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Die junge Studentin Valentine hält sich mit miesen Jobs über Wasser und ist froh, eine bezahlbare Bleibe über einem Gym gefunden zu haben. Die brutal wirkenden Typen, die ihr im Treppenhaus über den Weg laufen, ignoriert sie, so gut es geht. Schließlich ist sie noch Jungfrau und hat vor, es zu bleiben, bis sie die Liebe ihres Lebens trifft. Tyron lebt für den Kampf, das Oktagon ist seine Welt. Im MMA hat er alles erreicht und konzentriert sich nun auf die Leitung seines Gym. Allerdings kann er nicht anders, als ein Auge auf die süße Studentin zu werfen, die in der Wohnung darüber lebt. Kurzerhand fordert er ein Date und Tyron ist kein Mann, der sich abweisen lässt...
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Veröffentlichungsjahr: 2024
The
FIGHTER
Die gnadenlosen Brüder
Band 1
Vanity M. Grey
Impressum
© 2017 Vanity M.Grey, überarbeitete Neuauflage 2024
Layout und Cover: Vanity M. Grey
Fotos: canva.com, fotolia.de
Kontakt:
Vanity M. Grey
C/o Astrid Zingler
Gagelweg 5
27404 Zeven
Email: [email protected]
Homepage: vanitymgrey.jimdofree.com
Sämtliche, in diesem Roman vorkommende Charaktere sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären gegebenenfalls rein zufällig.
Eine Vervielfältigung des Inhaltes dieses Buches, auch auszugsweise, ist nicht gestattet.
Bei diesem Buch handelt es sich um eine Neuauflage des Romans Fight for Me von 2017.
Valentine
Sein schwerer, warmer Körper senkte sich langsam auf ihren hinab. Die feinen Härchen an seinen Lenden kitzelten sie sanft an der empfindlichen Haut ihrer pulsierenden Mitte. Ihre Arme – Meine Hände halten unvermittelt auf der Tastatur inne.
Ja, was tun diese Arme? Umfangen sie ihn? Wandern sie seinen Nacken entlang? Krallen sich ihre Finger voller Lust und süßer Qual in das zerwühlte Bettlaken?
Warum fällt es mir heute nur so schwer, die passenden Worte zu finden? Ich habe doch sonst nicht solche Probleme?
Seufzend beschließe ich, für heute Schluss zu machen. Ich strecke meine verkrampften Finger aus und speichere die Datei ab. Beim Blick auf die Uhrzeit am Rand des Bildschirms erschrecke ich: Es ist schon halb elf! Ich habe den ganzen Abend damit verbracht, über dem Beginn dieser unsäglichen Verführungsszene zu brüten. Dabei spielt sie in meinem Buch gar keine so große Rolle, doch sie gehört eben irgendwie dazu.
Ich hasse es, solche Szenen zu schreiben. Nicht, weil ich prüde bin oder nicht weiß, wie ich so etwas in Worte fassen soll. Aber es mangelt mir schlichtweg an Erfahrung, um das Ganze realistisch genug auszudrücken, damit der Leser später sein Kopfkino in Gang setzen kann.
Ava hätte damit nicht die geringsten Probleme. Sie würde liebend gerne für mich die entsprechenden Szenen verfassen und vermutlich sogar extra noch Feldforschungen dafür betreiben – doch Ava ist nicht hier und sie hat leider auch so absolut kein Talent zum Schreiben. Doch der Gedanke, sie irgendwie an meinem Buchprojekt zu beteiligen, ist mir schon das eine oder andere Mal gekommen. Ich könnte den Großteil des Textes verfassen und sie würde sich dann um die eindeutigen Szenen kümmern.
Bei dem Gedanken muss ich unwillkürlich lächeln: Ava ist eine Seele von Mensch und die liebste und herzlichste Freundin, die man sich wünschen kann, doch leider ist sie auch reichlich wahllos, was ihre männlichen Begleiter angeht.
Eigentlich passen wir überhaupt nicht zusammen. Während ich schon in der Schule immer eine Streberin war, die ihre Nase lieber in ein Buch gesteckt hat, anstatt abends um die Häuser zu ziehen, hat sie nichts ausgelassen. Und wenn ich sage Nichts, dann meine ich auch Nichts. Schon mit vierzehn hatte sie ihren ersten festen Freund, der ganze drei Jahre älter war als sie. Die Beziehung hielt vier Monate. Das war für sie schon lange und ich glaube nicht, dass sie seitdem jemals wieder eine derartig langlebige Beziehung gehabt hat. Aber sie kam durch Hanson, so hieß der Typ, irgendwie auf den Geschmack. Ich weiß nicht, was er genau mit ihr getan hat und vermutlich will ich das auch gar nicht wissen, aber es hatte zur Folge, dass sie sich sofort im Anschluss radikal verändert hat. Sie schnitt ihre langen blonden Haare ab und trug sie seitdem richtig kurz und in wechselnden Farben. Ihre Röcke und Shorts wurden ebenfalls immer kürzer und ihre Tops immer winziger. Sie zeigte allen, was sie zu bieten hatte und teilte es gerne mit den Interessenten. Während ich für die Tests lernte und Romane verschlang, um etwas über die Welt zu erfahren, tat sie für die Schule nur noch das Nötigste und fuhr lieber mit den heißesten Typen der Schule im Pick-up herum oder lag in der Sonne.
