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Die Wahrheit endet dort, wo der Abgrund beginnt. Aurélie ist zurück an der Pure Grace mit nur einem Ziel: den Tod ihrer Mutter aufzuklären. Cécile Cardot, gefeierte Primaballerina und Gründerin der angesehenen Ballettakademie in Paris, soll sich das Leben genommen haben – doch ihre Tochter sieht das anders. Zurück in einer Welt, deren scheinbarer Perfektion Aurélie einst abgeschworen hatte, versucht sie, die Scherben ihrer Familie wieder zusammenzufügen. Dort trifft sie auf ihren ehemals besten Freund Lucian, von dem sie seit ihrem Weggang kein einziges Wort gehört hat. In den smaragdgrünen Augen des Klavierspielers regen sich Gefühle, die auch sie jahrelang verleugnet hat. Doch ihr gemeinsamer Pas de Deux bringt nicht nur seine Fassade zu Fall. Hinter den makellosen Gesichtern des Balletts tanzen noch immer die dunklen Schatten der Vergangenheit, bis der letzte Vorhang fällt – und Aurélie mit ihm. Dark Academia und Friends to Haters to Loversmeets Suspense: Eine PariserBallettakademie voller Intrigen, Leidenschaft und Spice. The Final Bow von SPIEGEL-Bestsellerautorin Jennifer Bright erzählt eine spannungsvolle Romance hinter den brüchigen Masken der Perfektion. Welche dunklen Wahrheiten verbergen sich hinter der perfekten Fassade einer elitären Ballettakademie und einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte? - Anmutiger Tanz hinter düsteren Schleiern: eine Ballettakademie mit gefährlichen Intrigen und dunklen Geheimnissen - Friends to Haters to Lovers trifft auf emotionale Fallhöhe mit bildhaftem Schreibstil: Spannung, die unter die Haut geht und Herzschmerz garantiert!
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Seitenzahl: 533
Veröffentlichungsjahr: 2026
Liebe Leser*innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr auf der letzten Seite eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese beinhaltet Spoiler für die gesamte Geschichte.
Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis!
Eure Jenny und das Loewe Intense-Team
Für all diejenigen,
die sich auf der Suche nach einer Antwort selbst verloren haben.
Inhalt
Playlist
PrologAurelie – Die Welt des …
Kapitel 1Aurelie – »Weißt du eigentlich, …
Kapitel 2Aurelie – Ich kann nicht …
Kapitel 3Aurelie – »Er hatte keine …
Kapitel 4Aurelie – Meine Nacht war …
Kapitel 5Lucian – »Aurélie. Deine Diagonale. …
Kapitel 6Aurelie – Ich klopfe. …
Kapitel 7Aurelie – Wir laufen den …
Kapitel 8Aurelie – »Und … Relevé. …
Kapitel 9Aurelie – Obwohl ich bereits …
Kapitel 10Aurelie – »In exakt zwölf …
Kapitel 11Aurelie – »Aurélie, Lucian, beginnt …
Kapitel 12Aurelie – »Na, wärst du …
Kapitel 13Aurelie – Seit fast einer …
Kapitel 14Lucian – Schweiß läuft mir …
Kapitel 15Aurelie – Luna und Joel …
Kapitel 16Aurelie – Auf halber Lautstärke …
Kapitel 17Aurelie – »Was genau machen …
Kapitel 18Lucian – Die Nachmittagssonne taucht …
Kapitel 19Aurelie – Es ist Sonntagmorgen …
Kapitel 20Lucian – »Noch mal. Und …
Kapitel 21Aurelie – Im Wandspiegel neben …
Kapitel 22Aurelie – Hoch am Himmel …
Kapitel 23Aurelie – Ich öffne die …
Kapitel 24Aurelie – Ich weiß nicht, …
Kapitel 25Aurelie – Mit pochendem Herzen …
Kapitel 26Lucian – Vor 2 Jahren …
Kapitel 27Lucian – »Dies wird die …
Kapitel 28Aurelie – Wie oft ich …
Kapitel 29Lucian – Das hier ist …
Kapitel 30Aurelie – »Ihr habt was?« …
Kapitel 31Aurelie – Meine Finger fahren …
Kapitel 32Aurelie – Ich Und du …
Kapitel 33Aurelie – Lucian geht einen …
Kapitel 34Aurelie – Im Wandspiegel des …
Kapitel 35Aurelie – An den Wochenenden …
Kapitel 36Aurelie – Unsere Schritte hallen …
Kapitel 37Aurelie – Seit einer guten …
Kapitel 38Aurelie – Es gibt Gebäude, …
Kapitel 39Aurelie – Versteckt unter schattigen …
Kapitel 40Aurelie – Drei Tage ist …
Kapitel 41Lucian – Der rote Samtvorhang …
Kapitel 42Aurelie – Erleichtert darüber, das …
Kapitel 43Aurelie – »Also, jetzt mal …
Kapitel 44Aurelie – Drei Stockwerke, gelber …
Kapitel 45Aurelie – »Komm her«, sagt …
Kapitel 46#Devin – Es ist eiskalt …
Kapitel 47Aurelie – Für einen Moment …
Kapitel 48Aurelie – Ich sitze in …
Kapitel 49Lucian – »Ich kann nicht …
Epilog#Luna – »Wie bitte? Das …
Danksagung
Glossar
Content Note
Alex Warren – Eternity
Juniper Vale – Am I A Ghost?
Lø Spirit – Breathe
Ed Sheeran – Old Phone
Henry Moodie – drunk text
Damiano David – Sick of Myself
Hanniou – unanswered
Nico Annello, Marisa McKaye – sailor song
Lø Spirit – Mind Of Mine
Hanniou, James TW – heartbeats duet
Loveless – Exile (Bonus Track)
Beth Crowley – The Ghost Who Is Still Alive
VOILÀ – Figure You Out
Benson Boone – Ghost Town
JERUB – Feel It
Dean Lewis – Truth
Jessy Lipton – Perfect World
Bad Omens – Just Pretend
Lizzy McAlpine – ceilings
Prolog
< Nachrichten I NEWS
Montag, 2. Februar 2026
Paris hält den Atem an: Ballettikone Cécile Cardot tot aufgefunden
Die Welt des Balletts steht still. Cécile Cardot, eine der größten Primaballerinen ihrer Generation und Direktorin der renommierten Pure Grace Academy, wurde heute Morgen tot am Lac Daumesnil aufgefunden. Während die Polizei die genauen Umstände ihres Todes noch untersucht, deuten anonyme Quellen an, dass es einen Abschiedsbrief geben soll. Cardot hinterlässt nicht nur als Mentorin, sondern auch als liebende Mutter und Ehefrau ein bleibendes Erbe.
< Nachrichten I NEWS
Mittwoch, 18. Februar 2026
Die Tragödie um Cécile Cardot: Polizeiermittlungen abgeschlossen
Nach intensiven Ermittlungen hat die Pariser Polizei die Untersuchungen zum Tod der weltbekannten Primaballerina Cécile Cardot abgeschlossen. »Es gibt keine Hinweise auf ein Fremdverschulden. Angesichts der Spurenlage müssen wir davon ausgehen, dass es sich hier um einen Suizid handelt«, teilte ein Sprecher der Polizei mit. Cardot hinterließ einen Abschiedsbrief, dessen Inhalt jedoch keine Hinweise auf die Gründe ihrer Verzweiflungstat liefert. Die über Jahrzehnte hinweg als Ausnahmetalent bekannte Cécile Cardot wurde am Morgen des 2. Februar tot am Lac Daumesnil aufgefunden. Ihre Lebensaufgabe, das Prägen junger Tänzerinnen und Tänzer sowie die Leitung der renommierten Pure Grace Academy, geht nun in die Hände ihres Ehemannes Frédéric Cardot über. Dieser zeigte sich in einer kurzen Stellungnahme überwältigt von der Unterstützung, die seine Familie in dieser schwierigen Zeit erhalten hat. »Cécile war das Herz und die Seele der Akademie. Wir werden alles tun, um ihr Erbe in ihrem Sinne fortzuführen«, erklärte er.
Das Gesicht meiner Mutter starrt mir auf der Titelseite des Le Parisien entgegen. Das Foto wurde während einer ihrer letzten Auftritte geknipst. Auf der Bühne der Opéra de Paris, inmitten des flimmernden Lichts, verkörpert sie die pure Perfektion. Ihre schwarzen Haare sind zu einem strengen Dutt hochgebunden. Nicht eine einzige Strähne fällt aus der Reihe.
Ich blicke durch das verdunkelte Glas der Autoscheibe, erkenne mein Spiegelbild, während die Straßen von Paris an mir vorbeirauschen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich ihre Tochter bin. Blaue Augen. Rabenschwarze lange Haare. Blasse Haut. Markante Gesichtszüge.
Als Kind habe ich immer geglaubt, dass meine Eltern unsterblich seien. Doch als ich nicht einmal zehn Jahre alt war, hat mir meine Mutter klargemacht, dass alles im Leben endlich und die Vorstellung einer Ewigkeit nichts als eine Illusion ist. So wirklich begriffen habe ich es erst an jenem Morgen, an dem der Anruf kam, der mein Leben verändert hat. Der Anruf, der mir nicht bloß mein Herz gebrochen hat. Nein. Es wurde mir gewaltsam aus der Brust gerissen, in Millionen von Einzelteilen zerfetzt und anschließend in Brand gesetzt.
