The Ravens Cry - Emma Kress - E-Book

The Ravens Cry E-Book

Emma Kress

0,0

Beschreibung

Faye wollte nur eins. Vergessen. Nachdem sie vor ihrem gewalttätigen Ex Freund flieht, hat sie nur eins im Kopf. Ein neues Leben beginnen, fernab der Vergangenheit, fernab von Liebe. Doch dann trifft sie Caleb. Sein Blick ist zu intensiv, seine Nähe zu vertraut, sein Schweigen zu gefährlich. Etwas an ihm zieht sie an wie Licht den Schatten. Und doch spürt sie, dass hinter seiner Ruhe mehr liegt als bloße Anziehung. In einer Stadt, aus schweigen und Schnee, gerät Faye in ein Spiel aus Sehnsucht und Geheimnissen, das sie an ihre Grenzen bringt. Denn manche Begegnungen fühlen sich nicht zufällig an. Manche Seelen erkennen sich wieder. Selbst dann, wenn sie es nicht sollten. Doch es gibt einen schmalen Grad. Ihre Seele zu retten, oder sie nicht vor demjenigen beschützen zu können, der sie am meisten begehrte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Emma Kress

The Ravens Cry

Dark Fantasy Romance

„Ein Monster, das mich jagt.

Ein Monster, das mich liebt.

Es hat nicht lange gedauert, um zu merken, dass er beides ist. “

Dieses Buch enthält sensible Inhalte, darunter sexuelle Inhalte, Trauma und Gewalt.

„Für meinen Papa, der das hier leider niemals lesen wird.

Für meine Mama, die ich selbst jetzt noch anrufen kann, wenn ich eine Grippe habe.

Für meinen Stiefvater, der mich wieder auf den richtigen Weg geführt hat.

Für meine Schwestern, die Großartiges geleistet haben.

Für meine Oma, die in diesem Buch einen Ehrenplatz hat. Für Krystyna, die sich mehr Buchideen und Kurzgeschichten anhören musste als jeder, den ich kenne.

Und für Espen – ohne den ich mir diesen Traum niemals hätte erfüllen können.“

„Eins… zwei… drei…“ Seine Stimme war ruhig, unbeeindruckt. Er genoss jede einzelne Sekunde. Mein Puls trommelte im Takt. Ich schoss die Treppe hoch.

Die erste Etage roch nach Holz und alten Büchern — überall standen Regale, und hinter einem lag ein verwinkeltes Gästezimmer, dessen Tür nur angelehnt war. Stattdessen schlüpfte ich hinter eine schwere Gardine im Flur und presste mich an die Wand.

Ich wollte mich verstecken.

Wollte gefunden werden.

Wollte fliehen.

Wollte bleiben.

„…zehn, elf…“ hörte ich Caleb murmeln. Sein Tempo war absichtlich gemächlich. Jede Sekunde schien wie eine Ewigkeit.

Seine Stimme setzte wieder ein, ruhig, als würde er einen Brief vorlesen: „…fünfzehn, sechzehn…“

Ich zählte leise in meinem Kopf, aber seine

Zeit blieb

länger als meine Geduld.

„Neunzehn… zwanzig.“

Seine Hand strich vorsichtig über die Oberkante einer Kommode; das leise Knistern eines Papiers war die einzige Geräuschquelle, die die Stille unterbrach. Er kommt näher.

“Weißt du, was Kontrolle bedeutet, mein Herz?“

Seine Stimme klang nah, doch gleichzeitig fern. Mein Atem zitterte.

„Es bedeutet, die Situation, den Zustand, die Zukunft und Präsenz eines Menschen bestimmen zu können…“

Seine Stimme klang amüsiert. Spielerisch. Gefährlich ruhig.

„Aber das Problem ist…“ Seine Schritte wurden langsamer, weicher, so leise, dass nur meine Panik sie hörte. „Bei dir weiß ich nicht, ob ich die Kontrolle habe.“

Eine Pause. Dann tiefer, fast ein Knurren: „Oder du.“

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Prolog

Ich hatte nicht viel Zeit. Das wusste ich. Doch, wie viel mir wirklich blieb, wusste ich nie. Oliver gönnte mir keine Gewissheit.

Allzu oft hatte ich mich gefragt, wer er morgen sein würde. Oder nächste Woche. Oder in einer Stunde. Oder in fünf Minuten. Würde er meine Lippen küssen – oder sie blutig schlagen? Seine Launen waren eine Uhr ohne Zeiger. Ich lebte in ständiger Erwartung des nächsten Schlags, des nächsten Lächelns, beides gleich tödlich.

Diesmal nicht.

Ich nahm kein Taxi. Er hätte es zurückverfolgt. Wie immer. Er konnte jede Spur finden, jeden Schritt deuten, jedes Alibi zerlegen. Also ging ich zu Fuß, solange, bis meine Beine brannten. Dann stieg ich in einen Bus. Dann in den nächsten. Dann in den Zug. Und wieder in den nächsten. Ich fuhr in Schleifen, in Kreisen, als könnte ich ihn mit jeder Kurve, jedem Halt, jedem Umstieg verwirren.

Das Zittern meiner Hände ließ nicht nach. Ich legte die Finger an die Fensterscheibe, als müsste ich prüfen, ob sie wirklich da war – die Welt draußen, frei, unberührt von ihm. Jede Bewegung der Lichter dort draußen, jedes fremde Gesicht im Spiegel der Scheibe war wie ein Test: Bin ich noch hier, oder verfolgt mich sein Schatten bis in die Sitze dieser Waggons?

Jedes Gesicht im Bus war eine Maske, hinter der er lauern konnte. Jeder Mann, der zu lange hinsah, ließ mein Herz rasen. Eine Hand zu nah an meiner Tasche, ein Blick, der nicht rechtzeitig abbrach, reichte aus, um mein Innerstes an die Decke zu jagen. Aber ich hielt den Blick starr auf das Glas, als könnte ich durch Willen die Außenwelt festhalten, damit sie mir nicht entglitt.

