TEXT + KRITIK 247 - Ulrich Becher -  - E-Book

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Beschreibung

Als "ein Buch wie ein Raumschiff, in dem man aufbrechen kann in wahnwitzige, urkomische und höchst bedrohliche Welten" bezeichnete Eva Menasse Ulrich Bechers Roman "Murmeljagd". Ulrich Becher (1910–1990) zählt zu den sprachmächtigsten und humorbegabtesten Autoren der deutschsprachigen Exilliteratur. Davon zeugt insbesondere sein autobiografisch grundiertes Opus Magnum "Murmeljagd" von 1969. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Rolle des Künstlers stehen auch im Zentrum weiterer Werke wie den "New Yorker Novellen", den Romanen "Kurz nach 4", "William's Ex-Casino" und "Das Profil". Neben Prosa schrieb Becher zudem Lyrik und Dramen, darunter "Samba" und "Der Bockerer", den Becher "eine schwejkartige Satire auf sieben Jahre Hitlerei in Österreich" nannte. Becher floh 1933 nach Wien, wo er Dana Roda heiratete. Beide emigrierten 1938 in die Schweiz. Weitere Exilstationen waren Brasilien (1941–1944) und New York (1944–1948). Von 1954 an lebte Becher in Basel. Ab 2009 erlebte sein Werk mit der Neuauflage von "Murmeljagd" und den "New Yorker Novellen"(2020) eine Renaissance. Sein Nachlass liegt verteilt im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 in Frankfurt am Main und im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Beide Institutionen kooperieren, um Becher als bedeutenden Schriftsteller der Exilzeit wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das Heft, das sich unterschiedlichen Aspekten des Werks und seiner Geschichte und Rezeption widmet, ist ein wichtiger Teil dieses Vorhabens.

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zeitschrift für Literatur

Begründet von Heinz Ludwig Arnold

Redaktion:

Meike Feßmann, Axel Ruckaberle, Michael Scheffel und Peer Trilcke

Leitung der Redaktion: Claudia Stockinger und Steffen Martus

Am Reinsgraben 3, 37085 Göttingen

Telefon: (0551) 54 76 643

Print-ISBN 978-3-68930-075-3

E-ISBN 9-783-68930-077-7

Umschlaggestaltung: Thomas Scheer

Umschlagabbildung: © Esther Pfirter (1974)

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.deabrufbar.

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eBook-Umsetzung: Datagroup int. SRL, Timisoara

INHALT

Sylvia Asmus / Moritz Wagner Ulrich Becher digital. Zur virtuellen Zusammenführung eines geteilten Exilnachlasses

Ulrich Becher Heimkehr in die alte Welt

Josephina Bierl Ulrich Bechers Frühwerk. »Die Eroberer. Geschichten aus Europa« (1936)

Marlen Eckl Ulrich Becher. Die literarischen Werke aus dem brasilianischen Exil

Martin Roda Becher Becher Weitab vom Schuss. Anmerkungen zu »Spiele der Zeit« und »Samba« im Besonderen

Martin Vejvar »Freundschaft, deren Kürze und jähes Ende mich heute noch als ein Grauenhaftes drangsaliert«. Ulrich Becher und Ödön von Horváth

Oliver Binder Vom Herrn Neidinger zum »Bockerer«. Ergänzungen, Kontexte, Korrekturen

Magnus Wieland der Wahn / der Wään. Dada-Parodie und Exil-Schizophrenie in Ulrich Bechers New Yorker Novelle »Nachtigall will zum Vater fliegen«

Michael Töteberg Verlagsinterna. Eine literarische Karriere, gespiegelt in Korrespondenzen, Aktennotizen und Lektoratsgutachten

Ulrich Weber »Viertens wirste für später gebraucht«. Ulrich Becher und die Rettung des Expressionismus

Eva Menasse Lebendige Spiegel. Tierdarstellungen bei Ulrich Becher

Martin Roda Becher/Moritz Wagner Zwischen ›Geisterbahn‹ und ›Zauberwald‹. Ulrich Becher im Exil. Ein Gespräch

Chronik

Auswahlbibliografie

Notizen

Sylvia Asmus / Moritz Wagner Ulrich Becher digitalZur virtuellen Zusammenführung eines geteilten Exilnachlasses

