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Pionier des literarischen Bloggens, formbewusster Lyriker, innovativer Hörspielautor sowie Erfinder des kybernetischen Realismus – Alban Nikolai Herbst. Alban Nikolai Herbst hat sich mit seinem ebenso umfangreichen wie vielgestaltigen Werk seit den frühen 1980er Jahren als geradezu ideal-typischer poète maudit bewiesen, der vom Rand des Literatur betriebs aus erheblich auf die Formsprache der Gegenwartsliteratur gewirkt hat. In der monumentalen Trilogie der "Anderswelt"-Romane etwa (er)findet Herbst eine nach-postmoderne Fantastik; in der Lyrik verbindet er traditionelle Formen mit zeitgenössischen, nicht selten provokativen Inhalten, während sein medial innovatives, stilbildendes Weblog "Die Dschungel. Anderswelt" auf radikale Weise das poetologische Prinzip einer Verwandlung von Biografie in digitale Romanform betreibt. In diesem Heft werden erstmals Poesie und Poetologie, Traditionen und Medien, Diskursumfeld und Selbstpositionierung dieses in der Gegenwartsliteratur singulären Werkes und seines Autors umfassend dargestellt. Mit Beiträgen von Hans Richard Brittnacher, Denise Dumschat-Rehfeldt, Jost Eickmeyer, Renate Giacomuzzi, Alban Nikolai Herbst, Christoph Jürgensen, Phyllis Kiehl, Wilhelm Kühlmann, Albert Meier, Benjamin Stein.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2022
TEXT+KRITIK.
Zeitschrift für Literatur
Begründet von Heinz Ludwig Arnold
Redaktion:
Meike Feßmann, Axel Ruckaberle, Michael Scheffel und Peer Trilcke
Leitung der Redaktion: Claudia Stockinger und Steffen Martus
Am Reinsgraben 3, 37085 Göttingen,
Telefon: (0551) 5 47 66 43
Print ISBN 978-3-96707-698-1 E-ISBN 978-3-96707-700-1
Umschlaggestaltung: Thomas Scheer
Umschlagabbildung: Phyllis Kiehl, Frankfurt/M.
E-Book-Umsetzung: Datagroup int. SRL, Timisoara
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
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© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG, München 2022 Levelingstraße 6a, 81673 Münchenwww.etk-muenchen.de
Alban Nikolai Herbst Alexanderplatz Berlin im Juni 2007 Schlaf, Puma, schlaf
Alban Nikolai Herbst Aus der Korrespondenz (anstelle eines Interviews)
Wilhelm Kühlmann »Du bist am Schluß alleine«. Zur lyrischen Polyphonie des Alban Nikolai Herbst
Christoph Jürgensen Kritiker, Kollegen, Korrumpel. Über das richtige Autorenleben in der falschen Literaturwelt
Renate Giacomuzzi »Die Dschungel. Anderswelt« – mehr als nur ein Weblog
Phyllis Kiehl [Bildwerk, Tusche auf Bütten, 2018]
Hans Richard BrittnacherTertium datur. Das Fantastische in der Prosa von Alban Nikolai Herbst
Albert Meier Fantasiertes Erinnern. Alban Nikolai Herbsts kybernetischer Prosa-Realismus (»Isabella Maria Vergana«)
Benjamin Stein Widerstand und Resonanz. Über die Untiefen der Meere-Romane von Alban Nikolai Herbst
Jost Eickmeyer Orientreise und Inselnacht. Zu zwei Hörstücken Alban Nikolai Herbsts
Denise Dumschat-Rehfeldt Auswahlbibliografie
Biografische Notiz
Notizen
Alban Nikolai Herbst
Meinem Lektor, meiner Lektorin:Für Elvira M. Gross und Delf Schmidt