Und das, obwohl meine Entscheidung, dem Ballett den Rücken zu kehren, eine tiefe Furche in die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir gegraben hatte. Die ersten knapp sechzehn Jahre meines Lebens waren wir unzertrennlich. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich gemerkt habe, dass Perfektion über mütterliche Liebe gestellt wird. In den letzten Jahren haben wir uns immer weiter voneinander entfernt. Dennoch vermisse ich sie jeden Tag.
Es ist über einen Monat her. Seitdem bekomme ich kaum Schlaf. Ich habe fünf Kilo abgenommen und irgendwie … Irgendwie habe ich meine Familie verloren. Meine Familie, so wie sie einst war. Denn wir werden nie wieder zu viert sein.
Das Smartphone zittert in meinen Händen.
Plopp. Plopp. Plopp.
Geräuschvoll landen meine Tränen auf dem Display und durchschneiden die Stille, die mich umgibt. Gleichzeitig werde ich von einer brennenden Wut erfasst, die sich in meinen Venen ausbreitet wie Gift, das jeden klaren Gedanken verätzt.
Ich werde es nicht hinnehmen. Denn eins weiß ich mit Sicherheit: Es war kein Selbstmord. Meine Mutter hätte sich niemals das Leben genommen.
Niemals.
Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und straffe die Schultern.
»Madame Cardot. Ich möchte Sie wirklich nicht stören. Aber Sie sollten sich beeilen, wenn Sie pünktlich kommen wollen.« Pierre, ein langjähriger Freund und Chauffeur unserer Familie, sieht mich im Rückspiegel an. »Ihr Gepäck werde ich umgehend auf Ihr Zimmer bringen.«
Geistesabwesend nicke ich. »Vielen Dank, Pierre.« Ich schiebe mein Handy in die Tiefen meiner Sporttasche und umklammere mit den Fingern den kalten Griff der Autotür. Als ich sie aufstoße, entfährt Pierre ein Seufzen, weil ich doch tatsächlich dazu in der Lage bin, auch ohne seine Hilfe auszusteigen. Wenn es nach mir ginge, hätte ich lieber die öffentlichen Verkehrsmittel oder ein Uber genommen. Aber Vater hat darauf bestanden, dass ich gefahren werde.
Draußen schlägt mir die kühle Märzluft entgegen. Mit einem Kiefer, der so fest aufeinander mahlt, dass es wehtut, starre ich auf das imposante Gebäude vor mir. Die sandfarbene Steinfassade, die filigranen Türme und die kunstvoll gearbeiteten Bogenfenster erwecken den Eindruck eines magischen Schlosses. Und genau das war dieses Gebäude einst. Ein Schloss, im Bois de Vincennes, einem 995 Hektar großen Stadtwald am Rande von Paris.
Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und tippe eine Nachricht mit der Info, dass ich angekommen bin.
Am liebsten würde ich umkehren. Doch das Einzige, das mich aktuell aufrecht hält, ist die Suche nach der Wahrheit, gepaart mit dem Durst nach Rache. Und dafür bleibt mir keine andere Wahl, als an den Ort zu gehen, den ich nie wieder betreten wollte: die Pure Grace Academy.
1
»Weißt du eigentlich, wie froh ich bin, dich zu sehen, Elli?« Mit erhobenem Haupt und einer Eleganz, die jeder Balletttänzer in sich trägt, kommt mein Bruder Devin auf mich zu.
Schwarze Hose, schwarze Schuhe, ein perlweißes Hemd und darüber eine schwarze Krawatte mit schwarzem Jackett, an dem das Wappen der Akademie glänzt wie ein Orden. Es zeigt die Silhouette einer Ballerina, umgeben von einem Lorbeerkranz. Links von ihr ein P, rechts von ihr ein G und unter ihr in einer Banderole das Wort Academy.
Devins Schritte hallen auf dem Marmorboden durch den Gang und ich frage mich, ob ich bereits zu spät bin oder eine Zombieapokalypse ausgebrochen ist. Denn außer uns ist weit und breit niemand zu sehen. Es ist gespenstisch still für einen Montagmorgen.
Devins blaue Augen füllen sich mit Tränen, als er seine Finger durch meine Haare gleiten lässt.
»Es erschreckt mich immer wieder, wie ähnlich du ihr siehst«, flüstert er. Die letzten Wochen haben nicht nur mich gezeichnet. Er sieht müde aus. Die Traurigkeit steht ihm so sehr ins Gesicht geschrieben, dass es mir das Herz zerbricht.
Manchmal weiß ich nicht, was schmerzhafter ist: die eigene Trauer oder die Trauer der Menschen, die man am meisten liebt.
»Wie …?«, setze ich an, unterbreche mich dann aber selbst. Bei unserem letzten Telefonat hat er mir deutlich zu verstehen gegeben, dass er kein Wie geht es dir mehr hören will. »Wieso ist es hier so still? Wo sind denn alle?«, frage ich stattdessen.
»Die meisten sind noch auf ihren Zimmern, um sich für die Eröffnungsrede fertig zu machen. Alle sind ganz aufgeregt und freuen sich, dass der geregelte Ablauf weitergeht.« Devin legt seinen Arm über meine Schultern und bugsiert mich den Gang entlang.
Riesige Fenster zieren die mit Gold und Stuck geschmückten Wände. Kronleuchter hängen von der Decke, so opulent wie eh und je. Die Akademie sieht nicht nur von außen pompös aus, sie ist es auch von innen. Als sei man bei ihrem Betreten in eine andere Zeitepoche katapultiert worden.
»Seit ihrem Tod findet heute zum ersten Mal wieder der Unterricht statt. Ich …« Devins Stimme bricht. »Es fühlt sich falsch an, einfach weiterzumachen.«
Ein Kloß bildet sich in meinem Hals und erschwert mir das Atmen. Ich zwinge mich zu einem tröstenden Lächeln. Mutter und Devin waren ein Herz und eine Seele. Besonders nach meinem Abgang von der Pure Grace wurde ihre Verbindung zueinander noch stärker. Sie galten als das Dreamteam, weshalb in den Medien auch spekuliert wurde, ob es nicht vielleicht Devin sein würde, der nach seiner Ausbildung die Leitung der Akademie übernimmt, wo unser Vater doch nichts mit dem Tanzen zu tun hat. Er ist Geschäftsmann durch und durch. Während Mutter das Künstlerische liebte, liebt er Zahlen.
»Sie würde sich genau das von uns wünschen. Dass wir nach vorn sehen und unseren großen Traum nicht aus den Augen verlieren«, sage ich, doch die Lüge hinterlässt einen bitteren Beigeschmack auf meiner Zunge. Vielleicht ist das Ballett Devins großer Traum, meiner auf keinen Fall.
»Apropos. Du musst mir sowieso noch in Ruhe erklären, woher dieser Sinneswandel bei dir kommt. Ist es, weil Djamal mit dir Schluss gemacht hat und du gerade nicht weißt, wohin mit dir?«, fragt Devin.
»Was? Nein! Djamal und ich haben uns einvernehmlich getrennt. Ich habe in den letzten Monaten einfach gemerkt, wie sehr ich das Ballett vermisse.«
»Hm. Schwer zu glauben, wenn man bedenkt, wie sehr du dich dagegen aufgelehnt hast. Was ist aus den Plänen geworden, einen Secondhandshop zu eröffnen? Oder den Blumenladen? Warte, gab es nicht auch mal die Idee von einer Bar in Lissabon?« Kleine Fältchen schmücken Devins Mundwinkel, während er lacht, was ich ihm nicht verübeln kann.
»Ich gebe zu, dass ich die ein oder andere Schnapsidee hatte. Nenn es Identitätskrise.«
»Dafür bist du noch ein wenig zu jung, Schwesterherz.« Er lässt mich los und öffnet die große Flügeltür vor uns.
»Es hat eben etwas gedauert, bis ich gemerkt habe, dass das Ballett zwar ohne mich kann, ich aber nicht ohne das Ballett.« Eine erneute Lüge, die federleicht über meine Lippen kommt. Devin und mich trennt nicht einmal ein Jahr. Von klein auf haben wir eine sehr enge Verbindung zueinander. Und doch möchte ich ihn nicht in meine dunklen Gedanken einweihen. Nicht, bevor ich ihm und Vater Beweise liefern kann, die meine Vermutung bezüglich Mutters Tod bestätigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht weiß, ob ich auf dem besten Weg bin, meinen Verstand zu verlieren, oder an meiner Befürchtung wirklich etwas dran ist.
Wir stehen auf einem schwarz-weiß gekachelten Boden, der einem Schachbrett gleicht. Durch einen langen Gang erreicht man die sechs Treppen nach oben, die jeweils noch mal mindestens zwei Abzweigungen haben. Der rechte Flügel hat mehrere Zimmer und ist unterteilt in die Bereiche der Acht- bis Vierzehnjährigen sowie der Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen. Auf der linken Seite befinden sich die Räumlichkeiten der erwachsenen Schülerinnen und Schüler.
Die Pure Grace Academy ist nicht nur wegen ihrer exzellenten Lehrkräfte und unzähligen Auszeichnungen weltbekannt. Sie ist auch eine der wenigen privaten Ballettakademien, die nach Vollendung des Abiturs die Möglichkeit gewährt, die Fähigkeiten noch weiter auszubauen, um die erweiterte Bühnenreife zu absolvieren. Das Perfekte noch perfekter zu machen – was für eine Absurdität.
