The Deathless One - Emma Hamm - E-Book
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The Deathless One E-Book

Emma Hamm

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Beschreibung

Ohne sie ist er machtlos, ohne ihn ist sie tot. Auftakt einer düsteren, gothic Romantasy mit dem Tod als Love-interest und den Tropes Enemies-to-Lovers und Fated-mates. Jessamine hat noch nie einen Mann an ihrer Seite gebraucht. Gemeinsam mit ihrer Mutter regiert sie das Reich, doch eine unaufhaltsame, mysteriöse Seuche, für die selbst Jessamine keine Lösung finden kann, lässt sie schließlich eine Vernunftehe eingehen. Doch ihr frisch Angetrauter hintergeht und ermordet sie kaltblütig. Anstatt zu sterben, landet sie jedoch in einer Sphäre zwischen Leben und Tod und trifft dort auf den Todlosen. Ein Gott, der seit Jahrhunderten auf jemanden wie Jessamine wartet. Nur sie kann ihn noch retten und nur er schafft es, ihr Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Die Liebe zwischen ihnen kann das Land entweder vor dem Untergang bewahren oder alles zerstören, was jemals gewesen ist.

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Seitenzahl: 553

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Emma Hamm

The Deathless One

Brich meinen Fluch

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Lene Kubis

 

Über dieses Buch

 

 

Schlimmer hätte es Prinzessin Jessamine nicht treffen können. Direkt nach dem Jawort wird sie kaltblütig von ihrem Ehemann ermordet und erwacht an einem grauenvollen Ort zwischen Leben und Tod. Dort trifft sie auf Elric, ein Gott, der nur als ›der Todlose‹ bekannt ist und der aus der Welt der Lebenden verbannt wurde. In Jessamine sieht er die Chance, seinen Fluch zu brechen. Denn was sie noch nicht weiß: Sie ist eine besondere Art von Hexe, eine Grabsängerin und damit sein Weg zurück unter die Lebenden. Im Gegenzug bietet er Jessamine Hilfe an, den Verrat gegen die Krone aufzudecken. Elric übt auf Jessamine eine ganz besondere Anziehung aus, und auch der Todlose, der eigentlich nie etwas fühlt, wird plötzlich von ganz neuen Emotionen heimgesucht.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Emma Hamm ist eine USA Today Bestseller-Autorin, die schon über 40 Romane im Self-Publishing veröffentlicht hat. Ihre Geschichten drehen sich fast immer um starke, mutige Frauenfiguren, die ungewöhnliche Wege gehen und Liebe finden.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Copyright © 2025 by Emma Hamm

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Redaktion: Deborah Exner

Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einer Idee von Carlos Quevedo

Coverabbildung: nach einer Idee von Carlos Quevedo

ISBN 978-3-10-492198-3

 

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Inhalt

[Prolog]

[Widmung]

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~ 36 ~

~ 37 ~

Danksagung

In der Ferne sah er, was ihn aufgeweckt hatte … Er schritt darauf zu, wobei seine dunklen Stiefel das Wasser aufspritzen ließen. Es sollte ihn nicht so sehr interessieren.

Und dennoch sagte ihm sein Herz, dass es wichtig war. Also ging er hin.

Und was er fand, machte ihn sprachlos und raubte ihm den Atem.

Im Wasser lag eine Frau. Dunkle Wellen schwappten gegen ihre Wangen und füllten ihre leeren Augen mit schimmernder Tinte. Das dunkle Haar trieb um sie herum und hatte fast dieselbe Farbe wie das Wasser. Von ihren schmalen Schultern hing ein ehemals weißes Kleid, dessen zerrissene Spitze und blutgetränkter Stoff an ihrem ansonsten recht ansprechenden Körper klebten.

Eine einzelne Locke lag quer über ihrem Hals, wie das herrliche Aufklaffen der Haut, nachdem kein Tropfen Blut mehr übrig war. Was tat sie hier? Warum war sie ausgerechnet in seiner Welt gelandet? Sie sollte nicht hier sein.

Für alle Frauen, deren Vorfahrinnen als Hexen verbrannt wurden.

Das waren keine Hexen, sondern Frauen.

Und die Wut darüber hat keine von uns jemals vergessen.

~ 1 ~

»Die Götter starben an einem Frühlingsmorgen. Alle auf einmal. Jeder konnte es fühlen, von den Priesterinnen im Norden bis hin zu den Hexen im Süden. Diejenigen, die die Maid angebetet hatten, schrien vor Schmerz. Die wenigen, die immer noch den Gottkönig verehrten, fielen verängstigt auf die Knie …«

Ihre Majestät Jessamine Harmsworth stieß einen langen, frustrierten Atemzug aus und nahm den Bleistift aus dem Mund, dessen Ende schon ganz zerkaut war.

»Ich weiß das alles. Ich weiß, wann die Götter gestorben sind, aber ich weiß nicht, wie die Hexen die Plage ausgelöst haben.«

Sie ließ ihren Blick über das Buch gleiten, das der Händler ihr heimlich zugesteckt hatte, während seine Knopfaugen hektisch nach rechts und links geblickt hatten, als beginge er ein Kapitalverbrechen. Und in gewisser Weise hatte er das auch getan. Bücher über Schwarze Magie waren im gesamten Königreich verboten. Dabei hätte er sich gar keine Sorgen machen müssen, dass sie irgendjemandem von ihrem Kauf erzählte. Eine Prinzessin durfte ein solches Buch nämlich gar nicht besitzen.

»Ehrlich, dachte er wirklich, das nützt etwas?« Sie warf einen bedauernden Blick auf das präparierte Skelett einer Katze in ihrem Regal. Leere, seelenlose Augen starrten sie an. »Na, du bist mir wohl keine große Hilfe.«

Wieder widmete sie sich dem gründlichen Studium der Worte auf der Suche nach dem Ursprung der Seuche, die sich in ihrem Königreich immer weiter ausbreitete. Seit langem hielten sich Gerüchte, dass die Hexen den Zauber gesprochen hatten. Jessamine fiel es schwer zu glauben, dass jemand ihr Königreich derart hart bestraft haben sollte, nachdem die Götter gestorben waren, weshalb sie nach Antworten suchte. Welcher Gott hatte ihnen so viel Macht verliehen? Und hatten Hexen überhaupt noch welche, nachdem sie all ihre Kraft dafür aufgewendet hatten, diese Plage zu erschaffen? Sie hatte so viele Fragen, wenn es um die mächtigsten Wesen ging, die je in ihrem Königreich existiert hatten.

Vielleicht sollte sie sich die Hoffnung, dass die Hexen doch nicht die Bösen waren, gar nicht erst gestatten. Aber zumindest hatte auch noch niemand einen echten Beweis dafür erbracht, dass die Hexen für alles verantwortlich waren. Dennoch lud man ihnen die Schuld auf, und deswegen hatte auch niemand die Hexen gebeten, sich an der Lösung des Problems zu beteiligen.

Nicht, dass es noch viele von ihnen geben würde. Ihr Ururgroßvater hatte in den Tagen nach dem Tod der Götter fast allen den Garaus gemacht.

Leider hatte aber auch sonst niemand ein Heilmittel gegen die Seuche beschaffen können. Ihren Gelehrten und Heilern war es zwar gelungen, deren Ausbreitung zu verlangsamen, aber ein Ende war nicht in Sicht.

Sie hatte gerade ihre Füße bequem auf dem Schreibtisch abgelegt, um weiterzulesen, als sie von dem schrecklichen Geräusch brechender Knochen und einem nassen Schmatzen aufgeschreckt wurde, das nur eines bedeuten konnte. Sie verzog das Gesicht, als der Hauptmann ihrer königlichen Wache die blutigen Überreste von der Sohle seiner abgetragenen Lederstiefel an ihrem Türrahmen abwischte. Die goldenen Knöpfe seiner dunkelblauen Uniform glänzten im Licht und klirrten leise gegen das Schwert an seiner Hüfte. Er hatte das arme Dinge einfach totgetrampelt, aber zumindest hatte es nicht gelitten.

Leider war jetzt der tröstliche Frieden, der ansonsten in ihrem Labor herrschte, dahin. Nur hier, wo lediglich das leise Blubbern und das Zischen der Brennerflammen zu hören waren, konnte sie ganz sie selbst sein. Alle möglichen seltsamen Fundstücke bedeckten die Wände, hauptsächlich Wanzen und Käfer, aber auch einige lieblichere Exemplare – so wie der rechte Zeh eines Mannes, der über ihrem Arbeitsplatz hing.

Aber heute konnte nicht einmal das Blättern im Buch über Schwarze Magie sie retten, das auf ihrem Schoß lag – ein Kauf, den sie vor jedem anderen als dem Mann im Türrahmen versteckt hätte.

Schließlich sollte eine künftige Braut in ihrem Hochzeitskleid sich nicht mit Hexerei beschäftigen.

»Ist sie tot?«, erkundigte sie sich.

»Was denkt Ihr, Prinzessin?« Zumindest verzog der Mann wegen seines eigenen Tonfalls den Mund. Aber er war der einzige Mensch, der so mit ihr reden durfte.