Eigentlich dürften wir beide uns gar nichts zu sagen haben, so unterschiedlich wie wir sind. Doch aus irgendeinem Grund tolerieren wir uns gegenseitig und vertrauen uns unsere intimsten Geheimnisse an. Nicht, dass es da von meiner Seite aus besonders viel zu teilen gäbe – aber sie hört sich meine Sorgen und Probleme geduldig an und nahm in der Vergangenheit sogar den einen oder anderen Rat von mir an.
Natürlich liegt sie mir beinahe täglich in den Ohren, dass ich doch endlich auch einmal anfangen soll zu leben. Leben natürlich in dem Sinne, wie sie es versteht: Alles mitnehmen, nichts auslassen und sich schnellstmöglich einen Kerl suchen, der mich richtig zur Frau macht. Denn das ist einer der grundlegendsten Unterschiede zwischen uns: Während sie ständig Sex hat, ist bei mir in dieser Hinsicht noch so gut wie nichts geschehen. Ich kämpfe mich in meinen Texten verbal durch die Tücken der Verführung und habe doch eigentlich gar keine Ahnung, wovon ich da schreibe. Zwar habe auch ich schon eine längere Beziehung hinter mir, aber ich habe es nie bis zum Äußersten kommen lassen. Warum, weiß ich eigentlich selbst nicht. Zum Teil lag es wohl daran, dass es sich nie ergeben hat, denn um miteinander ins Bett zu gehen, müsste man ja vor allem die Möglichkeit haben, wirklich ungestört zu sein. Und zum anderen lag es daran, dass Liam mehr Interesse am Golfspielen gezeigt hat als an mir.
Liam und ich, das war eine ziemlich lange und vor allem langweilige Geschichte gewesen. Wir gingen seit dem Beginn der Highschool in eine Klasse und irgendwann war aus einer harmlosen Freundschaft mehr geworden. Aber eben nicht viel mehr, denn außer Händchen halten und dem einen oder anderen keuschen Kuss kam es zu keinerlei leidenschaftlichen Handlungen seinerseits. Er verbrachte mehr Zeit mit seinem Caddy als mit mir und irgendwann, vor ziemlich genau sechs Monaten, löste sich unsere Beziehung einfach in Wohlgefallen auf. Nachdem wir uns wochenlang nicht mehr gesehen hatten, weil ich am College vollkommen andere Kurse belegt hatte als er, fragte ich ihn, ob das mit uns überhaupt noch Sinn machte. Und er wies meine Frage nicht etwa entrüstet zurück und beschwor seine ewige, reine und keusche Liebe zu mir.
Nein, der Kerl hob nur die Achseln und meinte, dass das wohl eher nicht der Fall wäre. Punkt.
Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas anderes erwartet hatte, doch trotzdem war ich enttäuscht. Vielleicht hatte ich gehofft, dass diese Frage bei ihm Panik auslöste und er nun endlich einmal aufs Ganze gehen würde. Doch weit gefehlt: Liam gab mir einen freundschaftlichen Abschiedskuss und reiste zu seinem nächsten Golfturnier, von dem er an der Seite einer dürren, knochigen Brünetten zurückkehrte, die ihn anzuhimmeln schien.
Toll! Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie viele sinnlose Monate ich mit diesem Typ verschwendet habe. Monate und Jahre, in denen ich so viel hätte erleben können. Vielleicht wäre ich dem einzigen und perfekten Mann in meinem Leben begegnet, wenn ich nur einmal meinen Blick von Liam weg und in meine Umgebung gerichtet hätte. Aber so hatte ich verdammt viel versäumt.
Jetzt befinde ich mich gerade in einer Phase der Neuorientierung. Ja, so nenne ich es. Es ist nicht so, dass ich nun auf Teufel-komm-raus alles nachholen will, was ich bei Liam versäumt habe. Doch ich versuche nun, meinem Leben eine neue Richtung zu geben. Nachdem ich jahrelang meine Sehnsüchte in kleinen Gedichten niedergeschrieben habe, versuche ich mich nun an einem richtigen, echten Roman. Am College hat mir eine Kommilitonin davon erzählt, dass sie im Internet ein Buch im Selbstverlag veröffentlicht hat und sich damit einiges zu den Studiengebühren hinzuverdient. Ich konnte das kaum glauben, habe etwas recherchiert und fand ihre Erzählungen bestätigt. Nun sitze ich Abend für Abend an meinem Notebook und schreibe. Ich schreibe über Dinge, die ich nur vom Hörensagen kenne. Ava hat sich freundlicherweise als meine Testleserin zur Verfügung gestellt und ich weiß, dass sie eine sehr ehrliche und scharfe Kritikerin ist. Wenn das Buch bei ihr durchgeht, dann habe ich eine Chance, damit etwas Geld zu verdienen, da bin ich mir sicher.
