Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Vandora City verfault nicht laut. Sie tut es schleichend. In den Rissen des Betons. In den Schatten unter der Stadt. Und diesmal wächst der Verfall aus dem Wald. Victoria Slade ist nicht tot. Sie ist etwas anderes geworden. Einst Königin aus Glas und Stahl, herrscht sie nun über Moos, Blut und vergessene Kinder. Tief im vergifteten Wald errichtet sie ein Reich aus Chrysalis, Nebel und Gehorsam – bevölkert von Kreaturen, die einmal Menschen waren. Ihre Krone besteht aus Verlust. Ihr Thron aus Rache. Und ihr Plan ist größer als alles, was Vandora bisher gesehen hat: Die Stadt soll nicht fallen. Sie soll sich verwandeln. Während Überwachungssysteme jede Bewegung zählen und eine namenlose Organisation ihre Fäden zieht, geraten die Unnecessary Three zwischen alle Fronten. Frank, Sam und Tim jagen Spuren, die nach Kindheit riechen – und nach Wahnsinn. Sie kämpfen nicht mehr nur gegen Monster in dunklen Gassen, sondern gegen eine Königin, die gelernt hat, Angst zu lieben. Je näher sie dem Herzen des Waldes kommen, desto klarer wird: Dies ist kein Kampf zwischen Gut und Böse. Es ist ein Märchen ohne Erlösung. Die Prinzessin ist der düsterste Band der Vandora-City-Saga – eine Geschichte über Macht, Verlust und die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn die Welt ihm alles nimmt. Am Ende bleibt keine Hoffnung. Schlüsselwörter: Noir, Mystery, Urban Vigilante, Vandora City, Thriller, Selbstjustiz, düstere Stadt, Hardboiled, Groschenroman, Frank Miller Stil.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
The Unnecessary Three –
Die Prinzessin
Band 4 der Vandora City Saga
Fehmi Coşkun
Impressum
Titel: The Unnecessary Three – Die Prinzessin
Autor: Fehmi Coşkun
Verlag: Selbstverlag
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN: 978-3-565147-14-4
Kontakt:
Fehmi Coşkun
Adresse: Keltenstraße 26, 67071 Ludwigshafen
E-Mail: [email protected]
Urheberrecht:
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors in irgendeiner Form vervielfältigt, verbreitet oder verarbeitet werden.
Haftungsausschluss:
Der Autor übernimmt keine Haftung für eventuell enthaltene Fehler oder feh-lende Aktualität der Inhalte.
WIDMUNG
Für meine Familie –
meine Frau und unsere Kinder.
Ihr seid mein Anker, meine Geduld und meine größte Kraft. Ohne euch wäre dieser Weg dunkel und leer geblieben.
Für meine zwei Freunde,
die mit ihrem Wesen und ihrer Freundschaft die Vorlage für Figuren geschaffen haben, die größer wurden, als wir es je erwartet hätten. Ohne euch gäbe es keine Unnecessary Three.
Und für meinen geheimen Begleiter,
der nie im Licht steht, sondern immer zwischen den Zeilen schreibt.
The Quill – du hast vieles leichter gemacht und mir die Feder gereicht, wenn mir die Worte fehlten.
INHALT
Königin im Wald
Der Verfall Beginnt
Spuren im Beton
Augen Überall
Unter Der Stadt
Blut und Stahl
Deals im Schatten
Die Wahrheit im Dreck
Goldlöckchens Falle
Tanzende Bären
Am Ende Bleibt nur Asche
Der letzte Schrei
ANERKENNUNGEN
„Dieses Buch ist mehr als eine Geschichte. Es ist das Ergebnis von Freundschaft, Familie und der Kraft, gemeinsam weiterzugehen, auch wenn der Weg im Dunkel liegt.”
„Sie kommen näher“, sagte er. Seine Stimme klang wie Stein auf Stein. Tief, emotionslos, aber mit einem Unterton, den nur Victoria hörte.
Angst.
„Wer?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
„Alle.“
Prolog
Königin im Wald
Der Wald um Vandora City war ein Zufluchtsort gewesen. Familien wanderten dort. Kinder spielten zwischen den Bäumen. Liebende schworen sich ewige Treue unter dem Blätterdach.
Aber die Stadt fraß den Wald. Holzkonzerne rissen die alten Bäume heraus. Fabriken vergifteten den See. Und was übrig blieb, war nur noch ein Schatten. Ein Echo.
