The Warm Hands of Ghosts - Katherine Arden - E-Book

The Warm Hands of Ghosts E-Book

Katherine Arden

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Belgien 1917, Erster Weltkrieg: Der kanadische Soldat Freddie kämpft gemeinsam mit einem schwer verwundeten deutschen Soldaten in einem eingestürzten Bunker ums Überleben … Einige Zeit später: Während in Flandern immer noch die Granaten einschlagen, erhält die Krankenschwester Laura ein Paket mit der Uniform ihres Bruders Freddie. Zunächst deutet sie es als eine Botschaft dafür, dass er gefallen sein muss. Doch bald häufen sich unheimliche Anzeichen, die auf etwas ganz anderes hindeuten. Deshalb reist Laura nach Flandern, um herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Dort hört sie Gerüchte über Geister, verfluchte Schützengräben und einen Mann, der die magische Fähigkeit besitzt, die Schrecken des Krieges aus den Erinnerungen verschwinden zu lassen. Doch zu welchem Preis? Ein beklemmender und kraftvoller historischer Roman der Bestsellerautorin der Winternacht- Trilogie. Naomi Novik: »Eine spektakuläre Meisterleistung von einer meiner Lieblingsautorinnen. So wunderbar tiefgründig und eindringlich, dass man meinen könnte, dafür sei ein faustischer Pakt nötig gewesen.« Anthony Horowitz: »Ein großartiger Roman. Visionär, fantasievoll und brillant geschrieben.« Helene Wrecker: »Ein Pageturner der Extraklasse, ein Meisterwerk, das historischen Realismus nahtlos mit dem Übernatürlichen verbindet.« Ava Reid: »Voll düsterer Schönheit und zutiefst menschlich – eine Liebesgeschichte, die sogar den Schleier des Todes durchdringt. Dieser Roman wird dein Herz berühren und dir unter die Haut gehen.« Dieser Roman erscheint auch als limitierte Sonderausgabe und kann  HIER vorbestellt werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 552

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Aus dem Amerikanischen von Claudia Rapp

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe The Warm Hands of Ghosts

erschien 2024 im Verlag Del Rey.

Copyright © 2024 by Katherine Arden

Copyright © dieser Ausgabe 2026 by

Festa Verlag GmbH

Justus-von-Liebig-Straße 10

04451 Borsdorf

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Titelbild: Cgrove / 99designs

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-98676-270-4

www.Festa-Verlag.de

Für Evan

Denn dies war ein Buch

der Schlachtfelder.

Und du standest mit mir

auf all diesen Feldern.

Et diabolus incarnatus est

Et homo factus est

Und der Teufel nahm Gestalt an

Und wurde zum Menschen

~ ARTHUR MACHEN

1

EIN TIER STIEG AUS DEM MEER

HALIFAX, NOVA SCOTIA, KANADISCHE SEEPROVINZEN

JANUAR 1918

Freddies Kleidung kam in der Veith Street statt in Blackthorn House an, und das Telegramm, das dieser Lieferung eigentlich hätte vorausgehen sollen, erreichte Laura überhaupt nicht. Das überraschte sie nicht. Seit Dezember hatte nichts mehr richtig funktioniert.

Seit dem 6. Dezember, um genau zu sein. Seit dem Morgen jenes Tages, als die Mont Blanc in den Hafen von Halifax einlief, mit Öl an Deck und hochexplosivem Sprengstoff im Laderaum. Es hieß, sie habe einen Frachter gerammt und das Öl habe Feuer gefangen. Während die Hafenarbeiter versuchten, das Feuer zu löschen, fanden die Flammen dann das Nitroglyzerin.

So lautete zumindest das Gerücht. »Nein, ich zweifle nicht an, dass es wahr ist«, sagte Laura zu ihren Patienten, wenn sie danach fragten, weil sie annahmen, dass sie es wissen musste. Als hätte sie nach drei Jahren als Krankenschwester im Kampfeinsatz etwas über hochexplosiven Sprengstoff gelernt, nur durch die Art, wie er sich in die Haut der Menschen brannte. »Haben Sie den Feuerball nicht gesehen?«

Sie hatten ihn alle gesehen. Ihr Vater war in einem der Boote gewesen, von denen aus man versucht hatte, die Feuersbrunst zu löschen. Hinterher sah Halifax aus, als hätte Gott seinen riesigen Fuß in einem brennenden Stiefel erhoben und damit aufgestampft. In Fairview lagen frische Gräber dicht neben fünf Jahre alten Grabsteinen der Opfer der Titanic, und das Dorf der Mi’kmaq war verschwunden.

Und die Post war eine Katastrophe. Deshalb hatte sie auch nichts von Freddie gehört. Er war ihr Bruder, er war Soldat; natürlich war der Stapel seiner gesammelten Briefe verloren gegangen, irgendwo in einem Sack. Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie hatte viel zu viel zu tun. Das erste notdürftige Krankenhaus war am Tag nach der Explosion behelfsmäßig beim YMCA eingerichtet worden. Es schneite ohne Unterlass und Halifax brannte noch immer. Laura war an den noch nicht identifizierten Toten vorbeigegangen. Hatte ihnen die Augen geschlossen, wenn sie nahe genug herangehen konnte, einmal eine Hand auf einen kleinen, nackten Fuß gelegt. Drei Jahre Kriegseinsatz lagen hinter ihr und sie war vertraut mit dem Anblick von Toten.

Genauso wie mit dem Anblick einer überfüllten Station zur Ersteinschätzung, nur dass sie zum ersten Mal nicht auf Soldaten traf, sondern auf Eltern, die ihre verbrannten Kinder umklammerten. Laura hatte ihren Mantel ausgezogen, sich die Hände gewaschen und der nächstbesten, wild dreinblickenden Mutter gut zugeredet. Sie sprach mit dem überforderten Arzt, einem Zivilisten, und machte sich daran, das Chaos in organisierte Arbeit zu verwandeln.

Das war vor einem Monat gewesen – oder waren es schon sechs Wochen? Die Zeit hatte sich gedehnt, so wie sie es auch tat, wenn die Verwundeten einer Schlacht hereinströmten; nicht mehr in Minuten oder Stunden zu zählen, sondern reduziert auf den Pulsschlag, den Atem jenes Körpers, der sich gerade unter ihren Händen befand. Sie schlief im Stehen und redete sich ein, dass sie zu beschäftigt war, um sich auch nur zu fragen, warum Freddie nicht schrieb.

»Dieses verdammte Mannweib«, murmelte ein Arzt halb verärgert, halb bewundernd. Das Krankenhaus in Barrington war voller williger Hände. Glücklicherweise hatten die Amerikaner in Boston einen Zug mit einer Menge Verbandsmull, Desinfektionsmitteln und Chirurgen beladen und nach Norden geschickt. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits Januar und draußen türmten sich die Schneewehen menschenhoch. Die Turnhalle war zur Krankenstation umfunktioniert worden, vernünftig eingeteilt und eingerichtet, organisiert bis zur Rücksichtslosigkeit, kompetent besetzt. Laura machte laufend Visite und beugte sich gerade über ein Bett.

»Eine echte Harpyie«, stimmte sein Kollege zu. »Aber was Verbände angeht, hat sie mehr vergessen, als du je wissen wirst. Sie war im Krieg im Pflegedienst, weißt du? Hat irgendwo in Frankreich eine Granate abbekommen.«

Es war in Belgien gewesen.

»Eine Granate? Als Krankenschwester? Wirklich? Was hat sie denn gemacht? Hat sie sich als Mann verkleidet und ist voraus an die Front gekrochen?«

Der erste Arzt ließ sich nicht provozieren. »Nein. Ich habe gehört, dass sie die frontnahen Krankenhäuser beschossen haben.«

Eine erschrockene Pause trat ein. Dann brachte der zweite Arzt ein schwaches »barbarisch« hervor. Laura fuhr fort, bei ihren Patienten die Temperatur zu messen. Beide Ärzte verfielen in Schweigen; vielleicht dachten sie darüber nach, wie es sein mochte, unter Beschuss ihrer Arbeit nachzugehen. »Himmel«, sagte der zweite Arzt schließlich. »Denken Sie, all die Mädels, die im Krieg waren, werden so zurückkommen? Versehrt und unbelehrbar?«

Ein Lachen und ein Schaudern. »Gott. Ich hoffe, nicht.«

Mit einem Lächeln im Gesicht richtete Laura sich auf, woraufhin sie beide blass wurden. »Doktor«, grüßte sie und spürte, dass ihre Patienten die Szene mit heimlicher Belustigung beobachteten. Sie war schließlich eine von ihnen, hier nahe dem Hafen geboren, bevor die Welt in Flammen aufging.

Die Ärzte stammelten etwas; sie wandte sich wieder ab. Dann eben Mannweib. Ein scharfer, zahnbewehrter Wind riss weißen Schaum aus der Bucht. Ihr nächster Patient war ein kleiner Junge mit vielen Brandblasen. Das Kind weinte, als sie den klebrigen Verband von seiner Haut löste.

»Still«, sagte Laura. »Es tut nur ganz kurz weh. Und wenn du weinst, wie soll ich dir dann von dem lila Pferd erzählen?«

Der kleine Junge blickte sie durch den Vorhang seiner Tränen hindurch finster an. »Pferde sind nicht lila.«

»Es gab aber eines.« Laura schnitt den von Wundflüssigkeit durchtränkten Mull weg. »Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. In Frankreich. Natürlich war das Pferd nicht von Anfang an lila. Es war ursprünglich weiß. Ein wunderschönes weißes Pferd, das einem Arzt gehörte. Aber der Arzt hatte Angst, dass nachts im Dunkeln jemand sein weißes Pferd sehen und erschießen würde. Dreh dich mal ein bisschen. Er wollte ein Pferd, das nachts schwer zu sehen war. Also ging er zu einer Hexe …«

Er ruckte hoch. »In Frankreich gibt es keine Hexen!«

»Natürlich gibt es die. Halt still jetzt. Erinnerst du dich nicht an die Märchen, die du gehört hast?« Freddie liebte Märchen.

