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Cora Tray soll von ihrem Vater an Kian, einen brutalen Schlägertypen, verschachert werden. Auf der Flucht vor ihm sucht sie Hilfe bei ihrem Bruder Tyron Tray. Dessen Kumpel Cole lässt sich von ihr engagieren, um sie vor Kian zu beschützen. Doch schnell erwachen neben dem Beschützerinstinkt noch ganz andere Gefühle in MMA-Fighter Cole. Allerdings hat Cora sich geschworen, sich niemals in einen der Männer zu verlieben, die gegen Geld für ihren Dad andere Männer im Oktagon zusammenschlagen. Wird Cora dem Fighter eine Chance geben oder muss er ihr erst seine Loyalität beweisen? Band 2 der Reihe "Die gnadenlosen Brüder". Eine spannende Romance aus dem Fighter-Milieu.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
The
SAVIOR
Drei gnadenlose Brüder
Band 2
Vanity M. Grey
Impressum
© 2017 Vanity M.Grey, überarbeitete Neuauflage 2024
Layout und Cover: Vanity M. Grey
Foto: canva.com
Kontakt:
Vanity M. Grey
C/o Astrid Zingler
Gagelweg 5
27404 Zeven
Email: [email protected]
Homepage: vanitymgrey.jimdofree.com
Sämtliche, in diesem Roman vorkommende Charaktere sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären gegebenenfalls rein zufällig.
Eine Vervielfältigung des Inhaltes dieses Buches, auch auszugsweise, ist nicht gestattet.
Bei diesem Buch handelt es sich um eine Neuauflage des Romans Save My Life von 2017.
Cora
»Aber ich meine es doch nur gut! Warum kannst du nicht einmal auf das hören, was ich dir sage?«
»Weil ich mir grundsätzlich von einer Frau keine geschäftlichen Ratschläge geben lasse.«
Dads Stimme klingt allmählich genervt und ich ahne, dass er in eine Stimmung gerät, in der ich ihn nicht mehr unnötig reizen sollte. Trotzdem gebe ich mich nicht so leicht geschlagen, denn wenn ich etwas hasse, dann ist es Eigensinnigkeit. Und Dad ist sehr eigensinnig. Er ist ein Mensch, der sich von so gut wie niemandem etwas sagen lässt. Er nimmt keine Ratschläge an und wenn doch, dann sollte man sich seiner Sache sehr sicher sein, denn für den Fall, dass er dem Rat folgt und die Angelegenheit schief geht, dann Gnade einem Gott. Ich bin mir sicher, dass er in so einem Fall keinen Unterschied machen würde, ob der falsche Rat von einem Außenstehenden oder einem Mitglied unserer Familie gekommen ist.
Ich bemühe mich um ein gewinnendes Lächeln und einen bezaubernden Augenaufschlag, als ich noch einen letzten Versuch wage: »Aber du schickst mich doch nicht umsonst auf dieses noble College mit seinen exorbitanten Studiengebühren! Sei doch froh, wenn ich dort etwas lerne, womit ich dir helfen kann!«
»Ich brauche keine Hilfe«, knurrt er böse. »Oder sehe ich so aus? Siehst du hier irgendeinen Hinweis darauf, dass meine Geschäfte schlecht laufen? Ich denke nein. Erst vorgestern habe ich deiner Mutter ein neues Brillantcollier gekauft und in drei Wochen fliegen wir zum Skifahren nach Aspen. Tut das jemand, dem das Wasser bis zum Halse steht? Nein, ich denke nicht. Also treffe ich hier die Entscheidungen. Punkt.«
Er regt sich auf. Das kann er gut. Richtig gut. Und wenn ich eine seiner Angestellten wäre, müsste ich jetzt auf jeden Fall damit rechnen, meinen Job zu verlieren. Aber ich bin eben keine seiner Angestellten und kann es mir daher leisten, ihm zu widersprechen. Was soll er auch schon tun? Um mir eine herunterzuhauen, bin ich zu alt. Aus seinem Haus hinauswerfen kann er mich nicht, da ich auf dem College-Gelände wohne. Er könnte mir höchstens die monatlichen Zuwendungen kürzen oder die Zahlung der Studiengebühren einstellen – aber das würde er vermutlich nicht tun. Nicht, weil er mich zu sehr liebt, sondern weil es Gerede geben würde. Und Gerede über ihn und seine Geschäfte kann Dad nicht gebrauchen. Immerhin läuft bei ihm alles am Rande der Legalität und vieles weit hinter dieser Linie, die das legale Glücksspiel vom illegalen trennt.
