The Player - Vanity M. Grey - E-Book

The Player E-Book

Vanity M. Grey

0,0
3,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Alyssa hat eine Menge Ärger am Hals: Ihre Schulden drohen sie zu erdrücken und zu allem Überfluss sind nun auch noch finstere Geldeintreiber hinter ihr her. Als Alyssa völlig überraschend einen Trip nach Chicago in ein Casino-Hotel gewinnt, wittert sie die einmalige Chance, ihre Schulden durch einen Gewinn am Spieltisch auszugleichen! Im Hotel fällt ihr schnell der geheimnisvolle Mason Tray auf, ein harter Typ, der so viel Brutalität ausstrahlt, dass sie am liebsten jeden Kontakt mit ihm vermeiden möchte. Doch ausgerechnet er macht ihr einen Vorschlag, den sie eigentlich gar nicht ablehnen kann. The Player ist der dritte Band der Reihe Die gnadenlosen Brüder. Jeder Band ist unabhängig von den anderen lesbar.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Prolog
Alyssa
Eine Woche zuvor
Alyssa - Gegenwart
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Alyssa
Alyssa
Mason
Alyssa
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Alyssa
Mason
Alyssa
Alyssa
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Mason
Alyssa
Alyssa
Alyssa
Alyssa
Alyssa
Mason
Epilog
Ende
Danksagung

 

 

 

 

The

PLAYER

 

Die gnadenlosen Brüder

Band 3

 

 

 

Vanity M. Grey

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

© 2017 Vanity M.Grey, überarbeitete Neuauflage 2024

Layout und Cover: Vanity M. Grey

Fotos: canva.com

 

Kontakt:

Vanity M. Grey

C/o Astrid Zingler

Gagelweg 5

27404 Zeven

 

Email: [email protected]

Homepage: vanitymgrey.jimdofree.com

 

Sämtliche, in diesem Roman vorkommende Charaktere sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären gegebenenfalls rein zufällig.

Eine Vervielfältigung des Inhaltes dieses Buches, auch auszugsweise, ist nicht gestattet.

 

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Neuauflage des Romans Play My Game von 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

Ich werfe einen verstohlenen Blick auf meine Rolex. Halb elf.

Eher genervt als erregt lasse ich meine Hand weiter auf Jocelyns Backe klatschen, wo sie bereits eine handtellergroße, gerötete Stelle hinterlassen hat. Erwartungsgemäß stöhnt Jocelyn laut auf.

Sie heißt doch Jocelyn, oder? Jocelyn, Jacqueline, irgendetwas in dieser Richtung war es. Im Grunde ist es ja auch egal, wie sie heißt. Sie ist eine dieser austauschbaren Puppen, die mir die Agentur schickt, wenn ich ein Mädchen der Kategorie Special Forces anfordere. Kate, die Inhaberin der Agentur kennt mich schon lange und weiß genau, was ich benötige.

Es ist auch keineswegs so, dass Jocelyn – lassen wir es einfach bei diesem Namen – mich nicht anmacht. Im Gegenteil, sie lässt optisch keine Wünsche offen: große Titten, runde Hüften, ein Schmollmund, der geradezu danach zu verlangen scheint, dass ich ihm mein bestes Stück zu kosten gebe.

Aber irgendetwas fehlt ihr trotzdem. Sie stöhnt und windet sich, tut eigentlich genau das, was ich für mein Geld von ihr erwarte und ich kann mich nicht beschweren: Dreimal bin ich heute bei ihr schon zum Höhepunkt gekommen.

Und trotzdem: Das, was wir tun, hat einen faden Beigeschmack. Sie ist nicht mit dem Herzen bei der Sache und das spüre ich. Genauso, wie sie vermutlich spürt, dass ich ohne Begeisterung in ihr herumstochere.

Der Reiz des Neuen ist weg. Obwohl ich Jocelyn bisher noch nie gebucht habe, ist es wie eine ewige Wiederholung. Die gleichen makellosen Körper, die bis zur Unkenntlichkeit geschminkten Gesichter und die leeren Augen, mit denen mich die Mädchen ansehen, wenn ich ihnen am Ende ihr Trinkgeld in die Hand drücke. Zwar lächeln sie mich gewollt sexy an, doch ich sehe in ihrem Blick, dass sie in Gedanken bereits beim nächsten Kunden sind und ich nur ein weiterer Job bin, den es abzuarbeiten gilt.

Das gefällt mir nicht. Ich will keine Nummer auf einer Liste sein. Kein Typ, der ihnen ein paar hundert Dollar dafür zahlt, dass sie sich hart rannehmen lassen.

Ich will mehr. Ich will eine Frau, die mir für länger als ein paar Stunden gehört. Eine Frau, die freiwillig bleibt und der ich nicht jeden Tag von Neuem meine Spielregeln erklären muss.

Sie soll mir gehören, mit Haut und Haaren und ihrer Seele. Nicht nur mit ihrem Körper. Ich will sie besitzen und über sie verfügen können, wann immer mir danach ist. Sie soll all die kleinen Details kennen, auf die ich so stehe und die das Ganze erst zu einem wirklichen Vergnügen für mich werden lassen.

