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Hollywood-Glamour trifft auf Body Positivity Ein Liebesroman mit besonderen Themen und besonderen Protagonisten Als einer der Stars der Hit-Serie Gods of the Gates hat Alexander Woodroe eigentlich alles, was er sich wünschen kann. Geld, Berühmtheit, jede Menge Angebote aus Hollywood. Doch er hasst die letzte Staffel der Serie. Das Finale ist ein Verbrechen an den Fans, und schlimmer noch: Die toxischen Beziehungen, die die Serie verharmlost, wecken Dämonen aus Alex' Vergangenheit. Als er unbeabsichtigt einen Skandal verursacht – Impulskontrolle war dank ADHS noch nie seine Stärke –, stellen ihm die Produzenten eine Aufpasserin an die Seite. Und so tritt Lauren Clegg in sein Leben. Die viel zu stille, viel zu ernste, viel zu faszinierende Lauren. Einer Herausforderung nie abgeneigt, schwört Alex sich, ihre kühle Distanziertheit zu durchbrechen. Dass sie herausfindet, dass er unter einem Pseudonym höchst unanständige Gods-of-the-Gates-Fanfiction schreibt, war allerdings nicht geplant … «Der Schreibstil ist exzellent, die Dialoge clever und witzig.» Library Journal Band 2 der Fandom-Trilogie.
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2022
Olivia Dade
Roman
Ein Skandal ist nur der Anfang …
Als einer der Stars der Hit-Serie Gods of the Gates hat Alexander Woodroe eigentlich alles, was er sich wünschen kann. Geld, Berühmtheit, jede Menge Angebote aus Hollywood. Doch er hasst die letzte Staffel der Serie. Das Finale ist ein Verbrechen an den Fans, und schlimmer noch: Die toxischen Beziehungen, die die Serie verharmlost, wecken Dämonen aus Alex’ Vergangenheit. Als er unbeabsichtigt einen Skandal verursacht – Impulskontrolle war dank ADHS noch nie seine Stärke –, stellen ihm die Produzenten eine Aufpasserin an die Seite. Und so tritt Lauren Clegg in sein Leben. Die viel zu stille, viel zu ernste, viel zu faszinierende Lauren. Einer Herausforderung nie abgeneigt, schwört Alex sich, ihre kühle Distanziertheit zu durchbrechen. Dass sie herausfindet, dass er unter einem Pseudonym höchst unanständige Gods-of-the-Gates-Fanfiction schreibt, war allerdings nicht geplant …
Besondere Themen, besondere Figuren, ein besonderer Liebesroman.
«Der Schreibstil ist exzellent, die Dialoge clever und witzig.» Library Journal
Olivia Dade war schon immer ein Bücherwurm. Als Kind las sie jedes Buch, das sie nur finden konnte. Liebesromane waren und blieben dabei ihr liebstes Genre. Als Erwachsene hat sie einen Abschluss in Geschichtswissenschaften gemacht und arbeitete in unterschiedlichen Berufen wie Highschoollehrerin und Bibliothekarin, bevor sie sich als Autorin selbstständig machte. Aktuell lebt sie zusammen mit ihrem schwedischen Ehemann und der gemeinsamen Tochter in der Nähe von Stockholm. Mehr Informationen finden sich auf ihrer Homepage (oliviadade.com), auf Twitter (@OliviaWrites) tauscht sie sich gern mit ihren Leser:innen aus.
Schon damals, als Ulrike Gerstner sich im besten Kindergartenalter das Lesen selbst beibrachte, war irgendwie klar: Die macht bestimmt mal was mit Büchern – und dabei ist es geblieben. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Anglistik (und einigen Jahren in der Freiberuflichkeit) führte sie ihr Weg schnurstracks ins Lektorat des LYX-Verlags, wo sie das Büchermachen über zehn Jahre professionell betrieben hat. Mittlerweile ist sie zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und arbeitet wieder auf eigene Faust als Übersetzerin und Lektorin.
Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel «All the Feels» bei Avon/HarperCollins Publishers, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, September 2022
Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«All the Feels» Copyright 2021 by Olivia Dade
Published by arrangement with Avon, an imprint of HarperCollins Publishers, LLC
Redaktion Gesa Weiß
Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung Shutterstock
ISBN 978-3-644-01365-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für all die kleinen Mädchen, denen beigebracht wurde, still zu sein und nicht so viel Platz in der Welt zu beanspruchen. Ich hoffe, ihr findet alle eure inneren Harpyien und fordert endlich ein, was euch zusteht.
INNEN. VENUS’ PALAST AUF DEM OLYMP – ABENDDÄMMERUNG
PSYCHE liegt auf einem niedrigen Sofa, sie hat die Augen geschlossen und ist nicht ansprechbar. Mit jeder Stunde, die sie schläft, rückt sie dem Tod ein Stückchen näher. Als AMOR eintritt und seine Geliebte erblickt, eilt er verzweifelt an ihre Seite. VENUS hebt gebieterisch eine Hand, und er bleibt sofort stehen. Hinter Venus betritt nun JUPITER den Raum, seine Miene voller Wut und Entschlossenheit.
VENUS
Ich hatte dir verboten, hierherzukommen.
AMOR
Sie ist meine Frau, Mutter. Mein Herz. Lass sie mich aufwecken. Bitte.
Mit einem höhnischen Lächeln gleitet Venus auf ihn zu.
VENUS
Dein Herz gehört mir. Deine Treue gehört mir. Dein ewiges Leben gehört mir.
Sie ergreift mit einer Hand sein Kinn und drückt zu, bis sich sein Gesicht vor Schmerz verzieht.