Exilnachlässe: Zerstreuung und Sammlung1

Wenn man in Rechnung stellt, dass dem politisch, religiös oder rassisch/rassistisch motivierten Exil zu allen Zeiten Verfolgung, Entrechtung und Gewalt vorausgehen, welche die Exilsituation als tiefgreifenden biografischen Bruch, für Schriftsteller:innen zudem als künstlerische Zäsur erfahren lassen, so ergibt sich im Kontext des Archivs ein bemerkenswertes Spannungsverhältnis. Denn das Archiv als ein auf Kontinuität und Beständigkeit angelegter Ort des Sammelns, Ordnens und Bewahrens scheint nachgerade im Gegensatz zur ungeordneten, von Diskontinuität und Zufall geprägten Zerstreuungsdynamik des Exils zu stehen. Wie also lässt sich die Unbehaustheit in einem auf ewige Dauer angelegten kulturellen Gedächtnisspeicher aufnehmen, ohne die Werk- und Lebensspuren durch die Integration in ein bestehendes Ordnungssystem zu überdecken? Zumal die Spuren des Exils nicht nur den Lebenszeugnissen und Werken der Exilant:innen eingeschrieben sind, sondern zugleich in der Unvollständigkeit der Überlieferungen Ausdruck finden können. Die ›Passagen des Exils‹ führen und führten in der Zeit des Nationalsozialismus in der Regel zu einer wesentlichen Zerstreuung, vielfach aber auch zum Verlust von Nachlassmaterialien. Die meist mehrfachen Ortswechsel zwangen nicht selten zum Zurücklassen der persönlichen Habe, was den Verlust von Bibliotheken und größeren Sammlungen einschloss.2Zweimal verlor Lion Feuchtwanger seine Privatbibliothek, zweimal baute er sie wieder auf.3Manchmal bleibt ungeklärt, ob Lücken in den Beständen Verlust oder Verstreuung bedeuten, wenn beispielsweise Zeugnisse in den Transit- oder Zufluchtsländern zurückgelassen werden mussten.4Der Nachlass der Publizistin Margarete Buber-Neumann im Deutschen Exilarchiv zeugt eindrücklich davon. Exil in der Sowjetunion, Arbeitslager, Auslieferung und Konzentrationslagerhaft haben im Nachlass Leerstellen hinterlassen. Der österreichische Autor und Publizist Richard A. Bermann wiederum hat nach eigenen Angaben Teile seiner Korrespondenz verbrannt, um bei einer Durchsuchung keine Informationen über Freunde und Bekannte preiszugeben: »I did not sleep that night, but burned all my correspondence […]. But the very first thing I burned was a cable which had arrived that very day, telling me that some money had been send to the Creditanstalt at my disposal, to be used for german emigrants.«5Dann musste er fliehen, von Österreich gelangte er in die Tschechoslowakei und schließlich in die USA. Sein Nachlass im Exilarchiv umfasst nur wenige Schachteln. Von Verlust und Verstreuung seiner Papiere sowie dem nachträglichen Versuch einer Wiedereinsammlung seiner Residuen berichtet auch Hermann Kesten: »Ich habe im März 1933 meine Berliner Wohnung mit allem Mobiliar, mit Briefen, Büchern, Manuskripten von einer Stunde zur andern stehnlassen. Ebenso verließ ich am 17. Mai 1940 mein Pariser Hotel in der Rue Vaneau und ließ Bücher, Papiere und Manuskripte zurück. […] und als ich 1949 wiederkam, hatte die Hotelbesitzerin einen Teil meiner damals hinterlassenen Sachen bewahrt […], einen Teil freilich hatte sie bei einer ›Entrümpelungsaktion‹ der Gestapo verbrennen müssen. […] Ich verlor Bücher und Papiere in Brüssel […] und in Amsterdam […]. Ich verlor Bücher und Papiere sogar in New York. Da ich seit 1933 im Wandern wohne, habe ich halbe Bibliotheken, Manuskripte und Papiere in der deutschen Bibliothek in der Villa Sciarra in Rom liegen, und im Goethe-Haus in Rom, und in den Kellern meines französischen Verlegers Calmann-Levy, und erst gestern sagte mir eine entfernte Verwandte in Brooklyn, sie habe noch a box with papers von mir in ihrem Keller, und was werde ich da finden?«6

Nicht der kompakte, über Jahrzehnte kontinuierlich gewachsene und vom Bestandsbildner gar als Teil der Werkgenese sorgsam kuratierte Nachlass als »zusammenhängendes Ganzes«7also, sondern der Teilnachlass, Splitternachlass oder eben der verstreute Nachlass8scheint für Exilbestände paradigmatisch zu sein. Dennoch existieren auch genügend Beispiele relativ intakter Exilnachlässe wie derjenige Alfred Döblins im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Die erzwungene Entortung kann freilich ebenso Anlass für Bewahrung sein. Der Schriftsteller Ivan Heilbut, der zunächst in Frankreich Zuflucht fand, dann über die Pyrenäen floh und in die USA gelangte, bewahrte auch kleinste papierne Zeugnisse seiner Exilbiografie auf: Restaurantrechnungen, Eintrittskarten und Notizzettel belegen bis heute seine Exilstationen und -erfahrungen. Von vergleichbaren Erfahrungen zeugt der Nachlass des Zettelpoeten Jakob Haringer, der 1938 in die Schweiz emigrierte und dort untertauchte, und den die materielle Not dazu zwang, seine Gedichte in Miniaturschrift mit Bleistift auf die Rückseite von Rechnungen, Briefen oder von Schokoladenpapieren zu notieren.9

