TEXT + KRITIK  - Siegfried Lenz -  - E-Book

TEXT + KRITIK - Siegfried Lenz E-Book

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Beschreibung

Sein Roman "Deutschstunde" (1968) war der Bestseller der Nachkriegsliteratur – Siegfried Lenz. Nun kommt auch aus den Mappen und Kisten im Nachlass des Literaturarchivs Marbach immer wieder Überraschendes zum Vorschein – wie "Der Überläufer", ein fast 400 Seiten starker Roman, der 1951 aus politischen Gründen abgelehnt wurde und dann in Vergessenheit geraten war. Nach seiner Wiederentdeckung wurde er 2016 mit 65-jähriger Verspätung zum Bestseller. Die Beiträge der Neufassung des Heftes widmen sich jenen Teilen Lenz' Œuvres, die bisher im Verborgenen blieben. Sie verorten die bisher unbekannten Texte im Gesamtwerk und lesen daraufhin Bekanntes in neuen literarischen und kulturellen Kontexten. Aufmerksamkeit erhalten Bereiche seines Schaffens, die lange unbeachtet waren – vom dramatischen Werk bis zu Gedichten. Auch Amos Oz' Rede über seinen Freund Siegfried Lenz ist hier nachzulesen. Dabei zeigen sich die diffizilen Positionsbemühungen eines Autors, der sich produktiv mit modernistischen Schreibverfahren auseinandersetzt und nur widerwillig Teile seiner eigenen poetischen Tradition offenlegt.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2022

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TEXT+KRITIK.

Zeitschrift für Literatur

 

Begründet von Heinz Ludwig Arnold

 

Redaktion:

Meike Feßmann, Axel Ruckaberle, Michael Scheffel und Peer Trilcke

Leitung der Redaktion: Claudia Stockinger und Steffen Martus

Am Reinsgraben 3, 37085 Göttingen

Telefon: (0551) 5 47 66 43

 

Print ISBN 978-3-96707-702-5 E-ISBN 978-3-96707-704-9

 

Umschlaggestaltung: Thomas Scheer

Umschlagabbildung: »Porträt – Siegfried Lenz – 1997«, Hermann und Clärchen Baus, Köln

E-Book-Umsetzung: Datagroup int. SRL, Timisoara

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG, München 2022 Levelingstraße 6a, 81673 Münchenwww.etk-muenchen.de

Inhalt

Siegfried Lenz Bertolt Brecht

Eva Kissel »Gesammelt und abgelegt und aufbewahrt«. Der Nachlass von Siegfried Lenz im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Günter Berg »… da gibt’s ein Wiedersehen«. Zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte von Lenz’ Roman »Der Überläufer«

Julia Benner Honigkuchen und Krieg. Siegfried Lenz’ Beiträge zum Kinderprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks

Anna Bers Lenz’ Gedichte

Heinrich Detering Zwischen Sartre und Brecht: Siegfried Lenz und die »Zeit der Schuldlosen«

Stefan Descher Lenz liest Steinbeck. Intertextuelle Bezüge zwischen. Siegfried Lenz’ »Stadtgespräch« und John Steinbecks »The Moon is Down«

Anna-Lena Markus »Deutschstunde« mit Theodor Storm

Katerina Kroucheva »Ein gewisses Mysterium des Findens«. Wissen und Glauben im letzten Roman von Siegfried Lenz

Kai Sina Westbindung und Nachkriegsliteratur. Zum Beispiel Siegfried Lenz’ »Amerikanisches Tagebuch«

Anna-Lena Markus Siegfried Lenz – Auswahlbibliografie

Biogramm

Notizen

Siegfried Lenz

Bertolt Brecht1

Schwer zu verstehen sind Leute, die nur dann einen Dichter gelten lassen, wenn sie mit ihm restlos einig sein können, – also einig auch in der Politik und in Fragen des Haarschnitts. Mir hat Brecht immer als Künstler genügt, als Schöpfer von Galilei, von Mutter Courage, von Matti und der Magd Grusche; zumindest habe ich nicht ungeduldig darauf gewartet, daß er bußfertig sich von Ostberlin nach Hamburg wende. Für mich gab es weniger von dem tragischen Marxisten Brecht zu lernen als von dem einzigartigen »Stückeschreiber«, und sehr oft hat es für mich den Anschein, als widerlege der Künstler den Marxisten Brecht.

Einzigartig bei diesem Magier der Bühne ist, daß er darauf bestand, dem Zuschauer eine Freiheit zu lassen. In direktem Gegensatz zu Stanislawski,2 der das Publikum in das Spiel mit einbeziehen wollte, verlangt Brecht keinen Zwang zur unmittelbaren Identifikation; er distanziert den Zuschauer von der Bühne; er hält den Schauspieler dazu an, nicht vollkommen in der Rolle aufzugehen. Es kam Brecht darauf an, den Zuschauer »vor eine Handlung mit Aussagen« zu stellen, und das heißt doch wohl, daß er ihn weniger als Teilhaber an einem Illusionsvorgang sah, denn als selbstbewußten Partner, der aufgefordert ist, sich »isoliert, mit Abstand« zu dem Spiel zu überprüfen. Er wollte überzeugen, nicht begeistern – worauf der lehrhafte Charakter seiner Stücke ja genügend hindeutet.