Unten ist der Bauch so schmal der Stadt Hier verdaut sie mit eingezogenem Kopf / schon früh | schon wenn die Gitter zusind | hinab zum Schutz vor Obdachlosen / die wenn es regnet Zuflucht suchen in der Erinnerung nach Volksrepublik / letzter Wurst ohne Pelle und vor dem Wind | Einem winters unentwegten
unentwegte Zeitungen blähend | einzelne Seiten fliehn um die geschichtsbewegten / Ecken des Nichts in den wiederkäuenden Kropf | Mit Maulkorberlaß an den Leinen / steht der Sicherheitsdienst und knurrt nicht einmal | Ist so geputzt unterm Besenreißer / Reinigt den Darm auf den Schienen | geputzten vom Kot | mit dem Rauchverbot
Zwischen den Brettern die noch stehn wie der Frau | das gelbe, nach Wüste riechende Haar / wenn sie’s toupiert hat zu Dürre und Arbeitsbeginn und an den ersten Rosen dahineilt / blassen | in den roten Plasteeimern schon vor dem Blühen in einem Aspik / entblühten | neben den Nelken | das sie frischhält gegen inverse Photosynthese
für die | Seid bereit! | anämisch gezuckerter Pop wirbt | für aus der Platte entlauste Vampire // sich duckende | wenn sie das Licht sehn von oben | An schmalen Treppen steht es und heilt / selbst die Menge, als stiege sie auf in den Tag | ausgestreckt | bittend, | die Hand zum Altar / Aber auch e r ist, architektisch, Prothese –
Drei Kinder schreien gegen den Hall
Oben erblüht der Konsum,
Den meine Oma noch Kònsum nannte
In ihren herabgeringelten Nylons
Ein fetter Mann am Abgang zur U8
Tritt seinem Hund in den Darm
Bis es matscht
Bis es matcht
Armsein und Macht
Der neue Tag wird warm
Eine Tochter Libanons
Wo alles entschleiert rannte
Zu entäußerndem Ruhm
Schreitet stolz durchs Geschall
Vier Gothics behocken die lauernde Zukunft der Demokratie
und haben nie eine Zukunft | Man sieht auf ihren Gesichtern
blassen, vom Entzug der Tage, | ihre irren Nächte lichtern,
Darinnen die Zukunft der Humanität
Ost-Kosmetik wirbt für Diät,
Für Gurkenmilch, Yvette-Intim
Daneben verkaufen zwei Serafim
Reliquien der kommunistischen Oligarchie
Matrjoschkas, Bernstein, Mützen aus Pelz, rote Sterne
ein Zielrohr, das haben sie damals gerne
da warn sie noch Grenzer, aufgeschraubt
und haben die Grenzen von Unrat entlaubt
Nun plaudern sie selig von den vergangenen Zeiten
von denen die neu’n sie zum Wohlstand befreiten –
Man riecht noch die Pilze | die hier im Herbst | Welche | die frühnachts die S-Bahn aus dem Märkischen Sand / in von müden Lappen umwickelten Körpern anblies | Körbe hielten voller Maronen die zu verscherbeln / sie mühsam nährte mit dem Nordhäuser Korn und dem Bier für ne Mark
Man riecht so die Not aus den Kleinbürgerstuben, den Schmierschweiß zwischen den Zehen die Fingernägel billig /mit USA verziert | jeder ein innerer Tramp auf der U-Bahn, doch eilig, weil der Fahrplan kein Blinzeln der Sonne / herabläßt, in dem einer sitzt und besinnt sich im Staub
Kohle, noch immer, bestäubt ihn, wer immer hinabkommt / und läßt die Hoffnung | alle | fahren, von der das Akkordeon | ungarisch singt als das Echo, verwehend, von was sie, / die Welt, wär gewesen, hätt man sie inne –
So dringt’s in die Tiefen, weiter, hinab
So hört man’s im Rattern der eisernen Räder
So schwingt’s noch in der Klammer des Lärms,
der o b e n, bei dem Straßenbau, Echo des untertagigen ist.
So blitzt es matt auf den Gleisen
und stiert in die blindschwarzen Röhren.
