The Darkest London - Winterflammen - Kristen Callihan - E-Book

The Darkest London - Winterflammen E-Book

Kristen Callihan

4,3
3,99 €

Beschreibung

Poppy Lane besitzt eine besondere Gabe, die sie vor den Menschen in ihrem Umfeld geheim hält. Doch dann wird ihr Gemahl Winston von einem Werwolf angegriffen, und Poppys ungewöhnliche Fähigkeiten kommen ans Tageslicht. Winstons Vertrauen in sie ist schwer erschüttert. Kann es ihr gelingen, seine Liebe zurückzugewinnen?

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Seitenzahl: 630

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Prolog

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Epilog

Danksagungen

Über die Autorin

Die Romane von Kristen Callihan bei LYX

Impressum

KRISTEN CALLIHAN

The Darkest

London

Winterflammen

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Firouzeh Akhavan-Zandjani & Britta Lüdemann

Zu diesem Buch

Viele Jahre war Poppy glücklich mit Winston Lane verheiratet. Doch ihr größtes Geheimnis hatte sie stets für sich behalten. Als Winston von einem Werwolf schwer verletzt wird, erfährt er nicht nur von ihrer magischen Gabe, sondern auch, dass Poppy stets ein Doppelleben in der Welt des Übernatürlichen geführt hat. Als Winston sich tief enttäuscht von ihr zurückzieht, ist Poppy untröstlich. Sie stürzt sich in ihre Arbeit für die Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher, doch auch dies kann sie nicht davon ablenken, dass sie die Liebe ihres Lebens verloren hat. Da erhält sie eine Nachricht von einem alten Erzfeind, der Winston bedroht. Sie sucht ihren Gatten auf, um ihn vor dem gefährlichen Dämon zu warnen. Als sie ihm jedoch gegenübersteht, wird ihr klar, dass Winston nicht mehr der Mann ist, den sie kannte. Desillusioniert, mit Narben an Körper und Seele, hat er dennoch zu einer neuen Stärke und Härte gefunden, die sie zugleich erschreckt und zutiefst fasziniert. Doch die eine Wunde, die weder Magie noch Medizin zu heilen vermag, ist diejenige, die sie selbst in sein Herz geschlagen hat. Poppy begreift, dass sie nur eine Chance hat, ihre Liebe zu retten, wenn sie ihn fortan schonungslos an dem teilhaben lässt, was sie so lange vor ihm verborgen hat.

Für mich war dies immer irgendwie Alex’ und Laurens Buch. Ohne sie wäre Winston Lane vielleicht in einer dunklen Gasse gestorben, nachdem er von einem Werwolf angegriffen worden war.

Aber das wäre einfach nicht gegangen.

Deshalb danke ich euch, und Winston wird sich diesem Dank ganz bestimmt anschließen!

Prolog

Und nun, ihr lieben Kinderlein, die dieses lesen in der Nacht:

Vor unnütz schönen Worten, die locken gar … habt fein acht.

Verschließt Aug’ und Herz und Ohr vor der schmeichelnden Intrige.

Hört, was ich erzähle von der Spinne und der Fliege.

»Die Spinne und die Fliege«

Mary Howitt

London, 1869, Victoria Station – Ein verheißungsvoller Anfang

Winston Lane konnte sich später nicht mehr daran erinnern, was ihn dazu veranlasst hatte, die Enge seines Erste-Klasse-Abteils zu verlassen und wieder nach draußen auf den Bahnsteig zu treten. Der lange, hohe Pfiff hatte angezeigt, dass der Zug bald abfahren würde. Und trotzdem war da irgendein innerer Drang gewesen, dem er nachgegeben hatte. Vielleicht um noch einmal an seiner Pfeife zu ziehen? Weil er ein bisschen frische Luft brauchte? Seine Erinnerung an den damaligen Moment konnte man allenfalls als verschwommen bezeichnen. Von dem Augenblick an, als er aus dem Zug gestiegen war, hatte sein Leben sich völlig verändert. Und alles wegen einer Frau.

Das, was dann passiert war, stand ihm mit der Deutlichkeit eines schönen Ölgemäldes vor Augen. Dicke weiße Dampfwolken waren über den Bahnsteig gezogen, in denen die wenigen Bahnangestellten, die vor der Abfahrt letzte Aufgaben erledigten, kaum zu erkennen waren und deren Bewegungen etwas von der Schemenhaftigkeit von Gespenstern hatten. Müßig und wie immer interessiert an den Tätigkeiten des einfachen Mannes beobachtete er die Männer, als sie aus den Nebelschwaden auftauchte. Der Szene hätte vielleicht etwas Romantisches anhaften können, wäre sie voller Anmut herangeschwebt, doch nein, diese Frau marschierte. Sie hatte etwas männlich Bestimmtes an sich, als würde ihr der ganze Bahnhof gehören. Und obwohl Winston von Haus aus gelernt hatte, Damen zu schätzen, die ausgesprochen weiblich waren, und jene zu meiden, die keine derartige Ausstrahlung besaßen, erregte ihr Anblick doch sofort seine Aufmerksamkeit.

Sie war groß, fast so groß wie er, diese selbstbewusste Dame, und mit irgendeinem tristen Kleid angetan, welches mit dem schwindenden Licht verschmolz. Einzig das volle, strahlend rote Haar, das sie am Hinterkopf zu einer Art Krone hochgesteckt hatte, stach an ihr hervor. Es war so rot, dass es einem wie eine Boje sofort ins Auge fiel. Ein Blick, und er wusste, dass er sie haben musste. Das war ziemlich ungewöhnlich, da er keiner war, der zu plötzlichen Anwandlungen oder Gefühlsausbrüchen neigte. Und schon gar nicht bei Frauen. Rein theoretisch waren sie natürlich sehr wohl interessant, aber eigentlich war eine wie die andere. Im Alter von neunzehn Jahren hatte er bereits etwas Gesetztes an sich: Ordnungsliebend, auf Bücher versessen und vernünftig. Nur dass der Schlag, der ihn traf, als sie vorüberging und ihre dunklen Augen unter den schönen geschwungenen Augenbrauen blitzten, mit Vernunft nicht zu erklären war.

Die Pfeife entglitt Winstons Fingern und fiel auf den Boden, während er wie gebannt dastand und sich mit offen stehendem Mund bestimmt zum Narren machte. Sie schien ihn gar nicht bemerkt zu haben, sondern ging einfach weiter, wobei ihre langen Beine sie schnell an ihm vorbeitrugen und sie zu entschwinden drohte. Das konnte er nicht zulassen. Sofort setzte er ihr nach.

Er lief schon fast, um sie einzuholen. Aber das war es wert. Der Duft von ledergebundenen Büchern und Zitronen hüllte sie ein, und ihm schwirrte der Kopf. Der Geruch von Büchern und einer gepflegten Frau. Hatte Gott jemals ein himmlischeres Parfüm kreiert? Sie war jung. Vielleicht sogar jünger als er selbst. Ihre helle Haut glatt, faltenlos und ohne Makel bis auf die winzigen Sommersprossen kurz über dem Ohrläppchen. Er verspürte den schier überwältigenden Drang, in dieses Ohrläppchen zu beißen.

Sie behielt ihren raschen Schritt bei und warf ihm nur einen Seitenblick zu, als wollte sie ihn warnen. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus. Es war wirklich ausgesprochen unhöflich von ihm, sich der jungen Dame in dieser Weise zu nähern, ohne ihr vorgestellt worden zu sein. Andererseits waren sie die Einzigen, die sich auf dem Bahnsteig befanden, und er war nicht so dumm, sie aus den Augen zu verlieren.

»Verzeihung«, sagte er etwas atemlos, denn diese Frau war wirklich schnell unterwegs, »mir ist klar, dass es ziemlich dreist ist, und normalerweise würde ich nie …«

»Nie was?«, unterbrach sie ihn … ihr Tonfall so kühl und beißend wie frisch gefallener Schnee. »Nie junge Damen in ungehöriger Form ansprechen, die die Kühnheit besitzen, sich ohne Begleitung in der Öffentlichkeit zu zeigen?«

Tja, wenn er genauer darüber nachdachte, sollte sie wirklich jemanden bei sich haben, der über sie wachte. Sie schien nicht aus wohlhabendem Hause zu sein, deshalb erwartete er keine Zofe, aber eine Schwester oder vielleicht eine Tante? Oder einen Ehemann. Ein Schaudern ging durch seinen Körper bei dem Gedanken, dass sie verheiratet sein könnte. Er gab sich innerlich einen Ruck, denn er merkte, dass er sie anstarrte und sich dabei die gerade Nase und den anmutigen Schwung ihres Kieferknochens einprägte.

»Ich würde mir niemals die Freiheit erlauben, Sie in ungehöriger Weise anzusprechen, Ms. Es wäre mir sogar ein Vergnügen, den Schurken, der es wagt, sich Ihnen in dieser Form zu nähern, in seine Schranken zu weisen.« Jetzt klang er doch tatsächlich wie ein selbstgefälliger Pedant und Heuchler.