Ein Monat. Dreißig Tage. Das ist eine gute Zeitspanne. Nicht so lange, dass es zu ernst wird und doch lange genug, damit wir keine Fremden füreinander sind.

Und ich habe auch schon eine Idee, wie ich es anstellen könnte, eine Frau zu finden, die sich aus freien Stücken darauf einlässt.

Nun gut, vielleicht nicht aus ganz freien Stücken. Doch immerhin insoweit, dass sie länger als eine Nacht bleibt.

Noch ein letztes Mal ramme ich mich tief in Jocelyn hinein, ehe ich kurz, aber heftig komme. Ich unterdrücke ein halbherziges Stöhnen, so dass mir nur ein knurrender Laut entfährt und entziehe mich ihr, noch ehe sie Gelegenheit hat, selbst zu ihrem Recht zu kommen.

Pech, Jocelyn. Aber dafür bekommst du einen Hunderter extra, versprochen.

Ich tätschele kurz ihren Hintern.

»Das war’s, meine Hübsche. Und nun schnapp dir deine Sachen und schwing deinen Hintern hier raus.« Enttäuscht sieht sie mich über ihre Schulter an.

»Ehrlich? Aber ich bin doch noch gar nicht-«

»Hau ab, ehe ich es mir anders überlege.« Erschrocken zuckt sie angesichts meines harten Tonfalls zusammen.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, rutscht sie vom Bett herunter und bückt sich, um ihre Klamotten vom Fußboden einzusammeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alyssa

 

Ich zupfe zum bestimmt zehnten Mal am Saum meines Kleides, obwohl es an und für sich tadellos sitzt. Der schwarze, weiche Stoff schmiegt sich an meinen Körper wie eine zweite Haut. An den Blicken der männlichen Gäste merke ich, dass mir dieses winzige Stück Stoff verdammt gut steht. Sie verfolgen mich mit ihren Augen, hoffen dabei garantiert, dass es nicht auffällt, weil ihre Frauen oder Freundinnen neben ihnen sitzen. Doch ich spüre es. Ich spüre ihre gierigen Blicke wie brennende Pfeile in meinem Rücken.

Hoch erhobenen Hauptes gehe ich weiter, schlendere vom Roulette-Tisch zu einer Poker-Runde. Sechs Männer sitzen, sichtlich konzentriert, um einen Spieltisch und die Spannung ist mit Händen greifbar. Fasziniert bleibe ich stehen. Es dauert keine drei Sekunden, da bemerkt einer der Spieler, ein grauhaariger Typ mit Brille und verrutschter Fliege, mich und wirft mir einen gereizten Blick zu. Er will mir damit bedeuten, dass Zuschauer hier nicht gerne gesehen sind und schon gar keine weiblichen, zweiundzwanzigjährigen Gäste mit viel zu kurzen Kleidern, die ihn ablenken könnten. Trotzdem entspannt sich seine Miene nach einem Augenblick und er schenkt mir die Andeutung eines Lächelns.

Ich erwidere es nicht. Stattdessen versuche ich, einen Blick auf das Blatt des Mannes zu erhaschen, der direkt vor mir sitzt. Er ist groß und breitschultrig, mit blonden, beinahe militärisch kurz geschnittenen Haaren. Als würde er meine Anwesenheit spüren, dreht er seine Hand automatisch so, dass ich die Karten nicht mehr sehen kann, da sie nun durch seinen massigen Oberkörper verdeckt werden.

Auch egal. Ich war nur neugierig. Vom Pokern habe ich so gut wie keine Ahnung. Über ein paar Runden Zocken am PC habe ich es nie hinausgebracht. Nichts würde mich dazu bringen, hier, quasi in freier Wildbahn, mein Glück zu versuchen.

Beinahe nichts würde mich dazu bringen, korrigiere ich mich in Gedanken. Nichts, abgesehen von Phil Dombrowsky und seinen Geldeintreibern. Nur deretwegen bin ich heute hier. Nur, weil ich es unbedingt schaffen muss, achtundzwanzigtausend Dollar aufzutreiben und das bis Sonntag.

Sechs Tage bleiben mir noch. Dann werden sie mir die Fingernägel herausreißen, meine Zehen brechen oder mir meine jämmerliche Bude über dem Kopf anzünden.

Keine Ahnung, was er sich einfallen lässt. Doch egal, was es ist: Ich werde nicht glimpflich davonkommen, dazu sind die Typen, die ihm zur Hand gehen, viel zu abgebrüht. Ich konnte das gefährliche Glitzern in den Augen des muskelbepackten Vollstreckers sehen, den er zu mir mitgebracht hat, als er mir seine letzte Mahnung persönlich übergeben hat. Ich habe den unbedingten Wunsch darin gelesen, mir Schmerzen zuzufügen. Heftige Schmerzen.

Und ich weiß, dass ich keine andere Wahl habe, als hier alles zu setzen, was ich noch habe. Ich kann nichts verlieren außer meinem Leben. Und das ist schon so verkorkst, dass es nicht mehr viel wert ist.