So eilt, wer hindurchmuß, hindurch
und dreht sich nicht um –
Und lebt ganz am Rand einer Hölle
wer sich mit Umsatz kleidet
bevor es wirklich hinabgeht
Angestellte verhökern Brezeln am Hades
Es duftet der coffee to go wie auf heißem Metall der
verzischende Tropfen
Dankbare Grottenolme gegen Beschuß durchs Ozonloch
So zieht sich das hin, der Tag untertage
doch plötzlich … Marmor | der kaum noch vage
Prunk einer Säule über der Treppe, die man hinaufsteigt
und tritt in den Läuterungsberg der DB
Brüder zur Sonne, die sich verzweigt
zu den Thronen der Infrastruktur
Element der Information bist du nur
der sich ganz auflöst –
Prächtige Läden, prächtige Botschaften aus der Ferne
prächtig leuchtet die moderne Kommunikation
Menschenstimmen reiten auf unsichtbaren
Teilchen, die dezent parfümiert sind
wenn sie flanieren
über Tage untertags
in der Mall, unterm Glanz des elementaren
Glases, das sich ungeheuer wölbt und strahlt
wie Zierat eines Sarkophags
Ansagen durchwehn ihn als sanfter Wind
warm wie die Küsten, auf den Plakaten, an Meeren
Niemand muß mehr frieren vor lauter Absolution
Erst nachts kommen die Ordner, ihn rauszukehren,
den menschlichen Müll,
ihn auf den Platz zu treiben und an die Gitter
Aber da schlafen wir schon
Noch loht der Glitter, und Touristen,
zu Tausenden, fotografieren draußen die Häuser
und was sich erinnert aus den Lektüren
unterm japanischen Sommer an Vorhitlers Bauhaus
worin sich der neue Kaufhof als Kasbah erhoben
als Kaaba des Ostens für Pilger So steht er
kostbar die Kiswah zerstückelt im Angebot
erschwinglicher Suren
So betet man hier den Koran
Vom Fernseh-Minarett gegenüber
leuchtet, scheint Sonne, das Kreuz
metallisch herunter
und winkt Saturn, dem Sechsten Planeten
elektronischer Säkularisation
Kein Ohr, das nicht liturgisch
wippte unter dem Brunnen
an dem sie sich räkeln zu Mittag rings um den wulstigen Rand
und halten die Nasen in den Geruch transportierbarer Würstchen
An einem Stand verkauft ein Oma’chen Schrubber und Bürstchen
Auf den wenigen Stufen der langgezogenen Treppe ein Doktorand
europäischer Ethnologien | Der skizziert die Notate seiner Erhebung
zu Füßen junger Frauen, die im Pulk aus ihren Strohhalmen saugen
und seinen Nacken ansehn … ob seine Schultern taugen …
ob er so wild ist wie sein Haar … im Nacken … wo sie die schlanke Hebung
des Wirbelgrats betört
Polizisten patrouillieren, die Hände schon an der Waffe,
ob jemand stört
Dauernd hört man Sirenen
Dampfhämmer leern die Karaffe des Aufbaus
der seine Zukunfts-Kantilenen
so sinnlos nirgends
grölt wie hier
O lynx, keep the edge on my cider
Keep it clear without cloud
Pound, Canto LXXIX
Müde, mein Puma, des Klagens
mein innerer Puma erheb’ sich
clearing my cider from clouds
faucht er ins Leere und drückt sich
rück an den Fels, die Ohrn flach am
Schädel Schädel
nicht einen Schritt wag’ näher!
Der Katz’ auf den Schwanz treten
wieder
und
wieder
und
sich beschwern, wenn sie zuhaut
So lang zum Brunn’ bis es beißt geht das Tier
so lang um Achtung gebuhlt
»doch würde ein bißchen Respekt ja schon reichen«
O Verschwimmen im Kopf
stundenlang im Kreise gewirbelt
und angeschlagen wieder
und
wieder
mit der Stirn’s schon janz blutich
kieck maa’ ’n Dellrich
Puma? ick lach mir’n Rührei
Dit machen wa aus Dir!
Erstes Gebot: sollst nich’ öffentlich klagen
Zweites Gebot: geh dran unter
Drittes bis zehntes Gebot: Das Flüchtling soll nicht klagen
Das Vergewalt’gte soll nicht klagen soll nich’ das Judle
klagen Das Gemobbtle soll nicht Verhöhntle Ausgestoßle
allet dit soll nich’ klagen Det Hungerndle nich’ Wir wolln auch
vom Foltern nix wissen, sind schließlich unsre Vabündetn
wollen nix wissen Die Schweine solln die Schnauzen halten
auf die wir sie schlagen Dit sind sie uns schuldig
Da müssen sie wegsehn Könn’ eh nich’ mehr kucken
Hübsch, die geschwollenen Augen
Hübsch die gesprungene Braue
Selbstmitleid, alles nur Selbstmitleid:
Der rechte Mensch erträgt, verdammt
gib mal den Hammer, dem schlag ich das Hirn ein!
