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Die Welt, in der Frauen heute leben, ist trotz #MeToo und immer größer werdenden öffentlichen Protesten gegen die Geschlechterungleichheit noch immer massiv vom Gender Pay Gap, der Sehnsucht nach dem perfekten Bikinibody und Mansplaining definiert. »The future is female! Was Frauen über Feminismus denken« ist das Buch für Mädchen und Frauen, die sich mit diesem ungenießbaren Cocktail nicht länger zufriedengeben wollen, eine einzigartige und vielstimmige Textsammlung. Frauen von der Hollywood-Ikone bis zur Teenie-Aktivistin erzählen darin ihre ganz persönliche Geschichte; alle Geschichten zusammengenommen entwickeln eine Kraft, die die alte Welt aus den Angeln heben kann und dem F-Wort einen ganz neuen Glanz verleiht. Der Feminismus von heute definiert sich über das Dafür und Miteinander und nicht ewig gestrig über das Dagegen, er ist eine unwiderstehliche Notwendigkeit – und jede Einzelne von uns gehört dazu!
Herausgeberin von »The future is female« ist die britische Style-Kolumnistin und Pink-Protest-Gründerin Scarlett Curtis; das Buch wird zeitgleich mit der britischen und der amerikanischen Ausgabe zum International Girls' Day am 11.10.2018 erscheinen. Beiträgerinnen sind unter anderem: Emma Watson • Keira Knightley • Bridget Jones (von Helen Fielding) • Saoirse Ronan • Dolly Alderton • Jameela Jamil • Kat Dennings • Rhyannon Styles und viele mehr.
Außerdem exklusiv in der deutschen Ausgabe: Essays von Katrin Bauerfeind • Karla Paul • Tijen Onaran • Fränzi Kühne • Milena Glimbovski • Stefanie Lohaus.
»Brillant, witzig, wahrhaftig. Diese Essays werfen ein strahlendes Licht auf den Weg zukünftiger Frauengenerationen.« Reese Witherspoon
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2018
WAS INSPIRIERENDE FRAUEN VON HEUTE ÜBER FEMINISMUS DENKEN –
UND WARUM WIR IHN 2018 MEHR BRAUCHEN ALS JE ZUVOR!
THE FUTUREIS FEMALE!
WAS FRAUENÜBER FEMINISMUS DENKEN
Herausgegeben von Scarlett Curtis Übersetzt von Antje Althans, Katrin Harlaß, Elke Link, Kristin Lohmann, Johanna Ott und Sophie Zeitz
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Feminists don’t wear pink and other lies. Amazing women on what the F-word means to them« bei Penguin Books UK, part of the Penguin Random House Group.
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This selection copyright © Scarlett Curtis, 2018.
Mit Beiträgen von © Adwoa Aboah, Akilah Hughes, Alaa Murabit, Alice Wroe, Alicia Garza, Alison Sudol, Amani Al-Khatahtbeh, Amika George, Amy Trigg, Angela Yee, Beanie Feldstein, Bronwen Brenner, Charlie Craggs, Charlotte Elizabeth, Chimwemwe Chiweza, Claire Horn, Deborah Frances-White, Dolly Alderton, Elyse Fox, Emily Odesser, Emma Watson/Our Shared Shelf, Emtithal Mahmoud, Evanna Lynch, Gemma Arterton, Grace Campbell, Helen Fielding, Jameela Jamil, Jodie Whittaker, Jordan Hewson, Karen Gillan, Kat Dennings, Keira Knightley, Lauren Woodhouse-Laskonis, Liv Little, Lolly Adefope, Lydia Wilson, Maryam und Nivaal Rehman, Nimco Ali, Olivia Perez, Rhyannon Styles, Saoirse Ronan, Scarlett Curtis, Sharmadean Reid, Skai Jackson, Swati Sharma, Tanya Burr, Tapiwa H. Maoni, Tasha Bishop, Trisha Shetty, Whitney Wolfe Herd, Zoe Sugg, 2018.
1. Auflage
Erweiterte deutsche Erstausgabe
Mit Beiträgen von © Katrin Bauerfeind, Milena Glimbovski, Karla Paul, Fränzi Kühne, Tijen Onaran und Stefanie Lohaus, 2018.
Copyright © 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Lektorat: Doreen Fröhlich
DF · Herstellung: kw
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
978-3-641-24126-1
www.goldmann-verlag.de
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Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG von Scarlett Curtis
DIE FÜNF STADIEN DES FEMINISMUS von Scarlett Curtis
ERLEUCHTUNG
MEIN FEMINISMUS von Saoirse Ronan
CATWOMEN von Evanna Lynch
SCHWARZMALERALPHABET von Kat Dennings
NENN MICH FEMINISTIN von Chimwemwe Chiweza
MEINE VERSION von FEMINISMUS von Alison Sudol
WAS SOLL ES SEIN? von Lolly Adefope
WIE ICH ZUM FEMINISMUS KAM von Elyse Fox
EINE KURZE GESCHICHTE MEINES FRAUSEINS von Charlie Craggs
AUS DER DUNKELHEIT KOMMT DAS LICHT von Charlotte Elizabeth
ES WIRD JA IMMER BESSER … von Katrin Bauerfeind
BRIDGET JONES – FEMINISMUS ZUM FRÜHSTÜCK von Helen Fielding
10 DINGE, DIE ICH ALS CHEFIN MEINER EIGENEN FIRMA GELERNT HABE von Zoe Sugg
HOCHSTAPLERSYNDROM von Alaa Murabit
FEMINISMUS IST … von Rhyannon Styles
FEMINISMUS, MEINE VULVA UND ICH von Liv Little
17 WAHRHEITEN ÜBER MUSLIMISCHE FRAUEN von Amani Al-Khatahtbeh
ZORN
SAGT IHM von Jameela Jamil
SIE SAGEN, FEMINISTINNEN TRAGEN KEIN PINK von Trisha Shetty
AFRICAN FEMINIST von Tapiwa H. Maoni
DAS SCHWÄCHERE GESCHLECHT von Keira Knightley
DER WEIBLICHE KÖRPER von Lydia Wilson
WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN von Milena Glimbovski
WEIßE FRAUEN OHNE BH von Angela Yee
ZEHN ARTEN, DIE FRAUEN IN DEINEM LEBEN ZU UNTERSTÜTZEN von Olivia Perez
PROTEST IN PINK von Deborah Frances-White
FREUDE
ODE AN DIE IMRPO (UND AMY POEHLER UND TINA FEY) von Amy Trigg
PLAYLIST FÜR FEMINISTINNEN UND FEMINISTEN IN JEDER LEBENSLAGE von Akilah Hughes
WAS ES HEIßT, FRAUEN ZU UNTERSTÜTZEN von Tanya Burr
ROTSCHOPF von Karen Gillan
EIN INTERVIEW MIT MEINER MUM von Jodie Whittaker