Sie grinste. »Dann lassen Sie mich raten. Sie sind Mitglied in der Gesellschaft zum Schutze junger Damen und Unschuldslämmer und wollen dafür sorgen, dass ich mir der Gefahren bewusst werde, die auf mich lauern, wenn ich allein unterwegs bin.« Die kühlen braunen Augen glitzerten, als sie ihn ansah, und Winstons Magen, der sich ohnehin schon krampfhaft zusammengezogen hatte, fing jetzt an zu schmerzen. »Oder vielleicht wollen Sie ja auch nur eine Spende?«

Er konnte nicht anders … er musste grinsen. »Und wenn es so wäre, würden Sie mir dann Gehör schenken?«

Sie schob die weichen, rosigen Lippen vor. Ob nun aus Verärgerung oder Erheiterung konnte er nicht sagen. Es war ihm aber auch egal. Er wollte mit seiner Zunge über sie fahren, sodass sie sich wieder entspannten. Die Vorstellung ließ ihn innerlich zusammenzucken. Er hatte doch sonst nicht solch zudringliche Gedanken. Doch sich mit ihr zu unterhalten fühlte sich so natürlich an, als hätte er das schon tausendmal getan.

»Ich weiß nicht … würde es sich denn lohnen?«

Im Handumdrehen war er hart wie Stahl. Seine Stimme bekam einen rauen Unterton. »Ich bin wohl zweifellos in der Lage, meine Tugenden in erhebender Weise darzustellen, es gibt für Sie aber nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob es wirklich stimmt, was ich sage.«

Als sie errötete, überzog ein dunkles Rosa ihre Gesichtszüge, was für einen wundervollen Zusammenprall mit ihrer Haarfarbe sorgte. »Nun, Sie sind auf jeden Fall redegewandt«, murmelte sie, und sein Lächeln wurde breiter.

Sie näherten sich dem Ende des Bahnsteigs. Hinter ihnen stieß die Lokomotive einen letzten, lauten Pfiff aus.

Sein keckes Fräulein zog eine ihrer Augenbrauen hoch. »Sie verpassen Ihren Zug, Sir.«

»Manche Dinge sind es wert, dass man sie verpasst, andere nicht.«

Als sie die Treppe erreichten, blieb sie stehen und sah ihn an. Als sie wieder sprach, war ihr Tonfall hart und unnachgiebig. »Was wollen Sie eigentlich?«

Sie. »Ihren Namen wissen, sodass ich Ihnen einen Besuch in gebührender Form abstatten kann.« Er machte einen Kratzfuß, der so übertrieben war wie jener, den er letztens bei Hofe vollführt hatte. »Winston Lane zu Ihren Diensten, Madam.«

Und wenn es um sein Leben gegangen wäre, hätte er nicht sagen können, warum er ihr nicht seinen vollen Namen gesagt hatte. Er schämte sich für die Lüge und wollte den Fehler schon korrigieren, als diese rosigen Lippen wieder zuckten und alle guten Vorsätze seinem Verstand entfleuchten. Was würde sie dazu bringen, richtig zu lächeln? Wie würde sie von Leidenschaft gerötet aussehen? Ihm wurde heiß.

Ihr Blick ging über seine Schulter hinweg. »Ihr Zug fährt ab.«

Der Bahnsteig zitterte unter seinen Füßen, als der Zug stöhnend den Bahnhof verließ. Er drehte noch nicht einmal den Kopf. »Ich merke«, sagte er und ließ ihr herrlich strenges Antlitz nicht aus den Augen, »dass ich London gar nicht mehr verlassen will.«

Wie nicht anders zu erwarten, hielt sie seinem Blick stand, ohne zu erröten oder die schüchterne Miene aufzusetzen, die bei den jungen Damen, mit denen er es sonst zu tun hatte, so normal war. »Führen Sie sich immer wie ein Narr auf?«

Nie. Aber er brauchte es nicht auszusprechen. Sie durchschaute ihn, und plötzlich sah er ihre Augen zustimmend aufleuchten. Langsam streckte sie die Hand aus, sodass er sie nehmen konnte. »Ms Poppy Ann Ellis.«

Poppy … Mohn. Wegen ihres Haars, nahm er an. Aber für ihn war sie Boudicca, Athene, eine Göttin.

Es gelang ihm gerade noch, sich zurückzuhalten und nicht ganz dicht an sie heranzutreten, um seinen Mund auf ihre Lippen zu legen. Stattdessen nahm er ihre Hand mit der angemessenen Höflichkeit. Seine Finger, die in einem Handschuh steckten, legten sich um ihre, und in seinem Innern kam etwas zur Ruhe. Er zitterte nur ganz leicht, als er ihre Hand an seine Lippen zog. »Ms Ellis, zu Ihren Diensten.« Immer.

Doch noch während er sprach, verschwor sich das Schicksal gegen ihn, um ihn zum Lügner zu stempeln.

1

West End, 28. August 1883

Ein Telegramm, das an den Hauptsitz der Gesellschaft geschickt wurde:

Tochter der Elemente STOP Wir müssen alle ernten, was wir gesät haben STOP Jetzt bist du an der Reihe STOP Ich werde mir nicht das Herz aus Eis aus deiner reizenden Brust nehmen, sondern das zerbrechliche, das in einer anderen schlägt, um damit auf einem Feuerschiff davonzusegeln STOP Wenn ich es in Stücke reiße wirst du den Schmerz des Versagens erinnern STOP Mal wieder STOP

Zu ihrem Salon ging es über eine gewundene Treppe, die nicht nach oben, sondern nach unten führte. Ganz unten, unter die Erde, wo Sonnenlicht und frische Luft niemals hinkamen. Ja, ein richtiger englischer Salon mit elektrischem Licht und guter Luft, für die über ein ausgeklügeltes Ventilatorensystem gesorgt wurde … und alles so überaus modern, dass selbst Leute, die schon alles kannten, einen Moment innehielten und staunten.

Poppy hatte erst vor Kurzem ihrer Schwester Daisy den Weg nach unten gezeigt, was sie allmählich anfing zu bedauern, als sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl zurücklehnte und die beiden Frauen musterte, die vor ihr saßen. Bei einer der Frauen handelte es sich um Daisy, die wie immer eine strahlende Erscheinung war und in einem extravaganten Kleid steckte, welches zweifellos hochmodern, aber gleichzeitig höchst unbequem zu sein schien. Mit überraschender Schnelligkeit war Daisy hinter Poppys Geheimnis gekommen und hatte sich damit das Recht erworben hier zu sein.

Die andere Frau war das Problem. Ms Mary Chase. Oh ja, sie saß zwar betont zurückhaltend und ruhig da, während Daisy in der ihr eigenen Art plapperte, doch der funkelnde Blick des Mädchens ging in alle Ecken und Winkel von Poppys Büro … wobei sie insgeheim auch die winzigsten Informationen beiseiteschaffte, wie es nur ein GIM vermochte.

Ein GIM oder ein Geist in der Maschine war der beste Spion, den die Unterwelt vorzuweisen hatte. Diese Geschöpfe hatten es einem Dämon zu verdanken, dass sie einen unsterblichen Körper besaßen, aus dem ihr Geist jederzeit heraustreten konnte, um überall hinzugelangen und jedem Gespräch zu lauschen. Und jetzt kannte dieser GIM den Weg in Poppys Büro. Verdammt. Poppy hatte Daisy um ein Gespräch gebeten. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Schwester einen Gast mitbringen würde.

»Nun?«, hakte Daisy nach und unterbrach Poppys Gedanken.

Poppy holte kurz Luft und riss sich zusammen. Etwas, das ihr immer schwerer fiel. Sie war innerlich völlig erstarrt und ziemlich sicher, dass sie eines Tages auch äußerlich einfach zu Eis werden würde.

»Du möchtest, dass ich dieses Mädchen zu Mutter bringe«, wiederholte Poppy und spürte die Taubheit in ihren Lippen. Mutter war der Kopf der Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher – eine Organisation, die sich auch darauf konzentrierte zu verhindern, dass die Welt die Wahrheit erfuhr: Die Ungeheuer aus ihren Märchen gab es wirklich. Mutter, die niemand, absolut niemand je gesehen hatte. Also wirklich, manchmal hatte Daisy Nerven. Poppy trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, um dem Drang zu widerstehen, sie ihrer Schwester um den entzückenden Hals zu legen.

Daisy war auch ein GIM. Angesichts eines zu erwartenden langsamen, schrecklichen Todes hatte sie sich dafür entschieden. Um sich zu retten, hatte sie einen Pakt mit dem Teufel geschlossen … und jetzt würde sie niemals sterben. Lange nachdem Poppy bereits zu Staub zerfallen war, würde sie immer noch da sein. Das machte Poppy unendlich traurig, obwohl sie nicht sagen konnte, warum eigentlich.

Daisys Blick fiel auf Poppys trommelnde Finger, und Poppy hörte sofort damit auf. Daisy hatte die gleiche Eigenart, wenn sie aufgeregt war. Ein dummer Fehler also, das ausgerechnet in Gegenwart ihrer Schwester zu machen. Verdammt noch mal.

Als Daisy antwortete, tat sie dies übertrieben geduldig. »Nicht ganz. Ich bin hier, um einen ersten Kontakt zu Mutter herzustellen.«

Poppy erstarrte. Daisy wollte doch nicht etwa das andeuten, was sie vermutete. »Warum hast du dich mit dieser Bitte nicht an Lena gewendet?«, erwiderte Poppy ausweichend.