»Aber die Hexen sind doch nicht in Frankreich geblieben«, teilte das Kind ihr mit bebender Stimme mit. »Wenn dort Krieg ist.«

»Vielleicht mögen Hexen den Krieg. Sie können tun, was immer sie wollen, wenn alle mit Kämpfen beschäftigt sind. Willst du nun von dem lila Pferd hören oder nicht? Dreh dich wieder um.«

»Will ich«, sagte der kleine Junge. Er blickte jetzt mit großen Augen zu ihr auf.

»Na gut. Also, die Hexe verriet dem Arzt einen Zauberspruch, der das Pferd dunkel machen sollte. Aber als der Arzt es versuchte – puff! Da war es lila wie eine Hyazinthe.«

Endlich war das Kind von seinen Schmerzen abgelenkt. »War es ein Zauberpferd?«, fragte es. »Nachdem es lila geworden war?«

Laura war dabei, den neuen Verband zuzubinden. Die Tränen des Kindes waren getrocknet. »Ja, natürlich. Es konnte in einer Stunde von Paris nach Peking galoppieren. Der Arzt ist direkt nach Berlin gefahren und hat damit vor dem Kaiser angegeben.«

Nun lächelte das Kind sogar. »Ich hätte auch gern ein Zauberpferd. Ich würde weggaloppieren und Elsie wiederfinden.«

Elsie war seine Schwester. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, als das Schiff in die Luft flog. Laura antwortete nicht, sondern strich glättend über das lange nicht gekämmte flachsblonde Haar und erhob sich dann. Der richtige Name ihres Bruders lautete Wilfred, aber daran erinnerte sich kaum jemand. Er war von klein auf Freddie gewesen. Er diente in Übersee.

Er hatte immer noch nicht zurückgeschrieben.

»Lilafarbene Pferde?«, erkundigte sich der leitende Arzt im Vorbeigehen. Im Gegensatz zu seinen zivilen Kollegen war er an der Somme gewesen, 1916, direkt hinter der Frontlinie. Er und Laura verstanden einander. Sie gingen gemeinsam den Gang zwischen den Betten entlang.

»Ja«, sagte Laura mit einem Lächeln. »Das war zu Beginn des Krieges. Irgendein Idiot vom RAMC, frisch aus England. Ihm wurde das Pferd zugeteilt, ein Schimmel, wie er im Buche stand. Er hatte ständig Angst vor Scharfschützen. Also versuchte er es mit Anilinfarbe, und das arme Tier wurde violett.«

Der Arzt lachte. Laura schüttelte den Kopf und überlegte, was als Nächstes auf ihrer endlosen geistigen Checkliste stand. Doch bevor sie sich auf den Weg zum nächsten Patienten machen konnte, verriet die drei Monate alte Wunde in ihrem Bein, wie es um sie stand. Ein Krampf ließ ihr Knie einknicken, und der Arzt hielt sie gerade noch am Ellbogen fest. Ihr Bein war der Grund, warum sie in Halifax war, warum sie aus dem Sanitätskorps entlassen wurde. Ein Splitter einer Granate, der tief im Muskel gesteckt hatte. Sie hatten ihn herausgeholt, hätten ihr dabei aber fast das ganze Bein abnehmen müssen. Sie war mit einem Lazarettzug evakuiert worden.

»Verdammt«, sagte sie.

»Alles in Ordnung, Iven?«, fragte der Arzt.

»Nur ein Krampf«, brachte Laura hervor und versuchte, ihn mit Bewegung zu lösen.

Der Arzt musterte sie. »Iven, Sie sehen richtig elend aus, keine Farbe im Gesicht. Seit wann sind Sie im Dienst?«

»Schmeicheln Sie mir jetzt, Herr Doktor? Ich kultiviere eine modische Blässe.« Sie erinnerte sich nicht mehr, wann sie angefangen hatte.

Er betrachtete sie genauer und schüttelte den Kopf. »Gehen Sie nach Hause. Sonst liegen Sie morgen mit Lungenentzündung im Bett. Zwölf Stunden schaffen wir ohne Sie. Es sei denn, Sie wollen unbedingt umkippen, während Sie gerade eine Spritze ansetzen?«

»Noch bin ich nicht umgekippt«, widersprach sie. »Und ich muss noch eine Reihe Verbände …«

Die meisten Mitarbeitenden konnte sie einschüchtern, aber diesen Mann nicht. »Das übernehme ich. Sie sind nicht die einzige Person in Halifax, die Brandwunden versorgen kann, Schwester Iven.«

Sie hielt seinem unnachgiebigen Blick stand, gab dann aber nach und salutierte spaßhaft, bevor sie ihre Schürze abnahm.

»Und essen Sie etwas!«, rief der Arzt ihr noch nach.

Als sie nach draußen trat, schlug ihr der Wind gegen die Zähne und ließ ihre spröden Lippen noch trockener werden. Sie zog ihre Mütze enger um die Ohren. Über dem Ozean türmten sich dunkelviolette Wolken auf. Sie sehnte sich danach, schnurstracks nach Hause zu gehen und etwas Heißes zu trinken. Aber sie war nun früh entlassen, es war also noch Zeit, in die Veith Street zu gehen. Seit der Explosion war sie nicht mehr dort gewesen.

Der Wind blähte ihren Rock und ließ ihre Nase schmerzen. Die Aufgabe würde nicht leichter, wenn sie sie vor sich herschob. Sie machte sich hinkend auf den Weg. Zu ihrer Rechten wogte der Atlantik unter einem feldgrauen Himmel. Zu ihrer Linken lag die Stadt an ihrem sanften Hang, geschwärzt und vom Feuer zerrissen.

Laura Iven besaß scharfe Gesichtszüge und bernsteinfarbene Augen, einen kantigen Kiefer, einen süßen Mund und einen Blick, der spöttisch und ein wenig traurig war. Sie trug eine blassblaue Rotkreuz-Uniform unter einem schäbigen Wollmantel. Eine Strickmütze in trotzigem Scharlachrot verbarg ihr kurz geschnittenes Haar, dessen Farbe irgendwo zwischen rötlich, blond und braun lag. Sie ging mit Schritten, die einst flott und geschmeidig gewesen waren, aber nun durch das neue Hinken beeinträchtigt wurden.

Der Wind heulte in den zerbrochenen Türmen der Kirchen und ließ den geschwärzten Schnee um ihre Stiefel wirbeln. Die Boote im eisigen Hafen rissen und ruckten an ihren Festmacherleinen; kein Schiff konnte an den abgebrannten Molen anlegen. Die Kälte kroch vom Wasser heran, griff mit klammen Fingern unter ihre Mütze und in den Kragen ihres Mantels. Ein Lastwagen fuhr am gegenüberliegenden Bordstein an, die Fehlzündung krachte.

Einen Moment lang war sie wieder in Flandern. Instinktiv machte sie einen Satz, suchte Schutz an einer verkohlten Mauer. Ein Fuß glitt auf dem Schnee aus; ihr verletztes Bein war nicht stark genug, sie zu halten. Nur die Mauer bewahrte sie davor, mit dem Gesicht voran zu stürzen. Sie fing sich wieder und fluchte heftig, wenn auch nur im Kopf, im Jargon von Soldaten aus fünf Nationen.

Benzindämpfe paffend rumpelte der Lastwagen vorbei. Keine Explosion konnte Halifax lange in die Knie zwingen. Die Stadt lag an einem Knotenpunkt der Welt. Sie hatte noch nie erlebt, dass sie zum Schweigen gebracht wurde, außer an jenem einen Tag. Vielleicht hätte ihre Mutter, die an Prophezeiungen glaubte, ein passendes Zitat für die heulend laute Stille gefunden, die sich nach dem Feuerblitz und der wogenden, flachen Wolke ausbreitete. Sie hätte vielleicht das Dies irae geflüstert, an das Jüngste Gericht gedacht – auch wenn Lauras Eltern gar nicht so katholisch waren, sondern schlicht seltsam.

Aber sie konnte ihre Eltern nicht fragen. Ihr Vater war auf dem Wasser gewesen, als die Mont Blanc explodierte, ihre Mutter zu Hause. Sie hatte von einem Fenster aus beobachtet, wie das Schiff brannte. Als es explodierte, flog das Glas der Scheibe in Splittern nach innen.

Laura ging weiter. Ein Wirbel im Wind trug ihr eine Stimme aus der Bucht zu, als würde sie ihr ins Ohr sprechen: Komm schon, du verdammter Bastard. Sie blickte hinaus auf die Fahrrinne, sah einen Schlepper, der einen Frachter abwehrte, und alle brüllten sich an. Sie ging weiter, stellte sich vor, wie sie sich zum Abendessen hinsetzte. Ein Huhn vielleicht, oder gebutterte Kartoffeln. Sie versuchte, sich das klar vorzustellen, aber das Bild entglitt ihr. Der Krieg hatte ihre Konzentration zersplittert.

Ihr altes Viertel hieß Richmond, und dort wimmelte es praktisch vor geschäftigem Fleiß, Freundlichkeit und Wohlwollen. Die gesamte Region hatte auf die Notlage von Halifax geantwortet, hatte Zimmerleute und abgelagertes Holz geschickt, neue Möbel und Konserven.

Auch Bestatter.