Doch der Gedanke an das, was hinter mir lag, war schlimmer.

Die Wohnung.

Die Türen, die nie mehr knarrten, sondern nur noch zuschlugen.

Die Ruhe danach, die lauter war als jeder Schrei.

Zwischen dem Neonlicht und den fremden Stimmen begann ich, etwas in mir zu entwickeln. Es war keine Hoffnung, kein Mut – nur eine neue Fassade, ein Name, ein Gerüst, das ich mir selbst schuf. Eine Identität, die er mir nie wieder wegnehmen konnte.

Ich zog einen zerknitterten Zettel aus meiner Jackentasche und schrieb meinen Namen darauf. Dann strich ich ihn durch und schrieb einen neuen, den ich ebenfalls durchstrich. Dieser Prozess wiederholte sich immer wieder, bis die Buchstaben zu verschwimmen begannen. Ich hatte das Gefühl, dass jede Version von mir verschwinden konnte, außer der einen, die er nie wieder berühren würde.

Meine Hand umklammerte den Stift, als ginge es um mein Überleben. Ich konnte kaum noch erkennen, welche Buchstaben zu mir gehörten. Mir war nur klar: Ich wollte, dass er keinen einzigen von ihnen mehr aussprechen durfte.

Der Bus schwankte, bremste und setzte seine Fahrt fort. Menschen stiegen ein und aus, Stimmen wechselten, Schuhe knarrten, Türen quietschten. Ich beobachtete jede Bewegung und jeden Schatten, als wäre die Welt ein Schachbrett, auf dem ich nur überleben konnte, wenn ich jeden Zug vorhersehen konnte.

Ich sah ein Paar im Flur. Der Mann legte seine Hand auf ihren Rücken – ein kleiner Reflex, der Schutz und Nähe signalisiert. Plötzlich wurde mir übel. Ich schloss die Augen und fühlte sofort wieder seine Finger, doch sie waren kalt, besitzergreifend und schufen kein Gefühl von Schutz, sondern hinterließen einen Stempel. Ich zwang mich, die Augen zu öffnen. Das Paar war verschwunden. Stattdessen sah ich nur fremde Gesichter,

Ich stieg wieder in den Bus, wechselte dann den Zug. Jeder Halt bedeutete einen Atemzug mehr, jeder Umstieg eine weitere Schicht zwischen mir und ihm. Dennoch… ich fühlte ihn. Nicht als Person, sondern als Präsenz, die sich in meine Haut eingebrannt hatte. Ich wusste, dass es lange dauern würde, bis schon der Gedanke an Schritte im Flur mein Herz an den Hals treiben würde.

Die Sitze waren vom alten Stoff durchdrungen, während die Lampen leise summten und jemand mit offenem Mund schlief. Ich suchte in meiner Tasche nach meinen wenigen Sachen, nutzte meine Finger, um sie zu zählen. Es war nichts Wertvolles dabei – kein Schmuck, keine Erinnerungsstücke, die er mir wegnehmen könnte. Nur Papier – ein Notizbuch und ein Foto meiner Mutter. Ihr Lächeln war verblasst, doch ich hielt es fest zwischen den Fingern, als könnte es mir Halt geben.

Meine Augen brannten vor Erschöpfung, doch ich durfte nicht einschlafen. Schlaf schien eine Einladung, die in meine Träume eindringen und mich dort finden könnte. Alle Gedanken daran schnürten mir die Kehle zu. Ich blieb wach, indem ich Wörter und Sätze in meinem Kopf wiederholte. Passagen, Fragmente, Zeilen aus den Büchern, die ich geschrieben hatte. Szenen, die ich in meinem Geist nachspielte. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie meine Figuren in der Realität aussehen würden – ihre Persönlichkeiten, Geheimnisse, Ängste und die Dinge, die sie liebten.

Du bist nicht mehr dort.

Er hat keine Schlüssel mehr zu dir.

Du atmest. Du bist unterwegs.

Der Zug pflügte durch die Nacht, außen zog nur Dunkelheit vorüber. Kein Horizont, keine Häuser, keine Stimmen. Nur das dumpfe Vibrieren der Schienen, ein gleichmäßiger Herzschlag, der nicht meiner war, aber der einzige, den ich ertragen konnte.

Ich blickte in die Scheibe und sah mein Spiegelbild: blass, mit Augenringen und aufgerissenen Lippen vom Zusammenbeißen. Doch dort war auch etwas anderes – eine Frau, die noch immer da war. Gezeichnet. Aber definitiv nicht weg.

Ich stellte mir vor, wie er jetzt durch die Wohnung ging, Türen öffnete, Schubladen durchwühlte und meinen Namen rief – wütend, gelassen, spöttisch. Ich hörte es in meinem Kopf, als wäre es real. Ich versuchte, mir die Ohren zuzuhalten, doch das half nie. Nur die Entfernung brachte Erleichterung – und sie wuchs mit jedem Kilometer.

Meine Beine zuckten, als hätte ich immer noch den Reflex, aufzuspringen, loszurennen oder zu fliehen. Dennoch saß ich still. Ich blieb ruhig sitzen und ließ den Zug mich weitertragen.

Dann schrieb ich erneut. Keine Namen, keine Pläne. Nur Worte, die mir einfielen, wie Regentropfen: Schnee. Schatten. Atem. Glas. Fremd. Sie machten keinen Sinn, gehörten mir aber. Sie waren keine Anweisungen, kein Urteil oder Drohung. Sie waren frei.

Als sich die Türen des letzten Busses schlossen und die Dunkelheit der Landstraße die Fenster verbarg, wurde mir klar: Es gab keinen Weg mehr zurück.

Nur noch vorwärts.

Aber in mir war eine Stimme, die flüsterte: Vorwärtsgehen ist nicht immer sicher. Es bedeutet nur, dass man anders vorangeht.