Immerhin begleitete Callum Quen sie schon seit ihrer Kindheit. Er hatte sie getröstet, wenn sie während seiner Reitstunden vom Pferd gefallen war. Hatte sie ins Bett gebracht, wenn ihre Mutter späte Sitzungen mit ihren Beratern abgehalten hatte. Und nur er wusste, wie man ihr Haar bürstete, als sie klein war, weil ihre langen, dunklen Locken sich so leicht verknoteten. Sie war nicht mit einem Vater aufgewachsen, dafür aber mit Callum. Er war der beste Ersatz gewesen, den man sich wünschen konnte.

Auf seinem Gesicht zeichnete sich der Ekel deutlich ab. Ganz offensichtlich hatte er an einem Tag wie diesem keine Ratte zertreten wollen, aber man konnte nicht vorsichtig genug sein. Der Seuche war es egal, dass Jessamine heute heiratete, und niemand wusste, wie die Krankheit sich ausbreitete. Vielleicht waren die Ratten die Ursache. Vielleicht die Luft, die die Menschen einatmeten. Die Plage tötete ihr Volk zu Tausenden, während sie selbst sich größtenteils aus der Stadt fernhielt.

Nun, bald war es nicht mehr ihre Hauptstadt. Sie heiratete, und ihre Mutter würde den Thron abtreten, sobald die Tinte getrocknet war. Danach war nur noch ihr künftiger Ehemann rechtmäßiger Herrscher von Inverholm. Er würde der König seines eigenen und ihres Königreiches sein.

»Was lest Ihr da eigentlich?«, fragte Callum, der noch immer seine Schuhsohle inspizierte.

»Ein Geschichtsbuch, das ich einem ziemlich seltsamen Händler abgekauft habe, der plötzlich aus dem Nebel aufgetaucht ist. Er hat behauptet, dass sich die Geschichte der Plage diesen Seiten verbirgt.«

»Und?«

Sie seufzte und befühlte die abgenutzten Seitenränder. »Ach, es geht wieder nur um den Tod der Götter.«

»Mögen sie in Frieden in den Hallen der Gerechten weilen«, murmelte Callum. »Ihre Rückkehr wäre ein Segen.«

»Du hast sie angebetet, als du jünger warst, oder?« Selbst wenn die Götter jetzt fort waren, gab es immer noch Menschen, die ihnen huldigten. Die glaubten, dass die Götter es womöglich immer noch fühlen konnten, wenn man ihnen Respekt zollte.

»Den Sohn des Kampfes. Das tue ich immer noch. Wenn ich einen schweren Tag habe, hilft mir die Vorstellung, dass er uns noch immer hören kann.« Callum verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust. »Wie man sich erzählt, betet Euer künftiger Ehemann auch zu ihm – wenn sein Volk zuschaut. Seine Opfer sollten eigentlich üppig genug sein, um zumindest diesen Gott zurückzubringen. Vielleicht bedeutet sein Scheitern, dass wir sie wirklich für immer verloren haben.«

Jessamine war sich nicht sicher, warum seine Worte ihr solche Bauchschmerzen bereiteten. Leon Bishop von Orenda wurde nachgesagt, ein passabler König zu sein, und er hatte geschworen, gut für ihr Reich zu sorgen. Auch wenn ihre Mutter ihn gefragt hatte, warum er ihrer Tochter einen Antrag gemacht hatte, obwohl sie zweiundzwanzig Jahre lang an verschiedenen Königshöfen aufgewachsen waren, konnte er durch seine Antworten doch all ihre Zweifel aus dem Weg räumen.

Jessamine wandte sich dem bodentiefen Spiegel an der Wand zu und versuchte, die Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen. Keine Magie mehr. Keine Hexerei. Es gab jetzt nur noch die Hochzeit.

Ihr Spiegelbild war wunderschön. Sie sah aus wie die Prinzessin, die ihr Volk erwartete.

Das weiße Kleid passte ihr einigermaßen gut. Es war an der Taille eng geschnürt, und ein Wasserfall aus Spitze ergoss sich auf den Boden. Das Mieder war schlicht, gab aber den Blick auf ihren langen, anmutigen Hals frei. Ausladende Glockenärmel bedeckten ihre Arme, was gut war, weil man ihre blauen Flecken so nicht sah. Und um ihren Hals lag eine Diamantkette, die sich seit Jahrhunderten im Besitz ihrer Familie befand. Die Zofe hatte ihre hüftlangen Locken erfolgreich gebändigt und auf ihrem Kopf zu einer geflochtenen Krone aufgesteckt, die von einem Diadem geschmückt wurde.

Doch ihre gespenstischen Augen verdarben den ganzen Eindruck. Sie waren zu groß. Zu schwarz. Von dunklen Ringen umgeben, weil sie seit dem Abschluss der Vereinbarung vor sechs Monaten einfach nicht mehr schlafen konnte.

Ihr bisheriges Leben, wie ausgelöscht durch ein Stück Papier. Und niemand schien sich darum zu scheren, dass man sie verkauft hatte, als wäre sie Vieh.

Sie straffte die Schultern und starrte in den Spiegel. Sie war die Prinzessin von Inverholm. Sie würde alles tun, was nötig war, um ihr Königreich zu retten. Jessamine würde sich zusammenreißen, selbst wenn das bedeutete, dass sie ihr Brautkleid so lange zurechtzerren musste, bis es passte.

»Prinzessin!« Callum stürzte auf sie zu, und sie erstarrte vor Schreck.

Doch dann deutete er auf ihre Hände, und sie merkte, dass sie ein wenig Asche von den Brennern an den Fingerspitzen hatte. Eine falsche Berührung und auf ihrem ganzen Brautkleid wären dunkle Spuren.

»Ah«, flüsterte sie. Zitternd wischte sie sich die Hände an einem Lappen ab. »Danke.«

Er nickte, bevor er die Hände hinter seinem Rücken faltete. »Ich werde der Zeremonie vom Balkon aus zusehen. Viel Glück.«

Schon bald ertönte an der Tür das Klopfen, vor dem sie sich gefürchtet hatte, und sie folgte dem Zug der königlichen Dienerschar, der auf sie wartete, durch die dunklen Flure. Ein großer Teil des Schlosses hatte für die Nachbarn, die zu Besuch gekommen waren, wieder eröffnet werden müssen. Dieser Flügel war nicht einmal mit den Walöllampen ausgestattet, die den Rest ihres Zuhauses erhellten. Die neue Beleuchtung ließ die Räume, in denen sie sich für gewöhnlich aufhielt, viel freundlicher erscheinen als die flackernden Fackeln dieses ungastlichen Schlossteils. Schwarzer Ruß rann von den Decken hinab, tropfte durch die Stockwerke über ihrem Kopf und vermengte sich mit dem Kerzenrauch, der über Jahre hinweg schon die Wände befleckte.

Ihre Mutter erwartete sie am Ende des Korridors. Königin Rhiannon von Inverholm war immer eine beeindruckende Erscheinung, ganz egal, um welchen Tag es sich handelte. Heute aber, bei der Hochzeit ihrer Tochter, sah sie absolut atemberaubend aus.

Ihr graues, sorgfältig in Locken gelegtes Haar rahmte ihr Gesicht und hing ihr in raffinierter Flechtung den Rücken hinab. Ihr azurblaues Kleid hatte dieselbe Farbe wie die Tiefen des Meeres, das ihr Halbinsel-Königreich umschloss. Edelsteine verzierten jeden Körperteil, von ihrem Hals über ihre Handgelenke bis hin zu den Fingern. An ihren Ohrläppchen funkelten ebenfalls Diamanten, aber ihre steinerne Miene wollte nicht recht zu ihrer strahlenden Erscheinung passen.

Jessamine verbeugte sich tief. »Mutter.«

»Du musst das nicht tun.« Die Stimme ihrer Mutter hallte im Gang wider und wurde als hundertfaches Echo zurückgeworfen, ehe es wieder still wurde. »Wir könnten das Königreich immer noch retten.«

Sie wussten beide, dass das eine Lüge war. Die Seuche hatte sie in die Knie gezwungen. Niemand konnte mehr arbeiten, und diejenigen, die es dennoch taten, wurden krank. Das Königreich hatte weder das Geld noch die entsprechenden Mittel, um die Plage zu besiegen, und wenn es so weiterging, würde es bald ganz vorbei sein mit Inverholm.

»Ich möchte ihn heiraten.« Jessamine hielt sich entschlossen und aufrecht, mit breiten Schultern, die das Gewicht dieser Lüge irgendwie tragen mussten. »Ich möchte meine Heimat retten.«

Ihre Mutter durchschaute sie natürlich, und Jessamines Herz schmerzte, weil sie wusste, dass diese Lüge ab jetzt zwischen ihnen stehen würde. Aber eine von ihnen musste etwas unternehmen. Ihre Mutter hatte es bereits versucht, und es war ihr nicht gelungen, das Problem zu lösen.

Das hier war ihre letzte und einzige Chance.

Die Königin nickte und bot Jessamine ihren Arm an. Gemeinsam schritten sie durch die Dunkelheit und dann hinaus in das strahlende Sonnenlicht, das den Hof erfüllte, in dem die Menge sie schon erwartete.