Daisys Augen blitzten kurz auf. »Ich hatte angenommen, meine Schwester würde ein bisschen entgegenkommender sein. Vielleicht habe ich mich geirrt.«

Poppy wandte als Erste den Blick ab. Sie hatte eine eindeutig unpassende Frage gestellt. Denn Lena war zwar Mutters offizielle Mittlerin, und Bitten an Mutter liefen immer über sie, aber sie war vor Jahren auch Ian Ranulfs Geliebte gewesen. Da Ian jetzt Daisys Ehemann war, fühlten die Frauen sich in der Gegenwart der jeweils anderen nicht sonderlich wohl.

»Hör mal.« Daisy beugte sich vor und schlug einen versöhnlichen Tonfall an. Poppy wusste, dass Daisy normalerweise ihrem Unmut freien Lauf ließ. »Mary ist unser bester GIM.«

»Warum willst du sie dann verlieren?«

Mary Chase regte sich. »Dürfte ich wohl für mich selber reden?« Ihr Blick flammte kurz auf, was Poppy nicht umhin konnte zu bewundern, und so nickte sie. Ms Chase legte die schmalen Hände in den Schoß, während sie Poppy mit unverwandtem Blick anschaute. »Meine Dienstzeit für die GIMs ist zu Ende.« Ihre Hände verkrampften sich kurz. »Mrs Lane, ich möchte eine höhere Position als Regulatorin einnehmen. Das will ich schon seit einiger Zeit.«

Poppy gelang es, nicht zusammenzuzucken, als sie ihren Namen hörte. Mrs Lane. Was für eine Farce. Schließlich hatte ihr Ehemann sie verlassen. Der Schmerz, den sie ständig in ihrer Brust herumtrug, strahlte erst in die Arme und dann bis in die Fingerspitzen aus. Sie ließ nicht zu, dass man es ihr ansah, während ihr Blick über Ms Chase glitt. Die junge Frau wirkte nicht älter als neunzehn, doch laut Poppys Unterlagen musste sie ungefähr in ihrem Alter sein, nachdem sie ihr Leben das erste Mal im Jahre 1873 verloren hatte.

»Ich nehme an, Sie wissen es«, meinte Poppy. »Aber ich fühle mich doch genötigt, Sie daran zu erinnern, dass die Tätigkeit als Regulator keine einfache Aufgabe ist. Es ist ein hartes Leben und oftmals ziemlich kurz.« Regulatoren waren Vertreter der Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher … Männer und Frauen, die in den vordersten Reihen der Welt des Übernatürlichen agierten. Sie hatten es mit Wesen zu tun, die selbst Monstern Alpträume bescherten. Poppy beugte sich ganz leicht vor. »Und glauben Sie mir … der Kopf manches Unsterblichen ist dabei gerollt. Nur weil Sie nicht sterben können bedeutet nicht, dass Sie nicht umgebracht werden können, mein Kind.«

Mary Chase’ braune Augen zogen sich zusammen. »Ich bin kein Kind. Und ich habe keine Angst vor dem Tod.«

Poppy erhob sich, denn sie war nicht bereit, weiter still sitzen zu bleiben. »Das sagen alle.« Sie griff nach ihrem dicken Umhang. »Und dann entdecken sie eines Tages tief in ihrem Herzen, dass sie gelogen haben. Soweit ich weiß, bekommen GIMs keine zweite Chance, wenn sie den Kopf verlieren, nicht wahr?«

»Nein«, sagte Mary nach einem Moment.

»Kommt mit.«

Die beiden Frauen erhoben sich und folgten ihr zur Tür. Poppy ging durch die Tür und hielt sich nicht damit auf zu schauen, ob die beiden hinterherkamen. Draußen saß Mr Smythe an seinem Schreibtisch. Das bleiche Gesicht bildete keinen Kontrast zum grauen Haar. Von seinem Platz aus sah er in einen langen, dunklen Gang, und Poppy fragte sich häufig, wie er es ertragen konnte, Tag für Tag – und manchmal auch ganze Nächte durch – in so einen Abgrund zu schauen. Doch Mr Smythe beschwerte sich nie. Er nickte ihr ehrerbietig zu, als sie vorbeiging. Sie arbeitete jetzt seit vierzehn Jahren mit Smythe zusammen, doch er wusste weder von Winston, noch kannte er ihre Vorliebe für Fleischpasteten, die von Straßenverkäufern feilgeboten wurden. Keiner innerhalb der Gesellschaft kannte sie wirklich. Die Leute neigten dazu, sich von Poppy fernzuhalten, als würden sie ihre Andersartigkeit spüren und wahrnehmen, dass sie nicht wie sie war. Und das war schon ziemlich vielsagend, schließlich verfügten die meisten ihrer Kollegen über Gaben, die als Inbegriff des Überirdischen und Unheimlichen galten. Eigentlich störte es sie nicht, dass man sie in dieser Form ausgrenzte. Sie hatte ja Winston … Poppy wäre fast stehen geblieben. Sie hatte Winston nicht. Er war fort. Und sie war allein.

»Du sollst wissen, dass ich Grund hatte, mit ihr herzukommen«, sagte Daisy leise dicht hinter ihr, während sie durch den mit Steinen gefliesten Gang huschten. Hie und da brannten elektrische Wandlampen, die Daisys blonde Locken in ein stumpfes Gelb verwandelten. Mary Chase folgte ihnen in einem gebührenden Abstand mit unterwürfig gesenktem Blick. Ha. Männer mochten sich vielleicht von einer derartigen Zurschaustellung zum Narren halten lassen, Poppy jedoch nicht.

»Na, das will ich aber auch ganz stark hoffen«, erwiderte Poppy genauso leise. »Du hättest heute beinahe mein Vertrauen verloren, Daisy-Depp.«

Daisy schnaubte verärgert, beschleunigte aber ihren Schritt, um Poppy einzuholen. Sie griff nach ihrem Ellbogen und zwang sie so langsamer zu gehen. »Pop. Hör mir doch mal einen Moment lang zu, ja?«

Alle Muskeln in Poppys Körper wurden kalt und schwer. Sie kannte diesen Tonfall … genau wie das sanfte, ekelhafte Mitleid, das Daisys Blick trübte. »Na«, stieß Poppy zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »dann mal heraus damit. Und erklär mir auch gleich, was das mit Mary Chase zu tun hat.«

Daisy holte tief Luft, um Mut zu fassen. »Sie weiß Bescheid.« Ihre Stimme wurde noch ein bisschen leiser. »Sie weiß, wer du bist.«

Die Anstrengung, die es sie kostete, nichts zu zerschlagen oder jemanden zu erschlagen, ließ Poppy vor Wut und Schreck erstarren. Daisy tat noch einen halben Schritt, während sich ihr Mund wie bei einer Marionette öffnete und schloss und sie eine Hand abwehrend hob. Kluge Frau. Poppy konnte sich keinen Grund vorstellen, warum ihre Schwester ihr Vertrauen in dieser Weise missbraucht hatte.

Poppy ging zum Angriff über. »Hast du etwa völlig den Verstand verloren? Was um Himmels Willen hat dir das Recht dazu gegeben?«

Als Daisy ostentativ schwieg, kamen ihr kurz Bedenken, was Daisy sofort ausnutzte. »Ich sehe ja ein, dass es überaus ärgerlich ist, von der eigenen Schwester manipuliert zu werden.« Poppy sah sie finster an, doch Daisy ignorierte es. »Aber wie du ja immer wieder selber festgestellt hast, habe ich nur die besten Absichten.« Daisy berührte ihren Arm. »Du brauchst eine Gesellschafterin, Pop.«

Poppy lachte rau auf. »Du hältst mich wohl für alt und gebrechlich, was? Erinnere dich bitte daran, dass ich zweiunddreißig bin. Das ist ja wohl kaum steinalt, auch wenn deine Freundinnen aus der feinen Gesellschaft das denken mögen.«

»Ich halte dich nicht für steinalt, Pop«, erwiderte Daisy ruhig. »Ich glaube aber, dass du leidest.«

»Tu das nicht.« Poppy holte zischend Luft. »Bemitleide mich nicht. Niemals, Daisy.«

Es war schon schlimm genug, dass ihre Schwestern von ihrer Trennung von Win wussten. Das war demütigend gewesen. Aber nichts im Vergleich zu der Leere und dem dumpfen, immer gleichbleibenden Schmerz, der sie beherrschte, weil er nicht da war.

Im schwachen Licht schimmerten Daisys Augen wie funkelnde Saphire. Seit sie ein GIM war, riefen Emotionen diese Wirkung bei ihr hervor. »Mitleid und Mitgefühl sind nicht dasselbe.«

»Du hast einen GIM hergebracht, der mir Gesellschaft leisten soll«, fuhr Poppy sie an, »als hättest du Angst, ich könnte etwas Drastisches tun.«

Was für ein Blödsinn. Poppy tat nie drastische Dinge. Sie starb nur innerlich jeden Tag ein bisschen mehr und wünschte sich, die Welt möge endlich verschwinden. Das hatte aber leider nicht sonderlich gut geklappt … die Welt war immer noch da.

Daisy musterte sie. »Mary ist loyal und sehr diskret … und im höchsten Maße vertrauenswürdig. Das schwöre ich bei meinem Leben.«

»Dein Schwur ist hervorragend, denn es könnte sehr wohl sein, dass ich dir gleich das Leben nehmen werde.« Der Gedanke war im Moment nur allzu verlockend.