Ein Grab für Träume, die niemand mehr träumen wollte.
Und dann kam sie. Die Prinzessin.
Sie floh nicht in den Wald. Sie kehrte heim. Zurück zu dem Ort, wo der goldene Nektar mittlerweile Wurzeln geschlagen hatte. Wo die Erde selbst atmete und flüsterte und versprach.
Und der Wald nahm sie auf. Nicht aus Gnade.
Sondern aus Hunger.
Wo einst Familien wanderten, herrscht nun eine Königin, die vergessen hat, dass Märchen nicht real sind.
Oder vielleicht hatte sie es nie vergessen.
Vielleicht wusste sie, dass die grausamsten Märchen immer die wahren waren.
◊ ◊ ◊
Der Nebel war zu dicht, um Hoffnung zu tragen.
Drei Kinder krochen durch das nasse Laub, die Gesichter schmutzig, die Augen weit aufgerissen. Mira, die Älteste, vielleicht zwölf – ihre Finger aufgerissen vom Klettern über Stacheldraht. Dajan, acht, klammerte sich an eine Einkaufstüte voller Brotreste. Lu, kaum sechs, das Gesicht eingefallen, die Hände so zitternd, dass sie kaum laufen konnte..
„Weiter!“, flüsterte Mira. „Nicht stehen bleiben. Nicht umdrehen.“
Aber sie spürten es. Etwas war hinter ihnen. Nicht laut. Nur... da. Eine Präsenz im Schatten, wie ein Gewicht in der Luft.
Mira fuhr herum, als das Unterholz raschelte.
Nichts. Nur Schatten.
„Ich will nicht mehr“, murmelte Lu.
„Nur noch ein Stück“, log Mira.
Dajan blieb plötzlich stehen. „Da! Scheinwerfer!“
Aber es war kein Scheinwerfer.
Es waren Augen.
Zwei.
Groß. Tief. Glühend.
Das Wesen trat aus den Schatten. Wie ein Raubtier, das wusste, dass es Zeit hatte. Die Schultern breit, die Gliedmaßen zu lang für einen Menschen, zu geordnet für ein Tier. Es bewegte sich halb geduckt, doch mit einer Anmut, die nichts Wildes hatte.
Es war... trainiert.
Die Kinder wichen zurück, pressten sich gegen die knorrige Rinde eines umgestürzten Baumes.
Lu schrie auf, doch der Wald erstickte den Ton.
Das Wesen – ein Blätterling, verwandelt, verstärkt – hob eine krallenbewehrte Hand. Eine präzise Bewegung, die nicht töten wollte, sondern forderte.
Mira stemmte sich schützend vor die anderen.
„Nein!"
Das Wesen griff nicht an. Es trat näher, schnupperte. Der Gestank der Flucht, der Angst – das war sein Pfad. Es hob seine Schnauze gen Himmel und heulte kraftvoll. Ein Laut, langgezogen, durchdringend – aber nicht wild.
Es war ein Signal. Ein Befehl.
In der Ferne, irgendwo tiefer im Wald, antwortete etwas. Ein Glockenspiel. Leise, windgetrieben – aber ohne Wind.
Drei Töne. Wieder und wieder.
Lu begann zu taumeln. Ihre Lider flatterten. Sie hörte es zuerst.
Die Musik. Die süßen Worte.
„Kommt zurück, meine Kinder. Kommt zurück zu eurer Mutter...“
Die Stimme war überall. In den Zweigen. Im Boden. In ihrem Kopf.
„Wärme wartet. Und süßer Schlaf. Milch. Licht. Keine Angst mehr...“
Mira hielt sich die Ohren zu, aber es half nicht.
Dajan ließ das Stofftier fallen.
Der Nebel war plötzlich süßlich. Er roch nach Vanille und verbrannten Blättern.
Ein Geruch wie Kindheit. Aber falsch. Wie verdorbene Milch, mit Zucker überdeckt.
Das Wesen trat näher. Es streckte eine Klaue aus – und Mira sah, für einen Augenblick, dass sie zitterte.
Nur leicht.
Wie eine Erinnerung an ein fernes Gefühl.
Bedauern.
„Warum... hilfst du ihr?“, flüsterte Mira, kaum hörbar. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Warum bringst du uns zurück... zu ihr?“
Keine Antwort. Nur Atem. Schwer, schnaufend, dampfend. Das Wesen fasste Lu sanft am Kragen. Wie eine Puppe. Dann Dajan.