Leon Bishop hatte eine kleine Entourage mitgebracht. Ein paar Herzöge und Herzoginnen, die alle die traditionellen schwarzen Gewänder seines Königreiches trugen. Alle anderen – die Wachleute, Zofen und Lakaien – waren ebenfalls dunkel gekleidet, unterschieden sich aber durch ihre gestärkten, weißen Kragen. Sie wirkten wie Gäste auf ihrer eigenen Beerdigung, und Jessamine hatte die Farbe Schwarz noch nie so sehr gehasst wie in diesem Moment.

Ihr Gefolge mischte sich mit seinem, allesamt in Dunkelblau oder anderen Blauschattierungen gekleidet. Viele von ihnen waren adelig und hofften, vor dem Zusammenschluss der Königreiche noch ein gutes Wort für sich selbst einlegen zu können. Alle verließen wie Ratten das sinkende Schiff und rannten auf etwas zu, wovon sie sich ihre Rettung erhofften.

Das Bild all dieser Menschen verschwamm, als Jessamine den Blick nach innen richtete. Die Menge wurde zu einem Bluterguss, der sich über ihr Königreich ausbreitete, schwarze und blaue Flecken, genau wie die, die sie unter den Ärmeln ihres Brautkleides verbarg.

Leon wartete am Altar auf sie, ein gut aussehender, goldschimmernder Mann, der vor leuchtenden Farben nur so triefte. Sein cremefarbener, von Goldfäden durchzogener Anzug verkörperte siegreichen Wohlstand und wurde von dem hinter ihm liegenden Meer gerahmt. Sein Gewand bildete einen deutlichen Kontrast zu seinen Höflingen in den dunklen Tönen. Die Tore waren jetzt geschlossen und durch ihr Familienwappen fest versiegelt: Über dem gesamten Eingang breitete ein riesiger Rabe seine gigantischen Flügel aus. Aus dem Innenhof wurde ein Balkon, der über das Meer hinausragte, der einzige Teil des Schlosses ohne Wände. Eine steile Klippe fiel bis zu dem Kanal ab, der Richtung Stadt führte.

Jessamine ignorierte alle Menschen um sich herum und blickte stattdessen auf ihr Königreich. Ihr Zuhause thronte über dem Meer und erstreckte sich von hier aus ins Landesinnere. Der Wasserbezirk mit seinen hohen, fünfstöckigen Häusern, die dicht an dicht standen, schmiegte sich an die Küste. Das gesamte Wasser der Stadt wurde erst durch das Kanalsystem und dann zur Filterung durch die Produktionsanlagen gepumpt. Zu seiner Linken befand sich der Fabrikbezirk, aus dem dicke Rauchsäulen aufstiegen. Dann kam der Handelsbezirk, der eine schmale Linie an der Grenze bildete, damit die Händler nicht allzu weit nach Inverholm hineinreisen mussten. Sowohl das Vergnügungsviertel als auch die Häuser der Adeligen säumten die massive Treppe, die zu den Schlosstoren führte.

Leon hatte natürlich seinen eigenen Priester mitgebracht, so dass ihre Mutter mit ihr den ganzen Weg bis zum vordersten Ende der Menge gehen musste. Die Zuschauer nahmen ihre Plätze ein, während der Priester irgendeinen Unfug über Götter und die Ehe zum Besten gab.

Sie hörte ein Flüstern aus ihrem Buch über Hexerei. Kein Gott konnte diese Verbindung segnen. Schließlich waren sie alle schon vor Jahren gestorben, und die Schreie der Trauernden hallten in ihrem Kopf wider wie die Stimmen von Gespenstern.

Leon griff nach ihren Händen und verflocht seine eiskalten Finger mit ihren. Als er zudrückte, sah sie ihm in die Augen und fragte sich, ob er ihr je gefallen würde. Schlecht sah er ja nicht aus. Das hatten alle gesagt, wenn die Adeligen von Orenda jedes Jahr zum Erntefest zu Besuch kamen. Goldene Locken hingen ihm in die Stirn, und sie hatte zahlreiche Edelfrauen gesehen, die dieses schöne Haar andächtig zurückstrichen. Seine blauen Augen waren so blass, dass sie in bestimmtem Licht beinahe weiß wirkten. Er hatte ein kantiges Gesicht und breite Schultern – ja, ihr Zukünftiger war in jeder Hinsicht ein attraktiver Mann.

Jessamine wollte ihn nur nicht. Das hatte sie nie getan. Nicht, als sie noch jünger waren, und ganz bestimmt nicht jetzt.

Sie kannten sich seit ihrer Kindheit, und ihr war seine grausame Seite immer wieder aufgefallen. Und jetzt, nachdem sie ihm Jessamine geopfert hatten, traten diese Züge an ihm leider noch deutlicher zutage. Vor zwei Tagen war Leon mit dem Rest der Orenda-Wachleute eingetroffen, und es hatte nur zwei Stunden gedauert, bis sein unbarmherziger Charakter wieder zum Vorschein gekommen war.

»Freust du dich?«, fragte er kaum hörbar über das dröhnende Geschwafel des Priesters hinweg.

Jessamine hatte keine Ahnung, was sie erwidern sollte. Nein, sie freute sich nicht. Sie hasste die Vorstellung, heute Abend mit ihm das Bett teilen zu müssen, besonders, weil sie wusste, was er von ihr erwartete. Küsse. Berührungen. Unter der Kleidung, an Stellen, an denen erst wenige Männer sie berührt hatten, was sie schon damals nicht gewollt hatte. Männer waren zu … langweilig. Sie fand es viel aufregender, Hexerei zu studieren, als sich mit unbeholfenen Küssen und Gefummel herumzuschlagen.

»Ja«, säuselte sie ebenso leise und so lieblich, wie nur eine echte Prinzessin klingen konnte. Sie hatte ihr ganzes Leben an der Perfektion dieses Tonfalls gefeilt.

»Und du hast all diesen … Unsinn aufgegeben?« Er starrte sie ein wenig zu eindringlich an.

»Ich weiß nicht, wovon du redest.«

Jetzt drückte er ihre Hände so fest, dass es beinahe weh tat. »Ich habe Freunde in wichtigen Positionen, schon vergessen? Mir kam ein kleines Gerücht zu Ohren. Angeblich hast du dich an Zauberei versucht.«

»Zauberei? Ich erforsche Wege, der Seuche Einhalt zu gebieten.« Am liebsten hätte Jessamine ihm ihre Hände entrissen, aber sie wollte der Menge keinen Stoff für weiteren Tratsch geben. Aber für wen hielt dieser Kerl sich? Sie war immerhin die Kronprinzessin von Inverholm! Wenn sie sich mit Hexerei oder Schwarzer Magie beschäftigen wollte, dann würde sie das tun. Wenn es nötig war, um ihr Volk zu retten …

Vorn an den Eingangstoren geriet die Menge in Bewegung. Laute Stimmen, Geschrei und zornige Worte ertönten, die so gar nicht zu einem Festtag passen wollten. Was war da los?

Leons Blick wanderte nur kurz in Richtung Tumult, ehe er den Druck noch einmal verstärkte. Schmerz schoss sengend durch ihre Finger, und sie japste auf, ehe sie die Zähne zusammenbiss, um das Geräusch zu unterdrücken.

»Jessamine«, fauchte er. »Studierst du immer noch Schwarze Magie?«

Sie könnte lügen. Sie könnte ihm sagen, dass sie eine brave, kleine Prinzessin gewesen war, die ein Zauberbuch nie auch nur anrühren würde. Im Leben nicht. Niemals.

Aber er wollte hierher ins Schloss ziehen und würde irgendwann ihr Arbeitszimmer finden. Würde all die Gläser voll von Präparaten und anderen Objekten finden, die eine Prinzessin nie anfassen sollte. Blutige Herzen. Schwarzer Schleim. Abstriche der Infizierten und sogar ein paar Finger von Toten. Alles Utensilien, die in der Schwarzen Magie benutzt wurden. Nicht, dass sie die Sprüche selbst ausprobiert hätte, aber sie forschte dazu.

Nur für den Fall der Fälle.

Was, wenn es half?

Wenn niemand außer ihr die Antwort sah? Ihre Berater hatten zu große Angst vor dem, was die Hexenzirkel möglicherweise noch bewirken konnten. Sie hatten nie versucht, mit den Hexen zu sprechen. Weigerten sich, ihre dämlichen Vorurteile zu überwinden und andere Perspektiven auch nur in Betracht zu ziehen.

Also straffte sie die Schultern und sah ihm direkt in die Augen.

»Ja. Das tue ich.«

Das Eingangstor flog auf, und Menschen strömten herein, wütend und tobend und … Oh.

Oh nein.

Sie waren infiziert. Zwanzig Männer und Frauen mit geschwollenen Augen und schwarzen Pusteln, die ihre nackten Arme und Hälse bedeckten. Selbst aus der Ferne konnte Jessamine erkennen, dass bei vielen die Furunkel aufgebrochen waren. Sie würden jeden anstecken, der sie berührte oder ihnen nah genug kam, um mit der austretenden Flüssigkeit in Kontakt zu kommen. In diesem Stadium der Krankheit zogen die Infizierten in Pulks umher. Sie hielten zusammen, manchmal sogar buchstäblich, während sie durch die Straßen ihres Königreiches streunten.