Ich merke, dass ich meine Kieferknochen anspanne und bemühe mich, sie zu lockern. Schließlich bin ich hier, um die einhundertsiebenundzwanzig Dollar Bargeld, über die ich noch verfüge, zu verzweihundertfachen. Mindestens. Ich habe nur diese eine Chance und ich werde sie nutzen.

Mit einem souveränen Lächeln auf den Lippen gehe ich auf den Kerl mit den grauen Haaren zu und klimpere mit den Jetons in meiner Hand, die allerdings nur lächerliche fünfzig Dollar wert sind. Hoffentlich wirkt es selbstsicher.

»Hi« Wie zufällig berühre ich seine Schulter mit meiner Hüfte. Er sieht interessiert zu mir hoch. »Ist hier noch frei?«

Er linst mit einem kurzen Stirnrunzeln zu seinen Mitspielern. Die meisten schenken mir nicht mehr als einen kurzen Blick, ehe sie sich wieder ihrem Blatt zuwenden. Lediglich der bullige Blonde starrt etwas zu lange auf mein üppiges Dekolletee, das ich mit Hilfe eines Push-up-BHs in Form gebracht habe.

Jetzt zuckt der Grauhaarige mit der Achsel und nickt in Richtung des leeren Stuhls neben ihm.

»Klar, setz dich doch, Süße.«

Mir stellen sich die Nackenhaare auf bei seiner Anrede. Er sieht in mir nicht mehr als ein kleines Flittchen, das hier Anschluss sucht.

Selbst Schuld, Aly, so, wie du dich herausgeputzt hast.

Ich weiß selbst, dass mein Kleid zu kurz, der Ausschnitt zu tief und meine Lippen zu rot sind für ein anständiges Mädchen. Doch heute Abend ist das alles egal. Heute und morgen bin ich nicht Alyssa Brentano, die erfolglose Handtaschendesignerin, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen kann. Heute Abend bin ich eine mondäne junge Frau auf der Suche nach einem Abenteuer, einem heißen Flirt, der ihr hilft, achtundzwanzigtausend Dollar aufzutreiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Woche zuvor

 

»Wie kann man nur so naiv sein!«

»Ich war nicht naiv. Ich war verzweifelt.«

Sasha glaubt mir nicht, das höre ich an ihrer Stimme. Sie hat ja auch gut reden: Sie arbeitet im Tattoo-Studio ihres Freundes und die Kunden stehen Schlange wegen eines Termins bei ihr oder Neill. Vielleicht hätte ich statt eines Ladens, in dem ich meine selbstgenähten Handtaschen verkaufe, auch lieber ein Tattoo-Studio eröffnen sollen, denke ich frustriert.

Frustration ist seit einigen Monaten zu einem Dauerzustand in meinem Leben geworden.

Nichts scheint zu klappen. Dabei habe ich gedacht, dass nach all den Jahren, in denen mir so viel Schlechtes widerfahren ist und ich mich immer nur gerade so hatte über Wasser halten können, endlich der Knoten geplatzt wäre.

Die Idee mit dem kleinen, persönlich geführten Laden für handgearbeitete Taschen und Rucksäcke kam mir auf meinem täglichen Weg zur Arbeit. Ich jobbte damals in einem Schnellrestaurant und hatte dort jeden Tag genug Gelegenheit, mir die Einheitsbekleidung und die mehr oder weniger einheitlichen Taschen und Rucksäcke der Kundschaft anzusehen. Selten stach ein Modell mal daraus hervor. Irgendwie beschäftigte mich dieser Gedanke in den folgenden Tagen immer wieder und schließlich wurde daraus eine Geschäftsidee. Schon immer hatte ich gerne genäht und so packte ich meine alte Nähmaschine aus, suchte mir im Internet einige Schnitte und Anregungen und kreierte daraus eigene Entwürfe. Nächtelang schnitt ich die Teile zu und probierte alles Mögliche aus, bis ich meine vier Prototypen fertig hatte.

Sasha und Ginger, meine beiden besten Freundinnen waren überwältigt von den außergewöhnlichen Rucksäcken und kauften mir jede gleich einen ab. Ich freute mich über ihren Zuspruch und nähte sieben Stück, die ich über das Internet verkaufte. Wenn ich die Arbeitszeit nicht zu teuer ansetzte und meine Müdigkeit nicht dazurechnete, machte ich mit den Verkäufen sogar einen bescheidenen Gewinn.

Eine Idee war geboren.

Drei Monate später hatte ich den Job im Schnellrestaurant gekündigt, siebenundfünfzig Rucksäcke und Taschen in den verschiedensten Farbkombinationen angefertigt und setzte meine Unterschrift unter den Mietvertrag für einen winzig kleinen, aber sehr gut gelegenen Laden in einer Gegend, die gerade hip zu werden begann. Für genügend Kundschaft war also gesorgt.

Die ersten Wochen liefen gut. Ich bekam einen Kredit über zwanzigtausend Dollar von Phil Dombrowsky, einem alten Freund meiner Eltern. Als ich auf einem schriftlichen Vertrag bestand, brachte er beim nächsten Mal achselzuckend einen mit und ich unterschrieb ihn, ohne näher hinzusehen.