»Wenn ich mir die Falte zwischen deinen Augenbrauen anschaue, bin ich mir nicht sicher, ob du gerade froh bist, wieder hier zu sein, oder du dein ganzes Leben hinterfragst«, nuschelt Devin und steigt neben mir eine der Treppen empor.
Vermutlich Letzteres.
»Ich freue mich. Wirklich. Bin ehrlich gesagt nur etwas nervös«, antworte ich ihm.
Jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich tiefer in mein Verderben laufen. Als würden die Mauern mir zuschreien, dass ich hier nicht hingehöre. Als würde die malerisch verzierte Decke mich verspotten. Doch ich werde einen Teufel tun und das aussprechen. Stattdessen kleistere ich mir ein strahlendes Lächeln auf die Lippen.
»Tada!«, trällert Devin und erst jetzt bemerke ich, dass wir ganz oben angekommen sind. »Unserem Neuzugang gebührt ein ehrenvolles Zimmer«, ergänzt er und deutet auf die Tür vor uns.
»Nein, bitte nicht. Sag mir nicht, dass …«
»Vater dich im Turmzimmer einquartiert hat?« Devin presst seine Lippen zusammen und verkneift sich ein Lachen.
Verdammt. Jetzt weiß ich, wieso Pierre bei der Anmeldung so wehleidig geschaut hat, während ich auf Devin gewartet habe. Der Arme musste mein ganzes Gepäck in den obersten Stock bringen. Ohne Aufzug.
Ich schnaube. »Er will mich bestrafen.«
»Eher das Gegenteil. Frédéric Cardot möchte seiner Prinzessin nur das Beste vom Besten ermöglichen. Das Turmzimmer ist mit Abstand das größte von allen. Eine Sonderbehandlung vom Feinsten.«
»Ich will keine Sonderbehandlung. Schlimm genug, dass ich im letzten Jahr dazustoße, wenn ich nun auch noch dieses Princesstreatment bekomme, bin ich sofort eine Ausgestoßene«, jammere ich und werfe einen Blick nach unten zu dem gekachelten Steinboden. Kurz verschwimmt meine Sicht und ich sehe Zeilen aus ihrem Abschiedsbrief aufflammen.
Ich habe lange überlegt, wie ich sterben möchte. Soll ich mich vom höchsten Turm in die Tiefe stürzen, um in den letzten Sekunden all meine Fehltritte noch einmal Revue passieren zu lassen? Oder soll …
»Elli?« Devin wedelt mit seiner Hand vor meinem Gesicht. »Ich habe keinen blassen Schimmer, ob man es dir schon gesagt hat, aber du teilst dir das Zimmer mit einer … sagen wir sehr speziellen Person. Sie ist …«, er beißt sich auf die Unterlippe, »… sieh einfach selbst.«
Innerhalb einer Millisekunde wird mir flau im Magen. »Du warst schon immer gut darin, mir Angst zu machen«, erwidere ich augenrollend. Nervös spiele ich mit dem Saum meines Pullis und ziehe einen dünnen Faden heraus.
Devin lächelt. Behutsam legt er beide Hände auf meine Schultern, bevor er mich in eine Umarmung zieht. »Ich bin froh, dass du da bist. Das macht alles irgendwie …«, er drückt mich ein wenig fester, »… erträglicher. Und wenn dir irgendwer heute oder die nächste Zeit blöd kommt, bin ich nur einen Anruf und ein paar Treppenstufen entfernt.«
Ich lege den Kopf in den Nacken und erwidere sein Lächeln. »Du weißt aber schon, dass ich kein Kind mehr bin und gut auf mich selbst aufpassen kann?«
»Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass du meine kleine Schwester bist und ich dich immer beschützen werde.« Er lässt mich los und stößt mich leicht von sich. »Jetzt los, in einer halben Stunde hält Vater seine Rede und du trägst noch nicht einmal deine Schuluniform.«
»Es kann nicht jeder so ein Streber sein wie du«, ziehe ich ihn auf und lege die Finger um die goldene Türklinke.
Lachend schüttelt er den Kopf, ehe er nach unten steigt und ich nervöser bin als gedacht.
Bevor ich mich noch mehr in die Tatsache hineinsteigere, dass mein Bruder mich vor meiner Zimmerpartnerin gewarnt hat, reiße ich die Tür auf. Ein Schrei prallt an den Wänden des riesigen Zimmers ab und ich glaube, ich träume.
Vor mir steht Luna. Meine beste Freundin. Mit einem winzigen Kuchen in der einen und einem brennenden Streichholz in der anderen Hand.
»Oh, verdammt. Jetzt hab ich es nicht mehr geschafft, die Kerze anzuzünden. Ich hatte sie schon drei Mal an und wieder ausgepustet, weil ihr so lange vor der Tür standet, und ich hatte Angst, dass sie abbrennt und am Ende nichts mehr übrig ist, wenn du reinkommst und …«, sie stoppt plötzlich ihren Redeschwall und sieht mich an. »Ist alles okay?«
Das ungute Gefühl in meinem Bauch ist geplatzt wie eine Seifenblase. Stattdessen ist da ein angenehmes, warmes Kribbeln, und ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so glücklich und erleichtert war.
»Du hast mich verarscht?«, frage ich Luna, die dabei ist, die Flamme an den Docht zu halten, während ich auf sie zugehe.
Ihr freches Grinsen wird immer breiter und sie nickt. »Ich wollte dich überraschen.«
»Also war alles gelogen? Dass du das Zimmer nicht tauschen durftest? Dass Devin und du alles versucht habt, um es möglich zu machen?«
»Augen zu und wünsch dir was!«, fordert sie mich auf und hält mir die flackernde Kerze vor die Nase, anstatt auf meine Frage zu antworten.
»Heute ist nicht mein Geburtstag.«
»Oh doch. Das hier ist so was wie deine Wiedergeburt als Balletttänzerin.«
Ich habe sie vermisst. Wie sehr, war mir bis eben gerade gar nicht bewusst. Luna und ich sind zusammen groß geworden, haben uns als Kinder in der Akademie kennengelernt und uns auch nicht aus den Augen verloren, nachdem ich dem Ballett abgeschworen habe. Doch es war nicht leicht, sich regelmäßig zu sehen. Ballett ist nicht einfach ein Hobby oder eine Leidenschaft. Ballett ist alles. Es nimmt dein ganzes Leben ein, deine Zeit, deinen Körper, deine Seele. Auch wenn wir in den letzten Jahren fast täglich in Kontakt standen, haben wir uns teilweise wochenlang nicht gesehen.
Am liebsten würde ich ihr sagen, dass sie das Einzige ist, auf das ich mich an der Pure Grace gefreut habe. Weil es die Wahrheit ist. Allerdings glaubt auch sie, dass ich zurück zu meiner Berufung gefunden habe und in die Fußstapfen meiner Mutter treten möchte.
»Nun puste schon. Mir fallen gleich die Arme ab«, bettelt Luna. Ihr langes blondes Haar hat sie sich mit einer rosa Schleife im Nacken zusammengebunden.
»Das ist kein gutes Zeichen. Vielleicht solltest du nicht immer nur die Trainingsräume aufsuchen, sondern auch das Fitnessstudio.«
»Bitte du nicht auch noch!« Sie schiebt ihre Unterlippe schmollend hervor.
»Lass mich raten. Bastien Delamare?«
Luna nickt.
Wir haben einige renommierte Lehrkräfte und Choreografen an der Pure Grace Academy, aber keiner wird so gefeiert und gefürchtet wie Bastien Delamare, der Vater von …
»Wenn du diese blöde Kerze nicht sofort auspustest, klaue ich dir deinen Wunsch.«
Ich schließe die Lider. Es dauert keine zwei Sekunden, da weiß ich ganz genau, was ich mir wünsche. Noch während ich die Worte in meinem Kopf ausspreche, spüre ich Mutters Hand schwer auf meiner Schulter liegen.
Ich werde herausfinden, was am 2. Februar 2026 wirklich passiert ist.
Als ich die Lider wieder öffne, sieht mich Luna besorgt an. Ihre Augen glänzen. Sie stellt den Kuchen auf einer kleinen Kommode ab und zieht mich unvermittelt in ihre Arme. Nicht zögerlich, nicht vorsichtig. Einfach echt. Und ich lasse es zu. Lasse mich fallen.
Dieser Moment ist eine dieser seltenen Pausen im Leben, in denen man kurz durchatmen kann, ohne stark sein zu müssen.
»Ich weiß, wie schwer das für dich ist«, flüstert Luna. Ihr Haar riecht nach Vanille, so wie in meiner Erinnerung. »Zurückzukommen an diesen Ort, nach allem, was passiert ist. Du musst nicht reden, wenn du nicht willst. Ehrlich. Wenn du irgendwann darüber sprechen willst, bin ich da. Wenn nicht, dann tue ich so, als wäre nie etwas passiert. Okay?«
»Okay«, wispere ich, kurz davor, einfach loszuheulen. »Danke, Luna.«
Sie lässt mich los und lächelt. »Ich geb dir einen Moment für dich allein zum Durchatmen. Aber lass dir nicht zu lange Zeit, du hast noch …« Mit ihrem typischen Luna-Grinsen sieht sie hinüber zu der kleinen Uhr, die auf ihrer Seite des Zimmers auf dem Nachttisch steht. »Fünfundzwanzig Minuten, um dich in die Uniform zu schmeißen. Ich gehe vor und halte uns einen Platz frei.«
Sie dreht sich um und geht. Noch bevor die Tür ins Schloss knallt, rufe ich ihr hinterher: »Du bist die Beste!«
»Ich weiß!«, kommt es dumpf zurück, bevor es mucksmäuschenstill wird.
