The way to find dreams - Carolin Emrich - E-Book

The way to find dreams E-Book

Carolin Emrich

5,0

Beschreibung

"Hast du einen Freund? Im Kindergarten vielleicht?" "Ja." "Und wenn er dein Freund ist, hast du ihn dann auch schon geküsst?" "Ja! Und du die Mama?" Aaron weiß, was er will. Meistens. Als er an der Uni Sina begegnet, ist er fasziniert von ihr und setzt alles daran, sie näher kennenzulernen. Doch Sina lässt sich nicht so leicht erobern und zweifelt seine Motive an. Sie kennt Aarons Ruf als Aufreißer und hält ihn obendrein für einen unreifen Idioten. Schließlich ist es nicht nur ihr eigenes Herz, das sie riskiert, sondern auch das ihrer fünfjährigen Tochter.

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1 - Aaron

Kapitel 2 - Sina

Kapitel 3 - Aaron

Kapitel 4 - Sina

Kapitel 5 - Aaron

Kapitel 6 - Sina

Kapitel 7 - Aaron

Kapitel 8 - Sina

Kapitel 9 - Aaron

Kapitel 10 - Sina

Kapitel 11 - Aaron

Kapitel 12 - Sina

Kapitel 13 - Aaron

Kapitel 14 - Sina

Kapitel 15 - Aaron

Kapitel 16 - Sina

Kapitel 17 - Aaron

Kapitel 18 - Sina

Kapitel 19 - Aaron

Kapitel 20 - Sina

Kapitel 21 - Aaron

Kapitel 22 - Sina

Kapitel 23 - Aaron

Kapitel 24 - Sina

Kapitel 25 - Aaron

Kapitel 26 - Sina

Kapitel 27 - Aaron

Kapitel 28 - Sina

Kapitel 29 - Aaron

Kapitel 30 - Sina

Kapitel 31 - Aaron

Dank

 

Carolin Emrich

 

 

The way to find dreams

Sina & Aaron

 

 

Liebesroman

 

The way to find dreams: Sina & Aaron

»Hast du einen Freund? Im Kindergarten vielleicht?«

»Ja.«

»Und wenn er dein Freund ist, hast du ihn dann auch schon geküsst?«

»Ja! Und du die Mama?«

 

Aaron weiß, was er will. Meistens. Als er an der Uni Sina begegnet, ist er fasziniert von ihr und setzt alles daran, sie näher kennenzulernen. Doch Sina lässt sich nicht so leicht erobern und zweifelt seine Motive an. Sie kennt Aarons Ruf als Aufreißer und hält ihn obendrein für einen unreifen Idioten. Schließlich ist es nicht nur ihr eigenes Herz, das sie riskiert, sondern auch das ihrer fünfjährigen Tochter.

 

 

Die Autorin

Carolin Emrich wurde 1992 in Kassel geboren. Schon als kleines Mädchen bat sie ihre Mutter, ihr nicht nur vorzulesen, sondern ihr auch das Lesen beizubringen. Sobald sie dieses beherrschte, gab es kein Halten mehr. Stapelweise wurden die Bücher verschlungen und bald schon begann sie, eigene kleine Geschichten zu Papier zu bringen. Im Alter von 15 Jahren verschlug es sie auf eine Fanfiction-Plattform, wo sie auch heute noch ihr Unwesen treibt. Im Herbst 2015 reifte dann die Idee heran, ein Buch zu schreiben. Aber vorher stellte sich die Frage: Kann ich das überhaupt? Um dieser auf den Grund zu gehen, begann sie zu plotten und schrieb daraufhin ihr Fantasy-Debüt »Elfenwächter«. Weitere Jugendbücher sind derzeit dabei, Gestalt anzunehmen.

Beruflich schloss Carolin Emrich im Juli 2015 ihre Ausbildung zur Industriemechanikerin erfolgreich ab.

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, Juni 2020

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020

Umschlaggestaltung: Rica Aitzetmüller | Cover & Books

Illustrationen: Mirjam H. Hüberli

Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-140-6

ISBN (epub): 978-3-03896-141-3

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Für alle,

die in einem Ende

auch einen neuen Anfang sehen.

 

Kapitel 1 - Aaron

 

Drei Monate zuvor

 

 

Eigentlich hatte das vor drei Tagen total harmlos angefangen.

 

Aaron, 10:32 Uhr:

Ich habe da ein Vögelchen zwitschern hören, dass du wieder single bist.

 

Mareike, 11:01 Uhr:

Ich hab aber kein Twitter. :-)

 

Aaron, 11:04 Uhr:

Haha, nein, mal ernsthaft, bist du? Wieso?

 

Warum auch immer wir beide heute Abend gemeinsam in einer Bar saßen und uns einen Pitcher Frozen Margarita teilten. Keine Ahnung, wie das so eskalieren konnte.

Ich war das Wochenende über nach Hause gekommen, weil ich einfach einen Moment durchschnaufen wollte. Das Lernpensum war enorm. Obwohl ich es mir nicht leisten konnte, befand ich mich nun hier.

Dass ich die beste Freundin meiner kleinen Schwester angeschrieben hatte … musste wohl aus Langeweile passiert sein. Ihre dunkelblaue Jeans sah so aus, als hätte sie einige ausgefranste Stellen. Mir war völlig bewusst, dass diese Stellen künstlich erzeugt worden waren und sie nicht vom langen Tragen herrührten. Den Trend hatte ich nie nachvollziehen können. Meine Hosen zerstörte ich immer noch selbst.

Dazu trug sie ein T-Shirt, bei dem eine Schulter frei lag. Ob sie oft so rumlief oder sich heute extra ein wenig schick gemacht hatte? Ich würde sie sicher nicht danach fragen, aber es brannte mir auf der Zunge.

Früher war sie nie der Typ Frau gewesen, der sich aufgetakelt hatte, doch heute war ich mir da nicht mehr so sicher. Durch mein Studium und ihren Ex-Freund standen wir nicht mehr so viel in Kontakt. Was aber im Moment gar nicht so schlecht erschien. Neben mir saß eine hübsche junge Frau und nicht mehr die beste Freundin meiner kleinen Schwester.

Wir hatten uns an einen Tisch am Fenster gesetzt, weil sich Mareike beim Herkommen schon über den Schnee gefreut hatte. Nun stand ein Pitcher in der Mitte und jeder hatte ein volles Glas vor sich.