Ungefähr fünfzig Seiten muss ich noch schreiben, dann werde ich es ihr in der Rohfassung schicken und ängstlich darauf warten, wie sie es findet. Der Gedanke, dass zum allerersten Mal ein anderer Mensch als ich selbst meine Worte liest, bringt mich beinahe um den Verstand, doch mit diesem Gedanken werde ich wohl leben müssen, wenn ich ernsthaft Bücher veröffentlichen will.
Doch für heute ist Feierabend. Morgen steht ein wichtiger Test an und ich kann es mir nicht leisten, den in den Sand zu setzen. Mein Prof kennt mich als eine gute, zuverlässige Studentin und ich möchte ihn und vor allem auch meine Eltern, nicht enttäuschen. Sie finanzieren mir zum allergrößten Teil dieses Studium und seit kurzem auch meine Wohnung. Ich weiß, dass ihnen das nicht leicht fällt und das Mindeste, was ich dazu beitragen kann, ist, mir ehrlich Mühe zu geben und das Semester mit den bestmöglichen Noten abzuschließen. Immerhin interessiere ich mich seit meiner Kindheit für Bücher und sollte zumindest in den Kursen amerikanische Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts und Literaturgeschichte ganz gut abschneiden.
Es tut mir gut, hier alleine zu leben. Zuerst war es ein merkwürdiges Gefühl in einer halb leeren Wohnung zu übernachten, ohne die tröstlichen, vertrauten Geräusche meines Elternhauses. Niemand geht mitten in der Nacht aufs Klo oder wirft vor dem Zubettgehen noch einen letzten, besorgten Blick in mein Zimmer. Wenn ich nach Hause komme, wartet kein Essen auf mich und niemand fragt danach, wie mein Tag war. Aber immerhin bin ich zwanzig Jahre alt und sollte allmählich lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Ava ist schon mit siebzehn in eine eigene Bude gezogen, vermutlich weil ihre Eltern den ständigen Besuch unterschiedlicher Jungs nicht mehr ertragen haben – obwohl das ständige Kommen und Gehen in einem Haushalt mit sechs Geschwistern vielleicht gar nicht besonders aufgefallen ist.
Bei mir war das anders. Ich bin immer unter der permanenten Obhut meiner Eltern gewesen. Kaum, dass ich einmal alleine in die Mall durfte oder zu einer Party. Mom und Dad schienen immer das Gefühl gehabt zu haben, mich ganz besonders beschützen zu müssen, weil ich ihre einzige Tochter war. Doch nun war es auch für mich an der Zeit gewesen, mich endlich aus ihrer erstickenden Umklammerung zu lösen und auf eigenen Füßen zu stehen.
Die Wahl meiner Wohnung hat ihnen zugegebenermaßen nicht besonders behagt, das habe ich an den zweifelnden Blicken gesehen, mit denen sie das Haus, in dem sie sich befindet, beäugt haben. Aber ich bin damit zufrieden, vor allem, da sie nicht viel kostet und ich ihnen um keinen Preis unnötig auf der Tasche liegen will.
Wenn es nach Mom gegangen wäre, hätte ich bis zum Abschluss des Colleges zuhause gelebt, kostenfrei und behütet. Doch das war für mich keine Option mehr. Diese beiden Zimmer hier bedeuten mir alles. Es ist gelebte Freiheit. Der Beginn eines neuen Lebens und der Abschied von dem Schatten, der auf meiner Vergangenheit liegt. Endlich würde ich meine Schwingen ausbreiten können und beginnen, ich selbst zu sein.
Während ich aufstehe und meinen Rücken durchstrecke, höre ich eine zuschlagende Autotür. Ich muss nicht hinaus sehen, um zu wissen, dass es einer der Sportler ist, die zu dieser späten Stunde das Sportstudio verlassen, das sich unten im Haus befindet. Dieses Studio war der Grund, warum meine Eltern die Idee, hier einzuziehen, nicht sonderlich gut fanden. Tagein, tagaus fahren hier Sportwagen und Pick-ups vor, die von muskelbepackten, tätowierten Typen gesteuert werden, die direkt unter meiner Wohnung an ihrem Sixpack arbeiten. Ava war begeistert gewesen, als sie mich das erste Mal besucht hat. Meine Eltern dagegen hatten kurz vor dem Herzinfarkt gestanden. Und ich? Ich hatte bisher wenig Berührungspunkte mit den Leuten, die dort aus und ein gingen. Wir begegnen uns höchstens mal auf dem Parkplatz, denn der Treppenaufgang zu meiner Wohnung liegt auf der Rückseite des ziemlich hässlichen Gebäudes. Mehr als einen kurzen Blick hat mir seit meinem Einzug keiner der furchteinflößenden Kerle zugeworfen und so gibt es keinen Grund für mich, sich zu beklagen. Ich selbst habe absolut kein Interesse daran, einen dieser Kerle näher kennenzulernen, die aus einer vollkommen anderen Welt als meiner zu kommen scheinen.