Langsam lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen, der für die nächste Zeit mein Zuhause sein soll. Das Turmzimmer. Natürlich. Ja, es ist beeindruckend. Aber auf eine Art, die mich nicht willkommen heißt. Auf eine Art, die mich prüfend mustert, wie eine Bühne, auf der man sich erst beweisen muss, bevor man im Scheinwerferlicht auftreten darf.
Die Wände sind in einem sanften Elfenbeinton gestrichen, durchzogen von alten Zierleisten, die sich wie Rosenranken unter der Decke entlangschlängeln. Durch zwei hohe Rundbogenfenster scheint die Sonne auf den dunklen Holzboden.
Die linke Seite ist Lunas Bereich und wirkt lebendig. Auf der rosa Bettdecke liegen ihr Pyjama und weiße Kuschelsocken. Eine Duftkerze, ein Lippenbalsam und ein Buch sind um ihre kleine Uhr auf dem Nachttisch verteilt. An der Wand hängen unzählige Fotos: Tänzerinnen aus alten Ballettproduktionen, für die sie schon immer eine Schwäche hatte.
Meine Seite dagegen ist wie ein leeres Blatt Papier, das darauf wartet, mit Leben und einer Geschichte gefüllt zu werden. Nur die Uniform liegt akkurat gefaltet auf meinem mit weißer Wäsche bezogenen Bett. Daneben mein Koffer und meine Reisetasche. Obwohl ich noch nicht bereit dazu bin, unter Menschen zu treten, weiß ich, dass mir keine andere Wahl bleibt. Ich gehe hinüber, knie mich auf den Boden und ziehe den alten Schuhkarton aus meiner Tasche. Es ist ein Wunder, dass er nach all den Jahren nicht in sich zusammenfällt. So vorsichtig wie möglich schiebe ich die Kiste unter mein Bett. Ganz nach hinten. Dorthin, wo das Licht nicht hinreicht und wo niemand sie finden wird.
Dann richte ich mich auf und starre auf die Schuluniform. Alles an ihr schreit nach Ordnung, nach Kontrolle, nach Gehorsam und Perfektion. Nach all dem, was ich nie sein wollte.
Doch ich bin hier, um Antworten zu finden.
Bereit dazu, all das zu ertragen, was diese Mauern noch immer mit sich bringen.
2
Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich diese Uniform trage. Die weiße Bluse liegt steif auf meiner Haut, am Hals zusammengehalten von einer bordeauxroten Schleife, die sich wie eine Schlinge anfühlt. Mit den Fingern gleite ich über den kurzen schwarzen Faltenrock, während die dunklen Kniestrümpfe meine Beine kratzen. Die Loafers klacken dumpf bei jedem Schritt auf den steinernen Stufen. Meine langen Haare habe ich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der wie ein Pendel hin- und herschwingt.
Ich spüre die Blicke, bevor ich sie sehe.
Die Ambitiés stehen in Grüppchen an den Seiten der Gänge und tuscheln. So werden die noch nicht volljährigen Schülerinnen und Schüler genannt, die an der Akademie noch ihr Abitur machen müssen und noch nicht in der vollumfänglichen Profitanzausbildung sind. Jedes Mal, wenn ich den Kopf hebe und sie direkt ansehe, verstummen ihre Gespräche. Ihre Uniform gleicht meiner, nur dass bei ihnen Bordeauxrot dominiert. Schwarz tragen hier nur die Älteren, die Luminiers, die sich im letzten Ausbildungsjahr ihrer erweiterten Bühnenreife befinden.
Ich bemühe mich, die anderen nicht lange anzuschauen. In den Augen der Ambitiés schimmert Mitleid, das ich nicht ertragen kann. Die Blicke der Luminiers hingegen sind unverhohlen. Skeptisch, misstrauisch, verurteilend. Als hätten sie längst entschieden, dass ich hier nicht mehr hingehöre.
Es ist der Tag der Eröffnungsrede. Die Uniformen sind gebügelt, alle wirken makellos. Nur ich fühle mich alles andere als das. Vielmehr, als wäre ich ein dunkler Fleck in der hell schimmernden Perfektion, ohne die man an dieser Akademie nichts wert ist. Ohne sie wird man es nie schaffen, an die Spitze zu gelangen. Und jeder hier möchte genau das. Perfektion war schon immer die Währung der Pure Grace Academy.
Tief durchatmend erreiche ich die letzte Treppenstufe. Alle strömen den langen Korridor entlang. Widerwillig schließe ich mich ihnen an, dabei würde ich am liebsten umdrehen und mich in meinem Zimmer verkriechen. Vielleicht würde es Vater nicht einmal auffallen, wenn ich nicht unter seinen Schützlingen sitze.
Der Flur scheint endlos. Hohe Decken, die so reich mit Goldverzierungen und Stuck geschmückt sind, dass man gar nicht weiß, wo man hinsehen soll. In breiten Streifen fällt das Licht durch die riesigen Fenster. Um mich herum sind viele in Gespräche vertieft oder lachen miteinander. Die Vorfreude darauf, dass der Unterricht nach wenigen Wochen nun wieder beginnt, ist geradezu greifbar. Vater hat es Trauerphase genannt. Alle wurden nach Hause geschickt und hinter verschlossenen Türen wurde beraten, wie genau es mit der Akademie weitergeht.
Plötzlich spüre ich einen dumpfen Schmerz an meiner Schulter und stolpere ein Stück weit nach vorn, bis sich eine Hand um meinen Oberarm legt und mich festhält.
»Oh, sorry!« Mit dem breitesten Lächeln und den tiefsten Grübchen, die ich je gesehen habe, steht ein Luminier neben mir. Mit seinen hellblonden Locken und den braunen Augen, die mich um Verzeihung bitten, sieht er aus wie ein Engel. Er könnte glatt einer der Zeichnungen an der Decke entstammen. »Alles in Ordnung?« Er mustert mich, als würde er ernsthaft glauben, mich verletzt zu haben.
»Nichts passiert«, antworte ich und löse mich aus seinem Griff.
»Wunderbar!« Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht. »Ich hätte fast gedacht, ich hätte dich umgehauen. Aber gut, dass ich da falschlag.«
»Kein Grund zur Sorge. So schnell kriegt man mich nicht kaputt.« Ich setze mich wieder in Bewegung und glaube, dass unser Gespräch damit beendet ist, bis der Blondschopf plötzlich wieder vor meiner Nase auftaucht und neben mir herläuft.
»Du musst Aurélie sein.«
»Elli«, korrigiere ich ihn. »Bitte nenn mich Elli.« Seit ich denken kann, werde ich von allen bei meinem Spitznamen genannt. Mittlerweile stelle ich mich auch nur noch damit vor. Fast schon so, als sei Aurélie eine andere Person, jemand, den ich nicht kenne.
Er runzelt die Stirn. »Du siehst … Also … Wow. Mir wurde gesagt, dass ihr euch ähnlich seht, und ich habe Fotos gesehen, aber …«
»Ich sehe aus wie meine Mutter. Ich weiß«, beende ich seinen Satz und verschränke die Arme vor der Brust.
»Sorry, das war taktlos. Meine größte Schwäche ist es, zu reden, ohne nachzudenken.« Er lächelt mich mit einer Naivität an, die mich schmunzeln lässt. Dabei schiebt er die Hände in die Taschen seiner Stoffhose. »Ich bin übrigens Joel.«
»Freut mich, dich kennenzulernen«, sage ich, weiß aber noch nicht, ob ich es auch wirklich so meine. Neue Freundschaften zu schließen, steht auf meiner Prioritätenliste ganz unten.
Trotz meines eher nüchternen Tonfalls grinst er so breit, als hätte ich ihn mit diesen Worten zum glücklichsten Schüler der Akademie gemacht.
Gemeinsam betreten wir die Eingangshalle. In der Mitte steht eine Statue, die mich schon als Kind magisch angezogen hat. Sie zeigt eine Primaballerina im kraftvollen Jeté. Obwohl ihre Bewegung in Gold gegossen ist, fehlt es ihr nicht an der Lebendigkeit, die einen echten Tanz ausmacht. Ein kalter Schauer läuft mir vor Ehrfurcht über den Rücken.
»Bist du nervös?«, reißt mich Joel aus meinen Gedanken. »Brauchst du echt nicht zu sein. Ich weiß, dass diese Welt einen erschlagen kann. Aber wovon rede ich da, du kennst dich damit sicher besser aus als ich. Du bist hier aufgewachsen und ich bin erst seit zwei Jahren hier.« Er lacht.
Ich nicke nur. Unfähig, irgendwas zu erwidern. Seine Art ist erfrischend und vielleicht genau das, was ich gerade brauche. Jedenfalls ist es deutlich besser als die Blicke, die ich noch immer von den anderen zugeworfen bekomme.
»Wir sollten uns beeilen, sonst sind die besten Plätze weg.« Joel deutet auf die geöffneten Flügeltüren, durch die alle eintreten.
Die Halle öffnet sich wie eine Kathedrale, mit Sitzreihen, die in Halbkreisen angeordnet sind, und der erhöhten Bühne am Ende des Raumes. Noch steht niemand auf ihr und doch sehe ich sie. Mutter. Wie sie hinter dem Pult steht und ihr wichtigstes Gut beobachtet: die Schülerinnen und Schüler ihrer eigenen Akademie.