Soll endlich schweigen, das Arsch!
Solch eine selbst|mitleid’ge Sau
Kriegts von ers’ richtig den Bolzen
Bisse
still is’
(Wir lieben die Stille
Wir lieben das Schweigen
der uns ergebenen Nichtdenkungsart)
Still, Puma, still
in dem Blutmatsch
Keep the edge on my cider
Jeder Blues eine Klage, di Lasso:
Hieremiae prophetae lamentationes
Bernstein (Leonard) Symphony Number One
alles Selbstmitleid, die janze Kultur
entsichert schon selbst die Pistole
Schließlich sind’s alles nur Bilder
Is’ ja nur seelisch Hätt doch ’n annern Beruf
Wen man nich’ will, der soll abhaun
Zieh Leine Stör nich’ unsre Schiebakreise
sonst machenwa dich kalt
Sollste maa sehn, wennde nich’ kuschst
Allet nur Bilder
Alles, Puma, Bilder
Is’ nur ein Bild, das Messer
schneidet dem Otter den Schwanz ab
Bildlich, restlos bildlich
Du bildest das Blut dir nur ein
(It makes you even stronger):
Soll das verdammtnocheins ertragen
Wenn aber eine solche Titten!
klar lad ich die ein
Bloß wag nicht, es zu sagen,
dit ich das gesagt hab
Nie hab ich es gesagt
nich’ mal jedacht
Jedenfalls gehört es nicht in
die Öffent
lich
keit Das
machen wir unter uns ab
Wer’s ausspricht, fliegt raus:
ab!
sowieso
ab is’ gut:
alles ab, was nicht paßt
Wir haben das Messer
Wir haben den Hammer
Ach Puma
Ach ihr Höfe
(eben, als ich Milch holen war)
Eine Tür, die sich öffnet
Da siehst du das Gelb
strahlendes Lynxgelb
Leuchtend gelber Stein, mein Puma
Steine, Otter, aus Sonne
Eine Erscheinung in Demetergelb
Eine italische Treppe
Laß dich drum kraulen
Komm, mußt nicht fauchen
Mußt nicht mehr fauchen
Schlaf, Puma, schlaf –
Alban Nikolai Herbst
Berlin, Ende August 2021
Lieber Deters,
nächste Querelen, die aber nichts mit meiner Dichtung zu tun haben – Verzeihung, selbstverständlich mit Ihrer –, wenn auch ein Buch betreffend, das sich ihrer literaturwissenschaftlich und wohl auch codifizierend angenommen hat und dessen Redaktion, nachdem sämtliche Beiträge längst gesichtet waren und fertig, nun nur noch auf etwas wartete, das ich freigeben soll. Es geht um ein Interview oder besser: eine Plauderei, die ich mit zweien der Herausgeber führte.
Nun ist ein Interview in einer, sagen wir, kanongebenden Publikation an sich schon problematisch. Wer sollte das besser wissen als Sie? Zuviel hängt davon ab, welche Fragen und wie sie gestellt werden. Allzuoft geht es allein um ›personality‹, also eine Art Showbusiness, dem die Inhalte letztlich egal sind. Sympathie soll erzeugt werden, oder Antipathie, je nach Interesse der Fragenden (und der, meinethalben, die Sendung ausstrahlenden oder den Text publizierenden Institution). Schlimmer, in nun meinem Fall, war aber, daß ich auf eine Schippe sprang, die mir gar nicht bewußt hingehalten wurde. Wir plapperten einfach im freundhaften Umkreis, wobei nur ich es war, der plapperte; die andern beiden stellten lediglich Fragen. Herauskam, alleine meinerseits, Geschwätz.
Jetzt ist’s mir mehr als peinlich. Doch weiß ich nicht recht, wie handeln, außer daß ich das Interview, so, auf gar keinen Fall freigeben kann.