FEMINISTISCHE ERWIDERUNGEN von Scarlett Curtis
ZEIT FÜR EIN BISSCHEN POESIE
ICH FÜHL’ MICH NICHT WIE EINE FRAU von Swati Sharma
GENESENDE HYSTERIKERIN von Bronwen Brenner
ER. FINDET. MICH. FANTASTISCH. von Emily Odesser
ICH SEHE DICH von Karla Paul
AUCH MÄDCHEN WICHSEN von Grace Campbell
SHARIA STATE (OF MIND) von Emtithal Mahmoud
AKTION
FEMINISMUS IST EIN VERB, KEIN SUBSTANTIV von Alicia Garza
HELLE HAUPTDARSTELLERIN von Gemma Arterton
FÜLLT EURE TASCHEN von Beanie Feldstein
AUF VIELEN WEGEN IN EINE ZUKUNFT – FÜR EINEN FEMINISMUS DER VIELFALT von Fränzi Kühne
DIE GLÄSERNE DECKE MUSS WEG von Lauren Woodhouse-Laskonis
WENN DIR DEIN VERSTAND SAGT, DU BIST EIN MÄDCHEN von Tasha Bishop
ZEIG’S IHNEN! von Skai Jackson
ÜBER FEMINISMUS UND DAS LEUCHTEN UNSERES LICHTS von Maryam und Nivaal Rehman
FEMINISMUS MACHT SPAß von Nimco Ali
DIE MACHT DER PERIODE von Amika George
FEMINISMUS ONLINE von Whitney Wolfe Herd
SEI EINE ECHTE MARKE! von Tijen Onaran
EIN FEMINISTISCHER AUFRUF ZUM HANDELN von Jordan Hewson
CO-PARENTING von Sharmadean Reid
DEMONTAGE UND ZERSTÖRUNG VERINNERLICHTER MISOGYNIE: EINE TO-DO-LISTE von Dolly Alderton
PERIODEN von Adwoa Aboah
BILDUNG
BAKER-MILLER-PINK von Scarlett Curtis
SELBSTVERSTÄNDLICH FEMINISTIN von Stefanie Lohaus
WIE SOLLST DU ETWAS SEIN, DAS DU NICHT SIEHST? von Alice Wroe
DIE GESCHICHTE DES FEMINISMUS von Claire Horn
LEKTÜREEMPFEHLUNG
OUR SHARED SHELF VORGESTELLT von Emma Watson
ZU GUTER LETZT
WAS ALS NÄCHSTES KOMMT … von Scarlett Curtis
DANK
EURE GEDANKEN
Für uns bei Girl Up gehört Feminismus zu unseren Lieblingswörtern – denn er ist überall anders und fantastisch. Genau wie alle Mädchen auf der Welt ihre einzigartige Geschichte zu erzählen haben, haben sie auch ihre ganz spezielle Version, was Feminismus für sie bedeutet. Auch wenn jeder Mensch Feminismus anders erlebt, ist jede Sichtweise berechtigt und wichtig. Girl Up ist eine weltweite Leadership-Entwicklungsinitiative, die Mädchen in die Lage versetzen will, in der Gleichberechtigungsbewegung Anführerinnen zu sein. Wir bauen eine Community auf, die auf eine Welt hinarbeitet, in der alle Mädchen unabhängig von Rasse, Religion, Ethnie, sexueller Orientierung, Alter oder Fähigkeit die gleiche Chance haben, ihr volles Potenzial auszuschöpfen und die Welt zu verändern. Jedes Mädchen kann eine einzigartige und beeindruckende Geschichte erzählen. Wir zelebrieren diese Geschichten und die Vielfalt unserer Bewegung mit unserer weltweiten Gemeinschaft.
WO WIR SIND
Girl Up hat in über hundert Ländern mehr als 2200 Clubs, in denen wir 40 000 Mädchen aus allen Milieus geschult haben, für Mädchen auf der ganzen Welt konkrete Veränderungen zu bewirken. Girl Up hat junge Anführerinnen (Girl Leaders) befähigt, für die Gleichstellung der Geschlechter und gleiche Rechte für alle Mädchen einzustehen.
WAS WIR TUN
Girl Up bietet Leadership-Trainings an und vermittelt Mädchen die Tools, um Verfechterinnen und Aktivistinnen für die Gleichstellung der Geschlechter zu werden. Mithilfe unserer Programme erweitern die Mädchen ihre Fähigkeiten, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen, zum gesellschaftlichen Nutzen STEM1 anzuwenden, und erhalten eine Plattform, auf der sie ihre Geschichten erzählen können. Unsere Girl Leaders bewirken auf lokaler und nationaler Ebene einen echten Politikwandel und sammeln Millionen von Dollar, um Programme der Vereinten Nationen zu unterstützen, die zehntausende Mädchen auf der ganzen Welt erreichen, und um auf Gemeinschaft basierende Bewegungen ins Leben zu rufen. Girl Up ist eine Initiative der United Nations Foundation, einer Stiftung der Vereinten Nationen, die mit einer globalen Gemeinschaft aus Partnern zusammenarbeitet, um weltweit Geschlechtergleichstellung zu erreichen.
WOLLT IHR BEI UNS MITMACHEN?
Unsere Bewegung reicht bis in alle Winkel der Welt, und wir wollen, dass DU ein Teil von ihr wirst. Wenn du auf eine weiterführende Schule gehst oder studierst, kannst du, ob Junge oder Mädchen, bei Girl Up mitmachen und noch heute anfangen, für Geschlechtergleichstellung aktiv zu werden. Aber es können nicht nur Schüler*innen und Student*innen teilnehmen! Du kannst mit Team Girl Up bei Rennen mitlaufen, zu Treffen der Girl Up Young Professionals gehen oder deine eigene Organisation mit uns vernetzen, um mit Girl Up gemeinsame Projekte auf die Beine zu stellen. Mehr Infos gibt’s auf GirlUp.org/Join-up.
» JEDES MÄDCHEN KANN EINE EINZIGARTIGE UND BEEINDRUCKENDE GESCHICHTE ERZÄHLEN. WIR ZELEBRIEREN DIESE GESCHICHTEN UND DIE VIELFALT UNSERER BEWEGUNG MIT UNSERER WELTWEITEN GEMEINSCHAFT. «
EINLEITUNG VON Scarlett Curtis
JOURNALISTIN, AKTIVISTIN
Ich wusste nicht, dass ich Feministin war, bis ich fünfzehn wurde. Ich wusste nicht, dass ich Feministin war, denn mir war nicht klar, dass ich eine sein musste. Ebenso wenig war mir klar, dass ich mich weiterhin schminken dürfte, wenn ich eine werden würde. Und ich liebte Make-up über alles. Ich ging zur Schule, genau wie meine Brüder. Meine Mutter hatte einen Job, genau wie mein Vater. Feminismus war etwas für den Geschichtsunterricht, etwas, um das ich mir keine Gedanken mehr machen musste. Feminismus war genauso von gestern wie Telegramme oder Korsette oder die Pest. Er hatte mit Suffragetten und verbrannten BHs zu tun und mit Kämpfen, die längst gewonnen waren.