Manchmal ist die Verstreuung von Beständen aktiv herbeigeführt, etwa wenn vom Bestandsbildner oder dessen Nachkommen unterschiedliche Aufbewahrungsorte für Teile der Überlieferung ausgewählt wurden. So verteilte der Publizist und Politiker Hubertus Prinz zu Löwenstein (in dessen Sommerhaus in New Foundland Ulrich Becher im Sommer 1945 die ersten Entwürfe seiner »New Yorker Novellen« zu Papier brachte) seinen Nachlass gezielt auf das Bundesarchiv und das Deutsche Exilarchiv. Er schied seine Papiere dafür einerseits in politische Korrespondenz und Dokumente, die nach 1945 entstanden waren, und andererseits in private Überlieferungen und im Exil entstandene Zeugnisse. Dabei wurde Löwenstein sukzessive bewusst, dass eine Einteilung seines Lebens und Wirkens in die Abschnitte Exil und die Zeit nach dem Exil sowie in privat und politisch nicht trug.10Auch die Verteilung von Überlieferungen auf Archive in den Herkunfts- und Aufnahmeländern ist für Exilbestände nicht untypisch. Im Falle des expressionistischen Dramatikers Georg Kaiser, dessen vorexilischer Nachlass einen der Gründungsbestände des Literaturarchivs der Akademie der Künste in Berlin bildete, wurde der Großteil seiner im Schweizer Exil entstandenen Schriften von seinem Dramatiker-Freund Cäsar von Arx nach dessen Tod dem Schweizerischen Literaturarchiv in Bern übergeben.

Zerstreuung oder Verstreuung impliziert im Archivkontext folglich zweierlei: einerseits die geografische Streuung, andererseits die Zersplitterung in separate Teilnachlässe. Der Anspruch von Intaktheit oder Homogenität muss zwar letztlich für jeden Nachlass als illusorisch gelten, denn jeder Bestand »ist das Resultat von Selektionen und Exklusionen, an denen viele Hände beteiligt waren – der Autor, seine Erben, Witwen, Schüler, Anwälte und Archivare: Hände, die sich vielfach nachträglich nicht mehr scheiden lassen. Und neben den Exklusionen sind auch die Inklusionen nicht zu übersehen […].«11Was den Exilnachlass aber von anderen unterscheidet, ist neben dem hohen Grad von Exklusionsprozessen seine Beschaffenheit: Nicht nur bewusste Eingriffe von nachlassnahen Personen, sondern auch äußere, zeitgeschichtliche, heteronome Faktoren prägen die Zerstreuungsgeschichten und die damit einhergehende partikulare und fragmentierte Konstitution von Exilnachlässen.

Ulrich Becher: Der geteilte Nachlass

Die Verstreuung von Ulrich Bechers Nachlass auf die beiden Archive in Frankfurt am Main und Bern ist Spiegelbild seiner von Brüchen und Zäsuren geprägten, transnationalen Exil-Biografie: 1910 in Berlin als Sohn des deutschen Rechtsanwalts Richard Becher und der Schweizer Pianistin Elisabeth Ulrich geboren, verließ er, nachdem er gerade erst mit seinem bei Rowohlt verlegten Debüt »Männer machen Fehler« reüssiert hatte, wie so viele seiner Kolleg:innen unmittelbar nach dem Reichstagsbrand sein Herkunftsland. Seine Fluchtroute führte ihn neben weiteren europäischen Exilzentren wie Prag, Paris und London 1933 zunächst nach Wien, wo er durch die Heirat mit Dana Roda Roda die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Von dort ging er in die Schweiz, wo er nach dem sogenannten ›Anschluss‹ 1938 drei Jahre blieb, ehe er aufgrund der nicht verlängerten Niederlassungsbewilligung 1941 über die Route Frankreich – Spanien – Portugal nach Brasilien und 1944 schließlich weiter nach New York emigrierte. Es folgten 1948 die Rückkehr nach Wien und nach einigen unsteten Jahren im Dreieck Wien, München und Basel ab 1954 der ständige Wohnsitz als ›Dauergast‹12in Basel. Die Vielzahl der Stationen lässt erahnen, dass Ulrich Becher nicht nur geografisch weitgestreckte Korrespondenznetzwerke unterhielt, sondern dass außerdem die Voraussetzungen für den Erhalt eines intakten Nachlasses keineswegs optimal waren. Zur effektiven Teilung des Nachlasses kam es allerdings erst ab den 1980er Jahren infolge aktiver Verstreuung.

Zunächst übernahm das Deutsche Exilarchiv im Jahr 1985, also noch zu Lebzeiten Bechers, einen umfangreichen Bestand des Schriftstellers.13»Ulrich Bechers Manuskripte, Briefe usw. sind in einem heillosen Durcheinander in 3 Kellern verteilt, in Kisten, Koffern und Schachteln. Wo und was überhaupt vorhanden ist, weiss ich kaum (Bestimmt Briefe von George Grosz)«,14antwortete Dana Becher auf die Anfrage des Deutschen Exilarchivs nach dem literarischen Vorlass von Ulrich Becher. Die Kontaktaufnahme war durch Vermittlung von Vincent Frank-Steiner, Sohn des Schriftstellers Rudolf Frank, erfolgt. Noch im selben Jahr konnte ein erster Teil des literarischen Vorlasses von Becher vom Exilarchiv erworben werden. Diese erste Lieferung umfasste ein umfangreiches Konvolut von Korrespondenzen, Manuskripte, unter anderem Lyrik, einen Teil des »Bockerer«, Kurzprosa sowie Zeichnungen, persönliche Dokumente und Fotografien. Fünf Jahre später, nach Bechers Tod am 15. April 1990, wurde ein weiterer Teil des Nachlasses übernommen, mehrfach kamen später auch Nachträge hinzu, zuletzt ein umfangreiches Konvolut von Zeichnungen.