VENUS
Das Leben eines einzelnen sterblichen Mädchens ist nicht von Belang. Dein Platz ist an unserer Seite, um unsere Feinde zu bekämpfen: Juno, dieses verräterische Miststück, und ihre Verbündeten.
AMOR
Wenn ich an eurer Seite kämpfe, versprichst du mir, Psyche zu verschonen? Sie zu retten?
Jupiter schreitet wutentbrannt auf Amor zu und verpasst seinem Enkelsohn eine heftige Ohrfeige, woraufhin der auf die Knie sinkt.
JUPITER
Ein kümmerlicher, wimmernder Halbgott hinterfragt nicht den Willen des allmächtigen Jupiter. Deine kostbare Sterbliche wird tot sein, noch ehe diese Schlacht endet. Eine angemessene Strafe für deinen Trotz.
Amor weint. Venus drückt ihn an ihre Brust und trocknet seine Tränen.
VENUS
Verstehst du, mein Sohn? Verstehst du nun, was Gehorsam bedeutet?
AMOR
Das tue ich. Ich werde gehorchen.
Amor verlässt den Raum, ohne Psyche noch einmal anzusehen.
Als Alex zum ersten Mal das Wort «extra» als Beschreibung für seine Persönlichkeit hörte, hatte er sofort einen Bezug dazu gespürt, auf einer fast emotionalen Ebene. O ja, genauso bin ich. Es war so ähnlich wie in dem Moment, als seine Mutter ihm erklärt hatte, was die Diagnose ADHS bedeutete.
Nicht jeder mochte seine Persönlichkeit, aber so war das nun mal. Auch frittierter Truthahn an Thanksgiving war nicht jedermanns Sache, doch dann hatten diese Leute eben einfach Pech. Während er von Natur aus einfach «extra» – extradramatisch, extraübertrieben, extralustig – war, war die mürrische Frau auf der anderen Seite des Raumes das genaue Gegenteil.
Unscheinbares T-Shirt. Strickjacke. Dunkle Jeans. Sie trug keinen Schmuck und kein Make-up, und da war auch keine natürliche Farbe in diesem blassen Gesicht. Sogar ihre Augenbrauen waren relativ bleich. Ihre vogelartigen Merkmale – die scharfen Gesichtszüge, die kurze, rundliche Gestalt – waren das einzig Bemerkenswerte an ihrer Erscheinung, von diesen Augen mal abgesehen.
Vielleicht würde es helfen, wenn sie etwas sagte. Irgendetwas.
Aber das tat sie nicht. Falls das überhaupt möglich war, beachtete sie ihn gar nicht.
«Hey, Lauren, wirf mir mal den Medizinball rüber», rief er ihr zu. «Den da links von dir.»
Sie antwortete, ohne aufzublicken. «Nein.»
Vor einer Stunde hatte sie sich auf einer Hantelbank im leeren Fitnessraum des Hotels niedergelassen und hielt die Augen seither auf ihren E-Reader gerichtet statt auf ihn. Und das, obwohl er verschwitzt war und kein Shirt trug, ein Zustand, in dem seine Vorzüge – wie ihm vertrauenswürdige Quellen mitgeteilt hatten – bestens zur Geltung kamen und der zuverlässig die Aufmerksamkeit jeglicher Personen erregte, die sich von Männern angezogen fühlten.
Hmm. Möglicherweise …
«Hey, Lauren, stehst du auf Kerle? So grundsätzlich?» Er hob seine Arme über den Kopf, um sich ausgiebig zu strecken, und spannte dann seinen Bizeps an, in der Hoffnung, dass das sie dazu bewegen würde, ihren Kopf zu heben.
Wieder kein einziges Aufblicken. «Das geht Sie nichts an.»
Ein halbes Dutzend Ausfallschritte. Eine Handvoll Burpees. Er präsentierte sein ganzes sportliches Können und seinen sorgfältig gestählten Körper direkt hier vor ihren Augen. Und …
Nichts. Nada.
«Hey, Lauren.» Diesmal wartete er auf eine Antwort und setzte auf ihre inhärente Höflichkeit.
Schließlich hob sie den Blick von ihrem E-Reader, neigte fragend den Kopf, und er sonnte sich selbstzufrieden im Glanz des Sieges.
«Ich habe mal in einem Film mitgespielt, in dem mein Love Interest eine Pantomimin war, und meine Kollegin hat mehr gesprochen als du.» Er machte ein paar Jumping Jacks, solange er ihre Aufmerksamkeit hatte. «Nur zu deiner Information.»
Laurens Stimme klang unbeeindruckt. «Das liegt daran, dass sie nicht wirklich eine Pantomimin war, sondern eine Schauspielerin.»
Alex sah sie irritiert an. «Ich meinte, dass sie vor der Kamera mehr gesprochen hat.»
«Dann war sie keine sehr gute Pantomimin.»
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr Buch, und Alex schnaubte verärgert. Normalerweise löste jede Erwähnung seines schlimmsten Film-Desasters eine lebhafte Diskussion aus. Aber klar, in diesem Fall konnte selbst Mimes and Moonlight nicht helfen. Kein Wunder, wenn die Frau am anderen Ende der Unterhaltung eine leere Wand in Menschengestalt war.