»Ich fange an zu zittern«, gab Daisy mit einem undamenhaften Schnauben von sich, ehe sie wieder ernst wurde. »Du brauchst jemanden, der dafür sorgt, dass du wachsam bleibst. Und der Himmel weiß, dieses Miststück Lena wird dies nicht für dich tun. Eher wird sie dir ihre Reißzähne in den Nacken schlagen, wenn du ihr den Rücken kehrst.«

»Du solltest allmählich über deine Antipathie gegen Lena hinwegkommen.«

»Papperlapapp«, sagte Daisy und winkte ab, »diese Frau ist mir völlig egal. Und du weißt ganz genau, wie richtig ich mit meinen Äußerungen über ihren Charakter liege.«

Leider hatte Daisy recht. Man konnte Lena wahrlich nicht als ein hilfsbereites Wesen betrachten. Sie verabscheute Schwäche sogar noch mehr als Poppy.

Poppy seufzte und richtete den Blick auf Mary Chase, die etwas außerhalb des Lichtkreises stand, in dem Daisy und Poppy sich unterhielten. Die junge Frau war ein Stückchen zurückgetreten, nachdem sie ganz zu Recht Poppys Wunsch nach einem Mindestmaß an Ungestörtheit gespürt hatte. Poppy drehte sich wieder zu Daisy um. »Ich habe dich hergebeten, weil ich Informationen brauche … kein Kindermädchen.«

»Dann frag, was du wissen willst«, erwiderte Daisy. »Mary wird keiner Seele davon erzählen, und da sie zurzeit meine rechte Hand ist, würde ich es ihr ohnehin sagen. Den finsteren Blick kannst du dir also sparen, Pop.«

Ach, wie gern würde Poppy ihrer Schwester nur ein einziges Mal den Hals umdrehen. Himmel … Daisy würde sich sofort wieder davon erholen, also wäre es noch nicht einmal ein richtiger Mord. Einen Moment lang musterte sie die unerschrockene Mary Chase. Eine gescheite Frau, gewitzt und diskret. Es könnte aber auch alles aufgesetzt sein. Poppys Leben hing davon ab, wie sie sich entschied. Das hieß, sie musste über die Vernunft hinaus auch ihr Bauchgefühl einbeziehen, um zu überleben.

»Na gut, Ms Chase«, sagte sie zu der Frau. »Sie bekommen Ihre Chance.«

Ms Chase machte einen artigen Knicks. »Danke, Mrs Lane.«

»Danken Sie mir noch nicht. Ein Dämon ist seinem Gefängnis entkommen«, berichtete sie den beiden Frauen. »Ich habe es vor einer Stunde von Lena erfahren. Wo er etwa ist, wissen wir zurzeit nur durch ein Telegramm, das von ihm sein kann oder auch nicht. Darin wird ein Feuerschiff erwähnt.« Ihre Hand lag an der kalten Mauer. »Die Gesellschaft muss unbedingt in Erfahrung bringen, wo er ist. Sofort.«

Poppy, die nicht mehr stillstehen konnte, wandte sich ab und stieg mit klappernden Absätzen die gusseiserne Wendeltreppe hinauf. Oben angekommen drehte Poppy den Griff, der mehrere starke Riegel löste. Die schwere Tür schwang geräuschlos auf, und sie wurde von dem vertrauten, beruhigenden Geruch von Büchern und Holzpolitur empfangen, als sie in ihren Buchladen trat.

Daisy und Mary folgten ihr, ehe sie die Tür wieder schloss und hörte, wie die Riegel einrasteten.

Daisys hübsches Gesicht war ganz bleich. Sie wusste etwas. Verdammt. Instinktiv stellten sich Poppys Nackenhaare auf, ehe Daisy überhaupt etwas gesagt hatte. »Winston ist gerade in Paris.«

»Paris? Win hasst Paris.« Poppy hatte ihn vor Jahren mehrfach dazu überreden wollen, mit ihr zusammen der Stadt einen Besuch abzustatten, was er rundweg abgelehnt und Paris eine heidnische, unzivilisierte Stadt voller Verschwender und Herumtreiber genannt hatte. Poppy meinte, das wäre ja wohl eine sehr übertriebene Darstellung, aber Win hatte es wiedergutgemacht, indem er den gesamten Urlaub mit ihr im Bett verbracht und ihr in höchst interessanter Weise seine eigenen ziemlich heidnischen Neigungen verdeutlicht hatte.

Glücklicherweise antwortete Daisy, ehe Poppy weiter über frühere Zeiten nachgrübeln konnte. »Ich weiß nur, dass er hingegangen ist, nachdem …« Daisy knabberte an ihrer Unterlippe.

»Nachdem was?« Poppy gelang es nicht, die in ihrer Stimme mitschwingende Unruhe zu unterdrücken. Win hatte sie verlassen, und trotzdem sorgte sie sich immer noch wie eine Glucke um ihn.

Daisy zog die Nase kraus. »Vor zwei Wochen hat er einen Verdächtigen zu Klump geschlagen. Die Polizei hat ihn entlassen, Poppy.«

Poppy sank gegen den Tresen. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass Win jemals die Kontrolle über sich verlor … und die Polizei war doch sein Leben. Winston Lane war Inspektor mit Leib und Seele.

Was würde er jetzt machen? Wie fühlte er sich jetzt wohl? Bestimmt wusste er nicht weiter, wurde ihr klar. Win hatte alles aufgegeben, um Inspektor zu werden, und dafür auch in Kauf genommen, von seiner sehr mächtigen Familie verstoßen zu werden. Daisys Stimme durchdrang ihre Überlegungen.

»Er plant seine Rückkehr an Bord von Archers Boot …«

»Schiff. Ein Ozeandampfer ist doch kein Boot.«

Daisy verdrehte die Augen. »Ist ja gut … auf jeden Fall heißt dieses Schiff Ignitus.« Daisy unternahm einen halbherzigen Versuch zu lächeln. »Archer hat das Schiff wegen Miranda auf diesen Namen getauft.«

Poppy blieb fast das Herz stehen. Ignitus war das lateinische Wort für »feurig«.

Daisys Atem trat als deutlich sichtbare Dampfwolke hervor, als die Luft plötzlich kalt wurde und sich Eis auf dem Tresen ausbreitete. Poppy konnte die Reaktion nicht im Zaum halten. Gütiger Himmel, wie hatte Isley das erfahren? Sie hatte doch so sorgfältig darauf geachtet, dass dieses Leben nicht mit Win in Berührung kam.

»Wann soll das Schiff in See stechen?« Poppys ganzer Körper vibrierte … so stark war der Drang, sich zu bewegen und loszurennen.

»Ich glaube, die Abfahrt ist für Freitag angesetzt. Das ist in zwei Tagen.« Daisys glatte Stirn zog sich zusammen. »Poppy, du kannst doch wohl nicht ernsthaft in Erwägung ziehen hinzufahren. Das verdammte Ding liegt in Calais! Und wir sind in London«, fügte sie mit unnötigem Nachdruck hinzu.

Wut stieg in Poppy hoch, und sie sah plötzlich klarer als seit Monaten. »Das wollen wir doch mal sehen.«

Hafen von Calais, 30. August 1883

Ein Mensch kann nicht vor seinem Leben davonlaufen … egal wie weit er rennt. Das war eine unangenehme Wahrheit, die Winston Lane in den vergangenen Wochen hatte lernen müssen, als er sich selbst zu einem Urlaub gezwungen hatte. Ein bisschen Ruhe und Entspannung, Inspektor, und Sie sind wieder auf dem Kamm. Winston hatte weder das Herz noch die Energie gehabt, Sheridan zu korrigieren. Richtig hieß es natürlich »wieder auf dem Damm«, aber, nein, er würde nie wieder auf dem Damm sein. Trotzdem hatte er das feuchtkalte London weit hinter sich gelassen und war geradewegs nach Paris gereist, wo er nicht ständig an all das erinnert werden würde, was er verloren hatte. Aber der Urlaub war ein jämmerlicher Reinfall gewesen.

Deshalb würde er wieder nach Hause fahren. Nach London. Und zu Poppy. Es packte ihn eine so heftige Sehnsucht, dass es schon schmerzte, und das allgemeine Gefühl der Unzufriedenheit wich zurück und machte einem heftigen, stechenden Schmerz Platz. Er vermisste Poppy so sehr, dass er kaum mehr atmen konnte. Er wollte sie sich nicht vor Augen rufen, doch es passierte trotzdem. Poppy, seine Boudicca. Er hatte sie immer als Kriegerin gesehen. Ihre blitzenden Augen und das entschlossene Kinn genügten, um die meisten Männer einzuschüchtern. Was allerdings Winston anging, hatten ihre Schärfe und Kraft ihn eher für sie entflammt und in ihm den Wunsch geweckt, unter die harte Schale zu gelangen, den weichen Kern zu finden und verruchte Dinge zu treiben …

Nein, er würde nicht an sie denken. Sie war eine Illusion. Eine Lügnerin. Während der vierzehn Jahre ihrer Ehe hatte sie vorgegeben, nur eine Buchhändlerin zu sein, während sie doch um die andere Welt wusste, das übersinnliche London, welches voller mystischer Wesen wie zum Beispiel Werwölfe war. Und sie hatte es vor ihm verheimlicht … bis zu dem Tag, als er von einer dieser Kreaturen in Stücke gerissen worden war.