Guten Freunden vertraut man eben.

Ein schwerer Fehler, wie sich wiederum acht Wochen später herausstellen sollte, als das Haus, in dem sich mein Shop befand, durch eine mittelschwere Explosion, die durch ein Gasleck verursacht wurde, an den Rand des Einsturzes gebracht wurde. Der Eigentümer war nicht versichert und ich war es ebenfalls nicht. Meine Materialien waren vernichtet, ebenso wie die fertigen Waren und meine Kaution würde ich auch nie wiedersehen. Die Studentin, die mich ab und zu beim Verkauf unterstützen sollte, verlangte ihr Gehalt für den gesamten Monat und Phil tauchte plötzlich auf. Er verwies auf einen Passus im Kreditvertrag, demzufolge die Rückzahlung in diesem besonderen Fall kurzfristig zu erfolgen hatte – natürlich mit den vereinbaren zehn Prozent Zinsen, die bei einem nicht gesicherten Kleinkredit dieser Höhe üblich wären.

Verschwunden war der nette Onkel Phil, den ich schon lange vor dem Unfalltod meiner Eltern vor fünf Jahren gekannt hatte. Über Nacht hatte er sich in einen fiesen Kredithai mit einem schmierigen Lächeln und Händen, die nach meinem Hintern griffen, wann immer sich die Gelegenheit ergab, verwandelt.

Vielleicht war er das aber auch immer schon gewesen und ich hatte das in Ermangelung einer echten Familie bewusst ignoriert.

Nun konnte ich es nicht mehr ignorieren, denn Phil machte Druck. Er verlangte die Rückzahlung des Gesamtbetrages zuzüglich der Zinsen innerhalb der nächsten vier Wochen.

Er wusste genauso gut wie ich, dass das vollkommen ausgeschlossen war. Und weil er das wusste, machte er mir das freundliche Angebot, dass ich meine Schulden auch gerne bei ihm abarbeiten könnte. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich dankend ablehnte, woraufhin er mir am nächsten Morgen einen seiner »Mitarbeiter« ins Haus schickte, als ich in den Trümmern meines Geschäftes gerade nach verwertbaren Resten suchte. Das Haus war zwar nicht mehr bewohnbar, aber die Feuerwehrleute hatten mir erlaubt, das herauszuholen, was noch verwertbar war.

Während ich unter Tränen einen noch unversehrten Karton mit Lederresten zu mir heranzog, tauchte also dieser grobe, mindestens zwei Meter große Kerl mit Fäusten, so groß wie Honigmelonen, bei mir auf und bat mich nachdrücklich, der Zahlungsaufforderung nachzukommen. Um seine Forderung zu unterstreichen, schlug er mit seinem Baseballschläger die wenigen Dinge, die noch heil geblieben waren, kurz und klein.

Meine Tränen wollten nicht versiegen, auch Stunden, nachdem er den Laden wieder verlassen hatte, nicht.

Mein Little Shop of Bags and More war innerhalb weniger Wochen zum Little Shop of Horrors geworden.

Und da bin ich nun: Ich sitze wie ein Häufchen Elend auf dem Ledersofa meiner Freundin Sasha, die mir stolz ihr allerneustes Tattoo an ihrer Wade präsentiert, während ich keinen anderen Gedanken mehr habe, als den, woher um alles in der Welt ich so viel Geld nehmen soll.

»Wie kann man nur so naiv sein«, hat sie gefragt.

Ja, wie konnte ich nur? Ich habe Phil, der für mich so etwas wie Familie war, zu sehr vertraut. Ein schwerer Fehler.

Ich habe eben keine Familie und außer meiner Katze Mia, an der ich sehr hänge, sind diese beiden Frauen hier die einzigen Lebewesen auf der Welt, denen ich etwas bedeute. Wir kennen uns seit der Junior High und ich weiß, dass ich ihnen blind vertrauen kann.

Leider kann mir von ihnen keine eben mal achtundzwanzigtausend Dollar schenken.

Sasha hat mir immerhin einen Job bei sich im Studio angeboten. Ich soll die Telefonate annehmen und die Kunden beraten und begrüßen. Eine nette Idee von ihr, aber mit dem, was ich dort verdiene, bräuchte ich Jahre bis Jahrzehnte, um meine Schulden zu bezahlen.

Was ich brauche, ist ein Wunder.

Und Sasha ist es, die mich auf dieses Wunder hinweist.

»Hast du mir nicht letztens von dieser E-Mail erzählt? Dieser Gewinnmitteilung?«

Sie streicht mit ihrem Zeigefinger andächtig über die noch geschwollene Haut an ihrem Bein, wo sich seit heute eine farbenprächtige Schlange um einen Ast windet. Neill hat es ihr gestochen und ich sehe an ihrem Blick, wie viel ihr das neue Bild bedeutet.

Irritiert runzele ich die Stirn. Wovon redet sie? Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein: Ich habe eine dieser unsäglichen Gewinnspiel-Emails bekommen, die mir ankündigen, dass ausgerechnet ich die Gewinnerin einer Reise nach Chicago bin und dort zwei Nächte in einem Casino-Hotel verbringen darf, inclusive fünfhundert Dollar Taschengeld. Für eine Sekunde habe ich mir erlaubt, davon zu träumen, aus dem ganzen Mist hier herauszukommen, ehe ich die Nachricht in den Spam-Ordner verschoben habe.