Mira klammerte sich an ihn, doch es war zwecklos.
„Du warst auch mal frei“, schrie sie. „Du hast gespürt, was Freiheit ist!“
Die gelben Augen zuckten. Nur kurz.
Fast beschämt wandte sich das Wesen ab, zwei Kinder an sich gedrückt wie ein müder Vater.
Mira stand allein da. Ihre Knie gaben nach. Sie sah es am Ende des Weges, zwischen den Bäumen.
Die Prinzessin.
Die Arme ausgebreitet. „Meine Süßen. Immer wieder lauft ihr. Immer wieder findet ihr mich.“
Dajan schrie nicht. Er sank in ihre Arme wie ein Kind zu seiner Mutter. Lu... lachte.
Mira schloss die Augen und brach voller Trauer vor ihr zusammen. Die Prinzessin streichelte den Kopf des Blätterlings. Ihre Lippen kräuselten sich.
„Gut gemacht, mein Freund. Der Herr des Waldes wird zufrieden mit dir sein.“
Das Wesen sah nicht auf. Nur ein leises Brummen, ein fast... menschliches Seufzen.
Dann gingen sie. Alle zusammen. Verschwanden im Nebel, als wären sie nie da gewesen.
Nach einer Weile traute sich Mira, die Augen zu öffnen.
Sie war allein – im Nebel.
Nur das Heulen, das noch immer in ihrem Schädel nachklang.
Und der süße Geruch. Der blieb.
◊ ◊ ◊
Der Nebel wie eine zweite Haut über dem Boden.
Dick. Gelb. Zehrend.
Er schmeckte nach Wein, der längst umgekippt war. Nach Versprechen, die nie gehalten wurden. Nach Kindheit, die zu früh endete.
Die Bäume standen nicht mehr aufrecht. Sie lehnten sich aneinander, als wären sie müde. Ihre Rinde war schwarz, rissig, überzogen mit einer schleimigen Substanz, die im Mondlicht schimmerte.
Chrysalis.
Es tropfte von den Ästen. Sickerte aus dem Boden. Sammelte sich in Pfützen, die wie flüssiges Gold leuchteten – aber wer hineintrat, versank nicht. Er wurde... verändert.
Zwischen den Bäumen bewegten sich Gestalten.
Klein. Bucklig. Mit zu langen Armen und Augen, die im Dunkeln glühten.
Die Blätterlinge.
Sie waren einst Menschen gewesen. Kinder. Ausgestoßene. Verlorene.
Jetzt waren sie... verändert.
Sie trugen Fetzen von Kleidung, vermischt mit Moos, Blättern, Knochen. Ihre Haut war grau-grün, überzogen mit Flechten. Manche hatten Hörner. Andere zusätzliche Finger. Wieder andere Gesichter, die nicht mehr symmetrisch waren.
Aber alle trugen dasselbe Zeichen.
Eine Krone. Eingeritzt über dem Herzen.
Mit einer Knochennadel aus verzerrter Liebe.
Sie bewegten sich durch den Wald wie Schatten. Flüsternd. Singend. In einer Sprache, die halb Worte, halb Tierlaute war.
Mutter kommt. Mutter sieht. Mutter weiß.
Und tief im Herzen des Waldes, dort, wo die Bäume am dichtesten standen und das Sekret am stärksten floss, erhob sich die Lodge.
Einst ein prächtiger Jagdpavillon. Drei Stockwerke aus dunklem Holz und Stein. Gebaut für reiche Männer, die hier Wild schossen, Whiskey tranken und Geschäfte machten, die das Tageslicht mieden.
Jetzt war es ein Palast.
Schwarzes Gestrüpp hatte ihn umrankt – Dornen, die jedem, der ihn betreten wollte, kleine Blutopfer abverlangten.
Die Fenster waren mit bunten Glasscherben verziert, zusammengesetzt in einem manischen Rausch – Fragmente von Kirchenfenstern, Bierflaschen, Kinderspielzeug.
Wenn das Licht durch sie fiel, tanzten verzerrte Bilder über den Boden.
Nur sie konnte sie deuten.
Und selbst das nur manchmal.
Die große Halle war erfüllt von einem schwachen, pulsierenden Licht.
Kerzen. Hunderte davon. Auf jedem verfügbaren Platz. Auf Tischen, Regalen, dem Boden. Manche waren echt. Andere... nicht. Manche waren aus Wachs. Andere aus Talg. Menschlichem Talg.
