The Rain Upon Us - Nikolina Drum - E-Book

The Rain Upon Us E-Book

Nikolina Drum

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Beschreibung

Das moderne Märchen geht weiter – doch wird es ein Happy End geben? »Solange es nur Regentropfen sind, wirst du nicht ertrinken.« Birdie und Damien: zwei von Grund auf unterschiedliche Seelen. Nachdem sich ihre Wege getrennt haben, ist bei beiden der Alltag eingekehrt. Birdie lebt wieder auf der Straße und hat sich dem Duo Fynn und Leo angeschlossen, während Damien seiner Arbeit nachgeht. Aber irgendetwas fehlt beiden, ihr Leben ist nicht komplett ohne einander. Es scheint, als würde das Schicksal sie ein weiteres Mal zusammenführen – doch einige Schwierigkeiten warten schon auf sie ... Wattpad verbindet eine Gemeinschaft von rund 90 Millionen Leser:innen und Autor:innen durch die Macht der Geschichte und ist damit weltweit die größte Social Reading-Plattform. Bei Wattpad@Piper erscheinen nun die größten Erfolge in überarbeiteter Version als Buch und als E-Book: Stoffe, die bereits hunderttausende von Leser:innen begeistert haben, durch ihren besonderen Stil beeindrucken und sich mit den Themen beschäftigen, die junge Leser:innen wirklich bewegen! »Mit »The Rain Upon Us« gelingt eine emotionale und tiefgründige Geschichte, die nicht nur voller Botschaften steckt, sondern auch Charaktere jenseits des klassischen Standards mit sich bringt.« ((Leserstimme auf Netgalley)) »Großartige Story mit viel Gefühl erzählt, Drama bleibt natürlich nicht aus.« ((Leserstimme auf Netgalley))

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bei »The Rain Upon Us« handelt es sich um eine bearbeitete Version des auf Wattpad.com von NikolinaDrum ab 2016 unter demselben Titel veröffentlichten Textes.

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »The Rain Upon Us« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Redaktion: Diana Napolitano

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Playlist

Prolog

Damien

Kapitel 1

Birdie

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Damien

Kapitel 9

Birdie

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Damien

Kapitel 40

Birdie

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Epilog

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für meine Leser:innen, die meine Worte verstehen.

Die mutigen Menschen, die niemals aufgeben. Und jene, die sich aus belastenden Situationen befreien konnten.

Playlist

Haunted – Saint Claire

Searching For A Feeling – Thirdstory

The Rain – Oh Wonder

River Of Tears – Alessia Cara

Bruises – Lewis Capaldi

Start Again – Birdy

Come Home – OneRepublic

Come Back Home – Calum Scott

Waiting For Us – Stray Kids

All This Time – OneRepublic

After Rain – Dermot Kennedy

Better Man – James Morrison

Only Love – Thirdstory

Unsteady – X Ambassadors

If Our Love Is Wrong – Calum Scott

Prolog

Damien

Kann man sein eigenes Leben retten, wenn man das eines anderen rettet?

Diese Frage schleicht sich immer wieder in meine Gedanken ein. Der Rotwein schmeckt bitter, und selbst wenn mich dies unter normalen Umständen nicht stören würde, ist es diesmal anders. Nachdenklich stelle ich das Glas auf den Bartresen und verschränke meine Arme, während ich tief Luft hole.

Es sind Tage vergangen … Wochen. Mit der Zeit frisst mich die Leere dieses Apartments auf. Dass Sebastian mich nach der Uni besuchen kommen wird, gibt mir zumindest einen Grund, über den ich mich zur Abwechslung mal freuen kann. Die Tage sind lang, und die Minuten fühlen sich wie Stunden an. Als ich an die Scheibe der Fensterfront meines Wohnzimmers trete, begegne ich wieder meinem Spiegelbild, dem ich nicht in die Augen blicken kann. Stattdessen muss ich schwer schlucken und lausche dem elenden Geräusch des langsamen Regens, welcher gegen das Glas streift und in kleinen Perlen vor mir hinabgleitet. Dabei schlägt mir das Herz bis zum Kehlkopf. Es ist keine Aufregung, sondern Schmerz.

Kann man nun sein eigenes Leben retten, wenn man das eines anderen rettet?

Für einen Moment war ich mir sicher, dass dies unmöglich sei. Und die Zweifel in mir sowie die Angst vor der Konfrontation mit der Vergangenheit haben mich vom Gegenteil überzeugt. Dass mich diese Erkenntnis jedoch noch mehr in die Tiefe stürzen würde und ich dabei den einzigen lebenden Menschen verlieren sollte, der mein wahres Ich sehen konnte – damit habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet.

Mathematik war immer meine Stärke, und so sicher meine Schachzüge in der Karriere und bei geschäftlichen Entscheidungen auch sein mögen, mein Privatleben kennt diese Stärke nur auf einem eher mickrigen, beinahe nicht bemerkenswerten Niveau.

Ich dachte, wenn ich Birdie retten würde, könnte ich mich endlich von den Schuldgefühlen befreien, welche mich seit Kyras Tod nicht mehr loslassen wollten. Aber es scheint ein Fluch fürs Leben zu sein – und nun habe ich einen weiteren Menschen verloren.

Ich bereue viele Entscheidungen in meinem Leben, doch den Tag, an dem ich mich dazu entschloss, Birdie zu helfen, werde ich niemals bereuen. Dass ich sie habe gehen lassen, schon.