Laura ging an Nachbarn vorbei, die mit dem Wiederaufbau beschäftigt waren. Sie sprachen sie an, riefen ihr Fragen nach verwundeten Verwandten zu oder Details aus den Nachrichten. Sie rief ihre Antworten zurück, bekundete ihr Mitgefühl. Einmal blieb sie stehen, um sich ein Furunkel auf einem kahlen Kopf anzusehen. Sie versprach, es aufzustechen, wenn sie einen Moment Zeit hätte. Sie hatte überraschend viel Erfahrung mit der Behandlung von Zivilisten. Viele Belgier, die in der Nähe der Kämpfe keine Alternativen hatten, kamen zu den Krankenschwestern der Armee, um medizinisch versorgt zu werden. Laura glaubte nicht, dass es je zuvor einen Krieg gegeben hatte, in dem die Armee so viele Babys entbunden hatte.

Sie ging weiter, wich Schneewehen und zerbrochenem Glas aus. Dachte an belgische Babys. Unter den Kindern, die sie auf die Welt gebracht hatte, waren ein oder zwei kleine Mädchen, die den Namen Laure trugen. Das waren angenehme Erinnerungen. Sie konzentrierte sich so sehr darauf, dass sie an dem Haus vorbeiging, bevor sie es erkannte. Aber ihre Füße blieben stehen, bevor ihr Verstand es registrierte.

Ihre Erinnerung lieferte ein kleines Haus, ein wenig schäbig. Weiße, vom Salz verwitterte Schindeln, ein abgeschrägtes Dach. Ihr eigenes Fenster im Obergeschoss, mit Blick auf die Werft und die dahinterliegenden Narrows. Der mit Muscheln gesäumte Weg von der Haustür zur Straße, der Gemüsegarten ihrer Mutter, in dem sich alles zwischen Klee durch den sandigen Boden kämpfen musste.

Aber dann blinzelte sie und jenes Haus war fort.

Der Herd war noch da, halb geschmolzen, wo die Küche gewesen war. Hier waren die Überreste der Wohnstube, ein Schürhaken vom Kamin ragte aus der Asche hervor. Sie zog den Schürhaken heraus, stieß damit hierhin und dorthin. Sie wusste nicht, wonach sie suchen sollte. Nach der Brosche ihrer Mutter? Nach silbernen Löffeln? Asche und Schnee lagen in Schichten, frisch und alt. Die Erinnerung, vor der sie die letzten sechs Wochen geflüchtet war, kreiste wie ein Raubvogel um sie herum; einen Moment lang war ihr Kopf von beißendem Rauch und herabfallenden Funken erfüllt, und sie stolperte hindurch, mit Blut auf ihrem Rock, ihren Händen; Blut, das sich auf dem Boden des elterlichen Schlafzimmers sammelte, ihre Stimme streng beherrscht, als sie rief Bleib bei mir, nicht aufgeben, Glas in ihren Fingern, unter ihren Knien, in den Augen ihrer Mutter …

Laura schüttelte das Bild ab.

»Miss Iven?«, rief eine Stimme von der Straße hinter ihr.

In dem aschgrauen Schnee verlor sie fast wieder das Gleichgewicht. Ihr erster wilder Gedanke war, dass es ihr Vater war, der endlich bläulich angelaufen aus dem Hafen getaumelt kam. Aber, so rief sie sich ins Gedächtnis, sie glaubte nicht an Gespenster.

»Miss Iven«, rief die Stimme erneut. Dann, etwas zögerlicher: »Laura? Bist du das?«

Sie drehte sich um. Ein Mann, den sie kannte, stand auf der vom Feuer versehrten Straße. »Sie sagten, Sie würden hier irgendwann vorbeikommen«, sagte er.

»Wie Sie sehen, bin ich es, Wendell«, rief sie und hörte ihre eigene Stimme – dünn, aber vollkommen fest. »Wie geht es Ihnen, Sir? Liefern Sie wieder in die Veith Street?«

Wendell wirkte erleichtert, sie zu sehen. »Ein paar Dinge, ja, aber ich habe vor allem nach Ihnen Ausschau gehalten. Da kam eine Kiste für Ihre El…« Er zögerte. »Für Sie.«

»Das ist sehr nett. Wie geht es Billy?« Sie ging über den verschneiten Boden auf ihn zu und strich sich gefrorene Ascheflocken und Schnee vom Rock. Billy war sein Sohn. Laura hatte ihn durch drei Nächte mit hohem Fieber begleitet. Er war auch auf dem Weg zur Schule gewesen.

»Ihm geht’s gut. Fett wie ein Siebenschläfer ist er jetzt. Schulkinder in Kansas haben Pennys gesammelt und ganze Schachteln Süßigkeiten raufgeschickt.«

Die Asche an ihren Fingern hatte Schlieren auf ihrer blassblauen Uniform hinterlassen. Sie dachte mit distanziertem Ärger daran, dass sie sie nun waschen musste. »Was ist es denn, Wendell?«

Auf der Straße war ein Lastwagen geparkt, auf dessen Ladefläche sich eine Holzkiste befand. Er deutete auf die Kiste. »Die hier. Ich habe sie für Sie aufbewahrt. Wollte Ihnen einen Gefallen tun.« Wieder zögerte er. »Sie kommt aus Flandern.«

Ein Schauer glitt über Lauras Haut. Sie redete sich ein, dass es der bitterkalte Wind vom Wasser war. »Vielen Dank. Ein bisschen sperrig, nicht wahr? Können Sie mich zufällig mitnehmen? Ich wohne bei den Parkeys, wissen Sie? In Fairview.«

Die Parkeys hatten Laura nur ein paar Tage vor der Explosion als Pflegerin eingestellt. Sie war in ihrem Haus gewesen, in Sicherheit weit abseits des Hafens, als das Schiff explodierte. Sie waren aufgeblieben und hatten auf sie gewartet, als sie spät in der Nacht zurückkam, mit Glassplittern in den Händen und Blut auf der Kleidung. Sie konnte sonst nirgendwohin. Sie hatten sich aufgeregt um sie gekümmert, ihre Hände verarztet und bandagiert und ihre Kleidung gewaschen. Sie hatten ihr ein Zimmer angeboten, in dem sie wohnen konnte.

Wendell sagte: »Natürlich werde ich Sie fahren, Miss Iven. Sie sehen aus, als könnten Sie einen Bissen zu essen und ein wenig Schlaf gebrauchen, wenn ich das sagen darf. Behandeln die alten Damen Sie denn auch gut?«

»Hervorragend. Sie backen mir Pasteten, und ich amüsiere sie mit kleinen Liedern und Schimpfwörtern, die ich in Europa aufgeschnappt habe.«

Wendell grinste. »Diese Franzosen sollen ganz großartig fluchen, habe ich gehört.«

»Jeder flucht, wenn er zusammengeflickt wird. Das brennt und sticht, wissen Sie?« Wendell reichte ihr die Hand, um ihr hinauf in den Lastwagen zu helfen. Laura nahm sie. Sie blickte nicht zurück auf den Aschehaufen. Vielleicht kamen nachts Diebe und durchsiebten die Trümmer. Sollen sie doch. Aber obwohl sie geradeaus auf die Straße starrte, als sie vom Haus wegfuhren, bekam sie dennoch eine Gänsehaut, so als würde ihre Mutter aus dem verschwundenen Fenster im Obergeschoss zurückstarren, eine Anklage in ihren blinden Augen.

2

DIESER SCHÖNE MAKEL DER NATUR

Blackthorn House stand breitbeinig auf seinem Grund und Boden, mit abblätternder Farbe und einem durchhängenden Dach. Im Sommer wirkte die Vernachlässigung windgepeitscht und romantisch, aber jetzt klafften die Blumenbeete wie kahle Gräber und die Birke neben der Tür zitterte nackt im kalten Wind vom Hafen.

»Der Dienstboteneingang, wenn ich bitten darf«, sagte Laura. Sie hatte einen Hausschlüssel. Sie schloss auf, betrat die Küche, und Wendell folgte ihr. Er stellte die Kiste neben dem Herd ab und zögerte. Er war nicht viel älter als sie. Sie waren zusammen in der Schule gewesen, Jahre zuvor. Er hatte eine Tochter, und dann noch den Jungen. »Iven …«, sagte er. »Laura.«

»Mein Gott«, wehrte sie ab. »So ein langes Gesicht. Ich komme in einem oder zwei Tagen vorbei, um nach Billy zu sehen. Lassen Sie ihn nicht zu viele Bonbons essen. Denken Sie an seine Zähne. Und danke. Fürs Mitnehmen und für die Kiste.«

»Ich …« Er fing ihren Blick auf, schluckte und ging. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und in der Stille nahm Laura plötzlich jedes Geräusch überdeutlich wahr, wenn sie stehen blieb: das Ächzen des Hauses, dessen Holz sich in der Kälte setzte, das Flüstern des langsam brennenden Feuers im Kamin. Die Kiste trug tatsächlich einen Poststempel aus Flandern und war adressiert an Mr. und Mrs. Charles Iven.

Freddie war 21. Er schrieb erbärmlich schlechte Gedichte und malte recht gute Bilder. Er spielte Fußball. Sein ganzes Geld gab er für Eiscreme aus. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört, seit sie Flandern im Lazarettzug verlassen hatte. Kein Brief war ihr nach Étaples gefolgt oder auf das Schiff oder über den Ozean, aber anfangs war sie zu schwach und krank gewesen, um sich darüber Gedanken zu machen. Und dann war sie in Halifax vom Krankenbett gekrochen und das Schiff war explodiert.

Wenn ein Soldat im Krankenhaus starb, wurde seine persönliche Habe verschickt. Aber Laura hatte keine Todesnachricht erhalten. Diese Kiste konnte alles Mögliche sein. Freddie war irgendwo auf Fronturlaub, trank oder spielte Karten oder jagte die Läuse durch die Nähte seiner Hemden.

Laura starrte auf die Kiste, rührte sich aber nicht.