Außer Casinos, Sportwetten und Automaten-Spielhallen hat er nämlich noch ein weiteres Standbein: Blutige Streetfight-Events in irgendwelchen alten Lagerhallen. Das alles ist es, was mein Dad im Laufe seines Lebens aufgebaut hat. Alles unter dem Deckmantel einer sympathischen, gut aussehenden Aufsteigerfamilie aus Chicago. Natürlich wissen viele Leute nur zu gut, womit William P. Tray seinen und damit auch unseren Lebensunterhalt wirklich verdient, doch die meisten Leute hätten niemals den Mut, es ihm einfach ins Gesicht zu sagen. Zu groß ist die Angst, dass er einen seiner Gorillas losschicken würde, um demjenigen das Maul zu stopfen.
Er hat trotzdem all die Jahre eisern versucht, nach außen hin einen guten Ruf zu wahren. Seine Kinder gingen auf Eliteschulen und -Colleges, abgesehen von meinem Bruder Tyron, der die Schule nach der Highschool sofort hingeschmissen hat, um selbst sein Geld mit Käfigkämpfen zu verdienen – und meine Mutter verlässt das Haus nie ohne exklusive Designermode und teuren Schmuck.
Ich bin seit ein paar Jahren so etwas wie das schwarze Schaf unserer Familie, denn ich weigere mich vehement, mich seinen Wünschen unterzuordnen. Das fängt damit an, dass ich immer wieder versuche, mich in seine Geschäfte einzumischen, was er auf den Tod nicht ausstehen kann, und geht damit weiter, dass ich mich weigere, einen Mann zu heiraten, den ich einfach nur schrecklich finde.
Ich beharre darauf, mein eigenes Leben zu leben und nicht, wie meine Mutter, zu einem Luxusweibchen zu mutieren, das von einem Society-Event zum nächsten gefahren wird und ihre Vormittage bei der Kosmetikerin verbringt. Ich will etwas aus mir machen, und zwar möglichst etwas, das sich so weit wie nur möglich von dem unterscheidet, was Dad tut.
Jahrelang habe ich mein Interesse an seinen Geschäften gezeigt, habe gebettelt, dass er mich einmal mitnimmt in eines seiner Casinos, dass er mich in seine Geschäfte einweiht. Ich habe es nicht einmal besonders befremdlich gefunden, dass er die Spieler, die in seine Casinos und Spielhallen kommen, nach Strich und Faden betrügt. Schließlich habe ich selbst absolut keinen Sinn für Geldspiele, auch wenn ich hin und wieder gerne mit jemandem wette, jedoch nie um Geld.
Aber Dad hat mich immer wieder abgewiesen. Mason, ja. Mason durfte immer mit. Er ist ja auch ein Mann, er hat einen Sinn fürs Geschäft. Ich könnte heute noch durchdrehen, wenn ich mich an diese immer wiederkehrende Litanei denke, die ich viel zu oft gehört habe. Niemals habe ich eingesehen, warum ich nicht ebenfalls einen entsprechenden Geschäftssinn haben sollte. Schließlich bin ich sein Fleisch und Blut, da liegt es doch nahe, dass meine Gene seinen ähnlich sind. Aber Dad ließ nicht mit sich reden.
Schließlich habe ich mich für ein Studium entschieden, mit dem ich ihm beweisen kann, dass ich sehr wohl einen Sinn fürs Geschäft habe. Seit dreieinhalb Jahren studiere ich nun schon Wirtschaftswissenschaften an der elitären Northern Lake University und werde, wenn alles gut läuft, in einem Jahr meinen Abschluss machen. Summa cum laude. Denn ich bin richtig gut in allem, was Wirtschaft angeht. Das wissen meine Profs, aber natürlich nicht mein Dad. Der sieht mich immer nur mit einem Blick an, dem ich exakt entnehmen kann, was für einen Eindruck er von mir hat: Lange, schwarze Haare bis zum Hintern, azurblaue Augen und eine Figur, die die meisten Kerle ziemlich faszinierend finden.
Kein Wunder bei meinen Genen, denn Mom ist eine absolut attraktive Mittvierzigerin, die ihre russischen Wurzeln nicht verhehlen kann. Sie hat diese markanten Wangenknochen, eine unbeugsame Haltung und sticht mir ihrer schlanken und gepflegten Erscheinung noch heute etliche Dreißigjährige aus. Zwar ist ihr Haar im Gegensatz zu meinem blond, was allerdings der Hilfe ihres Friseurs zu verdanken ist, aber ansonsten ähneln wir uns rein optisch sehr. Was uns überdeutlich unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich mir CNN ansehe, während sie ihre Zeit beim Homeshopping vertut und ich mir höhere Ziele in meinem Leben gesteckt habe, als mit Anfang zwanzig einen wesentlich älteren Kerl zu heiraten, dem ich ein paar Kinder gebäre und dann nur noch dazu da bin, um sein Bett zu wärmen und mir die Nägel zu maniküren.