Kapitel 1

Birdie

Die Oxford Street ist ein Ort, welchen ich in den vergangenen Wochen um jeden Preis vermeiden wollte – und doch gehe ich nun mit gesenktem Blick und der dunkelroten Decke als Schutzschild an der Bäckerei vorbei, in der ich letzten Winter Meredith kennengelernt hatte. Meine tränenden Augen kann ich kaum offen halten – die Schwellung ist auch über Nacht nicht besser geworden. Wahrscheinlich ist es nur eine Allergie, aber wenn ich den Moment bestimmen müsste, in dem ich in meinem ganzen Leben am schlimmsten ausgesehen habe, dann ist es wohl dieser. Ein letztes Mal wickle ich die Decke eng um meinen Körper und kämpfe mich im Tempo einer Schildkröte durch die Menschenmassen.

Der Sommer weht mit einer sanften Brise durch die Innenstadt, während die heißen Sonnenstrahlen den Asphalt zum Strahlen bringen – ein angenehmer Kontrast zu den dunklen Schatten der hektischen Beine um mich herum. Auf den beiden Laternen neben dem Primark sitzen jeweils zwei Tauben, welche sich den Rücken zukehren und gierig die Straßen nach weiteren Brotkrümeln und Imbissüberresten absuchen. Eigentlich ist es viel zu warm für eine Fleecedecke, aber in den letzten Wochen war sie mein treuer Begleiter, und es fühlt sich einfach richtig an, ein letztes Mal den weichen Stoff an meine Haut zu schmiegen.

Ich sehe rote Doppeldecker-Busse, welche von der Menge an schwitzenden Menschen zu platzen drohen, und schwarze Karren, die vor Hamilton & Sons Inc. halten, um Frauen und Männer in Anzügen dem Imperium der Sünden auszuliefern. Wenn ich raten müsste, dann würde ich sogar behaupten, dass dem Gebäude noch zehn weitere Stockwerke hinzugefügt wurden. Beim Blick nach oben wird mir wieder schwindelig.

Ich habe ihn bestimmt seit vier Monaten nicht mehr gesehen, und ich wäre dem Schicksal sehr dankbar, wenn er mir auch heute nicht über den Weg laufen würde. Es war schon schlimm genug, so zu tun, als hätte ich ihn vergessen.

Auf der Zielgeraden zur Nische der Eisdiele bemerke ich das grell leuchtende Schild, das im unregelmäßigen Rhythmus immer wieder aufblinkt. Die Warteschlange vor Jamie’s Ice Cream Shop führt bis zu meiner kleinen Nische, in der ich einen hechelnden, strubbeligen Hund mit braunen Locken erspähe, dessen schlappe Ohren seine mit Pink befleckte Schnauze umrahmen. Chaplin.

Augenblicklich senkt sich mein Blick zum dunkelroten Stoff der Decke, und für einen kurzen Moment atme ich tief ein und wieder aus, bevor meine müden Füße mich über den Zebrastreifen tragen, über den ich zu ihm gelange. Kaum bin ich auf der anderen Straßenseite angekommen, sehe ich, wie die Farbe auf meinen Schultern seine volle Aufmerksamkeit gewinnt. Ein unüberhörbares Bellen erschreckt mich genauso sehr, wie die letzten Kunden der langen Schlange. Seine voluminöse Rute beginnt aufgeregt zu wedeln. Vorsichtig knie ich mich auf den glühenden Asphalt. Die Decke riecht weder nach Chaplin noch nach dem süßen Waschmittel, welches sein Frauchen immerzu verwendet. Sie riecht nach meinem Elend der letzten Wochen und den Straßen Londons. Doch Chaplin möchte den Ersatz um jeden Preis zurück.

Ich gebe ihm, wonach er verlangt, und streichle kurz über seinen weichen Kopf – eine Geste, die er voller Begeisterung über seine Decke jedoch kaum zu genießen scheint, bevor ich mich wieder aufrichte und einen Blick durch das Ladenfenster wage. Bei dem Gedanken, dass mich Juleya gesehen haben könnte, stellen sich alle Haare meines Körpers auf. Doch als ich erkenne, wer stattdessen hinter der Theke neben Juleya steht, um einem großen Mann in einem weißen Hemd ein Tablett voller Eisbecher zu überreichen, verschlägt es mir die Sprache. Wie angewurzelt stehe ich vor der Glasscheibe und überhöre ein »Entschuldigung? Stehen Sie in der Schlange?«. Ich kann meinen Augen nicht trauen und kehre dem Fenster augenblicklich den Rücken zu, bevor ich über meine Schulter hinweg einen weiteren Blick wage, um sicherzugehen, dass ich nicht halluziniere.

Hinter der bunten Auswahl an süßen Eissorten steht eine Frau, welche ich nach unserer letzten und einzigen Begegnung nur als eine Lügnerin und Diebin bezeichnen kann. Dass sie nun für jemanden wie Juleya arbeiten würde, überrascht mich nach kurzer Überlegung nicht einmal mehr. Irgendwie passt es ja wie die Faust aufs Auge.

Meredith, die hinterhältige Frau, welche mir Chaplins Decke im letzten Winter stibitzte, nachdem sie ihre prall gefüllte Brötchentüte nicht mit mir teilen wollte.

Meredith und Juleya – ein Herz und eine Seele. Mich würde ja interessieren, wer von ihnen die andere zuerst hintergehen wird oder ob sie gemeinsam ein noch viel schlimmeres Unwetter auslösen werden. Ich schlucke, und mein Blick fällt auf Chaplin, der seine Schnauze tief im Dunkelrot der Decke versteckt. Aber es ist zu heiß, und nur wenige Sekunden später schleckt seine Zunge in wiederholenden Bewegungen an dem Wasser aus seinem Näpfchen. Zu gern würde ich mich bei Jamie bedanken, aber sie ist heute nicht im Laden ihrer Mutter – zumindest kann ich sie nirgendwo aufspüren.