Und trotzdem hielt ich an meinem Glauben fest, weil es für mich das Einzige war, was blieb.

Kapitel 1

Ich stellte den letzten Karton ab.

Meine Finger zitterten leicht, nicht vor Kälte, sondern weil der Gedanke, dass dies hier wirklich mein Zuhause war, sich immer noch fremd anfühlte.

Ich hatte die Möbel zu einem günstigen Preis erworben. Das, was ich zuvor zu Hause gehabt hatte, schmiss ich weg. Vielleicht half es mir, von Grund auf neu zu beginnen, um wirklich neu anzufangen. Vielleicht war ich aber auch nur ein typischer Fall von bewusstem Verdrängen.

Ich machte den Kamin an und blickte hinaus. Schnee.

Die Schneeflocken schwebten in dichten Bahnen herab, als wollten sie alle um meine Aufmerksamkeit werben, jede mit ihrer einzigartigen Zartheit prahlend. Ich musste zugeben — sie hatten recht. Sie waren schön. Atemberaubend schön.

Dieses kleine Cottage war voller Charme. Außen zeigte es eine verwitterte Holzverkleidung, die nach Jahrzehnten roch, während im Inneren knarrende Dielen unter meinen Schritten sangen und mich zu begrüßen schienen. Überall lag eine Mischung aus Alter und Geborgenheit. Die Wände waren noch nicht vollständig dekoriert, doch das Haus wirkte auf seine Art vollkommen — mit den großen Fenstern, durch die der Schnee wie eine endlose Kulisse fiel, und dem Dachfenster, das den Nachthimmel fast berührte.

In der Küche summte ein alter Kühlschrank, so leise, dass es eher nach Herzschlag klang. Daneben stand ein schmaler Tisch, den ich auf einem Flohmarkt ergattert hatte. Kein Luxus, nur Zweckmäßigkeit. Aber vielleicht war es genau das, was mir guttat: alles so leer, dass es noch nicht nach mir aussah. Ein Raum, der darauf wartete, dass ich ihm meine Geschichte einschreiben würde.

Der angenehmste Ort war jedoch das Arbeitszimmer. Ein dunkelbrauner, weicher Sessel, der mich fast verschlang, sobald ich mich hinsetzte. Mein Schreibtisch stand direkt unter dem Fenster, ordentlich und fast steril, als müsste er noch mit Geschichten gefüllt werden. Über die Wand erstreckt sich ein großes Regal, das bereits unter dem Gewicht meiner Vergangenheit ächzte: Psychologiebücher, Philosophie, Romane, Klassiker. Dazwischen lagen kleine Erinnerungsstücke — eine Schneekugel, ein altes Foto, eine getrocknete Blume. Darüber hinaus Van Gogh: Sterne, Felder, Wirbel — Farben, die gleichzeitig Schmerz und Schönheit ausriefen.

Ich mochte ihn, weil er das Chaos ehrte. Vielleicht, weil auch in mir Chaos lebte.

Mein Blick blieb am Schreibtisch haften, an dem leeren Notizbuch, das ich heute Morgen hingelegt hatte.

Es lag da wie eine stille Herausforderung.

Ein weißes Meer, das gefüllt werden wollte.

Ich war Autorin. Das bedeutete, Worte zu finden, auch wenn sie sich weigerten, Geschichten zu erschaffen, obwohl mein Kopf nur Lücken zeigte. Ich seufzte. Der Umzug hatte mich erschöpft, doch gleichzeitig war mir klar: Hier, in dieser Abgeschiedenheit, musste ich es schaffen. Irgendwann. Bald.

Es war erstaunlich einfach, ein neues Leben zu beginnen. Ein neues Ich. Selbst wenn Oliver mich googlen und finden könnte, würde er niemals nach Kanada reisen. Außerdem hielt ihn die am letzten Tag durchgesetzte einstweilige Verfügung davon ab. Ich wählte diese kleine Stadt absichtlich aus. Und auch dieses Cottage. Hier war nichts. Dreißig Minuten zu Fuß bis in die Stadt. Zehn Minuten bis zum nächsten Haus. Nur Wald, Schnee und ein manchmal zu lautes Schweigen. Und doch — es war wunderschön. Das Holz atmete Geschichte. Der Kamin warf ein Licht, das die Schatten in goldene Linien verwandelte. Selbst die unfertigen Kartons im Wohnzimmer hatten etwas Tröstliches, fast so, als wären sie Teil des Prozesses. Kein perfekt gestyltes Haus aus einer Zeitschrift, sondern ein Ort, der nach und nach mir gehören würde.

Ich schmunzelte.

Dieses Haus, dieser Ort … war wohl der Traum eines jeden Serienkillers. Irgendwie ironisch, dass ich genau dorthin zog, wo mich niemand schreien hören konnte.

Vielleicht war das der Punkt. Damals hatte man meine Schreie gehört — und trotzdem nichts unternommen. Also war es eigentlich egal, ob man mich hören konnte oder nicht.

Wer weiß. Vielleicht würde ich ja irgendwann jemanden kennenlernen. Vielleicht sogar nach Jahren mal wieder Sex haben. Mit jemandem, der nicht aussieht, als wäre er sein eigener Steuerberater.

Ich zog einen kleinen Zettel aus der Jackentasche. Meine „To-do-Liste für heute Abend“:

– Buch

– Wein

– Irgendein schlechter Film, der mir beweist, dass mein Leben doch gar nicht so furchtbar ist, wie es scheint

– Irgendwann mal wieder Sex haben.

Ein trockenes Lachen löste sich aus meiner Kehle, leiser als das Knistern des Feuers.

Ich legte die Liste auf den Couchtisch, ging in die Küche und öffnete die Flasche, die ich mir am ersten Tag in der Stadt gekauft hatte — ein billiger Rotwein, der nach Eisen schmeckte. Dennoch erfüllte er seinen Zweck. Das Glas füllte sich schwer und dunkelrot. Ich nahm es mit zurück ins Wohnzimmer, ließ mich auf die Couch fallen und starrte in die Flammen.