Ich will in meinem Leben etwas bewirken. Alleine deshalb ist der Vorschlag, den Dad mir vor ein paar Tagen gemacht hat, mehr als nur indiskutabel. Er ist geradezu unverschämt: Dad hat mir, sagen wir mal, nahe gelegt, meine Karriereabsichten auf Eis zu legen und stattdessen seinen Geschäftsfreund Kian Helgren zu heiraten. Abgesehen davon, dass besagter Kian aussieht wie ein Wikinger, den man ein Jahr lang auf einer einsamen Insel vergessen hat und garantiert schon auf die Vierzig zugeht, bin ich der unwiderruflichen Meinung, dass eine Frau am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Freiheit haben sollte, sich ihren Ehemann selbst auszusuchen. Wenn sie denn einen Ehemann will – eine Frage, die mir mein Dad noch nicht einmal gestellt hat. Er hat mir einfach beim traditionellen gemeinsamen Abendessen am dritten Sonntag des Monats eröffnet, dass es an der Zeit sei, mir die Flausen auszutreiben und dass er dafür auch schon den geeigneten Mann gefunden hätte.
Ich hatte wie erstarrt am gewaltigen Tisch meiner Eltern gesessen und das erst für einen schlechten Scherz gehalten. Doch die ernste Miene meines Vaters belehrte mich eines Besseren. Meine Mutter hatte, wie üblich, lächelnd geschwiegen und vermutlich schon überlegt, was sie denn zur Hochzeit anziehen sollte. Vielleicht wäre das ja die Gelegenheit, endlich mal wieder nach Paris zu kommen, um bei Gaultier nach etwas Passendem zu stöbern?
Ich spüre heute noch ein beklemmendes Gefühl in meiner Kehle, wenn ich an diese Minuten denke. Es passiert nicht oft, dass mir die Worte fehlen, doch in diesem Augenblick war es der Fall. Ich brachte keinen Satz heraus, was Dad anscheinend als eine Art Zustimmung ansah. Erst nachdem der Butler, den Dad seit ein paar Jahren für unverzichtbar hält, das Dessert aufgetragen hatte, fand ich mein Sprachvermögen wieder.
»Dad, ich kann diesen Helgren nicht heiraten«, hatte ich so besonnen wie möglich heraus gebracht. Ungeduldig hatte mein Vater seinen Dessertlöffel in die Creme brulée versenkt, die vor ihm stand und ich hörte das Brechen der Zuckerkruste, als wäre es ein Teil meines Herzens, der abbrach.
»Doch. Und ob du ihn heiraten wirst. Er ist ein Mann, der wie geschaffen für dich ist: Durchsetzungsstark, zielstrebig und mit einem guten Gespür für das Geschäft. Es ist schon alles arrangiert.«
Meine Augen hatten sich fassungslos geweitet und sogar meine Mutter hatte überrascht ihre perfekt gezupften Augenbrauen gehoben.
»Kian kommt nächsten Sonntag zum Essen zu uns und ich erwarte von dir, dass du ihn mit allergrößtem Respekt und mit Demut behandelst.«
Alleine diese beiden Worte hatten gereicht, um bei mir eine Sicherung durchbrennen zu lassen.
»Respekt und Demut?«, hatte ich ziemlich laut gerufen.
»Geht’s noch? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Der Pate von Chicago und das noch dazu im vorletzten Jahrhundert?«
Dad hatte seinen Löffel zur Seite gelegt und mich finster angestarrt.
»Ich bin dreiundzwanzig und niemand, ich wiederhole: niemand sagt mir, wen ich zu heiraten habe.«
Nach einer kleinen Pause, während der ich beinahe erfolglos versucht hatte, meine Stimme unter Kontrolle zu bekommen, hatte ich meinen entscheidenden Trumpf ausgespielt.
»Außerdem habe ich längst einen Freund. Er ist Student wie ich und wir verstehen uns ausnehmend gut. Wenn überhaupt, dann werde ich ihn heiraten.«
Ich muss wohl nicht erwähnen, dass mein Vater nach diesen Worten sehr laut und sehr ungehalten geworden ist. Ich habe all seine Beschimpfungen und Vorhaltungen schweigend über mich ergehen lassen und schließlich meinen Löffel zur Seite gelegt. Ich habe mich erhoben und wortlos den Tisch verlassen, um durch die Halle in den Flur zu gehen, wo ich mir meine Jacke und Tasche geschnappt und auf dem schnellsten Weg das Haus verlassen habe.
Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder einen Fuß über die Schwelle zu setzen, wenn mein Vater glaubte, so über mich bestimmen zu können. Doch er hatte mich jeden Abend angerufen und beteuert, dass er es doch nur gut meinte und ich mir doch wenigstens einmal ein eigenes Bild von Kian machen sollte. Zuerst hatte ich jedes Mal wortlos aufgelegt, doch nach dem zehnten Anruf hatte ich beschlossen, dass es für mich am einfachsten wäre, wenn ich mir den Kerl einmal ansah. Schließlich konnte Dad mich ja nicht zwingen, zu heiraten und wenn Helgen aussah wie ein Troll, dann könnte niemand von mir erwarten, dass ich ausgerechnet ihn erwählte. Nicht einmal mein Vater.