Rasch dränge ich mich an den Menschen vorbei, die außerhalb des Shops ungeduldig und mit winzigen Perlen aus Schweiß auf der Stirn auf ihr Eis warten, weil sich in diesem Moment auch zwei Personen hier aufhalten, denen ich am liebsten in meinem ganzen Leben nie wieder begegnet wäre. Dabei übersehe ich im Chaos der vielen Beine einige Menschen, die ich aus Versehen anremple, und murmle leise ein Entschuldigung vor mir her.

Nun weiß ich, warum ich diesen Ort meiden wollte. Zu viele Erinnerungen holen mich wieder ein, und ein Gedanke verleitet mich zum nächsten. Ich stehe wieder im Schatten des Hamilton & Sons Inc.-Gebäudes, und an meinem alten Schlafplatz liegt nun ein Hund mit der Decke, auf die ich monatelang angewiesen war.

Aber mein Schicksal nimmt weiter seinen Lauf, als ich auf der anderen Straßenseite von der Seite angerempelt werde. Doch es ist nicht einfach nur irgendjemand. Er ist es – Mr Damien Hamilton persönlich. Die mit Eiskugeln gefüllten Becher, welche bis eben noch auf dem Tablett in seiner Hand aufgereiht waren, landen auf dem grauen Asphalt, um dort in nur wenigen Sekunden in bunte Farbkleckse zu verschmelzen. Ein Kunstwerk, welches bis ins kleinste Detail mein Inneres widerspiegelt. Es kribbelt, aber noch viel mehr schmerzt es in mir.

Erschrocken schauen wir uns an, und ich würde jetzt lieber im Boden versinken, als in diesem so faszinierenden Hellblau seiner Augen. Er trägt weder eines seiner grauen Jacketts noch eine Krawatte – lediglich ein weißes Hemd, wie der Mann, der eben noch von Meredith bedient wurde, und mir geht ein Licht auf. Wie konnte ich ihn nur nicht früher erkennen?

Als ich ihn mustere, fällt mir auf, dass seine Haare länger geworden sind und er sie wohl seit geraumer Zeit nicht mehr hat schneiden lassen. Auch sein Dreitagebart ist ein paar Millimeter länger als gewohnt. Er sieht immer noch gepflegt und attraktiv aus, doch selbst die kleinsten Veränderungen seines Äußeren überraschen mich. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass ich ihn zuletzt vor einigen Monaten gesehen habe oder weil ich ihn anders in Erinnerung behalten habe.

Und auch sein Blick wandert über mein Gesicht und meinen Körper. Als Erstes fällt ihm wahrscheinlich auf, dass ich die Kleidung verkauft habe, die er mir geschenkt hatte.

Ich weiß nicht, ob es die Hitze der Sonne ist oder sein Blick, aber obwohl wir im Schatten seiner Firma stehen, merke ich, wie meine Wangen rot anlaufen. Dann öffnet er seinen Mund und blinzelt mehrmals hintereinander, bevor er seinen Kopf senkt. In diesem Augenblick wissen wir beide nicht mehr weiter. Ich merke, wie sehr er sich schämt, sehe die Unsicherheit in seinem Gesicht und seinen Händen.

»Birdie …«, haucht er zu meiner Überraschung, und bei dem vertrauten, tiefen Klang seiner Stimme zieht sich meine Brust zusammen.

Ich verharre für einen kurzen Moment und schüttle schließlich meinen Kopf, um mich daraufhin an ihm vorbeizudrängen, in der Hoffnung, es wäre das endgültig letzte Mal gewesen, dass er mir vor die Augen getreten ist. Es tut zu sehr weh.

Damien …, antworte ich in meinen Gedanken, kann mich aber nicht dazu überwinden, stehen zu bleiben.

Kapitel 2

Wenige Stunden nach unserer Begegnung halte ich mir genervt die Ohren mit meinen Handflächen zu. Wer ist bloß auf die verfluchte Idee gekommen, seit gefühlten zehn Minuten kontinuierlich mit seinem Auto zu hupen?! Ich rolle mit den Augen und lasse meinen Kopf gegen die abgenutzte Plexiglasscheibe des Einkaufswagen-Unterstandes fallen, wobei ich ein ungewolltes, dumpfes Scheppern auslöse. Meine innere Uhr hat gerade erst vor wenigen Minuten den Wecker aktiviert, um in den Tag zu starten, und ich bin bereits mit den Nerven am Ende. Wieder dröhnt das Geräusch durch meine Ohren und direkt in meinen Schädel, wo es ein endloses Brummen entfacht, welches in meinen Augen brennt. Kann das bitte mal aufhören?

»Das darf doch nicht wahr sein«, murmle ich in meine Arme, die auf meinen an die Brust gezogenen Knien liegen. Dann lasse ich meinen Kopf wieder nach vorn fallen, bevor mich ein weiteres Geräusch wieder aufschrecken lässt. »Halten Sie die Klappe!«, schreie ich und verstecke mein Gesicht augenblicklich wieder in meinen Armen, als ich realisiere, dass ich gerade wirklich über den halben Parkplatz geschrien habe. Ich ertrage es nicht mehr.