Der erste Schluck brannte, der zweite beruhigte. Ich zog die Decke über meine Beine, als wollte ich mir selbst sagen, dass ich noch hier war, noch atmete.

Vielleicht war das der Anfang. Vielleicht nur die Stille vor dem nächsten Sturm.

Der Wein lag schwer in meinem Magen, war warm in meinen Adern — fast wie eine zweite Decke. Ich schaute ins Feuer, in der Hoffnung, darin Antworten zu finden. Stattdessen kamen Erinnerungen.

Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar, lehnte den Kopf an die Sofalehne und ließ die Erinnerungen wie Rauch durch den Raum ziehen.

Der Kamin knackte, der Wind zog durch die Wände. Ich nahm noch einen Schluck Wein.

Das Glas war halb leer, als ich den Fernseher einschaltete. Der Bildschirm flackerte, zeigte einen alten Film, den irgendein Sender mitten in der Nacht ausstrahlte. Irgendetwas zwischen Thriller und Komödie, so absurd schlecht, dass ich lachen musste. Vielleicht war das der Punkt: Lachen, bis man spürt, dass das Leben nicht so schrecklich ist, wie man denkt.

Ich zog die Beine an, zupfte die Decke bis zum Kinn und stellte das Glas neben mich. Für einen Moment fühlte es sich wie ein Zuhause an. Ein kleiner Moment, in dem ich glaubte, dass das vielleicht funktionieren könnte.

Doch dann, als die Figuren auf dem Bildschirm schrien und sich verfolgten, wurde die Realität zu einem Albtraum.

Ich schlief ein und träumte.

Von Schritten auf Fliesen, von Stimmen, die meinen Namen flüsterten, von Händen, die zu fest zudrückten, von Schreien, die niemand hören wollte. Ich versuchte zu rennen, doch meine Beine gehorchten nicht. Der Boden war weich wie Wasser, doch ich sank immer tiefer, bis ich keine Luft mehr

Kapitel 2

Ich schrak hoch.

Schweiß klebte auf meiner Stirn, mein Herz raste so sehr, dass ich glaubte, es würde mir die Rippen sprengen. Das Glas neben mir schwankte gefährlich am Rand des Tisches, ein Tropfen Wein rann über die Kante, als wollte er gleich zu Boden stürzen.

Meine Hand fuhr instinktiv zu meinem Hals. Dort, wo ich eben noch Olivers Hand gespürt hatte — kalt, fest, gnadenlos. Der Druck lag mir noch in den Muskeln, als hätte er Spuren hinterlassen, die niemand sehen konnte.

Der Kamin brannte noch.

Die Flammen warfen Schatten über die

Wände, die sich bewegten, als hätten sie ein Eigenleben.

Der Film auf dem Fernseher war längst vorbei. Jetzt lief ein alter Schwarz-Weiß-Streifen, die Figuren sprachen in einer Sprache, die ich nicht verstand. Vielleicht Französisch, vielleicht Italienisch. Ich wusste es nicht. Es war egal. Meine Gedanken waren zu laut, um irgendetwas anderes zu hören.

Ein Seufzen entwich mir, zittrig, müde.

Nur ich war noch übrig.

Der Kamin… er war warm.

Oder ich redete es mir ein, hielt mich verzweifelt an diesem Gefühl fest, als könnte die Hitze der Flammen beweisen, dass ich noch hier war. Dass nicht alles nur ein Traum war. Dass ich nicht wieder zurückgerissen wurde. Ich atmete schwer, wischte mir die Stirn mit dem Ärmel ab. Das Zittern meiner Hände hörte nicht auf. Meine Brust zog sich bei jedem Atemzug enger zusammen, bis es wehtat.

Dann griff ich nach dem Glas, leerte den letzten Rest mit einem Zug und stellte es entschlossen weg, als könnte ich damit einen Schlusspunkt setzen. Einen Schnitt zwischen dem Davor und dem Danach.

Ich zwang mich aufzustehen. Meine Beine fühlten sich an, als gehörten sie mir nicht, doch ich bewegte sie trotzdem, Schritt für Schritt. Ich zog meinen Cardigan enger über den Pullover, als ich die Terrassentür öffnete und hinaustrat.

Die Kälte traf mich sofort, bissig, klar, gnadenlos ehrlich. Ich wusste nicht, was ich erwartete. Dunkelheit vielleicht. Nichts. Oder alles. Aber die Sterne waren da. So klar, so scharf, dass es fast schmerzte, hinzusehen.

Ich atmete tief ein, doch egal wie oft ich es versuchte, es schien nie genug zu sein. Es fühlte sich an, als wäre die Luft zu dünn, zu leer, um das Chaos in mir zu füllen.

Vielleicht hoffte ich, dass die Kälte lauter war als meine Gedanken und das Dröhnen in meinem Kopf einfrieren könnte. Doch anstatt zu helfen, machte sie alles nur schärfer: die Dunkelheit, die Leere, die Erkenntnis, dass hier alles fremd war.

Und doch… war es vertraut.

Wie ein Ort, den man in einem Traum schon einmal gesehen hat, ohne ihn je betreten zu haben.

Es ergab keinen Sinn.

Aber nichts an meinem Leben schien noch Sinn zu machen.

Ein Laut durchbrach die Stille.

Klar, rau, fast feierlich: das Krächzen eines Rabens in der Ferne.

Mein Herz stolperte.

Dieses Geräusch war seltsam beruhigend, als hätte es eine Botschaft, die ich nicht verstand – vielleicht ein Versprechen, oder nur ein Echo aus der Nacht.

Dann ertönte es erneut. Näher.

Ich hörte das Flattern von Flügeln. Wie mich zwei pechschwarze Augen durchdringlich anblickten.

Wie in Trance streckte ich die Hand aus.

Schlief ich gerade?