Nachdem er ein paar rezeptfreie Schmerzmittel und eine ordentliche Mahlzeit vom Catering eingenommen hatte, war der schlimmste Teil seiner Wut von heute Morgen verflogen. Zumindest der Teil, der sich gegen sie gerichtet hatte. Ein ausgiebiges Mittagsschläfchen in seinem Wohnwagen später – während sie mit dem Handy in der Hand auf der zu harten Couch gesessen und kein Wort gesagt hatte – war er bereit zuzugeben, dass Laurens neue, nahezu dauerhafte Präsenz in seinem Leben eigentlich nicht ihre Schuld war. Menschen brauchten Arbeit, und er konnte es ihr nicht verübeln, dass sie das Angebot ihres Cousins angenommen hatte – trotz der hochgradigen Arschigkeit des besagten Cousins.
Um dafür die Verachtung zu ertragen, die Ron ihr offensichtlich entgegenbrachte, musste sie das Geld sehr, sehr dringend brauchen.
Wieder zog er die Stirn kraus.
«Hey, Lauren, wenn du jemals einen Kredit oder so etwas brauchst, sag Bescheid», rief er, während er sich auf der dicken blauen Matte für Liegestütze in Position brachte.
Und damit hatte er ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie legte ihren E-Reader neben sich auf den Boden und starrte ihn mit gerunzelter Stirn an.
«Sie haben mich heute Morgen zum ersten Mal getroffen.» Jedes Wort enthielt ein ganzes Universum an messerscharfer Missbilligung. Oder … vielleicht nicht direkt Missbilligung, aber doch etwas, was dem nahekam. Verwirrung? Misstrauen? «Und die letzte Stunde stellt unser bisher längstes Gespräch dar.»
Er stemmte sein Gewicht in die Höhe und hielt mit ausgestreckten Armen inne. «Und?»
«Und Sie haben gerade angeboten, mir Geld zu leihen.» Sie sprach sehr deutlich. «Dafür kennen Sie mich nicht gut genug, Alex.»
Er versuchte, im Liegestütz mit den Schultern zu zucken, mit begrenztem Erfolg. «Da bin ich anderer Meinung.»
Ihre Reaktion auf seine Frage heute Morgen, was sie tun würde, wenn er medizinische Hilfe bräuchte, hatte ihm genug über ihren Charakter verraten. Sie wollte nicht, dass er in Schwierigkeiten geriet. Sie hatte keinerlei Interesse daran, dass er versagte und bestraft wurde.
Sie machte hier nur ihren Job, und sie besaß Ehrgefühl.
Darum: Kredit. Oder Kredite, Plural. Je nachdem, was sie brauchte.
Er begann, zwischen den Liegestützen zu klatschen, und dachte über die Sache nach. Vielleicht waren solche Situationen der Grund dafür, dass seine Ersparnisse und Rentenkonten nicht ganz so solide waren, wie sie hätten sein können. Zumindest teilte Marcus ihm das regelmäßig mit. Außerdem waren da noch seine Mutter, der er jeden Monat Geld schickte, die Wohltätigkeitsorganisationen, die auf seine Spenden angewiesen waren, und die Freunde, die er mietfrei in seinem Gästehaus wohnen ließ, wenn sie auf Jobsuche waren.
Wobei er sein Gästehaus jetzt offenbar für die nächsten neun Monate zum marktüblichenPreis vermietete … also wer war jetzt das Finanzgenie, Marcus?
Als er seinen Kopf drehte, um Lauren anzusehen, war ihr Mund leicht geöffnet, und sie starrte ihn an. Jetzt sah sie weniger wie ein Vogel aus, sondern eher wie ein Fisch.
Schließlich schüttelte sie den Kopf, griff sich den E-Reader und widmete sich wieder ihrem Buch.
Kein Klatschen mehr. Jetzt war es Zeit für einarmige Liegestütze.
«Hey, Lauren», rief er. «Wir sollten mal zusammen in einen Club gehen. Ich glaube, deine Anwesenheit wäre sehr praktisch. So klein, wie du bist, könnte ich meinen Drink bequem auf deinem Kopf abstellen, ohne dass ein Tisch nötig wäre.»
Ob sie wohl jemals getanzt hatte? Wahrscheinlich nicht.
Sosehr er es auch hasste, Ron recht zu geben, sie wirkte tatsächlich ausgesprochen langweilig. Aber nicht lächerlich. Die Situation: definitiv. Sie: nein.
Sie atmete etwas lauter aus als sonst. «Sind Sie bald mit Ihrem Training fertig? Ich würde gerne demnächst zu Abend essen und dann ins Bett gehen.»
«Ich muss mich noch dehnen.» Was er ausgiebig und vor ihren Augen tun wollte. Nur für den Fall, dass sie dieses Mal hinschaute. «Dauert nicht mehr lange.»
Er ließ sich auf die Matte fallen und legte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf seine Handfläche und ließ seinen Puls kurz zur Ruhe kommen. Sein Kopf pochte mit jedem Herzschlag, was nicht gerade ein angenehmes Gefühl war.
Trotzdem: Er bedauerte nicht, was er getan hatte, und er würde über die körperlichen Folgen nicht jammern. In Anbetracht seiner Vergangenheit tat er mit seinen Schmerzen einfach Buße.
«Hey, Lauren», sagte er. «Wer ist deine Lieblingsfigur in Gods of the Gates? Das bin ich, nicht wahr? Amor? Komm, sag schon, dass es Amor ist.»
Als sie nicht antwortete, streckte er seinen rechten Oberschenkelmuskel, und sein Kiefer knackte, während er ausgiebig gähnte.
«Das werte ich als ein Ja», erklärte er ihr.
Als Lauren ein Kind war, hatte ihre Familie eine Katze.
Oder besser gesagt, die Katze hatte ihre Familie.