Und einzigartig scheint mir der Sprachreichtum des Bühnendichters Brecht zu sein: was immer einen Charakter bezeichnet: zarter Lyrismus oder eine imposante Zote; die Schlichtheit des Volkslieds oder die Kälte der Amtssprache – Brecht gebietet in bewundernswerter Weise über jeden Stil, und damit meine ich: über jeden Charakter, den er formte. Sein dramatisches Universum wird deshalb Bestand haben – auch jenen zum Trotz, die, sobald die Rede auf Brecht kommt, entweder »Ja – aber« oder »Nein – aber« sagen.

1 In den Kartons, die Siegfried Lenz 2014 dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übergab, befand sich auch ein Typoskript zu Bertolt Brecht. Der Text scheint bisher nicht publiziert worden zu sein. Unbekannt ist auch, wozu Lenz die Zeilen über den Dramatiker niederschrieb. Der rostige Abdruck einer Büroklammer lässt vermuten, dass weitere Blätter oder ein Anschreiben mit ihm zusammengeheftet waren. Allein der Entstehungszeitraum kann eingegrenzt werden: Das gelbe, von Tabak oder Kaffee leicht fleckige Durchschlagpapier lag in einer Mappe mit Erzählungen, Rezensionen und Artikeln, die zwischen 1958 und 1963 verfasst wurden. Vgl. Lenz, Siegfried: Bertolt Brecht [Prosa], DLA: HS010860543. — 2 Seit 1936 setzte sich Brecht immer wieder intensiv mit Konstantin S. Stanislawskis Schauspieltheorie auseinander.

Eva Kissel

»Gesammelt und abgelegt und aufbewahrt«Der Nachlass von Siegfried Lenz im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Siegfried Lenz hat viele Fragen gestellt: Ob Dichten pathologisch sei, wollte er wissen;1 ob es »nötig, ratsam und möglich [ist], eine Schule für den schriftstellerischen Nachwuchs in Deutschland zu errichten«.2 Er prüfte, wie »funkisch« der Funk ist3 und wie man sich das Jenseits vorzustellen habe.4 Seine Erzählinstanzen ließ er fragen, welchen Wert ein Leben haben soll, wenn jeder Tod es lächerlich machen kann.5 Und gibt es eine Geschichte, von der wir sagen könnten, sie sei ausschließlich die unsere?6 Unter dem Titel »Was keimt denn da?«7 schrieb er einen offenen Brief an eine Kartoffel. In seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stellte er sich 1988 die Frage, welche absehbaren Folgen wohl der gigantische Energieverbrauch für die Erdatmosphäre haben wird.8

Wer den Schriftsteller seinerseits befragen möchte, wird nach dessen Tod 2014 nicht umhinkommen, seine Bücher wieder zu lesen. Und es scheint, als sei es Lenz ohnehin am liebsten gewesen, seine Texte für sich sprechen zu lassen: 1982 sagte er in einem Interview: »Ich bin in allen meinen Figuren.«9 Zu Autor und Werk ist nun ein weiterer Zugang verfügbar: Siegfried Lenz’ Nachlass. Was kann dieser uns erzählen? Welche Antworten geben? Und welche neuen Fragen stellen?

Im April 2014 gab Lenz bei einem Besuch in Marbach bekannt, dass er seinen persönlichen Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv (DLA) anvertrauen möchte – streng genommen handelt es sich also um einen Vorlass. Er spürte in der Einrichtung das »Gefühl froher Erwartung«, entgegenzunehmen, »was sich in den Jahrzehnten auf, neben und unter [s]einem Schreibtisch angesammelt hat«.10 In den Beständen des DLA ist Lenz als großer deutschsprachiger Gegenwartsliterat bereits vor Aufnahme des Nachlasses überall vertreten: Die Bibliothek beherbergt so gut wie alle deutschsprachigen Veröffentlichungen von ihm und über ihn, Zeitschriften- und Sammelbeiträge, Rundfunkmanuskripte, Verfilmungen und Hörspiele inklusive. Die Zeitungsausschnittsammlung des Hauses zu Autor, Werk und Wirkung beginnt im Jahr 1951. Auch in den Handschriften-Magazinen ist er schon längst angekommen – vertreten in Vor- und Nachlässen von Paul Alverdes, Alfred Andersch, Paul Celan, Hilde Domin, Willy Haas, Ernst Jünger, Günter Kunert, Wilhelm Lehmann und Marcel Reich-Ranicki sowie in den Archiven des Suhrkamp Verlags, der Agentur Ruhr-Story und der Zeitschrift »Merkur«, um nur eine Auswahl zu nennen.

Nach Lenz’ Tod im Oktober 2014 wird das Material in mehreren Transporten aus Hamburg in Umzugskartons angeliefert. Da die gängigen Vordrucke wie »Schlafzimmer« oder »Wohnzimmer« auf der Pappe für diesen Zweck nicht hilfreich waren und die Kisten lediglich mit »S. Lenz« beschriftet wurden, ist jedes Öffnen ein Überraschungsmoment. Zumeist blickt man auf beschriftete Leitz-Ordner und prall gefüllte Papiersammelmappen, auf Kladden und Notizhefte. Zwischen solchen Konvoluten finden sich auch zahlreiche, zusammenhangslos wirkende Einzelbriefe, Zeitungsausschnitte und Dokumente wie zum Beispiel Urkunden. Die Materialien werden je nach Verschmutzungsgrad dem prüfenden Blick des Referats Bestandserhaltung unterzogen, das Reinigungsmaßnahmen vornimmt. Eine grobe Vorsortierung trennt dann etwa Manuskripte – Briefe – Dokumente; Postkarten – Fotos – Rundfunk; Erinnerungsstücke – Zeitungsartikel – Sonstiges. Ohne je das Magazin erreicht zu haben, wird die »Deutschstunde« an diesem Punkt sofort kopiergesichert und in die Dauerausstellung des Museums gelegt. Das Projekt startet 2017 mit der Feinsortierung und anschließender Katalogisierung. Das Kontingent von drei Jahren wird – unter Berücksichtigung von zeitneutralen Verlängerungen – eingehalten.