Dann schrie irgendwo im Haus eine Frau auf. Laura, halb erleichtert über die Unterbrechung, zwang ihren Blick von der Kiste weg und eilte in den Flur hinaus. Sie fand sich im Dunkeln, unter der Tür der Wohnstube drangen bernsteinfarbenes Licht und plappernde Geräusche herein. Der schwere Aubusson-Teppich schien ihre Füße zu bremsen. Eine lautstarke Stimme erhob sich über das Gezeter. »Mr. Shaw!«, befahl sie. »James Shaw, wenn Sie auf der anderen Seite sind, wenn Sie dort sind, sprechen Sie zu uns!«

Laura blieb stehen. Nur eine weitere Séance. Die Parkeys amüsierten sich als Gastgeberinnen von Séancen. Im Jahr 1918 stellten Séancen eine Wachstumsbranche dar. Der Krieg dauerte bereits fast vier Jahre. Die Leute sagten gern Dinge wie: Wenn die Menschheit gelernt hatte, zu fliegen und Kugeln in der Haut von Lebenden zu sehen und unter Wasser zu segeln, dann war es doch nur logisch, dass sie auch mit den Toten sprechen konnte. Das Geld aus den Séancen zahlte Lauras Lohn. Und die Parkeys hatten ihren Lohn weitergezahlt, obwohl sie nach der Explosion den Großteil ihrer Zeit im YMCA-Krankenhaus verbracht hatte. Laura war den Parkeys dankbar.

Nun verklang das Geschrei. Der Flur lag still da. Mr. Shaw, dachte Laura, schien sich nicht gezeigt zu haben. Die befehlende Stimme erhob sich wieder. Sie klang nach Agatha, der ältesten Miss Parkey. »Geister! Wenn einer von euch einen Mr. Shaw kennt, das Schicksal von Mr. Shaw kennt, Mr. James Shaw, möge er jetzt sprechen.«

Stille.

Laura trat einen Schritt zurück. Die Parkeys konnten ihre Séancen sehr gut ohne sie bestreiten.

»Wartet«, sagte eine neue Stimme. Sie klang schrill und atemlos. »Ich höre ihn, ich höre Schritte. Jimmy.« Ein Knarren, dann ein Krachen, und im nächsten Moment schoss eine kleine, schlanke Person in den Flur und lief direkt in Laura hinein.

Mit zwei gesunden Beinen hätte Laura ihr vielleicht noch ausweichen können. So aber hatte sie keine Chance. Sie ging hilflos zu Boden, hörte ein leises »Oh« der Bestürzung. Dann flatterten kleine Hände herunter und versuchten halbherzig, sie wieder auf die Füße zu ziehen. »Es tut mir so leid, ich bin …«

»Ist schon gut, Ma’am«, wehrte Laura ab und versuchte, den hilfsbereiten Händen zu entkommen. Der Schmerz breitete sich wie Feuerwerk in ihrer Wade aus.

Zu ihrer Überraschung trat die Fremde wirklich einen Schritt zurück. »Ich mache es nur schlimmer, nicht wahr? Das tue ich häufig.«

Sie klang bedauernd, aber auch ironisch. Das war entwaffnend. Laura sagte: »Ein wenig schon, ja.« Sie spannte die Muskeln um ihren Knöchel an, rollte sich hoch auf die Knie und hob der Frau eine Hand entgegen. »In Ordnung. Würden Sie nur in eine Richtung ziehen?« Laura wurde auf die Füße gehievt. Dann stand sie vor einer fein gekleideten, altmodisch anmutenden Person, die einen halben Kopf kleiner war als sie, vielleicht zehn Jahre älter und auf zauberhafte Weise schön. Sonderbares Haar von der Farbe von Katzengold umrahmte akkurat geschliffene Wangenknochen und einen Mund wie eine Rosenknospe. Sie trug Schwarz.

Laura sammelte sich; ihr Körper fand sein Gleichgewicht wieder, ihr Verstand begann zu arbeiten. »Danke, Ma’am. So ein weicher Teppich. Ich bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, das aus erster Hand zu erfahren.«

»Oh, danken Sie mir doch nicht«, protestierte die Frau. »Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht? Wissen Sie, als ich Schritte hörte, bin ich … Ich war dadrin, und Miss Parkey hatte … Oh, ich war mit einem Mal so aufgeregt, als könnte sie wirklich mit dem Jenseits sprechen, und dann sind Sie weitergegangen, also musste ich hinausstürzen und nachsehen. Ich bin eben ungeschickt. Es tut mir so leid. Ich habe … Ich dachte wirklich, es könnte Jimmy sein.«

»Jimmy?«

»Mein Sohn. James. Er wird vermisst … Ich meine, ich habe nichts mehr von ihm gehört. Oder … Also, er war in einer Schlacht. In der Nähe von … Oh, ich kann das nicht richtig aussprechen. Irgendwas mit einem P. Pass…«

»Passchendaele«, soufflierte Laura, wobei ihre Stimme ein wenig flach wurde. Sie war inmitten dieses unglückseligen Vorstoßes verwundet und dann nach Hause geschickt worden. Sie weigerte sich, an Freddie zu denken.

Die Fremde redete immer noch. »O ja, natürlich … Ich kann mir das nie … Oh, diese ausländischen Namen und Wörter, wissen Sie … Ich hatte jedenfalls gehofft … dass die Parkeys mir sagen könnten, wo er jetzt ist. Denn er ist verschwunden. Vermisst. Ich bin Penelope Shaw.«

»Laura Iven«, stellte Laura sich vor.

Mrs. Shaw lächelte; ein schelmischer Ausdruck, der ihre Nase kräuselte, aber ihre besorgt dreinblickenden Augen nicht erreichte. »Meine Tante nannte mich immer ein unachtsames Trampeltier, als ich klein war. Ich bin wirklich … Nun ja, normalerweise achte ich schon darauf, wohin ich gehe, aber ich … Oh, rede ich zu viel? Das mache ich häufig, wenn ich nervös bin, und …«

Endlich waren drei Köpfe an der Tür zur Wohnstube aufgetaucht – die Parkeys, ordentlich aufgereiht wie Hühner auf der Stange: die stämmige Lucretia, die mütterliche Clotilde und die rachsüchtige Agatha. Agatha war blind. Der Blick ihrer milchigen Augen, in denen sich der Graue Star breitgemacht hatte, huschte als Parodie auf das Sehen durch den Flur.

»Es war kein Geist, Miss Parkey«, sagte Laura zu Agatha. »Nur die trügerischen Schritte Ihrer Untermieterin. Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend.«

»Das ist Laura«, verkündete Agatha folgerichtig. »Laura würde ich doch immer erkennen.«

Clotilde blickte sie feierlich und ernst an. »Die Geister haben Sie geschickt, meine Liebe.«

»Haben sie das, Miss Parkey?«

»Sie sind das Bindeglied«, befand Lucretia. »Kommen Sie herein, meine Liebe, kommen Sie herein, wir werden uns an den Händen halten und noch einmal mit den Geistern kommunizieren.«

Das war die Strafe für ihre Flucht aus der Küche. Erst wurde sie zu Boden geworfen und dann in eine Séance verschleppt. Allerdings … Mrs. Shaws Gesicht hatte sich mit neuer Hoffnung aufgehellt, und das Einzige, was auf Laura wartete, war diese Kiste, die dort unten so unheilvoll stand.

Sie folgte Mrs. Shaw und den Parkeys in die Stube. Sie hatten die Öllampen heruntergedreht – die Parkeys verabscheuten elektrisches Licht –, aber der letzte Streifen Tageslicht drang noch in den Raum. Ein spärliches Kohlefeuer glühte rot im Kamin. Das hölzerne Ouija-Brett der Parkeys lag mittig auf der grünen Tischdecke. Das Lampenlicht schimmerte auf Mrs. Shaws goldenem Haar.

»Kommen Sie«, sagte Agatha. »Schnell, schnell, solange die Geister bei uns sind. Die Stunde ist günstig, die Stunde ist verheißungsvoll.«

Ihre Zischlaute waren scharf und betont. Mrs. Shaw erschauderte. Laura, die es gewohnt war, Menschen zu trösten, schenkte ihr einen beruhigenden Blick. Agatha legte die Planchette auf den Buchstaben H. Laura legte ihre Finger auf die Planchette. Sie wünschte sich, sie würden sich zum Abendessen hinsetzen.

»Kommen Sie, meine Liebe«, sagte Agatha Parkey. »Lassen Sie uns anfangen.«

Mrs. Shaw atmete erschrocken ein, als sie Lauras Hände sah. Ihre Fingergelenke waren knotig und steif von Narbengewebe, die Handflächen zeigten ein rot-weißes Gittermuster. »O du meine Güte. Was ist denn geschehen?«

Flandern.

»Ich habe einem feinen Herrn mit Zylinder die Hand geschüttelt«, gab Laura zurück. »Das war ein Fehler; man sagte mir später, dass es Lord Beelzebub war. Auf Partys im Ausland lernt man alle möglichen Leute kennen.«

Aber Lauras Antwort schien gar nicht bei Mrs. Shaw anzukommen; sie war offenbar dabei, Lauras Hinken und ihre Hände, ihre Uniform und die Falten, die der Stress um ihren Mund gezeichnet hatte, zu einem Bild zusammenzufügen. Gleich würde sie anfangen, Fragen zu stellen. Als wäre Laura, die in einem Kriegsgebiet als Krankenschwester gearbeitet hatte, in diesem Raum das, was dem Geist von Jimmy Shaw am nächsten kam.

Das Ende des Tages hatte sich davongestohlen, und die Schatten lagen schwer in diesem Zimmer.