Das Schweizerische Literaturarchiv übernahm im August 1993 seinerseits einen weiteren Teilnachlass Bechers, nachdem die Schweizerische Nationalbibliothek (damals noch Landesbibliothek) im Herbst 1992 die Ausstellung »Ulrich Becher – Vom Unzulänglichen der Wirklichkeit. Bilder und Texte« kuratiert hatte. Der im Zuge der Ausstellung zustande gekommene Kontakt mit Bechers Sohn, dem Schriftsteller Martin Roda Becher, gab den Anstoß, die bis zum Tod Ulrich Bechers in Basel verbliebenen archivalischen Ressourcen dem frisch gegründeten Schweizerischen Literaturarchiv zu übergeben. Wie die Überlieferung im Exilarchiv waren auch diese Materialien gänzlich unsortiert, in einem äußerst chaotischen und schlecht erhaltenen Zustand. Der Berner Bestand umfasst Manuskripte, Typoskripte und Notizen zu beinahe sämtlichen Werken, Korrespondenzen, Notizbücher, Druckausgaben, Ton- und Bildträger, Sekundärliteratur, Lebensdokumente sowie Zeichnungen, Aquarelle, Monotypien und Ölbilder. 2008 erfolgte schließlich nochmals eine umfangreiche Nachlieferung aus Basel.15

Die Teilnachlässe bilden weder organisch gewachsene noch thematisch geschlossene Einheiten, sondern erstrecken sich quer über Bechers Korrespondenz, sein bildnerisches Werk, aber auch über sein literarisches Schaffen. So befinden sich in beiden Archiven Briefe an und von Boleslaw Barlog, Richard und Elise Becher, Lion Feuchtwanger, George Grosz, Wieland Herzfelde, Peter Preses, Fritz Wotruba oder Carl und Alice Zuckmayer. Und so liegen sowohl von seinem Hauptwerk »Murmeljagd« als auch von fast allen anderen erzählerischen, dramatischen und lyrischen Werken Werkmanuskripte in beiden Archiven vor. Es gilt nach wie vor, was Ulrich Weber und Marina Sommer 2009 in der Ulrich Becher gewidmeten Zeitschrift »Quarto« angesichts der tiefgreifenden Verflechtung der Teilnachlässe konstatierten: »Bis in einzelne Brief- und Manuskriptkonvolute hinein geht die Verteilung auf die zwei Archive, so dass eine vertiefte Forschung ohne Konsultation beider Bestände kaum möglich ist.«16

»Flaschenpost«: Die verstreute Exilkorrespondenz

Ulrich Becher gehört zu den bedeutenden Briefeschreibern der deutschsprachigen Exilliteratur. Nicht ohne Grund widmet ihm Klaus Weissenberger ein Unterkapitel in seiner Studie zu den »Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa im NS-Exil«, wo er Bechers Briefwechsel mit seinem Freund und Förderer George Grosz hervorhebt.17Auch diese Korrespondenz liegt verteilt vor. So liegen 69 Korrespondenzstücke von Grosz an Becher im Deutschen Exilarchiv und 64 im Schweizerischen Literaturarchiv, von Becher an Grosz sind zwei Briefe in Frankfurt sowie drei in Bern überliefert. Die Briefe setzen 1935 ein, der letzte überlieferte Brief datiert fünf Tage vor Grosz' Tod am 1. Juli 1959. In einem fragmentarischen, womöglich nie abgesendeten Brief vom 15. März 1935 berichtet Becher von seiner der eigenen Arbeitskraft abträglichen exiltypischen Isolation in der Engadiner Kälte und seinen Bestrebungen, nach Wien überzusiedeln, wo nicht zuletzt der vielen Exilanten aus Deutschland wegen der Kunstbetrieb aufblühe. Seine Befindlichkeit beschreibt er anschaulich als »Aussenundinnenunrasiertsein«.18Offensichtlich erscheint sein Bedürfnis nach einer intimen Selbstaussprache. Darüber hinaus kommentiert er jedoch auch lebhaft das Zeitgeschehen, etwa den »Rintelen-Prozeß« rund um den misslungenen Putschversuch der Nazis von 1934 in Österreich, der Anton Rintelen hätte zum Bundeskanzleramt verhelfen sollen. Bechers Auslassungen münden in der Aussage: »Ich glaube ich hasse alle Sorten von Caesarerichen (Schlächterpropheten nennst Du sie treffsicher), selbst wenn sie gezwungenermassen Caesaren sind, bis in den Tod.«19