Außer meinem Appartement gibt es nur noch eine weitere Wohnung, die aber, wie mir der Hausverwalter beim Einzug mitgeteilt hat, momentan leer steht. Ich kann hier oben also schalten und walten wie ich will. Andererseits verstärkt diese Leere aber natürlich das Gefühl der Isolation, nachdem ich jahrelang immer unter direkter Beobachtung und Fürsorge meiner Eltern gestanden habe. Doch so kann ich meine Musik auch mal lauter aufdrehen, ohne gleich befürchten zu müssen, dass mir jemand mit dem Besenstiel gegen die Decke hämmert. Die Jungs unten im Gym sind im Gegenzug auch öfters mal ziemlich laut. Ich nehme an, dass sie irgendeine Art von Wettbewerb veranstalten und sich dann lautstark gegenseitig anfeuern. Zumindest lassen sie mich in Ruhe und ich bin von noch niemandem belästigt worden. Das ist mehr, als ich erwarten durfte, als ich mit einem zugegebenermaßen mulmigen Gefühl hier über dem Studio eingezogen bin. Natürlich habe ich meinen Eltern gegenüber nichts von meinen Befürchtungen erwähnt, denn dann hätten sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich davon abzuhalten, ausgerechnet diese Wohnung zu mieten. Aber die Miete ist so günstig, dass ich sie mir bequem von dem Geld leisten kann, das meine Eltern mir jeden Monat beisteuern. Natürlich lebe ich nicht nur vom Zuschuss meiner Eltern, sondern jobbe an drei Tagen die Woche. Mit Avas Hilfe habe ich den Job im Blue Hearts bekommen, einem LGTBQ-Club, in dem ich zumindest nicht dauernd angemacht werde, da der Großteil der Gäste männlich und damit nicht an mir interessiert ist. Ich bin immer wieder froh darüber, dort untergekommen zu sein, denn eigentlich wollte ich keinen Job in einer Bar oder einem Club, eben weil ich keine Lust habe, jeden Abend von betrunkenen Gästen angebaggert zu werden und mir blöde Sprüche anhören zu müssen. Doch das Blue Hearts ist ideal für mich und mit Ricky, meinem Chef, der ein wenig wie Ricky Martin in jüngeren Jahren aussieht, habe ich beinahe noch mehr Glück gehabt. In den paar Monaten, die ich dort mittlerweile arbeite, hat er mir immer wieder mal kurzfristig frei gegeben, wenn es mir nicht gut ging oder montags eine Prüfung auf dem Programm stand. Ich arbeite von Donnerstag bis Samstag dort und kann mich weder über die Bezahlung, noch über die Trinkgelder beschweren.
Ich sehe noch die Rücklichter des dunklen Geländewagens aufflammen, der gerade vom Parkplatz herunter fährt, als ich mich auf den Weg in meine Küche mache, um noch ein Glas Wasser zu trinken, ehe ich ins Bett gehe. Heute ist Mittwoch. Morgen muss ich um diese Zeit in der Bar die Bestellungen der Gäste entgegennehmen. Es wird also Zeit für mich, mich bettfertig zu machen, denn wie üblich bekomme ich in den nächsten Tagen nicht viel Schlaf.
Ich muss bei dem Gedanken an Ava schmunzeln, die sich über ihren eigenen Vorschlag mit dem Blue Hearts geärgert hat, nachdem ihr klar wurde, dass ich dort natürlich niemanden finden würde, der mir endlich dabei hilft, eine Frau zu werden, wie sie es nennt. Ich dagegen bin ganz froh, dass ich mich so an meinen Arbeitstagen um meinen Job kümmern kann und mich nicht mit dem Druck, endlich den richtigen Mann zu finden, herumschlagen muss. Abgesehen davon glaube ich sowieso nicht daran, dass mir der Mann meines Lebens ausgerechnet in einem Club begegnen wird. Den Mann, den ich zu finden hoffe, treffe ich mit Sicherheit eher in einem Antiquariat, wo er die alten Erstausgaben durchblättert, als an einer Bar.
Mit dem Wasserglas in der Hand kehre ich ins Wohnzimmer zurück und trinke es langsam aus.
Tyron
Ich sehe im Rückspiegel, dass oben in der Wohnung noch Licht brennt. Miss Unsichtbar ist also noch wach, wie so ziemlich an jedem Abend außer donnerstags bis samstags.