Wie wird ein solcher Nachlass erschlossen? Die Methoden richten sich nach hauseigenen Regelwerken, bibliothekarischen Standards und Forschungsansprüchen. Die Hausregeln sind historisch gewachsen und nicht grenzenlos flexibel. Bibliothekarische Standards möchten Einheitlichkeit und Auffindbarkeit gewährleisten, setzen dabei auf Normierung und Anschlussfähigkeit. Archiv-Ordnungen orientieren sich klassischerweise am Provenienzprinzip, das den Anspruch erhebt, Herkunftszusammenhänge zu bewahren und sichtbar zu machen. Eine Briefbeilage, sei es ein weiterer Brief, ein Zeitungsausschnitt oder eine Notiz, würde dem Schreiben nicht ohne Weiteres entnommen. Zugleich hat dieses Vorgehen Grenzen. Noch einmal der Blick in die Umzugskartons: Wir stoßen zwischen allerlei anderen Unterlagen auf einen einzelnen Brief von Heinrich Böll an Siegfried Lenz und dies, obwohl es bereits an anderer Stelle ein Briefkonvolut desselben Absenders gibt. Was sagt uns der Einzelbrief? Ist er von besonderer Bedeutung und deshalb nicht bei den anderen abgeheftet worden? Ist er einfach vergessen worden und aus Nachlässigkeit in die Unterlagen gerutscht? Eine Sonderbehandlung des Briefs ist hier kaum möglich. Der Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit und auch der schnellen Bearbeitung halber wird dieser Brief zum Konvolut Böll/Lenz geordnet. Insgesamt orientiert man sich im DLA am sogenannten »Marbacher Memorandum«, einem Schema, dem im Idealfall alle handschriftlichen Bestände folgen. Der zentrale Orientierungspunkt ist die oder der »Bestandsbildner*in«, in unserem Fall also Siegfried Lenz. Unterschieden werden die Papiere von ihm, an ihn oder über ihn. Was übrig bleibt, sind Papiere »Anderer«.

Am Anfang der Aufstellung des Lenz’schen Nachlasses liegen dessen Manuskripte, über 1100 an der Zahl. Die Ordnung erfolgt alphabetisch. Den Einstieg macht die Ordnungsgattung Gedichte – eine also, mit der man Siegfried Lenz eher nicht in Verbindung bringt. Tatsächlich aber schrieb der Autor hin und wieder Gelegenheitsgedichte, in früheren Jahren vor allem Naturlyrik.11 So gut wie immer undatiert erzählt schon äußerlich das vergilbte Papier von den Nachkriegsjahren. Lenz’ gut leserliche Handschrift wird sich im Laufe der Zeit kaum ändern. Einige der Gedichte sind in Begleitung beiliegender Zeitungsausschnitte überliefert, die den Text veröffentlicht zeigen. Ist dies nicht der Fall, gibt eine sorgsam geführte Zeitungsausschnittsammlung des Autors manchmal Auskunft. Vermutlich unter der Regie von Lenz’ erster Frau Liselotte versammeln gebundene Bände recht umfänglich die zwischen 1948 und 1986 veröffentlichten Zeitungsbeiträge von und über Lenz. Über die Entstehungszeit bietet außerdem der ursprüngliche Ablageort der Manuskripte Anhaltspunkte: Diese waren in Ordnern abgelegt, die Beschriftungen trugen wie: »Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays etc. Rezensionen (ab 1.5.52)«.

Es folgen die dramatischen Texte: »Zeit der Schuldlosen«, »Das Gesicht«, »Die Augenbinde«, »Haussuchung« und viele mehr. Denn neben den klassischen und bekannten Bühnen- und Hörspieltexten versammelt der Nachlass viele kurzweilige, themenbezogene und wissensvermittelnde Stücke, auch solche für den Kinderfunk.12 Sie liegen in gebundenen Konvoluten vor, die die Jahre 1951 bis 1976 umfassen und die Radiospiele meist als Durchschlag, zum Teil aber auch in handschriftlicher Form versammeln. Ein Blick auf die Inhaltsverzeichnisse der Bände zeigt die enorme Themenvielfalt, die Lenz unterhaltsam aufbereitet: von Geografie und Landschaft über Charaktere und Porträts, Geschichtliches, Naturwissenschaftliches, Politik, Sport und natürlich alles rund um den Themenkomplex Literatur. Als Arbeitswerkzeug könnte bei der Entstehung der variationsreichen und diversen Texte eine eigens angelegte Zeitungsausschnittsammlung gedient haben. In zahlreichen Mappen sammelt Lenz Pressebeiträge zu allen erdenklichen Themen, die sein breit angelegtes Interesse zeigen: von Adorno, Bürokratie und Camus über Kommunismus, Luther, Mäzen bis hin zu Universität, Wandervogel und Zarathustra, um nur eine kleine Auswahl der Sammelfelder zu nennen. Die Beiträge sind von Liselotte Lenz’ Hand mit einem Themen-Schlagwort versehen und feinsäuberlich abgeheftet. Der Eindruck drängt sich auf: Wenn Lenz nicht geschrieben hat, hat er gelesen. Denn obwohl die Pressesammlung nicht durch übermäßige Benutzung strapaziert aussieht, tragen die Artikel doch hier und da Anstreichungen und Markierungen. Es passt ins Bild: Lenz war ein Kopfarbeiter. Er erfasst die Wirklichkeit, die ihn umgibt, genauestens, ohne sich jedoch materiell oder haptisch stark an sie zu binden, sie zu durchwühlen.