»Mist. Wir sind bereits zu spät. Die hintersten Reihen sind alle belegt. Das war so klar. Die Ambitiés haben sie sich geschnappt. Ich hasse es, in einer der vordersten Reihen zu sitzen«, trällert Joel leicht genervt und verdreht die Augen. »Dabei wollte meine Freundin mir einen Platz freihalten.«
»Hier! Joel! Elli!«
Wir drehen unsere Köpfe gleichzeitig nach rechts. Luna richtet sich in der vorletzten Reihe auf und winkt uns strahlend zu. Nicht nur ihre blonden Haare und das aufrichtige Lächeln auf ihren Lippen, sondern vor allem die Aura, die sie umgibt, macht sie zu einem wahren Sonnenschein.
»Moment. Luna und du? Ihr seid ein Paar?«, frage ich entsetzt. Nicht, weil es unvorstellbar ist. Aber wieso in drei Gottes Namen hat sie mir nichts davon erzählt, dass sie in einer Beziehung ist? Gab es da nicht diesen Samuel, von dem sie so geschwärmt hat?
»Was?« Joel sieht mich entsetzt an. »Oh, nein. Freundin im Sinne von beste Freundin. Die einzige Person an dieser von Neid zerfressenen Akademie, der man trauen kann. Aber Moment mal. Hat sie dir nie von mir erzählt? Von dir redet sie ständig.«
Ich verkneife mir ein Lachen und schüttle entschuldigend den Kopf.
»Frechheit. Na warte, die Alte kann was erleben«, schnaubt er amüsiert, hakt sich bei mir unter, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen, und zieht mich mit sich.
So unauffällig wie möglich suche ich die Menge nach meinem Bruder ab. Joel ist gerade dabei, mir zu erzählen, dass sein erstes Aufeinandertreffen mit Luna ähnlich peinlich gewesen sei wie unseres, aber ich höre nur halbherzig zu. Meine Aufmerksamkeit hängt an den Gesichtern um mich herum, während ich mich weiter umschaue. Wie ich Devin kenne, wird er ganz vorn sitzen und …
Plötzlich verstummt die Welt um mich herum.
Der Anblick von ihm trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Lucian Delamare.
Er sitzt da, als würde ihm der Saal gehören. Lässig zurückgelehnt, der Ellbogen locker auf der Armlehne seines leeren Nachbarstuhls abgelegt, als wäre genau das hier sein Platz. Nicht auf dem Stuhl, sondern in dieser Welt.
Seine braunen Haare fallen ihm leicht in die Stirn. Sein Profil ist mir so vertraut und doch wirkt es fremd. Er spricht mit dem Jungen vor ihm, lacht gerade über irgendetwas, und dieses Lachen … Es trifft mich härter, als ich zugeben will.
Es macht mich wütend.
Und dann hebt er den Kopf.
Unsere Blicke treffen sich mit einer Wucht, die mir kurz den Boden unter den Füßen entreißt.
Sein Gesicht gefriert. Einfach so. Als hätte mein Anblick etwas in ihm zum Stillstand gebracht.
Er sieht … anders aus.
Gut. Zu gut.
Die Schultern breiter, der Kiefer markanter. Durch seine linke Augenbraue zieht sich eine Narbe, die eine kahle Lücke zwischen den feinen Härchen hinterlässt.
Wann ist aus dem Jungen von damals ein Mann geworden?
Eine Flut von Erinnerungen stürzt auf mich ein. Seine Stimme, die mir mit warmen Worten gut zugeredet hat. Seine Hände, die mich bei jedem Sprung aufgefangen haben, als wäre er mein Sicherheitsnetz. Seine Freundschaft, die mich durch die Jahre an der Akademie getragen hat.
Und die Leere, die er hinterließ, als er sich dazu entschied, mich aus seinem Leben zu streichen. Als wären wir nie Freunde gewesen. Als wären wir nicht zusammen aufgewachsen. Als hätten wir uns niemals gekannt. Als wäre es für diesen Mistkerl ein Leichtes gewesen, mich zu ghosten, ohne mir zu erklären, wieso.
Lucian blinzelt nicht und ich glaube fast, dass die Zeit tatsächlich stehen geblieben ist. Doch dann verfinstert sich der Ausdruck in seinem Gesicht, ehe er sich abrupt umdreht.
»Hey, ist alles okay?« Joels Stimme dringt zu mir durch.
»Ja«, höre ich mich selbst sagen, obwohl mein Herzschlag noch immer in meinen Ohren rast.
Joel scheint zufrieden mit der Antwort, auch wenn er mich kurz mustert, bevor er sich wieder in Bewegung setzt. Wir schieben uns an den Leuten, die bereits in der Reihe sitzen, vorbei, bis wir bei Luna angekommen sind.
»Du hast Joel also schon kennengelernt?«
»Mit dir rede ich nicht mehr.« Joel verschränkt die Arme vor der Brust. »Setz du dich ruhig neben diese Verräterin, Elli.«
Ich setze mich zwischen den beiden hin und erkenne in dem Moment Devins Haarschopf wenige Reihen vor uns.
»Was habe ich verpasst?« Luna beugt sich über meine Beine und sieht Joel fragend an.
»Ich kannte Elli bereits aus all deinen Erzählungen. Mich hingegen scheinst du nie erwähnt zu haben. Ich muss zugeben, mein fragiles Ego ist angeknackst.« Joel lacht. Doch seine Stimme verrät, dass seine Worte irgendwo zwischen Wahrheit und Lüge tanzen.
»Ich bin mir sicher, dich ein oder zwei Mal erwähnt zu haben.« Sie reißt ihre Augen auf und schaut mich dabei Hilfe suchend an.
»Ja. Ja, na klar. Manchmal bin ich ein wenig vergesslich«, entgegne ich hastig, auch wenn ich mir sicher bin, dass der Zug bereits abgefahren ist und Joel uns kein Wort glaubt. Er sieht finster zwischen Luna und mir hin und her. Die Lippen zu einem geraden Strich verzogen. Bis er plötzlich zu grinsen beginnt und den Kopf schüttelt.
Eine Melodie ertönt und lässt alle verstummen. Der Soundtrack der Akademie – eine eigens komponierte Hymne, die zu jedem offiziellen Anlass gespielt wird. Ich schaffe es kaum, mich auf den vertrauten Klang zu konzentrieren, weil meine Gedanken irgendwo zwischen Lucian und meinem Vater, der gerade die Bühne betritt, festhängen.
Er trägt einen perfekt sitzenden dunklen Anzug, doch es ist sein Gesichtsausdruck, der mich erschüttert. Er sieht müde aus. Gezeichnet. Die letzten Wochen haben ihm die Lebendigkeit genommen, die ich immer mit ihm verbunden habe. Obwohl wir uns oft getroffen haben, erschrecke ich mich jedes Mal aufs Neue. Vor Mutters Tod habe ich ihn nie so gesehen. Während sie mir Disziplin beigebracht hat, war er es, der mich immer zum Lachen bringen konnte. Er wirkt so leer und niedergeschlagen, dass es mir das Herz zerbricht.
Vater stellt sich hinter das Pult, legt die Hände darauf ab und blickt in die Menge. Bei ihm stehen mittlerweile alle Lehrkräfte, die sich in einem Halbkreis hinter ihm positioniert haben.
»Ambitiés, Luminiers, willkommen zurück an der Pure Grace Academy.« Seine Stimme hallt durch den Saal. Er macht eine kurze Pause, sieht in die Menge, als würde er jeden Einzelnen von uns ansprechen wollen. »Ich danke euch allen für eure Geduld und euer Verständnis in den vergangenen Wochen. Wir alle wissen, dass dies keine leichte Zeit war. Weder für euch noch für uns.« Bei dem Wort uns treffen sich unsere Blicke.
»Der Verlust meiner Frau, eurer geliebten Direktorin, Cécile Cardot, hat eine Lücke hinterlassen, die wir nie wirklich füllen können. Sie war nicht nur eine außergewöhnliche Tänzerin, sondern auch die Seele dieser Akademie. Ihre Leidenschaft, ihre Hingabe, das alles lebt in jedem Winkel dieses Gebäudes weiter. Und vor allem lebt es in euch, ihren Schülerinnen und Schülern, weiter.«
Meine Kehle schnürt sich zu. Ich spüre, wie meine Finger sich unbewusst in den Stoff meines Rocks graben, doch ich zwinge mich, weiter zuzuhören.
»Cécile hätte gewollt, dass wir weitermachen. Dass wir uns nicht von der Trauer aufhalten lassen. Sie hat mir oft gesagt: Das Ballett verlangt Stärke, Disziplin und Mut. Genau das erwarte ich von euch. Die Pure Grace steht für Exzellenz, und ich bin mir sicher, dass jeder von euch die Fähigkeit hat, dieser Exzellenz gerecht zu werden. Ich erwarte Großes von euch allen. Nicht für mich, sondern für euch selbst. Lasst uns gemeinsam die kommende Zeit zu einem Neuanfang machen. Für euch, für diese Akademie und für das Vermächtnis von Cécile.«
Ein tosender Applaus bricht aus. Das Geräusch fühlt sich an wie Faustschläge direkt in meine Magengrube und unersättliche Wut steigt in mir auf.
Während alle wie wild in die Hände klatschen, sitze ich wie versteinert auf meinem Stuhl und habe nur eine Frage im Kopf: Wer von euch hat meine Mutter getötet?