Es ist nicht so, dass ich sie stalken würde, sie ist ja nicht einmal mein Typ – oder zumindest nicht eine der üblichen Frauen, auf die ich mich einlasse. Aber irgendwie finde ich die Tatsache, dass so dicht über mir ein weiblicher Single unter fünfundzwanzig wohnt, ziemlich verlockend. Klar, sie wiegt mindestens zwanzig Pfund mehr als die Frauen, mit denen ich mir sonst die Zeit vertreibe, doch das wäre für mich kein Grund, sie von der Bettkante zu schubsen. Dafür müsste ich sie allerdings gelegentlich mal zu Gesicht bekommen. Es ist, als würde sie sich vor uns Jungs verstecken, obwohl ich genau weiß, dass sie dort oben sitzt. Was sie wohl an all diesen Abenden tut, während ich und die anderen unten schwitzen und trainieren? Sie hat sich noch nicht einmal bei uns sehen lassen. Gut, irgendwie kann ich das verstehen: Vermutlich wirken all diese tätowierten und verschwitzten Kerle nicht besonders vertrauenerweckend auf eine junge, hübsche Frau wie sie. Denn hübsch ist sie, auf jeden Fall. Ich habe sie nur zwei oder dreimal kurz gesehen, als sie auf dem Weg zu ihrem Wagen war und einmal bin ich ihr im Flur über den Weg gelaufen. Da machte sie auf mich allerdings eher den Eindruck, als würde sie sich am liebsten vor mir verstecken wollen, so sehr scheine ich sie mit meinem Auftreten beeindruckt zu haben. Natürlich bin ich es gewohnt, solche Reaktionen hervorzurufen. Es ist eine Folge meines intensiven Trainings und durchaus beabsichtigt. Ich finde es nie verkehrt, wenn die Leute mir Respekt zollen, sobald sie mich erblicken. Allerdings ist es nicht gerade förderlich, wenn ich ein Mädchen kennenlernen will.
Die Kleine ist keines dieser superschlanken Mädchen, denn sie hat ordentliche Rundungen. Doch die befinden sich an den richtigen Stellen und ich musste mich ziemlich bemühen, mich auf den richtigen Rhythmus meiner Schläge auf den Sandsack zu konzentrieren, während sie einmal draußen vorbeiging. Ihr Haar ist goldblond und fällt ihr wahrscheinlich in sanften Wellen über die Schultern, wenn sie es nicht, wie die wenigen Male, die ich sie gesehen habe, in einem lockeren Zopf nach hinten gebunden trägt. Ihr Hintern lädt zum Anfassen ein und an ihren Vorbau möchte ich lieber erst gar nicht denken, denn sonst trete ich augenblicklich auf die Bremse und fahre zurück zum Gym, um sie da oben in ihrem Turm zu besuchen und ihr zu zeigen, was man mit den prallen Dingern alles so anstellen kann.
In ihrem Blick liegt immer eine gewisse Scheu, so als würde sie sich bewusst bemühen, ungesehen an unseren Fenstern vorbei zu kommen. So, als würde sie alleine der Anblick von ein paar halb nackten, verschwitzten Männerkörpern vollkommen aus dem Konzept bringen. Man könnte sie für langweilig halten, doch ich habe mir fest vorgenommen, sie in den nächsten Tagen einmal abzufangen, um mir ein besseres Bild von dem einzigen weiblichen Wesen in meinem Haus zu machen.
Ja, es ist mein Haus, auch wenn sie das nicht weiß. Ich habe ihr die Wohnung über eine Hausverwaltungsfirma vermietet. Zum einen, weil ich keine Lust hatte, mich mit der Suche nach einem passenden Mieter zu beschäftigen und zum anderen, weil mir der ganze Papierkram nicht liegt. Ich bin eher der Mann fürs Grobe. Ich stehe auf Tatsachen und nicht auf Buchstaben. Das war schon immer so und wird sich vermutlich auch nicht ändern. Schon in der Schulzeit habe ich freiwillig kein Buch angefasst. Die Buchhaltung im Club macht Marie für mich und das ist auch gut so. Wenn jemand einen Typ sucht, der ihn bei gewaltigem Ärger aus der Scheiße hilft, dann ist er bei mir richtig - doch wenn er jemanden für die Steuererklärung braucht, dann sollte er sich verdammt nochmal jemand anderen suchen.
Auf jeden Fall habe ich erst durch den Typen von Clarell Real Estates davon erfahren, dass nun eine junge Frau in meinem Appartement wohnte und ich hatte das Gefühl, dass es ganz gut wäre, sie erstmal nicht wissen zu lassen, dass ich, der tätowierte Typ, den sie einmal kurz im Flur getroffen hat, der Besitzer der Immobilie bin. Im übrigen gehört mir nicht nur diese Immobilie, sondern auch noch einige andere in der Stadt, aber das muss sie noch weniger interessieren. Es gehört zu einem anderen Teil meines Lebens und der findet hier nicht statt. Hier im Haus wird nur gekämpft, geschwitzt und ab und zu laut geflucht. Und vielleicht auch bald noch etwas anderes ...