Neben den oben genannten Rundfunkbänden, deren Texte Manuskriptcharakter aufweisen, sind in der Mediendokumentation des DLA ferner solche Rundfunkwerke zu entdecken, die offiziell gestempelt als Sendemanuskript aufbewahrt werden. In den zahlreichen Briefen mit den bundesdeutschen Rundfunkanstalten ist ergänzend zum Werk auch der zugehörige gedankliche wie geschäftliche Austausch dokumentiert. Ein Blick in die frühe Korrespondenz mit dem Süddeutschen Rundfunk beispielsweise zeigt eine vorsichtige Kontaktaufnahme von 195413 – Lenz schrieb an Martin Walser, den er ein Jahr zuvor bei der Mainzer Tagung der Gruppe 47 kennengelernt hatte, und schickte ihm das Manuskript »Eros im Stimmbruch«. »Herr Dr. Walser«14 antwortete nicht selbst, leitete das Manuskript aber an Redakteur Heinz Huber weiter, der Lenz trotz einer Absage ermunterte, weitere Vorschläge einzureichen, und dies sowohl für die Feature-Redaktion als auch die Fernsehabteilung. Lenz bot schnell mehrere Ideen aus ganz unterschiedlichen Themenbereichen an, allerdings ausschließlich als Radiofeature. Daraufhin befragt, wieso er auf die Fernsehstücke nicht eingegangen sei, schreibt Lenz, dass er zwar große Lust habe, ihm aber nichts Rechtes einfalle. Auf diese Offenheit und Ehrlichkeit, aber auch auf Ehrfurcht und Bescheidenheit trifft man immer wieder bei Lenz. Laut dem »Ostpreußenblatt« wird »Eros im Stimmbruch: Wie sich die Liebesdialoge gewandelt haben« schließlich am 29. März 1955 im Radio Bremen ausgestrahlt15 – Lenz’ Geschichten kamen an in der Radiowelt der Nachkriegsjahre.

Prosatexte bilden den größten Teil innerhalb der Manuskripte des Autors. Bis auf eine Ausnahme, »Brot und Spiele«, sind all seine Romane, insbesondere auch die Großwerke, im Nachlass vorhanden. Zwar nicht immer in allen Entstehungsstufen, aber oft füllen die Unterlagen eines Werks mehrere Mappen, gar bis zu einem grünen Kasten. Er fasst in etwa zwei gut gefüllte Leitz-Ordner und ist als Maßeinheit eine feste Größe in Marbach. Anhand der Werkkonvolute lässt sich Lenz’ Arbeitsweise recht gut veranschaulichen: Meistens gibt es einige Notizen, Gedankenskizzen, Figurenaufstellungen, manchmal kleine Zeichnungen. Auch sind zum Teil Zeitungsausschnitte oder sonstige Druckschriften beigelegt. Die Manuskriptseiten sind von oben bis unten beschrieben, Absätze werden mit einem kleinen Haken markiert, kein Platz verschwendet. Im Text wird nur noch marginal ergänzt, diese Ergänzungen werden teilweise wieder gestrichen. Es scheint, Lenz habe mit Hilfe der Notizen und Skizzen gedanklich alles ausgearbeitet und in der Folge seine Texte weitestgehend druckfertig niederschreiben können. Aber auch Entwurfsseiten wurden gelegentlich aufbewahrt.

Abgetippt werden die handschriftlichen Seiten schließlich von Liselotte Lenz. Schon früh anerkennt ihr Mann diese Arbeit, wie ein zwischen den beiden ausgehandelter Vertrag zeigt, der eine Entlohnung vorsieht:

Siegfried Lenz: »Honorar-Vertrag zwischen Liselotte Lenz und Siegfried Lenz über Entlohnung für Sekretariats-Arbeiten«, DLA: HS011279799. Foto: DLA Marbach.

Ohne Liselotte Lenz, auch dies zeigt der Nachlass, ist der Erfolg ihres Mannes wohl nicht denkbar. Und das liegt sicher nicht nur an den gepressten vierblättrigen Kleeblättern, die vermutlich sie zwischen die Manuskriptseiten legte. Sie ist Lenz’ Assistentin, korrespondiert mit Verlagen, stimmt Termine für Lesereisen ab und sammelt, ordnet, verwaltet. Ist es möglich, auch diese Arbeit in der Ordnung und Erschließung eines Nachlasses abzubilden? Zum Teil – beispielsweise über die Bildung eines Kryptobestandes, in dem ein sogenannter ›Regierungswechsel‹, also ein Wechsel der bestandsbildenden Person dafür sorgt, dass sich nicht mehr alles um Herrn, sondern nun um Frau Lenz dreht. Waren Briefe ausschließlich an sie adressiert, sind diese somit an separater Stelle und nicht zwischen den Briefen an Siegfried Lenz abgelegt. Hier ist die Waage zu halten zwischen Zerstückelung des Bestands auf der einen Seite und Sichtbarmachung von Eigenständigkeiten auf der anderen. Mit Liselotte Lenz wird der Bestand noch facettenreicher als ohnehin: Als Malerin trägt sie das Künstlerische in ihn hinein, als Naturschützerin den Fokus auf eine bewahrenswerte Umwelt. Als sie 2006 stirbt, macht sich das auch in der Ordnung des Schriftstellerarchivs bemerkbar. Die Briefe sind nicht mehr wie zuvor geordnet und abgeheftet, die Materialien erscheinen weitaus chaotischer. Bald aber ziert Ulla Reimers Handschrift Umschläge und Ordnungskategorien. Lenz wird ihr die »Schweigeminute« widmen und sie im Alter von 84 Jahren heiraten.