»Sag mal, kennst du diese Marie aus deiner Abschlussklasse noch?«, wollte ich von ihr wissen, als eine kurze Gesprächspause zwischen uns entstand. So was mochte ich nicht, weswegen ich Dates auch eher vermied.

»Marie …«, murmelte sie und wackelte dabei mit den Augenbrauen. »Hattest du mal was mit der?«

»Was?« Ich hatte ja mit allem gerechnet, aber nicht damit. »Nein?«

»Ist das ne Frage?«, erkundigte sie sich lachend und griff nach ihrem Glas.

»Nein. Nein, ich hatte nichts mit der. Alina hat mir neulich erzählt, dass sie die getroffen hat. Ihr wart wohl mal mit ihr unterwegs irgendwann.«

Mareike zuckte mit den Schultern.

»Ist ja auch egal«, winkte ich ab. »Alina hat sie jedenfalls die Tage getroffen, und die hat so eine Trommel.« Ich machte eine runde Geste vor meinem Bauch.

»Schwanger?«, fragte Mareike und ich nickte. »Mit achtzehn?«, setzte sie nach.

»Mit achtzehn«, bestätigte ich ihr.

»Wahnsinn. Wie kann man so bescheuert sein?« Sie nahm einen großen Schluck und füllte sich dann Margarita nach.

Das mochte ich an ihr, diese direkte Art, auch wenn es mir so vorkam, als wäre die irgendwie neu. Sie hatte zwar schon immer geredet, wie ihr der Schnabel gewachsen war, doch nicht unbedingt mir gegenüber. Oft hatte sie mich einfach angestarrt und war rot angelaufen.

»Sie hat wohl schon länger einen Freund.«

»Der aus der Schule damals?«

»Keine Ahnung.« Auch ich griff nach dem Glaskrug. »Ich kenne sie ja nicht. Alina hatte nur erwähnt, dass sie in deiner Klasse gewesen wäre. Oder in ihrer oder so. Aber ihr kennt sie wohl beide.«

Eigentlich wollte ich meine Schwester heute Abend nicht so oft erwähnen. Alina hatte eine etwas verschrobene Meinung über belanglose Bekanntschaften und sie würde mich schon hassen, weil ich heute hier mit ihrer besten Freundin saß und Alkohol trank. Dabei waren wir beide erwachsen und konnten tun und lassen, was wir wollten.

»Ja, ihr Name sagt mir auch was, aber sonst … Prost!« Mareike hielt mir ihr Glas hin und wir stießen miteinander an. »Hast du noch mal den Studiengang gewechselt oder weißt du mittlerweile, was du machen willst?«, hakte sie nach einer kurzen Gesprächspause nach.

Ich hatte mich schon gefragt, wann das Thema auf den Tisch kommen würde. Mareike hatte immerhin mitbekommen, was für ein Drama es bei uns zu Hause gegeben hatte, weil ich mich nicht entscheiden konnte.

»Ich studiere Informationswissenschaften und Medieninformatik.«

Es war sofort in ihrem Gesicht zu lesen, dass sie sich darunter wenig vorstellen konnte.

»Computerkram«, ergänzte ich deswegen und jetzt nickte sie.

»Okay, und was macht man damit später dann so?«

Wie ich diese Frage hasste. Nicht alle Studiengänge richteten sich direkt an einen späteren Beruf. Was stellte man schon mit einem Philosophie-Studium an? Die meisten absolvierten danach eine Ausbildung in einem anderen Beruf.

»Ziemlich viel. Halt alles, was mit Systemmanagement zu tun hat. Websites einrichten und pflegen, Lehrgänge und Weiterbildungen für Einsteiger bis hin zur Aufsicht und Instandhaltung des ganzen IT-Systems einer großen Firma.«

Mareike öffnete den Mund, ehe sie einen Schluck trank. »Klingt vielfältig«, sagte sie schließlich, was mich zum Lachen brachte.

»Ist es«, bestätigte ich ihr. »Kommt auch darauf an, was man danach damit anfängt. Möglichkeiten habe ich dann jedenfalls genug.«

»Siehst gar nicht aus wie so ein Nerd«, warf sie ein und grinste mich dabei herausfordernd an.

»Wie sehe ich denn aus?« Ich lehnte mich leicht nach vorn und stützte mich mit den Ellenbogen an der Tischkante ab.

»Na ja«, machte sie, führte es aber nicht näher aus.

»Ja, ich höre zu.«

»Aaron!« Mareike rollte mit den Augen.

»Was denn? Ich will das wissen«, beharrte ich.

»Du weißt sehr genau, was ich damit meine.« Sie wandte den Blick ab und konzentrierte sich auf ihr Glas.

»Nein«, sagte ich gespielt unwissend.

Jetzt wollte ich Details, was sie an mir toll fand. Ich hatte fast geglaubt, dass diese Zeit vorbei wäre und wir nur zum Spaß hier säßen. Aber nur fast.

»Du siehst nicht aus wie ein dicker Nerd mit Nickelbrille und fettigem Feinrippunterhemd. Zufrieden?«

Sie wirkte angefressen, und obwohl ich mich damit wirklich nicht zufriedengeben wollte, beließ ich es dabei. Ich konnte später immer noch genauer nachfragen, wenn sie etwas mehr getrunken hatte und redseliger war.

»Bist du denn mit deiner Ausbildung glücklich?«, wechselte ich das Thema.

»Grundlegend schon.«

»Aber?«, hakte ich nach, denn es klang sehr danach, als wäre das noch nicht alles.

»Mein Chef ist ein totaler Idiot. Also die Ausbildung an sich ist spannend und macht mir auch Spaß, doch nicht in dem Betrieb.« Sie tat es ab, als wäre das alles kein Problem.

»Also ziehst du es durch, willst dann aber woanders arbeiten?«, mutmaßte ich und sie nickte, bevor sie erneut ihr Glas zur Hand nahm.

»Wenn es jetzt nicht schlimmer wird, sollte das gehen.«

»Okay, dann drücke ich dir mal die Daumen.« Ich sah zu, wie sie einen Schluck trank, ehe ich auf den Pitcher deutete, der sich jetzt doch schneller geleert hatte, als ich es vorher angenommen hatte. »Wollen wir noch einen bestellen?«

Mareike überlegte kurz und stimmte zu.

Mein Plan war es nicht, sie abzufüllen, aber ein bisschen Alkohol lockerte die Stimmung und das schadete nie.