Warum fängt Sasha denn ausgerechnet jetzt davon an? Sie hat zwar zufällig neben mir gesessen, als ich meine Emails gecheckt habe, aber eigentlich ist sie doch viel zu bodenständig, um an so etwas zu glauben.

»Wie kommst du denn jetzt darauf? Meinst du, ich sollte da hin fahren und wie durch ein Wunder knacke ich den Jackpot oder wie das im Casino heißt und gewinne eine Million?«

Sasha löst sich vom Anblick ihres Tattoos und lächelt mich geheimnisvoll an.

»Wer weiß? Es gibt im Leben keine Zufälle, Aly. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und ich habe ein gutes Gefühl bei der Sache.«

Wenn Sasha ein gutes Gefühl hat, dann ist das schon etwas. Ihre Urgroßmutter lebt auf Barbados und soll schon über einhundert Jahre alt sein. Sie ist so etwas wie eine Voodoo-Zauberin und vielleicht hat Sasha ja etwas von ihren Fähigkeiten geerbt. Zumindest hat sie manchmal einen guten Riecher, was Gelegenheiten und Prognosen angeht.

Ich lege den Kopf schief und streiche mir eine Strähne hinter das Ohr.

»Ehrlich?«

Casino. Hotel. Chicago. Weg aus Boston, wo gerade alles eine Nummer zu heftig für mich wird. Sasha fasst meine eigenen Gedanken für mich zusammen. Apropos Wahrsagen, denke ich schockiert: »Du musst mal raus hier, Aly. Hier geht doch im Moment ohnehin alles den Bach runter. Genieße ein sorgenfreies Wochenende und vielleicht hast du ja wirklich Glück.«

Sie legt mir ihre Hand, auf deren Rücken sich drei miteinander verschlungene Sterne befinden, auf meinen Arm. »Gib denen gleich deine Daten und wenn es tatsächlich kein Fake ist, dann gönnst du dir etwas Entspannung.«

Immer noch zweifelnd schnappe ich mir mein Smartphone und rufe die E-Mails auf. Der Spam-Ordner ist noch nicht automatisch gelöscht worden und so kann ich die Mail öffnen. Ich überfliege den Text. Er klingt plausibel, aber das sind diese Mails ja immer, wenn nicht gerade irgendwelche haarsträubenden Rechtschreibfehler darin auftauchen, die einem anzeigen, dass sie irgendwo aus Indien oder von den Fidschi-Inseln stammen.

Angeblich habe ich einen Wochenendaufenthalt im Montlake-Diamond-Resort and Casino gewonnen. Angehängt ist ein Link zur Homepage eines wirklich umwerfend luxuriös aussehenden Casinos mit Hotelzimmern, die nur so vor Samt und Golddekor strotzen.

Mein letzter Urlaub liegt einige Zeit zurück, um nicht zu sagen, etliche Jahre. Zuletzt war ich mit meinen Eltern ein paar Tage in Florida. Da sie seit fünf Jahren tot sind, dürfte das mindestens sechs bis sieben Jahre her sein.

Eine lange Zeit und ich spüre plötzlich das dringende Bedürfnis, diese Stadt zu verlassen und ein vollkommen anderer Mensch zu sein. Chicago – das klingt nach großer Weltstadt, nach Glitzer und Nachtleben, nach Freiheit und Abenteuer. Ich will da hin. Sofort.

Entschlossen tippe ich meine Daten in die dafür vorgesehenen Felder ein und schicke die Bestätigung ab. Immerhin kann von meiner Kreditkarte nichts abgebucht werden, falls es doch ein Trick ist, denn die wurde von meiner Bank mittlerweile gesperrt. Mein letztes Bargeld habe ich mit der Bankcard heute früh abgehoben.

Ist nicht ohnehin alles egal? Einer toten Frau kann man nicht mehr in die Tasche greifen – und, wenn ich hierbleibe und darauf warte, dass Phil und seine Leute wiederkommen, um sich ihr Geld zu holen, bin ich bald eine tote Frau.

Also nutze ich diese vielleicht letzte Chance, Boston lebendig zu verlassen und darüber hinaus eröffnet sich mir die Gelegenheit, vielleicht tatsächlich etwas Geld in diesem Casino zu gewinnen.

Manchmal ist einem das Glück ja hold und nach all dem Pech, das ich erlebt habe, bin ich mir sicher, dass ich es zumindest versuchen sollte.

 

 

Alyssa - Gegenwart

 

 

Und nun bin ich hier. Inmitten des glitzernden Trubels des Montlake-Diamond-Casino and Resort. Noch nie zuvor habe ich etwas Ähnliches gesehen. Mein Zimmer ist größer als mein ganzes Appartement in Boston und mir sind Leute über den Weg gelaufen, die augenscheinlich so reich sind, dass sie dem Kellner lässig eine Fünfzig-Dollar-Note als Trinkgeld geben können. Vielleicht sollte ich mich als Kellnerin verkleiden und ein paar Tage an mein Wochenende dranhängen, dann hätte ich meine Schulden ziemlich schnell bezahlt.