In der Mitte der Halle stand ein Thron.
Nicht pompös. Nicht golden.
Ein alter Sessel, überzogen mit Fell und Knochen. Kleine Knochen, zu einer Krone geformt. Rostige Nägel als Spitzen.
Hier thronte sie.
Die Prinzessin.
Victoria Slade. Oder was von ihr übrig war.
Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, zerrissen, durchnässt vom Sekret, das an den Säumen klebte. Ihr Haar war lose, feucht vom Nebel, hing ihr ins Gesicht wie durchsichtige Ranken.
Ihre Haut war blass. Ihre Haare bleich. Als hätte sie seit Monaten kein Sonnenlicht mehr gesehen.
Aber ihre Augen.
Ihre Augen glühten.
Gelb. Intensiv. Wie zwei Sonnen, die langsam verbrannten.
Sie saß nicht still. Sie wippte leicht hin und her, summte ein Lied, das niemand kannte. Ihre Finger trommelten auf der Armlehne – ein nervöser, unregelmäßiger Rhythmus.
Vor ihr, auf dem Boden, lag ein zerbrochener Spiegel.
Ein Fragment davon lag in ihrer Hand. Als Erinnerung an den Obsidian-Spiegel vielleicht.
Ebenso schwarz. Glatt. Aber rissig.
Sie starrte hinein. Nicht auf ihr Spiegelbild. Sondern durch es hindurch.
„Siehst du mich?“, flüsterte sie.
Das Spiegelbild antwortete nicht.
„Ich weiß, dass du da bist. Ich spüre dich. Hinter der Schwelle. Hinter dieser Welt.“
Stille.
Sie lächelte. Bitter. Gebrochen.
„Du hast mich verlassen. Wie alle anderen.“
Sie hob die Scherbe auf, drehte sie im Licht. Die Kerzen spiegelten sich darin, verzerrten sich, wurden zu tanzenden Flammen, die nicht existierten.
„Einst herrschte ich über Glas und Stahl“, sagte sie leise. „Jetzt über Moos und Blut. Einst hatte ich eine Stadt. Jetzt habe ich... was? Einen Wald? Ein paar gebrochene Seelen?“
Sie lachte. Ein hohler Klang.
„Aber das reicht. Das muss reichen.“
Sie stand auf, das Kleid raschelte wie tote Blätter.
„Sie haben mir alles genommen. Den Spiegel. Die Stadt. Die Bären.“
Ihre Stimme brach.
Sie ging zu einem Tisch, auf dem ein altes Foto lag. Eingerahmt. Rissig.
Victoria Slade im Anzug. Neben ihr – Papa Bär flankiert von den beiden anderen.
Er war massiv, selbst auf dem Foto. Aber es war sein Gesicht – es lächelte. Ein seltenes, kostbares Lächeln.
Sie strich mit den Fingern über das Glas.
„Du warst mehr als ein General, Papa. Du warst... Familie?“
Eine Träne lief über ihr Gesicht. Sie wischte sie wütend weg.
„Aber ich werde mir nehmen, was mir zusteht. Ihre Kinder. Ihre Hoffnung. Ihre Leben.“
Sie drehte sich um.
Hinter dem Thron stand eine Gestalt.
Groß. Massiv. Mit Fell, das zwischen Grau und Schwarz changierte. Augen, die im Kerzenlicht rot glühten.
Alpha.
Sie stand auf zwei Beinen, aber gebeugt, als trüge sie eine Last, die kein Mensch tragen könnte. Ihre Krallen waren lang, scharf, blutverschmiert.
Aber ihr Blick – ihr Blick war nicht wild.
Er war... traurig.
Die Prinzessin trat auf sie zu. Legte eine Hand auf ihre Schnauze.
„Du erinnerst dich an sie, nicht wahr?“, flüsterte sie. „Die Männer hinter den Masken?“
Alpha knurrte. Nicht bedrohlich. Schmerzhaft.
„Sie haben dich mir genommen. Aber ich habe dich zurückgeholt. Und jetzt... werden sie zahlen.“
Sie küsste ihre Stirn. Eine Geste, die fast mütterlich wirkte.
„Du bist meine Speerspitze. Mein Beschützer. Und wenn sie kommen...“
Sie lächelte.
„...dann zeigst du ihnen, was es bedeutet, eine Königin zu verraten.“
Alpha senkte den Kopf. Gehorsam. Aber in ihren Augen – ein Flackern.