Nunmehr, in meiner, sagen wir, Not, entwickelte sich die Idee, die Fragen, auf die ich hätte antworten wollen, mir selbst zu stellen und mir dann entsprechend zu beantworten, so daß sich die Fiktion eines Interviews ergäbe, die sich allerdings mit einigem Recht auch müßte ›Fake‹ nennen lassen – schon der Begriff ›Interview‹ würde geklittert, da es doch in der ›view‹ ein ›inter‹ gar nicht gäbe.
Ich weiß noch nicht, welche Form ich stattdessen wählen werde; falls Sie nicht widersprechen, vielleicht sogar die dieses Briefs? – Nein, warten Sie mit Ihrer Antwort! Bitte! Nichts übereilen … Wenngleich … – Erst einmal ist wichtig eh, daß Sie mit meinen Fragen und Antworten einverstanden sind. Es wären ja die Ihren. Deshalb schreibe ich sie Ihnen auf. Scheuen Sie sich nicht, den Text zu korrigieren und/oder dort zu streichen, wo er Ihnen mißfällt. Vielleicht besprechen wir dann das Ergebnis, wie wir’s früher, in Frankfurt, immer taten. Sie müßten mich dazu auch nicht einladen; diesmal wollte gerne ich die Rolle des, ich hör Sie lachen, Financiers der Zusammenkunft spielen.
Na gut, die Fragen:
Herr Herbst, Ihnen wird einerseits vorgeworfen, Ihre Texte unnötig zu komplizieren, zu überladen und ›manieriert‹ aufzudrehen. Ein weiterer Vorwurf, vor allem gegen die Anderswelt-Trilogie, galt deren, besonders im ersten Band, ausgestellter Grausamkeit – um von den ohnedies permanenten Vorbehalten zu schweigen, die sich gegen Ihre Art der Gestaltung sexueller Szenen richten …
ANH (unterbricht) … und daß ich sowieso Macho sei, dazu der ganze ›pc‹-Kram, ich weiß. – Doch lassen Sie mich mit dem letzten Punkt, der Grausamkeit, beginnen. Niemandem, auch mir wohlgesinnten Kritikern nicht, ist jemals aufgefallen, daß dieser erste Band, also »Thetis«, zeitlich parallel zum Völkermorden auf dem Balkan entstand, einer wohlgemerkt europäischen Katastrophe. Das konnte nicht reflexlos bleiben – bei einem realistischen Autor wie mir. Allerdings sind derartige Geschehnisse ebenso zu poetisieren wie alles andere. Sie dürfen es gerne Ästhetisierung nennen. So daß es dann oft heißt, ich sei kein realistischer Autor. Die Wahrheit ist aber genau umgekehrt: Meine anscheinende Science Fiction – noch Hubert Winkels, in seiner eigentlich sehr fairen Besprechung meines Romanes »Traumschiff«, spricht von »utopistischem Tamtam« – … also, meine sogenannte Science Fiction ist ein leider nötiger kruder Realismus: Sogenannt realistische Bücher sind hingegen oft sentimentale, bestenfalls gutgemeinte Simplifizierungen. Was offenbar ihren Erfolg, jedenfalls teilweise, ausmacht.
Womit wir bei der ›Kompliziertheit‹ namentlich meiner Prosa wären. Ich spreche hier lieber von Komplexität. Das öffnet nämlich den Blick auf die Differenz zur eben genannten Simplifizierung, die nämlich nicht nur des Textes, sondern als solchem der Welt ist. Zusammenhänge sind aber nicht simpel, sind es geradezu niemals. Wenn wir nach Gründen fragen, tun sich weitere, immer, und noch weitere auf, weitere und weitere und weitere. Dem tragen meine Romane poetisch Rechnung.
Es geht aber noch um mehr, nämlich darum, in einem wesentlich moralischen Aspekt Adorno zu folgen. Sein Postulat, dem ich nahezu bedingungslos folge, lautet: Baue dein Kunstwerk so, daß es niemals mißbraucht werden kann. Wohlgemerkt gilt das Postulat für die Künste-nach-Auschwitz. Um es in Begriffen des von mir weitgehend abgelehnten Pops zu sagen: Es darf keinen durchlaufenden Beat geben, den ich dem Stechschritt gleichempfinde, noch gar darf, ebenfalls durchgehend, der Herzschlag imitiert werden, ein Procedere, das man einen Inbegriff von Manipulation nennen muß.