Der Kerl neben mir zockt eifrig weiter und beachtet mich kaum, doch als er schließlich die Runde gewinnt, dreht er sich strahlend zu mir um.

»Du hast mir Glück gebracht, mein Vögelchen. Bleib ruhig noch ein wenig hier sitzen.«

Ich versuche, die Hand zu ignorieren, die sich in einer viel zu intimen Geste auf meinen Oberschenkel legt und erwidere sein Lächeln ein wenig gezwungen.

»Okay.«

Er nimmt die Hand freiwillig wieder weg, ehe ich ihn darum bitten muss, und ich verfolge staunend, wie schnell und gekonnt die Männer pokern. Das wäre nichts für mich. Auf diese Art kann ich auf keinen Fall Geld gewinnen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit will ich mich verabschieden und weiterziehen, da ich nicht einsehe, hier meine Zeit zu verschwenden. Doch der Kerl hält mich auf, indem er mir mit einer knappen Geste bedeutet, sitzen zu bleiben.

»Warte.«

Er spielt die Runde zu Ende, siegt wieder und schiebt mir grinsend einen ganzen Stapel seiner Chips herüber.

»Hier. Nimm die als kleines Dankeschön.«

Fassungslos sehe ich ihn an. Er scheint es ernst zu meinen.

»Bist du sicher, dass du nicht noch bleiben möchstest?«

Ich ahne, dass er nicht nur auf die Dauer der Pokerrunde anspielt und schüttele freundlich, aber bestimmt meinen Kopf.

»Nein, vielen Dank.« Ich deute auf die Chips, die vor mir einen ordentlichen Stapel abgeben. »Das kann ich aber nicht annehmen.«

»Doch, kannst du.«

Er wendet sich von mir ab und nimmt schon das nächste Blatt auf, das der Geber gerade verteilt hat.

Ungläubig streiche ich die bunten Plastikplättchen ein und ziehe mich in eine Ecke zurück. Ich sehe mir die Jetons genauer an und mir wird schwindelig, als ich ausrechne, dass er mir gerade knapp eintausend Dollar geschenkt hat.

Der Wahnsinn! Sind hier alle etwas verrückt, oder was ist los? Es ist, als würde eine Art fiebriger Glanz über allem liegen. Die normale, staubige, schmutzige Welt mit all ihren Problemen ist ganz weit weg. Hier drin gelten andere Regeln.

Ich schütte den Geldsegen in meine Handtasche, die kaum groß genug ist, um die Menge an Chips aufzunehmen und beschließe, mich an den nächsten Roulettetisch vorzuwagen. Obwohl ich noch nicht einen einzigen Dollar gesetzt habe, einfach, weil ich nicht weiß, wie das alles hier funktioniert, bin ich schon knapp eintausend Dollar reicher, zuzüglich des Taschengeldes von fünfhundert Dollar, das ich in Form eines Barschecks vom Reiseveranstalter erhalten habe.

Gut, ich habe vorhin mein Glück an einem der Automaten in der Vorhalle des Casinos versucht und zwanzig Dollar verloren. Kein guter Beginn, doch nachdem dieser Typ hier mal eben so ein großzügiges Honorar für meine pure Anwesenheit gezahlt hat, ist dieser Verlust vergessen.

Nicht schlecht für eine angebliche Spam-Mail, denke ich schmunzelnd, als ich mich hinter einer älteren Lady im langen, dunkelblauen Abendkleid in die Runde der Zuschauer bei dem anscheinend hoch dotierten Spiel am Roulette-Tisch einreihe.

 

Mason

 

Ich muss zweimal hinsehen. Wer zur Hölle ist diese Frau?

Katzengleich und geschmeidig bewegt sie sich inmitten der Spieler und sticht durch ihre natürliche Anmut aus der Menge hervor.

Ich beobachte sie schon seit geraumer Zeit. Sie trägt ein billiges Kleid aus Seidenimitat, das sehe ich von hier, doch es umschmeichelt ihren Körper auf so subtile Weise, dass ich hart werde. Und das will etwas heißen, denn ich bin schöne Frauen zu Genüge gewöhnt. Mich reißt so schnell keine mehr vom Hocker.

Doch diese hier ist etwas Besonderes. Das sehe ich selbst aus der Entfernung der gut zehn Meter, die uns trennen.

Ich kann sie vollkommen ungestört beobachten, denn sie sieht mich hinter dem Spiegel nicht, der nur von meiner Seite aus einen wunderbaren Blick über den gesamten hinteren Bereich des Casinos bietet.

Die unbekannte Schöne steht jetzt direkt hinter Paloma Winfield, die jedes Frühjahr einige Wochen bei uns residiert. Vollkommen fasziniert verfolgt sie die Drehung der Cuvette und den Schwung, mit dem die Kugel sich ihren Weg sucht. Ihrem Gesicht ist die Anspannung deutlich anzumerken und als die Kugel schließlich in einem der Nummernfächer liegen bleibt, reißt sie nur kurz nach Mrs Winfield ihre Arme hoch.