Wachleute stürmten auf sie zu, die Musketen im Anschlag und die Spieße ausgestreckt, um die Verseuchten in Schach zu halten.

»Tötet sie alle!«, brüllte Leon und wandte sich den Eindringlingen halb zu.

»Treibt sie zusammen, so wie sonst auch!«, rief Jessamine und raffte schon die Röcke, um hinein in den Tumult zu rennen. Die Wachleute hatten die Infizierten bisher immer in Gruppen eingepfercht und hielten sie voneinander getrennt, nur für den Fall, dass es noch eine Chance gab, sie zu retten. »Das sind meine Untertanen, Leon. Du hast da nichts zu sagen.«

»Oh, und ob ich das habe.« Er packte sie am Arm und riss sie zurück. Die blauen Flecken, die er ihr vor ein paar Tagen auf dieselbe Weise verpasst hatte, flammten erneut schmerzhaft auf. »Komm her, Prinzessin.«

»Lass mich los!«

Sie kämpfte gegen ihn an, aber er gab sie nicht frei, sondern zerrte sie zum Altar und schüttelte sie so fest, dass das Diadem von ihrem Kopf auf den Boden flog. Mit einem klirrenden Geräusch kam es auf, klackerte die Stufen hinunter und blieb auf den Steinen liegen.

»Die Prinzessin gesteht, Schwarze Magie zu praktizieren! Wir alle kennen die Wahrheit – dass Hexen für diese Plage verantwortlich sind! Und eure Möchtegern-Königin sympathisiert mit den Geschöpfen, die es darauf abgesehen haben, eure Liebsten zu töten. Zum Wohle beider Königreiche beanspruche ich die alleinige Herrschaft über dieses Schloss und Inverholm, ohne die Mitwirkung der Harmsworth-Familie.«

Die Adeligen vor ihr erstarrten. Jessamines Mutter sah sie an, und ihre weit aufgerissenen Augen waren angsterfüllt. Und Jessamine begriff, dass das hier alles noch viel, viel schlimmer war, als sie es sich je ausgemalt hatte.

Das hier war nicht einfach nur die Hochzeit mit einem Mann, den sie ihrem Volk zuliebe heiratete. Es war ein Kampf ums Überleben, jetzt, wo er sie vor dem Altar in die Knie zwang. Es ging alles so schnell. Seine Wachmänner kamen mit erhobenen Schwertern und Musketen näher, und das Metall der auf den Adel gerichteten Klingen blitzte im Sonnenlicht auf. Donner rollte so laut, dass sie nichts anderes mehr hören konnte, und erst da wurde ihr klar, dass es ihr eigener Herzschlag war.

Jemand aus Leons Entourage hatte die Infizierten in den Hof gelassen. Ein Ablenkungsmanöver, damit seine Wachen sich hinter ihren Leuten positionieren und sich darauf vorbereiten konnten, all jenen das Leben zu nehmen, die sie am meisten liebte. Die Infizierten waren schon tot, Leons Gefolge hatte sie umgebracht, genau wie einen Großteil der Wachleute ihrer Familie. Leichen lagen überall herum, und ihr Blut strömte leuchtend rot über das makellose grünweiße Kopfsteinpflaster aus Marmor.

Einer von Leons Männern trat nach vorn. Er trug eine Uniform, die so dunkel wie Tinte war. Dann schlug er sich mit der Hand gegen die Brust und schrie: »Lang lebe der König!«

Andere stimmten in seinen Ausruf mit ein, und Leon stand über ihr wie ein Eroberer; als wäre das hier allein sein Werk, obwohl sie doch genau wusste, dass er dafür überhaupt nicht intelligent genug war. Jemand anderes musste dahinterstecken. Der Gedanke prägte sich mit einer solchen Klarheit in ihr Herz ein, dass er wie ein Brandmal auf ihrer Seele prangte, wie die Vorahnung einer schrecklichen Wahrheit.

Eine Handvoll ihres eigenen Hofstaates wiederholte die Worte mit gesenktem Blick. Sie konnten ihr nicht in die Augen sehen. Diejenigen, die den Satz nicht nachsprachen, starben als Erste.

Mit offenem Mund sah Jessamine zu, wie die scharfen Klingen von Schwertern und Bajonetten sich in Fleisch gruben. Sie drangen durch Spitze, Samt und Seide, stießen hier aus einer Brust, dort aus einem Bauch heraus und wurden leuchtend rot wieder hervorgezogen.

Sie hörte weder die Schreie noch das Flehen der Menschen. Nur ihren eigenen, treibenden Herzschlag, der sagte: Jessamine, steh auf. Steh auf. Lass sie nicht mit dem Blick auf ihre auf die Knie gesunkene Prinzessin sterben.

Mit einem bebenden Atemzug zwang sie sich, sich zu erheben. Die hübsche Spitze ihres Kleides riss vom Saum aufwärts bis zu ihrem Knie auf. Die zerfetzte weiße Kante hing wie ein Leichentuch herab, als Jessamines Blick den ihrer Mutter traf.

Ihre wunderschöne Mutter. Ihre liebe, furchtlose und entschlossene Mutter, die nach dem Tod ihres Vaters das Königreich zweiundzwanzig Jahre lang allein regiert hatte. Jessamine hatte ihn nie kennengelernt, aber das machte nichts. Ihre Mutter hatte genügt. Jetzt packte sie ein höhnisch grinsender, schwarz gekleideter Schwertträger, die Klinge in der anderen Hand.

»Danke«, sagte Leon, trat hinter Jessamine und schlang einen Arm um sie. Er drückte sie fest an seine Brust, sein Arm wie ein Gefängnis, das sie zwang, still zu halten, während der Wachmann ihre Mutter auf die Beine zerrte. »Dein Königreich bietet mir die perfekte Möglichkeit, meines zu retten. Deine schreckliche Seuche breitet sich bereits in andere Königreiche aus, weißt du? Ich werde also jeden, der sich infiziert, herbringen lassen, und dann können sich hier meinetwegen alle gegenseitig umbringen, ist mir egal. Dieser Ort wird eine Müllhalde für die Toten und Sterbenden sein.«

»Das ist mein Zuhause«, stieß Jessamine heiser hervor. »Das kannst du mir nicht nehmen.«

Er atmete dicht an ihrem Ohr tief ein und seufzte lang gezogen. »Oh, Prinzessin. Das habe ich doch schon längst.«

Der Wachmann fuhr mit der Klinge über die Kehle ihre Mutter. Rotes Blut spritzte aus der Wunde und sickerte in das Meerblau ihres Kleides. Der feste Blick ihrer Mutter änderte sich nicht im geringsten. Ihre Kiefermuskeln waren angespannt, und sie ballte die Hände in ihrem Rock zu Fäusten, aber sie reagierte kaum. Nein, die Königin von Inverholm verzog keine Miene. Stattdessen begrüßte sie den Tod wie einen alten Freund und starb voller Anmut und Schönheit.

Keiner aus der alten Wache, unter den Edelmännern und Edelfrauen, die noch lebten und sich von ihnen losgesagt hatten, würde den Moment, in dem ihre Königin grundlos starb, je vergessen. Sie alle richteten den Blick auf Jessamine.

Sie hielt sich aufrecht und weigerte sich, ängstlich auszusehen oder auch nur einen Anflug von Furcht zu verspüren. Leon hatte seinen Arm immer noch um sie geschlungen, das Gefängnis, das sein Körper bildete, blieb unnachgiebig.

»Soll ich dich den Infizierten überlassen?«, ertönte seine raue Stimme hinter ihr. »Soll ich dich unserem gemeinsamen Problem einfach zum Fraß vorwerfen?«

Jessamine zitterte in seinem Griff, antwortete jedoch nicht.

Leon schnalzte abfällig mit der Zunge. »Nein, ich halte es für das Beste, das Problem dauerhaft zu lösen, anstatt dich weiter umherstreifen zu lassen. Wenn ich auf dem Thron sitze, kann ich schließlich niemanden gebrauchen, der mir die Herrschaft streitig machen will.«

Der kalte Druck der Klinge an ihrem Hals hätte ihr vielleicht Angst einjagen sollen. Aber sie akzeptierte den Tod mit demselben stählernen Blick wie ihre Mutter, während sie sich das Gesicht jedes einzelnen Verräters einprägte, der es gewagt hatte, einem ihrer Untertanen etwas anzutun.

»Leb wohl, Lady Jessamine«, raunte Leon ihr ins Ohr. Er zog die Klinge über ihre Kehle, und sofort breitete sich ein rasender Schmerz in ihrem gesamten Körper aus. Und dann stieß er sie mit einer lässigen Bewegung über die Kante der Klippe hinab ins Meer.

~ 2 ~

Sein Leben bestand nur aus Eis und Schmerz.

Schon seit Jahrhunderten.

Erinnerungen flackerten vor seinem inneren Auge auf. An Eisen, das sich beißend in seine Handgelenke grub, nachdem er hundert Jahre an eine Wand gefesselt gewesen war. An den heißen Schmerz, den die Klingen an seiner Haut auslösten, als sie für einen einzigen Tropfen Götterblut in sein Fleisch schnitten. An das zischende Lachen Hunderter Hexen, als sie ihn benutzten, zerstörten und ihren Hass auf die Welt zelebrierten, indem sie die Organe aus ihm herausrissen und das, was übrig war, verschlangen.