3
»Er hatte keine auffälligen Merkmale. Ein Gesicht wie aus einem Katalog. Unauffällig, schlicht, durchschnittlich. Genau das machte ihn so gefährlich. Niemand sah ihm an, wozu er fähig war. Strähne für Strähne schnitt er ihr die Haare ab wie bei einer Puppe. Er schminkte sie, bevor er sie langsam und qualvoll erwürgte. Ihre Fingernägel brachen bei dem Versuch, ihn von sich zu stoßen. Sie hat gekämpft. Bis zum letzten …« Die Stimme aus Lunas Handy ist kühl und erzählt die Geschehnisse mit solch einer Nüchternheit, dass es mir eiskalt den Rücken hinabläuft.
Während ich zum Einschlafen Regengeräusche oder Meeresrauschen bevorzuge, kommt Luna nicht ohne ihren Crime Podcast aus. Wie man dabei beruhigt und friedlich einschlafen kann, ist mir ein Rätsel.
Seit dreißig Minuten liege ich wach und höre jedes Wort. Jedes einzelne grausame Detail über einen Mann, der in den Achtzigern in Südfrankreich mehrere junge Frauen ermordet hat.
Ich drehe mich auf den Rücken, die Bettdecke bis zur Brust hochgezogen, und starre nach oben, als würde dort etwas auf mich warten. Doch da ist nichts. Nur meine Gedanken, die nicht still sein wollen.
»Kannst du nicht schlafen?«, flüstert Luna und ich höre auch ihre Decke rascheln, bevor der Podcast verstummt.
»Mhm«, murmle ich.
Luna seufzt. »Ich habe dich das nicht gefragt, weil ich mir eigentlich sicher bin, dass du es nicht mehr hören kannst. Aber ich fühle mich auch schlecht, es nicht getan zu haben. Also frage ich dich jetzt, im Schutz der Dunkelheit, weil du da schon immer ehrlicher warst. Wie geht es dir wirklich?«
Ich denke sofort an die unzähligen Nächte, in denen wir wach lagen und so schonungslos ehrlich zueinander waren, dass man von außen betrachtet glauben könnte, dass eine Freundschaft daran zerbricht. Wir hingegen sind daran gewachsen.
»Let’s be real«, sage ich den Spruch, den wir vor jede Offenbarung schieben. »Ich weiß nicht, wie es mir geht. Und das macht mir Angst. Sollte ich nicht ständig weinen? Jede Minute trauern?«
»Ich glaube nicht, dass es für deine Situation einen vorgeschriebenen Plan gibt, an den man sich halten muss. Jeder trauert auf unterschiedliche Art und Weise.«
Ich drehe mich auf die Seite. »Am liebsten würde ich Vater und Devin fragen, wie sie damit umgehen, weil wir nie wirklich offen darüber sprechen … Als ich ihn heute auf der Bühne gesehen habe, war ich beeindruckt und erschrocken zugleich.«
»Wieso das?«, fragt Luna.
»Muss es sich nicht schrecklich für ihn anfühlen, dort zu stehen, wo sie sonst immer stand? Sie haben zwei Jahrzehnte ihr Leben miteinander geteilt. Jeden Tag. Jede Entscheidung. Jeden Erfolg und jedes Scheitern. Sie waren nie allein, weil sie einander hatten. Es …« Das Gewicht auf meiner Brust wird so stark, dass mir das Atmen schwerfällt. Ich kämpfe mit aller Macht dagegen an, zu weinen. »Es zerbricht mir das Herz, daran zu denken, wie Vater nachts seine Hand nach jemandem ausstreckt, der nicht mehr da ist.«
Luna sagt nichts. Nur das Rascheln ihrer Decke ist zu hören, als sie sich zu mir dreht und wir uns nun mit einigen Metern Distanz gegenüberliegen. »Du machst mich fertig, Elli.«
»Wieso?«
»Weil du so viel fühlst und trotzdem denkst, du fühlst zu wenig. Gleichzeitig bist du aber auch so ruhig. Ich hätte vermutlich geschrien. Oder das nächste Fenster zerschmettert.«
»Ich habe kurz überlegt, einen Stuhl aus dem Fenster zu werfen. Aber dann ist mir eingefallen, dass wir März haben und uns im Zimmer dann der Arsch abfrieren würde«, erkläre ich trocken, obwohl meine Stimme zittert.
Luna kichert leise, dann seufzt sie. »Aber mal im Ernst. Du denkst an alle. An deinen Vater, an Devin, an deine Mutter. Ich wünschte, du würdest dich selbst dabei nicht vergessen.«
»Ich glaube, wenn ich an mich selbst denke, wird’s zu viel«, gebe ich zu.
»Versprichst du mir aber, dass du es versuchst? Du bist zurückgekommen, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Ich war mir sicher, du hasst das Ballett. Doch du bist wieder da. Und das ist mutig. Und sauverrückt nach einer so langen Pause.«
»Versprochen.« Die Worte, dass ich nicht wegen des Balletts zurück bin, liegen mir auf der Zunge. Schon wieder. Und schon wieder schlucke ich sie hinunter.
Minuten vergehen, in denen niemand etwas sagt, bis Luna schläfrig murmelt: »Elli?«
»Hm?«
»Wenn du irgendwann das Gefühl hast, dass du’s nicht mehr schaffst … Dann halt dich einfach an mir fest.«
Nun kann ich sie doch nicht mehr aufhalten. Tränen kullern mir die Wangen hinunter und versickern im weißen Stoff der Bettwäsche.
»Du bist zu gut für diese Welt, weißt du das eigentlich?«
Sie nuschelt irgendwas Unverständliches vor sich hin und ich bin mir sicher, dass sie bereits von ihrer nächsten großen Aufführung träumt.
Und von glasierten Donuts.
Das war eine dumme Idee. Eine ganz, ganz dumme Idee.
In meiner Erinnerung war die Akademie nachts nicht so kalt, wie sie es gerade ist. Hätte ich das gewusst, würde ich jetzt nicht wie eine Schlafwandlerin im Pyjama und dünner Sportjacke die Flure entlanglaufen.
Eigentlich gelten an der Pure Grace klare Regeln. Theoretisch. Praktisch wurde jedoch nie viel Wert darauf gelegt, sie auch einzuhalten. Eine dieser Regeln besagt, dass sich nach 22:30 Uhr niemand mehr außerhalb der Schlafbereiche aufhalten darf. Nun gut. Ich war um 22:30 Uhr vorbildlich auf meinem Zimmer. Ich lag sogar im Bett. Ich habe es versucht. Ehrlich.
Außerdem, wenn man es ganz genau nimmt, ist es schon nach eins. Also streng genommen kein »Mitten in der Nacht« mehr, sondern ein »sehr früher Morgen«. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendwo auf dieser Welt Menschen jetzt aufstehen, joggen gehen oder Croissants backen. Ich hingegen schleiche auf Hausschuhen durch ein altes französisches Schloss.
In regelmäßigen Abständen werfen die antiken Wandleuchten in der Dunkelheit einen sanften Lichtschein an die hohe Decke, die mir auch heute noch das Gefühl gibt, klein zu sein. Selbst in purer Finsternis würde ich mich hier zurechtfinden.
Wo fängt man mit seiner Suche an, wenn man nicht einmal weiß, was genau man sucht? Wenn der einzige Beweis das eigene Bauchgefühl ist?
Obwohl ich keinen klaren Plan habe, weiß ich, dass ich nicht nur mein Zimmer verlassen habe, um den Kopf freizubekommen. In mir ist dieses unstillbare Bedürfnis, etwas zu finden, das greifbar ist. Einen ersten Hinweis.
Ich denke an den Brief, über den alle reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Und ich weiß, dass es kein Abschied war. Es gab keine Erklärung. Und vielleicht liegt genau dort der Schlüssel. Nicht in dem, was Mutter geschrieben hat, sondern in dem, was sie nicht geschrieben hat.
Es muss irgendetwas geben. Aufzeichnungen. E-Mails. Gespräche, die jemand belauscht hat. Ein Fehler in den Akten der Schule. Ein Name zu viel. Ein Wort zu wenig. Irgendwas. Ich weiß, es klingt verrückt. Trotzdem glaube ich, dass ich nicht die Einzige bin, die ganz genau weiß, dass sie sich nicht das Leben genommen hat. Und es kann nur eine einzige Person geben, die das mit hundertprozentiger Gewissheit sagen kann: ihr Mörder.
Ich gehe vorbei an den Glastüren, die zum Wintergarten führen. Draußen nichts als pure Dunkelheit und der heulende Wind.
Plötzlich nehme ich etwas wahr. Es ist kein Geräusch, das man eindeutig benennen kann. Kein Knarzen, kein Knall und auch keine Schritte. Es ist vielmehr … ein Einatmen. Ein Luftanhalten. Sofort bleibe ich stehen.
Mein Herz rast. Mein Instinkt rät mir zur Flucht, mein Verstand zur Konfrontation.
Ich drehe mich um. Blicke in die Schatten des Ganges, doch da ist niemand. Alle Türen sind zu. Langsam atme ich aus, bemüht darum, kein Geräusch von mir zu geben.
Sekundenlang stehe ich regungslos da, warte darauf, dass etwas passiert.
Nichts.
Es muss die Kombination aus Schlafmangel, Podcast-Paranoia und zu viel Fantasie sein, die mir einen Streich spielen will. Das Gefühl bleibt trotzdem. Dass mich jemand beobachtet. Dass ich nicht allein bin. Dass …
Ganz leise schiebt sich ein vertrauter Klang in die Stille. So sanft wie fallender Schnee.