Selbstverständlich hängt meine, auf manche widerspenstig, auf andere sogar arrogant oder elitär wirkende Haltung mit meiner familiären Wurzel zusammen, also dem, wie Gregor Patorski ihn nannte, »Ribbentrop-Komplex«. Ich bin von meiner Herkunft derart unangenehm belastet, daß es schon meiner Pubertät zur inneren Verpflichtung wurde, auf keinen Fall irgendwo mitzulaufen. Als ich dann, mit fünfzehn oder sechzehn, zum ersten Mal Adornos Diktum las, wußte ich sofort, es würde meines. Und das ward’s. Hieraus erklären sich im übrigen auch meine allgemeinen Vorbehalte gegen Massenveranstaltungen, ob es nun Fußball, ob es sonst ein ›Entertainment‹ ist. – Viele meiner Arbeiten sind, so gesehen, ohne die Folie des Nationalsozialismus nicht zu denken, von der sie sich wegzustemmen bemühen. Was, ich wiederhole es, für einen Dichter nach Auschwitz ethische Verpflichtung ist.
Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel: Die halbindische Mama meines unterdessen volljährigen Sohnes ging jahrelang nicht auf die Straße, wenn im Stadium nahe ihrer Wohnung ein Fußballspiel stattfand, weil sie fast jedesmal, tat sie es dennoch, von ›Fans‹ übel mit »Ey, Türkin!« angemacht und auch übergriffig angegrapscht wurde. – So etwas hat sehr wohl etwas mit den vom Fußball und seiner Vermarktung provozierten Massenstrukturen zu tun – bis hin zu nationalistischen nicht nur Tendenzen. Hier liegt ein zusätzlicher Grund für meine Kompromißlosigkeit, die tatsächlich aber auf der Verpflichtung beruht, sich – in meinem Fall auch nicht durch mich selbst, meine Eitelkeiten, meine Wünsche, einen etwaigen Erfolg – korrumpieren zu lassen.
Aber noch mal auf ›pc‹ zurück und auf die Folgen der Rezeption meiner Literatur, insofern ich den zeitgeistig-gängigen moralischen Direktiven jedenfalls künstlerisch nicht folge, egal ob in Bezug auf Gender oder Wasweißich. Es gibt im »Thetis«-Vorspiel die Szene mit einer jungen Dame, die einen Nasenring trägt. Der Erzähler reagiert darauf höhnisch und läßt seine Hauptfigur in diesen Nasenring einen Karabinerhaken klicken; an dem wird die Entsetzte – alle Umstehenden sind frappiert – von dem sofort als »Arschloch« bezeichneten Protagonisten hinter sich einhergeschleppt. Der Erzähler wiederum kommentiert die Szene mit dem Satz, nun sei das Ziel der Frauenbewegung ein- für allemal erreicht.
Wie auch immer, der mir damals befreundet gewesene Redakteur eines mir ebenfalls gewogenen Radiosenders wandte sich dieser Szene halber für immer von mir ab, und ich bekam von diesem Sender niemals mehr einen Auftrag.
Offenbar nehmen die Leute, was ich schreibe, ebenso wortwörtlich wie dogmatische Exegeten ihre monotheistischen Schriften. Aber auch die werden selten erkannt, findet sich doch das Urbild des mir, ebenfalls »Thetis«, genauso oft vorgehaltenen Säuglingsschlachtens in Matth. II,16.
Sie sprachen eben von »Beats« und, wenn wir es richtig verstanden haben, Techno. Wir wollten auf Musik ja ohnedies zu sprechen kommen. Weshalb favorisieren Sie derart herausgestellt die sogenannte E-, also Kunstmusik? Es fällt doch auf, daß Sie für quasi nichts, was Ihre Generation und die Generationen danach kulturell bewegt und kulturell geprägt hat, auch nur Nachsicht hätten. Haben Ihre, sagen wir, Anerkennungsprobleme nicht auch damit zu tun?