Feministinnen waren für mich exotische Vögel. Ich wusste, dass es sie irgendwo da draußen in der Wildnis noch gab. Und ich wusste auch, dass ich auf gar keinen Fall eine sein wollte. Wir lebten ja schließlich mitten in den Nullerjahren. In einer Welt, in der eine Beyoncé existierte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, was zum Teufel das sein sollte, wofür diese Frauen kämpften. Und außerdem: Meine Vorstellung davon, was eine »Feministin« sei, befand sich in krassem Gegensatz zu jeder einzelnen der Prioritäten, die mein dreizehn Jahre altes Hirn besetzt hielten. Feministinnen schminkten sich nicht (mein liebstes Hobby). Sie rasierten sich nicht die Beine (mein Lieblingssport). Sie mochten keine Jungs (meine bevorzugte Sorte Mensch). Und vor allem trugen sie niemals und unter gar keinen Umständen Pink. Und Pink war meine Lieblingsfarbe. Feministin werden hätte also bedeutet, die Hälfte meiner Klamotten wegzuwerfen, der Welt meine picklige Haut und meine haarigen Beine zu präsentieren und damit aufzuhören, täglich mehr als zwanzig MSN-Nachrichten an Jungs zu verschicken, in die ich verknallt war.
» ICH WUSSTE NICHT, DASS ICH EINE FEMINISTIN WAR, BIS ICH FÜNFZEHN WURDE. «
Es gibt eine feministische Superheldin namens Audre Lorde. Diese fantastische Frau sagte mal: »Der authentischste Weg zur Erkenntnis sind Gefühle.« Dass ich den Sprung wagte und Feministin wurde, hatte ausschließlich etwas mit Gefühlen zu tun. Viele Jahre sind seither vergangen, und das Ganze ist inzwischen weitaus stärker in Worte gefasst, mit Gedanken, Büchern und Zitaten unterlegt und mit Aktionsplänen verbunden. Doch am Anfang bestand mein Feminismus bloß aus jeder Menge Emotionen.
Als ich fünfzehn war, wurde ich von einer Gruppe Männer und einigen Frauen sehr schlecht behandelt. Wäre ich ein Junge gewesen, wären sie nicht so mit mir umgesprungen. Doch ich war ein Mädchen, ein Teenager mit blau getönten Haaren und einer Vorliebe für Tüllröcke, die ich sogar bei Krankenhausterminen trug. Ich war sehr krank und bekam eine Fehldiagnose. Und eine Fehlbehandlung, die sehr viel länger dauerte, als es selbst bei einem reichen weißen Mädchen, das es womöglich verdiente, ein bisschen zurechtgestutzt zu werden, angebracht gewesen wäre. Ich wurde falsch behandelt und ruhiggestellt, aus Gründen, die ich erst heute, beinahe zehn Jahre später, so langsam zu begreifen beginne. Es geschah, weil ich jung und emotional »kompliziert« war. Doch es geschah auch, weil ich ein Mädchen war. Und weil die Person, die in jedem Wartezimmer, in jedem Arztbüro und an jedem Krankenhausbett neben mir saß, eine Frau und Mutter war.
In dem großen System der Abscheulichkeiten, die das Patriarchat verübt, war das, was mir passiert ist, nur eine kleine Sache. Es war eine kleine Sache, und es wurde besser. Heute bin ich extrem glücklich, eine Familie zu haben, und fühle mich vom Leben beschenkt. Aber es ist passiert. Und es rief ein Gefühl in mir wach. Ein Gefühl, das stärker und stärker wurde.
Meine Krankheit brachte es ebenfalls mit sich, dass ich drei Jahre lang in meinem Zimmer bleiben musste, wo ich im Bett lag und nichts anderes tun konnte als lesen und googeln und kleine Tiere stricken. Also begann ich zu lesen. Ich las Virginia Woolf und Gloria Steinem und Caitlin Moran. Dann fiel mir auf, dass das alles weiße Frauen waren, und ich dachte, ich müsste meinen Blick vielleicht ein bisschen weiter schweifen lassen. Also las ich Audre Lorde und Roxane Gay und Chimamanda Ngozi Adichie, und langsam aber sicher begann ich zu verstehen und zu denken und zu sehen.
Ich begann zu verstehen, dass das, was mir passierte, ein winziger Tropfen in einem Ozean voller Leid, Bewegung und Veränderung war. Ich begann zu verstehen, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter keineswegs etwas Vergangenes war, sondern ein weit entfernter Zukunftstraum. Ein Traum, für den Generationen von Frauen und Männern gekämpft hatten und weiterhin tagtäglich kämpften.
Und als ich das erst mal verstanden hatte, begann ich auch zu begreifen, dass meine Vermutungen darüber, was es bedeutete, Feministin zu sein, in Wahrheit ein Werkzeug eben jenes Systems waren, das diese Frauen zu zerstören suchten. Dieses System des Hasses (auch bekannt als »das Patriarchat«) hatte ein Zerrbild zusammengeschustert, das junge Frauen ganz bewusst davon abschrecken sollte, den feministischen Kampf weiterzuführen.
Die Lügen, die uns über den Feminismus erzählt worden sind, wurden verbreitet, um uns von einer Bewegung fernzuhalten, die eigentlich alle Menschen meint. Einer Bewegung, die schöner ist und weitaus mehr Potenzial und Macht hat, als wir es uns jemals hätten träumen lassen. Als ich zu lesen begann, wurde mir klar, dass Feministinnen sehr wohl Make-up tragen (wenn sie das möchten). Sie rasieren sich auch die Beine (wenn sie das möchten). Sie lieben Jungs (wenn sie das möchten). Und außerdem tragen sie Pink, jede Menge sogar.
Die Frauenbewegung gibt es schon seit langer Zeit, und sie ist noch immer quicklebendig. Sie ist ein wunderschönes und kompliziertes Mit- und Nebeneinander von Menschen, Theorien, Begriffen und Schriften, die immer wieder definieren und umdefinieren, was es bedeutet, eine Feministin zu sein. Dieses Buch ist kein akademisches Lehrbuch. Es ist weder eine Anleitung, wie man eine perfekte Feministin wird, noch eine Sammlung von Aufsätzen, in denen Professor*innen für Women’s Studies die Geschichte der Bewegung erläutern. Solche Bücher gibt es, und viele von ihnen sind ausgezeichnet, doch dieses hier gehört nicht dazu.
Dieses Buch ist ein Buch über Gefühle die zu Gedanken werden die zu Taten werden. Die meisten der fantastischen Frauen, die einen Beitrag dafür verfasst haben, wissen wahrscheinlich nicht viel mehr über den Feminismus als ihr. Viele von ihnen stehen selbst erst am Beginn ihrer lebenslangen Suche herauszufinden, was es bedeutet, eine Feministin zu sein, und am Anfang ihres feministischen Kampfes. Dieses Buch ist nicht entstanden, um euch alles beizubringen, was ihr über Feminismus wissen müsst. Es soll euch zeigen, dass im Zentrum des Feminismus Frauen stehen. Frauen, die komplex sind und kompliziert, die sich schminken und Pink tragen und lachen und weinen und verwirrt sind – genau wie ihr. Dieses Buch zeigt euch hoffentlich, dass Feministin zu sein etwas ganz anderes bedeutet, als ihr bisher gedacht habt.