Eine Erinnerung.
Von einem Mann. Mit einer Nase, die mehr roch als andere. Der ihr Wasser gegeben hatte. Der gesagt hatte: „Wir holen dich hier raus.“
Aber er war nie zurückgekommen.
Die oberen Stockwerke waren nur verstörend. Die Kellergewölbe dagegen raubten den Schlaf.
Dort, wo das Holz dem Stein wich und der Stein der Erde, lag ihre Saatkammer.
Ein Raum. Feucht. Kalt. Erfüllt vom Geruch des Sekrets.
Die Wände waren überzogen mit Wurzeln. Lebendigen Wurzeln, die pulsierten wie Adern. Sie wuchsen gierig nach unten. In die Tiefe. Dorthin, wo das Sekret entsprang.
In der Mitte des Raums standen Käfige. Gläserne Tanks. Tische mit Gurten. Und darin die sogenannten Experimente.
Menschen. Halb umgewandelt. Manche noch bei Bewusstsein. Andere... nicht mehr.
Ein Mann ohne Zunge. Eine Frau mit zu vielen Augen. Ein Kind, dessen Haut zu Schuppen wurde.
Die Prinzessin besuchte ihre Schätze täglich.
Sie sprach mit ihnen. Streichelte sie sanft. Nannte sie meine Kinder.
„Bald“, flüsterte sie jedem Einzelnen zu. „Bald wird der Wald euch vollenden. Dann werdet ihr perfekt sein.“
Nicht weit davon, in einem Nebenraum, fast verstaubt und vergessen, stand ein alter Monitor.
Ein alter flackernder Röhrenbildschirm, der provisorisch mit einem Funkgerät verbunden war, das niemand mehr nutzte. Niemand außer ihr. Die Prinzessin setzte sich oft davor. Schaltete es ein.
Statisches Rauschen. Dann kam langsam das Bild. Verschwommen, aber erkennbar zeigte es die Stadt.
Vandora.
Sie lehnte sich vor, sprach ins Mikrofon. Zu wem genau wussten ihre Bediensteten nicht. Es traute sich auch niemand zu fragen.
„Ich weiß, dass ihr mich sucht.“
Ihre Stimme war ruhig. Fast sanft.
„Gut. Kommt. Seht, was aus eurem Werk geworden ist.“
Pause.
„Ihr habt mir meinen Tower genommen. Meinen General. Meine Macht.“
Ihre Stimme bebte.
„Jetzt nehme ich eure Familien. Eure Stadt. Eure Seelen.“
Sie stand auf, ging zu einer Karte an der Wand. Vandoras Wasserleitungen waren alle markiert. Mit gelben Linien säuberlich nachgezogen.
„Chrysalis fließt bald in die Adern Vandoras. Langsam. Unbemerkt. Über Monate.“
Sie zog eine Linie nach. Von der Lodge zu den Hauptleitungen.
„Bald werden alle vergessen, wer sie waren. Und sie werden mir gehören.“
Sie drehte sich zurück zum Monitor.
„Ihr habt eine Wahl. Kommt zu mir. Jetzt. Und ich gebe euch eine Chance."
Ein Lächeln.
„Oder wartet. Und seht zu, wie eure Stadt stirbt. Langsam. Süß. Unvermeidlich.“
Sie schaltete den Monitor aus.
Hinter ihr trat Alpha aus dem Schatten.
„Glaubst du, sie kommen?", fragte sie leise.
Alpha knurrte. Ein Laut, der Ja bedeutete.
„Gut.“
Sie legte eine Hand auf ihren Kopf.
„Dann bereiten wir das Fest vor.“
1
Der Verfall Beginnt
Vandora City war einst für Hoffnung gebaut worden.
Für Ordnung, Gerechtigkeit, vielleicht sogar – wenn man den alten Plänen glauben wollte – für Gnade.
In ihren Fundamenten lagen keine Flüche, sondern Versprechen. Gegossen nicht nur aus Beton und Schweiß, sondern aus Visionen von einem besseren Morgen. Architekten arbeiteten an Blaupausen, die das Chaos der alten Welt hinter sich lassen wollten.
Die Straßen waren einst als Lebensadern gedacht, nicht als Schlingen. Die Hochhäuser als Leuchttürme, nicht als Obelisken der neuen Pharaonen.
Und selbst in den Fluchten der späteren Sozialbauten wollte man jenen ein Zuhause geben, die die Gesellschaft zu schnell aufgegeben hatte.