Wir einigten uns auf einen Strawberry Margarita, bei dem wir weiter über Marie und ihre Schwangerschaft diskutierten, da auch ich ab und zu mal eine werdende Mutter in meinen Kursen sitzen hatte. Teilweise wirkten sie nicht älter als achtzehn, waren es aber hoffentlich. Doch es befanden sich unter anderem auch Frauen darunter, die schon größere Kinder hatten und vorher einfach nicht zum Studieren gekommen waren oder es in jungen Jahren schlicht nicht versucht hatten.

Es war wirklich cool, wie entspannt und vielseitig ich mich mit Mareike unterhalten konnte. Ich hatte sie nie für dumm gehalten, aber es war doch etwas anderes, sie auf diese Art und Weise kennenzulernen.

»Wollen wir gleich zahlen?«, fragte ich sie, als sie vom Klo wiederkam. Wenn man es, wie ich, wusste, war zu erkennen, dass sie ganz leicht hinkte. Kein Humpeln, weit weniger als das. Es war das letzte Überbleibsel einer schweren Operation vor anderthalb Jahren. Wahrscheinlich würde sie das für immer behalten, doch die Prognosen hatten schlechter gestanden, weswegen es Mareike gar nicht störte.

Ich hatte die Zeit genutzt, um mal auf die Uhr zu gucken. Wir sollten uns langsam auf den Weg machen, wenn wir den Bus nach Hause noch erwischen wollten. Irgendwann mitten in der Nacht fuhr zwar noch mal einer, aber die Wartezeit wollte ich nicht totschlagen müssen.

»Wie spät ist es denn?« Sie hielt mitten im Hinsetzen inne, was total ulkig aussah.

»Viertel eins.«

»Vor oder nach?«

Ich seufzte lautlos. Genau die Reaktion hatte ich hervorrufen wollen. »Viertel nach zwölf haben wir.«

»Du hast doch eben … egal, vergiss es«, unterbrach sie sich selbst, ehe sie die Hand hob und einem Kellner bedeutete, dass wir zahlen wollten.

Ich hatte jetzt keine Lust, ihr das zu erklären. Sie würde es selbst herausfinden. Es machte mich ja schon stolz, dass ich es nach einigen Jahren verstanden hatte und ohne weiteres Nachdenken anwenden konnte, um die Leute zu Hause in den Wahnsinn zu treiben.

»Na, dann wird es so langsam Zeit, dass wir loskommen.« Mareike sah sich in der Bar um und winkte erneut nach dem Kellner, der uns eben schon die Rechnung bringen wollte.

Sie wühlte unterdessen in ihrer Tasche und hatte Geld aus ihrem Portemonnaie gezogen, ehe ich sie fragen konnte, ob es okay war, wenn ich zahlte. Nicht weil das hier doch ein Date war, sondern weil ich sie so lange kannte. Wenn wir schon mal was zusammen unternahmen, konnte ich ausnahmsweise den Gentleman raushängen lassen. Das tat ich nämlich viel zu selten.

Als uns schließlich die Rechnung gebracht wurde, legten wir zusammen und kamen beide mit Trinkgeld auf eine fast identische Summe. Das war okay.

Der Wind fuhr draußen schweinekalt durch die Straßen. Unser Winter haute dieses Jahr ordentlich rein und brachte viel Schnee. Mareike steckte in einem langen schwarzen Mantel, der ihr echt gut stand.

Bis zur Bushaltestelle war es gar nicht weit, doch auf halbem Weg setzte ein Schneetreiben ein, das mich zweifeln ließ, ob der Bus fuhr. In Regensburg war das nicht so schlimm, die waren Winter gewohnt, aber hier war das Verkehrssystem total scheiße. Kaum fielen fünf Flocken, lag alles lahm.

Mareike warf mir einen zweifelnden Blick zu, der erahnen ließ, dass sie ähnlich dachte wie ich. Nach Hause zu laufen, wäre bei dem Wetter nicht gerade das Gelbe vom Ei.

Wir standen uns kurz die Beine in den Bauch, dann fuhr der Bus doch vor, auch wenn auf der Tafel im Bushäuschen eine andere Uhrzeit stand. Völlig egal, Hauptsache, wir kamen trockenen Fußes nach Hause.

Während ich in meinem Portemonnaie kramte, achtete ich nicht auf den Weg vor mir und wäre so um ein Haar in Mareike gelaufen, die direkt hinter dem Fahrer im Gang stehen geblieben war.

Irritiert hob ich den Kopf und steckte mein Wechselgeld ein. Ich hatte gerade ansetzen wollen, zu fragen, warum sie sich nicht bewegte, als ich es selbst sah: Mittig im Bus saß ihr Ex-Freund auf einem Platz am Gang. Und er blickte sehr deutlich zu uns rüber. Meine Hoffnung, dass er uns nicht bemerkt hatte, verpuffte.

Mareike stand immer noch vor mir, bis ich sie leicht anstupste. »Geh weiter. Setz dich«, sagte ich leise. Sie ließ sich auf die nächste freie Bank fallen und rutschte durch, damit ich mich ebenfalls setzen konnte.

»Das ist kacke«, flüsterte sie und ich konnte nur nicken.

So wie sie gerade reagierte, war sie noch lange nicht über ihren Ex hinweg. Sonst wäre ihr Blick viel weniger gequält und sie würde nicht so krampfhaft darauf achten, nicht in seine Richtung zu sehen.

Ich hatte das Bedürfnis, irgendeinen abgedroschenen Spruch zu bringen, aber ich wusste nicht, welchen. Eigentlich war ich immer der Ex gewesen, der den Frauen erklärte, dass ich nicht so viel von ihnen gewollt hatte wie sie von mir.

Es war das erste Mal, dass ich ein Außenstehender war. Und es fühlte sich echt doof an, weil ich auch wusste, dass Mareike ziemlich viel für ihren Ex übriggehabt hatte. Und allem Anschein nach war es immer noch der Fall.

Er stieg ein paar Haltestellen vor uns aus und ich konnte förmlich spüren, wie erleichtert Mareike darüber war. Sie saß gleich weniger steif auf ihrem Sitz und atmete tief durch.

»Das war komisch. Hab ihn ne Weile nicht gesehen. Zuletzt im Dezember bei unserer nicht gerade geglückten Aussprache.« Sie sah mich an und zog dabei ein Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen.

»Ihr hattet eine Aussprache?« Eigentlich hatte ich echt keine Lust, mich mit ihr über ihren Ex zu unterhalten, aber irgendwie musste ich ja darauf reagieren, auch wenn es eine bescheuerte Frage war. Für ihre Beziehung hatte ich mich nie interessiert.