Doch er war ihr zu lange aus dem Weg gegangen. Er hatte sich feige und zugleich kleinlich verhalten. Er wollte eine Erklärung und auch seine Meinung dazu kundtun. Dafür würde er ihr gegenübertreten müssen, wie er war … nur noch die Hülle eines Mannes.

»Na, das ist mal ein verdammt großes Boot«, sagte Jack Talent, der neben ihm stand.

Winston, den die Worte aus den Selbstvorwürfen rissen, ächzte. »Schiff. Ein Ozeandampfer ist doch kein ›Boot‹.«

Obwohl er sehr ungehalten über seinen unerwünschten und unerwarteten Reisegefährten war, musste Winston dem jungen Mann doch recht geben. Wobei »groß« allerdings nicht einmal ansatzweise den riesigen Ausmaßen dieses Monstrums gerecht wurde, das sie von der französischen Hafenstadt Calais nach Southampton bringen und danach nach New York weiterfahren würde. Das Schiff war gigantisch. Es hatte die Höhe eines fünfstöckigen Gebäudes und war so hoch, dass sie den Kopf schon in den Nacken legen mussten, um nur bis zur Hälfte des Hauptmastes hochzuschauen.

Das Schiff, höher als die meisten Londoner Gebäude, hatte mindestens die Länge von zwei Straßenzügen. Es war so groß, dass es die Sonne verdeckte. Wenn man danebenstand, kam man sich so klein wie ein Wurm vor. Und trotzdem war Winston unwillkürlich von dieser Meisterleistung moderner Ingenieurskunst angetan, etwa dem gewaltigen Schaufelrad, das im Morgenlicht schimmerte – einem von zwei Schaufelrädern, die bei höchster Leistung diesen Leviathan und seine viertausend Passagiere mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Knoten transportieren würde.

»Soll Archer sich doch so ein Schiff kaufen«, meinte er.

Um Talents Lippen zuckte es. »Vielleicht hatte er ja das Bedürfnis irgendetwas gutzumachen.«

Winston drehte sich zu Talent um. »Vielleicht sollten Sie ihm das selber sagen. Es würde mir die Mühe ersparen, Sie selber zu erledigen.« Seitdem der junge Mann vor zwei Wochen Winstons Zugabteil betreten hatte, versuchte er ihn loszuwerden.

»Was wollen Sie hier?«, hatte er gefragt, als Talent sich ihm gegenüber auf die Bank hatte fallen lassen.

Der junge Mann, der als Ian Ranulfs Kammerdiener arbeitete, hatte ihn unverfroren angeschaut, obwohl Winston ihn mit seinem finsteren Blick bestimmt durchbohrt hatte. »Ian hat mich geschickt. Ich bin hier, um auf Sie aufzupassen.«

Als wäre der Junge ein verdammtes Kindermädchen. Winston wäre gern wütend geworden. Doch Ian und sein anderer neugieriger Schwager Archer hatten Winston die eine Sache gegeben, die er so dringend gebraucht hatte – das Gefühl, noch irgendetwas bewirken zu können, nachdem er in Stücke gerissen und wieder zusammengeflickt worden war. Zwar war er hinterher nicht so gut wie neu gewesen … aber noch am Leben.

Seit dem Tage, als er sich wieder hatte bewegen können, ohne bei jedem Schritt stechende Schmerzen zu verspüren, war er von Ian und Archer bedrängt, drangsaliert und schließlich schikaniert worden, nach Ranulf House zu kommen und seinen Körper zu kräftigen. Sie hatten ihm das Kämpfen beigebracht … sowohl mit der Faust als auch mit dem Schwert. Sie hatten ihm Medizinbälle zugeworfen und ihn Getreidesäcke stemmen lassen, bis sein narbenbedeckter, geschundener Körper vor Schmerz geschrien hatte. Es war eine systematische Folter seines Fleisches gewesen, bei der seine geschwächte Gestalt fast zehn Kilo Muskelmasse angesetzt hatte, wodurch er in die Lage versetzt wurde, einen Mann, doppelt so schwer wie er, mit einem Schlag niederzustrecken. Leider hatte das aber nichts geholfen, wenn die Alpträume, die Winston verfolgten, von Monstern und nicht Menschen bevölkert waren.

Nachdem es Winston also nicht gelungen war, die Nervensäge loszuwerden, hatte er einen Möchtegernkammerdiener am Hals gehabt, wodurch er noch verdrießlicher geworden war. Im Moment wirkte Talent auch nicht gerade begeistert. Er musterte den Himmel, und ein besorgter Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Irgendetwas stimmt nicht. Haben Sie den Himmel bemerkt?«

Der war tatsächlich seit Tagen in ein stürmisches Rot getaucht, welches schwarze und tiefrote Streifen durchzogen. Ein unheimlicher Anblick, der ein seltsames Gefühl bei Winston auslöste. »Die Farbe ist eine Folge des Ausbruchs des Krakatoa.«

Die Nachricht vom Ausbruch eines weit entfernten Vulkans und dessen verheerenden Zerstörungen hatte sie bereits erreicht. Die Hälfte der Insel war auf einen Schlag ausgelöscht worden. Die Menge der Asche, die der Vulkan dabei ausgestoßen hatte, reichte aus, um sogar in Europa den Himmel zu verdunkeln.

»Sehen Sie … das ist der erste Fehler, den Sie machen, weil Sie ein Mensch sind.« Grimmiger Ernst legte sich über Talents Miene. »Ein Vulkanausbruch gibt immer Anlass zur Sorge … denn es kommt immer etwas heraus.«

Winston zog die Krempe seines Hutes tiefer ins Gesicht, als eine Bö über die Kaianlagen pfiff und Unrat durch die Luft fliegen ließ. Die Reisenden um sie herum griffen ebenfalls nach ihren Hüten und eilten auf den Landungssteg zu, über den sie auf die Ignitus gelangten. »Heraus?«

»Aus der Hölle. Ein Vulkan bricht aus und alles mögliche Widerwärtige nutzt den Spalt im Erdmantel, um in die Freiheit zu gelangen.«

Noch etwas, von dem Winston lieber nichts gewusst hätte. Er atmete die salzige Luft tief ein und griff dann nach seinem Koffer. »Keine Sorge, Talent. Sollte sich ein Höllenbote melden, werde ich mein Bestes tun, um Sie zu beschützen.«

Talent schnaubte kurz auf. »Und da sag mir einer, Sie hätten keinen Sinn für Humor, Inspektor.«

2

Wie alle anderen Passagiere standen Winston und Talent auf den oberen Decks, um zuzuschauen, wie die Ignitus ablegte. Das Schiffshorn stieß einen langen, klagenden Pfeifton aus, der so laut hallte, dass Winston innerlich vibrierte. Als wäre es durch das Horn geweckt worden, kam bebend Leben in den schwimmenden Koloss … wie in ein großes Tier, das aus dem Winterschlaf erwacht. Als das mächtige Schaufelrad auf ihrer Seite anfing sich zu drehen, begann ganz weit unten blaugrünes Wasser schäumend zu brodeln. Die meisten Reisenden befanden sich auf der Backbordseite des Schiffes, um zu beobachten, wie Calais ihren Blicken entschwand. Winston nicht. Sein Blick ging hinaus aufs Meer und in jene Richtung, in die das Schiff ihn bringen würde. Nach Hause.

Fast wäre ihm die unmerkliche Veränderung der Luft entgangen. Zuerst meinte er, die plötzliche Kälte wäre ein vom Meer aufkommender Wind, doch die Luft stand auf einmal seltsam still, sodass er erstaunt innehielt. Er schaute Talent an. Der junge Mann hatte die Augenbrauen zusammengezogen und sah angestrengt aufs Meer hinaus. Dann war es ihm also auch aufgefallen. Im nächsten Moment war es deutlich kälter und kühlte noch weiter ab, sodass sein Atem gleich darauf als weiße Wolke zu erkennen war.

Talent trat einen Schritt zurück. »Was zum Teufel geht hier vor?«

Winston öffnete schon den Mund, um zu antworten, als er ein leises Knistern vernahm. Leicht entsetzt beobachteten sie, wie sich die Reling rasend schnell mit einer Frostschicht überzog. Winston riss die Hand zurück, als weiße Finger aus Eis sich mit der Schnelligkeit einer Feuersbrunst ausbreiteten und alles bedeckten, was ihnen in den Weg kam. Von allen Seiten hörte man verwirrte Stimmen.

Das Knistern und Knacken wurde lauter, als die Temperatur noch eisigere Tiefen erreichte. Und dann begann das große Schiff zu ächzen und zu beben. Winston und Talent beugten sich über die Reling und beobachteten mit gebanntem Entsetzen, wie sich das Wasser ums Schiff herum in unvorstellbar dickes Eis verwandelte und sich der Koloss gefangen im Eis zu heben begann.

Talent riss den Mund auf. »Ach, du heilige Scheiße!«

Winston war geneigt, ihm zuzustimmen. »Kommen Sie.« Er zog an Talents Ärmel, um den Mann auf sich aufmerksam zu machen. »Auf die Backbordseite.« Irgendetwas näherte sich. Er konnte es spüren.

Vorsichtig rutschten sie über das eisglatte Deck auf die andere Seite des Schiffes und schoben sich durch die fassungslos starrenden und aufgeregt durcheinanderlaufenden Passagiere. Besatzungsmitglieder riefen und warteten auf Anweisungen. Auch sie bewegten sich genauso unsicher wie Winston und Talent über das Eis, als sie versuchten zu ergründen, was hier vor sich ging.