Laura schüttelte gereizt den Kopf; die Geste trug über den Tisch. Zum Glück biss sich Mrs. Shaw auf ihre rosige Lippe und schwieg.

»Habt keine Angst«, sagte Agatha zu allen Anwesenden. »Die Verblichenen lieben uns. Sie wollen in unserer Nähe sein.«

Mrs. Shaw blickte auf die Planchette hinunter.

»Jetzt«, sagte Agatha. »Jetzt richten wir unsere Gedanken auf den Geist, den wir zu beschwören wünschen, und schließen unsere Augen.« Die kleine flackernde Gasflamme vergoldete die Hände auf dem Tisch. Agathas blinde Augen waren auf das Brett gerichtet. »Wir sind auf der Suche nach jemandem, der im Leben James Shaw hieß, nach dem Sohn von Penelope Shaw.«

Schweigen war die Antwort, nichts regte sich.

Agatha hob ihren Kopf, die Augen nun geschlossen, und wandte sich an die Dunkelheit. »James?«, fragte sie. »James Shaw? Wirst du mit uns sprechen?«

Der Boden knarrte. Schweres Schweigen lag wie eine Hand über Blackthorn House, und in der Stille kroch die Planchette fast unmerklich auf Ja zu. Laura hatte nicht gespürt, dass sie sie bewegten, aber das überraschte sie nicht. Die Parkeys waren Profis. Mrs. Shaw war sehr blass geworden.

»Wer ist hier?« Agathas trübe, blinde Augen starrten ins Leere.

J-I-M

»Jimmy!«, rief Mrs. Shaw schrill. »Jimmy! Wo steckst du? Bist du … Bist du von uns gegangen, mein Junge?« Sie hatte angefangen zu zittern. Laura spürte es durch den Tisch hindurch.

Die Planchette bewegte sich zum Ja. Dann weiter auf dem Brett umher. H-O-R-C-H, buchstabierte die Planchette. Mrs. Shaws Blick war auf die sich bewegende Spitze fixiert.

»Wir hören zu«, keuchte Lucretia. »Aber auf was horchen?« Die Welt draußen war völlig still.

A-H-T-N-E-M, sagte die Planchette. »In Acht nehmen?«, echote Agatha scharfsinnig.

Mrs. Shaw sagte: »Nein, aber … Jimmy? Schätzchen? Geht es dir gut?«

AHTNEM MSIK SPGL, sagte die Planchette. IHN.

Das war selbst für die Parkeys seltsam. SPGL? Spiegel? Der Kehricht in Lauras Gehirn brachte eine vage Assoziation mit der Lady of Shalott an die Oberfläche. Freddie, der die Verse von Tennyson deklamierte, während sie über einem Anatomie-Lehrbuch brütete: Der Spiegel barst von Seit’ zu Seit’, »Ich bin verflucht«, die Dame schreit ...

»Nein, aber …« Jetzt suchte Mrs. Shaws verzweifelter Blick den leeren Raum ab. »Jimmy? Bist du es wirklich?«

T-O-T, sagte das Ouija-Brett. ABER ER LEB

Mrs. Shaw sagte nichts.

»Wer lebt?«, fragte Clotilde Parkey nach.

FRED, sagte die Planchette. FREDI FRED FR FIN FIND FINDN.

Falls sie noch mehr sagte, sah Laura es nicht, denn sie hatte ihren Stuhl zurückgestoßen, was auf dem Teppich schwer und umständlich war, hatte sich abgewandt und den Raum verlassen.

3

TAG DES ZORNS

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Laura es aus Respekt vor ihren Gastgeberinnen still, wenn auch unleidlich ertragen. Und wäre hinübergegangen, um Mrs. Shaw zu trösten, nachdem es vorbei war. Aber der Gedanke an die Kiste in der Küche hatte an ihren Nerven gezerrt. Ihr war gar nicht klar, wie erschüttert sie war, bis sie sich zitternd im Flur wiederfand.

Falls jemand aus der Stube nach ihr rief, hörte Laura es nicht, und sie wagte es auch nicht, sich umzudrehen. Der Kriegspflegedienst hatte ihrer Zunge die Schärfe eines Sägezahnbajonetts verliehen, wenn sie in Rage oder Sorge war, und diese Waffe wollte sie nicht gegen die herzliche, trauernde Mrs. Shaw oder gegen die intriganten, dummen alten Damen richten, die ihre Wäscheschränke für sie geleert und ihr eine Unterkunft gegeben hatten.

Aber Laura war so aus der Ruhe gebracht, als sie in die Küche hinunterging, dass sie den Geruch zunächst gar nicht registrierte.

Es war schwach. Ein wenig erdig, ein wenig schweflig, sehr faulig. Es war das Miasma, das der Kleidung der Männer anhaftete, wenn sie aus den Schützengräben kamen. Laura hatte geglaubt, sie würde es nie wieder riechen müssen.

In der Küche wurde der Geruch stärker. Die Kiste, die am Herd stand, zog Lauras Blick an wie ein lauernder Skorpion, und der Geruch haftete an ihr. Die Hitze des Feuers musste ihn … Atmete sie überhaupt noch? Sie spürte es kaum, während sie mit ungelenken, hastigen Bewegungen nach einem Brecheisen suchte und es dann unter den Deckel schob.

In der Kiste war eine steife, fleckige Jacke.

Sie hatte Freddie zuletzt – war das im Juli gewesen? – im August gesehen. Er hatte Fronturlaub gehabt und war sie besuchen gekommen. Sie waren in ein Café in Poperinge gegangen, hatten furchtbar viele Eier gegessen und haufenweise fettige Fritten. Hatten viel zu viel von dem schrecklichen Weißwein aus den Flaschen zu einem Franc getrunken. Es war ihm gut gegangen, alles noch in Ordnung. Er war dünn, aber das waren sie alle, und er hatte einen Blick in seinen Augen, der ins Leere ging. Auch den hatten sie alle. Er hatte sie angelächelt, mit einer kleinen Zahnlücke, immer noch sommersprossig. Ihr tapferer kleiner Bruder. Es war ein blutiger Sommer gewesen, aber ein erfolgreicher. Die Alliierten hatten die Deutschen bei Messines zurückgedrängt. Doch dann geriet die Offensive ins Stocken.

»Sie werden es dabei belassen, solange der Winter dauert«, hatte Laura zu ihm gesagt, als die zweite Flasche Wein auch schon fast leer war. »Der Angriff. Damit werden sie bis zum Frühling warten. Kannst du den Regen nicht riechen? Der kann nicht bald genug kommen.« Sie schwenkte ihr Glas gen Himmel. »Mach schon, Regen, komm.« Sie goss ihr Glas aus, eine halb betrunkene Opfergabe. Freddie sah missbilligend zu. »Sei still«, kam sie ihm lächelnd zuvor. »Ich kaufe uns noch eine Flasche.«

Die Belgier sagten, dass der Regen in diesem Jahr früh kommen würde. Und wenn er kam, dann würde sich der Boden in Suppe verwandeln. Armeen griffen nicht an, wenn sie in der Suppe schwammen. Sie hatten den Sommer überlebt, war es Laura durch den vom Wein benebelten Kopf gegangen. Sie würden den Krieg überleben. Das würden sie ganz sicher.

Freddie antwortete nicht. Er zeichnete. Ein wenig Fett vom Mittagessen glänzte an seinem Kinn. Als er sein Papier umdrehte, konnte sie ihr eigenes Gesicht sehen, das in messerscharfen schwarzen Linien gezeichnet war, die Form ihrer Augen, die Kanten ihres Kiefers. Die Spuren der Erschöpfung, die vom Wein geröteten Wangen, die leere Fröhlichkeit, ihre sorgsam verborgene Angst, die niemals Ruhe gab. Seine verdammte Gabe, einzufangen, was er sah. Es war schlimmer als ein Spiegel. Sie sagte kein Wort.

Die andere Neuigkeit, die sie für ihn hatte, lag ihr auf der Zunge: Sie war nach Brandhoek westlich von Ypern beordert worden, zu einem der Feldlazarette, das im Radius der Bombardierungen lag. Aber sie hielt diese Information zurück. Die Sonne war warm, ihr Magen voll, und irgendwo spielte jemand sehr gekonnt Akkordeon. Sie hatten noch den ganzen Nachmittag vor sich. Niemand, der lange im Krieg gewesen war, dachte allzu viel an morgen. Sie wollte die Gegenwart genießen. Sie konnte es ihm auch später noch per Brief mitteilen. »Sie sollten besser warten mit dem Vormarsch, dem Angriff«, schloss sie und schenkte ihnen beiden noch mehr Wein ein. »Wenn es dann regnet.«

»Das werden sie sicher«, bestätigte er und klappte zu ihrer Erleichterung sein Notizbuch zu. Dann grinste er sie an. »Also, was hältst du davon, wenn wir eine rauchen und dann dasselbe Mittagessen noch einmal essen?«

Aber da war kein Telegramm, dachte Laura. Sie schickten doch ein Telegramm, wenn ein Soldat starb.

Aber wie hätte ein Telegramm sie denn erreichen sollen? Ihre reguläre Adresse war jetzt ein Aschehaufen. Außerdem hatte die Armee alle, die noch konnten, dazu abkommandiert, Leichen aus eingestürzten Häusern zu bergen, anstatt mit Telegrammen zu hantieren. Und wer konnte es ihnen verdenken? Halifax war nur irgendeine Stadt. Nur irgendwelche Menschen. Die nicht erwartet hatten, dass der Krieg zu ihnen kommen, sich hinterhältig über den Ozean anschleichen würde wie eine Seuche in einem Schiff voller Sprengstoff.