»Ja, aber es war blöd. Er hat reagiert wie immer. Thema gegessen.« Sie zuckte mit den Schultern und ich gab vor, ihr die Gleichgültigkeit abzunehmen. So konnte man ein Gespräch auch beenden.

An ihrer Haltestelle stieg ich mit aus, obwohl ich noch weiterfahren könnte, damit ich nicht mehr laufen musste als unbedingt notwendig. Ich trieb mich zwar an der Uni im Fitnessstudio rum, aber das tat ich mehr, weil mich die Jungs mitnahmen. Nicht weil ich es von mir aus wollte.

»Bis auf das Ende war es doch ein schöner Abend«, sagte Mareike.

Ich stand ihr gegenüber und hatte überhaupt keine Ahnung, woher mein nächster Satz kam. »Dann sollten wir das vielleicht korrigieren.«

Ganz langsam wanderten ihre Augenbrauen in die Höhe und es machte den Anschein, als würde sie das zweideutiger auffassen, als es gemeint gewesen war. Wobei …

»Und wie stellst du dir das vor?«, wollte sie wissen, was mich langsam einen Schritt näher kommen ließ.

Das war eindeutig nicht geplant gewesen, aber wenn sie mir solche Steilvorlagen lieferte, musste sie sich nicht wundern, wenn ich sie nutzte.

»Ich dachte, du hast da eine Idee«, spielte ich ihr den Ball zurück und sie hob das Kinn.

»Die wäre unvernünftig.«

Damit hatte sie mich am Haken und ich vermutete, dass sie genau das beabsichtigte. Wenn ich jetzt zuschnappte, würde sie lachen und reingehen und mich ewig damit aufziehen. Auf der anderen Seite war sie eine gute Freundin und bei ihr würde ich dieses Risiko tatsächlich eingehen wollen.

»Die unvernünftigen Entscheidungen sind doch meistens die besten.«

Ein Schmunzeln breitete sich auf ihren Lippen aus, ehe sie sanft den Kopf schüttelte. Dann sah sie mich wieder an und ich konnte in ihrem Blick lesen wie in einem verdammten Buch. Sie sah mir auf den Mund und dann wieder in die Augen. Mareike kämpfte mit sich, nichts Dummes zu tun, aber genau das wollte ich gerade. Es war einfach zu verführerisch.

»Siehst du das nicht auch so?«, setzte ich nach, damit sie endlich aufgab. »Hm?« Ich stupste sie am Arm an und endlich reagierte sie.

Meine Überraschung verflog in dem Moment, als ihre Lippen auf meine trafen. Stark, dass sie das wirklich tat. Wir küssten uns nicht nur kurz, denn zumindest bei mir kam das Gefühl auf, das ich auch vor zwei Jahren gespürt hatte. Es fühlte sich verdammt gut an, sie zu küssen. Wir konnten das und eierten nicht komisch herum, bis es passte. Das tat es von der ersten Sekunde an.

Ihre Hände lagen auf meinem Rücken und ich hatte ihren Kopf umfasst, als wir uns langsam wieder lösten.

»Ich würde dich gerne noch mitnehmen.« Das war mir rausgerutscht, bevor ich darüber nachdenken konnte, aber eigentlich war es die Wahrheit. Ich wollte sie schon lange, und näher als heute würde ich ihr bestimmt nicht mehr kommen.

»Okay.«

Ihr Ernst?

»Ich muss aber wenigstens Bescheid sagen, dass ich später komme. Meine Mum bringt mich um, wenn …« Sie wurde durch das Öffnen der Haustür unterbrochen. Ihr Satz von mir weg war beinahe schon oscarreif.

»Bin noch bei Alina«, sagte sie, bevor ihre Mutter irgendeine Frage stellen konnte.

»Alina hat vorhin nach dir gefragt. Dachte, du wärst mit ihr unterwegs.« Beate nickte zu mir. »Er sieht nicht wie Alina aus.«

Ich zuckte mit den Schultern. Meine kleine Schwester und ich hatten normalerweise eine identische Augen- und Haarfarbe, allerdings blondierte sie schon so lange, dass manche Leute sie gar nicht mit ihrem normalen Dunkelblond kannten. »Och, so ein bisschen aber schon.«

Als Mareike prustete, stimmte ich mit ein. Der Spruch hatte was und ich musste mir den unbedingt merken.

»Wir waren was trinken und wollen uns noch in ihrem Zimmer treffen. Wie immer.«

Mareike hatte ich immer für eine sehr Korrekte gehalten. Dass sie jetzt so schamlos log, passte eher zu mir und nicht zu ihr.

»Dann gehe ich jetzt ins Bett. Da muss ich ja nicht auf dich warten.« Beate wünschte uns noch eine gute Nacht und schloss dann die Tür.

»Du lügst, ohne rot zu werden«, musste ich ihr neidlos zugestehen. »Und deine Mum glaubt dir kein Wort.«

»Hab Übung und es ist mir egal«, erwiderte sie und ging nicht mehr auf das Thema ein.

Auch wenn ich gerne noch etwas mit ihr darüber gequatscht hätte, waren wir in Windeseile vor der Haustür meiner Eltern angekommen. Ich hatte schon haufenweise Mädels mitgebracht, aber es fühlte sich doch merkwürdig an, dass es Mareike war. Das Gefühl verschob ich nur zu gern auf morgen. Darüber konnte ich mir wann anders Gedanken machen.

Im Flur oben war alles dunkel, doch im Zimmer meiner Schwester brannte noch Licht. Wenn sie jetzt noch auf war, hatte sie, allem Anschein nach, keinen Besuch von ihrem Freund. Plötzlich verstummten die Kampfgeräusche, die vermutlich von ihrer Konsole stammten.

»Aaron?«, schallte ihre Stimme durch den Flur und ich gefror in meiner Bewegung. Wehe, wenn sie jetzt rauskam. Wir wären so was von geliefert.

»Ja?«, antwortete ich vorsichtig und schob Mareike an mir vorbei, damit sie vorging und aus der Schusslinie war, falls Alina sich nicht durch die angelehnte Tür unterhalten wollte.

»Warst du weg?«

»War mit nem Kumpel was trinken.« Ich betrachtete die Holzpaneele an der Decke, die bei dem spärlichen Licht grau erschienen und nicht hellbraun.