Mein fünfzehn Jahre altes Ich lag zwar falsch, was eine ganze Menge Dinge betraf, aber in einem hatte es recht: Feministinnen sind exotische Vögel. Sie fliegen hoch über uns und versuchen, die Welt zu sehen, wie sie ist. Sie erblicken die Berge, die noch überwunden werden müssen, wenn echte Freiheit errungen werden soll. Und dann landen sie wieder auf der Erde und helfen uns, diese Berge zu erklimmen. Ich bin eine Feministin. Und Mann, trag ich Pink!
» DIESES BUCH SOLL EUCH ZEIGEN, DASS IM ZENTRUM DES FEMINISMUS FRAUEN STEHEN. «
DIE FÜNF STADIEN DES FEMINISMUS VON Scarlett Curtis
JOURNALISTIN, AKTIVISTIN
Eine Frau wird nicht über Nacht zur Feministin. Niemand auf diesem Planeten wurde mit einem Verständnis der komplizierten, einander überlagernden und oftmals verwirrenden Elemente geboren, die dieses machtvolle Wort beinhaltet. Und leider gibt es auch keine magische feministische Fee, die umherschwebt und die Menschen mit ihren Gaben beschenkt, der Kraft rationalen Argumentierens, einem Verständnis für intersektionale Politik und der Fähigkeit, politische Aktionen zu organisieren. Der Weg einer Person zum »Feminismus« ist ein Zustand beständigen Lernens, Neu- und Umlernens, Fühlens und Verstehens. Mir selbst ist heute klarer als gestern, was es bedeutet, eine echte Feministin zu sein, und morgen wird es mir noch klarer sein. Und ich hoffe, dass ich für den Rest meines Lebens so weitermachen kann.
Da jeder Mensch seinen eigenen Weg zum Feminismus geht, haben wir die wunderbaren persönlichen Geschichten, die in diesem Buch versammelt sind, fünf Stadien zugeordnet, die euch mitnehmen von der ERLEUCHTUNG über die AKTION bis hin zu BILDUNG. Wir hoffen, das kann euch helfen, euch auf dieser holprigen Straße voranzutasten, bis ihr eure eigene feministische Erweckung erlebt.
Diese fünf Stadien des Feminismus stehen allen offen, die sie ergründen und annehmen wollen – ein viel begangener Pfad, den Jahr für Jahr Tausende Männer und Frauen in Angriff nehmen. Lasst euch leiten von diesem Buch, und lasst es euch auch ein bisschen Trost spenden. Trost, der in dem Wissen liegt, dass alles, was ihr fühlt – Ärger, Verwirrung, Freude, Solidarität – in Ordnung ist, in Ordnung kommt, von uns in Ordnung gebracht werden wird.
ERLEUCHTUNG
Substantiv, feminin
plötzliche Erkenntnis, Eingebung
Oprah würde das euer Aha!-Erlebnis nennen, und viele Feminist*innen stellen in der Tat fest, dass ihr eigenes Aha!-Erlebnis mit einer verstärkten Begeisterung für Oprah einhergeht!
MEIN FEMINISMUSVON Saoirse Ronan
SCHAUSPIELERIN
Feminismus ist mir nicht passiert. Ich war nicht keine Feministin, und im nächsten Augenblick war ich eine. Nein, ich verdanke meinen Feminismus einer Reihe von Ereignissen, die in meinem Leben stattgefunden haben, und etlichen Menschen, die jedes dieser Ereignisse in eine kleine, nützliche Erfahrung verwandelten. So begegnete ich zum Beispiel im Alter von einundzwanzig Jahren glücklicherweise meiner besten Freundin, einer Aktivistin. Sie sorgte dafür, dass ich ziemlich schnell begriff: Was Feminismus ist und was es bedeutet, eine Feministin zu sein, war die ganze Zeit über schon in mir gewesen. Ich hatte es bereits verinnerlicht. Es musste nur noch ausgesprochen werden!
MEIN FEMINISMUS
MÜTTER:
Zuschauen und lernen.
Fragen. Umarmungen.
Gespräche über Regelblutung.
Gespräche über die Sache mit den Jungs.
Spontanes gemeinsames Singen im Auto bei einer Fahrt durch den Regen.
Wegstoßen.
Immer wieder zurückkommen.
ZUHAUSE:
Hingehören.
Es verlassen.
Den eigenen Weg dorthin wieder zurückfinden.
Auf diesem verschlungenen Pfad deine Menschen aufsammeln.
HILFE:
Annehmen.
Horchen, ob andere Hilfe brauchen.
Zurückgeben.
ARBEIT:
Sich Gedanken über sie machen.
Für sie kämpfen.
Für sie leben.
Ohne sie leben.
Die Köpfe zusammenstecken, um etwas zu schaffen.
Wissen, was du willst.
ENTDECKEN:
Musik. Filme. Bücher. Brautalarm (der Film). Liebe. Menschen. Sex. Deinen Körper – »Was, zur Hölle, ist das denn?! Ist das normal? Passiert das bei dir auch? Ja? Okay. Puuuh! Ich dachte schon, das wäre bloß bei mir so.«
SEIN:
Für dich.
In einer Gruppe.
Zu Tode erschrocken.
Zuversichtlich.
So ehrlich zu dir selbst, wie es nur irgend geht.
MÄDCHEN:
Sie lieben.
Mit ihnen arbeiten.
Sie anfeuern.
Mit ihnen Fußball spielen.
Mit ihnen lachen und tanzen.
Sie nach ihren Eltern fragen.
JUNGS:
Sie lieben.
Mit ihnen arbeiten.
Sie anfeuern.
Mit ihnen Fußball spielen.
Mit ihnen lachen und tanzen.
Sie nach ihren Eltern fragen.
Feminismus ist für mich das stille Kind in der Ecke des Klassenzimmers, das Mädchen, dessen Anwesenheit du gar nicht wahrnimmst. Bis der Tag der Schulaufführung kommt und sie plötzlich ins Rampenlicht tritt und eine Ballade von Whitney Houston schmettert, als wäre es gar nichts. Jungejunge, dann bemerkst du sie aber! Und von da an wirst du sie nie mehr übersehen.
CATWOMEN VON Evanna Lynch
SCHAUSPIELERIN
Ich sitze im Büro einer allseits geschätzten Casting-Direktorin in New York und übe mich in freundlicher Konversation, während ich verzweifelt zu verhindern versuche, auf der Couch dieser Frau einen blutigen Abdruck zu hinterlassen. Unser Gespräch hatte von einer Sekunde auf die andere eine Wendung zum Besseren genommen, als ich in meine Small-Talk-Zauberkiste griff und auf Gold stieß – die Casting-Direktorin war eine Katzenlady, genau wie ich.
Ihre Augen leuchten kurz auf, als ich erwähne, dass ich meine geliebte Mitbewohnerin, eine prächtige Perserkatze namens Puff, für zwei Monate mit nach New York genommen habe. Riskantes Manöver, in diesem Umfeld eine Katze zu erwähnen, denn statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass eine Karrierefrau, die in New York lebt, einen Hund hat (bürotauglich, reiseaffin, Größe einer kleinen Obsttüte). Falls das stimmt, dann wird sie mich jetzt nämlich im Handumdrehen in eine Schublade stecken und das Treffen früher als geahnt beenden. Oder, noch schlimmer, sie wird meine Geringschätzung für Hundemenschen spüren, die ich nur schwer unterdrücken kann, und ich werde nie wieder etwas von ihr hören. Doch Halleluja, sie hat eine Katze! Eigentlich sogar zwei!