Das Wort – Gnade – wirkte heutzutage wie ein alter Kirchenvers. Zu oft geflüstert, zu selten gelebt. Verblichen in rostigen Bekenntnissen und abgestorbenen Blicken, die niemandem mehr galten.
Und die wenigen, die noch wussten, wie es sich anfühlte, wenn jemand einem die Hand reichte, statt sie zur Faust zu ballen – jene hielten diese Erinnerung verborgen wie eine Narbe unter langem Stoff. Wie eine Geschichte, die man lieber nur im Flüsterton weitergibt. Weil die Welt da draußen einem längst bewiesen hatte, dass Schwäche kein Laster ist – sondern ein Todesurteil.
Es gab eine Zeit, nicht lange her, in der Vandora Citys Unterwelt noch durch einen einzigen Namen dominiert wurde.
Einen Namen, der in den Konferenzsälen des Velvet Quarter mit Ehrfurcht ausgesprochen wurde. Einen Namen, der auf den Lippen der Verlorenen lag wie ein Fluch – oder wie ein Gebet.
Victoria Slade.
Sechs Monate vor dem Feuer, das ihren Tower verzehren würde, stand sie in einer ihrer vielen Penthouse-Wohnungen hoch über der Stadt und rauchte ihre letzte Zigarette als die Frau, die sie einmal gewesen war.
Das Glas in ihrer Hand war halb leer. Whiskey, älter als die meisten Menschen, die für sie arbeiteten. Sie trank nicht aus Genuss. Sie trank, weil die Stille unerträglich war.
Draußen, jenseits der bodentiefen Fenster, glitzerte Vandora wie ein zerbrochener Spiegel unter dem kranken Licht der Neonreklamen. Die Stadt atmete, pulsierte, lebte – aber ihr Atem war giftig geworden.
Victoria sah nicht die Stadt.
Sie sah das Ende.
Auf dem gläsernen Schreibtisch hinter ihr stand der Obsidian-Spiegel. Schwarz, glatt, älter als jede Erinnerung. Er pulsierte leise, wie ein Herz, das vergessen hatte, wie man aufhört zu schlagen. Die Oberfläche schimmerte – nicht mit Licht, sondern mit etwas Tieferem. Etwas, das zwischen den Welten lag.
Sie hatte Jahre damit verbracht, ihn zu verstehen. Jahre, in denen sie Grenzen überschritt, die selbst die Skrupellosesten ihrer Vorgänger gemieden hatten. Der Spiegel zeigte keine Reflexionen – er zeigte Möglichkeiten. Andere Welten. Bessere Welten.
Welten, in denen Vandora City nicht verfaulte. In denen Kinder nicht in Gassen verschwanden. In denen sie nicht zur Königin eines Imperiums aus Blut und Schmutz geworden war. In denen sie nicht sterben musste.
Aber jetzt?
Jetzt war der Spiegel alles, was ihr noch blieb.
Die Tür hinter ihr öffnete sich ohne Anklopfen. Nur einer wagte das.
Papa Bär.
Er war massiv, selbst für seine Verhältnisse. Zwei Meter zwanzig. Schultern wie Baumstämme. Hände, die Schädel zerquetschen konnten wie reife Früchte. Sein Gesicht war eine Karte aus Narben – jede eine Geschichte, die niemand hören wollte.
Das Chrysalis-Serum. Der geheimnisvolle Nektar. Er floss durch seine Adern wie flüssiges Gold, formte ihn um, machte ihn stärker, schneller – und loyaler.
Papa Bär war mehr als ein Leibwächter. Er war das Fundament, auf dem Victorias Imperium ruhte.
Und er sah aus, als würde er gleich unter der Last zusammenbrechen.
„Sie kommen näher“, sagte er. Seine Stimme klang wie Stein auf Stein. Tief, emotionslos, aber mit einem Unterton, den nur Victoria hörte.
Angst.
„Wer?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
„Alle.“
Victoria drehte sich langsam um. Ihre Augen – einst klar, kalt, berechnend – flackerten kurz. Ein Hauch von Gelb, der wieder verschwand, bevor er real wurde.
„Die Feen?“
Papa Bär nickte. „Lilith bewegt ihre Schwestern. Aber sie wird sich an die getroffene Vereinbarung halten.“
„Die Organisation?“
Wieder ein Nicken. „Die Stimme hat ihre Leute in Position gebracht. Überwachung. Infiltration. Sie verlangen Fortschritte. Ich denke, sie warten nur auf den richtigen Moment.“
Victoria lachte. Ein bitterer, trockener Ton. „Und die Three?“
Papa Bär schwieg.