Diese ruckartige Bewegung versetzt ihre üppigen Brüste in Bewegung, so dass mein Blick wie von selbst gebannt an ihrem Ausschnitt hängen bleibt, der mehr zeigt, als verbirgt. Mein Schwanz drängt sich neugierig gegen den Reißverschluss meiner Hose, so, als würde er sich am liebsten selbst ein Bild von der heißen Brünetten machen. Ich rücke ihn ein wenig zurecht und lasse meinen Blick prüfend über die anderen Gäste und meine Croupiers und Security-Leute schweifen.

Alles scheint ruhig zu sein.

Vor ein paar Minuten hat mir Carl, der Chief-Security-Manager, mitgeteilt, dass an Tisch Fünf ein Kerl versucht, die Bank zu sprengen. Ich habe die Anweisung gegeben, dem ein Ende zu machen und nun sehe ich ihn wütend gestikulieren, als er einen beachtlichen Haufen seiner Chips an die Bank verliert.

Meine Familie hat dieses Casino und die anderen in unserem Imperium ja nicht aufgebaut, um arme Schlucker mit einer halben Million hier rausspazieren zu lassen. Gewinnen ist okay, aber es gibt gewisse Grenzen.

Mein Blick wandert zurück zu meinem Objekt der Begierde und ich werde unruhig, als ich es nicht an seinem angestammten Platz entdecke. Wo ist meine Schöne hin?

Dann finde ich sie wieder. Sie geht gerade mit sanft schwingenden Hüften an den nächsten Tisch. Ich bemerke, dass auch ein paar andere Männer sie mit ihren Blicken verfolgen. Das Mädchen bewegt sich ja auch wie die Sünde auf Beinen: Lasziv, langsam, sinnlich.

Alles an ihr scheint im Fluss zu sein, weich und anschmiegsam. Dazu diese rehbraunen Haare, die ihr rundes, weibliches Gesicht sanft umrahmen und diese Lippen. Lippen, die mich an nichts anderes mehr denken lassen, als daran, wie sie sich sanft und dann immer drängender um meinen Schaft schließen, ihn immer tiefer in sich aufnehmen.

»Mister M?«

Eine laute Stimme reißt mich aus meinen angenehmen Gedanken und ich greife mir schnell in den Schritt, um meine Latte zu verbergen.

Nicht auszudenken, wenn Carl mich hier mit einem Ständer an der Scheibe stehen sieht. Schlimm genug, dass er auch so einiges von den Dingen mitbekommt, die sich oben in meiner Suite abspielen.

»Was ist?«, herrsche ich ihn an und bin mir vollkommenbewusst, dass er ja nicht ahnen kann, wo ich mit meinen Gedanken war.

»Tisch Fünf ist wieder unter Kontrolle.«

»Gut.« Ich schenke ihm ein knappes Nicken und ein noch knapperes Lächeln. »Sehr gut. Danke Carl.«

Das muss als Entschuldigung für meinen rauen Ton reichen. Carl verschwindet mit einem höflichen Nicken wieder.

Ich lege Wert auf Distanz zwischen den Angestellten und mir. Wir sollen schließlich keine Freunde sein, sondern Dienstherr und Untergebene. Ich gebe die Anweisungen und meine Leute führen sie aus.

Als sich die Beule in meiner Hose nicht mehr zu deutlich abzeichnet, öffne ich die Tür zu dem kleinen Flur, von dem aus ich durch eine getarnte Tür ins Casino schlüpfen kann.

Unauffällig schlendere ich zwischen den Tischen hindurch. Immer darauf bedacht, niemanden zu treffen, der mich erkennt. Ich kenne beinahe jeden der wichtigen und regelmäßigen Spieler hier mit Namen, doch kaum einer weiß, wer ich bin. Für meine Beschäftigten bin ich Mr M, eine Kurzform für Mason Tray.

Meinem Vater gehört dieses Imperium aus Casinos und Hotels. Er hat ein Vermögen mit illegalen Wetten, MMA-Fights und eben Geldspielen gemacht. Dass dabei das eine oder andere Schmiergeld geflossen ist und mancher Widersacher in den trüben Gewässern des Lake Michigan sein Leben ausgehaucht hat, versteht sich von selbst.

Mit diesen düsteren Aspekten unseres Geschäfts habe ich hier wenig zu tun. Ich leite seit fünf Jahren die Sparte Casino und das hier ist unser Flaggschiff. Ich mag diese kühle, glitzernde Welt, in der die Regeln des normalen Lebens außer Kraft gesetzt sind.

Das passt zu mir, denn auch ich mache gerne meine eigenen Regeln.

Das Mädchen dort ist jemand, der mich interessiert und ich weiß, was ich von ihr will. Sie soll diejenige sein, mit der ich meinen Monat voller Lust und Leidenschaft bekomme. Sie wird mir in dieser Zeitspanne zur Verfügung stehen.

Ich spüre schon beinahe, wie sich ihr wollüstiger, warmer und weicher Körper wehrlos unter meinem windet. Ich sehe, wie ihr voller Mund einen stummen Schrei aussendet, ehe ich ihn mit meinem steinharten Schwanz stopfe.