»Okay. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Mareike deutete ein stummes Kichern an und es wunderte mich irgendwie, dass sie dennoch mitkommen wollte, obwohl sie jetzt wusste, dass ihre beste Freundin wach und munter ein Zimmer weiter saß.

»Sicher?«, wollte ich noch mal wissen, als ich meine Zimmertür öffnete, aber Mareike nickte nur.

Eigentlich erkundigte ich mich kein zweites Mal, denn jeder war alt genug, selbst zu entscheiden, was er tat, doch hier … Na ja, sie wollte, also würde ich das nutzen. Ob es ihr Wille war oder der Frust über die Begegnung mit ihrem Ex, brauchte mich nicht zu interessieren. Mareike grinste mich verschlagen an, als ich die Zimmertür hinter mir schloss und den Rest der Welt einfach aussperrte.

 

Heute

 

Ich hatte ja schon viel Scheiße auf diversen WG-Partys erlebt, aber das schlug dem Fass wirklich den Boden aus.

»Wir haben drum gewettet, Kumpel«, erinnerte ich Marc und er nickte seufzend.

Meine Freude hingegen schien unbändig zu sein. Wenn ich dann noch an das Wettangebot dachte … Wer hätte auch glauben können, dass das tatsächlich passierte. Der größte Weiberheld der Uni, und mein WG-Mitbewohner, the one and only Dennis Hoppe, hatte die Party gestern gemeinsam mit einer jungen Frau verlassen, die ihm in der Hinsicht in nichts nachstand.

Rieke und er waren das ganze letzte Semester umeinander herumgeeiert, aber hatten sich nie ernsthaft miteinander befasst. Meist waren es einfach plumpe Anmachsprüche und zickige Erwiderungen gewesen, über die wir alle sehr gelacht hatten. Die beiden kannten sich schon ewig und es war immer eine Hassliebe gewesen. Sie gehörten beide zu unserer Clique, doch Freunde waren sie keine.

Dass sie gestern an unserer ersten WG-Feier des neuen Semesters miteinander verschwunden waren, hatte Marc und mich zu einer Wette veranlasst. Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass da etwas zwischen ihnen lief. Marc hatte gemeint, dass dem nicht so sei.

Jetzt hatten sich die beiden zusammen in der Mensa angestellt. Von unserem Tisch aus konnten wir einen Teil der Schlange einsehen.

»Da läuft was«, sagte ich mit Nachdruck und deutete mehr als unauffällig zu den beiden rüber.

»Weißt du nicht. Ist ja nicht so, als wenn sie nicht auch vorher miteinander geredet hätten«, gab Marc zurück.

Aber es fiel mir schwer, mich auf mein Mittagessen zu konzentrieren. Da ich mir so sicher gewesen war, hatte mich auch Marcs Wetteinsatz nicht abgeschreckt. Der Verlierer musste sich für ein Seminar eintragen, das zwar mit dem Studiengang zu tun haben durfte, aber keine Punkte im Hauptfach einbrachte. Entweder jetzt noch oder dann im nächsten Semester.

»Du hast Schiss«, schlussfolgerte ich und stopfte mir eine volle Gabel mit Nudeln in den Mund.

»Ich habe keinen Schiss, ich habe keine Zeit«, korrigierte er mich und schnippte sich eine seiner braunen Locken aus dem Gesicht.

»Das ist allerdings dein Problem.«

Er sah mich für einen Moment giftig an, ehe mein Blick wieder in die Schlange wanderte, wo Rieke gerade über etwas lachte und Dennis leicht auf den Arm schlug. Das sah verdammt vertraut aus, wie die beiden miteinander umgingen.

Und das war gut. Ich grinste weiter vor mich hin, während Marc sein Mittagessen wegschob und miesepetrig dreinschaute. Dann kamen sie zu uns rüber und Dennis stellte sein Essen neben meinem ab.

»Na, alles fit?«, wollte er wissen, was Marc dazu brachte, sein breitestes Grinsen anzuknipsen. Anscheinend hatte er gerade eine Idee.

»Uns geht es wunderprächtig«, sagte Marc und trat mir unter dem Tisch vors Schienbein. Sollte die Wette ein Geheimnis bleiben?

»Aua?«, machte ich, was Rieke dazu brachte, zwischen uns hin und her zu sehen.

»Eben sahst du noch so aus, als müsstest du mal dringend ne Sitzung halten.« Dennis deutete mit den Daumen auf Marc, schaute dabei aber weiterhin zu mir.

»Nee, der gute Marc hier hat augenscheinlich gerade eine Wette verloren, die er so sicher war zu gewinnen.«

Marc brummte etwas vor sich hin, was nach einer Beleidigung klang.

»Eine Wette?« Dennis drehte sich interessiert in meine Richtung und auch Rieke sah gespannt zu mir.

Marcs einzige Reaktion darauf war, uns allen den Mittelfinger zu zeigen.

»Ohhh«, sagte ich. »Da ist aber einer ganz schlecht drauf. Wie wäre es, wenn du dir schon mal Gedanken machst, welcher zusätzliche Kurs dich noch interessiert. Und denk dran: nicht fürs Hauptfach.«

»Worum geht es genau?«, fragte Dennis etwas lauter und wedelte mit den Händen zwischen uns herum.

»Na ja, ihr zwei habt euch, seit ihr euch kennt, nicht leiden können. Als ihr dann gestern gemeinsam verschwunden seid, war Marc so überzeugt, dass ihr nichts miteinander haben werdet, dass ich ihm eine Wette vorgeschlagen habe.«

»Ihr habt gewettet? Auf mich und Dennis?« Rieke deutete dabei mit ihrer Gabel zwischen ihm und sich hin und her.

»Ganz genau. Und so wie es aussieht, habe ich die Wette gewonnen, denn ich denke, ihr zwei würdet nicht so hier sitzen, wenn da nichts passiert wäre, nicht wahr?«, warf ich ein und nun wurde auch den anderen klar, warum Marc so frustriert guckte.

Ich konnte gar nicht anders, als ihn nun falsch und übertrieben anzugrinsen. Es hatte mir echt Bauchschmerzen bereitet, dass ich möglicherweise einen zusätzlichen Kurs hätte belegen müssen, denn dazu stand mir absolut keine Zeit zur Verfügung.

»Wir haben nicht miteinander geschlafen«, sagte Rieke und ich brauchte einen Moment, bis ich ihre Worte verarbeitet hatte.

»Ihr habt was?«, wollte Marc sofort viel besser gelaunt wissen und sah mich mit dem gleichen aufgesetzten Grinsen an, wie ich es eben bei ihm getan hatte.