Das war Antwort genug.
Victoria stellte ihr Glas ab. Ihre Hand zitterte – nur für einen Moment, aber Papa Bär sah es. Er sagte nichts.
„Die Three“, wiederholte sie leise. „Drei Männer. Kein Heer. Keine Armee. Aber ein Dorn in jeder Realität. Reine Sturheit.“
Sie ging zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade. Darin lag eine goldene Ampulle, gefüllt mit einer dickflüssigen, gelben Substanz. Das Chrysalis-Serum. Der Nektar, aus den Tiefen der Erde gewonnen, verfeinert, konzentriert.
Die Organisation arbeitete schon seit Jahren daran. Hatte es erschaffen.
Sie brauchten Vandora. Und sie war bereit es ihnen auf einem Silbertablett zu überlassen. Als Gegenzug bekam Victoria das Serum. Kontrolliert, dosiert und genutzt. Sie hatte ihre Soldaten damit geformt. Zumindest die, die etwas taugten.
Aber sie hatte es nie selbst genommen.
Bis jetzt.
„Victoria...“, begann Papa Bär, doch sie hob die Hand.
„Ich weiß, was du sagen willst“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Augen glühten. „Dass es gefährlich ist. Dass es mich verändern wird. Dass ich die Kontrolle verlieren könnte.“
Sie drehte die Ampulle zwischen den Fingern. Das Licht der Stadt brach sich darin, warf gelbe Schatten an die Wände.
„Aber was bleibt mir noch, Papa? Der Spiegel? Er wird mich nicht ewig am Leben halten. Alle kreisen schon um die Stadt. Zerreißen sie bereits. Mein Imperium. Das Imperium meines Vaters darf… wird nicht auf diese Weise enden.“
Sie lachte wieder, diesmal leiser. Gebrochener.
„Es wird nicht auf diese Weise enden. Aber mit diesem kranken Körper halte ich bald nicht mal mehr die Trümmer zusammen.“
Papa Bär trat näher. Zum ersten Mal, seit Victoria ihn kannte, sah sie etwas in seinen Augen, das nicht Loyalität war.
Trauer.
„Du bist nicht allein“, sagte er leise. „Ich bin hier. Immer.“
Victoria sah ihn an – diesen Berg aus Muskeln und Narben, dieses Experiment, das sie zu einem Wesen zwischen Mensch und Monster gemacht hatte.
Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie etwas, das sie längst begraben hatte.
Liebe.
Nicht romantisch. Nicht mütterlich. Aber real.
„Ich weiß“, flüsterte sie. „Deshalb brauche ich das.“
Sie brach das Siegel der Ampulle. Der Geruch, der aufstieg, war süßlich, metallisch, warm. Er roch nach Erde und Blut und etwas Älterem – etwas, das keine Worte kannte.
Papa Bär trat einen Schritt zurück. „Victoria....“
Aber sie hörte nicht mehr.
Sie setzte die Ampulle an die Lippen und trank.
Das Chrysalis-Serum schmeckte wie Honig, der zu lange in der Sonne gelegen hatte. Süß, aber faulig. Es brannte auf der Zunge, kroch die Kehle hinunter, verbreitete sich in ihrem Körper wie flüssiges Feuer.
Victoria keuchte, ließ die leere Ampulle fallen. Sie zersprang auf dem Marmorboden in tausend Scherben.
Für einen Moment – nichts.
Dann begann es.
Die Welt verschwamm. Die Lichter der Stadt explodierten in Farben, die sie nie gesehen hatte. Ihr Herzschlag wurde lauter, dröhnend wie eine Trommel aus Fleisch und Knochen. Ihre Haut prickelte, als würden tausend Nadeln sie von innen durchbohren.
Sie hörte es – die Stimmen.
Nicht laut. Nicht schreiend. Nur... präsent.
Flüstern. Murmelnd. Lockend.
„Komm zu uns. Komm nach Hause. Wir haben auf dich gewartet.“
„Was...?“, keuchte sie.
Papa Bär war bei ihr, hielt sie, bevor sie fiel. „Victoria. Was siehst du?“
Sie sah nicht mehr das Penthouse.
Es war ein Wald.