In der Rubrik Prosa finden sich neben den schon erwähnten Großwerken des Autors unzählige Erzählungen und Essays, Vor- und Nachworte, Rezensionen und Interviews. Lenz’ Produktivität ist außerordentlich. Mit der Erschließung geht stets eine kurze Recherche zu Veröffentlichungen dieser Texte einher. Hierbei spielt die Bibliothek des DLA eine wichtige Rolle, die das veröffentliche Werk eines Autors im Idealfall lückenlos abbildet. Die Frage, ob ein Text bereits veröffentlicht ist, kann im Rahmen eines Erschließungsprojekts manchmal nicht endgültig geklärt werden und wird der Forschung überlassen. Spannende Funde wie die des Romans »Der Überläufer« (2016) und des Märchens »Florian, der Karpfen« (2021) gab es bereits. Während die Zuordnung von Entwürfen oder einzelnen Textseiten zu bekannten und umfangreicheren Werken meist verhältnismäßig einfach ist, gibt es im Nachlass viele kurze Texte, die bisher keinen sogenannten »Drucktitel« tragen, einen Titel also, unter dem sie veröffentlicht gefunden wurden. Dazu gibt es eine Mappe mit Fragmenten und eine mit bisher nicht zuzuordnenden Texten und Notizen. Mehrere Notiz- und auch Studienhefte stellen ebenfalls wichtige Quellen dar. Die »Notizhefte Studium« enthalten Vorlesungsmitschriften, Ausarbeitungen und Abhandlungen, aber auch Prosafragmente und Gedichtentwürfe. Sie zeigen einen jungen, hoch aufnahmefähigen und intelligenten, aber auch suchenden Siegfried Lenz. Ein Tagebuchschreiber war Lenz hingegen nicht. Bis auf das »Amerikanische Tagebuch«, in dem er die Erlebnisse der 1962 angetretenen USA-Reise festhält,16 sowie ein Reisetagebuch, das, geschmückt mit Fotos und Aquarellzeichnungen, die Hochzeitsreise des Ehepaars Lenz dokumentiert, finden sich im Nachlass nur zwei spärliche Versuche, das Tagesgeschehen festzuhalten – diese brechen nach wenigen Einträgen ab oder verlieren sich im Philosophisch-Abstrakten. Da Lenz seine Person betreffend nicht sehr mitteilsam war, sei auch auf die Ordnungskategorie »Autobiografisches« hingewiesen, unter der zum Beispiel entsprechende Interviews katalogisiert wurden.

Obwohl so zurückhaltend, zeigen Tausende von Briefen im Nachlass, wie nahbar Lenz doch war. Knapp 6000 Datensätze gibt es, und dabei arbeitet das DLA nicht mit Einzelbriefaufnahmen. Beim sicherlich größten Anteil handelt es sich um Leser*innenpost, zum Teil bezeugen Folgebriefe, dass Lenz geantwortet haben muss. Ins Archiv kamen auch ein Ordner mit der Aufschrift »Besondere Leserbriefe« sowie solche, die die Rezeption einzelner Werke betreffen. Wie weit die Fanliebe gehen kann, sieht man an Karin Hillenstedt. Die Hamburgerin legte ein eigenes Siegfried-Lenz-Archiv an, in dem sie systematisch alle Veröffentlichungen und Kritiken zusammentrug. Im DLA vorhanden ist nur ein Teil dieser Sammlung, der zufällig auf einem Flohmarkt entdeckt und vor der Entsorgung bewahrt wurde.

Die Briefe im Nachlass belegen vor allem ein weitreichendes und beeindruckendes Netzwerk von Kontakten und Begegnungen. Selbstredend stark vertreten sind bekannte zeitgenössische Schriftsteller*innen und zahlreiche Institutionen des Literaturbetriebs. Als interessanter und ergiebiger Briefwechsel ist der mit der Agentur Ruhr-Story zu nennen: Gunhild und Ernst-Adolf Kunz, der auch unter dem Pseudonym Philipp Wiebe auftritt, bringen Lenz’ Geschichten auf den Markt und fragen dabei immer wieder, woran er gerade arbeitet. Als Literaturagent*innen nehmen sie Lenz das aufwendige Verwertungsgeschäft ab; erfolgreich an Zeitungen oder Zeitschriften vermittelte Texte werden in einem Buch mit dem Titel »Autoren-Konto« erfasst. Ein Blick in die Korrespondenz und die zugehörigen Kontobücher ist in jedem Falle lohnend, um Entstehungs- und Publikationsgeschichten nachzuvollziehen.17