Grosz wiederum war kritischer Leser und Kommentator von Bechers Arbeiten. Zu den »New Yorker Novellen« schreibt er: »Es ist da in deinen Geschichten, wie soll ich sagen, fast etwas russisches, weisst Du, diese Melancholie, etwas von Anton Tschechow oder gar Leonid Andrejew … ja was ich meine ist wohl mehr, und das hast Du meisterhaft wiedergegeben: die Beziehungslosigkeit der Menschen untereinander […].«20Nach der Veröffentlichung der ihm gewidmeten Novellen 1950 unter dem Titel »Nachtigall will zum Vater fliegen« schreibt er: »Auf die Widmung bin ich richtig stolz. Thanks a lot old pal.«21Diesen Brief (aus dem DEA) unterschreibt Grosz mit Georgie Theodosius Boehm – in Anlehnung an die Hauptfigur der titelgebenden Erzählung, in der er sich zu Recht erkannte. Briefstellen wie die folgende (aus dem SLA) mögen der nihilistischen und misanthropisch-zynischen Figurenzeichnung Boehms Pate gestanden haben: »Hier wurde ich klein und bin nun solange ich dabin ein Verdammter … aber nach ScheissEuropa sehne ich mich nun schon überhaupt nicht … […] Bin wenns schon symbolisch hier zugeht, ein reiner Teufelsanbeter Christus Humanität Liebe zwischen Menschen hasse ich wie die Pest … […] Ich bin Trinker und Gottseidank deshalb Nihiliste …«22

Auch in anderen Fällen ist die Korrespondenz Bechers allein über die Einsicht beider Archive nachzuvollziehen. Im Exilarchiv liegen zwei Briefe an Lion Feuchtwanger vom 2. August 1944 und vom 26. Dezember 1947. In Letzterem bittet Becher um eine Empfehlung für den amerikanischen Verleger Benjamin Huebsch. Das Antwortschreiben findet sich im Schweizerischen Literaturarchiv. Feuchtwanger rät darin, die englische Fassung des Novellenmanuskriptes »Nachtigall will zum Vater fliegen« abzuwarten. Am 9. März 1948 hat Feuchtwanger, der bereits Bechers 1936 in Bern uraufgeführtes Stück »Niemand« positiv in der Exilzeitschrift »Das Wort« rezensiert hatte, Bechers Novellen gelesen und versichert, das Manuskript samt Empfehlung an den Verleger zu senden.

Wie eng die Teilnachlässe tatsächlich verflochten sind, zeigt schließlich ein Blick in die Korrespondenz des Autors mit seinen Eltern sowie mit seiner Frau Dana Becher. Während die Briefe an die Eltern überwiegend in Bern lagern (252 Stück, gegenüber 47 Briefe der Eltern), ist das Verhältnis in Frankfurt fast komplementär: 109 Briefen der Eltern stehen 22 Briefe des Sohns gegenüber. Ähnlich verhält es sich mit der Korrespondenz zwischen Ulrich und Dana Becher: 47 Briefe von Ulrich an Dana sowie 39 Briefe von Dana an Ulrich sind in Bern verzeichnet, während in Frankfurt 21 Briefe Ulrichs an Dana sowie 48 Briefe Danas an Ulrich Becher vorliegen.

»Ulrich Becher digital«: Der virtuell zusammengeführte Nachlass

Ob die Familienkorrespondenz, ob der umfangreiche Briefwechsel mit dem 1933 in die USA exilierten Mentor George Grosz, oder ob kleinere Briefwechsel mit anderen ins Exil geflüchteten Schriftstellern wie Lion Feuchtwanger: In allen Fällen ist die Verstreuung der Nachlassmaterialien auf die beiden Teilnachlässe evident. Ohne Konsultation der Gesamtüberlieferungen ist eine Analyse der Dokumente kaum möglich. Dasselbe gilt für die unterschiedlichen Textträger der »Murmeljagd«, des »Bockerer« und nahezu alle weiteren Werke Bechers. Allein für die »Murmeljagd« weist das Inventar des Exilarchivs 36 Verzeichniseinheiten auf und das Schweizerische Literaturarchiv gar 77, darunter befinden sich in beiden Archiven frühe handschriftliche Entwürfe, jeweils mehrere Fassungen, Typoskripte verschiedener Textstufen mit Anmerkungen sowie diverse Materialien.