Und nun bin ich wieder hier, in unserem großen, prächtigen Haus mit all den Türmchen und Erkern.
»Kian wird dir das schon austreiben«, behauptet er jetzt gerade wieder und ich verdrehe die Augen. Es ist klar, was er meint: Meine immer wiederkehrenden sinnlosen Versuche, ihn davon zu überzeugen, seine Geschäfte zu legalisieren und zumindest die kriminellen Geschäftsbereiche fallen zu lassen, um auf der sicheren Seite zu sein, falls es doch mal zu Ermittlungen gegen ihn kommt. Er ist inzwischen so reich, dass es auf dreihunderttausend Dollar mehr oder weniger nicht ankommt. Und vielleicht würde er sogar mehr Kunden finden, wenn er dem Ganzen einen seriöseren Touch gäbe, ohne das Geblinke und Geflimmer, das seine Casinos kennzeichnet. Ich habe ihm vorgeschlagen, mal einen neuen Weg einzuschlagen, doch dabei stoße ich natürlich wieder einmal auf taube Ohren und werde gleich mit meinem zukünftigen Gatten bedroht.
Der Kerl muss ja wirklich imposant sein, wenn Dad glaubt, dass er mich so schnell und einfach bändigen könnte. Beinahe bin ich nun schon gespannt auf den Mann, den er mir gleich präsentieren wird.
»Wie siehst du überhaupt aus?«, fährt er mich gerade unwirsch an, als ich darüber nachdenke, was ich beim Dinner alles anstellen könnte, damit Kian mich nicht im Geringsten attraktiv findet.
»Wie kannst du dir so einen Aufzug erlauben, wenn es doch gleich um deine Zukunft geht?«
Ich muss grinsen. Mit meiner Kleidungswahl habe ich mir heute besonders viel Mühe gegeben, denn um keinen Preis will ich herausfordern, dass Kian mich irgendwie sexy findet. Ich trage also statt Highheels flache Ballerinas, die meine Füße mindestens drei Nummern größer wirken lassen, einen grauen Rock, der bis weit über die Knie geht und meine ziemlich wohl geformten Beine verdeckt, kombiniert mit einer weißen, hochgeschlossenen Bluse und einer grauen Strickjacke.
Alles in allem könnte ich als Nonne durchgehen und ich wundere mich, dass Dad das überhaupt jetzt erst auffällt.
»Was ist denn an meinem Outfit auszusetzen?«, frage ich betont arglos zurück.
Dad verdreht die Augen. »Cora, du siehst aus wie eine sechzigjährige Betschwester auf dem Weg in die Kirche!«
»Na und? Zumindest über meine Kleidung werde ich ja wohl noch selbst entscheiden dürfen!«
Dad schüttelt den Kopf. Er selbst trägt wie üblich einen maßgeschneiderten Zweireiher in Dunkelblau mit feinen Nadelstreifen, was ihm das Aussehen eines Mafioso gibt. Aus der Brusttasche des Sakkos lugt ein dezentes petrolfarbenes Einstecktuch heraus und sein Gesicht sieht so frisch und gebräunt aus, als käme er direkt aus einem vierwöchigen Karibikurlaub.
Meine ganze Familie ist bei oberflächlicher Betrachtung unverschämt attraktiv, doch wenn man hinter die blendenden Kulissen blickt, tun sich wahre Abgründe auf. Mein Dad macht auf Außenstehende den Eindruck eines charmanten, schon leicht ergrauten Charmeurs mit Geld. Dabei ist das alles nur eine Fassade; eine Maske, hinter der er sein wahres, rücksichtsloses und skrupelloses Ich verbirgt.
Und ich habe heute eine Maske aufgesetzt, damit dieser Kian von vorneherein jegliches Interesse an mir verliert. Niemand kann mich dazu zwingen, ihm meine gute Figur und mein hübsches Gesicht auf dem Silbertablett zu servieren. Im Gegenteil: Ich hatte sogar kurz mit dem Gedanken gespielt, mir eine Nerd-Brille mit Fensterglas zu besorgen und auf die Nase zu setzen, aber dann wäre Dad vermutlich durchgedreht. So belässt er es bei einem genervten Blick und einem ungläubigen Kopfschütteln.
»Man sollte meinen, jemand wie du wüsste es zu schätzen, dass ich dir einen attraktiven, vielversprechenden Junggesellen vorstelle. Aber du -« Er lässt das Ende des Satzes unausgesprochen und zückt stattdessen sein Handy, das ihm gerade den Eingang einer Nachricht signalisiert hat. Mit gerunzelter Stirn liest er sie und sieht mich dann finster an.