Wenn ihre Katzen-Diktatorin – die sie wegen der weißen Pfötchen ursprünglich Slippers genannt hatten, bevor die Familie beschloss, dass Lucifer besser zu ihr passte – Aufmerksamkeit wollte, dann wollte sie sie sofort. Und sie wollte immer Aufmerksamkeit. Nur manchmal war es nicht möglich, sie unverzüglich wie ein kleines pelziges Baby auf den Arm zu nehmen – ihre bevorzugte Kuschelposition –, um ihr dann Bauch und Ohren zu kraulen. Denn hin und wieder musste Laurens Familie beispielsweise schlafen. Oder sich um eines der Nicht-Katzen-Mitglieder des Haushalts kümmern trotz deren geringerer Bedeutung.
Dann hatte die Katze sich auf den nächsten Tisch gehockt, ihnen unverwandt in die Augen gestarrt und etwas Zerbrechliches bis zur Kante geschubst. Hob man sie jetzt nicht hoch, stupste sie es erneut an. Und wenn man sich dann immer noch nicht ihrem Willen beugte, wanderte der zerbrechliche Gegenstand über die Kante.
Irgendwann hatten sie alle kleineren Gegenstände weggeräumt, die nicht aus, sagen wir mal, Gummi bestanden. Das war der Zeitpunkt, an dem das Vergeltungs-Kacken begann.
Als Lucifer nach einem langen Leben starb, hatten sie alle um das extrem verwöhnte und zeitweise boshafte Tier geweint. Diese Katze mochte ein teuflisches Miststück gewesen sein, doch sie war auch wunderschön, anmutig, intelligent und verdammt unterhaltsam gewesen, selbst wenn sie die ganze Familie geknechtet hatte.
Wenn Lauren jetzt darüber nachdachte, waren Lucifer und Alex wahrscheinlich bei der Geburt getrennte Zwillinge, ungeachtet der genetischen Unvereinbarkeiten. Er verlangte ganz offenkundig nach Aufmerksamkeit, und wenn sie ihm nicht genug davon schenkte, war er bereit, Gesprächsgegenstände vom sinnbildlichen Kaffeetisch zu schubsen.
Außerdem war er wunderschön, anmutig, intelligent und verdammt unterhaltsam. Nicht dass sie vorhatte, ihm das jemals zu sagen oder seine provokanten Bemerkungen mit Antworten zu würdigen.
Er hatte zwar angeboten, Lauren Geld zu leihen – was sowohl schmeichelhaft und beleidigend als auch irgendwie erschreckend war –, aber sie traute ihm nicht.
Vielleicht war seine ganze Freundlichkeit ernst gemeint.
Aber vielleicht hoffte Alex auch, dass sie so weniger streng sein würde, wenn es darum ging, Rons Regeln zu befolgen, oder er versuchte, Informationen zu bekommen, die er irgendwann in der Zukunft gegen sie verwenden konnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie von falscher Freundlichkeit getäuscht wurde. Außerdem war er ihr Job und nicht ihr Kumpel; sie hatte nicht die Absicht, das irgendwie durcheinanderzubringen.
Das war auch der Grund, weshalb Lauren, als sie mit dem frisch geduschten Alex im fast menschenleeren Hotelrestaurant bei einem späten Abendessen saß, ihren Mund und ihre Zunge nur zum Essen benutzte. Zu nichts anderem, abgesehen davon, dass sie ihre Bestellung aufgab und knapp auf direkte Fragen antwortete.
Alex’ Reaktion bestand aus einer menschlichen Version von Jaulen.
«Komm schon, Lauren.» Er saß zusammengesunken in dem geschnitzten Holzstuhl und sah extrem niedergeschlagen aus. «Warum können wir keinen Tandem-Fallschirmsprung über den Hollywood Hills machen, wenn wir wieder zu Hause sind? Wäre das nicht eine unbezahlbare Erfahrung, um die Bindung zwischen uns zu stärken?»
Die einzige Bindung, die dabei gestärkt werden würde, wäre die zwischen ihrem akrophobischen Hintern und dem Flugzeugsitz, so viel war sicher.
«Nein.» Mit einem zufriedenen Seufzer aß sie den letzten Bissen ihrer Meeresfrüchte-Paella und versuchte, keine Notiz davon zu nehmen, wie das satte Rot der Vorhänge hier im Restaurant sein glänzendes Haar und seine grauen Augen betonte.
Er funkelte sie an. «Spielverderberin.»
Fünf ganze Minuten lang senkte sich ein wohltuendes Schweigen über sie, während er das letzte Fleisch aus seiner gegrillten Forelle herausfummelte.
Dann beugte er sich vor und schaute sie von der anderen Seite des Tisches mit interessiertem Blick aus seinen grauen Augen an. «Ist das so ein Napoleon-Ding? Weil du so klein bist, willst du alles bestimmen?» Er zuckte kurz mit den Schultern und grinste dann. «Nein, ich denke nicht, dass du versuchst, Europa zu bezwingen. Nur das Konzept der Freude.»
Falls Alex versuchte, sie mit seinem Spott zu kränken, so gelang ihm das nicht. Aber Lauren dachte eigentlich auch nicht, dass er die Absicht hatte, sie zu verletzen.
Abgesehen von diesem einen wütenden Seitenhieb bei ihrem ersten Treffen, schien in seinen Worten keine echte Boshaftigkeit zu liegen. Da war nur bissiger Humor, Langeweile, ein rastloser Intellekt und der Wunsch nach menschlichem Kontakt.
Sie würde nicht so weit gehen, ihn als hinreißend zu bezeichnen, aber wenn er ein Arschloch war, gehörte er sicher nicht zu den schlimmsten, die sie je getroffen hatte.
Als sie zu diesem Schluss kam, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie … konnte es einfach nicht.
