The WALLRIDE - Stefan Glowacz - E-Book

The WALLRIDE E-Book

Stefan Glowacz

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Beschreibung

Zwei Länder, zwei Wände, zwei Erstbegehungen Die neueste Expedition von Stefan Glowacz hat es in sich: Zusammen mit seinem Partner Philipp Hans bricht der Profikletterer und Extrembergsteiger im Sommer 2021 auf, um zu beweisen, dass man selbst in den restlos erschlossenen Alpen noch echte Abenteuer erleben kann. "The WALLRIDE" nimmt Sie mit auf die faszinierende Reise. Vom ersten Ziel, der Croda Bianca, in den östlichsten Ausläufern der Dolomiten führt die spektakuläre Erstbegehungs-Tour weiter in die Granitfelsen des Pic de Bure in den französischen Alpen. Alle Etappen werden authentisch beschrieben und in atemberaubenden Fotografien dokumentiert. • Neues Abenteuer des bekannten Kletterers: Stefan Glowacz auf Expedition in den Alpen • Zwei Erstbegehungen in zwei Ländern: Croda Bianca in Italien und Pic de Bure in Frankreich • By fair means 4.0 – Klettern und Biken in den Alpen mit wenig Gepäck • Inspiration für Ihre Bergtouren mit GPS-Daten zum Nachfahren und Nachklettern Trailbiking extrem: Mit dem Mountainbike zu den spektakulärsten Wänden der Alpen Stefan Glowacz ist bekannt für seine Expeditionen "by fair means". Auch auf seiner Alpentour erklimmt er die steilen Felswände nur mit der nötigsten Kletterausrüstung und findet Wege, wo vor ihm noch keiner war. Das Besondere: Vom Start am Starnberger See bis in die Höhenlagen der Berge bewegen sich Glowacz und Hans ausschließlich mit dem Mountainbike fort. Auf 2.500 Kilometern folgen sie alten Versorgungswegen und schmalen Trails. Völlig autark und vor allem CO2-neutral. Ein inspirierendes Buch für alle Kletterer, Mountainbike-Fahrer und Outdoor-Enthusiasten!

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MIT MOUNTAINBIKESUND KLETTER-EQUIPMENTQUER DURCH DIE ALPEN

STEFANGLOWACZTHE WALLRIDEPHILIPPHANS

50.000 HÖHENMETER2 WÄNDEJEDE MENGE ABENTEUER

TEXT:CHRISTIAN PENNING

INHALT

VORWORT

VON MARKUS LANZ

EXPEDITION VOR DER HAUSTÜR

WALLRIDE – DIE IDEE VS. EINFACH MAL VON ZU HAUSE AUSBÜXEN

VORBEREITUNG VOLLER RÜCKSCHLÄGE

DAS PROJEKT WALLRIDE STEHT AUF DER KIPPE

VOR DEM START

BIKEGUIDE PETER BRODSCHELM ÜBER HERAUSFORDERUNGEN UND UNWÄGBARKEITEN

WIESO MACHT IHR DAS?

INTERVIEW MIT STEFAN GLOWACZ UND PHILIPP HANS VOR DEM START DER WALLRIDE-TOUR

1

GEMEINSAMSTARK

VOM STARNBERGER SEE BIS ZUR MARMAROLE-GRUPPE

THE WALL 1 CRODA BIANCA

DIE FELSKATHEDRALE AUS DER HORIZONTALEN IN DIE VERTIKALE

2

ABENTEUER SINDNICHT PLANBAR

VON DEN DOLOMITEN ZUM PIC DE BURE IN DEN FRANZÖSISCHEN SÜDALPEN

THE WALL 2 PIC DE BURE

ZERBRÖSELTE TRÄUME EINE HALBE ERSTBEGEHUNG MIT HINDERNISSEN

3

FINALEZITTERPARTIE

VON DEN FRANZÖSISCHEN SÜDALPEN NACH GRINDELWALD UND ZURÜCK ZUM STARNBERGER SEE

LOHN DER STRAPAZEN

INTERVIEW MIT STEFAN GLOWACZ UND PHILIPP HANS NACH DER WALLRIDE-TOUR

WAS BLEIBT?