»Guck mal«, sagte ein kleines Mädchen, »da kommt jemand an Bord.«

Mehrere Leute stürzten an die Reling und reckten die Hälse, um etwas sehen zu können.

So auch Winston und Talent. Über den Landungssteg, der mitten im Einholen festgefroren war, spazierte eine bildhübsche Frau, bei deren Anblick Winstons Herz sofort höher schlug. Er sah die zielstrebigen Schritte ihrer unter dem schwarz-weiß gestreiften Kleid versteckten Beine und die entschlossene Haltung ihrer Schultern. Zwar lag ihr Gesicht im Schatten des farblich auf ihr Kleid abgestimmten Sonnenschirms, doch er hatte sie längst an ihrem Gang erkannt. Allmächtiger. Er wurde auf der Stelle hart, unangenehm hart. Als hätte sie seinen Blick gespürt, neigte sie den Schirm nach hinten und hob den Kopf. Obwohl er von ihrem Standort aus betrachtet kaum mehr als ein kleiner Punkt in der Menge sein konnte, fand sie ihn auf Anhieb. Er erkannte es an den strengen roten Augenbrauen und dem finsteren, wissenden Blick, der sich auf ihn richtete. Er schnappte nach Luft, als unvermittelt ein Schwall purer Lust durch seinen Körper schoss. Verfluchter Mist. Ein eleganter älterer Herr, der neben ihm stand, schaute unfreundlich unter buschigen weißen Augenbrauen hervor. »Wer zum Teufel ist das denn?«, fragte er, ohne damit jemand Bestimmten anzusprechen.

»Wenn das nicht nach Ärger riecht«, brummte Talent, dessen Blick jeder Bewegung der jungen Dame an Poppys Seite folgte. Winston erinnerte sich daran, dass es sich bei Mary Chase um die rechte Hand von Daisy Ranulf handelte.

Winston hatte keine Ahnung, wie Poppy ihn gefunden hatte oder was um alles in der Welt sie hier machte. Das Einzige, was er zu diesem Zeitpunkt mit absoluter Sicherheit sagen konnte, war, dass Talent recht hatte: Das roch nach Ärger.

An Bord zu gelangen war schon ein kleines – aber unvermeidbares – Spektakel gewesen. Poppy dachte ja gar nicht daran, tatenlos zuzusehen, wie ihr das verflixte Schiff vor der Nase wegfuhr. Als sie auf den sichtlich erbosten Ersten Offizier traf, der wissen wollte, was zur Hölle hier vor sich ging, überreichte sie ihm Archers Karte und das Empfehlungsschreiben, worin ihr Schwager – Gott segne ihn – den Kapitän mit wenigen Worten anwies, Poppy für die Dauer ihres Aufenthalts an Bord mit einer Carte blanche zu versehen.

»Geben Sie das Ihrem Kapitän und sorgen Sie dafür, dass man sich um mein Gepäck kümmert. Ich möchte, dass die Koffer umgehend in Mr Winston Lanes Kabine gebracht werden.«

Ihre kleine Darbietung hatte Poppys ganze Kraft gekostet. Dabei würde sie noch so viel davon brauchen, ehe der Tag um war. Der Blick des völlig verdutzten Offiziers sprang kurz von ihr zu dem Eismantel, der sich um das Schiff gelegt hatte. Innerlich seufzend sprach sie ihn noch einmal an. »Verrücktes Wetter heute, nicht wahr? Aber nun schlagen Sie keine Wurzeln, Sir«, sagte sie, während sie ihn mit der Spitze ihres Sonnenschirms anstieß. »Der Kapitän wartet bestimmt schon auf Ihren Bericht.«

Der Mann blinzelte ein paarmal, als erwache er aus einer Art Trance, ehe er schließlich einen Blick auf die Visitenkarte warf. Als er sah, dass sie vom Besitzer des Schiffes stammte, zuckte er zusammen und empfahl sich mit einem knappen Nicken. »Ja, Madam. Natürlich. Herzlich Willkommen an Bord.«

Sobald er gegangen war, atmete Poppy tief durch und schloss die Augen. Als sie zum Abschluss noch einmal ihre Kräfte heraufbeschwor, erwärmte sich die Luft und brachte das Eis, in dessen Gewalt sich das Schiff befand, zum Schmelzen und löste sich in Nebel auf. Der Koloss reagierte mit leichtem Schwanken und Beben, ein Vorgang, der nicht wenigen Passagieren einen Aufschrei der Angst entlockte. Gütiger Himmel, die Macht zu zügeln war noch schmerzhafter, als sie freizusetzen.

Ms Chase stützte sie schnell, als sie schwankte. »Hervorragende Arbeit, Mutter.«

»Kinderspiel.« Poppy straffte die Schultern. »Die eigentliche Herausforderung habe ich noch vor mir. Meinen Mann.«

Als das Schiff den Hafen verließ, löste sich die Menschenmenge auf, glücklich, nun über Gesprächsstoff zu verfügen, der sie noch über Stunden beschäftigen würde. Poppy fand Winston an der Reling des Decks der ersten Klasse, an der sie ihn schon beim Betreten des Schiffes entdeckt hatte. Ihm jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, war fast zu viel für sie. Er wirkte wie die Sonne an einem wolkenlosen Himmel, so strahlend hell, dass ihr die Sicht verschwamm. Würde er überhaupt mit ihr sprechen? Was würde er wohl sagen? Drei Monate waren vergangen. Drei lange Monate, in denen sie ihn weder gesehen noch seine Stimme gehört hatte.

Er stand nicht wie üblich mit kerzengerader Haltung da, sondern lehnte bequem an der Reling. Und beobachtete. Wie ein Leopard, der träge auf seiner Warte lag.

Der Winston Lane, so wie sie ihn kannte, war von geschmeidiger Gestalt gewesen, hatte sein weizenblondes Haar stets adrett nach hinten gekämmt und voller Stolz einen kurzen Oberlippenbart getragen. Sie erinnerte sich an den Tag, als er Inspektor bei der CID, der Kriminalpolizei, geworden war. Da die meisten Polizisten einen Schnurrbart trugen, wollte er sich ebenfalls einen stehen lassen. Damals hatte sie zwar das glatte Gefühl seiner Oberlippe vermisst, sich jedoch nicht beklagt, da der Bart ihm hervorragend stand. Doch die elegante Erscheinung war nicht mehr da.

Der Mann, den sie jetzt vor sich sah, besaß erheblich breitere Schultern und muskelbepackte Arme, die man trotz seiner locker sitzenden Jacke erkennen konnte. Sein einst kurzes und gepflegtes Haar hing ihm zottig ins Gesicht, was vermutlich auf seinen Versuch zurückzuführen war, seine Verunstaltungen dahinter zu verbergen. Beim Anblick der vier parallel über seine linke Gesichtshälfte verlaufenden Narben blutete ihr das Herz. Archer hatte zwar ganze Arbeit beim Nähen der Wunden geleistet, doch die Narben waren noch immer feuerrot und bedeckten fast die ganze Wange, wobei die schlimmste Narbe seinen Mundwinkel in ein dauerhaft höhnisches Grinsen zwang. Sein geliebter Bart war verschwunden; offensichtlich erwies sich eine solche Narbe als eher ungünstig für einen Schnauzbart. Poppy fragte sich, ob er den Verlust wohl sehr bedauerte.

Als der Wind sich drehte, fing sie seinen Duft auf … eine Mischung aus sauberer Wolle, wohlriechendem Pfeifentabak und ihm. Einen Augenblick lang war sie wie betört. Er roch wie immer. Ihr war gar nicht aufgefallen, wie sehr ihr sein Duft gefehlt hatte.

Als ihre Blicke sich begegneten, kam es ihr vor, als träfe sie ein heftiger Schlag. Sie kannte diesen Mann, kannte das Gefühl seiner Haut, seidig glatt an seiner Halsbeuge, jedoch männlich rau auf seinen langen Oberschenkeln. Sie kannte den Rhythmus seines Atems, tief und gleichmäßig im Schlaf, jedoch heiser und stockend, wenn die Leidenschaft ihn packte. Sie kannte die kleine Furche, die zwischen seinen Augenbrauen erschien, und wusste, dass er sich auf die Unterlippe biss, kurz bevor er kam. Und er kannte sie. Einen Moment lang klang ihr seine Stimme im Ohr und flüsterte Worte, die sie auf den Gipfel der Lust zu tragen vermochten: »Spreiz deine Beine noch ein bisschen, meine Süße. Lass mich tief in dich tauchen. Komm für mich.«

Sie brauchte eine gehörige Portion Willenskraft, um nicht puterrot anzulaufen.

Als sie zu ihm trat, nahm Winston eine noch lässigere Haltung ein.

»Poppy.« Seine Stimme war ein Schatten ihrer selbst, rauchig und schwach. Poppys Blick glitt zu seiner Kehle und der dicken Narbe, die unter seinem Kragen hervorlugte. Archer hatte nie ein Wort darüber verloren, dass er dort einen bleibenden Schaden zurückbehalten könnte, doch es war deutlich zu hören, dass die Verletzung nicht folgenlos geblieben war.