Er war unvermeidlich. Das Ende aller Dinge. Und dennoch hatten sie ihn zerstört, Stück für Stück, jedes ein bisschen finsterer als das zuvor.

Er konnte sich nicht an vieles aus der Welt der Lebenden erinnern. Nur daran, dass der Geruch grünen Grases ihn früher beruhigt hatte. Er erinnerte sich, wie federleicht Schafgarbe sich angefühlt hatte, wenn er mit den Fingern über die zarten, weißen Blütenblätter strich, wie Spitze. Und auch an die schimmernde Dunkelheit eines Raben, wenn dieser ihm in die Augen blickte und ihn daran erinnerte, dass alle Götter tot waren.

Alle außer ihm.

Das stimmte. Die Menschen nannten ihn den Todlosen. Er, der dem Ende aller Dinge entflohen war. Dem Ende der Magie, dem Ende des Lebens selbst.

Alle Götter waren tot, behaupteten sie. Aber einer lebte noch. Einer, der in der Dunkelheit verweilte, in den Schatten, und wartete … wartete …

Er konnte sich nicht erinnern, worauf.

Er glitt durch die endlose Nacht, sein Körper trieb auf einem See, der so tintenschwarz war wie der sternlose Himmel, während er in diese Masse von Nichts über seinem Kopf starrte, ohne wirklich etwas zu sehen. Waren da früher nicht Sterne gewesen? Er meinte, sich an die kleinen Lichtpunkte zu erinnern, die ihn immer fasziniert hatten. Monatelang hätte er einfach auf einem Feld liegen und die Sterne betrachten können, wäre die Sonne nicht gekommen und hätte sie verblassen lassen. Selbst dann hätte er nichts dagegen gehabt, einfach in die Sonne zu starren und die hellen Flecken zu genießen, die in seinem Blickfeld zurückblieben.

Es stimmte. Es hatte Sterne gegeben. Und eine Sonne. Und Gras, das ihn am Hinterkopf kitzelte, und kleine Grashüpfer, die über seine Arme sprangen.

Bis jemand mit einem Messer gekommen war und ihn daran erinnert hatte, dass es nur ein sinnvolles Ende für einen unsterblichen Gott wie ihn geben konnte.

Opfer.

Schmerz.

Wieder drohten dunklere Erinnerungen ihn zu verschlingen und in den Morast zu ziehen. Dunkle Hände erhoben sich aus der tintigen Flüssigkeit, pressten sich gegen sein Gesicht und krallten sich in seinen Kiefer. Sie versuchten, seinen Kopf in Richtung der schlimmen Erinnerungen zu wenden, diejenigen, die zu Säure geworden waren und in seinem Kopf verrotteten.

Er wollte doch nur noch ein paar Momente mehr auf diesem Feld. Mit der Sonne, die ein leuchtendes Fleckenmuster auf die Blätter malte, und dem Gefühl einer leichten Brise, die den Schweiß auf seiner Haut kühlte. Oh, es war herrlich gewesen, und die Welt hatte ihn wahrlich gut behandelt, bis die Hexen ihn gefunden und alles ruiniert hatten.

Er fletschte knurrend die Zähne und riss an der Tinte. Die Hände versuchten, ihn zurückzuziehen und mit den Erinnerungen zu quälen, die tief in ihm wüteten. Er würde es ihnen nicht gestatten. Dieses Mal nicht. Nicht, wenn er so kurz davor war, sich an die zärtlicheren Momente zu erinnern, die sie ihm immer stahlen.

Nein, heute würde er nicht in der Dunkelheit bleiben.

Er bahnte sich seinen Weg aus der Finsternis und richtete sich auf Hände und Knie auf. Die Dunkelheit um ihn herum bekam schärfere Kanten, bohrte sich in seinen Rücken und hauchte ihm all die Erinnerungen wieder ein.

Die Jahre als Gott. Eine unendliche Existenz des Lernens und Lebens, in der er sich nehmen konnte, was auch immer er wollte. Bis die Hexen ihren Besitzanspruch auf ihn erhoben hatten und er umgekehrt seinen auf sie. Er hatte eine Stadt für sie errichtet, ein Reich aus Macht und Magie. Alles wäre gut gewesen, wäre da nicht …

Die Tinte verwandelte sich in Füße, die vor ihm standen. Zarte Knöchel, die in wohlgeformte Waden und Oberschenkel übergingen.

Wenn sie nicht gewesen wäre.

Der Todlose lehnte sich zurück auf die Fersen und starrte die Hexe an, die alles verändert hatte. Die in sein Herz geblickt und ihn als Person wahrgenommen hatte, nicht als Gott.

Sie beugte sich nach vorn, die formlose Masse ihres Gesichts waberte wie schwarzer Schlamm, und ihre langen dunklen Locken glitten über ihre Schulter. Mit einer Hand umfasste sie sein Kinn und wollte ihn zurück in die dunklen Erinnerungen zwingen.

»Du wolltest, dass wir dich anbeten«, flüsterte sie. »Und das habe ich getan. Oh, Todloser, ich habe dich so lange angebetet, bis du dich in mich verliebt hast. Und was hast du dann gemacht?«

»Ich habe dich getötet«, flüsterte er.

Vielleicht nicht im wörtlichen Sinn, aber im übertragenen gewiss. Er hatte ihnen den Rücken zugekehrt, und die Hexen hatten getan, was nötig war, um alles wieder in Ordnung zu bringen.

Er erinnerte sich nicht, was vor all den Jahren kaputtgegangen war. Aber er erinnerte sich an das letzte Mal, als sie ihn geopfert hatten. Als diese Hexe ihn umarmt und bis in die Besinnungslosigkeit geküsst hatte, um ihn dann auf den Altar zu legen.

Als er sich daran erinnerte, begann er zu zittern.

»Nein«, flüsterte er. »Du hast mich umgebracht.«

»Das habe ich.« Die Dunkelheit beugte sich weiter nach vorn und drückte ihre eiskalten Lippen auf seine Wange. »Du solltest tot bleiben, kleiner Gott. Wir haben dir deine Macht genommen, ganz und gar. Haben dich hierherverbannt, und du solltest tot bleiben.«

Ja, genau das war passiert. Die Hexen hatten ihm sämtliche Macht genommen, und dann hatte er gespürt, wie ihre Leben erloschen. Eines nach dem anderen. Und dann waren auch die reizenden Grabsängerinnen gestorben, die mehr waren als nur Betende, lebenswichtig für eine Gottheit wie ihn. Ein Geschenk. Ein Anker in der realen Welt, in der er ansonsten so schwer Fuß fasste. Jede einzelne Grabsängerin hatte sich mit ihm geopfert, und so war seine Fähigkeit wiederaufzuerstehen mit ihnen gestorben. Seitdem saß er hier fest.

Sie alle hatten ihr Leben ausgehaucht, bis es keine Verbindung mehr gab, nur die zerschlagenen Überreste eines Hexenzirkels, der diese Bezeichnung kaum noch verdiente. Und dann hatten sie ihn allein gelassen und jahrhundertelang leiden lassen. Verbannung drückte nicht einmal ansatzweise aus, was er durchgemacht hatte.

Aber obwohl dieses Reich zwischen Leben und Tod zu seiner Bestrafung erschaffen worden war, gehörte es immerhin ihm.

Er nahm all seine Kraft zusammen und erhob sich. Die Gestalt der Frau, die er einst geliebt hatte, fiel in sich zusammen, zurück in die Dunkelheit, die ihn zu verschlucken gedroht hatte.

Er wandte sich von dem nebligen Becken ab und ignorierte die Hände, die seine Stiefel umklammerten. Er durfte nicht vergessen, dass er hier die Kontrolle hatte.

Wie lange war er dieses Mal verloren gewesen? So gefangen am Grund dieses tintigen Loches, dass er vergessen hatte, wer er war?

Es war nicht das erste Mal gewesen, und gewiss auch nicht das letzte. Aber irgendetwas hatte ihn aufgeweckt.

Eine Weile lief er umher, was in der Dunkelheit gar nicht so leicht war. Also hob er die Hände über den Kopf, krümmte seine Finger und ließ die Handgelenke kreisen, bis ein schwaches Licht die endlosen Strudel aus knöcheltiefem, dunklen Wasser erhellte.

»Ja«, murmelte er. »Das dürfte genügen.«

In der Ferne sah er, was ihn aufgeweckt hatte. Ein Klumpen. Zu klein für einen Gott, der ihn in seiner Welt besuchte. Moment. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass es keine anderen Götter mehr gab. Und selbst als sie noch gelebt hatten, waren sie hier nie vorbeigekommen.

Er schritt darauf zu, wobei seine dunklen Stiefel das Wasser aufspritzen ließen. Es sollte ihn nicht so sehr interessieren. Die Form war zu klein, um von Bedeutung zu sein, wahrscheinlich war es nur ein weiterer Trick, der ihn in den Morast locken sollte. Ihn kontrollieren sollte, wie so viele es sich wünschten. Und dennoch sagte ihm sein Herz, dass es wichtig war. Also ging er hin.