Plötzlich sind wir Kumpelinen. Plötzlich spüre ich, wie der Glanz, der von meinen strahlenden Karriereaussichten ausgeht, die sich soeben ganz beträchtlich aufgehellt haben, den ganzen Raum erfüllt. Wir werden Filme zusammen machen, Frau Respektierte-New-York-City-Casting-Lady und ich! Sie wird an mich denken, wenn sie ihre nächste schrullige Independent-Komödie besetzt, und ich werde vorsprechen, erfolgreich natürlich, und dann wird sie fragen: »Na, wie geht es denn Ihrem lieben, schnuckeligen Kätzchen?« Und ich werde sagen: »Großartig, danke. Ich hoffe, Sie werden sie eines Tages kennenlernen.« Und sie wird mir verschwörerisch zuzwinkern und meine Agentur anrufen, sobald ich aus dem Zimmer bin – Katzenladys kümmern sich schließlich umeinander.
Diese erquickliche Abfolge von Ereignissen und ihren Folgen schwirrt mir durch den Kopf, während ich mich nach vorne beuge und ihr mein Handy rüberreiche, damit sie eine Auswahl der neuesten, absolut unwiderstehlichen Fotos von Puff bewundern kann, wie sie sich in einem Streifen Sonnenlicht räkelt. Und dann spüre ich es: dieses eigenartige, nicht mal unangenehme, aber unverwechselbare Gefühl, das dich innerlich erbeben lässt (ob vor Freude oder vor Entsetzen, ist total abhängig von der Situation) und das entsteht, wenn dieses Stückchen Gebärmutterschleimhaut, das sich von irgendwo in deinem Unterleib gelöst hat, aus dir herausflutscht und irgendwo hin glibscht, wo du, so betest und hoffst du voller Inbrunst in diesem Augenblick, der sich wie in Superzeitlupe hinzuziehen scheint, angemessen und ausreichend gepolstert bist.
Du kannst deine Vaginalkugeln jetzt wieder entspannt umeinander rollen lassen, liebe Leserin, denn sei versichert: Ich hatte eins von diesen sagenhaften, feuchtigkeitsaufsaugenden, menstruationsbluttrinkenden, feministischen Wunderunterhöschen an, die Facebook uns Mädels immer aufzuschwatzen versucht. Unglücklicherweise hatte ich mir genau den Tag dieses wichtigen Meetings ausgesucht, um es Probe zu tragen, und vielleicht sollte ich zu deiner Information, lieber entsetzter männlicher Leser, noch erwähnen, dass sich, weil frau es die letzten zehn Jahre ihrer Regelblutungsaktivitäten über gewohnt war, die absolut lästigste ihrer Körperöffnungen mit Hilfe eines Super-XXL-Tampons ganz dicht zu verschließen, dieses deutlich wahrnehmbare Herausflutschen extrem irritierend anfühlen, ja, einen geradezu in Panik versetzen kann.
Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hatte, die zu kaufen. Die Höschen, meine ich. Ich bin nicht gut, was Körperfunktionen betrifft. Einmal ging ich einem Mädchen zuerst aus dem Weg und gab sie als Freundin irgendwann ganz auf, weil ich glaubte, sie hätte mich womöglich durch eine dünne Toilettentrennwand hindurch furzen gehört (Vicky, ich hoffe, bei dir ist alles gut). Wenn meine amerikanischen Freundinnen Geschichten über ihre Verdauung zum Besten geben, halte ich mir die Ohren zu und krümme mich vor Peinlichkeit. Ich bin imstande, meinem Freund beinahe jedes schlechte Benehmen zu verzeihen – plötzliches, rätselhaftes Verschwinden; Unpünktlichkeit; bevorzugt Männer –, solange er nur umwerfend duftet. Doch eines Abends, als ich auf Facebook herumstöberte, ploppte wieder diese Werbung auf. Da war sie, direkt vor mir, Mila Kunis, die Augen begeistert aufgerissen, und pries völlig ungehemmt in einem kurzen Werbeclip diese Menstruationshöschen an. Und obwohl ich keine besonders starke Affinität zu Mila Kunis habe, obwohl ich die Vorstellung, wie mein Menstruationsblut in meinen Slip tropfen, sich dort ansammeln und eine dicke, langsam gerinnende Lache bilden würde, entsetzlich fand, und obwohl mich ab und an immer noch Wellen unendlicher Dankbarkeit für die Erfindung des Tampons überfluteten, hatte ich an diesem Abend das Gefühl, die Höschen unbedingt haben zu müssen. Mir gefielen die vollkommen unverschämten Vibes, die Mila produzierte. Sie kam so überzeugend und beeindruckend feministisch rüber (und zwar im absolut undifferenzierten, krass offensichtlichen Sinn des Wortes), wie sie auf Facebook ohne jede Scham und Scheu über die Besonderheiten ihres Regelzyklus redete.
Ich hatte feministische Bücher gelesen und wusste inzwischen, dass der Körper einer Frau ähnlich funktioniert wie die vier Jahreszeiten, das Patriarchat die Arbeitswoche jedoch ausschließlich im Einklang mit dem männlichen Zyklus strukturiert hat. Ich hatte irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil ich mich in der #MeToo-Debatte noch nicht zu Wort gemeldet hatte. Und außerdem fühlte es sich einfach an wie eine richtige, fortschrittliche, feministische Tat und ja, mich erregte und begeisterte tatsächlich auch die Vorstellung ein bisschen, eine ermächtigte, blutende Frau zu sein, die in ihren feministischen Unterhosen ausgelassen auf der Straße im Kreis tanzt. Also fügte ich meinem Einkaufswagen drei Stück hinzu, klickte auf »Verbindlich bestellen« und schwor, von nun an eine bessere Kämpferin für die Frauenrechte zu sein.
Dessen ungeachtet wurde ich, während ich auf meinem Weg in das bis dato unerforschte Gelände einer mit Sicherheit bevorstehenden öffentlichen Demütigung auf dem Sofa dieser nichtsahnenden Casting-Direktorin unablässig vor mich hin tropfte und mit geradezu beleidigender Geschwindigkeit durch ihre Katzenbilder wischte, nur von einem einzigen Gedanken beherrscht: Scheiß Feminismus!
Ich brauche wohl nicht extra zu betonen, dass der Feminismus mich verwirrt. Ich erlebe überhaupt gerade eine verwirrende Zeit. So viele Frauen, die ich bewundere, sprechen auf einmal ganz offen über ihre Erfahrungen mit Unterdrückung, der sie im Umgang mit Männern ausgesetzt waren, und ich komme mir wie eine Außerirdische von einem viel freundlicheren Planeten auf Kurzbesuch vor.
»Bin ich eine Feministin?«, frage ich mich zum vielleicht allerersten Mal in den mehr als sechsundzwanzig Jahren, die ich schon als Frau auf dieser Welt bin, denn ich habe noch nie darüber nachgedacht, dass ich keine sein könnte. Offensichtlich!, kontert mein Gehirn sofort, aber trotzdem nagt dieser verstörende Gedanke an mir, dass ich mehr tun müsste, um es auch zu zeigen.
