelte. So war es eine Zeitlang ruhig um ihn.

Bis dann die Gerüchte über Uriel aufkamen. Uriel, der Perfekte. Arnheims Krönung. Intelligent, rational wie eine Maschine und extrem leistungs- und widerstandsfähig. Wie er den Durchbruch geschafft hat, ist unbekannt.

So, mehr weiß ich auch nicht. Jetzt bist du dran. Spann mich nicht unnötig auf die Folter. Bitte, erzähle.”

Tanja erzählte mir nichts Neues.

”Mehr weiß ich auch nicht. Ich bin aufgewacht und habe gelebt. Keinerlei Erinnerung an ein Leben. Nur ein riesiges Reservoir an Wissen. Nein, da ist noch mehr, wenn auch nicht viel und sehr verschwommen. Ich träume nachts. Von einem Behälter mit Flüssigkeit, in dem ich liege. Schmerzen. Gesichter. Arnheims Gesicht. Und andere. Die Unvollkommenheit meines Körpers. Meines Geistes, meines Wissens. Ich glaube, er hat mich modifiziert und mich dann geweckt. Um die Ergebnisse zu prüfen. Doch alles ist so verschwommen, mosaikartige Bruchstücke, deren Zusammenhänge im Dunkeln verborgen bleiben.

Manches ergibt keinen Sinn. Ich hadere, weil nicht klar zu erkennen ist, was wahr und was unwahr ist. Irgendeine Manipulation meines Gedächtnisses wurde vorgenommen. Jedoch bleibt unklar, wie diese aussieht.”

Sie nimmt meine Hand und drückt sie. Ihre andere Hand streichelt über meine Wange. Erst jetzt merke ich, wie ich zittere, wie mich die Erinnerung übermannt, gefangen hält. Ich empfinde ein irrationales Glücksgefühl, als sie mich anlächelt. Ich lächele zurück.

Ein merkwürdiges Gefühl macht sich in meinem Bauch breit. Unwillkürlich ziehe ich die Hand weg. Ihre Augenlider zucken, sie sieht enttäuscht aus.

Die nächsten Minuten verbringen wir schweigend. Ich überprüfe meine Körperfunktionen. Das Grummeln im Bauch und das Ziehen der Muskeln spricht eine klare Sprache. Ich benötige Nahrung und Ruhe. Als ich vor drei Tagen aus Arnheims Laboratorium geflüchtet bin, war meine Leistungsfähigkeit höher. Nicht viel, aber ich mache mir trotzdem Sorgen. Ich fasse einen Entschluss.

”Gleich erreichen wir Cochem. Wollen Sie mit mir gehen, oder sollen sich unsere Wege hier trennen? Es wird gefährlich werden. Das ist das einzige, was ich Ihnen versprechen kann.”

Sie beugt den Körper nach vorne, ihre Haltung drückt Entschlossenheit aus. Man könnte meinen, sie hätte nur auf diesen Moment gewartet.

”Ich bleibe bei dir. Aber nur, wenn du mich Tanja nennst. Wir sitzen im selben Boot, da ist kein Platz für Förmlichkeit. Ich werde dir bestimmt weiterhelfen können. Und so ganz nebenbei kann ich meine Recherche weiterführen. Hautnah, sozusagen! Ich wäre ja verrückt, wenn ich diesen Moment ungenutzt verstreichen lassen würde. Gefahr hin, Gefahr her.”

Sie grinst über beide Wangen, ihre Angst ist längst verflogen und hat einer aufgeregten Neugier Platz gemacht. Ihre blaugrünen Augen sprühen vor Unternehmungslust.

Ich stimme zu. Ihre Antwort übertrifft meine Erwartungen.

In Cochem angekommen steigen wir auf die öffentliche Moselbahn um. Wir zahlen in bar, so wird eine Verfolgung durch Arnheim erschwert. Ich behalte die Miteinsteiger im Auge. In Trier beenden wir unsere Fahrt. Tanja besorgt uns ein illegales Egomat. Wir nehmen einen Flug nach Straßburg und tauchen dort unter. Ich brauche Ruhe, um nachzudenken. Ich stecke mitten in einer persönlichen Krise.

 

Sieben Tage verbringen wir schon in der einfachen Pension. Tanja kennt die Besitzer und hat mir glaubhaft gemacht, wir wären hier sicher.

Sie wird mir immer vertrauter. Ihr Geruch, ihre Körpersprache, ihre menschliche Wärme. Ich fühle mich wie ein Eisblock, der langsam auftaut. Mein Gedächtnis spricht eine deutliche Sprache. Meine Rationalität nimmt ab und weicht einer beunruhigenden Emotionalität.

Langsam lässt es sich nicht mehr verbergen, wenn mir der Gedanke auch ein leichtes Unbehagen verursacht. Schon bei unserer ersten Begegnung hatte ich mich in sie verliebt, wenn es mir auch erst jetzt bewusst wird. Und ich denke, ihr ergeht es ähnlich, wenn ich auch immer noch die Befürchtung habe, ihr Interesse an mir könnte rein beruflicher Natur sein.

Ich verschlinge Unmengen an Nahrung, mein Energieverbrauch ist selbst im Ruhezustand enorm hoch. Ich habe die vergangenen Tage genutzt, um meine Leistungsfähigkeit zu testen. Anfangs bekam Tanja große Augen, doch hat sie sich an mein Anderssein gewöhnt.

Vor drei Stunden habe ich sie zum ersten Mal nackt gesehen. Sie kam aus der Dusche und hatte ihr Handtuch vergessen.

Plötzlich wurde ich mir meiner Männlichkeit bewusst, ein Umstand, den ich bis dahin verdrängt hatte. Natürlich ist sie mir sympathisch, und mein Gefühl für sie ist mehr als Zuneigung. Aber die Reaktion auf ihre Nacktheit ist eine neue Erfahrung für mich. Ein Erwachen, ich bin verwirrt. Das Wissen über Sexualität ist die eine Sache, ihre Auswirkungen am eigenen Leib zu verspüren, eine andere.

Ich erkenne, ich bin unerfahren. Meine sonstige Überlegenheit bröckelt, wenn ich mir ihren nackten Körper vorstelle.

Die Tür geht auf, Tanja ist zurück. Als sie mich erblickt, tritt ein sorgenvoller Ausdruck in ihre Augen. Hat sie mein aufkeimendes Verlangen bemerkt?

”Uriel. Hast du dich die letzte Zeit im Spiegel betrachtet?”

Ich streife meine geheimen Gedanken ab.

”Warum?”

”Komm, ich zeig´s dir.”

Wir betreten das Bad, sie bleibt links hinter mir stehen.