Und was er fand, machte ihn sprachlos und raubte ihm den Atem.

Im Wasser lag eine Frau. Dunkle Wellen schwappten gegen ihre Wangen und füllten ihre leeren Augen mit schimmernder Tinte. Das dunkle Haar trieb um sie herum und hatte fast dieselbe Farbe wie das Wasser. Von ihren schmalen Schultern hing ein ehemals weißes Kleid, dessen zerrissene Spitze und blutgetränkter Stoff an ihrem ansonsten recht ansprechenden Körper klebten.

Eine einzelne Locke lag quer über ihrem Hals, wie das herrliche Aufklaffen der Haut, nachdem kein Tropfen Blut mehr übrig war. Was tat sie hier? Warum war sie ausgerechnet in seiner Welt gelandet?

Er kauerte sich neben sie, legte die Handgelenke locker auf den Knien ab und betrachtete sie genauer. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas krümmte sich bei ihrem Anblick in seinem Hinterkopf, wie ein Wurm in einem Glas. Sie sollte nicht hier sein. Diese Sphäre gehörte den Toten, und sie hatte hier nichts verloren. Warum sollte sie hier …

… und dann traf ihn eine Erinnerung wie ein Vorschlaghammer. Es fiel ihm wieder ein.

Oh, er erinnerte sich an alles.

Der Todlose sank auf die Knie, so dass das schwarze Wasser durch seine Hose drang. Er befand sich in einer Erinnerung, kniete da, die Hände über dem Kopf zusammengebunden. Zuvor waren sie noch in geschmolzenes Silber getaucht worden, das sich bis auf die Knochen einbrannte. Er war von Zeichen umgeben, die in den Boden gekratzt worden waren, und von schwarzen Kerzen, die bereits fast heruntergebrannt waren. Offenbar war er eine ganze Weile dort gewesen.

Um ihn herum ertönten Schritte, zu leichtfüßig für einen Mann. Dann trat die Frau vor ihn. Sie bestand ganz aus kantigen Schatten und dunklem Haar, das ihr etwas Gespenstisches verlieh. Vielleicht war sie tatsächlich ein Geist. Vielleicht war sie alles, was von dieser Erinnerung übrig war.

»Todloser«, murmelte sie, wobei ihre Stimme weit in die vergangenen Jahrhunderte zurückreichte und von der langen Zeit ganz dumpf klang. »Es wird noch jemand kommen. Das Orakel hat es vorhergesehen. Eine Person, die dich von den Toten auferstehen lassen kann. Die in der Lage ist, dir all deine gestohlene Macht zurückzugeben, und dann liegt es an dir. Du wirst die Welt entweder zerstören oder sie regieren.«

Er erinnerte sich an Trauer. An den Schmerz in seiner Brust, als ihm einfiel, dass diese Frau aus Tinte ihn davon abgehalten hatte … etwas zu tun. Etwas Großartiges.

»Du hast mich hintergangen«, hörte er sich selbst durch seine geschwollenen Lippen sagen.

»Ich muss meine Schwestern und meinen Zirkel retten. Ich muss dich aufgeben«, erwiderte sie. Ihr Mund öffnete sich, ehe sie zu bluten begann. Aus den Augen, dem Mund, der Nase. Selbst aus ihren Ohren strömte rote Flüssigkeit.

»Hexe«, fauchte er.

Die Frau, die er zu lieben geglaubt hatte, die ihn über alle anderen hätte stellen sollen, hob eine Klinge über seinen Kopf. »Todloser.«

Sie ließ die Klinge auf ihn herabstoßen, und die Erinnerung warf ihn zurück in diesen Moment. Mit dieser Frau. Mit dieser Gestalt, die vor ihm lag, deren zarte Hände in der Tinte ruhten, die durch ihre Finger lief wie ein alter Freund, der sie an der Hand hielt.

Das war doch völlig verrückt. Eine Grabsängerin war seit über zweihundert Jahren nicht mehr geboren worden, vielleicht sogar noch länger, falls die Zeit ihm entglitten war. Und wenn diese Gestalt wirklich eine war, dann würde sie ihn niemals freiwillig zu sich rufen. Er wäre eine Plage in ihrer Welt und in allen anderen auch. Ihresgleichen hatten versucht, ihn umzubringen. Und dann hatten sie ihn eingesperrt.

Er würde sie alle mit einem einzigen Atemzug, mit einer einzigen Handbewegung vernichten. Warum war sie hier?

Aber seine Gedanken waren ungeordnet. Es fiel ihm schwer, sich beim Anblick ihrer rosigen, geschwungenen Lippen und ihrer seltsam dunklen Augenbrauen, die ein klein wenig zu dick waren, zu konzentrieren. Sie wirkte so ernst in ihrem Schlummer.

Er strich sacht mit dem Finger über die Haarlocke über ihrer Kehle und merkte, dass sie nicht schlief, sondern tot war. Der tiefe Schnitt durch ihren blassen Hals war mit Gewalt vollzogen worden, und er konnte problemlos die roten Fäden erkennen, die vibrierend von der Wunde ausgingen. Man hatte sie umgebracht.

Wenn er erlöst werden wollte, dann musste er als Erstes sie retten.

»Aber eine Seele wie deine zu retten ist nicht so einfach, kleiner Albtraum«, murmelte er. »Du kannst nicht so dringend sterben wollen.«

Er presste seine Hand auf ihren Brustkorb und zog ihre Seele hervor. Er hatte erwartet, ein leichtes, zartes Ding vorzufinden, und war überrascht, als ihm Finsternis entgegenkam.

»Eine ziemlich grazile Hülle für eine sehr viel härtere Seele«, sagte er. »Wie faszinierend. Jetzt lass uns mal sehen, welche Art von Monster zu werden du bereit bist.«

Er formte ihre Seele zu einer Kugel und schleuderte sie in die Dunkelheit, um dann zuzusehen, wie sie in Hunderte von Teilen zersprang – Erinnerungen, die ihr wichtig gewesen waren. Er schlenderte zwischen den Splittern hindurch und betrachtete sie wie die Bruchstücke eines Spiegels. Ihre Mutter. Ihr Arbeitszimmer. Ein Zauberbuch. Ein Hund, der so heftig mit dem Schwanz wedelte, dass er damit immer wieder gegen Wände und Türrahmen schlug. Alberne Erinnerungen eines Mädchens, das nicht genug von der Welt gesehen hatte, um das Böse zu kennen.

Wie also hatte diese Seele sich so verdunkeln können?

Dann stieß er auf ihre Hochzeit und den Mann, der die blauen Flecken auf ihrer Haut hinterlassen hatte, schon lange bevor sie der Heirat zugestimmt hatte. Sah den Verlust eines Königreiches. Ihrer Mutter.

»Interessant«, murmelte er nachdenklich, während er durch ihre Erinnerungssplitter schritt, um zu sehen, was ihre Zukunft bringen könnte. Ein paar Scherben waren leer und gaben nichts preis. Vielleicht zeigten sie ihren Tod oder das Jenseits, das sie zurückgewiesen hatte.

Doch dann entdeckte er die Zukunftssplitter, nach denen er gesucht hatte. Eine Frau mit einer finsteren Krone aus schwarzem Glas. Ein blutbespritzter Thron. Männer und Frauen, die von einer Krankheit befallen waren, die Sterbliche in jämmerliche Hülsen dessen verwandelte, was sie einst gewesen waren. Es war eine traurige Zukunft voll Schmerz. Aber da war auch eine andere. Eine ähnliche Krone, ein ähnlicher Thron und zwei Hände auf den Armlehnen. Die Hände zweier unterschiedlicher Personen.

Er pflückte den Splitter aus der Luft und betrachtete ihn ein wenig genauer. An ihren zarten, blassen Fingern steckten zahlreiche Ringe, und sie hielt die Hand eines Mannes fest. Es war schwer auszumachen, doch er erkannte sie als seine eigene. Sie saßen auf einem Thron, der langsam in einem Meer aus Blut versank.

Es war perfekt.

»Ah«, sagte er. »Du bist also wirklich eine Grabsängerin.«

Er trug diese Zukunft zu ihr zurück und stand dann neben ihrem leblosen Körper, während er seine Möglichkeiten durchging. Er könnte sie gehen lassen. Er könnte problemlos ihre Seele zusammensetzen und in ihren Körper sinken lassen. Sie würde durch das Jenseits treiben, hinaus aus seiner Welt und hinein in eine andere, und sich dort zu den Toten gesellen. Vielleicht würde sie nie erfahren, dass sie einst zu Großem hätte fähig sein können.

Oder aber er benutzte sie, um ihn aus diesem Ort zu befreien, manipulierte sie, so dass sie niemals durchschaute, was sein eigentlicher Plan war. Wenn er damit fertig und endlich zu Hause war, würde er dafür sorgen, dass sie ihn nicht zurückschicken konnte. Also behielt er den Teil ihrer Zukunft für sich, von deren möglicher Existenz sie nie erfahren würde – und ließ den Rest ihrer Seele in die Tiefen seines Reiches hinabsinken. Hände streckten sich aus der tintigen Dunkelheit empor, griffen nach den Splittern und verschwanden damit im Schlamm. Vielleicht würde sie die Teile eines Tages zurückhaben wollen. Und vielleicht würde er sie darum kämpfen lassen.