Valentine French. Ich lasse mit ihren Namen auf der Zunge zergehen. Er klingt vielversprechend. Nach einer Eroberung.
Da ich weiß, wie ich mit Frauen jeden Alters umzugehen habe, mache ich mir keine großen Gedanken darüber, wie ich sie am besten und schnellsten herumkriege. Bisher habe ich es noch bei jeder Frau, die ich haben wollte, geschafft, sie ins Bett zu bekommen. Ich werde sie mir gleich morgen früh mal vornehmen.
Valentine
Am Morgen erwache ich schweißgebadet in meinem Bett. Die Bettdecke liegt irgendwo auf dem Boden und ich muss mich erst orientieren. Was bitte ist während dieser Nacht mit mir passiert? Verwirrt drücke ich auf meinem Handy-Display herum, um den nervigen Weckton abzustellen, der mich aus meinen Träumen gerissen hat. Und was für Träume das waren!
Mein Gesicht fängt an zu glühen, während ich die Bilder aus meinem Gedächtnis zu tilgen versuche, die noch immer wild darin herumschwirren. Es war ein verdammt aufregender Traum. Ausgerechnet einer der Typen aus dem Gym unter mir tauchte darin auf. Ich bin mir sicher, dass es der war, den ich einmal kurz gesehen habe, als er halb nackt über den Flur lief, durch den ich zu meiner Wohnung komme. Das Gym hat dort eine Hintertür und anscheinend war er dort heraus gekommen. Ich hatte ihn damals vollkommen perplex viel zu lange angestarrt, denn solch einen Männerkörper bekommt jemand wie ich nicht alle Tage zu Gesicht: Harte, geschmeidige Muskeln unter einer beinahe vollständig tätowierten Haut. Der Kerl sah so martialisch aus, dass ich mich richtig gefürchtet habe.
Meine Augen waren trotzdem fasziniert über diesen perfekten Oberkörper gewandert, bis sich unsere Blicke unweigerlich begegneten und ich vor Scham beinahe im Boden versunken wäre. Er dagegen sagte gar nichts, grinste mich nur breit und mit einem wissenden Blick an und verschwand dann wieder im Studio. Danach habe ich auf dem Weg zu meinem Wagen das eine oder andere Mal einen heimlichen Blick durch die leider beinahe vollkommen zugestellten Fenster ins Gym zu werfen versucht, doch konnte ihn und die anderen immer nur schemenhaft erkennen. Klar, die wollen bei ihrem Training nicht beobachtet werden, doch nach dem heißen Appetithäppchen, das mir der Kerl im Flur geboten hat, hätte ich gerne noch den einen oder anderen kurzen Blick geworfen. Solche Männer sieht man sonst nur auf PinUp-Kalendern.
Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: Ich bin – ich betone – absolut nicht an so einem Kerl interessiert. Diese testosterongesteuerten Muskelpakete haben vermutlich so gut wie gar nichts im Kopf und arbeiten nur Tag und Nacht daran, ihren Körper zu formen. Keiner von denen könnte mit mir über James Joyce und seine Formulierungen im Ulysses diskutieren oder über die Schönheit der Verse von Peter Turners Herbstlicht-Epos. Aber auf einer sehr tiefen, beinahe animalischen Ebene scheint mich irgendetwas an ihnen anzusprechen, sonst hätte mich dieses kurze Zusammentreffen mit einem von ihnen nicht derartig nachhaltig beeindruckt, dass ich nun, bestimmt zwei Wochen später, davon einen so intensiven Traum hatte.
Ich spüre noch immer, wie die Hitze zwischen meinen Schenkeln pulsiert und die Erregung, die ich gespürt habe, nachhallt.
Beschämt setze ich mich auf. Anscheinend schreibe ich einfach zu viel an meinem Buch, das mit Sicherheit niemals jemand lesen wird. Alleine der Gedanke daran, dass jemand die erotischen Szenen, die ich mir zusammendichte, lesen könnte, treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich habe letztendlich überhaupt keine Ahnung, wovon ich rede – wie soll ich da eine Liebesszene überzeugend beschreiben können? Vielleicht soll mir dieser Traum ja etwas sagen. Vielleicht soll ich Avas Drängen nachgeben und mir endlich einen Mann suchen, der mich von der Last der Jungfräulichkeit befreit!
Um mich etwas abzukühlen, verschwinde ich im Bad und dusche beinahe kalt. Danach schminke ich mich sorgfältig und kümmere mich um meine Haare, die ich, wie so oft, in einem schlichten Zopf zusammenfasse. Ich gehe schließlich nur zum College und da will ich niemand anderen außer meinen Profs beeindrucken – mit meinen schulischen Leistungen, nicht mit meiner Optik.