Der Rabe, der auf dem Geländer vor mir gelandet war, war atemberaubend schön, aber überraschend groß.

Er verweilte ein paar Sekunden, als würde er mich analysieren. Dann krähte er erneut, und flog davon.

Ich streifte mir über mein Gesicht. Ich war so erschöpft, dass ich kaum noch unterscheiden konnte, was real war und was nur Einbildung.

Ich verharrte einen Augenblick länger, während die kalte Luft meine Lungen füllte und das Rabenlied nachklang.

Dann atmete ich noch einmal tief die frostige Luft ein, drehte mich um und schloss die Terrassentür hinter mir.

Kaum war die Tür geschlossen, hörte ich bereits ihre Schritte im Flur. Dann öffnete sich die Tür, und Aysima stand vor mir. Für einen kurzen Moment sahen wir uns nur an – dann fiel sie mir so leidenschaftlich in die Arme, dass wir fast beide rückwärts ins Wohnzimmer taumelten.

„Ich kann es immer noch kaum fassen!“, rief sie und hielt mich fest, als fürchte sie, ich könnte gleich wieder verschwinden. „Nur eine Stunde. Eine einzige Stunde! Ich könnte einfach ins Auto steigen und bei dir sein.“

Ich lachte, während meine Augen brannten.

„Du erdrückst mich.“

„Ja, und ich hör nicht auf damit“, sie drückte mich noch fester. „Weißt du eigentlich, wie viele Jahre ich darauf gewartet habe?“

„Vielleicht ein paar zu viel?“, neckte ich, aber ich ließ sie nicht los. Es war diese Art Umarmung, die einem für einen kurzen Moment das Gefühl gab, das einfach alles wieder gut werden würde. Ihr Geruch – Shampoo, Vanille, eine Spur Zimt – war so vertraut, dass er mich wie eine Decke umfing.

Nach dem College ist sie in ein anderes Land gezogen, und Oliver hatte mir nie erlaubt weit weg zu gehen.

Es wirkte so unreal.

Sie jetzt hier zu halten. Nach all dem Horror. Nach allem, was geschehen war.

Schließlich löste sie sich ein Stück, sah mich an, als müsste sie prüfen, ob ich wirklich da war. „Du wohnst jetzt hier. Und ich wohne da. Eine Stunde. Keine tausend Kilometer, keine albernen Telefonate mitten in der Nacht. Ich kann dir jederzeit auf die Nerven gehen.“

„Das hast du schon immer geschafft.“

Sie lachte hell, nahm meine Hand und zog mich ins Wohnzimmer., als würde das Haus bereits ihr gehören.

Es war im Grunde schon fertig eingerichtet. Zumindest redete ich mir das selbst ein. Das Sofa stand an seinem Platz, der Teppich lag ausgebreitet, der Kamin knisterte leise. Auch das Regal war schon vollgestellt mit Büchern und Kerzen. Und doch wirkte alles noch unfertig – überall stapelten sich halb geöffnete Kartons, als würde das Haus mich daran erinnern wollen, dass ich noch nicht ganz angekommen war.

Aysima sah sich um, ihre Augen glänzten. „Oh, es ist so schön hier. So richtig du. Aber…“ Sie deutete auf die Kartons. „Es schreit nach Arbeit.“

„Ich hab’s versucht, ehrlich. Aber irgendwann…“ Ich zuckte die Schultern. „Irgendwann sitzt man nur da und starrt die Kisten an.“

„Dafür bin ich ja hier“, sie warf ihre Tasche in die Ecke, rollte sich den Ärmel hoch wie eine Archäologin vor einer Ausgrabung. „Heute machen wir aus deiner Wohnung endlich ein Zuhause. Dekokram, Erinnerungen, alles, was dich verrät.“

Ich verzog das Gesicht. „So schlimm bin ich nicht.“

„Oh doch.“ Mit einem übertrieben ernsten Blick zog sie mit dem Fuß einen Karton heran, setzte sich auf den Boden und griff hinein.

Ich ließ mich neben sie sinken. Zwischen uns standen zwei Teetassen, zerknülltes Zeitungspapier und eine leere Pizzaschachtel vom Vorabend. Sie grinste breit und tauchte in den Karton.

„Beweisstück Nummer eins“, sie hielt einen angelaufenen Kerzenständer hoch, als wäre es ein wertvoller Schatz.

Ich nahm den Gegenstand sofort an mich und stellte ihn auf den Kaminsims. „Der ist antik. Er hat Charakter.“

„Genau wie du.“

Nach und nach kamen die Gegenstände zum Vorschein, die ich seit Wochen vor mir herschob: eine Vase, ein Traumfänger, eingerollte Poster, alte Bücher, die nach Staub und Tinte rochen. Dinge, die keinen materiellen Wert hatten, aber dennoch bedeutungsvoll waren.

Dann hielt Aysima plötzlich ein Fotoalbum in den Händen. „Oh. Mein. Gott. College.“

„Bitte nicht.“ Ich wollte danach greifen, doch sie öffnete es bereits.

Mir lächelten meine jüngeren Ichs entgegen – mit zerzaustem Haar, Augenringen und zu viel Kajal. Arm in Arm, lachend, wie zwei Idioten, die dachten, die Welt gehöre ihnen.

„Das ist peinlich.“ murmelte ich und schlug mir die Hand vors Gesicht.

„Das ist Nostalgie!“ Sie lachte so frei, dass selbst die kahlen Wände für einen Moment weniger fremd wirkten. „Guck uns an. Wir waren… unaufhaltbar.“

Ich konnte nicht anders, als zu lächeln. Gleichzeitig fühlte es sich an, als würde ich jemand Fremden ansehen. „Das kommt mir vor wie ein anderes Leben.“

„Das war es auch“, sagte sie leise, und in ihrem Blick lag etwas Sanftes, das mich fast dazu zwingen wollte, nicht wegzusehen.