GEDANKEN VON STEFAN GLOWACZ

VORWORT

AUF DER SUCHE NACH DEM ABENTEUERVON MARKUS LANZ

WER JEMALS AN EINEM VERREGNETEN MONTAGMORGEN IM NOVEMBER, WENN DRAUSSEN DIE LETZTEN BLÄTTER FALLEN UND DER DEUTSCHE HIMMEL NICHT MEHR RICHTIG HELL WIRD, IN EINER SCHLANGE AM FRANKFURTER FLUGHAFEN GESTANDEN HAT, ZWISCHEN ALL DEN AKTENKOFFERTRÄGERN, DEREN GESICHTER UND ANZÜGE IMMER ÄHNLICHER AUSSEHEN, JE LÄNGER MAN SIE BETRACHTET, BIS SIE IRGENDWANN AUF SELTSAME WEISE MIT DEM GRAU DES HIMMELS VERSCHMELZEN, DER KANN ES SICH VIELLEICHT NICHT VORSTELLEN, ABER: JEDER VON IHNEN IST EIN ABENTEURER. JEDER EINZELNE: EIN ENTDECKER. SIE HABEN ES NUR IRGENDWANN … VERGESSEN.

An dieses Frankfurter-Flughafen-Montagmorgen-November-Gefühl habe ich oft gedacht, wenn ich mal wieder an irgendeinem entlegenen Ort stand, an dem vermutlich noch nie zuvor jemand gewesen war. Ein Geschenk, ein seltenes Glück, das ich immer wieder hatte. Im Winter bei den Nomaden im mongolischen Altaigebirge, im Frühjahr bei den Elefanten im Tal des Luangwa in Sambia, im April in der Kälte des Nordpols, im Sommer in der alles versengenden Hitze der Afar-Senke in Äthiopien. Und immer wieder in Grönland. Bei den Inuit, den wahren Entdeckern, die mit ihren Hunden über Tage und manchmal über Wochen über das gefährlich dünne Eis ziehen, ohne GPS, ohne Navigationssystem, meist sogar ohne Kompass, einfach nur ihren Hunden und ihrem eigenen untrüglichen Instinkt vertrauend. Alles, was sie dabeihaben, sind ein paar Plastiktüten voll mit Tabak und starkem dänischen Kaffee, mehr brauchen sie nicht. »Wir schießen unser Mittagessen«, sagen sie lachend, wenn man sie danach fragt. Die Natur um sie herum – ein einziger großer Supermarkt.

Wir sind als Abenteurer geboren. Getriebene dieser unbändigen Neugier: Was verbirgt sich hinter der nächsten Kurve? Was hinter dem nächsten Hügel? Dem nächsten Berg? Und was dort, wo alles zu enden scheint: weit draußen auf dem Meer, wo der Himmel das Wasser berührt? Hinterm Horizont, immer weiter …

Und doch überfällt mich manchmal ein melancholischer Gedanke: Was, wenn es gar kein echtes Abenteuer mehr gibt? Weil wir den richtigen Moment verpasst haben? Weil wir zu spät gekommen sind? Egal, wohin wir als Menschen des 21. Jahrhunderts gehen, egal, wie weit wir reisen, auf die einsamste Alm in den Dolomiten oder in das entlegenste Tal in Pakistan, egal, wie sehr wir uns beeilen: Wir sind überall nur noch Zweiter. Immer. Google war schon da.

UND NICHT NUR DAS

Die höchsten Berge der Welt sind längst erklommen. Wir können in Minuten auf den Gipfel des Mount Everest spazieren, ohne außer Atem zu geraten – 3D-Animationen machen’s möglich. Und unser Smartphone kennt jeden noch so entlegenen Winkel der Erde. Wandern auf Google Earth. Was soll da noch kommen? Ich selbst bin in den Bergen Südtirols aufgewachsen, wo praktisch kein Gipfel mehr existiert, der nicht durch Trails oder Pfade erschlossen wäre. Egal, wohin man geht: Die Reisegruppe aus dem Allgäu ist gerade abgereist. Die Welt ist klein geworden. Es ist ein Elend.