Dieser unsystematischen Verteilung des Nachlasses begegnen die bestandshaltenden Institutionen deshalb nun mit einem binationalen Kooperationsprojekt. Im Rahmen von »Ulrich Becher digital« haben beide Archive die jeweiligen Teilnachlässe in den Jahren 2019 bis 2021 koordiniert feinerschlossen und 40 ausgewählte Exponate aus den beiden Beständen in einer gemeinsam kuratierten Sonderausstellung im virtuellen Museum »Künste im Exil« zusammengeführt.23Anschließend wurden beide Teilnachlässe 2022 bis 2025 integral digitalisiert. Parallel dazu entstand in Zusammenarbeit mit dem Data Science Lab der Universität Bern ein Prototyp für die virtuelle Zusammenführung des Gesamtnachlasses. Die Metadaten der beiden Teilnachlässe werden in der Anwendung so verknüpft, dass eine Gesamtsicht entsteht. So können sich Nutzer:innen einen Überblick darüber verschaffen, welche Dokumente beispielsweise zum »Bockerer« oder zur »Murmeljagd« insgesamt überliefert sind. Die Verteilung der Unterlagen auf die beiden bestandshaltenden Archive bleibt dabei durch die farbliche Markierung der Institutionenprovenienz immer sichtbar. Der Einsatz künstlicher Intelligenz soll Nutzer:innen durch ein visuelles Clustering ähnlicher Objekte unterstützen. Georeferenzierte und navigierbare Karten- und Netzwerkdarstellungen sowie eine Zeitleiste bieten weitere Einstiege. Sie geben Aufschluss über die Werkgenese, zeichnen die Entstehungsorte von Werken sowie die Fluchtrouten und Korrespondenzwege Bechers nach, bringen sie in eine Chronologie und verknüpfen sie mit den entsprechenden Metadaten und Digitalisaten aus beiden Archiven. Prospektiv ist daran gedacht, die Anwendung für Formate der Citizen Science zu öffnen.24

»Ulrich Becher digital« stellt also durch die gemeinsame Präsentation der Teilnachlässe ursprüngliche Zusammenhänge wieder her, verbindet die verstreuten Teile virtuell zu einem Ganzen, rekonstruiert sozusagen den Nachlass von Ulrich Becher. Zugleich wird die Verstreuung des Materials in der analogen Welt umso sichtbarer, denn erst durch die digitale Verbindung wird die tiefe Verflechtung der Überlieferungen begreifbar, werden die Lücken in den Teilbeständen und die Geschichte der Zerstreuung deutlich. So kann »Ulrich Becher digital« die verstreuten Nachlasssegmente defragmentieren, ohne deren Fragmentcharakter im Einzelnen anzutasten. Auf lange Sicht steht die Überlegung eines übergeordneten »Exilportals« im Raum, das auf »Ulrich Becher digital« aufsetzen und weitere verstreute Exilbestände berücksichtigen könnte.

  1 Teile des Beitrags beruhen auf Moritz Wagners im Rahmen des Master of Advanced Studies in Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Universität Zürich 2019 verfassten Arbeit »Netzwerke des Verstreuten. Konzeptuelle Überlegungen zur Verknüpfung und Vermittlung von Exilnachlässen« sowie auf Sylvia Asmus: »Verstreute Informationsobjekte in Nachlässen«, in: Michael Hollmann / André Schnüller-Zwierlein (Hg.): »Diachrone Zugänglichkeit als Prozess. Kulturelle Überlieferung in systematischer Sicht«, Berlin, Boston 2014, S. 172–184.

  2 Vgl. das Vorwort (S. VII–IX) und grundsätzlich das von Claus-Dieter Krohn und Lutz Winckler herausgegebene Jahrbuch für Exilforschung 29 (2011) zu »Bibliotheken und Sammlungen im Exil«.

  3 Vgl. Marje Schuetze-Coburn: »Lion Feuchtwanger und seine Privatbibliothek. Eine Geschichte von Verlust und Überleben«, in: »Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch« Bd. 29 (2011), S. 229–240.

  4 Asmus: »Verstreute Informationsobjekte in Nachlässen«, a. a. O., S. 182.

  5Richard A. Bermann: »The facts of my escape«, S. 3, Manuskript im Nachlass Richard A. Bermann, Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek (im Folgenden DEA), EB 78/15.

  6 Hermann Kesten: »Vorwort«, in: Ders. (Hg.): »Deutsche Literatur im Exil. Briefe europäischer Autoren 1933–1949«, Wien, München, Basel 1964, S. 21f.

  7 Dietmar Schenk: »Getrennte Welten? Über Literaturarchive und Archivwissenschaft«, in: Petra-Maria Dallinger / Georg Hofer / Bernhard Judex (Hg.): »Archive für Literatur. Der Nachlass und seine Ordnungen«, Berlin 2018, S. 23.

  8 Vgl. zur Kategorie des verstreuten Nachlasses Asmus: »Verstreute Informationsobjekte in Nachlässen«, a. a. O., S. 172.

  9 Vgl. https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Objekte/haringer-jakob-das-fenster-gedichttyposkripte.html?single=1.

 10 Vgl. Asmus: »Verstreute Informationsobjekte in Nachlässen«, a. a. O., S. 178f.

 11 Ulrich Raulff: »Nachlass und Nachleben. Literatur aus dem Archiv«, in: Stéphanie Cudré-Mauroux / Irmgard M. Wirtz (Hg.): »Literaturarchiv – Literarisches Archiv. Zur Poetik literarischer Archive«, Göttingen, Zürich 2013, S. 17–34, hier S. 25.

 12 Vgl. Martin Roda Becher: »Dauergäste. Meine Familiengeschichte«, Zürich 2000.

 13 Siehe dazu und zu den folgenden Ausführungen: Sylvia Asmus: »Aus Kisten, Koffern und Schachteln – der Teilnachlass des Schriftstellers Ulrich Becher im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek«, in: »Quarto« 29 (2009), S. 38–43.