«Nicht direkt das Konzept der Freude.» Sie legte ihre Serviette neben ihren Teller, und ihr Tonfall war staubtrocken. «Nur Ihre recht spezielle Auslegung davon.»
«Ahhhhhh.» Es war fast ein Schnurren, tief und verführerisch. Wie ein großmütiger Herrscher lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die langen Finger über seinem flachen Bauch. «Sie spricht. Und während sie das tut, macht sie fast – aber nicht ganz – einen Witz. Bravo, Nanny Clegg.»
Sein ausgeblichenes blaues T-Shirt war bei seiner Bewegung hochgerutscht und enthüllte einen Streifen Haut über der tief sitzenden Jeans. Im Kerzenlicht schimmerte dieser schmale Streifen golden und zog ihren unwilligen Blick auf sich.
Aufgrund der etwas abgelegenen Lage war das Hotel zwar nicht besonders nobel, doch Lauren hatte sich für das Abendessen trotzdem ein dunkelgrünes Kleid mit ausgestelltem Rock angezogen. Aber selbst in Jeans und T-Shirt, selbst mit diesem Streifen entblößter goldener Haut, wirkte er besser gekleidet als sie. Blaues Auge hin oder her.
Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie denken, sie beide gehörten völlig unterschiedlichen Spezies an.
«Sie hat durchaus ihre Momente.» Ihre Zunge hatte sich gelöst, und sie konnte die Schuld nur auf das Glas exzellenten Rotweins schieben, das sie zum Abendessen getrunken hatte. «Abgesehen davon versteht sie nicht ganz, warum Sie sie in der dritten Person ansprechen.»
Ihr Vorsatz zu schweigen schmolz offensichtlich so schnell dahin wie das Wachs einer Kerze.
«Also bevorzugen wir die erste Person Plural? Wie bei einer Königin?» Er winkte mit der Hand, als wollte er seine ihm huldigenden Untertanen grüßen. «Sehr wohl. Wir sind bereit, die Forderungen Eurer Hoheit zu erfüllen.»
«Wir bevorzugen normale menschliche Interaktion», erwiderte Lauren fest. «Die zweite Person Singular genügt.»
Sein schallendes Gelächter veranlasste den Kellner, der an der Bar Gläser polierte, herüberzuschauen. «Wenn du tatsächlich normale menschliche Interaktion bevorzugst, habe ich davon bisher noch nichts bemerkt.»
Sie hob die Brauen. «Halten Sie Ihr fortwährendes Geplapper etwa für normal?»
«Jaja, sicher – ich bin eindeutig der Sonderling an diesem Tisch.» Er verdrehte die Augen. «Im Gegensatz zu einer Frau, die den ganzen Tag lang überzeugend eine Statue imitiert hat.»
Wieder hätte Lauren schwören können, dass da mehr als bloßer Spott in Alex’ Stimme lag. So etwas wie … Einsamkeit?
Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und suchte nach jemandem, der mit Gods of the Gates zu tun haben könnte. Doch abgesehen von einem älteren Paar an der Bar, das sich in rasantem Spanisch unterhielt – Einheimische, wie sie vermutete –, war das Restaurant leer. Und ja, es war spät, aber auch nicht so spät.
«Sie haben gesagt, dass die meisten Darsteller schon abgereist sind. Was ist mit der Crew? Wo sind die Leute?» Während der letzten drei Tage am Set hatte sie Hunderte von Mitarbeitern hinter den Kulissen gesehen, doch sie hatte keine Ahnung, wohin sie nach Feierabend verschwanden. «Und wo sind die Schauspieler, die noch gebraucht werden?»
Er machte erneut dieses gurrende, selbstgefällige Geräusch. Ahhhhhh.
Sein Beinahe-Schnurren verursachte eine Gänsehaut auf ihren Armen.
«Du hast mir gerade eine Frage gestellt. Das ist dir bewusst, oder?» Er stützte die Ellbogen auf den leinenbedeckten Tisch, beugte sich vor und musterte aufmerksam ihr Gesicht. «Hast du irgendwo Schmerzen? Brauchst du medizinische Hilfe, um den Schaden an deiner Psyche zu beheben?»
«Ja, mir ist bewusst, dass ich Ihnen eine Frage gestellt habe.» Es juckte Lauren gewaltig im Mittelfinger. «Passen Sie auf, dass ich es nicht bereue.»
Anscheinend beschloss Alex ausnahmsweise, sein Glück nicht herauszufordern.
«Wir waren zu viele Leute, um an einem Ort einquartiert zu werden, also haben Ron und R.J. uns aufgeteilt. Die Darsteller wohnen in diesem Hotel, und die Crew ist in anderen Hotels untergebracht, die etwas weiter vom Set entfernt sind», erklärte er und kratzte sich träge den Bart. «Und wie ich schon sagte, bin ich einer der letzten Schauspieler, die noch hier sind. Asha, die Frau, die Psyche spielt, wohnt mit ihrem Popstar-Freund in einer Villa vor Ort.»
O ja. Lauren hatte die beiden beim Knutschen auf den Titelseiten verschiedener Boulevardzeitungen gesehen. Auf diesen Fotos waren sie meistens beide oben ohne, tummelten sich an Bord einer großen, schnittigen Jacht und lagen einander lachend in den Armen.
Alex fuhr fort, die Namen der übrigen Darsteller aufzuzählen. «Mackenzie – die Frau, die Venus spielt, obwohl sie zehn Jahre jünger ist als ich, und Unsterblichkeit kann das auch nur bis zu einem gewissen Grad erklären …»
«O Gott, Ron», murmelte Lauren leise vor sich hin.