Also spreche ich das Thema der Frau gegenüber an, die mich am besten kennt, die jedoch, soweit ich mich erinnern kann, niemals aktiv etwas getan hat, um mich zu einer Verfechterin feministischer Werte zu erziehen, außer, dass sie meine Schwestern und mich immer dabei unterstützt hat, die Frauen zu werden, die wir sein wollten.
»Bin ich eine Feministin, Mom?«, frage ich sie rundheraus. Das haut sie genauso um, wie es mich vorher umgehauen hat, und sie will wissen, wieso in aller Welt man keine sein sollte.
Glaubst du an gleiche Rechte für Männer und Frauen?
Glaubst du, dass Frauen arbeiten sollten?
Glaubst du, dass Männer und Frauen dieselben intellektuellen Fähigkeiten haben?
Na klar! Auf jeden Fall, erwidere ich, und … na ja … dass ich eigentlich sogar der Meinung bin, dass Frauen im Durchschnitt intelligenter sind als Männer, aber das wäre nur so ein Gefühl.
»Dann bist du eine Feministin«, bestätigt sie mir und fügt hinzu: »Ganz sicher. Erinnere dich doch bloß mal, wie begeistert du als Kind von den Prinzessinnen in den Disney-Filmen warst! Sie waren deine feministischen Ikonen, würde ich sagen.« Bei diesem letzten Satz wird mir das Herz schwer, denn ich weiß, dass das stimmt und dass ich von nun an in Gesprächen, in denen es um Feminismus und die Heldinnen meiner Kindheit geht, immer lügen muss. Vielleicht ist es aber auch eher mein Kopf, der schwer wird, denn plötzlich fallen mir diese ganzen feministischen Kommentare ein: Belle in Die Schöne und das Biest ist ein schizophrenes, machtloses Opfer des Stockholm-Syndroms, und Arielle, die Meerjungfrau übt einen schlechten Einfluss auf junge Mädchen aus, denn sie hat sich im Austausch für Beine freiwillig in zwei Teile gespalten und ja, eine Vagina zugelegt, damit ein Prinz mit ihr schlafen kann.
Andererseits hüpft mein Herz jedes Mal vor Freude, wenn die Rede auf die tatkräftigen Prinzessinnen aus Märchen und Kinderträumen mit ihren hochfliegenden Ideen, hoffnungsvollen Herzen und prächtigen Lockenmähnen kommt. Ich stimme meiner Mutter also zu, verbanne jeden weiteren Gedanken an Feminismus für heute Abend aus meinem Kopf und schaue mir zum zweiten Mal in diesem Monat Die Schwanenprinzessin an. Morgen, so beschließe ich, krame ich Matilda, Jo March und Hermine Granger wieder raus, die ich als ausreichend substanzielle, fleißige und wissbegierige literarische feministische Einflüsse anführen kann. Die hatte ich zwar alle gemocht, aber leider nicht zu meinen Idolen erhoben. Nein, ich kann auf gar keinen Fall die Wahrheit sagen!, ermahne ich mich, während ich zum x-ten Mal begeistert zusehe, wie sich Odette von einem anmutigen Schwan in eine noch weitaus anmutigere Lady verwandelt, ein absolut bezauberndes, feingliedriges weibliches Wesen mit wunderschönen Kurven.
Sie ist einfach viel zu feminin, um Feministin zu sein.
Ich bin mir nicht sicher, wann ich das erste Mal den Versuch unternahm, für mich zu definieren, was eine Frau sei und was nicht, doch soweit ich mich erinnere, hing ich meine gesamte Teenagerzeit über dem Glauben an, in die Welt der Bücher zu gehören, nicht in die Welt der Schönheit. Schönheit war für andere. Irgendwann übernahm ich dann die Vorstellung, dass Frauen mit Substanz, politisch interessierte, aktive Frauen, die die Welt veränderten und meiner Aufmerksamkeit wert waren, über der Nichtigkeit weiblicher Schwächen standen. Ich las die Vogue und die Elle und begriff, dass Schönheit etwas schmerzhaft Exklusives war, dass frau, um dazuzugehören, über hohe Wangenknochen, Schlankheitsgene und Geld verfügen musste, dass ihr Reich eine fremde Welt war, in der ich keinen Platz hatte. Ich gewöhnte mir an, besonders weibliche Frauen abzulehnen, und vertrat die Überzeugung, dass eine Frau einfach nicht bezaubernd und clever zugleich sein konnte. Du musstest dich für eins von beidem entscheiden, und mir war klar, was mir zumindest Respekt verschaffen würde, wenn es mich schon nicht zum Gegenstand männlichen Verlangens machte. Ich hüllte mich in grellbunte Druckstoffe, trug paillettenbesetzte Käferohrringe und gewagte Strumpfhosen, weil spleenige Mädchen eben Grips hatten, interessant waren, während die, die mit bauchfreien Oberteilen und prahlerisch funkelnden Bauchnabelpiercings durch die Stadt stolzierten, mit absoluter Sicherheit keinen einzigen Gedanken auf irgendetwas verschwendeten, das nichts mit ihnen selbst und ihrer körperlichen Perfektion zu tun hatte.
Für gewöhnlich schlenderte ich, die Nase tief in Anna Karenina vergraben, an dem Jungen vorbei, in den ich gerade verknallt war, und wälzte im Stillen die quälende Frage, wann ihm endlich mein Tiefgang und meine Substanz auffallen würden, ganz zu schweigen von meiner absolut vorbildlichen Enthaltsamkeit in Bezug auf tief ausgeschnittene Oberteile und verzweifeltes Betteln darum, als Objekt sexueller Begierde wahrgenommen zu werden. Und dann gab es da sogar die Phase, in der ich mich als Zeichen meines schweigenden, ironischen Protests gegen die Netzstrümpfe und streifig aufgetragenen Selbstbräuner meiner weniger kritisch eingestellten Mitschülerinnen für die Schulabschlussfeier als Harry Potter verkleidete. Ich hielt mich für wahnsinnig witzig und reif, als mir aber ein gut aussehender Junge von der gegenüberliegenden Seite des Saales einen Blick zuwarf und angesichts des Orangensafts in meiner Hand und der verschmierten Narbe in Form eines Blitzes auf meiner Stirn angewidert den Kopf schüttelte, wusste ich genau, was er meinte. Doch die Verwirrung blieb.
Ich mochte mich. Ich kannte mich. Ich wusste, dass ich nicht schön sein musste, um etwas wert zu sein. Dass es viel wichtiger und interessanter war, Gedanken, Träume und Pläne zu haben, wie man die Welt heilen könnte. Dass es besser war, meinen Geist anhand der Lektüre russischer Romane zu schulen als mithilfe des neuesten Diät-und-Lifestyle-Coffeetable-Books eines Reality-TV-Stars. Belesenheit, soziales Bewusstsein und gepflegtes Understatement würden mir im Berufsleben Respekt und Bewunderung verschaffen, das Aufkleben künstlicher, mit kleinen Glitzersteinchen besetzter Fingernägel aus Akryl mich dagegen um zwei Stunden intellektueller Vervollkommnung bringen. Und dennoch wollte es mir einfach nicht gelingen, die Bilder unverhohlen zur Schau getragener Weiblichkeit aus meinem Hirn zu verbannen.