Laura fasste sich ein Herz, streckte die Hand aus und zog die Jacke heraus. Getrockneter Schlamm blätterte davon ab. Der Stoff wies dunkle Flecke auf. Die Armee mochte die Sachen der Soldaten an die Hinterbliebenen schicken, aber Zeit, ihre Kleidung zu waschen, gab es nicht. An der Jacke hafteten weder der typische Geruch einer Bauchwunde noch genug Blut, um auf einen schnellen Tod hinzuweisen. Sie versuchte, ihren Verstand davon abzuhalten, all die Möglichkeiten aufzulisten, wie ein Mann langsam sterben konnte. Ihre Fingerspitzen waren dunkel gefärbt, als sie die Uniform zur Seite legte. Mechanisch wandte sie sich den anderen Dingen in der Kiste zu. Es waren nicht viele. Ersatzknöpfe. Eine Dose mit Pastillen. Eine Trillerpfeife. Eine Taschenbibel. Ein Satz selbst gemachter Spielkarten in einer Metallschachtel aus einer Patronenhülse.

Seine Erkennungsmarke.

Gefreiter Wilfred Charles Iven

23. Schützenregiment Halifax

Die Welt verschwamm, ihre Sicht wurde zu einem Tunnel, als sich ihre Hand fest um die runde Marke schloss – oder Marken? Sie öffnete ihre Hand und merkte, dass sie sich die Lippe blutig gebissen hatte. Beide Marken waren da, die rote und die grüne. Beide. Aber sie nahmen doch nur die rote Marke und schickten sie nach Hause. Die grüne blieb bei der Leiche. Warum … Das würde sie nie herausfinden. Verloren im Nebel des Krieges. Sie steckte beide Erkennungsmarken in eine der Taschen ihres Kleides.

Laura wusste kaum, was sie tat, als sie die Bibel als Nächstes in die Hand nahm. Das Buch klappte auf. Die Offenbarung des Johannes. Ihr Blick blieb an einem Zitat hängen: Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt … Der Geruch des getrockneten Schlamms schien sich in ihrem Mund zu sammeln und ihre Zunge zu bedecken.

Sie kniete einige Augenblicke lang vor der Kiste und drängte mühsam eine überwältigende Übelkeit zurück. Erneut legte sie eine Hand auf die steife wollene Jacke, fühlte, dass etwas in das Futter eingenäht war, wo die Männer häufig Verbandszeug für den Notfall aufbewahrten. Sobald ihre Hände nicht mehr ganz so heftig zitterten, fischte sie ihre Schere aus der Rocktasche und schnitt die Naht auf.

Zu ihrer Überraschung fand sie darin eine Postkarte. Ein Bild von einem Schloss in den Bergen, verblasst und geknickt vom vielen Anfassen. Mit braunen Flecken verschmiert, offensichtlich mindestens ein Mal vollständig durchnässt. Sie drehte sie um. Auf der Rückseite stand das Wort Bayern aufgedruckt. Eine deutsche Postkarte? Warum sollte Freddie so was besitzen, aufbewahren? Eine Trophäe von einem Toten oder aus einem eroberten Schützengraben? Aber Freddie war nie ein Freund von Souvenirs gewesen, nicht wie manch andere Männer. Sie sah genauer hin. Auf der Rückseite stand etwas mit kaum aufgedrücktem Bleistift geschrieben; ganz blass, aber auf Englisch, in einer Handschrift, die sie nicht kannte. Ich werde ihn zurückbringen, wenn ich kann. Wenn ich es nicht schaffe und der Krieg vorbei ist, musst du …

Der Rest war von einem Fleck überdeckt, und so genau Laura auch hinschaute, sie konnte nur ein weiteres Wort entziffern: fragen. Schließlich ließ sie die Postkarte in die Tasche zu den Erkennungsmarken gleiten. Was noch? Sein Skizzenbuch – wo war sein Skizzenbuch? Sie wühlte noch einmal den Inhalt der Kiste durch. Es war nicht da. All die Zeichnungen, das wahrhaftigste Abbild seiner Seele, der Spiegel, den er der Welt vorhielt. Nicht mehr da.

Er war nicht mehr da.

Sie sind alle nicht mehr da …

Und dann waren ihre Hände leer, und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie weinte nicht. Sie fühlte nichts als Leere und eine schwache Verwirrung.

So fand Penelope Shaw sie einige Zeit später. Sie kniete mit geradem Rücken und starrem Blick über einem blutfleckigen Hemd und einer Bibel, einem kleinen Haufen schmutziger Kleinigkeiten. Mrs. Shaw blieb in der Küchentür stehen. »Oh«, sagte sie. »Oh, es tut mir so leid. Das war mir nicht klar. Sind Sie … Geht es Ihnen gut? Natürlich geht es Ihnen nicht gut, aber ich meine … Miss Iven?«

»Mir geht es gut«, sagte Laura.

Kurz herrschte Schweigen. Dann legte Mrs. Shaw eine federleichte Hand auf Lauras Schulter. »Es tut mir leid«, flüsterte sie erneut.

Laura legte ihre vernarbten Finger kurz über die von Mrs. Shaw. Keine von beiden sagte noch mehr.

Draußen hatte es zu schneien begonnen.

4

DER SCHLUND DES ABGRUNDS

AM HÖHENRÜCKEN VON PASSCHENDAELE, FLANDERN, BELGIEN

NOVEMBER 1917

Er konnte nichts sehen.

Vermochte auch nichts mehr zu hören, seit die Granate heruntergekommen war. Seine Ohren klingelten immer noch. Er dachte Das ist also der Tod und versuchte loszulassen.

Und vielleicht gelang es ihm auch eine Zeit lang. Sein Verstand trieb losgelöst dahin. Sein Körper schien weit entfernt zu sein. Er hatte an der Tür des Geschützbunkers gestanden und hatte eine … Nein. Er war nicht sicher, was passiert war. Er erinnerte sich an das Rattern eines Maschinengewehrs, an Regentropfen und Kugeln, die gleichzeitig im Schlamm aufschlugen.

Er erinnerte sich daran, gerannt zu sein wie ein Tier auf der Flucht; an tote Körper, graue Uniformen, das Brüllen der Explosion. Dickinson, blutiger Schaum auf seinen Lippen. Nein … War das vorher gewesen? Und jetzt: Er war noch da, in der Dunkelheit. Begraben. Tot und begraben, war das nicht der gängige Ausdruck? Die Granate musste den Unterstand irgendwie zum Einsturz gebracht haben. Oder ihn umgeworfen haben. Oder ihn schlicht und ergreifend umgebracht haben.

Er war hier gefangen.

Er beruhigte sich. Es machte ihm nichts aus, zu sterben. Oder tot zu sein.

War er tot? Seine Rippen schmerzten. Und sein Schädel. Sein Körper war überall um ihn herum; er spürte ihn, schmerzhaft, unentrinnbar. Und dann meldeten sich auch seine anderen Sinne zurück. Er roch abgestandenes Wasser, Blut, Kordit. Den klebrigen Gestank seines eigenen Schweißes. Er hörte seinen Atem. Jeder Atemzug schmerzte ihn. Er versuchte, weniger zu atmen. Aber das Geräusch hörte nicht auf.

Nein, das war nicht er. Es war jemand anderes. Mit einem Ruck setzte er sich schwankend auf. Die Bewegung jagte einen Schmerzpfeil durch seine steife Wirbelsäule. Er versuchte, etwas zu erkennen. Es gelang ihm nicht. Es war völlig dunkel.

»Wer ist da?«, fragte er mit unsicherer Stimme. »Wer ist da?«

Keine Antwort. Nur das laute Atmen, wie von einem hechelnden Tier, verriet ihm, dass er nicht allein war.

Er dachte, dass dies vielleicht die Hölle war und der oder das namenlose andere darauf wartete, ihn zu verschlingen. Aber als die Atemzüge ins Stocken gerieten und schwächer wurden, wusste er nicht, was schlimmer war: von einer Bestie verschlungen oder allein in der Dunkelheit zurückgelassen zu werden.

»Hallo?«, versuchte er es erneut. Sein Kopf war ein wenig klarer geworden. Er fragte sich, ob es einer von ihren Jungs oder ein Deutscher war. Wenn es ein Deutscher war, konnten sie sich vielleicht gegenseitig umbringen. Unter der Erde, wie Ratten. Besser, als auf den Tod zu warten. Oder … war eine Granate an ihm befestigt gewesen? Irgendwo? Er tastete sich ab. Da war nichts mehr. Nichts außer seiner durchnässten Kleidung und dem Inhalt seiner Taschen. Er hatte sich seines Rucksacks entledigt, als er den Bunker gestürmt hatte: seine letzte klare Erinnerung. Er hatte sein Gewehr bei sich getragen, nahm er an, aber das war jetzt weg. In dem Chaos abhandengekommen.

»Bist du verwundet?« Ihm ging auf, dass ein Deutscher kein Englisch sprechen würde, warum also fragte er überhaupt?

Dann sagte eine tiefe, ihm unbekannte Stimme aus der Schwärze heraus auf Englisch: »Nein.« Und nach einer Pause: »Ich bin tot.« Ein Akzent, aber schwach. Die Konsonanten klangen etwas härter. Also doch ein Deutscher?

War das ein Scherz? Er beschloss, dass es einer war. Soldaten scherzten über Schlimmeres, als tot zu sein. »Verdammt unbequem, dieses Totsein.«

Keine Antwort, nur eine leichte Veränderung der Atmung, auswärts statt einwärts. War das ein Lachen? Dann sagte die andere Stimme: »Die Luft wird uns ausgehen … bald, schätze ich. Und glaubst du« – er hielt inne, hustete in den Gestank hinein – »dass uns irgendjemand ausgraben wird?«

»Nein.« Außerhalb ihres Grabes kämpfte sich das kanadische Expeditionskorps den Höhenkamm von Passchendaele hinauf, unter einem Himmel, der Wasser und Sprengstoff über ihnen ausgoss. Eine Bergungsaktion käme einem Selbstmord gleich, und es gab einfachere Wege, sich umzubringen. Nein, er und der gute Fritz hier waren tot. Es spielte keine Rolle, dass sie noch atmeten.