«… wollte sich nicht von ihrer Katze trennen, aber im Hotel sind Haustiere nicht erlaubt. Also hat sie ein Cottage in der Nähe gemietet.» Unter seinem Bart zeigte sich ein verschmitztes Grinsen. «Whiskers findet die Einrichtung zwar etwas rustikal, aber gemütlich, und der Platz ist mehr als ausreichend.»
Lauren starrte ihn an. «Ihre Katze findet die Möbel … rustikal? Wie – wie kann …»
«Wie kann Whiskers eine so differenzierte Aussage über die Inneneinrichtung treffen? Gute Frage. Eine seeeeeeeeehr gute Frage.» Er hielt einen Augenblick inne, bevor er fortfuhr, zweifellos um ihre Neugier anzustacheln. «Du wirst es in dem bald erscheinenden Memoir Schnurrgeradeaus – Ein waschechtes Katzenleben erfahren. Mackenzie sagt, dass sie miteinander sprechen können. Telepathisch.»
Schnurrgeradeaus – Ein waschechtes Katzenleben.
«Das ist nicht ihr Memoir», sagte Lauren langsam. «Es sind die Erinnerungen der Katze.»
«Korrekt. Verfasst von Mackenzie als Medium.» Seine Stimme senkte sich zu einem verschwörerischen Flüstern. «Im Laufe der Jahre habe ich allerdings festgestellt, dass Whiskers mit Mackenzie eigentlich immer einer Meinung ist, außer es geht um Katzenfutter.» Er hielt inne. «Zumindest hoffe ich, dass das die Ausnahme ist.»
Alex’ Oberkörper war mittlerweile immer weiter nach vorn auf den Tisch gesunken, da er sich mehr und mehr auf seine Ellbogen stützte – was kein Wunder war. Er hatte einen ziemlich langen Tag hinter sich, und morgen lag ein weiterer vor ihm.
«Der einzige andere Hauptdarsteller, der noch hier ist, ist Ian, der Typ, der Jupiter spielt. Aber der angelt sich wahrscheinlich gerade irgendwo einen Thunfisch. Abgesehen davon ist er ein Blödmann.» Alex deutete mit dem Zeigefinger auf sie. «Ich würde ihm aus dem Weg gehen, wenn ich du wäre. Die ganzen fettarmen Proteine haben seinen Muskeln vielleicht gutgetan, aber nicht seiner Laune. Oder seinem Geruch.»
Wenn Lauren sich nicht irrte, war das gerade eine Warnung gewesen. Denn er – der Mann, der sie eine lächerliche Vogelfrau genannt hatte – wollte sichergehen, dass weder ihre Gefühle noch ihr Geruchssinn leiden mussten.
Sie stützte die Ellbogen nun ebenfalls auf den Tisch, rieb sich die Stirn und überlegte, was sie tun sollte. Was brauchten Alex und Ron von ihr, und was verdienten die beiden? Was war das Richtige und nicht einfach das Bequemste und Sicherste?
Er klopfte mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte. «Hey, Nanny Clegg. Alles okay?»
«Mir geht’s gut», sagte sie zu dem purpurroten Stoff, der die massive Holzplatte bedeckte. «Danke.»
Den ganzen Tag hatte sie angenommen, dass sein Bemühen, jede noch so kurze Stille mit endlosem Geschwafel zu füllen, eine strategische Entscheidung war. Ein Versuch, sie trotz Rons Warnungen zum Aufgeben zu bewegen. Eine Masche, um Informationen zu sammeln, die er später gegen sie verwenden konnte. Eine Taktik, damit ihre Wachsamkeit nachließ.
Und vielleicht war es auch all das.
Oder es war ein aufrichtiger Versuch, freundlich zu sein.
Womöglich war er wirklich ein hinreißendes Arschloch, und nun hing er verletzt, in Schwierigkeiten und praktisch ohne Freunde in einem fremden Land fest. Wenn dem so war, wunderte es sie nicht, dass er ihre Gesellschaft suchte. Bis Alex nach Kalifornien zurückkehrte, blieben ihm nicht viele andere Möglichkeiten.
Sie hob den Kopf, ließ die Hände sinken und fügte sich in das Unvermeidliche. «Ich schlage einen Waffenstillstand vor.»
Seine Lider waren halb geschlossen, und sein Blick war glasig vor Erschöpfung, die dunklen Schatten unter seinem linken Auge standen dem Veilchen unter dem rechten kaum nach. Trotzdem gelang ihm ein freches Grinsen. «Wenn du einen Waffenstillstand vorschlägst, bedeutet das, dass ich dabei war, den Krieg zu gewinnen, stimmt’s?»
Sie nickte ernst. «Deine Geschichte über Whiskers hat das Blatt gewendet.»
«Carah Brown nennt mich vielleicht eine Tratschtante.» Er rieb sich über das Gesicht, um ein Gähnen zu unterdrücken. «Aber diese Tratschtante kriegt, was sie will.»
«Offensichtlich.» Lauren hob die Hand, um dem Kellner ein Zeichen zu geben. «Also hier sind meine Friedensbedingungen: Wenn ich verspreche, etwas gesprächiger zu sein, versprichst du mir im Gegenzug, auch mal für ein paar Minuten still zu sein, wenn ich Ruhe brauche. Und du unternimmst keine vorsätzlichen Versuche, Rons Regeln zu brechen, denn ich will ihn wirklich sehr, sehr ungern anrufen.»
«Keine Lust, mit deinem Cousin zu reden, was?» Nachdem der Kellner die Rechnung auf den Tisch gelegt hatte, schrieb Alex seine Zimmernummer auf den Zettel und hinterließ ein beträchtliches Trinkgeld. «Falls es dich tröstet, jeder vernünftig denkende Mensch würde genauso fühlen.»