Meine Füße setzen sich magisch angezogen in Bewegung. Stück für Stück fügt sich der Klang zusammen, wird lauter, pflanzt Bilder meiner Vergangenheit in meinen Kopf, weil ich es so oft gehört habe, dass ich es bereits am ersten Ton erkenne.
Chopin. Nocturne in Es-Dur. Opus 9, Nummer 2.
Absurd, dass ich die Namen so vieler Klavierstücke kenne, ohne überhaupt selbst spielen zu können.
Das habe ich nur einer Person zu verdanken.
Tausende Ameisen tanzen unter meiner Haut, zaubern eine wohlige Gänsehaut. Ich weiß sofort, wer dort am Piano sitzt. Mit einer Sicherheit, die so tief in mir verankert ist, dass ich sie nicht einmal hinterfrage. Diese Atempausen zwischen den Takten, dieses fast unmerkliche Innehalten der Hand, wenn der Übergang zur dritten Phrase beginnt.
Lucian.
Meine Nervosität und Angst, die mich eben noch überkommen haben, treten in den Hintergrund, weil die Musik etwas in mir berührt, das ich zu lange vergraben hielt. Ich folge ihr den Gang hinunter, durch den Seitenflügel, an einigen Proberäumen vorbei.
Mit jedem Schritt wird die Musik lauter, bis ich die Tür erreiche, die in das alte Musikzimmer führt. Sie steht einen Spalt offen, nicht viel, aber genug, um hindurchzusehen. Ich neige mich ein wenig vor, achte darauf, keinen Mucks von mir zu geben.
Lucian sitzt am Klavier. Das Licht auf dem Notenständer reicht gerade aus, um die Tasten vor ihm und sein Gesicht zu beleuchten. Dabei hat Lucian noch nie Noten gelesen. Ich höre ein Stück und spiele es einfach nach, hat er früher immer gesagt. Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis ich ihm das geglaubt habe.
Ein sanftes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen.
Der Lichtschein trifft Lucians Profil, hebt die Linien seines Gesichts hervor, die scharfen Wangenknochen, den ernsten Blick, selbst das Zittern seiner Lider, während er mit geschlossenen Augen spielt. Er trägt noch immer seine Akademieuniform. Die Krawatte ist geöffnet und hängt locker links und rechts um seinen Hals. Die obersten Knöpfe seines Hemdes stehen offen.
Gott, er ist wunderschön. Auf diese stille, unaufdringliche Art. Er will niemandem gefallen und doch trifft er damit jeden, der es wagt, hinzusehen. Es sind nicht nur sein Gesicht, die Einmeterneunzig und die breiten Schultern. Es ist seine Haltung, die Art, wie er mit dem Klavier verschmilzt, als gehöre es zu ihm.
Ich wage es kaum, zu atmen, aus Angst, ihn aus diesem Moment zu reißen. Aus Angst, dass er mich bemerkt und dann …
Ja, was dann? Mir war bewusst, dass ich ihm an der Akademie begegnen würde. In meinem Kopf habe ich diesen Moment unzählige Male durchgespielt. Habe ihn angeschrien dafür, dass er mich von heute auf morgen aus seinem Leben gestrichen hat. Dass er unsere Freundschaft mit Füßen getreten hat, als wäre sie nie mehr wert gewesen als der Dreck unter seiner Schuhsohle.
Seine Hände bewegen sich noch immer über die Tasten, präzise und mit einer Ruhe, die nicht friedlich ist. Im Gegenteil. Sie schreit vor Anspannung. Und mit einem Mal hört er auf.
»Wie lange planst du noch, dort zu stehen?« Kein Blick. Kein Lächeln. Nur diese Worte, die durch die Dunkelheit schneiden wie eine scharfe Klinge.
Ich zucke zusammen. Ein unsichtbares Band legt sich um meinen Magen und zieht zu. Kurz überlege ich, ob ich einfach wieder verschwinden soll, die Tür schließen, als wäre ich nie hier gewesen.
»Sorry. Ich wollte dich nicht stören«, sage ich und betrete den Raum. Die Wände sind, im Gegensatz zu der Schlichtheit der Proberäume, mit alten Malereien bestückt. Goldener Stuck umgibt die hohen Decken. Rote Samtvorhänge links und rechts vor den riesigen, nach außen gewölbten Fenstern. Direkt davor steht das schwarze Piano.
»Wieso tust du es dann?« Lucian richtet sich auf, die Augen starr auf seine Finger gerichtet, die noch immer auf den Tasten liegen.
»Was …?«
»Wie ein verdammter Geist an der Tür stehen und mich belauschen.« Seine Stimme klingt wie in meiner Erinnerung. Noch immer rau.
Langsam trete ich näher, obwohl seine ganze Aura mich anschreit, fortzubleiben. Doch wie von seinem Klavierspiel werde ich auch von Lucian selbst magisch angezogen.
»Ich konnte nicht schlafen und … Du spielst immer noch, als wärst du genau dafür geboren.«
Er schnaubt leise, ein bitteres Geräusch.
Ich hätte viel zu sagen. All die Fragen, die sich die letzten Jahre angestaut haben, seit wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben. Seit er nie wieder auf eine Nachricht oder einen Anruf von mir reagiert hat. Wie kann aus einer einst so guten Freundschaft solch ein großes Nichts werden?
»Hast du …«, beginne ich, werde jedoch sofort von ihm unterbrochen.
Mit einem Schaben, das vermutlich alle Schülerinnen und Schüler der Akademie weckt, schiebt er den Hocker nach hinten, um aufzustehen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich so nah an ihn herangetreten bin, dass ich das kleine Muttermal unterhalb seines rechten Wimpernkranzes erkennen kann. Ich muss den Kopf in den Nacken legen, wenn ich in seine grünen Iriden sehen möchte, doch er würdigt mich sowieso keines Blickes.
»Lass mich dir eines sagen.« Lucians Stimme geht mir durch Mark und Bein, während seine volle Aufmerksamkeit seinen silbernen Ringen an den Fingern gilt. Ich ziehe die Jacke enger um meinen Körper. »Wir sind keine Freunde mehr. Und ich habe kein Interesse daran, das zu ändern, geschweige denn ein Gespräch mit dir zu führen. Wenn du nicht schlafen kannst oder irgendeinen Redebedarf hast, bin ich mir sicher, dass du hier andere Leute finden wirst, die es interessiert.«
Mir fällt die Kinnlade hinunter. Ich stehe wortwörtlich mit offenem Mund vor ihm, bereit, ihm all meine Wut an den Kopf zu schlagen. Ich wäre sogar bereit, ihm den beschissenen Notenständer gegen den Schädel zu schlagen. Was fällt ihm ein?
»Oh, keine Sorge, das habe ich bereits gemerkt. Schon vor zwei Jahren, als du mich geghostet hast.« Ich verschränke die Arme vor der Brust und recke das Kinn, obwohl alles in mir bebt.
Sieh mich an. Sieh mich an. Sieh mich an.
Doch er gibt sich die größte Mühe, um genau das nicht zu tun. Kein Zucken im Gesicht, keine Regung in den Augen, nur diese kühle Starre, als würde ihn meine Anwesenheit nicht mehr interessieren als ein Luftzug. Und nichts tut mehr weh als diese Gleichgültigkeit. Ich hasse es.
Anstatt Wärme und Vertrautheit löst seine Nähe heute etwas völlig anderes in mir aus. Eine Spannung, die sich wie Strom über meine Haut zieht. Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Wut und dieser tief verwurzelten Zuneigung, die sich nicht einfach abschütteln lässt.
»Lucian, du …«, versuche ich es erneut.
Er versteift sich. »Lass mich in Ruhe, Aurélie.«
Aurélie … So hat er mich noch nie genannt.
Langsam tritt er an mir vorbei, den Blick noch immer von mir abgewandt. In dem Moment, in dem er auf meiner Höhe ist, streift sein Arm meine Schulter. Er bleibt stehen. Einen, zwei, drei Wimpernschläge. Kurz keimt eine eklige Hoffnung in mir auf, dass er mit mir spricht, offen und ehrlich. Er atmet tief ein, so als müsste er sich davon abhalten, etwas zu sagen, das er nie mehr zurücknehmen könnte.
Dann geht er weiter.
Ohne ein Wort.
Ohne sich umzudrehen.
Ohne mich auch nur einmal angesehen zu haben.
4
Meine Nacht war beschissen. Ob ich nach meiner Begegnung mit Lucian schlafen konnte? Natürlich nicht. Ob ich mich jetzt wie überfahren, von einem Wal verschluckt und wieder ausgespuckt, fühle? Oh ja.
Um 5 Uhr stand ich unter der Dusche, weil ich den Versuch einzuschlafen aufgegeben hatte. Um 5:30 Uhr habe ich mich in meine Uniform geschmissen und ein wenig Wimperntusche aufgetragen. Seit 5:45 Uhr hocke ich im Schneidersitz auf meinem Bett, mein Notizbuch im Schoß und einen Stift in der Hand. Ich habe mir Lunas Leselampe geschnappt, die auf ihrem Schreibtisch lag, und sie an mein Notizbuch geklemmt, um etwas sehen zu können, ohne Luna zu wecken.
Nun starre ich schon seit Minuten auf die nackte Seite, auf der bisher nur steht:
Orte, um mit der Suche zu beginnen:
So absurd es auch klingt, aber das Aufeinandertreffen mit Lucian hat dazu geführt, dass ich nicht mehr klar denken kann. Meine Gedanken wandern immer wieder zurück zu ihm, zu der Ignoranz, die er mir entgegengeschleudert hat, und zu der Frage, was passiert ist, dass er mich so sehr zu hassen scheint.