*
Ich kann mich noch sehr genau an das erste Mal erinnern, dass mir eine wunderschöne, feminine Frau ihre Zuneigung zeigte. Ich war elf und einer hartnäckigen Essstörung wegen klapperdürr. Meine Mom und ich standen auf der Treppe zum Haus der x-ten mir völlig fremden Person, der es, so hoffte meine Mutter, endlich gelingen würde, mich zu heilen. Die Tür ging auf, und SIE erschien. Meine neue Therapeutin, eine Traumfrau mit wasserstoffblondem Haar, schimmernder Haut und einem hochgeschnallten Busen, der beim besten Willen nicht zu übersehen war. Ich zog mich noch ein Stückchen weiter in mich selbst zurück, fühlte mich eingeschüchtert von ihrem Blick, unwert ihrer Aufmerksamkeit, hoffnungslos unbedeutend in Gegenwart dieser echten, leibhaftigen Prinzessin.
»Hi, du Schöne!«, rief sie, laut genug, dass es die ganze Straße hören konnte, und umarmte mich so fest, dass mir beinahe die Luft wegblieb. Dann führte sie mich hinein und begann, mir dabei zu helfen, die Scherben meines zerbrochenen Lebens und meiner zerbrochenen Seele wieder zusammenzusetzen. Sie heilte mich durch das, was sie sagte, zum größten Teil aber durch das, was sie war: eine strahlende, kluge, kreative, mitfühlende, freundliche, weise, sensible, starke, sanfte, herrliche, wunderschöne Frau, die mir eine Stunde pro Woche Liebe und Aufmerksamkeit schenkte. Sie sah mich an mit diesen sagenhaften, tiefgründigen, Glitter-Eyeliner-umrandeten Augen, in denen sich nicht nur Wärme und Liebe spiegelten, sondern auch die Person, die es wert war, geliebt zu werden. Eine Person, die nicht dafür bestraft werden musste, dass sie existierte, und die tatsächlich ihre eigenen Talente hatte, die es zu entdecken galt.
Sie war der erste Hinweis, dass eine Frau alles zugleich sein und tun konnte. Über Oshos Buch der Geheimnisse nachsinnen, während ihr Selbstbräuner trocknete. Oder hemmungslos verliebt sein, ohne sich zu verlieren. Sie war ein Wunder und ein Rätsel und eine wilde Ansammlung scheinbar unvereinbarer Widersprüche. Sie war die stärkste Frau, die ich jemals getroffen hatte, und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich, dass bezaubernde Weiblichkeit, großzügig mit der Welt geteilte Schönheit, die nicht verschämt versteckt wurde, eine Gabe war, ein Aktivposten, ein Instrument des Wandels.
Als ich älter wurde und noch mehr fantastische Frauen traf, die ebenso frivol waren wie klug und herzlich, verzieh ich mir meine Schwäche für mädchenhafte Schwärmereien. Ich fing an, mehr Zeit auf Dinge zu verwenden, die die Welt zwar nicht verändern, stattdessen aber dafür sorgen würden, dass ich mich gut und mächtig fühlte und besser imstande, sie zu verändern. Und je länger ich mich dieser Faszination hingab, desto mehr spürte ich, wie sich der Griff der Obsessionen, die mich gefangen hielten, allmählich lockerte. Meine Knie fingen nicht mehr an zu schlackern, wenn ich von Jungs die einstmals so verzweifelt herbeigesehnte Bestätigung zu hören bekam, dass ich »süß« sei.
Ich weiß, lautete in Gedanken meine trockene Antwort auf derart oberflächliche Bemerkungen. Und jetzt?
Aber war meine Verhöhnung alles Weiblichen nicht doch eine angemessenere Art, mich auszudrücken, und auch feministischer? Hatte die patriarchale Gesellschaft mich mürbe gemacht und am Ende doch dazu gebracht, kostbare Zeit und Energie darauf zu verschwenden, mich männlichen Blicken anzubiedern? Solche Fragen treiben mich in jüngster Zeit um, während ich versuche, mich im feministischen Diskurs wiederzufinden, mich als jemanden zu begreifen und anzunehmen, der differenzierter ist, menschlicher, feminin, weich und verletzlich und doch stark. Ist diese Frau so schwer zu fassen? Oder verwirrt sie die Leute nur? Ist Femininität ein Hindernis für Feminismus?
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Vor ein paar Monaten hatte ich die Möglichkeit, eine legendäre und häufig im Mittelpunkt heftiger Kontroversen stehende Tierschutzaktivistin zu interviewen: Ingrid Newkirk, Begründerin und Präsidentin von PETA, der weltweit größten Tierschutzorganisation. Ich war nervös und hatte mich für die schwierige Diskussion mit einer taffen, absolut furchtlosen Frau gerüstet, an der mir im Vorfeld nicht die geringsten Anzeichen von Verletzlichkeit aufgefallen waren. Als ich den Skype-Anruf entgegennahm, leuchtete Ingrids Bild auf, und eine blonde Dame fragte mit sanfter Stimme, warum wir dieses Gespräch nicht auf Video aufzeichnen würden. Ich erklärte ihr, dass das bei einem Podcast nicht nötig sei und wir es noch nie gemacht hätten. Woraufhin Ingrid mir enttäuscht gestand, sie hätte sich für unser Gespräch extra hübsch gemacht und Make-up aufgelegt. Ich musste lachen und entspannte mich ein bisschen angesichts der Tatsache, dass diese berühmte, durch nichts zu stoppende Aktivistin bedauerte, sich die Zeit genommen zu haben, um sich schön zu machen, und unsere Zuhörer es nicht sehen würden.
Während des gesamten Interviews ließ Ingrid immer wieder einfließen, wie sie bis heute manchmal weinen muss, wenn sie nachts warm eingekuschelt in ihrem Bett liegt und an die Tiere denkt, die in ihren Kastenständen und Käfigen vor Kälte zittern. Und wie sie von der Aufgabe, PETA zu gründen und zu der mächtigen Organisation zu machen, die sie heute ist, zeitweise abgelenkt war, nachdem sie, frisch zurückgekehrt aus Indien, »das Thema Jungs entdeckte«. Und dass sie nur noch Trickfilme kucken kann, um sich zu entspannen, weil sie in ihrer täglichen Arbeit so viele abartige Grausamkeiten sehen muss, die an Tieren begangen werden. In geschliffenem britischen Akzent, der an Prinzessin Diana erinnerte, brachte sie mir bei, zu lächeln und das Beste in den Menschen zu sehen, während man ihnen erklärt, dass Pelzmäntel mit Hilfe barbarischer Praktiken angefertigt werden, nur um gleich darauf heiter und gelassen zu der Erklärung umzuschwenken, dass sie vorhabe, Teile ihres Körpers nach ihrem Ableben grillen zu lassen wie ein Steak, um ein Zeichen zu setzen.
Nachdem das Interview beendet war, saß ich einige Minuten lang einfach nur da, überwältigt und glücklich. Wieder so eine Frau, von der ich geglaubt hatte, sie sei nur das eine und nicht auch das andere, und die mir gezeigt hatte, dass sie eigentlich alles sein konnte.