Zum Glück wird mich niemand so schnell auf dem Boden finden. Versteckt hinter den Autos und Einkaufswagen warte ich auf Fynn und Leo. Sie wollen mir den Regenschirm zurückbringen, den sie sich von mir geliehen hatten. Leo hat einen Platz in einem Heim bekommen, wenige Wochen später durfte Fynn zu ihm ziehen. Von Obdachlosenheimen hatte Mutter uns immer abgeraten. Sie meinte, dort passieren unheimliche Dinge. Doch Fynn hat mir empfohlen, mich bei einem Frauenhaus eintragen zu lassen. Von so etwas habe ich noch nie zuvor gehört. Wie hätte ich auch? Meine Mum brachte mir alles bei, was ich wusste, und lesen kann ich noch nicht allzu lange. Papiere fehlen mir nach wie vor – aber ich habe mich trotzdem auf die Liste setzen lassen.

Leider waren alle Zimmer besetzt, und die Warteliste ist lang. Bis vor einem Monat bin ich jeden Tag eine Stunde zum Gebäude des Heims gegangen, um nachzufragen, ob ein Platz frei sei, weil sie mich ja sonst nicht erreichen könnten – doch leider blieb ich erfolglos. Die Worte »Leider sind wir momentan voll!« haben sich mittlerweile von allein hinter meine Augen tätowiert, sodass ich es vielleicht im Herbst erneut versuchen werde.

Leos und Fynns warme Unterkunft ist in der Nähe von Alfies Rehaklinik, also plane ich schon einen großen Besuch meiner Freunde im Sommer. An stürmischen Tagen durfte ich einige Male heimlich bei Alfie im Krankenhaus übernachten. Auch wenn ich dies nicht wollte, weil ich befürchtete, dass man mich erwischen würde, habe ich es letztendlich gewagt, da die Angst vor dem Sturm doch größer war als die Angst, am nächsten Morgen eine Verwarnung von einer Krankenschwester zu bekommen. Über ein halbes Jahr ist es nun schon her, dass er Glück im Unglück hatte und notoperiert werden musste. So glücklich er auch in seinem Rollstuhl auf jeden um ihn herum wirken mag, ich würde niemals mit ihm tauschen wollen. Doch mittlerweile ist er ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, den ich um keinen Preis mehr missen möchte.

Wieder hebe ich meinen Kopf und schaue hinauf in den blauen Himmel. Es ist ein klarer, idyllischer Tag – wäre da nicht das ungeduldige Hupen einiger Autofahrer. Morgen verlasse ich diesen hektischen Ort, an dem man nur nach Ladenschluss ein Auge zubekommt. Ein Parkplatz ist nicht gerade der schönste Ort zum Übernachten. Der angenehm ruhige Vauxhall Park wartet praktisch nur auf meinen, wenn auch etwas verspäteten, Besuch. Wie jeden Sommer würde mich der Aufbruch der wärmsten Jahreszeit in den schönsten Park Londons locken. Doch in diesem Jahr läuft alles etwas anders als geplant, und ich konnte mich noch nicht dazu motivieren, die Reise anzutreten.

Mit einem Mal hört das ewige Hupen abrupt auf, und eine Autotür fällt ins Schloss. Für einen kurzen Moment spannen sich alle Muskeln in meinem Körper an, und ich weite meine Augen. Ich höre ein Paar Absätze aus der Ferne, die sich mir mit kurzen, schnellen Schritten nähern. O Gott, hat jemand doch tatsächlich meine Empörung von eben gehört? Neugierig schaue ich zwischen den Autos hindurch. Aber als sich eine bekannte Stimme zu Wort meldet, erstarre ich.

»Mr Hamilton, ich werde tun, was ich kann. Ich kann …« Die Absätze halten vor meinen Füßen an, und Rosa verschlägt es die Sprache, als sie mich in meinem Unterschlupf ertappt und sich mit verdutztem Blick vergewissert, dass ich es wirklich bin. »Ah, n-nein, alles in Ordnung, Mr Hamilton.« Jedes Mal, wenn sie seinen Namen ausspricht, fühlt es sich an, als würde man mir einen Schlag in die Magengrube verpassen. »Ich rufe Sie nach dem Einkauf zurück.« Mit diesen Worten beendet sie das Gespräch. »Birdie!« Ich bemerke, wie sie versucht, ihre Tränen zu unterdrücken. Ich weiß nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Verdammt, ich weiß nicht einmal, was ich fühlen soll!

Einer der Gründe, warum ich zu diesem Supermarkt gekommen bin, war, dass ich gehofft habe, Rosa anzutreffen. Ich konnte mich nie wirklich von ihr verabschieden. Anfangs war ich total wütend, als Rosa einfach nicht kam. Jeden Tag saß ich auf diesem Parkplatz und habe mir jedes Auto zehnmal bis ins Detail angesehen, um ihren schwarzen Kleinwagen zu finden, doch die Suche blieb bis heute erfolglos. Aber schnell wurde meine Wut zu einer undefinierbaren Trauer. Ich versuchte, mich mit dem Gedanken abzufinden, Rosa wahrscheinlich nie wiedersehen zu können. Mit der Zeit hatte ich mich eigentlich mit dem Gedanken abgefunden, dass unsere Freundschaft der Vergangenheit angehören würde, aber sie nun vor mir stehen zu sehen, wühlt all das wieder in mir auf, was ich mit viel Mühe und Verzweiflung zu verarbeiten versucht habe. Meine Nerven sind am Ende, obwohl ich schon schlimmeren Bedingungen ausgesetzt war.