Jetzt geht es mir besser, obwohl mir die Schlüsselszene des Traums noch immer deutlich vor Augen steht: Ich habe diesen wild aussehenden, doch zugegebenermaßen verdammt heißen Typen genau wie im wahren Leben, kurz im Hausflur getroffen, doch anstatt, wie in Wirklichkeit, durch die Hintertür ins Gym zu verschwinden, hatte er mich lüstern angelächelt und mich in meine Wohnung begleitet.
Was dort dann passiert ist? Nun, ich habe das Gefühl, noch immer deutlich seine warme, vielleicht vom Duschen noch leicht feuchte Haut unter meinen Fingern fühlen zu können, seine Küsse auf meinen Lippen, auf meinen Brüsten und an anderen Orten, an die ich nicht einmal denken will.
Es hatte sich gut angefühlt. Wahnsinnig gut und so intensiv und real, als wäre er tatsächlich hier gewesen. Ich spüre noch immer seine Berührungen auf meinem Körper, trotz der Dusche, die mich eigentlich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen bringen sollte. Was für ein Traum! Hoffentlich laufe ich dem Kerl nicht ausgerechnet heute wieder über den Weg. Ich würde bis unter die Haarspitzen rot anlaufen und auf der Stelle im Erdboden versinken.
Kopfschüttelnd setze ich mich im Pyjama an den Küchentisch und überfliege meine Notizen zu dem heute anstehenden Test, während der Kaffee durchläuft. Ich habe in den letzten Tagen gebüffelt und muss mir eigentlich keine Sorgen machen. Es geht um Jasper Greene und seine dritte Abhandlung über das Leben und seine Grenzen; ein Thema, das mir liegt.
Zügig löffele ich meine Cornflakes und greife mir noch eine Banane, die mir für die Pause zwischen den beiden Vormittags-Vorlesungen als Snack dienen soll. Vor meinem Kleiderschrank entscheide ich mich nach einem Blick auf die Wetter-App für meinen knielangen Jeansrock, in dem meine Beine wesentlich schlanker wirken, als sie tatsächlich sind und ein weißes Shirt, zu dem ich ein dünnes Tuch kombiniere, das ich mir um den Hals schlinge, damit mein Dekolletee nicht ganz so üppig wirkt, wie es ist. Ich schlüpfe in meine Lieblingsschuhe und bin mir der Tatsache bewusst, dass die Boots die positive Wirkung meines Rockes verpuffen lassen werden, da sie meine Beine nicht gerade strecken, doch im Grunde ist es mir egal, wie ich aussehe. Na ja, nicht vollkommen egal, aber zumindest auf dem College bin ich den Tag über nur am Lernen interessiert und nicht am Knüpfen von Bekanntschaften. Außerdem ist mir in den ganzen letzten Monaten noch nicht ein Student begegnet, der mich interessiert hätte. Vermutlich sind die mir durch Liam zugefügten seelischen Wunden noch nicht gut genug verheilt, um wieder Platz für ein neues Abenteuer zu schaffen. Wenn ich mit Ava ausgehe, muss ich mich ohnehin immer aufbrezeln wie eine mir vollkommen fremde Person – da kann ich es vormittags ruhig gemütlich und leger angehen lassen.
Ich werfe mir meinen alten Lederrucksack über die Schulter, schnappe mir den Autoschlüssel und die Banane und verlasse meine Wohnung. An der Haustür werfe ich noch einen Blick in meinen Briefkasten, doch es gibt, wie meistens, keine Post für mich. Immerhin liegt also auch keine Rechnung drin. Zufrieden öffne ich schwungvoll die Tür nach draußen und pralle erschrocken zurück: Ein männlicher Körper versperrt mir mit seiner ziemlich imposanten Gestalt den Weg. Mir entfährt ein erschreckter Aufschrei, da ich nicht damit gerechnet habe, in meiner selbst gewählten Isolation hier jemanden zu treffen, und das dazu noch buchstäblich: mit der Tür und mit voller Wucht. Doch mein Gegenüber ist dem Aufprall durch eine geschickte Bewegung noch rechtzeitig ausgewichen und begrüßt mich jetzt sogar recht freundlich.
»Guten Morgen. Da hat es aber jemand eilig, an mir vorbei zu kommen. So furchtbar sehe ich doch gar nicht aus.«
Als ich einen Blick in das Gesicht meines Gegenübers werfe, spüre ich, dass ich innerhalb eines Sekundenbruchteils feuerrot werde. Der Kerl vor meinem Eingang ist niemand anders als der Typ aus meinem feuchten Traum heute Nacht!
Wow! Das ist heftig. Eben habe ich noch gehofft, ihm nicht ausgerechnet heute zu begegnen und nun steht er hier vor mir. Und wie! Ich schnappe nach Luft und versuche, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Ich blicke in ein paar eisblaue Augen, die mich interessiert und belustigt mustern, während seine Hand noch immer den Rand der Tür umfasst, deren Schwung er mühelos abgefangen hat. Seine Haut spannt sich straff über den Wangenknochen. Selbst sein Gesicht wirkt trainiert und muskulös. Wahrscheinlich gibt es an diesem Mann kein noch so winziges Körperteil, das nicht trainiert und perfekt ausgeprägt ist.