»Er schreibt, dass er in fünf Minuten da ist. Also hast du noch eine letzte Chance, dir etwas Anständiges anzuziehen!«
Ich schnaube empört auf. Etwas Anständiges ist es garantiert nicht, was er von mir anzuziehen erwartet. Vermutlich hat er mich seinem Freund als sexy und elegant beschrieben und schämt sich nun für meinen Auftritt. Soll er nur. Mir verschafft es Genugtuung, ihm wenigstens mit meiner Aufmachung ein wenig an den Karren pinkeln zu können. Die Tatsache, dass ich einen Freund habe, interessiert ihn nämlich herzlich wenig. Auch wenn dieser Freund, nun ja, nicht unbedingt real existiert. Ich habe die Wahrheit da ein wenig frisiert. Perez, den ich dabei im Sinn hatte, ist ein Kommilitone von mir. Er wohnt im selben Block des Wohnheims und wir haben mehrere Kurse zusammen. Wir verstehen uns prima, doch das, was uns verbindet, ist eher Freundschaft und keine romantische Liebesbeziehung. Aber ich habe meinen Vater beinahe durch die Leitung kommen hören, als ich ihm am Telefon beiläufig seinen Namen genannt habe: Perez Corallejo. Ein Latino. Schlimmer kann es für meinen Dad gar nicht kommen. Er selbst ist irischer Abstammung und meine Mutter russischer Herkunft – doch ein Kind mexikanischer Einwanderer als Schwiegersohn? Never!
Wenn ich nur daran denke, was Dad bei meinen Worten empfunden haben muss, macht mein kleines, böses Herz einen Sprung. Nach all dem, was er von mir verlangt und nach all den Dingen, die er mir verweigert hat, empfinde ich eine diebische Freude, wann immer ich ihm ein paar Knüppel zwischen die Beine werfen kann.
Exakt viereinhalb Minuten später schwebt meine Mutter die imposante Treppe zur Halle hinunter, in einem Traum aus silberfarbener Seide und natürlich ihrem neuen Brillantcollier um den Schwanenhals. So, wie sie sich zurechtgemacht hat, könnte man meinen, sie wäre die Frau, die heute verkuppelt werden soll. Während ich fassungslos ihre Aufmachung auf mich wirken lasse, klingelt es auch schon. Henry, unser Butler, der eigentlich Hernando heißt, betätigt die Sprechanlage und lässt den Wagen mit unserem Gast vorfahren. Ein wenig gespannt bin ich nun aber doch, wie besagter Kian Helgren aussieht. Der Name an sich klingt interessant, doch bisher war noch keiner der Männer, die mein Vater mir zu allen möglichen Anlässen hatte unterjubeln wollen, auch nur eine entfernte Option für mich gewesen. Kian wird da mit Sicherheit keine Ausnahme darstellen.
Zwei Minuten später bin ich mir sicher, dass auch Kian nichts anderes ist, als ein angeberischer Krimineller, auch wenn er zugegebenermaßen recht gut aussieht. Zumindest wenn man auf kantige, brutale Typen um die vierzig mit Dreitagebart und lüsternem Blick steht. Wobei ich keine Ahnung habe, warum der Typ eben diesen lüsternen Blick aufsetzt, als er vor mir steht und mir meine graue Kutte beinahe damit auszieht. Ich recke mein Kinn vor und erwidere diesen unverschämten Blick, der mir das Gefühl geben soll, er könnte direkt durch meine Klamotten hindurch auf meine Titten sehen. Kann er aber nicht und ich bin doppelt froh, kein sexy Cocktailkleid mit großem Ausschnitt angezogen zu haben. So kann ich ihm zumindest auf Augenhöhe begegnen – verbal gesehen, denn körperlich überragt er mich um mindestens zwanzig Zentimeter, sowohl in der Höhe als auch in der Breite. Im Gegenzug bin ich mir sicher, dass mein IQ dafür mindestens zwanzig Prozentpunkte höher ist als seiner.
»Hallo«, säuselt er mit einer tiefen, samtigen Stimme, die wohl seine sanfte Seite betonen soll und in krassem Gegensatz zu seinem brutalen Gesicht steht. »Du musst Cora sein.«
Er spricht meinen Namen hart aus, ein leichter Akzent begleitet seine Worte. Also ist er wirklich Schwede, wie sein Name schon vermuten ließ. Ich nicke schweigend. Das zu erraten, war nun nicht gerade schwer, da ich die einzige in Frage kommende Frau hier im Raum bin. Gut, meine Mutter möchte heute gerne als fünfundzwanzig durchgehen, aber immerhin hat sie sich auf eine sehr subtile Weise an meinen Vater geschmiegt, so dass selbst der vermutlich unterbelichtete Kian nicht davon ausgehen wird, dass Mom die Tochter des Hauses ist. Außerdem kennt er sie vermutlich, wenn er ein Geschäftspartner meines Vaters ist.
Kian streckt mir seine Pranke entgegen und ich habe keine andere Wahl, als sie zu ergreifen. Er drückt meine Finger, als wollte er sie in tausend Stücke zerbrechen, doch ich zucke nicht einmal mit der Wimper. Wer, wie ich, mit drei Brüdern aufgewachsen ist, die alle mal etwas mit Kampfsport zu tun hatten oder haben, kann einiges einstecken.