Die alles entscheidende Frage ist: Können wir in einer solchen Welt noch Entdecker sein? Ist das Abenteuer wirklich geschrumpft? Oder müssen wir vielleicht nur lernen, Abenteuer anders zu verstehen? Können Abenteuer nur in den wenigen noch verborgenen Winkeln der Erde stattfinden, die die Augen der zahllosen Satelliten über uns bis jetzt glücklicherweise übersehen haben? In der Wildnis Grönlands, Patagoniens oder in den Dschungelregionen Südamerikas? Als exotische Spielplätze für privilegierte Outdoor-Vagabunden? Und ist deshalb also unsere Heimat, ist Europa längst zu einer öden, abenteuerfreien Zone geworden? Oder gibt es vielleicht ein neues Abenteuer: moderner, zeitgemäßer, ökologischer, weil es Rücksicht nimmt, weil es Ressourcen schont? Bio-Abenteuer sozusagen?

Ich bin seit Langem fasziniert davon, wie Stefan Glowacz diese Fragen beantwortet. Er hat sich immer wieder gehäutet. Wurde vom Extremkletterer zum Expeditionsabenteurer zum Botschafter der Natur.

Als wir uns kennenlernten, galt er als einer der besten Bergsteiger der Welt. Aber er war auch ein Getriebener: immer höher, immer härter, einer, der Dinge konnte, die anderen das Blut in den Adern gefrieren ließen, und dafür bewundert wurde. Es war die Welt von Kriegern. Von Helden in ihrem Kampf gegen eine grausame Natur. In einer solchen Welt geht es um Wände, um Gipfel, um Siege. Es geht um Eroberung.

Doch dann, irgendwann, merkte ich, dass sich etwas verändert hatte. Stefan erzählte mir plötzlich von einer Reise zu Big Walls in den eisigen Weiten von Baffin Island, eine gottverlassene, aber auch spektakuläre Gegend im Nordosten Kanadas. Er berichtete von Reisen zu den Tafelbergen im Dschungel von Venezuela und zum größten Monolithen Südamerikas, dem 1.200 Meter hohen Piedra Riscada in Brasilien.

UND SO GING ES WEITER

2018 brach er mit Philipp Hans und Thomas Ulrich auf nach Schottland, nicht etwa im Flugzeug, sondern im Elektroauto, und setzte von dort mit dem Segelschiff nach Grönland über. Mit Snowkites und Gepäckschlitten überquerten die drei den 1.000 Kilometer breiten Eisschild und erreichten schließlich die gigantischen Granitwände der »grönländischen Schweiz«, wie die Ostküste manchmal genannt wird.

Wer so reist, hat die Jagd nach Rekorden eingestellt. Und Geschwindigkeit abgeschafft. Es ist die Entdeckung der Langsamkeit. Und der Achtsamkeit. Es ist das Gegenteil von Eroberung. Auf einmal wird Reisen zum Ziel. Der Gipfelsieg am Ende? Fast egal. Wer mit 1.000 Kilometern pro Stunde über den Atlantik jagt, um sieben Stunden später in New York zu landen, hat keine Ahnung davon, wie weit er wirklich gereist ist. Wie gigantisch, wie schön, wie gefährlich, wie tödlich das Meer unter ihm wirklich ist. Wer sich Meter für Meter durch den Dschungel Südamerikas oder durch die Eiswüsten der Arktis quält wie Stefan, schon.

Gegen Ende dieser Expedition, so hat er es mir später erzählt, kam ihm zum ersten Mal ein kühner Gedanke: Versteckte sich vielleicht in den Alpen auch irgendwo noch so ein unglaubliches Abenteuer, mit dem keiner mehr gerechnet hat? Ausgerechnet in den Alpen, wo sich an manchen Orten die Touristen wirklich gegenseitig auf den Füßen herumstehen? Und wenn ja: wo?