»Wir sind zusammen gegangen, aber dann haben wir nur die halbe Nacht geredet und unser Kriegsbeil begraben. Wir sind jetzt Kumpels«, führte Dennis Riekes Aussage weiter aus und hielt ihr die Faust hin, damit sie abschlagen konnte.

»Das ist ein Witz«, bat ich und verfluchte meine Stimme, da sie echt verzweifelt klang. Aber das wirkte so unglaubwürdig. Die Sache stank schon jetzt zum Himmel.

»Nein«, fügte Rieke hinzu. Zu meinem Leidwesen sah auch keiner der beiden danach aus, als müsste er sich das Lachen verkneifen.

»Ganz große Scheiße.« Ich schob den Teller mit meinem Mittagessen von mir weg. Der Appetit war mir eindeutig vergangen.

»Das heißt, dass du jetzt die Wette verloren hast«, stellte Dennis mit einem Blick auf mich fest.

»Jau.«

»Und um was ging es genau?«, hakte Dennis zum dritten Mal nach.

»Ich muss ein zusätzliches Seminar belegen, was mich aber nicht im Hauptfach weiterbringen darf. Ich verschwende also meine Zeit.«

»Quatsch«, winkte Rieke ab. »Mach einfach etwas, was dich schon immer interessiert hat, wovon du aber nie wusstest, ob es etwas für dich ist. Das Studium ist doch dafür da, neue Dinge zu entdecken.«

Ihre kleine Ansprache erinnerte mich an meinen absoluten Tiefpunkt letztes Jahr. Seit ich das letzte Mal neue Dinge entdeckt hatte, hatte ich zu einem ehemaligen Trainingspartner keinen Kontakt mehr.

Ich schüttelte leicht den Kopf. Einerseits, um den Gedanken abzuschütteln, aber auch, damit Rieke wusste, was ich von ihrem Vorschlag hielt. Das Ganze war einfach scheiße und noch dazu hatte ich es mir selbst eingebrockt.

Kapitel 2 - Sina

 

Sechs Jahre zuvor

 

 

Ich starrte. Ich starrte einfach nur auf das weiße Plastikteil in meiner Hand in der Hoffnung, das Ergebnis würde sich durch mein bloßes Hinsehen ändern.

»Zwei Striche bedeuten, dass er positiv ist, oder?«, fragte Sophie leise, obwohl es keinen Grund gab zu flüstern. Meine Eltern würden nicht vor 17 Uhr nach Hause kommen und Steffi war bei einer Freundin.

»Das kann gar nicht sein«, entgegnete ich ebenso leise.

»Na ja, siehst du aber doch.«

Ich schüttelte den Kopf. »Flo hat gesagt, dass er aufpasst. Da kann doch gar nichts passieren.«

Sophie gab ein Stöhnen von sich und ließ sich auf den Badewannenrand sinken. »Das hat er nicht wirklich gesagt?«

»Doch.«

»Und du hast ihm das geglaubt?«

»Wo ist das Problem?«, wollte ich wissen, knallte den Test auf die Fensterbank und drehte mich zu meiner besten Freundin um.

»Der hat dir Mist erzählt, damit er kein Gummi benutzen muss. Ich hab dir gleich gesagt, dass du bei dem vorsichtig sein musst.«

»Er hat aufgepasst«, protestierte ich.

»Wie denn?« Sophie warf die Arme hoch. »Decke drüber und Licht aus, oder was? Hat ja gut funktioniert.« Sie deutete auf den Test, dessen Ergebnis mich förmlich auszulachen schien.

»Dann ist der eben falsch«, sagte ich bestimmt, schnappte mir das Ding, versenkte es im Mülleimer und löste den Beutel, damit ich ihn sofort in die Restmülltonne stecken konnte und meine Eltern keine Beweise fanden.

»Gibt es denn falsch positive Tests?« Sophie wirkte nicht gerade überzeugt, aber das störte mich jetzt nicht.

»Siehst du doch. Ich hab den nur gemacht, weil du unbedingt wolltest.«

Meine beste Freundin seufzte und wand sich etwas hin und her, während ich schon drauf und dran war, das Badezimmer zu verlassen, um den Müll zu entsorgen.

»Und was ist, wenn du deine Tage länger nicht kriegst?«, rief sie mir nach, als ich schon im Flur war.

»Das wird nicht passieren!«, teilte ich ihr entschieden mit und schob das blöde Thema damit endlich von mir.

 

Der Wind blies mir kalt um die Nase und ich schlug den Kragen meiner Jacke höher. Meine Schritte beschleunigten sich, auch wenn ich dieses Gespräch nicht führen wollte. Ich musste aus der Kälte raus, denn es war echt ein scheußliches Wetter.

Flo erwartete mich schon vor dem kleinen Eckrestaurant, in dem wir oft nach der Schule essen gingen und in dem wir uns auch abends nur zu zweit trafen. Er hatte sich eine Mütze tief in die Stirn gezogen und nur wenige der dunklen Locken lugten darunter hervor.

»Hey, Baby«, begrüßte er mich und legte einen Arm um meine Schultern. Er versuchte nicht, mich zu küssen, und das war auch gut so. Sonst würde ich mich wohl noch länger vor diesem Gespräch drücken.

»Hi, du, ich muss da direkt mal was wissen«, begann ich, bevor ich zu lange darüber nachdenken konnte.

»Alles, was du willst«, entgegnete er und auch wenn ich es immer gemocht hatte, wenn er mit mir sprach, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt für ihn, kam es mir doch jetzt komisch vor. Wie etwas Aufgesetztes, was ich nie gesehen hatte. Oder nicht hatte sehen wollen, wie Sophie ständig sagte.

Ich blieb am Eingang stehen und der Wind pfiff uns erneut um die Ohren. Eben noch hatte ich unbedingt irgendwo reingewollt, aber nun wollte ich nur noch sagen, was ich zu sagen hatte, und dann sehen, was sich daraus ergab.

»Na ja, du hast ja immer gemeint, du passt auf, wenn wir … du weißt schon.«

Flo nahm den Arm wieder von meinen Schultern und musterte mich unter dem Rand seiner Mütze. »Ja, natürlich. Warum?«

»Ach nichts, dann ist alles gut«, winkte ich ab und fasste nach dem Türgriff, doch er hielt mich auf.