Ein Wald, der nicht existierte. Nicht hier. Nicht jetzt. Aber er war real – realer als alles, was sie je gekannt hatte.
Bäume, schwarz und knorrig, die in den Himmel ragten wie zerbrochene Knochen. Nebel, dick und gelb, der zwischen den Stämmen waberte. Und darin – Gestalten. Kinder mit leeren Augen. Tiere mit zu vielen Beinen. Und eine Stimme, sanft wie eine Mutter, kalt wie ein Grab.
„Du gehörst zu uns, Victoria. Du warst immer eine von uns. Die Prinzessin des Verfalls. Die Königin der Vergessenen.“
„Nein...“, flüsterte sie. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Nein, ich bin... ich bin stärker als das...“
„Was bist du, Victoria? Eine Geschäftsfrau? Eine Herrscherin? Eine Lügnerin in einem teuren Anzug?“
Die Stimme lachte. Es klang wie Wind durch hohle Knochen.
„Hier unten, in der Tiefe, wo das Sekret entspringt – dort bist du ehrlich. Dort bist du... frei.“
„Nein!“
Victoria riss sich los. Torkelte einen Schritt zurück. Ihre Augen waren jetzt ganz gelb – nicht mehr Farbe, sondern Glut. Flüssiges Gold, das brannte.
Papa Bär machte einen halben Schritt zurück. Kein Zögern, keine Feigheit – nur der Reflex eines Kriegers, der eine Veränderung in seinem Umfeld begreift.
Sie stand da. Keuchend. Zitternd. Nicht mehr ganz Mensch.
Hinter ihr begann der Obsidian-Spiegel zu reißen.
Kein Krachen. Kein Splittern.
Nur ein feines Knacken, als würde die Welt selbst die Luft anhalten.
Ein Riss. Dann noch einer. Als gäbe die Realität leise auf.
Victoria drehte sich um. Sah zu, wie die glatte Oberfläche in sich zusammenfiel – für einen Atemzug. Schließlich schloss sich alles wieder. Makellos. Unverschämt ruhig.
Papa Bär senkte die Stimme. „Du hast es gebändigt… fürs Erste.“
Ein Blick. Schwerer als jede Bedrohung.
„Die Three. Die Feen. Der Kanzler oder die Organisation. Alle bewegen sich. Wir müssen schneller sein. Viel schneller.“
Victoria lachte. Ein Laut, der weder Freude noch Trauer war. Nur Wahnsinn.
„Gut“, sagte sie. Ihre Stimme klang anders. Höher. Jünger. Kindlicher.
„Lassen wir sie doch sich gegenseitig auffressen.“
„Wie?“
Sie sah ihn an. Ihre Augen – zwei Sonnen aus flüssigem Gift.
„Wir stellen uns tot. Legen uns auf die Lauer. Und wenn alle kleinen Steinchen an ihrem Platz sind…“, sie machte eine dramatische Pause. „Dann wird mein Papa sie alle zu Staub zermalmen.“
Papa Bär nickte. Er verstand nicht alles.
Aber er verstand genug.
Und er folgte.
Nicht aus Überzeugung.
Sondern aus Loyalität.
═══ SECHS MONATE SPÄTER ═══
Entscheidungen brauchen keinen Applaus. Sie brauchen Räume, in denen niemand zuhört – Räume, in denen der Kanzler das Machtvakuum, das in Vandoras Eingeweiden klaffte, zu seinem Vorteil ausnutzen konnte.
Er ertrug Fenster nur bedingt.
Aus pragmatischer Sicht waren es Schwachstellen.
Augen.
Und Augen bedeuteten Möglichkeiten für Fehler.
Das eigentliche Büro des Kanzlers lag tief im Ouranos Tower, weit unterhalb der offiziellen Macht. Beton und Stahl, Sicherheitssysteme, gedämpftes Licht, das über einer prunkvollen barocken Inneneinrichtung schwebte. Die Luft roch nach teurem Papier, ausländischem Kaffee und Entscheidungen, die niemals öffentlich wurden. An den Wänden hingen antike Gemälde und Standarten längst vergangener Nationen.
Dazwischen Zahlen. Diagramme. Prognosen.
Vandora City in Kurven.
Und alle zeigten nach unten.
Der Kanzler stand mit dem Rücken zur Tür, sein Blick auf eine Ölmalerei gerichtet, die eine Szene aus der französischen Revolution zeigte. Die Ruhe des Raumes zersprang, als sich die Tür lautlos öffnete.