»Hallo Kian.«
»Ki-an«, korrigiert er mich, denn ich habe den Namen wie Ian englisch ausgesprochen, doch er betont jeden Buchstaben überdeutlich wie in Liane. Ich verziehe die Lippen zu der Andeutung eines Lächelns, verzichte aber darauf, seinen Namen noch einmal zu wiederholen. Vermutlich geilt er sich daran auf, wenn ich ihn in den Mund nehme.
»Mrs Tray.« Er wendet sich mit einem schmutzigen Lächeln an meine Mutter, die sich mit einer lasziven Bewegung von meinem Vater löst, um Kian die Hand zu geben. Ihr Lächeln wirkt zwar einstudiert, aber der Blick, mit dem sie ihn und seinen imposanten Körper betrachtet, spricht dafür Bände. Meine Mutter findet diesen Bulldozer interessant!
Ich muss ein Grinsen unterdrücken. Vielleicht hat sie ja Interesse an ihm und macht ihn zu einem ihrer Toy-Boys. Hin und wieder gönnt sich Mom nämlich einen Liebhaber, zumindest so lange, bis Dad dahinter kommt und ihr eine furchtbare Szene macht. Dabei ist er selbst auch kein Kind von Traurigkeit und macht nicht einmal einen Hehl daraus, dass er sich hin und wieder eine Nutte nimmt oder mit einer seiner Angestellten herum macht. Ich erwähnte ja schon, dass meine Familie ziemlich abgründig ist.
Kian umschließt also die Hand meiner Mutter mit seiner Pranke und drückt ihr doch tatsächlich einen Handkuss darauf. Ich habe das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen und bin dann doch nur froh, dass er das nicht bei mir versucht hat. Ich hätte ihm entweder gegen das Schienbein getreten oder das Knie dorthin gerammt, wo es weh tut.
Mom dagegen kichert albern und wispert vorwurfsvoll seinen Namen, den sie natürlich genau richtig ausspricht. Irgendwie bin ich mir sicher, dass Kian am Ende des Tages oder spätestens morgen, wenn Dad unterwegs ist, in ihrem Bett landen wird. Oder im Fitnessraum, denn der befindet sich in unserem Keller und ist als Panic Room mit schalldichten Wänden ausgestattet. Ich habe von Dylan gehört, dass Mom es dort ein paarmal mit einem unserer Gärtner getrieben haben soll, ehe der bei einem furchtbaren Verkehrsunfall ums Leben kam. Was für ein tragischer Zufall. Ich hätte allerdings nichts dagegen, wenn Kian ebenfalls diesen Weg gehen würde. Nicht den mit dem Unfall, sondern den die Kellertreppe herunter, statt mit mir, mit meiner Mutter.
»Bitte nennen Sie mich doch Miranda«, flötet sie gerade und ich sehe, wie Kians schmale Lippen sich zu einem zufriedenen Lächeln verziehen.
»Danke Miranda. Wenn ich es nicht vorher gewusst hätte, wäre ich davon ausgegangen, dass Sie Coras Schwester sind.«
Ich verdrehe die Augen, während Mom wieder albern kichert.
»Ach Kian. Sie Scherzkeks.« Ich höre einen russischen Akzent, den sie sonst nicht hat. Sie verwendet ihn nur, wenn sie flirtet. Und Kian flirtet begeistert zurück, während sich auf Dads Stirn eine Ader zeigt, die allmählich zu pochen beginnt. Was für ein Idiot dieser Kian ist!
»Kian«, unterbricht Dad jetzt das peinliche Getue, »Möchtest du einen Drink, ehe wir essen? Whisky? Ich habe einen ganz ausgezeichneten Bowmore single malt.«
Ich weiß, dass eine Flasche dieser speziellen Sorte, die Dad immer trinkt, über zweihundert Dollar kostet, und bin mir sicher, dass es für den guten Kian auch ein Fünf-Dollar-Schnaps von der Tankstelle tun würde. Doch er nickt. »Klar. Etwas zum Warmwerden.«
Oh Mann, ist der Kerl widerlich!
Schon wieder wirft er meiner Mutter einen gierigen Blick zu, doch diesmal senkt sie verschämt ihre Lider, denn Dad funkelt sie verärgert an. Ich folge den Männern und meiner Mutter betont langsam und desinteressiert ins Esszimmer, in dem heute ganz informell für uns vier gedeckt wurde. Natürlich habe ich die zweifelhafte Ehre, neben Kian zu sitzen und bin ganz froh, dass die Stühle aufgrund der Größe unseres Tisches so weit auseinanderstehen, dass er mir nicht während des Essens wie zufällig seine Pranke auf den Schenkel legen kann. Doch im Moment ist das gar nicht zu befürchten, denn, meiner Nonnenkleidung sei Dank, wandert sein Blick viel öfter zu meiner Mutter in ihrem tief ausgeschnittenen Seidenkleid, anstatt zu mir. Soll er doch. Ich weiß, dass sie ein Faible für harte, böse Jungs hat und er fällt genau in ihr Beuteschema. Auch altersmäßig passen die beiden gut zueinander, denn sie mag es gerne etwas jünger, während er anscheinend heiße, ältere Ladys interessant findet.