Scheiße, ich werde schon wieder hart! Schnell lehne ich mich gegen die kleine Bar in der Ecke.

»Was darf es sein, Mister M?«

Der Barkeeper, der erst wenige Tage hier arbeitet, sieht ehrfurchtsvoll zu mir auf. Ich blitze ihn ungehalten an. Von meinem Personal erwarte ich, dass es weiß, was der Boss trinkt. Wasser mit Eis. Nicht irgendein Wasser, sondern glacier pure, das Gletscherwasser aus den Schweizer Alpen.

Ich trinke niemals Alkohol. So ziemlich jedes andere Laster kann man mir vorwerfen, aber seitdem ich siebzehn bin, habe ich niemals mehr einen Tropfen Alkohol angerührt.

Der Kerl kann froh sein, dass ich gerade gute Laune habe, sonst könnte er seine schäbigen Sachen packen und verschwinden. Ich zische ihm ärgerlich meine Bestellung zu und sehe an dem Aufblitzen in seinen Augen, dass er sich jetzt an das erinnert, was ihm garantiert beim Einstellungsgespräch über seinen Boss gesagt wurde: Reiz ihn nicht! Wenn Mister M etwas nicht leiden kann, dann sind das Ungehorsam und Unaufmerksamkeit.

Mit zitternden Händen reicht er mir Sekunden später das Gewünschte. Ich nippe einmal an dem Glas und stelle es dann achtlos auf dem polierten Mahagoniholz ab.

»Nicht genug Eis.«

Meine Beule in der Hose ist kaum noch zu sehen. Also kann ich meinen Weg zu meiner Beute fortsetzen.

»Du bist gefeuert«, gebe ich dem Barkeeper noch, knapp über die Schulter hingeworfen, zu verstehen, während ich in Gedanken schon wieder bei meiner sinnlichen Schönheit an Tisch Drei bin.

 

Alyssa

 

 

Ich spüre seine Anwesenheit mehr, als dass ich sie sehe. Ein Blick, der nicht enden will und dafür sorgt, dass sich die Härchen auf meinen Armen aufstellen. Ich habe einen sechsten Sinn dafür, wenn ich von jemandem beobachtet werde.

Um herauszufinden, was sich da hinter mir abspielt, drehe ich mich langsam um.

Ungefähr zwei Armlängen von mir entfernt steht ein dunkelhaariger Mann. Er trägt einen perfekt sitzenden, mitternachtsblauen Anzug, der garantiert maßgeschneidert ist. Dazu ein silbergraues, leicht metallisch glänzendes Hemd und eine nur wenige Nuancen dunklere Krawatte, die so eng um seinen Hals anliegt, dass man meinen könnte, er bekäme keine Luft mehr. Er hält sich absolut aufrecht und obwohl er nicht überproportioniert muskulös aussieht, wirkt er doch sehr trainiert. Die Arme hat er lässig vor der Brust übereinandergelegt, so dass sein Bizeps unter den gespannten Ärmeln des Jacketts deutlich hervortritt. Er wirkt auf mich dadurch geradezu verstörend männlich und ich ertappe mich dabei, ihn fasziniert zu mustern.

Unsere Blicke treffen sich, als ich nach einer visuellen Wanderung über seinen gesamten Körper, die geäderten kräftigen Hände eingeschlossen, wieder auf seinem Gesicht lande. Augen von einem ungewöhnlichen Grau und einer enormen Kraft richten sich unverwandt auf mich und ich habe das Gefühl, unter seinem durchdringenden Blick zu schrumpfen. Die Züge sind männlich-markant, seine Lippen lächeln nicht. Sie bilden lediglich eine sanft geschwungene Linie, die jedoch trotzdem unbarmherzige Härte ausstrahlt, so widersprüchlich das ist. Dieser Mann verströmt Macht und Siegessicherheit aus jeder Pore. Dazu wirkt er furchteinflößend und düster, irgendwie beunruhigend, trotz seines umwerfenden Aussehens und der augenscheinlich teuren Kleidung.

Das Einzige an ihm, was nicht auf den Punkt genau an dem Ort zu sein scheint, an dem es am besten und perfektesten wirkt, sind seine Haare: Die beinahe schwarzen Strähnen stehen zu wild und ungebändigt in alle Richtungen ab, als dass es gewollt sein kann. Er wirkt, als wäre er sich gerade mit allen zehn Fingern hindurch gefahren. Diese kleine Abweichung von der ansonsten absoluten Perfektion in Optik und Haltung gibt ihm jedoch einen besonderen Reiz.

Doch warum starrt er mich so unverhohlen an? Ich bin mir sicher, dass es sein Blick war, der mich so intensiv von hinten traf, dass ich es gespürt habe, statt es zu sehen. Ein Schauer überläuft meinen Körper, als er mich vollkommen ungeniert mustert, aber keine Anstalten macht, zu mir herüber zu kommen.

Wer ist er? Jemand vom Sicherheitsdienst?

Vermutlich. Doch warum fixiert er mich so? Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen.

---ENDE DER LESEPROBE---