Bald nach der Rückkehr aus Grönland reifte in ihm ein konkreter Plan: Aus eigener Kraft mit dem Rad durch die Alpen – das wär’s doch! Ohne Auto, ohne Zug, ohne Bus, sondern so, wie die Bergsteigerpioniere vor 100 Jahren gereist sind, nachhaltig und autark. Und zum Abschluss: drei Erstbegehungen an mächtigen Felswänden. Als ich davon hörte, fragte ich mich: Was würde Stefan am Ende wohl als das größere Abenteuer betrachten: seine »Coast to Coast«-Expedition in Grönland oder das Projekt »Wallride« in den Alpen?

Historisch betrachtet war Abenteuer immer der Aufbruch ins Unbekannte – für Alexander von Humboldt genauso wie für Reinhold Messner und Peter Habeler, die 1978 erstmalig den Gipfel des Mount Everest ohne den Einsatz von zusätzlichem Sauerstoff erreichten. Sie zeigten zum ersten Mal, was physiologisch wirklich möglich ist, wozu wir Menschen selbst im äußersten Grenzbereich fähig sind.

Dieser Triumph war der Beginn einer beispiellosen Jagd nach Rekorden. In zwei Stunden und 22 Minuten durch die Eiger-Nordwand – statt wie bei der Erstbesteigung 1937 in drei Tagen. Mit Laufschuhen in vier Stunden auf den Gipfel des Matterhorns und zurück zum Kirchplatz in Zermatt. Waghalsige, schwer kalkulierbare Flirts mit dem Tod.

Deshalb steht der »Wallride« von Stefan Glowacz und Philipp Hans für eine neue Art, Abenteuer zu begreifen. Er entzieht sich einer immer gefährlicheren Leistungsspirale, statt absoluter Extreme rücken plötzlich Kreativität und Neugier in den Vordergrund. Neuland zu betreten kann auch bedeuten, Traditionelles neu zu begreifen. Was zählt, ist das persönliche Abenteuer. Und jeder Sprung über den eigenen Schatten erweitert den Horizont.

Man kann versuchen, das Abenteuer von Stefan Glowacz und Philipp Hans in nüchternen Zahlen zu vermessen: 2.274 Kilometer, erstrampelt auf Mountainbikes mit 35 Kilogramm schweren Anhängern, fast 50.000 Höhenmeter … Doch die wirklich gute Nachricht ist eine andere: Echte Abenteuer warten nicht nur am Ende der Welt. Sie liegen direkt vor unserer Haustür, in uns selbst, in jedem von uns.

Herzlich

Markus Lanz

Der große Traum – einmal mit dem Bike quer durch die Alpen.

EXPEDITIONVOR DER HAUSTÜR

WALLRIDE – DIE IDEE VS. EINFACH MAL VON ZU HAUSE AUSBÜXEN

WIE AUS STEFAN GLOWACZS JUGENDTRÄUMEN DAS PROJEKT WALLRIDE ENTSTEHT. UND WESHALB DER EXPEDITIONSPROFI NACH REISEN ZU DEN ENTLEGENSTEN PLÄTZEN DER ERDE VOR DER HAUSTÜR NACH EINER NEUEN DIMENSION DES ABENTEUERS SUCHT.

Alle großen Taten beginnen mit einem Traum – in diesem Fall mit einem von Stefans Jugendträumen. Die Alpen mit dem Fahrrad hautnah kennenzulernen spukt dem Kletterass schon seit seiner Kindheit durch den Kopf. »Draußen herumzustrawanzen interessierte uns mehr als die Schule«, blickt Stefan zurück. »Mit dem Nachbarsjungen hab ich einst verrückte Pläne geschmiedet. Wir horteten Brot und Lebensmittel – unseren ›Geheimproviant‹. Damit wollten wir einfach mal abhauen, uns durchschlagen, irgendwohin, wo sonst keiner ist. Am Ende scheiterte unsere ›Expedition dahoam‹, weil mein Kumpel verschlafen hat, als es so weit war. Aber die Sehnsucht nach großen Abenteuern blieb.«