»Win.«

Er kniff die Augen leicht zusammen, als sie ihn mit jenem Spitznamen ansprach, den nur sie benutzte. Ein Name, der niemals seine Wirkung verfehlt hatte, wenn sie ihn in der Vergangenheit einmal beschwichtigen wollte. Sie packte ihren Sonnenschirm fester. Großer Gott, was für eine eigenartige Situation. All die schönen Erklärungen, die sie sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte, lösten sich in nichts auf, sodass sie stattdessen mit dem Erstbesten herausplatzte, das ihr in den Sinn kam. »Du hier?«

Verflixt.

Seine Mundwinkel zuckten, und sie hätte auf den Gedanken kommen können, dass er amüsiert war, wären da nicht seine strenge Miene und das Straffen seiner Schultern gewesen. »Scharfsinnig wie immer, meine Liebe.«

Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, während ihr gesamter Ausdruck kühler wurde. Dieser verfluchte … Neben ihm gab Jack Talent einen hustenartigen Laut von sich und blickte wohlweislich zu Boden.

Poppy entschied sich, höflich zu bleiben. »Darf ich dir meine Assistentin Ms Mary Chase vorstellen?«

Als Talent diesen Namen hörte, schoss sein Kopf nach oben, während seine Lippen schmal wurden. Winston hingegen deutete eine elegante Verbeugung an. »Wir sind uns schon in Ranulf House begegnet. Ms Chase, es ist mir wie immer eine große Freude.«

Poppy hatte eigentlich erwartet, dass ihr umherreisender Ehemann gesprächiger sein würde, doch er war relativ kurz angebunden. Die Lippen fest angespannt nickte sie Talent zu. »Schön, Sie zu sehen, Mr Talent. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.«

»So gut, wie es einem gehen kann, Madam.« Sein Blick huschte zu Winston. »Wenn man mit einem so angenehmen Begleiter reist.« Er ignorierte Winstons krausgezogene Stirn und zeigte ein unerwartetes Lächeln, was seinen üblichen griesgrämigen Gesichtsausdruck einen Moment lang vertrieb und ihm ein von innen kommendes Strahlen verlieh. »Ich freue mich, dass Sie unsere kleine Reisegesellschaft erweitern, Mrs Lane. Doch nun muss ich mich leider entschuldigen. Ich habe noch auszupacken.« Das Lächeln erstarb. »Ms Chase.«

»Mr Talent.« Mary schnitt den Mann schon fast, als sie sich abrupt zu Poppy umdrehte und ihren Arm berührte. »Madam, ich würde dann ebenfalls gerne gehen und mich um unser Gepäck kümmern.«

Poppy wartete, bis Mr Talent gegangen war, ehe sie sich zu Mary beugte. »Vielleicht sollten Sie lieber zuerst einen kleinen Spaziergang unternehmen, um Mr Talent nicht gleich wieder zu begegnen.« Was ganz gewiss in der Suite geschähe, in der Poppy sich einfach mit einquartiert hatte. Mary, die den Vorschlag für durchaus vernünftig hielt, nickte und spazierte davon, wobei sie die Blicke beinahe jedes in der Nähe befindlichen Mannes auf sich zog.

Ein Augenpaar jedoch blieb so unverwandt auf Poppy gerichtet, dass sie sich zwingen musste, nicht in Wut darüber zu geraten, wie Winston sie ansah. Nachdem er angegriffen worden war und erfahren hatte, dass sie der Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher angehörte, hatte er ihr nicht einmal die Chance gegeben, die Sache zu erklären. Eine Tatsache, die sie, mehr als alles andere, in Rage brachte. Wie hatte er ihr einfach so den Rücken kehren können, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen? Nach vierzehn Jahren! Nachdem sich die ärgste Wut gelegt hatte, war das schlechte Gewissen gekommen, aufrichtige, bittere Reue. Sie hatte ihn belogen … jahrelang. Und einen Menschen zu belügen, der Falschheit verabscheute und keinem anderen so vertraute wie ihr, stellte die beste Voraussetzung für ein Desaster dar. Nun waren sie sich fremder denn je, und sie hatte keine Ahnung, wie sie das Gespräch beginnen sollte.

»Du siehst gut aus«, sagte er überraschenderweise. Als sein kalter Blick über ihr Kleid wanderte, spürte sie den Drang, sich zu rühren. »Anders. Hast du dich immer so angezogen?« Sein Kiefer spannte sich an. »Als du nicht bei mir warst, meine ich?«

Sein vorwurfsvoller Tonfall sorgte dafür, dass sie sich etwas gerader aufrichtete. »Natürlich nicht. Du weißt ganz genau, wie sehr ich extravagante Kleider hasse. Dieses Kleid hier gehört Miranda. Sie und Daisy haben mir ein paar Sachen zusammengestellt. Ich soll nach einer feinen Dame aussehen, die Urlaub macht.«

»Fein« war eine Bezeichnung, die so wenig auf Poppy zutraf, dass nicht einmal sie selbst das Wort aussprechen konnte, ohne dabei zusammenzucken. »Versuch einfach, dich mit dieser Posse abzufinden.«

»Ich habe gelernt, mich mit so vielen Possen im Zusammenhang mit deiner Person abzufinden, da kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr an.«

»Du bist offensichtlich entschlossen, es mir nicht leicht zu machen.«

»Ich bin entschlossen, die Wahrheit zu sagen. Und wenn du ein Problem mit der Wahrheit hast, ist das nicht meine Schuld.«

Begleitet von einem leisen Knistern kroch eine dünne Eisschicht über die Reling. Win betrachtete das Schauspiel mit einem Gesichtsausdruck, der kurz erkennen ließ, welche Vermutung er hatte, doch als er sich wieder zu Poppy umdrehte, zeigte seine Miene nur unversöhnliche Rechtschaffenheit.

Mit Mühe gelang es ihr, nicht die Beherrschung zu verlieren und das gesamte Deck in eine Eisbahn zu verwandeln. »Ein Problem? Überhaupt nicht. Ich kann es vielmehr kaum erwarten, der Wahrheit entgegenzutreten, anstatt mich vor ihr zu verstecken.«

Ja, das saß. Er hob das Kinn und ließ so das Licht direkt auf die verunstaltete Hälfte seines Gesichts fallen. Hatte sie etwa geglaubt, er würde sie hinter seinem langen Haar verbergen? Da irrte sie gewaltig. Seine blaugrauen Augen, so tief wie das Eis auf einem winterlich zugefrorenen See, fesselten ihren Blick. Er wartete … wartete darauf, dass sie etwas zu seinen Narben sagte. Also tat sie ihm den Gefallen und unterzog sie einer schonungslosen Musterung.

Zwar zuckte er weder zusammen, noch sah er weg, aber die leichte Anspannung seines Mundes verriet, wie unwohl er sich dabei fühlte. Poppy ignorierte diesen Teil seines Gesichts, denn andernfalls hätte sie dem Drang nicht widerstehen können, ihren Mund wenigstens kurz auf seine Lippen zu legen. Sie hatte Wins Lippen immer bewundert, ihren schönen Schwung und die Fähigkeit, im einen Moment so hart und unnachgiebig, im nächsten jedoch so unendlich weich und verlockend zu sein. Stattdessen betrachtete sie seine Narben.

Die mittlere war leicht erhaben und warf eine Falte auf der Wange, während die der Nase am nächsten liegende mitten durch seine linke Augenbraue und seinen Mundwinkel verlief, um schließlich an seinem Kinn zu enden. Welch gewaltige Schmerzen musste er gelitten haben. Ihr Herz zog sich zusammen, als ihr die Erinnerungen an jenen Tag kamen, an dem er schwer verletzt und blutüberströmt dagelegen hatte. Sie hatte Angst gehabt, ihn zu verlieren, ohne zu merken, dass sie ihn längst verloren hatte.

Die Sekunden krochen dahin. Als seine Augen sich gereizt verengten, schüttelte sie ihre rührseligen Gedanken ab und brach das Schweigen. »Deine Wunden sind gut verheilt.«

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und zerrten an den Narben. »Das sind sie.«

»Hast du noch Schmerzen?« Sie wusste nicht, was sie sonst hätte sagen sollen.

Wieder zeigte sich das leichte Zucken an seinem Kiefer und die Anspannung um seine Augenwinkel, als hätte ihre Frage ihn verblüfft. »Manchmal ja, wobei ich es eher als Unbehagen bezeichnen würde.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Sie nahm ihren Sonnenschirm – was für ein lächerliches Accessoire an einem Tag, an dem weder die Sonne schien noch Regen fiel – und wandte sich zum Gehen.

»Das ist alles?«, fragte er mit wachsendem Unmut.

Poppy blieb stehen. »Was hast du denn erwartet? Mitleid? Verachtung? Tränen?«

Er gab einen spöttischen Laut von sich. »Du wärst die Letzte, bei der ich Tränen erwarten würde.«

Wie sehr du dich da irrst.

»Und dein Mitleid will ich auch nicht.«

»Gut. Denn darauf kannst du lange warten«, erwiderte sie.