Unter den Seiten lag ein Umschlag. Ich öffnete ihn vorsichtiger, als ich wollte. Fotos meiner Mutter rutschten heraus. Mein Atem stockte.

„Faye…“ Aysimas Stimme wurde sanft, vorsichtig, als hätte sie Angst, die Erinnerung könnte zerbrechen.

„Ich vermisse sie…“, flüsterte ich. Meine Finger glitten über das Lächeln meiner Mutter, über die Hand meines Vaters, die so vertraut auf ihrer Schulter lag.

Dann blieb mein Blick an einem Bild hängen – aufgenommen im Garten unseres alten Hauses. Meine Eltern nebeneinander, die Sonne fiel warm auf sie. Doch hinter ihnen, im unscharfen Hintergrund, glaubte ich… etwas zu sehen. Einen Umriss. Eine Gestalt, die dort nicht hingehörte.

Mein Herz setzte für einen Schlag aus.

Ich blinzelte – und da war nichts. Nur Bäume. Nur Licht.

„Alles okay?“ Aysima sah mich besorgt an.

„Ja.“ Ich steckte die Fotos zurück in den Umschlag, der sich plötzlich schwer in meiner Hand anfühlte. „Nur... Erinnerungen.“ Es war still. Nur das Knacken im Kamin, das ferne Ticken der Uhr.

Dann holte Aysima ein eingerahmtes Foto hervor – wir beide auf einem Jahrmarkt, Zuckerwatte in den Händen, Wind in den Haaren. „Das müssen wir aufstellen. Sofort.“

Ich stellte es an die Wand, wo es sich gegen die weiße Fläche lehnte. Zum ersten Mal fühlte sich der Raum ein bisschen weniger fremd an.

„Vielleicht ist das der Trick“, murmelte ich.

„Nicht alles auspacken, nur das Richtige.“

„Das klingt nach einer Lebensphilosophie.“

Ich lächelte. Vielleicht hatte sie recht. Und vielleicht war es genau das, was ich brauchte: nicht alles auf einmal, sondern Schicht für Schicht. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – Seite für Seite, Bild für Bild.

Wie ein Wirbelwind fegte sie durch mein Wohnzimmer. Kaum fünf Minuten später hing eine Lichterkette über dem Kamin, als hätte sie schon immer dorthin gehört. Aysima drapierte alte Bilder auf die Anrichte, die kleinen Schneekugeln, die wir damals im College gesammelt hatten, bekamen einen Ehrenplatz am Fensterbrett.

„Du bist unmöglich“, lachte ich, als sie sich mit einer Mischung aus Stolz und Energie die Hände auf die Hüften stemmte.

„Unmöglich schön“, korrigierte sie selbstbewusst und stellte noch eine Kerze neben den Fernseher. „Siehst du? Jetzt schreit es nicht mehr ‚leeres Cottage im Nirgendwo‘, sondern ‚Pinterest-approved Cottagecore-Zuhause‘. Das sind zwei völlig verschiedene Energien.“

„Ich wusste nicht mal, dass ich Cottagecore will“, murmelte ich, während ich durch einen weiteren Karton wühlte und eine alte Schreibmaschine herauszog, die ich vor Jahren auf einem Flohmarkt ergattert hatte.

Ihre Augen leuchteten. „Oh mein Gott, die muss auf deinen Schreibtisch!“

„Die funktioniert nicht mal mehr.“

„Darum geht es nicht“, konterte sie und riss sie mir praktisch aus den Händen. „Sieht nach Geschichte aus. Nach Faye. Und du brauchst Dinge, die nach dir aussehen.“

Ich ließ sie gewähren, setzte mich mit einer Tasse Tee auf den Boden und beobachtete, wie sie sich durch mein halbfertiges Wohnzimmer arbeitete, jede Ecke mit Leben füllte. Jeder Karton, den sie öffnete, war eine kleine Zeitreise: ein zerknitterter Festivalpass, ein kaputtes Armband, eine alte Konzertkarte.

„Weißt du noch?“ fragte sie und hielt eine Schallplatte hoch, die wir damals in einer verregneten Nacht in einem Second-Hand-Laden gekauft hatten, nur weil das Cover nach Abenteuer aussah.

„Wie könnte ich das vergessen? Wir haben sie genau einmal aufgelegt und dann drei Stunden lang über das Cover diskutiert, statt die Musik zu hören.“

„Legendär“, seufzte sie und legte die Platte vorsichtig auf den Stapel „Erinnerungen“.

Das Wohnzimmer verwandelte sich Stück für Stück. Aus Kisten wurde ein Zuhause, aus Erinnerungen wurde Wärme. Und während ich zusah, wie Aysima jede Kleinigkeit so selbstverständlich an den richtigen Platz brachte, begriff ich, dass es nicht die Dinge selbst waren, die das Haus füllten. Es war ihre Energie. Ihre Hände, die jedes Bild zurechtrückten, ihr Lachen, dass die leeren Wände zum ersten Mal zum Echo brachte.

„Aysima… weißt du eigentlich irgendwas über diese Stadt?“

Sie hob eine Augenbraue, überrascht von meinem Ton. „Holy Sins?“

Ich nickte. „Ich meine… irgendwas, das ich wissen sollte. Bevor ich mich hier richtig einrichte. Bevor ich… bleibe.“

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum, ein Zeichen, dass sie ihre Worte sorgfältig abwog. Dann zuckte sie die Schultern. „Ehrlich gesagt? Nicht wirklich. Ich war selbst kaum hier. Die Stadt war nie so… auf unserem Radar. Ich kannte nur den Makler, den Rest hat er geregelt. Es ging alles schnell, und ich wollte einfach, dass du endlich wegkommst.“

„Hm.“ Ich sah in meine Tasse, als könnte ich darin eine Antwort finden. „Also weißt du genauso wenig wie ich.“

„Genau“, bestätigte sie, und diesmal war ihr Lächeln kleiner, fast entschuldigend. „Aber vielleicht ist das auch besser so. Weißt du noch, wie wir immer gesagt haben: ‚Alles Neue ist eine weiße Seite‘? Vielleicht brauchst du genau das. Keine Gerüchte, keine Vorurteile. Nur… Stille. Einen Neuanfang.“

„Stille“, wiederholte ich und ließ das Wort auf meiner Zunge zergehen. Es schmeckte gleichzeitig nach Freiheit und nach Gefahr.