»Jetzt verstehe ich …« Auf Rosas Stirn bilden sich trotz ihrer Worte zarte Falten, während sie versucht, das, was sich in ihren Gedanken abspielt, zusammenzufügen. Ich tue praktisch dasselbe, als ich mich bemühe, das, was sie gerade vor sich hingesagt hat, zu verstehen.

Kurze Zeit später kniet sie sich vor mich hin und schaut mich mit einem unsicheren, nervösen Blick an, wobei ich in ihre warmen Augen schaue, die mir ein Gefühl der Sicherheit geben.

»Du bist es doch, Birdie?« Obwohl ihr kleiner Scherz nicht wirklich lustig gewesen ist, müssen wir beide schmunzeln, während auch ich mit einem Kloß in meinem Hals zu kämpfen habe.

»Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen«, schluchze ich, als sie ihre zierlichen Arme um mich schlingt und ich ihren vertrauten Geruch einatme, der nach süßer Vanille duftet. Als wir uns beide wieder loslassen, schaue ich sie verwirrt an. »Wie geht es dir?«, will ich wissen. Ich habe ihre Nähe so sehr vermisst.

»Nun ja, eben wollte ich eine fremde Frau mit meinen eigenen Händen erwürgen, weil sie mir frech den Mittelfinger gezeigt hat und ewig zum Ausparken brauchte, aber jetzt geht es mir besser denn je.« Ihre strahlend weißen Zähne blitzen zwischen ihren roten Lippen hervor. »Ich bin so froh, dich zu sehen, Birdie.« Dann schluckt sie schwer. Ehe ich michs versehe, greift sie nach meiner Hand und hält sie fest. In diesem Moment lasse ich die Welt um uns herum schwarz werden und genieße ihre Berührung einfach, die mir ab dem ersten Moment so viel Kraft gibt. Doch als ich ihre Antwort überdenke, entwischt mir ein kleines Lachen.

»Also bist du der Grund für meine Kopfschmerzen?«, schmunzle ich und schaue wieder zu ihr auf. Irgendwie finde ich es amüsant, wie sie mir unbewusst diesen Schmerz zufügen konnte und dann gleichzeitig die Heilung in Person ist. »Deine Autohupe ist wirklich extrem laut.«

Nun lacht auch Rosa, als sie mir auf verspielte Art und Weise sanft gegen den Oberarm boxt. Als wir daraufhin beide still vor uns hin grinsen, erinnere ich mich an ihr Telefonat von eben. Sie hat mit Damien gesprochen, keine Frage. »Was meintest du eigentlich eben mit ›Jetzt verstehe ich‹?«

Sie lässt die angestaute Luft aus ihrer Lunge entweichen und pausiert einen kurzen Moment lang, während auch sie sich mit einem Seufzen gegen die Scheibe lehnt und zu mir setzt. Erschrocken schaue ich auf ihren wunderschönen braunen Cardigan und mache mir Sorgen, dass sie ihn beschmutzen könnte. Doch Rosa scheint es ausnahmsweise egal zu sein. Stattdessen legt sie nun auch ihre zweite Hand auf meine.

»Mr Hamilton hat mich seit Wochen wegen eines besonderen Weins immer zu einem anderen Supermarkt geschickt. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum, aber nun wird mir einiges klar. Sebastian, sein jüngerer Bruder, hatte bereits diesen Verdacht geäußert, aber ich hätte seinen Worten nie Glauben geschenkt, da Sebastian viel erzählt, wenn der Tag lang ist.« Sie verstummt und beißt konzentriert auf ihre Unterlippe. Dann schüttelt sie mit einem enttäuschten Gesicht ihren schmalen Kopf. »Ich bin wochenlang an der Eisdiele von Juleya vorbeigefahren und habe dich gesucht. Doch als die Sommersaison angebrochen war, wusste ich, dass du dort nicht mehr aufzufinden sein würdest.« Als sie ihre Beine zu ihrer Brust zieht und meine Position kopiert, lösen ihre High Heels ein leises Klacken aus. »Ich hätte Sebastian sofort vertrauen sollen.« Ehe Rosa sich selbst noch mehr Vorwürfe machen kann, lehne ich wortlos meinen Kopf gegen ihre Schulter. Der Stoff des Cardigans ist weich und angenehm, und wieder rieche ich ihren vertrauten, beruhigenden Duft. Niemals hätte ich gedacht, dass mich ein Morgen neben dem Einkaufswagen-Unterstand auf dem Parkplatz eines Supermarktes so glücklich machen könnte.

»Ich bin einfach nur froh, dich wiederzusehen, Rosa«, beruhige ich sie. Doch Rosas Enttäuschung über die fehlgeschlagenen Versuche, mich aufzuspüren, verwandelt sich nun in Wut auf ihren Chef.

»Dieser Egoist!«, schimpft sie, und ich schrecke auf. »Mr Hamilton wollte also wirklich, dass ich dich nicht mehr zu sehen bekomme, nur weil er kein Rückgrat besitzt und dich einfach so hat gehen lassen. Wahrscheinlich hat er gesehen, dass du nicht mehr in deiner Nische warst, und dass wir schon einmal gemeinsam an diesem Ort hier waren, wusste er ja bereits.«

Als ich auf ihre Hände schaue, sehe ich, wie ihre Knöchel sich weiß färben, als sie vor Wut meine Hand mit ihrer zerquetscht und ich mich lachend aus ihrem festen Griff winde. »Ach du heilige Maria in High Heels! Liebes, das tut mir so leid.« Mit großen Augen schaut sie zu dem kleinen Abdruck ihrer Fingernägel auf meinem Handrücken, aber ich grinse sie nur an und stelle klar, dass es nicht schlimm ist. »Warum hat er mich dann heute wieder hierhergeschickt …?«, denkt Rosa laut vor sich hin, und ich schüttle nachdenklich meinen Kopf. Ich erinnere mich wieder an unsere Begegnung und wünschte mir, dass ich doch nur seine Gedanken lesen könnte, um das Chaos in seinen Augen ergründen zu können – aber Superkräfte gibt es nur in unserer Fantasie. Doch dann geht mir ein Licht auf.