Müsste er nicht mehr Angst haben? Er dachte Laura, es tut mir leid. Es tat ihm wirklich leid, aber er spürte es nur entfernt.

»Vielleicht ist das hier die Hölle«, sagte er, nur halb im Scherz. Er vermutete, dass es in der Hölle keinen Unterschied machte, ob man Kanadier oder Deutscher war. Das relativierte den Krieg, wenn man so wollte. Die Wege des Teufels waren ebenso unergründlich wie die des Herrn.

»Bist du verletzt?«, fragte er erneut.

Stille. Dann: »Ist das wichtig?«

»Wahrscheinlich nicht.«

Stille.

»Ich bin Wilfred Iven.«

Wieder Schweigen. Er dachte, Fritz würde nicht mehr antworten. Dann: »Hans Winter.« Nur der Name, kein Dienstgrad. Nun, Freddie hatte seinen auch nicht genannt. Also tatsächlich ein Deutscher. Sollte er entsetzter sein? Andererseits hatten Tote keine Feinde.

Freddie berührte sein eigenes Gesicht, fühlte sein Haar, das von nasser Erde platt gedrückt wurde, fühlte, dass sein Stahlhelm weg war. Seine Fingernägel schmerzten; wahrscheinlich hatte er sie sich abgebrochen, als er in den ersten, zuckenden Momenten hektisch nach Platz in der Enge gegraben hatte.

Die Furcht nahm jetzt zu, und er versuchte, wieder zu sprechen. »Bist du …«, aber ihm fiel nichts ein, was er hätte sagen können. Er konnte kaum sagen Ich schneide dir die Kehle durch, wenn du das Gleiche für mich tust. Aber er konnte auch nicht einfach weiter nur daliegen, nicht mit der Angst, die sich in ihm ausbreitete. Die ihn anstachelte. Auch der Deutsche sagte nichts. Wo war er? »Winter?«

Schweigen. Alles, was Freddie tun konnte, war, blindlings die Hände nach vorn zu strecken und zu tasten. Der Boden schmerzte in seinen Handflächen. Seine Hand fand eine Schulter; eine Schlammschicht, die die durchnässte Wolle eines Mantels bedeckte. »Winter«, wollte er noch einmal ansetzen, aber die Hand des anderen Mannes, kalt wie eine Schlange, schloss sich fest um sein Handgelenk, verdrehte seinen Arm, riss ihn herum, bis er mit dem Gesicht in der Schlammsuppe lag und würgend nach Luft rang.

»Was machst du da?«, fragte der Deutsche.

Freddie versuchte, sich loszureißen. Aber der andere Mann war unheimlich stark. »Antworte mir.«

»Ich bin nicht … Ich wollte …«, würgte Freddie erstickt.

Abrupt ließ die Hand von ihm ab, auch die spürbare Nähe des anderen hinter seinem Rücken war verschwunden. Er hörte das Rascheln, als der Deutsche sich entfernte. Er setzte sich auf und spuckte schleimiges Wasser aus. Wenn sie nun doch auf Leben und Tod kämpfen wollten, wäre der Kampf schnell entschieden. Er versuchte zu überlegen, was er sagen konnte, sollte. »Ich … Es war nur so seltsam, mit nichts als der Dunkelheit zu reden.«

»Ja«, stimmte der Deutsche zu. Er hatte aufgehört, sich zu bewegen.

Sie schwiegen beide.

Freddie fragte sich, wie Winter aussehen mochte. Es war seltsam, sich vorzustellen, dass er neben jemandem sterben würde, dessen Gesicht er nie gesehen hatte.

Besser, als allein zu sterben. Er drehte sich so, dass er mit dem Rücken an denselben unsichtbaren Trümmern lehnte wie der Deutsche, nahe genug, um den anderen Mann atmen zu hören. Vielleicht verspürte der Deutsche die gleiche Angst vor der Stille, denn er bewegte sich nicht weiter weg. Freddie schloss die Augen und ließ seine Gedanken schweifen, abdriften.

Winter sagte nichts mehr.

5

DIE STIMME DES SIEBTEN ENGELS

HALIFAX, NOVA SCOTIA, KANADISCHE SEEPROVINZEN

JANUAR/FEBRUAR 1918

Als Laura noch klein war, erzählte ihre Mutter ihr oft Geschichten über das Jüngste Gericht, Armageddon. Es würde kommen, sagte sie dann immer. Dieses Jahr. Oder im nächsten. Sie beschrieb das ganze Spektakel: die vier Reiter der Apokalypse, die Bestie aus dem Meer, der Teufel, der zerrissen wird und fällt. Feuer vom Himmel, Trompeten und Throne, das unfehlbare Urteil Gottes. Belohnungen für die Guten und Bestrafungen für die Bösen. Laura träumte als Kind dann auch häufig davon – schreckliche Engel, ein riesengroßer Drache –, und sie aß immer ihre Erbsen auf und half beim Abwasch, damit Gott sah, dass sie tugendhaft war.

Und du hattest recht, Maman, dachte Laura. Es hat uns schließlich doch eingeholt. Krieg, Pest, Hungersnot, Tod, der Himmel in Flammen, die Sonne schwarz. Bist du nicht froh, dass du recht hattest? Du konntest nichts daran ändern, nichts davon aufhalten. Aber zumindest wusstest du, dass es kommen würde. Das Ende der Welt. War das letztendlich nicht irgendwie tröstlich?

Aber noch öfter ging Laura in Gedanken wütend ihre Mutter an: Spektakel? Gerechtigkeit? Was für ein schlechter Scherz. Das Jüngste Gericht war ein Feuer im Hafen, eine Kiste, die an einem kalten Tag zugestellt wurde. Es war nicht die eine große Tragödie, sondern zehn Millionen kleine, und jeder war mit seiner allein.

Einen Tag nachdem Laura die Kiste aufgestemmt hatte, arbeitete sie eine 14-stündige Schicht im Krankenhaus, aber selbst diese Arbeit konnte sie nicht vom Nachdenken abhalten.

»Iven?«, lud der Chefarzt sie einmal zum Reden ein, aber sie schüttelte den Kopf und machte weiter.

Am Abend dieses Tages schrieb sie an das Rote Kreuz und an den Kommandanten ihres Bruders, um mehr zu erfahren. Sie saß an ihrem kleinen Schreibtisch und hatte das zweite Glas Gin neben sich. Sie brauchte nicht nachzudenken, was sie in ihrem Brief schreiben sollte. Sie hatte sicher Hunderte solcher Briefe gelesen: Wie ist er gestorben, wo ist er gestorben? Sie klebte den Umschlag zu, trank ihren Gin aus und starrte aus dem Fenster.

Die Antwort des Roten Kreuzes war seltsam. Der Gefreite Wilfred Iven wird vermisst und ist vermutlich bei der Einnahme des Höhenzugs bei Passchendaele gefallen. Weitere Informationen werden nachgereicht.

Laura zerknüllte den Brief in ihrer Faust. Dann strich sie das Papier wieder glatt und runzelte die Stirn. Vermisst konnte Kriegsgefangenschaft bedeuten, aber normalerweise bedeutete es, dass man ins Jenseits befördert, in Stücke gesprengt worden war. Ihr Vater, der an der Flanke der Mont Blanc gewesen war, als der ganze Sprengstoff hochging, wurde technisch gesehen vermisst. Auch Jimmy Shaw, der auf dem Höhenzug bei Passchendaele verschwunden war, galt als vermisst.

Aber wenn Freddie auf die Jenseits-Art als vermisst galt, wenn er in Stücke gesprengt worden war, dann könnte sie doch seine Kleidung nicht hier haben, oder? Oder seine Erkennungsmarken. Seine Bibel. Unwillkürlich erinnerte sie sich an die Séance der Parkeys. ABER ER LEB

Die Parkeys waren ein entzückendes Trio von Schwindlerinnen.

Dann kam ein weiterer Brief, eine Antwort auf einen von ihr. Von der Oberschwester in Lauras alter mobiler Feldambulanz. Kate White war mit Laura in Brandhoek gewesen – sie hatten gearbeitet, während der Gasalarm schrillte, stets mit einem Ohr auf das Pfeifen herannahender Granaten gehorcht und versucht, verwundete, viel zu junge Männer daran zu hindern, sich die frisch vernähten Wunden aufzureißen, wenn sie unter ihren Feldbetten in Deckung krochen.

Laura musste Kates Brief zunächst unter die erstbeste Lampe halten, die sie finden konnte, um die schwachen, von Schlamm und Regen verschmierten Bleistiftstriche zu entziffern. Der Stil der Sätze war bedächtig und ein wenig seltsam:

Ich bin so froh, dass du am Leben bist, Laura. Wir haben das Schlimmste befürchtet, als wir die Nachrichten aus Halifax hörten. Ich hoffe, du wirst die Hoffnung nicht aufgeben.

Weißt du, ein Patient von mir sagte, er habe seinen geliebten Captain gesehen, der seit drei Jahren tot ist, aber er habe ihn durch ein Fenster angestarrt. Es ist schließlich alles möglich. Gib die Hoffnung nicht auf, Liebes.

Laura las dieses Schreiben zweimal durch und lehnte sich dann auf ihrem Stuhl zurück. Krankenschwestern schrieben oft gütige Dinge, die reine Fiktion waren, an trauernde Angehörige, aber Kate würde das nicht mit ihr machen. Natürlich mussten Kates Briefe dem Blick der Militärzensurstelle standhalten, also versuchte sie vielleicht, etwas indirekt zu vermitteln. Aber Laura konnte sich nicht vorstellen, was das sein könnte. Kate hatte bereits in Südafrika gearbeitet, Jahre bevor der Krieg in Europa ausbrach; sie war die am wenigsten überspannte oder zum Romantisieren neigende Person, die Laura kannte.