Die haben Stefan mittlerweile um den ganzen Erdball geführt. Nach dem Ende seiner Wettkampfkarriere als Sportkletterer, bei der er Siege beim legendären »Rockmaster« in Arco am Gardasee 1987, 1988 und 1992 einstreichen konnte sowie den Vizeweltmeistertitel 1993, schlägt Stefans Herz mit gleicher Leidenschaft und Zielstrebigkeit fürs Expeditionsklettern. Die weite Welt ruft. Je entlegener, desto besser: Mexiko, Patagonien, Antarktis, Kenia. Zusammen mit Holger Heuber knackt Stefan die größte Big Wall Brasiliens, den 800 Meter hohen Monolith Piedra Riscada. Die beiden Expeditionen zum Roraima-Tepui in Venezuela werden unter dem Titel Jäger des Augenblicks ein Kinoerfolg. Zwei Expeditionen führen Stefan Glowacz zusammen mit Kletterprofi Robert Jasper nach Baffin Island.

Ob in den Tropen oder in eisiger Kälte, Stefans Philosophie lautet stets: by fair means. Wie weit die Ziele auch von der Zivilisation entfernt sind, Stefan will sie möglichst aus eigener Kraft erreichen, ohne motorisierte Hilfsmittel. Bei der Coast-to-Coast-Expedition 2018 bricht er mit dem Schweizer Arktisexperten Thomas Ulrich und dem Stuttgarter Kletterer Philipp Hans nach Grönland auf. Im Fokus stehen nicht nur die Überquerung des Eisschildes von West nach Ost und die Besteigung steiler Felswände. Genauso wichtig ist Stefan der Weg dorthin: Nach Grönland geht es mit Unterstützung von Skipper Wolf Kloss und seiner Mannschaft per Segelschiff. Bei der Durchquerung helfen dem Trio Snowkites. Der Rückweg führt erneut per Segelschiff durch das aufgewühlte Nordmeer. Alles unter der Prämisse, während der Reise einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen.

Wochenlang hat Stefan in der Monotonie des ewigen Eises Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, um Ideen für nächste Expeditionen zu spinnen. Während der Rückfahrt spricht Stefan das erste Mal darüber mit Philipp Hans. Während der dreimonatigen Reise hat er den jungen Expeditionsnovizen als ebenso mutigen wie umsichtigen Kletterpartner und Freund schätzen gelernt. »Wie wäre es, wenn wir das nächste Mal an der Haustür starten? Einmal quer durch die Alpen. Auf Mountainbikes von Big Wall zu Big Wall. Und alle Ausrüstung, die wir brauchen, nehmen wir auf den Rädern mit.« In den stürmischen Fluten des Nordatlantiks schlägt die Geburtsstunde des Wallrides.

DAS GENERATIONEN-TEAM

ZUSAMMEN ZU NEUEN ABENTEUERN AUFBRECHEN. DREI WÄNDE, DREI ERSTBEGEHUNGEN, EINMAL QUER DURCH DIE ALPEN UND ZURÜCK. DER ALTE EXPEDITIONSHASE UND DER YOUNGSTER – STEFAN GLOWACZ UND PHILIPP HANS HABEN SICH GEFUNDEN, BILDEN EIN DREAM-TEAM. DEN GENERATIONSUNTERSCHIED SEHEN BEIDE ALS CHANCE. DENN BEIM PROJEKT WALLRIDE ZÄHLT ERFAHRUNG GENAUSO WIE JUGENDLICHER OPTIMISMUS.