ANH Oh, das ist ganz sicher so! Aber soll ich deshalb – eben um, wie es heißt, ›angenommen‹ zu werden – von etwas Abstand nehmen, das ich künstlerisch für eine, wenn nicht die grundlegende Verpflichtung halte? Es wär der Inbegriff von Korruptheit. Genau wie das Zielgruppenschreiben. In der Kunst geht es eben nicht um moralische Botschaften, jedenfalls nicht in erster, der sie definierenden Reihe. Sondern um eine möglichst so ausgefeilte Gestaltung des Materials, daß es sich ins Poetische wandelt. Das gilt auch für grausame Szenen, vielleicht gerade für sie. Kunst ist immer Ästhetisierung, der Vorwurf des Artifiziellen – einem Kunstwerk gegenüber! – schon begrifflich absurd.
Außerdem stimmt es nicht, daß ich jeglich Populäres ablehnte. Ich bin durchaus von Joni Mitchell geprägt, von Johnny Cash, dem jungen André Heller, von Hannes Wader und vielen, vielen anderen. Wader finden Sie im »Wolpertinger« sogar zitiert, und Michael Mantler hat eine große, nämlich die zentrale, ich möchte mal sagen: Ehrenszene in dem soeben neu bearbeiteten und neu so herausgekommenen New-York-Roman, zusammen allerdings mit Allan Pettersson – und wiederum Abdullah Ibrahim, vormals Dollar Brand, ist das Urbild einer der menschlichsten Figuren überhaupt in meinem »Traumschiff«, ich meine Dr. Samir.
Aber es stimmt, daß Ihren Texten bestimmte Strukturen von E-Musiken zugrundeliegen? – durchaus nicht von Cash oder Mitchell.
ANH Viel Bach, ja. Ein Kapitel des Wolpertingerromans stellt die unvollendete Quadrupelfuge nach – streng nach Worten ausgezählt. Überhaupt habe ich gerne mathematische Grundmodelle, einerseits. Andererseits bewegt sich vieles im Kielwasser der in der Nachfolge Kants stehenden Moralphilosophen. – Aber auch Schönberg oder die Toncluster des jungen Penderecki hatten auf meine Arbeit beinah mehr Auswirkung als von mir wie auch immer verehrte Bücher anderer Autoren.
Gut, Sie lehnen Personality ab, sagen wir: das Private eins zu eins öffentlich zu machen. Genau dies wurde Ihnen aber nicht nur in dem Gerichtsprozeß um Ihren Roman »Meere« zum Vorwurf gemacht, sondern sie haben es geradezu das Movens Ihres literarischen Weblogs »Die Dschungel. Anderswelt« werden lassen. Wie rechtfertigen Sie diesen Widerspruch?
ANH Zum einen, »Die Dschungel. Anderswelt« ist zumindest anfangs ein künstlerischer Reflex eben dieses Gerichtsprozesses gewesen, der mich poetologisch geradezu dazu anhielt, mich auch politisch und kunstpolitisch mit dem Verhältnis von privat und öffentlich auseinanderzusetzen. Ich startete also eine Reihe, die später zum Tages-, dann zum sogenannten Arbeitsjournal wurde – ein Verwandlungsprozeß. Denn einerseits stand mir eine zweite These Adornos ständig im Sinn, derzufolge sich die Moderne dadurch auszeichnet, daß ein Kunstwerk den eigenen Entstehungsprozeß mitgestaltend quasi protokolliert, er wird also sichtbarer, les- und/oder hörbarer Teil des Kunstwerks, andererseits interessieren mich – und interessieren mich ästhetisch nach wie vor – die Abhängigkeiten einer Handlung und ihrer schließlichen Erscheinung von vorgängig privatem Erleben. Wobei »einer-« und »andererseits« selbstverständlich zusammengehören. Dem folgte ich, schob aber in meine Journale zunehmend häufig poetisch erfundene Geschehen ein. Hier sog ich einen anderen Einflußgeber auf, nämlich Louis Aragon, ohne dessen frühe und späte Arbeiten meine Literatur ebenfalls nicht denkbar wäre. Ich meine besonders seinen Begriff des Wahrlügens.