 14 Dana Becher an Brita Eckert, Deutsches Exilarchiv 1933–1945, Basel, 14.7.1985, Akten des DEA.

 15 Vgl. Marina Sommer / Ulrich Weber: »Der Teilnachlass von Ulrich Becher im Schweizerischen Literaturarchiv«, in: »Quarto« 29 (2009), S. 18–20, hier S. 18ff.

 16 Ebd., S. 18.

 17 Vgl. Klaus Weissenberger: »Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa im NS-Exil. Verkannte Formen literarischer Identitätsbewegung«, Berlin 2017, S. 79–82.

 18 Brief von Ulrich Becher an George Grosz, Graz, 15.3.1935. SLA-UB-B-2-GRO-06.

 19 Ebd.

 20 Brief von George Grosz an Ulrich Becher, Long Island, N. Y., 6.5.1945. DEA, EB 85/147, I. A.114. Veröffentlicht in: Uwe Naumann / Michael Töteberg (Hg.): »Ulrich Becher / George Grosz: Flaschenpost. Geschichte einer Freundschaft«, Basel 1989, S. 199f.

 21 Brief von George Grosz an Ulrich Becher, [Long Island, N. Y.], 29.12.1950. DEA, EB 85/147, I. A. 114. Veröffentlicht in: »Flaschenpost«, a. a. O., S. 321.

 22 Brief von George Grosz an Ulrich Becher, Long Island, N. Y., 4.4.1946. SLA-UB-B-2-GRO-06. Veröffentlicht in: »Flaschenpost«, a. a. O., S. 205f.

 23https://kuenste-im-exil.de/KIE/Web/DE/Navigation/Sonderausstellungen/UlrichBecher/ulrich-becher_node.html.

 24 Für eine ausführlichere Beschreibung des Prototyps vgl. Peter Dängeli / Jörn Hasenclever / Moritz Wagner: »Ulrich Becher digital. Zur virtuellen Zusammenführung der beiden Teilnachlässe des Schriftstellers Ulrich Becher«, in: »DH&CS. Schriften des Netzwerks für digitale Geisteswissenschaften und Citizen Science« (2025).

Ulrich Becher Heimkehr in die alte Welt1

Tausende zwängten sich über alle Decks, alle Wendeltreppen, durch alle Klassen der am Pier 50 Manhattans ankernden »Queen Elizabeth«. Fahrstühle surrten im titanischen Schiffsbauch auf und nieder, saugten die Massen ein, spien sie aus. Es war wie ein Ausverkaufsabend im Warenhaus Macy. Indes herrschte die Stimmung einer rüden Kirchweih vor. Männer, Hüte aus den schweißschillernden Stirnen gerückt, Whiskyflaschen geschultert, trampelten durch das Labyrinth der schmalen Korridore, Namen wurden in ausgelassener Suche von Kabine zu Kabine gebrüllt. Eine Frauenstimme schrillte unentwegt:

»Franky! Franky Shapiro!«

Aus einer Kabinentür schob eine Hand die zehnte geleerte Bierflasche in den Gang hinaus. Einige, die in einer Art Polonaise daherhüpften, stolperten über die Flaschen und verfielen in eine fette Lacherei. Amerikanischer, englischer, irischer Slang, polnisch, tschechisch, jiddisch, französisch schwirrte durcheinander. In einem stickigen Gang der Touristenklasse, tief in Schiffes Bauch, schwemmte mir das Getümmel den österreichischen Lyriker Adalbert E., der Jahre im New Yorker Exil verbracht hatte, an die Brust.

»Habe die Ehre«, sagte er, »ich kriege keine Luft.«

Ein Stewart, der Oscar Wilde ähnlich sah, zwängte sich mit angeheitert blitzenden Augen vorbei, indem er auf einen Gong hieb. Ich fragte ihn nach der Bedeutung des Signals, und er erklärte uns in höflicher Angezechtheit, das Gongen mahne die Nichtreisenden, das Schiff in Bälde zu räumen. Ob denn viele Nichtreisende an Bord seien, fragte Adalbert etwas scheu. Yes, Sir, etwa dreitausend Abschiedsbesucher.

»Franky!« gellte die trinkheisere Frauenstimme von ferne. »Wer hat Franky Shapiro gesehn?«

Das Schiff sollte um Mitternacht fahren. Als ich am nächsten Morgen in meiner Innenkabine erwachte, lobte ich mir seine technische Vollkommenheit: nicht die kleinste Schaukelbewegung war spürbar. Als ich aus den fensterlosen Tiefen ans Tageslicht hinaufklomm, durch ein Bullauge spähte, starrte mich Manhattan an, gehüllt in das rußige Dunstgewand eines tropischen Frühsommertags. Die Kuppen der Wolkenkratzer zergingen im heißfeuchten Nebel, auf dem die Sonne brütete wie ein fahler Schemen. Auf der Autobahn, die die Dockstraße überhöhte, flitzten, mückenhaft wesenlos und falb, zahllose Limousinen hin. Unvermerkt stand Adalbert neben mir in einem zerbeulten Wetterhut.