Ich konzentriere mich auf das cremige Lachsschaumsüppchen, das vor mir steht und höre sein Schlürfen, als er den Löffel zum Mund führt.
Na perfekt: Mein Dad hat mir einen Oger ausgesucht! Er glaubt doch nicht ernsthaft, dass so ein Kerl mich anspricht! Ich hebe verstohlen den Blick und fange ein belustigtes Lächeln meiner Mutter auf, die sein rustikales Verhalten anscheinend amüsant findet. Mein Vater tut so, als hätte er nichts gehört oder vielleicht interessiert es ihn auch gar nicht. Bei echten Kerlen muss man eben hören, dass es ihnen schmeckt.
Zwischendurch wechselt Kian ein paar halbwegs höfliche Worte mit meiner Mutter, die ihn fragt, was er denn so in Dads Unternehmen macht und wie es ihm dort gefällt. Kian antwortet einsilbig. Genau wie ich es vermutet habe, ist er dort wohl der Mann fürs Grobe: Wenn jemand Probleme hat, seine Schulden zu bezahlen, greift er ein und ist dabei vermutlich nicht gerade zimperlich. Ich schlucke bei dem Gedanken, dass mein Dad ernsthaft von mir erwartet, dass ich an so einem Grobian Gefallen finden soll. Wenn der noch keinen umgebracht hat, so wie er aussieht, dann weiß ich auch nicht.
Als seine Suppentasse leer ist, donnert Kian so laut den Löffel auf seine Untertasse, dass ich erschrocken zusammenfahre. Immerhin wird dadurch das Schweigen unterbrochen, das über dem ersten Gang lastete. Mein Vater ist wohl zu hungrig, um etwas zu sagen, meine Mutter mit ihren Gedanken bezüglich Kian beschäftigt und ich habe mir ja vorgenommen, bei ihm einen schlechten Eindruck zu machen. Allerdings muss ich diesen Plan nun ändern, denn so wie er sich benimmt, die Suppe mit aufgestütztem Arm löffelt und dabei noch schlürft, fällt es wohl flach, »versehentlich« aufzustoßen oder zu schmatzen. Es würde ihm vermutlich nicht einmal auffallen, so wie er sich hier benimmt.
Ich seufze unwillkürlich.
»Alles in Ordnung, Süße?«, knurrt er plötzlich so unvermittelt, dass mir beinahe der Löffel aus der Hand fällt. Ich zucke zusammen und ringe mir ein gerade noch höfliches Lächeln ab, das eher ein Zähnefletschen ist.
»Danke. Alles bestens.« Ich presse die Worte zwischen meinen Lippen hervor und versuche, nicht auf sein Kinn zu sehen, an dem ein Tropfen Suppe hinab läuft, der sich in seinem Bart verfängt. Es schaudert mich bei dem Gedanken, jemanden wie ihn küssen zu müssen und ich mache drei Kreuze in der Gewissheit, dass es dazu niemals kommen wird. Die Frauen, die dieses zweifelhafte Vergnügen bereits hatten, sind wahrlich nicht zu beneiden.
»Gefällt dir etwas an der Art, wie ich esse, nicht?« Der Unterton in seiner Stimme ist bedrohlich, daran gibt es nichts zu beschönigen. Habe ich mir meine Abscheu etwa allzu deutlich anmerken lassen? Das ist doch sonst nicht meine Art, schließlich bin ich eine wohl erzogene junge Lady, die die besten Schulen besucht hat!
»Ich merke es doch, wie du mich anstarrst, mein Engel.«
Was erlaubt dieser Kerl sich, mich seinen Engel zu nennen? Wenn ich ihn ansehe und mir vorstelle, was dieser Bastard am liebsten mit mir tun würde, dann werde ich eher zum Teufel!
»Ich starre dich nicht an«, knurre ich nun ebenfalls in grollendem Ton, »Ich staune nur, dass sie ein Vieh wie dich für heute Abend aus dem Zoo herausgelassen haben.«
Augenblicklich wird es so still im Raum, dass man ein Staubkorn zu Boden fallen hören könnte.
Scheiße, habe ich das jetzt wirklich laut gesagt?
Mein Vater wirft mir einen todbringenden Blick über den Tisch zu. Meine Mutter sieht aus, als ob sie jeden Moment über ihrem Teller zusammenbrechen würde.
Und Kian? Kian verzieht nicht eine Miene.