»Ich glaube, ich kann mir vorstellen, wieso er das getan hat«, antworte ich zu ihrer Überraschung. Für mich kann es da nur einen Grund geben, also erzähle ich ihr von unserem ungeschickten Treffen, woraufhin Rosas Lippen die perfekte Form eines »O«s ergeben und sie aufmerksam meinen Worten folgt.

»Damien hat mich gestern in der Oxford Street getroffen. Wahrscheinlich dachte er, ich würde dortbleiben und nicht wieder hierher zurückkommen.« Warum nur möchte Damien um jeden Preis, dass ich Rosa nicht über den Weg laufe …

»Ihr habt euch also gesehen?«

Ich nicke, und sie verstummt wieder.

Eine Weile schweigen wir vor uns hin, starren in die Reflexion des grünen Autos, welches vor uns steht. Grün ist die Farbe der Hoffnung, aber ich sehe nur zwei entsetzte, schweigende Frauen, die nicht wissen, was sie sagen sollen. Doch dann senkt Rosa ihren Kopf und starrt auf die weiße Handtasche, welche lose um ihren Körper hängt. Sie ist aus edlem Stoff und mit einer goldenen Brosche versehen. Ein wahrer Hingucker und zu hundert Prozent Rosa.

»O Mann, jetzt ergibt bei mir alles einen Sinn«, murmelt sie.

Ich schaue erwartungsvoll zu ihr auf, aber ihre Augen fokussieren sich nach wie vor auf ihr Accessoire. »Hast du Lust auf einen kalten Kakao?«, fragt sie mich schließlich, und als ihre runden Kulleraugen mich beinahe flehend anschauen, nicke ich augenblicklich, bis ich mich daran erinnere, dass Leo und Fynn mir den Hamilton-Regenschirm vorbeibringen wollten. Rosa bekommt von meiner plötzlichen Sorge nichts mit.

»Aber vorher muss ich einkaufen. Kommst du mit?« Sie steht wieder vom Asphalt auf und streckt mir ihre Hand entgegen.

Ist ein Regenschirm wirklich wichtiger, als Zeit mit Rosa zu verbringen? Ich denke nicht. Für eine Sekunde verharre ich dennoch und starre ihre gepflegten Fingernägel nachdenklich an, bevor ich zögernd nach Rosas Hand greife, um sie zu begleiten.

Kapitel 3

Die Glastüren des Supermarktes öffnen sich, und mir fegt der kühle Wind der Klimaanlage ins Gesicht, gefolgt von dem Duft von frisch gebackenem Brot. Heute ist Mittwoch, also wird es das leckere English Muffins-Brot sein, welches mit Kirschmarmelade einfach nur köstlich schmeckt – besonders wenn die weiche Butter langsam auf der Zunge zergeht. Ich habe es mir zuletzt vor zwei Wochen gekauft. Rosa bemerkt mein Interesse an der Backtheke und ändert, ohne zu zögern, die Richtung ihres Einkaufswagens.

»Wie viele möchtest du?« Doch als ich ihr keine Antwort geben kann, nimmt sie sich eine Tüte aus dem Fach und füllt sie mit einem Dutzend English Muffins. Sprachlos schaue ich ihr dabei zu und bemerke, wie in ihren Bewegungen eine ansteigende Aggression zu erkennen ist. Sie ist doch nicht etwa sauer auf mich, oder? »Ich möchte, dass du dir alles aussuchst, was du willst. Egal wie teuer, egal wie viel es sein mag«, fordert sie mich auf, und nun merke ich, dass ihre Wut nicht auf mich gerichtet ist. »Diese Kreditkarte hat kein Limit.« Sie zwinkert mir zu, und verblüfft sehe ich ihr nach, bevor sie sich dem Obst auf der gegenüberliegenden Seite nähert. Schweigend folge ich ihr, kann mir ein leichtes Grinsen jedoch nicht verkneifen. Rosa ist ein besonderer Mensch – und ihre bissige Art, welche nur in Zeiten der Ungerechtigkeit ans Licht kommt, ist einer ihrer Charakterzüge, die ich sehr zu schätzen weiß. Es amüsiert mich, während es mich gleichzeitig fasziniert.

»Ich muss eine Liste abarbeiten, aber wehe, ich sehe nicht mindestens eine Handvoll Dinge von dir, die in diesem Wagen landen, bevor wir zur Kasse gehen, dann lernst du mich heute aber anders kennen!«, sagt sie mit drohender Stimme, und sie erinnert mich an meine Mom, wenn sie meinen manchmal etwas chaotischen Bruder und mich erziehen musste. Doch Rosa zwinkert mir liebevoll zu, während sie eine große Wassermelone mit beiden Händen packt und diese vorsichtig im Einkaufswagen platziert.

Während ich die Gänge mit Rosa entlangschlendere, erzählt sie mir von Mrs Hamilton – Damiens Mutter. Anscheinend besucht sie ihn fast jeden Tag. Das Kakaopulver in meinen Händen ist die Sorte, welche Rosa immer verwendet hatte, als ich bei Damien gewohnt habe, und mir läuft das Wasser im Mund zusammen.