»Wieso fragst du?«

»Nicht wichtig. Ich hab da nen Test gemacht, weil ich meine Tage nicht bekomme, aber ist ja okay. Dann war der falsch. Nichts weiter.«

Flo zog mich jetzt noch ein Stück von der Tür weg. »Was für einen Test hast du gemacht?«, fragte er und seine Stimme klang dabei alarmiert.

»Na ja, einen Schwangerschaftstest, aber wenn du sagst, dass du aufgepasst hast, ist doch alles gut.« Ich wollte einfach nicht mehr darüber nachdenken. Sophie machte mich schon verrückt genug und erinnerte mich immer wieder aufs Neue daran.

»Okay«, sagte Flo nun endlich. »Und du nimmst ja auch die Pille, da kommt das schon mal vor. Die Tage, meine ich. Dass die nicht kommen.«

Jetzt war es an mir, Flo aufzuhalten, der sich wieder zum Eingang des Restaurants aufmachen wollte.

»Ich habe nie gesagt, dass ich die Pille nehme.«

Flo stockte, drehte sich zu mir um und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Die nimmt doch jeder.«

Leicht schüttelte ich den Kopf. Das hatte er nicht wirklich angenommen, ohne nachzufragen? »Ich darf sie nicht nehmen. Ich hab ne Krankheit und muss Tabletten dagegen nehmen. Ich kann Thrombosen von der Pille bekommen. Mein Arzt hat mir das verboten.«

Das Gespräch ging hier gerade in eine ganz komische Richtung. Ich hatte nie gesagt, dass ich die Pille nahm, aber da Flo aufpassen wollte, war das ja auch nie wichtig gewesen.

»Du nimmst die nicht?«, fragte er nach und klang dabei regelrecht ungläubig. Was auch immer daran so schwer zu verstehen war.

»Ja.«

»Und was hat dieser Test ergeben, den du gemacht hast?« Er schien zu fragen, weil er es musste, nicht weil es ihn wirklich interessierte.

Ich schluckte. So langsam wurde auch mir bewusst, dass ich das alles nicht einfach ignorieren konnte. »Na ja, der war positiv. Aber das wird falsch gewesen sein.«

»Ich hoffe doch, dass der falsch gewesen ist.«

Meine Stimmung war nun endgültig gedrückt und ich hatte keine Lust mehr, mit ihm etwas essen zu gehen. »Ja, bestimmt. Wenn nicht, hätten wir ein Problem.«

»Nein, du hast dann ein Problem. Ich kann ja nichts dafür, wenn du die Pille nicht nimmst.« Als wären seine Worte nichts, streckte er die Hand nach mir aus und wollte das Thema wohl damit beenden, aber seine Worte hatten etwas in mir wachgerüttelt.

»Wie, mein Problem?«, wollte ich wissen und blieb eisern stehen, auch wenn mich Flo mit einer Handbewegung ins Restaurant lotsen wollte.

»Warum sollte es denn meins sein?« Irgendwie schwang Spott in seiner Stimme mit und ich machte einen Schritt zurück, weg von ihm.

»Na ja, weil du … mein Freund bist.«

Flo zuckte nur mit den Schultern und nun verstand ich ihn gar nicht mehr. »Es interessiert mich aber nicht. Kommst du jetzt?«

»Nein.« Ich schüttelte entschieden den Kopf und trat den Rückzug an.

Ich hatte mir im Ernstfall Unterstützung von ihm erhofft, nicht diese Gleichgültigkeit. Es war ihm einfach egal. Auch jetzt drehte er sich nicht um.

Während ich ging, betrat er den Laden und sah nicht ein einziges Mal zu mir zurück.

 

Heute

 

»Können wir los?«, rief Sophie durch die Wohnung. Sie hatte sich eben noch ein anderes Oberteil anziehen wollen und stand nun im Flur.

»Nicht so laut«, ermahnte ich sie mit einem Blick auf Michelles Zimmertür.

Auch wenn meine kleine Tochter um diese Uhrzeit schon schlief wie ein Stein, wollte ich meine Hand nicht ins Feuer legen, dass sie nicht doch wach werden konnte. Und wenn das passierte, hatte ich zu tun, sie wieder ins Bett zu kriegen. Dann war der Abend gelaufen und ich würde zu Hause bleiben.

»Sorry«, flüsterte meine beste Freundin so laut wie möglich an der Badezimmertür.

»Alber nicht rum. Hilf mir lieber. Geht das?« Ich deutete an mir herunter.

Es waren nur eine Jeans und ein einfaches T-Shirt, das ich vorne in die Hose gesteckt hatte, aber ich kam mir zusammen mit dem Make-up schon total aufgetakelt vor. Mir genügten normalerweise eine getönte Tagescreme und Wimperntusche.

»Was soll daran nicht gehen?« Sophie trug ein kurzes Kleid und sah definitiv danach aus, als hätte sie für heute Abend einen Plan. Das mit dem Oberteil und der Jeans schien sie sich bereits wieder anders überlegt zu haben.

Männeraufreißen war so überhaupt nicht mein Ding, aber sollte sie ruhig machen.

Ich deutete an mir rauf und runter, als würde es alles erklären. »Klar, neben dir bin ich immer noch underdressed, doch ich fühle mich schon so, als hätte ich mich zurechtgemacht, und du weißt, dass ich nicht ausgehe, um jemanden aufzureißen. Spontane Dinger sind eher dein Metier.«

»Du musst dich betrinken«, sagte Sophie, und ihr Gesicht erschien neben meinem im Spiegel.

Durch das Glas trafen sich unsere Blicke und ich zog die Augenbrauen hoch. »Ein bisschen. Das steht ja auch gar nicht zur Debatte, aber ich mache das sonst zu Hause mit einer Flasche Wein, einem guten Film und deiner Gesellschaft.«

»Na ja und heute eben in einer WG mit Bier und mehr Leuten als nur mir.« Sie grinste und wuschelte sich durch die kurzen braunen Haare, um noch etwas Volumen reinzubringen.

Wir hatten uns vor Jahren mal denselben Long Bob schneiden lassen. Während ich ihn hatte rauswachsen lassen und meine Haare wieder ein bisschen länger und stufig trug, war die Frisur bei Sophie geblieben.

»Ich bin mir noch nicht sicher, ob mir das gefällt«, gab ich zu bedenken, doch meine Freundin schüttelte entschieden den Kopf.