Aber nicht, ehe er bekommen hatte, was er wollte.

Wieder kauerte er sich über sie und schöpfte sanft das Wasser aus ihren Augen. Wie schwarze Tränen rann die Flüssigkeit über ihre Wangen. Obwohl diese arme Kreatur ihm hätte leidtun sollen, empfand er einfach nur Erleichterung. Sie hatte es auf seine Seite geschafft. Die Hexe, die ihn hintergangen hatte, hatte nicht gelogen. Es würde ein Tag kommen, sehr bald schon, an dem er endlich frei sein würde.

Er schob ihre Zukunft in seine Tasche und presste dann die Daumen auf ihre Augen, bevor er ein uraltes Wort hauchte, das in ihrer und jeder anderen je gesprochenen Sprache unbekannt war.

Es bedeutete »Leben«.

Wie vom Blitz getroffen bäumte sich ihr Körper unter seinen Händen auf. Weit aufgerissene Augen starrten ihn erschrocken an, so dunkel, dass er den Mangel einer Seele beinahe in ihnen sehen konnte. Sie öffnete den Mund, vielleicht, um zu schreien, aber er legte einen Finger auf ihre blutroten Lippen.

»Kein Geschrei«, sagte er. »Du hörst mir jetzt zu.«

Sie nickte, eindeutig zu verängstigt, um zu sprechen.

»Du bist tot. Und in ein paar Momenten wirst du dich daran nicht mehr erinnern. Aber ich bin der, für den du mich hältst. Deine Seele ist zu mir, dem Todlosen, gereist, und ich werde mich daran laben, wenn du es wünschst. Oder ich gebe dir das Leben zurück, so dass du vielleicht an einem anderen Tag weiterkämpfen kannst.«

Er nahm den Finger von ihrem Mund und strich dann mit dessen vernarbter Kuppe über ihre volle Unterlippe.

Dieses Mal begegnete sie seinem Blick ohne Furcht, ehe eine gewisse Härte in ihre Augen trat.

»Ich will kämpfen. Ich will mein Königreich zurück.«

»Rache ist ein gefährliches Spiel, kleiner Albtraum.«

Sie funkelte ihn immer noch an. Die Angst war völlig aus ihrem Blick verschwunden. Da war nicht einmal mehr Hoffnung. Nur Wut und Zorn.

»Ich will ihn für das, was er mir angetan hat, leiden lassen. Ich will, dass er weiß, wie es sich anfühlt, all seine Liebsten sterben zu sehen. Und dann soll er mich mit einem Messer in der Hand über sich stehen sehen.«

»Das werde ich dir ermöglichen.« Was für eine wilde Kreatur er da gefunden hatte! Er strich über ihren Kiefer. »Aber du wirst dich mir verschreiben. Es wird der Moment kommen, in dem ich dich brauche, und dann wirst du nicht nein sagen können. Und dir wird nicht gefallen, was ich von dir verlange.«

»Alles«, stieß sie erstaunlich hitzig hervor. »Ich tue alles.«

»Dann gebe ich dir eine Chance.«

Nie war ihm eine so zornige Seele begegnet. Er konnte es kaum erwarten herauszufinden, was ihre Seele mit einer solchen Kraft erfüllt hatte.

»Aber ich will sehen, wie du dein Königreich niederbrennst und in meinem Namen wiederaufbaust.«

Ohne zu zögern, biss sie die Zähne aufeinander und sagte: »Das werde ich.«

~ 3 ~

Sie stolperte durch die Dunkelheit und rollte durch die Tiefen des Todes und irgendeine Zwischenwelt, für die sie keinen Namen hatte. Es war kalt. Bitterkalt. Die Kälte war so beißend, dass sie sie noch immer spüren konnte, auch wenn sie nicht mehr viel empfand.

Ihre Mutter, tot. Ihre Familie, weg. Ihr Königreich war ihr entrissen worden, ohne dass sie auch nur die Chance gehabt hatte, darum zu kämpfen. Aber das wollte sie! Sie wollte jeden vernichten, der es gewagt hatte, es ihr zu nehmen.

Jessamine verlangte eine Chance. Das war alles, worum sie bat.

In der Finsternis ertönte eine Stimme. Das Schwarz verschob sich, und eine Gestalt erhob sich vor ihr, schattenhaft und undeutlich. Sie konnte nichts erkennen außer einer schlanken Taille, breiten Schultern und zerzaustem Haar. Jemand streckte die Hand nach ihr aus, groß und mit kräftigen Fingern, und vernarbte Fingerkuppen geisterten über ihr Gesicht.

»Dann gebe ich dir eine Chance«, raunte eine tiefe, grollende Stimme. »Aber ich will sehen, wie du dein Königreich niederbrennst und in meinem Namen wiederaufbaust.«

Aus Verzweiflung, Zorn und Angst hörte sie sich selbst erwidern: »Das werde ich.«

Welcher Irrsinn war nur über sie gekommen? Sie hatte keine Ahnung, welches Monster sie an diesem finsteren Ort besucht hatte, wusste nicht, was dieser Handel für sie bedeuten würde. Aber sie fühlte … ihn.

Er zog. Und zerrte. Ließ sie nicht los, obwohl alles in ihr schrie, dass sie gehen sollte, tiefer hinein in die Dunkelheit, um Ruhe zu finden. Aber das ließ er nicht zu.

Und nach einem letzten, festen Ruck spürte sie plötzlich alles wieder.

Die Kälte. Die Bitterkeit. Den Schmerz. Oh, dieser Schmerz.

Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, aber ganz langsam fühlte sie ihren Körper wieder. Wie weh alles tat. Jeder Zentimeter an ihr schmerzte wie die Hitze von tausend Sonnen, und ihre Kehle …

»Ob’s wohl … lebt?«, hörte sie eine Stimme mit starkem Akzent fragen.

»Aye, ja, ich glaub schon. Hast du’s zucken gesehen?«

Etwas Hartes wurde in ihre Seite gestoßen. Ein Schuh? Nein, es wäre zu gefährlich, jemanden zu berühren, der womöglich infiziert war, selbst mit dem Schuh. Wahrscheinlich hatte jemand sie mit einem Stock gepiekst.

Mit einem leisen Stöhnen rollte sie sich weg von dem pochenden Schmerz, der ihre Rippen protestieren ließ. Sie konnte nun wirklich keine weitere Verletzung zusätzlich zu den tausend anderen gebrauchen, die in ihrem ganzen Körper prickelten und stachen.

Die erste Stimme brummte. »Oh, alles klar, es lebt. Wahrscheinlich wurd’ das arme Ding über die Klippe geschubst, nachdem sie rausgefunden haben, dass es verseucht war. Schade drum. Schöner Körper und so.«

»Ich bin nicht …« Ihre Stimme klang so fremd. Eingerostet und rau, als hätte sie endlos lang geschrien. »Ich bin nicht verseucht.«

»Es kann sprechen!«, sagte die zweite Stimme, die eindeutig höher klang als die erste. Vermutlich aber keine Frau, eher ein Kind. »Wusste nich’, dass die Verseuchten sprechen können.«

»Haste sie vorher denn nich’ gehört? Wie sie murmeln und immer so fürchterlich stöhnen?«

»Bin nie lang stehen geblieben, wenn ich sie gesehen hab«, sagte das Kind, denn es musste tatsächlich eines sein, und spuckte aus.

Jessamine zuckte von den beiden weg, als etwas Nasses sie am Hinterkopf traf. Ihr ganzer Körper knackste, als sie aufstand, aber vielleicht war es auch nur das, was sie bedeckte – was auch immer es war. Schwarzer Schlamm war auf ihrer Haut und ihrer Kleidung festgetrocknet, wie ein Gefängnis aus Dunkelheit, das überall Flecken hinterließ. Der Schlamm bröckelte, bildete bei jeder Bewegung neue staubige Muster. Sie rieb sich die Augen und entfernte einzelne Brocken von den Lidern, bis sie sie endlich öffnen und den zwei Gestalten vor sich einen bösen Blick zuwerfen konnte.

Sie hatte recht gehabt: Es waren ein Junge und vermutlich sein Vater. Sie sahen sich ziemlich ähnlich, mit der ledrigen Haut, die von zu vielen Jahren in der Sonne zeugte. Ihre Kleidung war zerfetzt und mottenzerfressen und mit verschiedenfarbigen Stoffstücken geflickt. Der Junge hatte schwarze Schmiere an der Wange, wahrscheinlich dieselbe Substanz, die sie bedeckte.

Beide wichen hastig zurück, als Jessamine sich bewegte, und der Mann ließ seinen Stock fallen. Er formte mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis, streckte die restlichen Finger nach oben und hielt die Hand vor ein Auge, um das Böse abzuwehren. »Ich hab noch nie so dunkle Augen gesehen«, murmelte er.