Verblüffenderweise bekamen wir, nachdem wir das Interview in unserem Podcast freigeschaltet hatten, einige Beschwerden von Hörer*innen (die sich größtenteils, das sollte vielleicht angemerkt werden, entschieden hatten, das Interview nicht anzuhören). Sie brachten ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass wir eine Frau interviewt hätten, die sie als Gegnerin der feministischen Mission betrachteten. Die Sexualisierung von Frauen in den Werbeanzeigen für PETA fand Erwähnung. Und eine von der Organisation ins Netz gestellte Pornoseite, auf der abwechselnd sexy Videos und Aufrufe zum Tierschutz gezeigt wurden.
Kontrovers? Ja. Unbequem? Auf jeden Fall. Und dennoch kann ich, die in dieser Frage am Spielfeldrand steht, nicht anders, als vor Freude in die Luft zu springen, wenn ich diese lauten, frechen Kampagnen sehe, in deren Mittelpunkt starke Frauen stehen, die ihre Sexualität und ihren bezaubernden Körper nutzen, um Aufmerksamkeit für ihre Sache zu erzeugen. Und ich kann auch nicht anders, als mich tierisch darüber zu freuen, dass Ingrid in der Tat jede nur denkbare Taktik anwendet – vom Soft-Soft-Soft-Ansatz (wildfremden Menschen mit einem Lächeln und mit Herzlichkeit begegnen) bis hin zur der schockierenden, leicht zynischen Nummer (mithilfe von Sex lässt sich einfach alles verkaufen; Sex lässt die Menschen hinschauen) – um ihre Ziele zu erreichen. Es macht mich fassungslos, dass sie als Antifeministin gebrandmarkt wird. Aber es kann ja sein, dass die Leute einfach nicht gehört haben, wie mein Freund sie als »Chefin des Chefs meines Chefs meines Chefs« bezeichnet. Oder den gedämpften, ehrfurchtsvollen Ton, den die Stimmen von PETA-Mitarbeitern*innen bekommen, wenn sie sagen, sie müssten dies und jenes »erst kurz mit IEN besprechen«. Und vielleicht interessiert es Ingrid ja auch wirklich einen feuchten Dreck, ob die Leute sie für eine gute Feministin halten oder nicht, und sie verbringt ihre Zeit lieber damit, das Leben von Tieren zu retten, als damit, ihr Image zu pflegen und sich der öffentlichen Meinung anzubiedern. Spätestens an dieser Stelle wird mir klar, dass Feminismus vielleicht gar nichts damit zu tun hat, ob jemand sich moralisch einwandfrei verhält oder gemocht wird, sondern eher damit, das verdammte Ding einfach durchzuziehen. Vielleicht geht es darum, dass frau sich selbst treu bleibt, für ihre Sache, ihre Träume, ihre Vision kämpft und genau das tut, was sie für richtig hält.
Zurück auf das ehemals crémefarbene, inzwischen womöglich blutbefleckte Sofa dieser Casting-Direktorin. Unser Gespräch nähert sich definitiv seinem Ende. Es war von angemessener Dauer, und das Katzenthema hat mir wieder einmal gute Dienste geleistet und mich ins rechte Licht gerückt. Eine berufliche Allianz wurde geschmiedet, so viel ist klar, allerdings keine, die einen unerwünschten Blutfleck überleben würde; jedenfalls jetzt noch nicht. Feige, wie ich bin, stehe ich also auf und lasse sie vorgehen Richtung Tür, während ich mich heimlich umdrehe und die Lage peile. Uff. Die Höschen, das muss ich ihnen zugutehalten, funktionieren wirklich. Kein einziger Fleck ist zu sehen, nicht ein einziger Tropfen, nicht das kleinste bisschen. Nicht mal der allerwinzigste herzförmige Klecks, was ich jetzt, da Erleichterung einsetzt und ich durch die Tür gehe, sogar ein wenig traurig finde. Ich werde aus diesem Büro verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen, komplett ausgeblutet, und das kleine Gesicht meines himmlischen Kätzchens wird der Casting-Direktorin länger im Gedächtnis bleiben als mein eigenes.
Das war die ganze Aufregung nicht wert, denke ich kopfschüttelnd, während ich die Treppe runterstapfe und auf die Straße trete. Das Höschen. Der Feminismus. Nicht mein wahrstes, selbstsicherstes, bestes Ich zu sein – alias Mädchen mit Tampon. Das war es nicht wert. Aber was sollst du als Mädchen, ja, als Frau denn machen in dieser ultrafeministischen Gesellschaft, wo das Motto gilt: Alle, die nicht mit uns sind, sind gegen uns?
Mir kommt ein anderes Ereignis in den Sinn, das einige Wochen zurückliegt. Ich war aus unerfindlichen Gründen den ganzen Tag über ziemlich bissig gewesen und hatte beschlossen, meine Menstruationskalender-App zu checken. Hier, so hoffte ich, würde ich eine präzise chemische Begründung für mein ungezügelt garstiges Benehmen finden.
»Die stimmungshebenden und sedierenden Effekte eines ansteigenden Östrogen- und Progesteronspiegels verstärken sich wechselseitig und verleihen Ihnen die Kraft, selbst im größten Chaos entspannt und abgeklärt zu bleiben und die Ruhe selbst zu sein.«
Mir bleibt die Luft weg. Völlig perplex lasse ich mein Handy in den Schoß sinken. Hätte diese App eine Service-Hotline, dann hätte ich mich glatt beschwert: »Und warum, zum Teufel, fühlt es sich dann so an, als wäre ich das verdammte Chaos?!« Ich rufe meinen Freund an, um meine verwirrten Gefühle vor ihm auszubreiten, die schmerzhaften Knoten zu lösen und irgendeinen Sinn darin zu finden. »Du bist nicht depressiv«, meint er seufzend. »Du bist nur komplex.«
DA HABEN WIR ES.KOMPLEX.FRAUEN SIND KOMPLEX.DAS IST ALLES.
An einem Tag sind wir laut und unbeherrschbar wie der Sturm. An einem anderen strahlen wir in alle Richtungen wie die Sonne. Am nächsten wehen wir sanft und unsichtbar umher wie die Luft. Und wieder an einem anderen lodern wir wild und leidenschaftlich wie das Feuer. Wir brauchen keine App, die uns sagt, wann unser Zorn berechtigt ist. Oder kurz geschorene Haare, um echte Feministinnen zu sein. Oder einstimmigen Beifall, der beweist, dass wir eine Vorkämpferin sind. Oder ein paar verfluchte Unterhosen, um uns für befreit zu erklären. Und ganz sicher müssen wir kein neues feministisches Regelwerk erfinden, das manche Frauen für geeignet erklärt und anderen sagt: »Du gefällst uns nicht.«
Während ich das hier schreibe, fällt mir wieder ein, was meine Schauspiellehrerin immer sagt: »Trau dich. Bring den Mut auf, ganz du selbst zu sein. Jede Sekunde. Jederzeit.« Das ist ihr Motto und zugleich ein Mantra. Eine Herausforderung an jede Künstlerin und jeden Künstler. Sei mutig und offen.