»Trinkt Damien das überhaupt?«, frage ich mich, ohne dabei zu merken, dass ich die Frage laut gestellt habe. Damien hatte nie wirklich eine große Begeisterung für mein Lieblingsgetränk gezeigt. Wein war eher sein bevorzugtes Getränk oder schlicht und einfach klares Mineralwasser. Rosa schaut von ihrem Einkaufszettel zu mir auf.

»Es steht zumindest immer auf der Einkaufsliste. Hier …«, antwortet sie, bevor sie sich noch einmal davon überzeugt, dass sie sich nicht verlesen hat. Ich gehe einen Schritt auf sie zu und spähe auf den kleinen Zettel, welcher aussieht wie ein Werbegeschenk von Hamilton & Sons Inc.

4. Kakaopulver

»An vierter Stelle … tatsächlich.« In Gedanken versunken überfliege ich den kurzen Einkaufszettel.

»Mit Abstand die beste Schülerin, die ich je hatte.«

Rosas Lob schmeichelt mir. Für eine lange Zeit habe ich das, was sie mir beigebracht hatte, verfeinert, immer und immer wieder wiederholt, um besser darin zu werden. Das Schreiben ist nicht leicht – und natürlich kann ich noch nicht alle Wörter des Wörterbuchs buchstabieren … aber das Lesen fällt mir mittlerweile viel leichter. »Okay, du warst auch meine einzige Schülerin«, schmunzelt sie. »Aber du setzt die Messlatte sehr hoch für potenzielle zukünftige Schülerinnen.«

Während ich die weiteren Wörter auf dem Zettel lese, die noch nicht durchgekreuzt sind, grinse ich verlegen.

Zwei Liter MandelmilchSechs Liter VOSS Mineralwasser

Besonders die Begriffe, die ich mit einer Erinnerung in Verbindung bringen kann, fallen mir auf den ersten Blick auf. Ich werde die ältere Dame, der ich mit der Milch geholfen habe, bevor sie mich aufgrund meines Outfits verurteilte, wahrscheinlich nie ganz vergessen können.

»Wahrscheinlich kauft er ihn für Sebastian«, höre ich Rosa plötzlich murmeln, als wir den Gang entlanggehen und auf die Eintöpfe zusteuern. Die kleinen Bilder auf den Dosen sind zwar nicht dieselben wie damals, als mein Bruder und ich noch erraten mussten, welche Zutaten sich in ihnen verbergen würden, aber dennoch muss ich bei dem Anblick an Lucas denken. Ständig muss ich an meinen kleinen Bruder denken – das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben. Nein, ich bete, dass es immer so bleiben wird. Niemals darf ich ihn vergessen. Doch es fällt mir inzwischen schon schwerer, mich an seine Stimme zu erinnern.

»Sebastian trinkt gern Kakao, soweit ich weiß.« Rosa holt mich aus meinen Gedanken und rettet mich gleichzeitig vor einem Zusammenstoß mit einem Einkaufswagen, welcher von einem ungeduldigen alten Mann geschoben wird, der sich an mir vorbeidrängeln möchte. Erschrocken mache ich einen Satz zur Seite und klammere mich an Rosa fest, was uns erneut zum Kichern bringt.

Ich dachte, ich wäre der einzige Grund gewesen, warum Damien das Kakaopulver immer wieder gekauft hat. Der Zeitpunkt, wo ich ihm erzählt habe, wie sehr ich Kakao lieben würde, ist noch immer eine sehr frische Erinnerung. Ich denke auch an die Silvesternacht, wo er mir das Glas Milch ins Zimmer brachte und frech zu mir sagte, dass ich das Pulver schon selbst dazugeben müsse, um Kakao daraus zu machen. All diese Szenen spielen sich wie ein Kurzfilm vor meinen Augen ab. Doch es schmerzt, und meine Brust zieht sich zusammen.

Bis er gestern meinen Namen aussprach, hatte ich auch bereits begonnen, Damiens Stimme zu vergessen. Sosehr er mich auch verfolgte, und sosehr ich an ihn denken musste – mit jedem Tag verschwand ein Stückchen von ihm.

»Wer ist Sebastian?«, frage ich.

»Sebastian ist Mr Hamiltons kleiner Bruder.« Sie sucht bei den Nudeln nach einer bestimmten Sorte. »Erinnerst du dich an den jungen Kellner in der Bar?«

Ah, verstehe, der Kellner aus der Bar, den ich später mit Mrs Hamilton vor dem Hamilton & Sons Inc.-Gebäude gesehen habe, ist also Sebastian. »Damals in der Bar wusste ich noch nicht, dass er es ist. Er ist mit seiner Mutter später nach London geflogen, weil er vorher noch seinen Schulabschluss in den Vereinigten Staaten gemacht hatte. Jetzt studiert er hier seit einem Monat.« Rosa hebt ihre Hände winkend in die Luft. »Überraschung: Business Management auf der University of Greenwich. Zuerst wohnte er in einem Studentenheim, aber in den letzten Tagen besucht er seinen großen Bruder recht häufig.« Ich nicke erstaunt. »Man munkelt, dass er aus seinem Wohnheim geschmissen wurde, deswegen ist er vorübergehend im Gästezimmer eingezogen«, erzählt Rosa mit einem Schulterzucken.

»Aus seinem Wohnheim geschmissen? Was hat er getan?« Wir steuern nun auf das Milchregal zu.