Die Briefe dienen als unerlässliches Mittel der Freundschaftspflege, unter den Briefpartnern genannt seien hier die Schriftsteller Jürgen Bartsch und Uwe Herms, der Germanist Theo Elm, Verleger Albrecht Knaus und der Redakteur Ekkehart Rudolph. Der Austausch dieser nur beispielhaft ausgewählten Korrespondenzen reicht über mehrere Jahrzehnte. Eine Abgrenzung zwischen geschäftlicher und privater Post, die die Ablage im Magazin bestimmt, scheint oftmals kaum möglich. Wann wird der Bundeskanzler Helmut Schmidt vom Regierungschef zum Freund? Wohin mit dem Schreiben, auf dem sich der Verleger Heinz Friedrich unter dtv-Briefkopf nach dem letzten Urlaub erkundigt? Die Bearbeitung eines Nachlasses drängt eine bewegliche Welt in eine starre Ablage. Sie erscheint bisweilen als ein unverzeihlicher Eingriff und kann nie vollständig abbilden, was wirklich war. Hauptanliegen eines Archivs sind jedoch die Auffindbarkeit und Nutzbarkeit auf der einen Seite sowie die langfristige, geschützte Aufbewahrung auf der anderen. Der Nachlass Lenz ist dabei ein verhältnismäßig konsistenter und lückenlos überlieferter Bestand, der nicht von Exil, Zerrissenheit oder Zerwürfnissen erzählt, sondern Stetigkeit und Beständigkeit aufweist. Insgesamt handelt es sich um einen texthaltigen und eher konventionellen Nachlass, neue mediale Formen und Multimediadokumente sind kaum vorhanden, auch Erinnerungsstücke und Fotos halten sich in Grenzen.18 Plastizität strahlt er nur dann aus, wenn Kaffeeflecken das Papier zieren oder Tabakkrümel ihren Duft verströmen. Auch ist der Entstehungsort der Schriften meist unklar. Sie tragen zwar einen Adresskopf, dieser entspricht jedoch nicht immer den eigentlichen Bewegungen und Aufenthalten (Lesereisen usw.).

Siegfried Lenz an Deutschland (Bundesrepublik). Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen, DLA: HS012071023. Foto: DLA Marbach.

Wer tagtäglich mit den Dokumenten arbeitet, der Spitznamen und Eigenheiten kennt, für den ergibt sich kein in erster Linie wissenschaftlicher, sondern ein persönlicher Blick auf Nachlass und Autor. Doch auch bei der eher formalen Erschließung eines Nachlasses gewinnt man einen allgemeinen Eindruck. Und das Gesamtbild von Lenz, das sein persönliches Archiv von ihm zeichnet, ist das eines hoch produktiven, literarisch geschätzten, gesellschaftspolitisch wachen und herzlichen Menschen, der weiß, dass es Möglichkeiten zu richtigem und falschem Handeln gibt, die stark von den umgebenden Verhältnissen abhängen, ohne dass diese die Verantwortung des Einzelnen schmälern. Lenz schreibt: »Ein lächerlicher Mensch aber wird immer mein Mitgefühl finden.«19 Und auch dies zeigt der Nachlass: Lenz’ Empathie und Einsatz für die, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sinnbildlich dafür steht ein Brief an den Postminister, in dem der inzwischen weltberühmte Schriftsteller um die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an die Landbriefträgerin Käthe Wagner bittet (siehe S. 12).

Mit dem Nachlass ist ein reicher Fundus erschlossen und der Forschung und Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Lenz’ vielfältiges Schaffen und Wirken ist gegenwärtig – in über 130 grünen Kästen »gesammelt und abgelegt und aufbewahrt«.20

1 Vgl. Siegfried Lenz: »Ist Dichten pathologisch«, DLA: HS010868701. — 2 Siegfried Lenz: »Ist es nötig, ratsam und möglich, eine Schule für den schriftstellerischen Nachwuchs in Deutschland zu errichten?«, DLA: HS01086872X. — 3 Vgl. Siegfried Lenz: »Wie funkisch ist der Funk?«, DLA: HS010902699. — 4 Vgl. Siegfried Lenz: »Wie stellt man sich das Jenseits vor?«, DLA: HS01097114X. — 5 Vgl. Siegfried Lenz: »Zeit der Schuldlosen«, München 1988 (= dtv 10861), S. 37. — 6 Siegfried Lenz: »Stadtgespräch«, hg. von Stefan Descher, Hamburg 2017, S. 239. — 7 Siegfried Lenz: »Was keimt denn da? Offener Brief an eine Kartoffel«, DLA: HS010902483. — 8 Siegfried Lenz: »Am Rande des Friedens. Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1988«, Hamburg 1988, S. 23. — 9 Erich Maletzke: »Siegfried Lenz. Eine biografische Annäherung«, Springe 2006, S. 67. — 10 »Siegfried Lenz im Deutschen Literaturarchiv Marbach«, Pressemitteilung 18/2014 des Deutschen Literaturarchivs Marbach, 5.4.2014. — 11 Anna Bers gibt in ihrem Beitrag »Lenz’ Gedichte« einen ersten Überblick über das lyrische Werk, vgl. S. 41–53. — 12 Über eines dieser Hörspiele schreibt Julia Benner in ihrem Beitrag in diesem Band: »Honigkuchen und Krieg«, vgl. S. 27–40. — 13 Vgl. Siegfried Lenz an den Süddeutschen Rundfunk, DLA: HS012893614 und Süddeutscher Rundfunk an Siegfried Lenz, DLA: HS01238737X. — 14 Siegfried Lenz an den Süddeutschen Rundfunk, a. a. O. — 15 Vgl. »Wir hören Rundfunk«, in: »Das Ostpreußenblatt«, 26.3.1955, S. 10. — 16 Über das amerikanische Tagebuch schreibt Kai Sina in seinem Beitrag in diesem Band: »Westbindung und Nachkriegsliteratur«, vgl. S. 106–119. — 17 Die Kontobücher sind nicht Teil des Nachlasses, sondern zu finden im Bestand »A:Ruhr-Story«. — 18 Vorbehaltlich eventueller Nachlieferungen. — 19 Siegfried Lenz: »Über den Schmerz«, München 2000, S. 20. — 20 Siegfried Lenz: »Deutschstunde«, hg. von Günter Berg, Hamburg 2017, S. 402.