Der 27-jährige Philipp ist von Anfang an Feuer und Flamme für das Projekt Wallride. Das Klettern mit anderen Sportarten zu verbinden, darin neue Herausforderungen zu suchen, ist ein Stil, der ihn fasziniert. Philipp und Stefan kennen sich schon über ein Jahrzehnt. Noch bevor Stefan ihn und seinen Bruder Moritz als Klettertalente förderte, wohnte Philipp einem Vortrag von Stefan in einem Stuttgarter Sportgeschäft bei. Ein Abend mit Folgen. Von nun an träumt der damals 13-Jährige davon, ähnliche Abenteuer selbst zu erleben – am besten mit dem Expeditionskletterer zusammen. Das Schicksal will es so, dass Philipp und Moritz Hans wenig später als Klettertalente entdeckt werden. Sie werden Teil des Nachwuchsteams von Stefans damaliger Kletterschuhmarke Red Chili. Eins kommt zum anderen. »Dass wir jetzt zusammen im wahrsten Sinne in einem Boot hocken«, sagt Philipp, »dass wir zusammen in einer Seilschaft klettern, Pläne schmieden, uns gegenseitig auf den Arm nehmen und blöde Sprüche um die Ohren hauen, ist unglaublich!«

Profiabenteurer:Die meisten seiner Expeditionen führten Stefan Glowacz bislang in einsame Gegenden am Ende der Welt, zuletzt nach Grönland bei der Coast-zu-Coast-Expedition 2018. Doch Abenteuer sind auch vor der Haustür möglich. Dafür steht das Projekt Wallride.

Perfekte Seilschaft:Seit der Grönland-Expedition 2018 bilden Stefan und Philipp ein Generationen-Team. Langjährige Erfahrung trifft auf jugendliche Gelassenheit.

Mit Philipp (27) und Stefan (56) treffen zwei Klettergenerationen aufeinander. »Eine Bereicherung für uns beide«, meint Stefan. »Mit jungen Leuten unterwegs zu sein inspiriert mich enorm.« Im Kopf ist er ohnehin 20 Jahre jünger, als es in seinem Pass steht. Von seinen früheren Kletterkumpels wird er kaum einen zu wochenlangen kräftezehrenden Biketouren überreden können, das weiß er. Philipp, das hat Stefan in Grönland erkannt, ist für sein junges Alter als Kletterer und Expeditionsteilnehmer schon sehr weit. »Mutig, umsichtig und enorm geduldig. Mit einem Wort: tiefenentspannt.«

Der Gedanke an einen Mammutritt im Mountainbike-Sattel stellt Philipps Gelassenheit durchaus auf die Probe. Bislang hat er immer mit dem Kopf geschüttelt, wenn ihm seine Freundin Pia vorgeschlagen hat, im Urlaub eine Transalp-Tour zu machen. Aber wieso nicht?, denkt er sich jetzt. Während der Grönland-Expedition hat er Segeln und Kiten gelernt. »Das Biken wird eine noch größere Challenge.« Philipp ist Kletterer und höchstens Gelegenheits-Biker. Doch genau das ist das Spannende, überlegt er. Jede neue Herausforderung ist ein Abenteuer. Noch steht der Plan nicht fix, aber Stefan hat in seinem Kopf ein Pflänzchen gesät, das in den kommenden Monaten wachsen und gedeihen wird.

Für Stefan ist die Idee, die Alpen mit dem Mountainbike zu durchqueren, viel mehr als nur eine neue »by fair means«-Variante. »Ich war in meinem Kletterleben viel in den Alpen unterwegs«, erzählt er. »Aber wirklich gut kenne ich die Alpen nicht. Ich bin bei Garmisch aufgewachsen und hab im Wetterstein mit dem Klettern begonnen. Später fuhren wir immer an die gleichen Hotspots, um schwere Routen zu klettern – und schließlich machten wir uns auf, um andere Kontinente zu entdecken. Die Alpen in ihrer ganzen Größe und Vielfalt, mit all ihren Kontrasten, in all ihren Facetten, das erlebst du dabei nicht. Im Grunde habe ich Europas größte Gebirgsregion aus einer ähnlich punktuellen Perspektive erlebt, wie sie jeder aus dem Urlaub kennt: Du pickst dir schöne Ziele heraus und unternimmst dort etwas. Die Wege dorthin habe ich aber meist aus der Autofahrerperspektive erlebt.«