Aysima legte ihre Hand auf meine. „Hey. Es ist nur eine Stadt. Und du bist nicht mehr allein, Faye. Ich bin nur eine Stunde entfernt.

Wenn irgendwas ist – egal was – dann steige ich ins Auto und bin hier.“

Ich nickte, drückte ihre Hand. „Ich weiß. Danke.“

Sie grinste wieder, diesmal mit der alten Energie. „Und bis dahin bleibe ich dafür zuständig, deine Einrichtung Pinterest-tauglich zu machen.“

Ich lächelte.

Ich werde dir morgen ein Update schicken. Mein Plan ist, meine Angst vor der Außenwelt zu überwinden und in die Stadt zu gehen. Irgendetwas an diesem Ort… zieht mich magisch an. Außerdem brauche ich Lebensmittel.“

Aysima nickte.

„Versteh ich, macht Sinn. Aber achte bitte auf dich selbst und vergiss dein Notizbuch nicht, falls die Inspiration dich packt.“

Kapitel 3

Als ich am nächsten Tag aufstand und ins Wohnzimmer ging, konnte ich nicht anders, als zu lächeln. Alles schien plötzlich viel lebendiger. Die Bilder, die Aysima und ich gestern aufgestellt hatten, die kleinen Dinge, die wir achtlos aus Kartons herausgenommen und auf Kanten, Regale und Fensterbänke verteilt hatten – sie wirkten so, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich atmen zu dürfen. Ich glaube, es ging mir nicht so sehr um das Aussehen, sondern darum, dass wir es zusammen gemacht hatten. Ihre Hände neben meinen, ihr Lachen, das noch immer wie ein Echo in der Luft hing. Ich machte mir einen Kaffee. Der Duft verbreitete sich warm, vermischte sich mit dem schwachen Rauchgeruch vom Kamin vom Vorabend. Für einen Moment war alles nur das Blubbern der Maschine, das Klirren der Tasse – so alltäglich, dass es fast wie Zauber erschien. Fast so, als hätte ich einen kleinen Teil Normalität in Gläsern und Tassen konserviert. Dann klingelte mein Handy. Der Bildschirm zeigte: Lisa. Meine Lektorin.

Ich musste schmunzeln, ehe ich abhob. Lisa war in meinem Alter, scharf, klug, unfassbar talentiert – und eine der wenigen Menschen, die wirklich wussten. Die meine Geschichte kannten. Warum ich verschwunden war. Warum ich diese neue Stadt, dieses neue Leben brauchte.

„Hallo Lisa“, sagte ich, und meine Stimme klang heller, glücklicher, als ich mich eigentlich fühlte.

„Hallo Faye! Schön, deine Stimme zu hören.“ Man konnte förmlich hören, wie sie lächelte. „Hast du dich schon gut eingewöhnt?“

Ich ließ meinen Blick schweifen – die noch nicht ausgepackten Kartons, den Bücherstapel, den ich gestern zum Sortieren begonnen und im Chaos vergessen hatte. Ich seufzte, ließ mich auf die Couch fallen und zog die Decke über meine Beine.

„So in etwa.“

Lisa lachte leise, wissend. Sie kannte meine halbfertigen Antworten. Meine Umwege.

„Ich möchte dir auf keinen Fall Druck machen“, begann sie sanft, „aber… ich hoffe natürlich, dass dir der neue Ort, deine neue Heimat, Inspiration geben. Dass du hier vielleicht wieder schreiben kannst.“

Ich lehnte den Kopf zurück, schloss die Augen für einen Moment. Ihr Ton war nicht streng, nicht fordernd – eher wie eine Hand, die mich sachte in die richtige Richtung schob.

„Ich glaube, das wird auf jeden Fall helfen“, murmelte ich. „Heute ist mein erster Tag in der Stadt. Alles fühlt sich schon jetzt so… geheimnisvoll an. Ich bin sicher, mir fällt bald die nächste Geschichte ein.“

Selbst durchs Telefon konnte ich ihr Lächeln hören.

„Das freut mich. Wir alle glauben an dich, Faye, und an dein nächstes Buch.“

Ein Knoten in mir zog sich zusammen. Wir alle glauben an dich. Aber… glaubte ich selbst an mich? Ich war mir unsicher. Ich wollte es, doch Wollen und Glauben sind zwei unterschiedliche Dinge.

„Danke, Lisa“, sagte ich ruhig. „Ich werde dich informieren, sobald mir Ideen einfallen.“

„Das reicht mir. Mach dir keinen Stress. Deine Stimme ist da. Sie wird dich finden.“

Als wir auflegten, blieb ich noch eine Weile mit dem Handy in der Hand sitzen. Der Kaffee war längst kalt geworden, doch der Geruch hing noch in der Luft. Und irgendwie… wirkte er wie ein Versprechen.

Zu meinem unfassbaren Glück hatte ich ein Auto.

Ein Auto.

Mit leerem Tank.

Denn warum sollte eine Frau wie ich, Faye Lyncton, auch nur jemals einen vollen Tank haben?

Wer braucht schon einen vollen Tank?

Vielleicht könnte ich den Schnee in Kokain verwandeln und einfach in die Stadt rennen, anstatt mein Auto zu benutzen. Zumindest würde ich schneller erfrieren – und dabei vielleicht vergessen, dass ich eigentlich ziemlich schlecht darin war, mein Leben zu organisieren. Und ehrlich? Ich wäre vermutlich glücklicher. Ich hatte jedenfalls noch nie von jemandem gehört, der auf Kokain unglücklich war.