Günter Berg

»… da gibt’s ein Wiedersehen«. Zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte von Lenz’ Roman »Der Überläufer«

Die Entstehungs- und Publikationsgeschichte seines zweiten Romans »Der Überläufer« ist im Werk von Siegfried Lenz beispiellos. Bis zu seinem Tod im Oktober 2014 ist über diesen Roman nahezu nichts bekannt. Die wenigen Indizien, die rund um die Entstehungszeit auf sein geplantes Erscheinen im Frühjahr 1952 hingewiesen hatten, sind vergessen. Der Verlag Hoffmann und Campe hatte vehement gegen eine Veröffentlichung des Romans plädiert, hatte sich bei seinem Autor durchgesetzt, und in den Jahren danach gerieten auch die Teile des Manuskripts, die zunächst noch für eine Veröffentlichung in Betracht gezogen worden waren, in Vergessenheit.

Siegfried Lenz ist 24 und schon fast zwei Jahre mit Liselotte verheiratet, als sein erster Roman »Es waren Habichte in der Luft« in der Tageszeitung »Die Welt« zwischen dem 24. Oktober und dem 25. November 1950 vorabgedruckt wird. Für Lenz ist die günstige Aufnahme seines Erstlings und die Zuversicht, die der Verlag Hoffmann und Campe mit seiner schriftstellerischen Arbeit verbindet, Anlass genug, sich auf sein Talent als Autor zu verlassen und künftig als freier Schriftsteller leben zu wollen: Er kündigt seine Stelle bei der »Welt«. Auch Liselotte Lenz verlässt ihre Anstellung bei der Tageszeitung, und so begründen die beiden in einer Mansarde in der Isestraße in Hamburg ihr gemeinsames Leben wie eine lebenslange, produktive Zusammenarbeit.

Noch bevor die Buchausgabe seines ersten Romans erscheint, schließt Hoffmann und Campe Ende März 1951 den Vertrag für einen zweiten Roman mit dem Arbeitstitel »… da gibt’s ein Wiedersehen«. Es ist anzunehmen, dass Lenz mit der Arbeit daran unmittelbar nach der Rückkehr von einer Schiffsreise nach Nordafrika beginnt, wohin das junge Paar ab Sonntag, 15. April 1951, mit der M/S Lisboa ab Bremen gereist war; die Reise führte über Melilla und Tanger nach Casablanca.1 Die Arbeit währt über den ganzen Sommer. Der Verlag erhält im Oktober 1951 ein Exemplar der ersten Fassung, ein 276 Blatt umfassendes Typoskript, das Lilo Lenz getippt hatte.2

Der promovierte Literaturwissenschaftler Otto Görner, der Lenz bereits bei der Veröffentlichung der Buchausgabe von »Es waren Habichte in der Luft« betreut hatte, wird jetzt mit dem Lektorat des zweiten Romans betraut. Görner lebt seit Kriegsende in Karlsruhe und reist nur gelegentlich nach Hamburg, um Gespräche mit Verlagsmitarbeiter*innen oder Autor*innen zu führen.

In seinem Verlagsgutachten zum »Überläufer«, das die Lektüre des Manuskripts voraussetzt, fasst Görner die Romanhandlung eher kursorisch zusammen. Insbesondere auf die »Bruchstelle« nach Kapitel 8 weist er dabei hin. Bei allen kompositorischen Mängeln, deren mögliche Behebung er an ausgewählten Stellen konkret aufzeigt, betont er doch auch eine »Tendenz« des Romans und bemerkt den Pazifismus der beiden Hauptfiguren. Alles in allem beurteilt Görner den Roman jedoch positiv: Die Geschichte sei so spannend wie gut geschrieben, sie lasse ihre Leser nicht mehr los. Ideologische Bedenken wie auch die Sorge vor einer ungünstigen öffentlichen Reaktion und die Hinweise auf formale oder kompositorische Schwächen des Manuskripts halten sich in seinem Gutachten an die Verlagsleitung und an den Verleger Kurt Ganske die Waage.

Wesentliche Zweifel scheint es jedoch nicht gegeben zu haben: Görner schickt sein Exemplar des Typoskripts sogleich an den Feuilletonchef der »Neuen Zeitung« mit der Bitte, den Roman für einen Fortsetzungsdruck zu prüfen. »Die Neue Zeitung« ist das wichtigste Zeitungsprojekt der amerikanischen Besatzungsmacht in Deutschland. Sie war in München als große, überregionale Zeitung initiiert worden (unter anderem vom aus dem Exil zurückgekehrten Hans Habe), erschien ab Mitte Oktober 1945 und war in ihrer Ausstrahlung und Bedeutung etwa mit der Tageszeitung »Die Welt« in der britischen Besatzungszone vergleichbar, für die Siegfried Lenz ja ab 1948 gearbeitet hatte und in der vor den »Habichten« einige seiner frühesten Erzählungen erschienen waren.3