Ich weiß gar nicht, wohin ich sehen soll, denn egal, ob ich auf sein Shirt blicke oder auf seine Arme, irgendetwas wirkt immer verstörend sexy auf mich. Sein Bizeps wölbt sich unter dem kurzen Ärmel des schwarzen Shirts, das er trägt. Wenigstens bleibt mir der Anblick seines kunterbunt gestalteten Oberkörpers diesmal erspart, das würde ich gerade heute nicht unbeschadet verkraften. Nun ja, nicht ganz erspart, denn einige der bunten Bilder ziehen sich ja bis über seine Unterarme, so dass ich nicht vollkommen von ihrem Anblick verschont bleibe.
»Tut mir leid«, meint er mit einem freundlichen Lächeln, während ich immer noch vollkommen verstört schweige und versuche, eine Stelle zu finden, die ich ansehen kann, ohne dass mein Körper irgendwie unerwünscht reagiert. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«
»Hast du ja auch nicht«, flunkere ich, eine Spur zu patzig und versuche, mich ein wenig größer zu machen als ich bin, damit ich mir nicht so hoffnungslos klein und unterlegen neben seiner imposanten Gestalt vorkomme. »Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass jemand hinter der Tür steht.«
»Ist ja nichts passiert. Wie du siehst, habe ich es geschafft, deinen aggressiven Angriff abzuwehren.«
Ich muss grinsen. »Nun ja, Angriff würde ich das nicht gerade nennen. Ich hatte eben noch so viel Schwung drauf.«
»Ach, dann nennst du das nicht einen Angriff, wenn du einem armen Kerl, der morgens vor deiner Tür herumlungert, mit der Haustür den Schädel einschlagen willst?«
Ich werfe einen zweifelnden Blick auf seinen Schädel und den ganzen Kerl und habe nicht das Gefühl, dass ich schwaches Weib ihm überhaupt irgendeinen körperlichen Schaden zufügen könnte. Leider fällt mir aber gerade keine schlagfertige Antwort ein, denn dieser Typ scheint meine Gehirnfunktionen alleine durch seine Anwesenheit lahmzulegen.
»Und kannst du bitte diese Banane runter nehmen? Es sieht aus, als ob du mich damit erschießen willst.«
Sein Blick ruht immer noch belustigt auf mir. Ich sehe irritiert auf die Banane in meiner Hand, die ich wirklich wie eine Waffe auf ihn gerichtet halte und lasse den Arm sinken. Super, er muss wirklich denken, ich habe sie nicht alle! Er dagegen steht immer noch mitten im Weg, breitbeinig, wie ein Fels in der Brandung und ich habe das Gefühl, dass er die Situation sogar genießt.
Ganz im Gegensatz zu mir. Mir ist immer noch heiß und ich weiß nach wie vor nicht, wo ich hinsehen soll. Das Wissen um seinen Wahnsinnskörper unter dem Shirt macht mich vollkommen nervös. Und die Tatsache, dass ich vor einer knappen Stunde in meinem Traum unter ihm gelegen habe, macht es nicht wirklich besser. Ich muss hier weg, doch der Typ sieht aus, als habe er nicht vor, mir Platz zu machen. Mich an ihm vorbei zu mogeln, scheidet wohl aus. Wenn er mich nicht durchlassen will, habe ich absolut keine Chance. Ich weiß zwar nicht, was die Jungs da jeden Tag unter mir trainieren, aber er wirkt definitiv wie jemand, der sich selbst verteidigen kann, um nicht zu sagen: furchteinflößend. Die unzähligen Tattoos auf seinen nackten, muskulösen Unterarmen tragen noch mit zu diesem Bild bei. »Ich muss los«, behaupte ich, obwohl das nicht stimmt. Ich bin einer dieser überpünktlichen Menschen und plane jeden Tag bei jeder meiner Aktivitäten einen ordentlichen Zeitpuffer ein, der es mir ermöglichen würde, in aller Ruhe den vor mir liegenden Weg zweimal zurückzulegen, ohne zu spät zu kommen. Doch das kann der Kerl ja nicht wissen.
»Wohin willst du denn so früh?«
Ich weiß überhaupt nicht, was ihn das angeht. Natürlich sage ich das nicht. Vermutlich würde mir ein frecher Spruch nicht gut bekommen, so wie er aussieht. Mit so einem Kerl sollte ich mich besser nicht anlegen und meine manchmal ziemlich vorwitzige Zunge in Zaum halten. »Zum College«, erwidere ich daher wahrheitsgemäß. Der Abstand zwischen seinen Augenbrauen verringert sich für den Bruchteil einer Sekunde. Dann nickt er knapp. »Du studierst?«
»Ja. Das ist das, was man für gewöhnlich am College so tut.