Laura musste an das seltsame Schreiben denken, das so sorgfältig in Freddies Jacke eingenäht gewesen war. Ich werde ihn zurückbringen …

Zu diesem Zeitpunkt schrieb Laura an jeden, den sie kannte, überall an der Front. War er dort? War er in diesem Krankenhaus gestorben? Oder in jenem? Wo? Und wie? Wissen Sie, wo er begraben ist?

Sie erhielt natürlich Rückantworten. Beileidsbekundungen, Antworten, die keine waren. Aber darunter war keine, die sie zufriedenstellen konnte.

Eine weitere Woche verging, und dann kam eine Nachricht von der schönen Frau von der Séance, Mrs. Penelope Shaw. Mrs. Shaw war auf dem Papier viel prägnanter als persönlich, ihre Schrift makellos, gestochen gleichmäßig.

Ich fürchte, dass ich sowohl herzlos als auch frivol klinge, während Sie trauern und, wie die Parkeys mir sagen, im Krankenhaus äußerst beschäftigt sind. Aber wenn Sie nur einen Funken Neigung verspüren, würden Sie mich zum Tee besuchen? Ich kann Ihnen Zucker versprechen, ja, und Haferplätzchen und Sandwiches – von beidem reichlich. Und ich habe eine enge Freundin bei mir zu Besuch, die ich Ihnen gern vorstellen würde. Wir sind zusammen aufgewachsen, und sie war wie Sie in Übersee.

Laura zögerte. Aber alles, dachte sie, wäre besser als das, was sie aktuell die ganze Zeit tat – ihre Tage so voller Arbeit und ihre Abende von heimlichem Trinken geprägt, sodass beides ineinander verschwamm. Und Mrs. Shaw war sehr freundlich, ja, herzlich gewesen, an dem Abend, an dem Laura die Kiste am Küchenfeuer geöffnet hatte.

Laura ging zum Schreibtisch und schrieb schnell eine Antwort: Vielen Dank, ich bin sehr gern dabei etc.

6

MEIN REICH TIEFSTER FINSTERNIS

HÖHENZUG BEI PASSCHENDAELE, FLANDERN, BELGIEN

NOVEMBER 1917

Freddie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war.

Manchmal hörte er den Deutschen – Winter – im Gleichklang mit sich atmen. Sie lehnten an derselben schleimigen Wand, auch wenn sie einander nicht sehen konnten. Keiner von beiden sprach. Freddie hätte auch nicht gewusst, was er sagen sollte. Er wartete einfach darauf, dass ihnen die Luft ausging, aber das tat sie nicht.

Wie lange dauert es, bis man stirbt? Der Wundschock, der ihn in den ersten Momenten betäubt und vom Denken verschont hatte, war verebbt, und an seiner Stelle kreisten nun richtige Gedanken, allzu klare, panische Gedanken, in den Tiefen seines Geistes. Ihm war eiskalt. Er tastete seine Taschen ab, um seinen zitternden Händen etwas zu tun zu geben. Er fand eine Büchse. Corned Beef, vermutete er. Und da war auch noch eine Packung Kekse. Besser als nichts. Keine Feldflasche.

»Hast du Hunger?«, fragte er Winter. Freddie hatte keinen, obwohl sein Magen rumorte. Aber er musste etwas tun. Irgendetwas, um nicht nur dazuliegen und zu warten.

Ein erschrockenes Stocken im Atem des Deutschen. Dann ein »Nein« von Winter. Er fügte in vorsichtig höflichem Ton »Nein danke« hinzu.

»Ich … Ich auch nicht«, sagte Freddie, aber wenn er darüber nachdachte, war er vielleicht doch hungrig. Er war wohl noch nicht tot. Dort, wo sie saßen, war es feucht. Der Regen drang irgendwie herein, blubberte träge aus der gesättigten Erde hervor. War es trinkbar? Nein. Wasser, Wasser ringsumher und kein Tropfen zu trin…

Vielleicht würden sie ertrinken. Ertrinken, während sie bereits begraben waren, in einem Geschützbunker in Flandern.

»Ich bin aus Halifax«, sagte er in dem krampfhaften Versuch, die Stille zu durchbrechen. Warum konnten sie nicht einfach gleich getötet worden sein? Er glaubte zu hören, wie Winter sich zu ihm umdrehte, während er weiterschwafelte: »Nova Scotia. Durch und durch Puritaner, weißt du, obwohl meine Mutter aus Montreal stammt. Mein Vater arbeitete auf einem Schlepper in den Narrows. Dort. Meine Schwester ist auch hier in Flandern … Sie ist Krankenschwester … Eine richtige ausgebildete Krankenschwester ist Laura, keine von denen, die hier draußen gelernt haben und an uns armen Teufeln üben. Sie hat sogar einen Rang.« Er spürte ein Aufflackern von Stolz. »Das CAMC hat allen Krankenschwestern ein Offizierspatent verliehen. Sie ist jetzt Captain, weißt du? Oder das Äquivalent davon. Sie liest dir die Leviten, sobald du sie ansiehst. Die klügste und hübscheste Schwester, die man sich wünschen kann.«

Winter erwiderte nichts.

Er verfluchte sich selbst für seine aufkommende Panik – Warum kannst du nicht einfach schweigen und sterben wie ein Mann, Iven? – und fragte: »Woher kommst du … kommen Sie, Sir? Mr. Winter. Äh, Herr Winter.«

Keine Antwort. Aus der schlammigen Brühe zu ihren Füßen stieg ein strenger Geruch auf. Freddie ließ die Rindfleischdose fallen, fluchte und begann, hektisch danach zu tasten. Seine Hand traf auf durchnässten Stoff. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, was er da anfasste. Er zuckte zurück. Er hatte natürlich schon zuvor tote Hände angefasst. Einmal hatte man ihm einen Stapel Sandsäcke gegeben und ihn mit den Aufräumarbeiten nach einem direkten Treffer auf eine Artilleriestellung beauftragt. Und in der Nähe von Vimy gab es einen Schützengraben, in dem ein armer Kerl mit einem herausgestreckten Arm in der Brustwehr begraben worden war. Die Männer schüttelten ihm die Hand, wenn sie zur Front hinaufstiegen; zumindest taten sie das so lange, bis die Knochen zu sehen waren.

Aber jetzt war es anders. Über der Erde, selbst in den Schützengräben, war man sich sicher, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen einem selbst und den blaugrauen Fingern gab, die aus den Deckwerken der Wälle ragten. Der Graue mochte in einem Sandsack in Stücken in der Feldschanze begraben sein, aber man selbst würde eines Tages, wenn der Krieg vorbei war, nach Kanada zurückkehren und mit dem Malen von sturmgepeitschten Landschaftsbildern ein Vermögen machen, oder zumindest genug Geld, um die mittelmäßigen Gedichte zu veröffentlichen.

Aber hier unten …

Freddies Welt verengte sich plötzlich auf das Wissen, dass auch er in einem Tag oder in einer Stunde in die Brühe rutschen und dort mit den anderen treiben würde. Vermisst, vermutlich tot, bis Laura in fünf oder zehn Jahren die Hoffnung aufgäbe. Und die ganze Zeit über wäre er hier in der Dunkelheit …

Tief unten in seinem Verstand begann etwas zu zerbrechen, und er wusste nicht, welchen tierischen Laut des Entsetzens und der Furcht er ausstieß, bis der Deutsche mit überraschender Zielgenauigkeit um die Trümmer herumgriff, Freddie an der Schulter packte und ihm dann mit dem Handrücken eine Ohrfeige verpasste.

Freddies Kopf wurde zurückgeworfen und er schmeckte Blut. Der Griff um seine Schulter war hart, kneifend. Dann fiel Winters Hand herab, und Freddie hörte, wie sie mit einem dumpfen Schlag zurück gegen seine Seite fiel.

»Ich … Danke«, sagte Freddie nach einer seltsamen Pause.

Winter schwieg. Dann fragte er: »Hast du die Dose fallen lassen?«

»Ja«, gab Freddie zu. »Ich kann sie jetzt nicht mehr finden.« Es schien kaum wichtig zu sein.

Er spürte, wie Winter sich versteifte. »In München essen die Kinder Brot aus Rüben. Und du willst Fleisch verschwenden?«

Einen Moment lang verspürte Freddie nur Verständnislosigkeit. »Es zu essen, oder eben nicht, macht doch für die Kinder in München keinen Unterschied. Warte … Kommst du von dort?«

Zunächst herrschte wieder Stille. »Aus den Bergen. Und es ist falsch, Essen zu verschwenden.« Es war physisch unmöglich, zu spüren, dass jemand die Stirn in Falten zog, und doch spürte er den finsteren Blick ganz deutlich.

Er konnte jetzt nicht weiter im Schlamm herumwühlen. »Such du doch danach, wenn du es haben willst.«

»Ich will es nicht«, gab Winter zu. Er bewegte sich nicht. Er hatte sich überhaupt nicht viel bewegt, außer um Freddie zu bändigen. Seine Atmung hatte sich auch nicht beruhigt. Sie war immer noch schnell und rau und …

»Bist … Bist du verwundet?«, fragte Freddie noch einmal.

Schweigen. »Ja«, sagte Winter dann mit seiner präzisen Stimme. »Aber nicht schwer genug.«

Nicht schwer genug, um zu sterben, meinte er. Oder zumindest nicht, um schnell zu sterben. Aber … »Es hat dir Schmerzen bereitet. Es hat dir wehgetan, mich zu schlagen.«