Wallride soll das Erlebnis Alpen mit spannenden – und herausfordernden – Erstbegehungen kombinieren. Als Klettertrilogie an drei großen Wänden. Welche es sein werden, kristallisiert sich nach Recherchen und Gesprächen mit Kletterkollegen in den zwei Jahren nach der Rückkehr aus Grönland heraus. Eckpfeiler sollen die 800 Meter hohe Südostwand der Croda Bianca in den östlichen Dolomiten und die 600 Meter hohe Ostwand des Pic de Bure in den südfranzösischen Voralpen der Dauphiné sein. Als Höhepunkt peilt Stefan die 10.00-Meter-Nordwand am Wetterhorn bei Grindelwald im Berner Oberland an – nur einen Katzensprung von der Berglegende Eiger entfernt.

AUF DEN SPUREN DER PIONIERE

EGAL OB EIGER ODER PIZ BADILE – MIT DEM RAD ZUM BERG, DAS WAR FÜR VIELE BERGSTEIGERPIONIERE SELBSTVERSTÄNDLICH. STEFAN UND PHILIPP GREIFEN DIESEN PURISTISCHEN STIL AUF UND INTERPRETIEREN IHN NEU.

Mit dem Bike zum Bergsteigen – das ist nicht neu. Genau das hat auch der Opa meiner Freundin gemacht, als er jung war, überlegt Philipp. Das war früher ganz normal. Ein Auto war für die meisten Bergsteigerpioniere Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts unerschwinglich. Auch Bus- und Bahnverbindungen gab es damals noch längst nicht flächendeckend in alle Alpentäler. Das Fahrrad – oft noch ohne Gangschaltung – war das Verkehrsmittel der Wahl. Ganz egal ob zum Plaisirklettern übers Wochenende von München ins Oberland oder zu Erstbesteigungsversuchen an der Eiger-Nordwand. Unvergessen ist die Anekdote von Hermann Buhl, der 1952 die 850 Meter lange Cassin-Kletterroute in der Piz-Badile-Nordwand in nur fünf Stunden durchsteigt. Vor dieser Big Wall strampelt er auf seinem Fahrrad 160 Kilometer – von Tirol ins Bergell im Süden Graubündens. Auf der Rückfahrt ist Hermann Buhl so übermüdet, dass er auf dem Rad einschläft und nahe Landeck in den Inn stürzt. Nach dem Bad in den eisigen Fluten ist er blitzschnell wieder wach. Weiter geht’s, nach Hause!

Ist das Projekt Wallride also ein alter Hut? »Nein!« Stefan Glowacz sieht das anders. »Entscheidend für mich ist: Es muss für mich persönlich etwas Neues sein. Und eine fast komplette Durchquerung der Alpen mit dem Mountainbike, hin und zurück, autark und mit voller Kletterausrüstung, kombiniert mit anspruchsvollen Erstbegehungen – das ist auch nicht nur für mich etwas Neues, das hat bislang noch keiner gemacht.« Ein Zeitlimit, ein Schneller-Höher-Weiter – solche Duftmarken interessieren Stefan und Philipp auf dieser Grand Tour nicht. »Wir wollen uns Zeit nehmen, die Alpen im wahrsten Sinne zu er-fahren«, sagt Stefan und fügt kritisch hinzu: »Wenn du als Profibergsteiger beginnst, alle deine Projekte unter den Aspekten der Bestzeit und einer noch nie da gewesenen. Unternehmung zu sehen, wirst du zum Getriebenen, der alpine Zirkusnummern produziert. Natürlich haben wir uns einen Zeitrahmen gesetzt. Zwei Monate etwa. Aber wir wollen uns nicht mit der Stoppuhr unter Druck setzen und unseren ohnehin schon stark beschleunigten Alltag nicht noch toppen. Es geht doch vielmehr darum, sich Zeit zu nehmen, um sich auf ein Ziel zu fokussieren. Manche sehen das anders. Für mich ist es eine Chance und eine Voraussetzung dafür, ein Gefühl des Befreit-Seins entstehen zu lassen.«

»WIR WOLLEN UNS ZEIT NEHMEN, DIE ALPEN IM WAHRSTEN SINNE ZU ER-FAHREN«

STEFAN