Die Narben auf seinem Gesicht wurden weiß, und obwohl sie es sich nicht eingestehen wollte, ließ dieser neue Win mit seiner leichten Wildheit und Wut ihr Herz höher schlagen. Daher war ihre Stimme nicht so fest, wie es ihr lieb gewesen wäre, als sie weitersprach. »Dein Gesicht ist nicht mehr makellos. Na und? Nur ein Narr urteilt nach dem Äußeren. Du lebst, womit du mehr von dir sagen kannst als die meisten anderen, die eine Begegnung mit deinem Angreifer hatten. Warum also sollte ich Mitleid mit dir haben?«

Seine Miene wurde ausdruckslos und offenbarte ihr nichts von seinen Gefühlen. »Na, schön, genug geplaudert«, sagte er. »Bist du hier, um deiner Pflicht nachzukommen?«

»Um meiner Pflicht nachzukommen?«, wiederholte sie angewidert.

Win ignorierte den warnenden Unterton und lächelte sie freimütig an. »Um dich zu entschuldigen? Zu Kreuze zu kriechen?« Sein Lächeln wurde zwar breiter, erreichte jedoch nicht seine Augen. Nein, die waren voller Zorn. »Was auch immer du vielleicht sagen willst, spar es dir; es interessiert mich ohnehin nicht. Solange du tust, was du jetzt zu tun hast.«

Dieser elendige, selbstgefällige … Innerlich begann sie zu brodeln und funkelte ihn an. »Wenn du auch nur eine Sekunde lang glaubst, ich würde vor dir zu Kreuze kriechen, dann …«

»… gehöre ich ins Irrenhaus?«, bot er ihr in bissigem Tonfall an.

Zum Teufel mit diesem Kerl, immer musste er ihre Sätze beenden. Was für eine nervtötende Angewohnheit.

Kalter Spott spiegelte sich in seiner Miene wieder, als wüsste er genau, dass sie sich darüber ärgerte. »Glaub mir, meine Liebe, es gibt Tage, da wünschte ich mir, es wäre so einfach. Doch dem Wahnsinn zu verfallen hieße, es sich leicht zu machen, nicht wahr?«

Als sie ihn daraufhin nur böse ansah, stieß er sich von der Reling ab und baute sich vor ihr auf. »Also, was wünschst du dir, Poppy? Tief … in deinem möglicherweise irgendwo vorhandenen Herzen?«

Er tippte ihr mehrmals mit einem Finger in das Tal zwischen ihren Brüsten, etwas, das ihm nach vielen Jahren engen Körperkontakts mit einer Unbekümmertheit von der Hand ging, die ihr verriet, dass ihm gar nicht bewusst war, was er da tat. Trotzdem ging ihr die Berührung tief unter die Haut. Wie beim Streichen eines Zündholzes wurde eine Flamme in ihrem Innern zum Leben erweckt. Sie hielt die Luft an. Win schien dasselbe zu spüren, da er plötzlich innehielt und sie gebannt ansah. Es war deutlich zu erkennen, wie sehr es ihn bestürzte, sie berührt zu haben, obwohl er es gar nicht vorgehabt hatte. Sie konnte sehen, dass auch er das Knistern zwischen ihnen spürte, und zwar mit derselben Intensität, wie es von Anfang an zwischen ihnen bestanden hatte. Nach einem Moment der Anspannung kehrte die Wut in seine blauen Augen zurück. »Und? Was wünschst du dir, Poppy?«

Tja, was wünschte sie sich? Die Vorstellung, einmal nur an sich selbst zu denken, war ihr so unsagbar fremd, dass ihr beim besten Willen keine Antwort dazu einfiel.

Als Win wieder sprach, klang seine Stimme sanft, ja beinahe schon gütig, obwohl er innerlich vor Wut kochte. »Weißt du, was für einen Verdacht ich habe?«

»Bestimmt werden Sie es mir gleich verraten, Inspektor.« Ihr Mund fühlte sich wie ausgetrocknet an, und sie hatte das Gefühl, dass sich der Abdruck seiner Fingerspitze noch tiefer in ihr Fleisch brannte.

Ein angewidertes Lächeln war die Quittung für ihre schnippische Bemerkung. Er beugte sich vor und bedrängte sie mit seinem Körper wie auch mit Worten. »Ich glaube, du wünschst dir, dass ich mal einfach so den Umstand vergesse, dass meine ganze Ehe eine einzige Lüge ist, und brav mit dir nach Hause komme.«

Druck baute sich in ihrer Brust auf wie bei schnell ansteigender Flut gegen einen Deich. Nun war es an ihr, ihn anzustupsen, was dem Wecken eines schlafenden Bären gleichkam, sofern sie das tief aus seinem Brustkorb kommende Brummen richtig deutete. Eine Deutung, die sie aber nicht davon abhielt, es dennoch zu tun. »Nach dem, wie du mich behandelt hast, besitzt du die Frechheit zu glauben, ich würde dich noch wollen?«

Über die Jahre hinweg hatte Win sie mit einer Vielfalt an Blicken bedacht, doch der, den er ihr in diesem Moment schenkte, war ihr vollkommen neu: Er schien sie zu hassen. »Täuscht mich mein Eindruck, oder tut es dir gar nicht leid, mich belogen zu haben? Nein, das Einzige, das dir leidtut, ist, dass man dich beim Lügen ertappt hat.«

»Natürlich tut mir das leid!« Wie bei den meisten bitteren Wahrheiten tat es weh, sie auszusprechen. Doch in den bangen Stunden, als sie ihm nicht von der Seite gewichen war, während er von Archer zusammengeflickt wurde, hatte Poppy geschworen, nie mehr etwas vor Win zu verheimlichen … was es auch kostete.

Er war ein Narr. Ein arroganter Narr, um genau zu sein. Geradezu unverschämt. Winston hätte fast gelacht. Natürlich war Poppy nicht gekommen, um ihn auf Knien zu bitten, zu ihr zurückzukehren. Warum sollte sie das auch an Bord eines Schiffes auf dem Weg nach London tun? Es war zwar absurd, doch bisher hatte er nichts anderes als seine Wut im Kopf gehabt. Jetzt aber wurde er beherrscht von einem Gefühl der Demütigung, und er fragte sich, ob er nur darauf gewartet hatte, von ihr gefunden zu werden. Die bittere Erkenntnis, dass sie offensichtlich wegen nichts auch nur die geringste Reue empfand, traf ihn sehr. Er sah in die Ferne und blinzelte in den diesigen Himmel. In diesem Moment war ihm jeder Anblick lieber als der seiner Frau.

Sie verharrten in betretenem Schweigen. Am liebsten wäre er gegangen, doch er wollte verdammt sein, wenn er jetzt wie ein Hund mit eingekniffenem Schwanz abzog.

Ein leichtes Zögern milderte Poppys Worte, als sie wieder sprach. »Willst du mich denn gar nicht fragen, warum ich hier bin?«

Anscheinend habe ich nicht einmal das hinbekommen, Süße. Er atmete tief ein, was durch den dicken Kloß der Enttäuschung im Hals erschwert wurde. »Tja, lass mich raten.« Die Reling klirrte metallisch, als er sanft dagegentrat, während er die verschiedenen Möglichkeiten durchging. »Ian hat mir Jack Talent an den Rockschoß gehängt. Und nun taucht plötzlich meine liebe Frau auf, die für genau jene Organisation arbeitet, die uns arme schwache Menschen vor übernatürlichen Wesen beschützen soll.« Seine Zähne schlugen hörbar aufeinander, als er sich dazu zwang, nicht laut zu werden. »Was mich zu der Schlussfolgerung bringt, dass du das Bedürfnis verspürst, mich bedauernswertes Geschöpf unter deine Fittiche zu nehmen.« Er legte den Kopf in den Nacken. »Also, liege ich völlig daneben?«

»Nein, ich würde sagen, damit hast du weitgehend ins Schwarze getroffen.«

Wut brodelte in seinen Adern, als er einen Schritt auf sie zu tat. »Ich weiß nicht, was schlimmer ist«, zischte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Die Tatsache, dass ihr mich alle für so schwach haltet, gleich mehrere Kindermädchen zu brauchen, einschließlich meiner eigenen Frau, oder dass ich möglicherweise tatsächlich so schwach bin.«

»Das bist du.« Ihre Lippen wurden schmal, als er sie auf diese Weise anfauchte, dennoch fuhr sie unbeirrt fort. »Gegen das, was hinter dir her ist, könnte sich kein Mensch wirksam verteidigen.«

»Und was in Gottes Namen soll das sein?« Wenn die Frau jetzt »ein Werwolf« sagte, würde er laut loslachen. Sollte er doch kommen. Er hatte es satt wegzulaufen, er hatte es satt, sich zu fürchten.

Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie. »Ein Dämon.«

»Ein Dämon.« Lächerlich. »Im Sinne von böses Wesen aus der Hölle und so?« Er brach in lautes Lachen aus und fuhr sich mit der Hand über den schmerzenden Nacken. »Das wird ja immer schöner.« Als sie nichts darauf erwiderte, fuhr er sie an: »Und was kommt als Nächstes? Irgendein verdammter Vampir? Ghule? Todesfeen?« Er starrte aufs Meer hinaus. Er wollte es gar nicht wissen. »Mir reicht’s, Pop. Lass mich in Ruhe, ich kann schon selbst auf mich aufpassen.«

»Das kann ich nicht.« Nachdem sie sich geräuspert hatte, klang ihre Stimme wieder so fest wie immer. »Der Dämon, um den es hier geht, ist ein Primus mit grenzenloser Macht, und er ist durchaus dazu in der Lage, dich zu töten.«

»Primus?« Er sollte wirklich damit aufhören, noch mehr Fragen zu stellen, doch seine Neugier war einfach zu groß.