Die Zeit, die sie diese Woche mit ihrem Verwandten verbracht hatte, reichte für …
Na ja, für alle Ewigkeit. Länger sogar, wenn das möglich wäre.
Doch das war es nicht, was sie gemeint hatte.
«Ich will nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst», stellte sie richtig. «Und wenn du es doch tust, dann will ich bitte nicht der Grund dafür sein.»
«Und außerdem willst du nicht mit ihm reden.» Er grinste sie an, und seine müden Augen funkelten. «Gib es zu, Nanny Clegg. Gib es zu, und ich akzeptiere deine Bedingungen.»
Sie sollte es nicht tun. Allein die Verbundenheit zu ihrer Familie sollte sie davon abhalten, es zuzugeben, und Alex könnte das Geständnis irgendwann gegen sie verwenden.
Nichtsdestotrotz war ihr Cousin ein Scheißkerl.
«Na schön.» Lauren seufzte. «Ich will nicht mit ihm reden.»
«Sieg!», johlte Alex und reckte beide Fäuste in die Luft.
Das Paar an der Bar drehte sich um und starrte sie an, und selbst das Küchenpersonal lugte aus der Tür, um zu sehen, was los war.
Laurens Wangen wurden heiß, und sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. «Sind wir hier fertig?»
«Oh, Lauren, das ist wirklich niedlich. Naiv, aber niedlich», sagte er mitleidig. «Wir haben gerade erst angefangen.»
Von unseren internationalen Quellen hat Star Tracker erfahren, dass die spanischen Behörden den Schauspieler Alexander Woodroe, der derzeit den ach so erwachsenen Amor inGods of the Gates mimt, im Zusammenhang mit einer nächtlichen Kneipenschlägerei festgenommen haben. Nach mehreren Stunden ließ man ihn wieder frei, ohne dass Anklage erhoben wurde.
Es gibt noch keine offizielle Stellungnahme aus dem Gods-Lager, und auch Woodroes Agent hat auf unsere Anfragen bisher nicht reagiert, aber betrachtet man das Fahndungsfoto, scheint er nichts von dem, was er getan hat, zu bereuen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Woodroe in Schwierigkeiten steckt. 2013 wurde er mitten in den Dreharbeiten unter unklaren Umständen aus Bruno Keenes preisgekröntem Ensemble-Drama All Good Men geworfen. Woodroe behauptete, Keene habe sich seinem Cast gegenüber missbräuchlich verhalten, doch Keene wies die Anschuldigung als Erfindung eines überforderten Schauspielers zurück.
«Er konnte mit den anderen nicht mithalten», sagte Keene damals. «Also hat er überreagiert. Es tut mir ehrlich leid für ihn. Ich hoffe, er findet Mittel und Wege, sein Temperament zu zügeln. Ich fürchte, sonst wird er in Zukunft Schwierigkeiten haben, Rollen in Hollywood zu bekommen.»
Als man sie fragte, ob sie sich zu dem Skandal äußern wollten, lehnten die übrigen All-Good-Men-Darsteller ab. Die Gods-Stars haben ebenfalls nicht auf Interviewanfragen reagiert. Zufall? Womöglich. Aber Schauspieler sind bekanntermaßen eher unwillig, sich gegen einen der ihren zu wenden, selbst wenn sich jemand am oder außerhalb des Sets danebenbenimmt.
Star Tracker empfiehlt: Lass das deinen letzten Ausraster sein, Alex. Denn wie sagt man so schön: Drei Strikes, und du bist raus – aus der Branche!
Alex hielt mal wieder ein Nickerchen in seinem Wohnwagen, was sie nicht überraschte.
Seit sie sich am Montag kennengelernt hatten, hatte Lauren gesehen, wie er einen Vierzehn-Stunden-plus-Tag nach dem anderen absolvierte; er kam bei Sonnenaufgang am Set an und verließ es nach Sonnenuntergang wieder. Zurück im Hotel, trainierte er, aß, quatschte mit Marcus und – fiel dann einfach um, soweit sie das beurteilen konnte.
Es war erst ihr fünfter gemeinsamer Tag, und sie war allein vom Zuschauen erschöpft. Aber er war offenbar schon seit Wochen so einem Zeitplan gefolgt.
«Das ist sie», hatte Alex gestern Abend beim Essen erklärt, seine Stimme rau vor Müdigkeit. «Die finale Schlacht der Götter. Sie soll Tag und Nacht toben, über Wochen hinweg, und es ist der letzte Teil der Dreharbeiten für die gesamte Serie. Es soll monumental werden. Ron und R.J. wollen sicherstellen, dass sie alles Material bekommen, das sie brauchen, bevor wir uns in alle Teile der Welt verstreuen. Und das bedeutet lange Tage für alle.»
Heute war der letzte Drehtag, und das war auch gut so. Er schien kurz vor einem Zusammenbruch zu stehen trotz der vielen Nickerchen im Wohnwagen, während sie auf seiner Couch gesessen und gelesen hatte.
Er hatte keinen Alkohol getrunken. Es hatte keine Frauen gegeben. Keine Clubs oder Bars. Keine Schlägereien.
Er verstand sich gut mit seinen Kollegen, was sie als Gradmesser für seinen Charakter erachtete. Als Alex und sie zusammen mit der Crew und einigen Statisten zu Mittag aßen, unterhielt er sich ungezwungen mit ihnen. Sie klopften ihm auf die Schulter und zogen ihn wegen seines Veilchens auf, woraufhin er die Augen verdrehte und zurückscherzte. Die gut gelaunte Gruppe wurde gelegentlich mit einem entrüsteten «Pssst!» aus anderen Teilen des Sets ermahnt.