Möglicherweise ist der Verlag unsicher, er gibt gleich mehrere Verlagsgutachten in Auftrag. Nach dem Lektor Görner wird die Literaturwissenschaftlerin Dr. Ursula Jaspersen mit der Lektüre der ersten Fassung des Manuskripts betraut.4 Auch sie kennt die »Habichte« und scheint schon dadurch geeignet, die neue Arbeit des Autors zu beurteilen. Offenbar sind für den Roman die Titelvarianten »Der Sumpf« und »… da gibt’s ein Wiedersehen« parallel in der Diskussion. Ursula Jaspersen rät zum ursprünglichen, bereits im Vertrag fixierten Titel für das neue Buch, der ihr wesentlich besser zur Handlung zu passen scheint. Bemerkenswert ist, wie Jaspersen den Roman in äußerst konziser Form zusammenfasst, dem Autor bescheinigt, sich von einigen in seinem Erstling noch spürbaren Fesseln befreit zu haben, um es sich nunmehr »leisten zu können«, derart frei mit der Handlungszeit und den Handlungsorten umzugehen. Sie glaubt an einen Erfolg des Romans und bewertet das Überläufergeschehen nur als einen von mehreren potenziell anstößigen Handlungszügen.

Einen dritten Text verfasst Peter Dreessen, Autor von Sachbüchern über Deutschland und Europa bei Hoffmann und Campe, auch von Drehbüchern für TV-Features und Regisseur. Sein Lektoratsbericht ist weniger ein Gutachten über die Möglichkeiten einer Verbesserung des Manuskripts als vielmehr eine Einschätzung der Erfolgsaussichten des Romans. Dreessen windet sich aus dem literarischen Urteil heraus, sieht Stärken und Schwächen gleichermaßen, prophezeit eine »erregte […] den Verkauf fördernde Debatte« des Überläuferthemas und ist sich sicher, dass es »viel Lärm um dieses Buch geben kann«.5

Anders als Otto Görner, dem vor allem an den Möglichkeiten zur Verbesserung des Romans für die Publikation gelegen sein muss, und auch anders als Ursula Jaspersen, die das Potenzial der offenen Handlung und die Vielfalt der verwobenen Themen klar erkennt, warnt Dreessen den Verlag vor den Schwierigkeiten, die eine Publikation mit sich bringen würde, mutmaßt, dass der junge Autor sich möglicherweise über die Wucht seiner eigenen Geschichte nicht im Klaren sei, und fixiert nur mehr das »Thema« des Romans – in der Sorge, dass »das Gewebe der Geschichte reißt unter der Last der Problematik«.

Von da an scheint vor allen Dingen das heikle Überläuferthema für Aufmerksamkeit gesorgt zu haben, aufgeworfen von einem jungen Autor, der sich der Tragweite der von ihm erzählten Geschichte nicht bewusst zu sein scheint. Görner und Jaspersen beschreiben die zu leistende Arbeit an dem Manuskript, Dreessen warnt vor der Publikation des Buchs überhaupt.

Mitte November 1951 kommt es in Hamburg zu einem Treffen zwischen Otto Görner und dem Autor. Die Zusammenfassung dieses ausführlichen Manuskriptgesprächs über die vorliegende erste Fassung des Romans ist ein Brief, den der Lektor am nächsten Tag handschriftlich auf der Zugfahrt von Hamburg nach Karlsruhe verfasst und an den Verlag expediert. Dort wird dieser Brief des Lektors an den Autor abgetippt und, um weitere »Anlagen« ergänzt, erst zwei Wochen später, am Freitag, den 30. November »per Boten« an Siegfried Lenz geschickt.6

Auch verlagsintern wird intensiv über den neuen Roman diskutiert. Die drei vorliegenden Gutachten sind bekannt. Görners Vorschläge nach dem ausführlichen Gespräch mit dem Autor zirkulieren im Haus, Kopien im Verlagsarchiv von Hoffmann und Campe sind versehen mit handschriftlichen Notizen wie »Rücksprache Lenz/Soelter«, also mit dem Verlagsleiter Dr. Rudolf Soelter, und »KG«, dem Kürzel des Verlegers Kurt Ganske. Die ausführlichen Vorschläge, die Görner nach dem persönlichen Gespräch in seinem Brief festhält, mögen im Verlag zu diesem Zeitpunkt noch als Indiz gewertet werden, Bedenken durch eine gründliche Überarbeitung des Manuskripts zerstreuen zu können.

Spätestens mit der Übermittlung der Stellungnahme des Lektors Görner zur ersten Fassung seines Romans Ende November 1951, vermutlich jedoch gleich nach dem Gespräch im Verlag am 12. November beginnt Lenz mit der Überarbeitung. In zwei Monaten intensiver Arbeit strafft und pointiert der Autor vor allem den zweiten Teil des Romans. Aus den ursprünglichen zwölf Kapiteln werden durch neu hinzugefügte Texte und Umstellungen die 16 Kapitel der endgültigen Fassung. Das Ergebnis seiner Überarbeitung schickt Lenz Mitte Januar 1952 an den Verlag, wo der neue Text außer von Görner von einer weiteren wichtigen Mitarbeiterin gelesen und begutachtet wird: Dieses vierte Gutachten, nunmehr zur Überarbeitung des Romans, stammt von Dr. Harriet Wegener, einer langjährigen Mitarbeiterin von Hoffmann und Campe und Vertrauten des Verlegers Ganske.7