Liegt es an der gemeinsamen Audition, die ich mit Absicht verpatzt habe? Oder wollte er einfach alle Menschen aus seinem Leben streichen, nachdem seine Mutter gestorben ist?
Ich kritzle eine kleine Spirale neben die Überschrift. Dann eine zweite. Eine dritte. Bis es aussieht, als hätte sich ein Tornado auf meinem Notizbuch entladen. Dabei sollte ich mich auf die Suche konzentrieren. Ich sollte mir Listen schreiben, Abläufe durchgehen, Möglichkeiten notieren, wo ich Hinweise zu Mutters Tod finde.
Stattdessen sitze ich hier und denke an ihn.
Wie er gespielt hat.
Wie er dabei ausgesehen hat.
Wie er abrupt aufgehört hat.
Wie seine Stimme klang.
Wie aus unserer Freundschaft nur noch Leere wurde.
Ich schüttle den Kopf, als könnte ich damit meine Gedanken verscheuchen, und konzentriere mich auf das Blatt vor mir.
1. Mutters ehemaliges Büro – ist jetzt Vaters Büro und in seiner Abwesenheit sicher verschlossen oder seine Sekretärin sitzt davor
→ vielleicht Moment abpassen, in dem sie auf Toilette geht
2. Mutters ehemalige Wohnung im gegenüberliegenden Turm an der Akademie – ist dort noch alles vorhanden oder hat man sie bereits leergeräumt?
3. Archiv der Akademie – doch wonach suchen?
4. Mit Schülern sprechen – ebenso mit den Lehrkräften
5. Lucian …
Lange starre ich auf das letzte Wort.
Dann streiche ich es durch. Einmal. Zweimal. Hunderte Male, bis die Tinte das Papier tränkt und es zerreißt. Viel zu laut schlage ich das Notizbuch zu.
Luna gähnt. Ihr Arm liegt über dem Kopf, das Gesicht halb unter der Decke vergraben und ihr Haar fällt wie weiches Gold über das Kissen.
»Ich habe ganz vergessen, was für eine Frühaufsteherin du bist.«
»Du stehst doch auch gern früh auf«, entgegne ich.
Sie streckt sich aus, bevor sie sich aufsetzt und mich mit zusammengezogenen Brauen begutachtet. »Mein Früh findet nicht vor sechs Uhr statt und vor allem sitze ich nicht vor sechs Uhr wie aus dem Ei gepellt im Bett.«
Ich schaue zur Wanduhr. »Es ist kurz nach sechs.«
»Sag mal, wie lange sitzt du da eigentlich schon und beobachtest mich auf diese gruselige Edward-Cullen-Weise?«
Ich zucke mit den Schultern. »Ehrlich gesagt habe ich keine Minute schlafen können, deshalb bin ich schon früh duschen gegangen und …«
»Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen?«, fragt sie mich entsetzt.
Ich nicke.
»Wieso hast du mich nicht geweckt?«
»Und dann? Haben wir beide den Tag über Augenringe und kämpfen uns gähnend durch den Unterricht?«
»Ja. Geteiltes Leid ist halbes Leid.« Sie schiebt sich die Haare hinter die Ohren und rollt sich aus dem Bett, stolpert dabei halb über ihre eigenen Füße und murmelt einen leisen Fluch vor sich hin. »Ich springe schnell unter die Dusche, dann können wir zum Frühstück.«
Als Luna im Badezimmer verschwindet, greife ich nach meinem Notizbuch. Ich drehe es in den Händen, als könnte ich durch das bloße Festhalten eine Antwort erzwingen oder eine zündende Idee bekommen, die meiner Suche den nötigen Aufschwung verschafft.
Während Luna duscht, gehe ich zum Erker hinüber und ziehe die Vorhänge beiseite, um Licht in unser Zimmer zu lassen. Der Bois de Vincennes liegt noch unter einem dünnen Morgennebel, der die Rasenflächen und Bäume verschleiert. Die Sonne drängt sich nur zögerlich durch die Wolkendecke. Ich lehne die Stirn gegen das kühle Glas. Auf dem Innenhof der Akademie ist es still. Noch ist niemand unterwegs.
Mein Blick bleibt unweigerlich an dem Fenster des gegenüberliegenden Turmes hängen. An dem ehemaligen Zimmer meiner Mutter.
»Also?« Luna stößt mich sanft mit der Schulter an. »Keine Minute geschlafen. Was hast du stattdessen gemacht?«
Zwischen all den Luminiers und Ambitiés laufen wir, getrieben vom Hunger, in Richtung der Cafeteria. Lunas Haare sind noch ein wenig feucht von der Dusche. Sie trägt die Uniform der Pure Grace Academy mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre sie darin aufgewachsen – was ehrlicherweise auch auf uns beide zutrifft. Und doch fühlt es sich für mich an, als hätte ich mir die Uniform wie eine fremde Haut übergezogen.
»Ich bin spazieren gegangen«, murmle ich.
Luna wartet. Sie kennt mich. Sie weiß, dass das nicht alles ist, dass hinter meinem Satz noch etwas anderes verborgen liegt.
Ich ziehe scharf die Luft ein und streiche mir eine Strähne hinter das Ohr. »Eventuell bin ich dabei Lucian begegnet.«
Ihr Körper spannt sich fast unmerklich an. Ihre Haltung verändert sich nur um Nuancen, doch ich bemerke es sofort. »Wo?«
»Im Musikzimmer. Er hat gespielt. Chopin. Und ich … ich habe ihn eine Weile beobachtet.«
»Und?«
»Und was?«, frage ich.
»Habt ihr miteinander geredet?«
»Puh, wenn man das so nennen kann. Er war … anders. Hart und abweisend. Er hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er rein gar nichts mehr mit mir zu tun haben möchte.«
Die Geräusche von klapperndem Besteck, Gelächter und Gerede dringen zu uns durch, umso näher wir der Cafeteria kommen. An keinem anderen Ort trifft man sonst so viele Schülerinnen und Schüler auf einmal. Denn vor dem Training braucht der Körper Energie, weshalb uns von klein auf gesagt wurde, dass wir niemals mit leerem Magen zum Training erscheinen sollen. Eine wirklich schwere Mahlzeit sollen wir kurz vor der ersten Stunde aber auch nicht zu uns nehmen, da die Verdauung Energie beansprucht. Deshalb ist die Auswahl beim Frühstück auch immer begrenzt und stets gesund.
»Luna? Wie viel Kontakt habt ihr eigentlich noch? Also während des Trainings oder so.« Ich weiß, dass auch sie seit meinem Abgang von der Akademie nicht mehr mit Lucian befreundet ist. Wir haben mehr als einmal über ihn gesprochen, dennoch frage ich mich, ob er sie mit genau derselben Ignoranz straft oder diese Ehre nur mir zuteil wird.
»Lucian hat allgemein zu niemandem so richtig Kontakt. Seit der Sache mit seiner Mutter ist er ein ziemlicher Einzelgänger. Du weißt, ich habe es ein paar Mal versucht, aber irgendwann habe ich aufgegeben und akzeptiert, dass von unserer jahrelangen Freundschaft nichts mehr übrig ist«, erklärt sie mit einer Traurigkeit in den haselnussbraunen Augen, die mir nicht entgeht. »Nachdem du gegangen bist, war auch er fast ein halbes Jahr nicht mehr an der Akademie, und als er schließlich zurückkam, da …«, sie sieht sich um, als hätte sie Angst, man würde uns belauschen, »… da war er anders.«
Schweigend laufen wir die letzten Meter auf die Flügeltüren zu. Sie sind weit geöffnet und für einen Moment bleibe ich vor ihnen stehen, weil ich vergessen hatte, wie groß dieser Raum ist.
Es kommt mir beinahe so vor, als würde die Kuppeldecke bis zum Himmel reichen. Sie ist überzogen mit verblassten Fresken, in denen sich Engel die Hände reichen. Riesige Kronleuchter hängen von dunklen Streben herab. Unendlich lange Holztische reihen sich aneinander. Der Boden aus schwarzem Stein spiegelt das Licht der Kronleuchter. Es riecht nach Haferbrei, frischen Smoothies, Kamillentee und Kaffee.
»Ich schaue kurz nach Joel, er müsste hier irgendwo sein.« Luna hält ihr Handy in die Luft. »Hat er mir zumindest vorhin geschrieben. Stell dich ruhig schon mal an, bin sofort bei dir.«
Bevor ich etwas erwidern kann, ist sie auch schon verschwunden und sucht die Tische nach dem blonden Lockenkopf ab. Ich reihe mich in die Schlange ein. Vor mir schieben sich zwei junge Ambitiés im Gleichschritt nach vorn. Sie flüstern miteinander, kichern leise und werfen immer wieder einen Blick über die Schulter, um mich ohne jegliche Scheu anzustarren.
»Ihre Mutter …«
»Selbstmord …«
»Wieso ist sie überhaupt hier?«
»… gehört, sie hat Ballett gehasst.«
»Unfair …«
Alles Dinge, die ich aufschnappe, auch wenn ich mich noch so sehr darauf konzentriere, ihnen keine Beachtung zu schenken. Ich versuche stattdessen anderen Geräuschen zu lauschen. Stühle, die über den Boden geschoben werden. Tabletts, die aneinanderstoßen. Besteck, das in Metallkästen klirrt. Ein genervtes Schnauben, das …
Verdammt.