Soweit Lauren es beurteilen konnte, war Alex nicht der Mann, den Ron ihr beschrieben hatte, und auch nicht der, den sie im Morgengrauen auf dem Schlachtfeld getroffen hatte. Unfreundlich. Trotzig. Nachlässig. Außer Kontrolle, oder zumindest fast.
Sie warf einen Blick auf Alex’ schlafende Gestalt. Er lag auf der Seite, ihr zugewandt, die Arme um das Kissen geschlungen, machte kleine Schnüffelgeräusche, schmatzte gelegentlich mit den Lippen – und ja, ohne Zweifel sabberte er auch, und das sollte keinesfalls niedlich sein. Besonders nicht, da die Behörden seinen Wohnwagen jeden Moment offiziell zum Katastrophengebiet erklären könnten trotz der luxuriösen Ausstattung.
Die ganze Woche über hatte er die Fernbedienung für den Fernseher nicht finden können. Bonbonpapier und Einweg-Kaffeebecher vermüllten den Tisch, das kleine bisschen Arbeitsfläche in der Küche und den unglückseligen Bereich direkt neben dem Mülleimer. Bücher und Haufen achtlos weggeworfener Kleidung lagen auf dem Boden verstreut. Gestern hatte sie einen halb gegessenen Apfel auf dem Boden der winzigen Dusche gefunden.
Sie hatte keine gute Erklärung für diesen Apfel.
Na ja, eigentlich hatte sie schon eine. Jeden Morgen nahm er ganz offen Medikamente gegen ADHS ein – bei ihrem ersten gemeinsamen Frühstück hatte er das Pillenfläschchen einen Zentimeter vor ihrer Nase hin und her geschüttelt und gebrüllt: «Ich habe eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, Nanny Clegg! Stell dir vor!», aber die Wirkung setzte oftmals erst ein, wenn er schon am Set war, und außerdem war es kein Wundermittel.
In ihrer Ausbildung hatte sie sich nicht auf diese Störung spezialisiert, dennoch kannte sie die Grundlagen. Die Medikamente halfen ihm, seine Aufmerksamkeit über längere Zeitspannen dorthin zu lenken, wo er sie haben wollte, aber trotz der Pillen würde er weiterhin Probleme mit der kognitiven Kontrolle haben. Und wahrscheinlich kämpfte er tagtäglich mit seinem schlechten Zeitmanagement. Mit seiner Unordnung. Mit der Impulsivität.
Unzureichende Ruhephasen und übermäßiger Stress machten es außerdem sehr viel schwieriger, ADHS in den Griff zu bekommen. Unter diesen Umständen war es also ein Wunder, dass Alex immer noch jeden Tag pünktlich zur Arbeit erschien und seine Szenen durchspielte.
Auf dem Einband des Kochbuchs, das neben ihr auf dem Sofa lag, war ein prächtiger Laib Brot abgebildet. Abwesend fuhr sie mit einer Fingerspitze über die goldbraune Kruste, starrte mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne und ließ sich ihre Beobachtungen durch den Kopf gehen.
Er war neugierig und interessiert, hatte eine scharfe Zunge und arbeitete hart. Er war immer freundlich zu Crewmitgliedern, die in der Show-Hierarchie unter ihm standen.
Er war …
Er war wach. Er starrte sie von seinem Bett aus an, und seine grauen Augen wirkten munter und aufmerksam.
Wann hatte sie sich zu ihm umgedreht? Und wie lange genau hatte er sie dabei beobachtet, wie sie ihn ansah, ohne ein einziges Wort zu sagen?
«Ich, äh …» Erschrocken verschränkte sie die Finger und presste sie gegeneinander. «Mir ist gerade aufgefallen, wie sehr deine blauen Flecken verblasst sind.»
Er bewegte sich nicht. «Wirklich?»
Seine Stimme. Sie war – sie war so geschmeidig. Sie konnte sich um Worte schlingen, sie in ein Schnurren, ein Flehen oder das Knallen einer Peitsche verwandeln, und obwohl sie ihn seit fünf Tagen ununterbrochen zu ergründen versuchte, hatte sie keine Ahnung, wie er das anstellte.
Sie schluckte schwer, unfähig, irgendeine Art von vernünftiger Antwort zu geben, während er sie so konzentriert ansah.
Das ganze Gewicht seines Blicks legte sich auf sie. Es zupfte an ihrem Mund, teilte ihre Lippen. Es ließ ihre Glieder schwer werden. Es verwandelte ihre Gedanken in ein weit entferntes Brummen.
Dann schaute er endlich weg, zu seinem Laptop auf dem Boden. Ihr nächster Atemzug war hörbar zittrig, und ihre Brust schmerzte – hatte sie tatsächlich irgendwann aufgehört zu atmen? Wow.
Kein Wunder, dass der Kerl einen so verdammt großen Wohnwagen hatte. Hier war rohe, unverfälschte Starpower am Werk.
Gott sei Dank hatte er sich für die Schauspielerei entschieden, anstatt zum Beispiel eine Sekte zu gründen.
Er setzte sich auf, und die Fleecedecke, mit der er sich zugedeckt hatte, fiel ihm auf den Schoß. «Fanfiction. Deine Meinung.»
Ihre Muskeln schienen alle wieder funktionsfähig zu sein. Das war gut, denn um verwirrt den Kopf zu neigen, brauchte sie deren Hilfe. «Häh?»