»Hier wären wir also schon wieder«, scherzte ich, auf das grau-in-graue Bild hinnickend.

Er lächelte spärlich: wegen des unsichtigen Hitzedunstes sei die Abfahrt auf Mittag vertagt worden. Partir est toujours un peu mourir – ob ich hier das französische Sprichwort als gültig empfände.

»Nein«, wandelte ich es ab: »Rester en été à New York – c'est toujours un peu mourir.«

Adalbert nickte still-versonnen. Gegen Mittag blinzelte der Sonnenschemen etwas ungespenstischer. Da glitten wir den Hudson hinab. Wie ein leiser, holder Schrecken durchfuhr mich's: nach Europa.

*

»Ich werde mich nicht in Paris aufhalten.« Adalbert lag bis übers Kinn eingemummt in seinem Deckliegestuhl und gemahnte mich an einen kranken Vogel, und plötzlich fiel mir auf, wie stark er während der amerikanischen Jahre gealtert war. »Gedenke auch vorderhand nicht, nach Wien zu fahren. Ich habe viele – viele gute Jahre in Brissago gewohnt. Ich möchte Brissago wiedersehn.«

»Da können Sie preiswerte Zigarren qualmen, Adalbert.«

»Ich qualme keine Zigarren. Ich vertrage keine. Die starken Brissago-Zigarren am allerwenigsten. Ich fahre nicht wegen Brissago-Zigarren nach Brissago, sondern weil ich – weil ich dort viele gute Jahre …« Er verstummte, träumte blicklos vor sich hin.

Wir waren dem schwülen Regenreich des Golfstroms entfahren. Das ungeheure Rund des abendlichen Atlantiks rollte smaragdgrün gegen einen rosigen Westhorizont. Im oberen, noch seidenblauen, ganz wolkenlosen Firmament gleißte ein überhelles Licht, zuweilen überwischt von der erstaunlich langen, bis zum Horizont wallenden Schleppe bräunlichen Rauchs, der den beiden monumentalen, noch in der frischen Dämmerbrise zinnoberrot leuchtenden Schornsteinen entqualmte. Die Invasion der Abschiedsbesucher war vergessen. Wir hatten Gelegenheit, unbegegnet die Flucht Dutzender Rettungsboote abzuwandern auf dem Außenwall dieser schneeig schimmernden schwimmenden Stadt, die anmutete wie eine verwirklichte Utopie.

»Sehen Sie, wie phantastisch der Stern leuchtet – dort durch den Rauch?«

»Das, das kann kein Stern sein. Ein Flugzeuglicht«, entschied Adalbert.

»Ich könnt wetten, dass es die Venus ist. Ich kenne sie gut.«

»Venus? Ausgeschlossen. Ein Ozeanflieger.« Adalbert starrte kurzsichtig empor. »Nein – Sie haben recht – doch ein Stern. Hum, Venus …« Ein verhaltener Seufzer löste sich aus seiner Vermummung. »Wenn ich bedenke, daß ich – vielleicht – in einer knappen Woche schon von Brissago nach Ronco hinaufspazieren werde …«

*

Von meinem Wiedersehn mit Paris auszusagen, geht hier nicht an. Die Aussage würde zwanzig Seiten füllen. Nur das:

Eines Nachts saß ich mit einem Totgesagten im kleinen »Tabac« der Rue du Bac, einem der wenigen Lokale des linken Seineufers, die nach Mitternacht offenhielten. Mein Freund war jahrelang von der Gestapo in Frankreich umhergehetzt worden. Seinen Sieg über die Jäger hatte er dadurch manifestiert, dass er auf unentwegter Flucht vor dem Liquidiertwerden dreimal Vater geworden war. Nach langen aufwühlenden Erzählungen, gegen drei begleitete er mich durch die ausgestorbene Gasse bis zur Seinebrücke. Dort trennten wir uns, er marschierte zum Montparnasse zurück, während ich mich auf den Heimweg machte zu meinem Hotel an der Gare Saint-Lazare.

Die Tuilerien dehnten sich gänzlich verödet und lautlos. Ich der einzige Passant weit und breit. Über den Schattendächern des Louvre stand der dunkelviolette Nachthimmel. Durfte ich wirklich, ich, der lange im Dschungel Brasiliens, dann im Dschungel Manhattans gelebt, durch die Tuilerien spazieren, so allein, als zauberten sie sich mir aus einem Traume her, und den schwerelos luftigen Hauch atmen dieser Vordämmerstunde im frühsommerlichen Paris? Ein freudiges Gefühl des Unwirklichen beschlich mich. Unversehens hielt ich vor dem Kleinen Triumphbogen. Durch ihn durch schweifte meine Schau über den schmalen Schatten der Concorde-Säule weg, die lichtergesäumten erstorbenen Champs-Élysées hinauf bis zum Étoile.

Genau vor neun Jahren, eines Nachts im Frühsommer Neununddreißig hatte ich hier gestanden, schlug's in mich ein. Da klangen die argen Geschichten des totgesagten und wiedergefundenen Freundes auf, meine Freude erlosch, das Gefühl der Unwirklichkeit blieb.