Sie versuchte, sich zu orientieren, aber es war so finster, dass sie nicht weit schauen konnte. An den Wänden flackerten kleine grüne Lichter, sie befanden sich offenbar in einer Art Tunnel. Ein flacher Wasserlauf führte hindurch, mit Stegen auf beiden Seiten. Sie stand im Schlamm, bedeckt mit Wer-weiß-was und brackigem Meerwasser. So oberschenkelhoch in Matsch und Unrat konnte sie sich nur an einem Ort ihres Königreiches befinden: in der Kanalisation. Das Abwassersystem mündete ins Meer, und das Meer wiederum schwappte zurück in die Kanäle. Auf dem Gittersteg über ihr, der an ein paar Stellen schon durchgerostet war, standen zwei Personen.

Jessamine griff nach dem Metallgitter, hielt aber inne, als der Vater unauffällig die Hand in seine Hosentasche schob. Eine Waffe? Er würde doch keine Waffe auf sie richten?

Der Junge japste auf und machte dieselbe Geste wie sein Vater zuvor. »Der Todlose hat se berührt.«

»Niemand hat mich berührt«, fauchte sie und mühte sich zittrig ab, das Gleichgewicht zu halten. Sie mussten ihr aus dem Weg gehen. Sie musste zurück ins Schloss. Ihr Volk brauchte sie, und niemand ahnte auch nur, was Leon vorhatte. Sie musste …

Nein, das wäre zu gefährlich. Leon hatte wahrscheinlich sein gesamtes Gefolge längst ins Schloss gebracht.

Wem konnte sie noch vertrauen?

Keiner der Adeligen hatte ihrer Mutter beigestanden, zumindest niemand von denen, die jetzt noch am Leben waren. Die restlichen Wachleute hatten vermutlich die Seiten gewechselt. Nicht, dass sie viele der Schlüsselfiguren richtig gut kannte, aber irgendjemand musste doch übrig sein, der der Königin gegenüber noch loyal war und somit auch ihr.

Wohin sollte sie gehen? Es gab keinen sicheren Ort mehr für sie.

Sie musterte die zwei Gestalten, die sich schon von ihr entfernt hatten und sich eindeutig unwohl fühlten. Nein, sie waren keine Option. Sie würden ihr nicht helfen, da sie Jessamine für infiziert oder verflucht hielten.

»Was’n?«, fragte der Junge, und sie konnte sich nicht erinnern, worüber sie gesprochen hatten. »Haste denn nie vom Todlosen gehört?«

Ah, richtig.

»Doch.« Sie bemühte sich, nicht zu wanken, obwohl ihr Körper vor Erschöpfung zitterte. »Den gibt es nicht. Und selbst wenn es ihn mal gab, so ist er doch mit dem Rest der Götter gestorben.«

Die zwei sahen sich an und brachen in schallendes Gelächter aus. Es klang allerdings nicht fröhlich. Eher freudlos und grausam, und sie hörten erst auf, als Jessamine sie noch finsterer anfunkelte.

Immerhin war der Mann höflich genug, hinter vorgehaltener Hand zu husten, aber sein Sohn fuhr sich mit einer schnellen Geste über die eigene Kehle.

»Du wurd’st schon berührt, Lady. Kann ja sein, dass de nich’ an ihn glaubst, aber er glaubt mal mit Sicherheit an dich.«

Hastig fasste sie sich an den Hals, und da war sie. Nicht die verschorfte Wunde, die sie erwartet hatte, sondern der dicke Wulst einer Narbe. Das war unmöglich. Wie lange war sie bewusstlos gewesen? Und wie hatte sie es überhaupt überlebt, dass man ihr die Kehle aufgeschlitzt hatte? Und den Sturz? Dass sie ins Meer gefallen und in das Kanalsystem ihres Königreiches eingesogen worden war?

»Ein Spiegel«, krächzte sie und schnipste in Richtung des Mannes. »Einer von euch hat doch bestimmt einen Taschenspiegel?«

»Du steckst mich nur an«, grummelte der Mann.

»Also noch mal: Sehe ich etwa krank aus?«

»Woher soll ich das’n wissen? Du bist doch voller Dreck.«

»Und vielen anderen Dingen, da bin ich sicher.« Sie schüttelte ihre Arme aus und versuchte erneut, den Matsch loszuwerden. »Ich bin nicht verseucht. Ich bin nur besudelt von diesem Schlamm und habe irgendwie einen Mordversuch überlebt. Und jetzt will ich nur noch ein Bad und ein sauberes Bett …«

Der Mann kratzte sich am Kopf, und sie hätte schwören können, dass zwei Wanzen auf seine Schulter plumpsten.

»Na ja, wenn de nich’ krank bist, dann können wir dir wohl hier raushelfen. Is’ aber ’n langer Weg.«

Sie wäre kilometerweit gelaufen, wenn sie nur am Ende einen Schlafplatz fände, der kein Kanal war. »Das ist mir wirklich egal.«

»Das sagste jetzt und dann beklagste dich in ’n paar Minuten. Merk dir meine Worte.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte seinem Sohn zu. Der Junge streckte die Hand aus, als … erwarte er etwas?

Eine Bezahlung? Wirklich?

Sie starrte die beiden schockiert an. »Ihr findet eine Frau, die eindeutig eure Hilfe braucht, ganz allein in einem Abwasserkanal, und wollt ernsthaft Geld haben?«

»Aye«, erwiderte der Mann.

»Was …« Jessamine schluckte ihren Stolz hinunter. Wenn das jetzt nötig war, dann war es wohl so. Dass sie am Leben war und diese beiden sie gefunden hatten, war ein Geschenk. Sie hatte keine Ahnung, wo sie gelandet war oder wie sie nach Hause kommen sollte, und sie war allein. Sie würde dankbar und freundlich sein. Etwas anderes blieb ihr gar nicht übrig.

Wenn sie die Zähne zusammenbiss, als sie den Schmutz von ihrem Verlobungsring kratzte, dann nur aus Frust. Wahrscheinlich war es sogar gut, wenn Leon herausfand, dass sein Ring auf irgendeinem Markt vertickt wurde. Er sollte ruhig denken, dass jemand ihn ihrer Leiche abgenommen hatte.

»Das ist alles, was ich habe.« Sie drückte dem Jungen das Schmuckstück in die Hand. »Ist ein Vermögen wert. Verkauf ihn. Ist mir egal.«

Er drehte den Ring hin und her und ließ das schwache, grünliche Licht durch den schimmernden Diamanten leuchten. »Sieht echt aus.«

»Das ist er.«

Er steckte den Ring in den Mund und biss fest hinein. Als er aufkeuchte, verpasste sein Vater ihm einen festen Klaps auf den Kopf. »Nich’ so fest.«

»Fühlt sich auch echt an«, grummelte der Junge und rieb sich den Schädel, während er den Ring in seiner Tasche verstaute.

Sein Vater starrte sie ein wenig zu durchdringend an. Es war natürlich sehr ungewöhnlich, dass eine Frau mit einem riesigen Klunker am Finger hier im Kanalsystem landete. Sie straffte die Schultern und erwiderte seinen Blick unbeirrt. Er konnte sie so lange anglotzen, wie er wollte, er würde ja doch nie darauf kommen, wer sie war.

»Na, und wie soll’n wir dich nu’ nennen?«, fragte der Kerl schließlich.

Er ließ sie nicht aus den Augen, ließ den Blick über ihr vermutlich schmuddelig graues Brautkleid wandern, wenn er es unter der Schlammkruste überhaupt erkennen konnte. Ihr Haar starrte vor Dreck, und sie spürte die wunden Stellen auf ihrer Kopfhaut, an denen das Diadem Strähnen ausgerissen hatte. Sie sah schrecklich aus, das war ihr klar. Aber wahrscheinlich war das in dieser Situation ein Vorteil.

»Alyssa«, murmelte sie und streckte die Hand aus, damit sie ihr hochhalfen. Ihre erste Gouvernante hatte so geheißen, eine ältere Dame, die vor ein paar Jahren gestorben war. »Mein Name ist Alyssa.«

»Anders und Pike.« Der Mann deutete erst auf sich, dann auf seinen Sohn. »Wir bringen dich hier nur raus, klar? Das war’s.«

»Mehr brauche ich auch nicht.«

Er griff nach ihrer Hand und zog sie aus dem Schlamm, als wäre sie leicht wie eine Feder. Sie landete auf Händen und Knien auf dem Steg und starrte durch das Gitter hinab auf den dunklen Matsch. Keiner von beiden bot an, ihr beim Aufstehen zu helfen.

Stattdessen wandten sie sich von ihr ab und liefen in die Dunkelheit hinein, als fänden sie sich im schummrigen, grünen Licht wunderbar zurecht. Sie selbst konnte kaum die eigene Hand vor Augen sehen. Aber sie versuchte, ihnen zu folgen, eine Hand an der Wand abgestützt und mit zittrigem Atem.

Sie hatte sie angelogen und sich selbst genauso. Jessamine brauchte so viel mehr Hilfe – das Verlassen des Kanalsystems war nur der erste Schritt. Sie benötigte eine sichere Zuflucht, jemanden, der ihr zuhörte und sie nicht an Leons Männer verriet. Was, wenn sie tagelang geschlafen hatte? Ihre Knie waren so wackelig, dass sie davon ausgehen musste, dass etwas sehr Merkwürdiges passiert war. Sie hätte den Sturz eigentlich nicht überleben dürfen, ganz zu schweigen von einem Abstecher durch das Kanalsystem.