Schon hoffe ich, dass er mich gar nicht verstanden hat. Vielleicht sind seine Ohren genauso ungepflegt wie sein Bart und der gesamte Rest von ihm, so dass der Schall nicht bis zu seinem Großhirn vorgedrungen ist.
Doch meine Hoffnung erfüllt sich nicht: Während ich den Atem anhalte und ihn besorgt ansehe, verzieht sich sein Mund zu einem Grinsen, das sich langsam über sein gesamtes Gesicht ausbreitet. Seine Augen funkeln mich an und ein Schauer läuft über meinen Rücken, als er spöttisch entgegnet: »Da kann es wohl jemand absolut nicht abwarten, von mir übers Knie gelegt zu werden. Aber keine Sorge, du freches, verdorbenes Früchtchen: Ich werde dir schon sehr bald zeigen, welche animalische Triebe in mir schlummern.«
Ich spüre einen riesengroßen Kloß im Hals und werfe einen beinahe Hilfe suchenden Blick zu meinem Dad, doch der sieht mich nur missbilligend an. Ich erkenne keine Spur von Ärger über Kians Bemerkung, dass er sein eigen Fleisch und Blut zu schlagen gedenkt oder mich als verdorbenes Früchtchen bezeichnet. Nein, ihm scheint es sogar zu gefallen, dass Kian mich züchtigen möchte. Vielleicht, weil er selbst es sich bei mir erwachsener Frau nicht mehr herausnehmen darf?
Auch meine Mutter macht eher den Eindruck, als wünscht sie sich an meine Stelle, wenn Kian seinen beeindruckenden Oberkörper entblößt und seine harte Hand auf meine Hinterbacke schnellen lässt.
Was habe ich nur für eine kranke, verdorbene Familie! Angewidert greife ich nach meiner Stoffserviette und tupfe mir damit die Lippen ab. Relativ grob, um ja nicht den Anschein einer lasziven Geste zu erwecken. In jeder Sekunde bin ich mir bewusst, dass Kians Blick jeder meiner Bewegungen folgt und sie in sich aufzunehmen scheint. Dann lege ich die Serviette neben meine Suppentasse und schiebe mit den Beinen meinen Stuhl nach hinten, was den Butler dazu bringt, mir zur Seite zu eilen, obwohl er eigentlich gerade zurück in die Küche wollte, um den Hauptgang zu holen.
»Bitte entschuldigt mich,« sage ich so ruhig wie möglich. »Mir ist der Appetit vergangen.«
Ich würdige Kian keines weiteren Blickes und will gerade mit durchgestrecktem Rücken den Raum verlassen, als ich Kian und Dad gleichzeitig protestieren höre.
»Ich habe dir nicht erlaubt, den Tisch zu verlassen!«
»Oh Süße, kannst du nicht noch etwas warten?«
Unnötig zu erläutern, wer welche Bemerkung von sich gibt.
Ich bemühe mich, stur weiter zu gehen, drücke den Rücken noch mehr durch und recke das Kinn nach oben. Henry öffnet mir die Tür und lässt mich mit einem unpersönlichen Lächeln passieren. Ich atme erleichtert auf, als ich meinen Fuß auf den weißen Marmorboden in der Halle setze und muss mich bemühen, ein triumphierendes Lächeln zu unterdrücken. Zumindest habe ich nicht klein beigegeben, sondern den beiden despotischen Männern an diesem Tisch gezeigt, dass ich kein kleines Mädchen bin, mit dem sie ganz nach ihrem Willen umspringen können.
Ich eile durch die Halle zur Garderobe, an der mein Mantel hängt, als ich plötzlich schnelle, schwere Schritte hinter mir höre.
Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie von Kian stammen, der mir in die Halle gefolgt ist. Wohl kaum, um sich bei mir für sein unmögliches Verhalten zu entschuldigen. Ich seufze stumm auf. Wie viele direkte und indirekte Hinweise braucht dieser Kerl denn noch, um zu begreifen, dass ich nichts – und zwar absolut nichts – von ihm will?
»Gibt es in deiner Welt kein Nein?«, fauche ich ihn an, während ich den Mantel vom Bügel angele. Eine große, kräftige Hand schließt sich um meine und reißt so heftig an meinem Arm, dass ich einen Aufschrei unterdrücken muss. Der Mantel fällt auf den Boden, weil meine Finger sich automatisch geöffnet haben. Nach dem ersten Schreck über die Tatsache, dass der Kerl es tatsächlich wagt, mich zu berühren, wehre ich mich gegen ihn und versuche, ihm meinen Arm zu entwinden. Doch obwohl ich kein Schwächling bin, ist es, als würde ich gegen Herkules ankämpfen. Ich schaffe es kaum, meinen Arm wenige Zentimeter zu bewegen, obwohl ich alle Kraft aufbiete, die ich habe. Sein Gesicht befindet sich verdammt nahe vor meinem, viel zu nahe und ich kann jedes Detail erkennen: Diese eiskalten, hellblauen Augen, die mich geradezu lüstern fixieren.