»Das würde ich auch gern wissen …«, gibt sie zu und legt zwei Liter Mandelmilch zu den anderen Lebensmitteln, die bereits den Wagen füllen. »Vergiss bloß nicht, dir was auszusuchen!«, erinnert Rosa mich an ihr Versprechen – oder sollte ich es eher eine Drohung oder gar die Rache an Damien nennen?

Mit Rosa einkaufen zu gehen fühlt sich seltsam vertraut an. Es macht den Anschein, als hätte sich nie etwas geändert und ich würde sie, nachdem wir den Supermarkt verlassen hätten, wieder zu Damiens Apartment begleiten, um dort von ihm erwartet zu werden und die Nacht bei ihnen zu verbringen.

Aber das werde ich nicht … und ich habe Angst davor, mich gleich wieder von Rosa verabschieden zu müssen.

Kapitel 4

Als ich meine Augen öffne, erkenne ich eine weiße Wand und das Garagentor, welches sich vor Rosas Auto nach oben einrollt. Ich lege meine Stirn in Falten, während ich mir mit den Fingern die Augen reibe. Sie wollte mich in den Vauxhall Park fahren, aber das sieht ganz und gar nicht wie der Vauxhall Park aus. Vereinbart war ein Picknick auf einer der alten Parkbänke, doch sie scheint mein kleines Nickerchen während der Fahrt ausgenutzt zu haben, um spontan unseren Plan zu ändern.

Rosa hat noch nicht bemerkt, dass ich aufgewacht bin, und während wir in die grelle Garage fahren, denke ich an die rote Eisenbahn, die mein Bruder so geliebt hat. Die rote Eisenbahn, die mein Unterschlupf im Sommer ist. Sie steht im Vauxhall Park, und ich hätte sie Rosa gern gezeigt. Aber stattdessen sind wir hier – in Damiens Garage. Und genau in diesem Moment bricht die Panik in mir aus, und ich schnappe nach Luft. Rosa erschrickt derart, dass das Auto abrupt stoppt und wir zwar nicht aus unseren Sitzen geschleudert werden, der Gurt mir aber dennoch die Luft abschnürt.

»Birdie …«, haucht sie vorsichtig, jedoch in einer defensiven Stimmlage, als wäre sie auf der Stelle bereit, mir die Situation zu erklären.

»Was machen wir hier?«, frage ich und traue mich noch nicht, ihr in die Augen zu schauen, fokussiere mich stattdessen auf den schwarzen Teppichboden in ihrem Auto, auf dem sich meine Sneaker nervös hin und her bewegen. Ich weiß nicht, ob ich sauer oder nervös sein soll, denn momentan spüre ich eine Mischung aus beidem, wobei die Nervosität deutlich überwiegt.

»I-Ich …«, beginnt sie den Satz. »Also, wir …« Nun drehe ich meinen Kopf zu ihr. »Du weißt, wo wir sind.« Ihr Blick senkt sich.

»Nur um den Einkauf abzuliefern, richtig?« Meine Frage ist nichts als ein verzweifeltes Betteln. »Was wollen wir hier?«

Rosa nimmt einen tiefen Atemzug und schlägt mit ihren Händen auf das Lenkrad. »Mist!«, flucht sie und wirft ihren Kopf in den Nacken. Als sie sich wieder beruhigt hat, schließt sie ihre Augen. »Ich erkläre dir alles, wenn du mir versprichst, mit hochzukommen.« Hektisch schüttle ich meinen Kopf. Nein. O nein!

»Niemals«, sage ich und versuche, all die Erinnerungen zu verdrängen, was jedoch ein hoffnungsloser Versuch bleibt.

»Bitte, Birdie«, fleht Rosa, und ich weiche ihrem Blick aus. »Er ist nicht da. Er ist für sechs Tage auf Geschäftsreise, und Sebastian ist mit seinen Eltern vor Gericht. Wir sind zu hundert Prozent allein dort oben.«

Sebastian muss wohl einer der ganz besonderen Sorte sein, wenn er aus dem Wohnheim geschmissen wurde und jetzt auch noch vor Gericht aufkreuzen muss. Ich rutsche nervös in meinem weichen Sitz hin und her, als wir auf Rosas Parkplatz anhalten.

Ein kleiner Teil von mir, welchen ich zu ignorieren versuche, würde gern mit ihr mitgehen, einfach um zu sehen, ob sich etwas verändert hat oder ob alles beim Alten geblieben ist. Mich würde interessieren, ob es noch so riecht, wie ich es in Erinnerung behalten habe, oder ob Damien schon einen neuen Teppich für das Wohnzimmer gekauft hat, nachdem der alte ja von einem Weinfleck gezeichnet wurde. Stehen seine Medaillen noch im Flur? Und was ist mit der Aussicht im Gästezimmer. Verschlägt es mir weiterhin die Sprache?

Aber der andere Teil von mir hat Angst, mich meiner Vergangenheit zu stellen. Ich hatte längst mit diesem Lebensabschnitt abgeschlossen. Fast hätte ich ihn vergessen – zumindest redete ich mir dies die letzten Wochen ein, während ich mich dabei ertappte, dass ich doch immer wieder an ihn denken musste. Würde ich die Zeit bei ihm zu Hause ungeschehen machen wollen? Wahrscheinlich schon. Doch hätte ich tatsächlich die Wahl, dann weiß ich, dass ich es nicht könnte. Da ist dieses Gefühl, welches sich eng um mein Herz schmiegt, und manchmal ist es schmerzhaft langatmig, und an anderen Tagen nimmt es mir die Ruhe.

»Bitte tu es für mich, Birdie.«