Ich seufzte, wählte den Taxi-Service, während ich mir meinen Mantel überstreifte. Ich würde mich an die Kälte gewöhnen müssen. Und zwar schnell.

Ich packte meine Tasche, die ich vor Jahren an einem Ort für viel zu viel Geld gekauft hatte. Von all den Dingen, die ich zurückgelassen hatte, war sie das Einzige, was ich noch bei mir trug. Vielleicht, weil ich sie nicht loslassen konnte. Vielleicht, weil sie ein Beweis war. Ein letzter Überrest der Frau, die ich einmal gewesen war, bevor alles zerbrach.

Ich zog den Reißverschluss meiner Stiefel hoch, schnappte mir den Schal und öffnete die Tür. Sofort schlug mir die kalte Luft entgegen, bissig und klar. Schneekristalle, so fein wie Puderzucker, setzten sich auf meine Wimpern.

Das Taxi kam mit knirschenden Reifen die Auffahrt hoch. Gelb, ein wenig verbeult, als wäre es aus einem alten Film entlaufen. Rauch stieg träge aus dem Auspuff und hing in der Luft, wo er sich langsam mit den Schneeflocken mischte. Ich rieb meine Hände aneinander, während mein Atem in weißen Schwaden aufstieg. Jeder Muskel meines Körpers konzentrierte sich darauf, jetzt bloß nicht hinzufallen. Ich konnte schon auf normalem Boden stolpern – Eis war also mein natürlicher Feind.

Alles um mich herum wirkte surreal.

Nicht mehr die sonnige Einfahrt mit dem hellbraunen Briefkasten und dem frisch gemähten Rasen. Keine Nachbarn, die mir zuwinkten, nur um dann wieder in ihr Hamsterrad zu verschwinden. Keine hupenden Autos, kein Frühverkehr, kein Geschrei.

Ich trat vor die Haustür – und es war … ruhig.

So still, dass es wie ein Gemälde wirkte. Nur Weiß, schichtweise aufgetragen, mit einigen Bäumen am Rand als Umrahmung. Und ich liebte es. Ich hatte nicht erkannt, wie sehr ich diese Ruhe gebraucht habe. Vielleicht schon immer.

Das Taxi kam zum Stillstand, ich öffnete die Tür. Im Inneren roch es nach Kaffee und Haselnuss? Süßer Sirup mischte sich mit dem kalten Leder. Der Fahrer, ein Mann Mitte fünfzig, sah mich durch den Rückspiegel an. Tiefe Falten, dunkelbraune Augen und ein schiefes, freundliches Lächeln. Wenn er hier Taxi fuhr, wusste er Dinge, die ich nicht kannte – und genau das war das Wichtigste.

Ich setzte mich auf den Rücksitz. Dabei erwischte ich wie üblich den falschen Gurt und schnallte meine Tasche fest, während ich ungesichert daneben sitzen blieb.

Der Fahrer räusperte sich, und erst, als ich seinem Blick folgte, bemerkte ich es: Meine Handtasche war jetzt sicherer angeschnallt als ich.

„Äh…“, stammelte ich, unfähig, eine elegante Antwort zu finden, und brachte nur eine unbeholfene Entschuldigung raus. Während ich hastig den richtigen Gurt anzog, wurden meine Wangen so heiß, dass man sie hätte in Gläser füllen und ausschenken können.

Er nickte schmunzelnd, startete den Wagen und fuhr los. Ich spielte nervös mit meinem Schlüsselanhänger, während mein Blick nach draußen glitt. Weiß. Bäume. Noch mehr Schnee. Es war wie die langweiligste und gleichzeitig schönste Naturdokumentation, die ich jemals gesehen hatte.

„Verzeihen Sie die Frage“, begann er nach einer Weile, seine Stimme rau, aber freundlich, „aber in Holy Sins verbreiten sich Informationen schnell. Sind Sie die Autorin, nicht wahr?“

Ich nickte, mit einem kleinen, vorsichtigen Lächeln.

Er hebte die Augenbrauen, sah mich im Rückspiegel an. „Sie waren das Hauptthema der Stadt im letzten Monat.“ Ein kurzes Lachen, Kopfschütteln. „Hier gibt es kaum Neues. Und dann ziehen Sie plötzlich in das alte, jahrelang leerstehende Haus im Nirgendwo.“

Ich hob die Augenbraue. „Ach ja?“

Er nickte ernst. „Und nur zehn Minuten entfernt von Seva Espen.“

Der Name fiel wie ein Stein in Glas.

„Seva Espen?.“ wiederholte ich langsam, als wollte ich sicherstellen, dass ich mich nicht verhört hatte.

Dieses Mal lächelte der Fahrer nicht. Seine Stimme wurde rauer und härter, fast, als hätte er eine Grenze überschritten. „Sie sind seine Nachbarin und wissen nicht, wer er ist?“ Ein leises Schnauben. „Na ja, eigentlich sollten Sie das auch nicht wissen. Trotzdem ... es überrascht mich.“ Wir fuhren auf eine größere, offene Straße. Links und rechts waren nur Schneefelder, durchsetzt mit kahlen Bäumen. „Seva Espen ist so wohlhabend, dass er die ganze Stadt kaufen könnte, ohne es zu spüren. Überwiegend, weil ihm bereits die Hälfte der Stadt gehört.“ Die Stimme des Fahrers klang rau, als ob er Rauch ausstieß. „Seltsam, dass Sie noch nie von der Familie Espen gehört haben.“

Ich blickte eine Weile hinaus und erinnerte mich an die Villa, die ich bei meinem Einzug gesehen hatte – groß, dunkel und einschüchternd. Ich dachte nicht weiter darüber nach, vielleicht weil ich es nicht wollte. Schließlich flüsterte ich so höflich wie möglich: „Danke fürs Bescheid sagen“, und fügte hinzu, „Und danke fürs Beruhigen.“