»Na komm, denk nicht gleich so. Es ist nicht die erste Party, auf die du gehst.«

Mit einem Seufzen wandte ich mich zu ihr. »Ich weiß, aber irgendwie bin ich rausgewachsen. Keine Ahnung, ob das normal ist, wenn man eine bald Sechsjährige zu Hause rumspringen hat, doch mir kommen diese Feiern eben oft albern vor. Die Leute sind in meinem Alter, aber ich empfinde sie als so viel jünger.«

»Wie wäre es, wenn du heute mal versuchst, etwas weniger Mama zu sein, und einfach deinen Spaß hast?«

Sophies Vorschlag brachte ihr einen tödlichen Blick meinerseits ein.

»Ich habe Spaß!«, betonte ich nachdrücklich. »Überwiegend hat der mit Fingerfarben, Bastelkleber und Lego zu tun. Natürlich gehe ich auf die ein oder andere Party, treffe mich hier und da mal mit einem Kerl, aber das heißt nicht, dass ich solche Partys gut finden muss.«

Wobei mein letztes Date schon Jahre her war, doch was konnte ich dafür, dass alle gleich die Beine in die Hand nahmen, wenn ich erzählte, dass ich eine Tochter hatte?

»Ja, mein Gott.« Sie warf die Arme hoch. »Zurechtweisung angekommen. Können wir jetzt los?«

Ich seufzte, denn meine Lust aufs Ausgehen war rapide gesunken, aber ich wollte meine Freundin nicht hängen lassen, indem ich sie nun allein losschickte.

»Lass uns gehen«, sagte ich schließlich, bevor ich es mir noch anders überlegte.

Während wir uns im Flur Jacken anzogen, erschien Mama in der Wohnzimmertür. »Wann seid ihr wieder zurück?«, wollte sie wissen und sah uns mahnend an.

Ihr lag auf der Zunge, dass wir auf uns aufpassen sollten, aber es reichte allein ihr Blick, damit ich das verstand. Unsere Beziehung zueinander war erst so richtig gut geworden, seit meine große Schwester ausgezogen und wir nur noch zu dritt waren. Es war so viel stressfreier ohne Steffis ständige Eifersuchtsanfälle, weil sie nicht damit klarkam, dass meine Tochter meist den Mittelpunkt bildete.

»Wir wollen nicht so lange wegbleiben«, erwiderte ich, was Sophie mit einem »Du« quittierte. Sie hatte eindeutig andere Pläne für heute.

»Ich komme nicht so spät heim«, sagte ich zu meiner Mutter. »Ich will morgen früh mit Michelle ins Schwimmbad. Isi hat mich gefragt, ob ich mitkommen will, die trifft sich da zu so einer Mama-Kind-Gruppe. Die sind bestimmt alle psycho und voll die Helikoptermamas, aber ich will wenigstens mal reingucken.«

»Isi ist auch voll die Helimom«, kommentierte Sophie, während sie ihre Haare aus dem Kragen der dünnen Jacke zog. Die war bei den sommerlichen Temperaturen wahrscheinlich gar nicht notwendig, doch sie rundete ihr Outfit perfekt ab.

»Ist sie gar nicht.«

»Doch!« Sophie öffnete die Wohnungstür und sah mich auffordernd an. »Hast du gesehen, wie sie mit dem Taschentuch bei Theo hinterher ist, nur weil die Nase lief?«

Ich hob die Augenbrauen. »Der Kleine kann noch keine Nase putzen oder gescheit die Nase hochziehen. Das läuft einfach. Weißt du, wie ekelig es ist, wenn dir ein Kind mit Rotznase einen Kuss geben will? Die ganze Rotze so richtig schön über den Lippen verteilt? Ich war da auch so hinterher, als Michelle kleiner war.«

»Meinst du?«, wollte meine beste Freundin zweifelnd wissen und ich nickte bestimmt, ehe ich mich von meiner Mutter verabschiedete und wir uns endlich auf den Weg machten.

Laut Sophie waren wir eh schon viel zu spät dran, denn die Feier hatte offiziell um acht Uhr angefangen und das hatten wir jetzt gerade. Da wir noch ein Stück mit dem Bus fahren mussten, würden wir zu spät kommen.

Mir war völlig egal, wie pünktlich ich auf einer WG-Party sein würde, aber Sophie war da anders. Vermutlich legte man mit Kind nicht mehr so viel Wert auf eingehaltene Zeiten, denn immer, wenn man dachte, man schaffte etwas, war die Windel voll oder eine andere Katastrophe trat ein.

 

Es war bereits dunkel, als wir an dem Haus ankamen. Ich vermutete, dass die Party im zweiten Stock stieg, denn dort standen ein paar Fenster offen und es war Musik zu hören.

Da sich Sophie besser auskannte und die Einladung auch erhalten hatte, ließ ich ihr den Vortritt. Ich war an sich nicht schüchtern, aber ich wollte die Situation erst mal überblicken, bevor ich mich ins Getümmel stürzte. Außerdem war Small Talk nicht mein Steckenpferd.

Die Wohnung, die wir betraten, war nicht unbedingt groß. Nicht größer als unsere jedenfalls.

Im Flur stapelten sich Jacken und Schuhe, was mich dazu verleitete, mir die dünne Jacke nur über die Handtasche zu hängen und die Schuhe gleich anzulassen. Bei so vielen Leuten wollte ich nicht unbedingt auf Socken unterwegs sein.

Vom kleinen Flur wurden wir von einem schlaksigen Kerl, der sich als Alex vorgestellt hatte, in ein wesentlich größeres Wohnzimmer gelotst. Hier schien der Dreh- und Angelpunkt dieser WG zu sein.

Überall saßen oder standen Leute. Auf einem Tisch waren Getränke aufgestellt und es stapelten sich ein paar Kisten Bier unter dem Tisch.

Jemand schien sich zuständig zu fühlen, denn als Sophie losging, um etwas zu trinken zu holen, wurden wir direkt gefragt, was wir wollten. Während sich Sophie Jack Daniel’s mit Cola mischen ließ, nahm ich nur ein Radler. Immerhin hatte ich morgen früh vor, mit Michelle ins Schwimmbad zu gehen. Wer wäre ich da, wenn ich mich am Abend zuvor betrinken würde?

»Setzen wir uns?«, wollte meine beste Freundin wissen und ich nickte einfach.

Wo auch immer sie das vorhatte, denn ich fand auf den ersten Blick keinen Platz. Sophie schien sich hier aber auszukennen, denn sie schob mich einfach durch den Raum und ließ sich auf eine der Fensterbänke sinken.

»Halten die das aus?« Ich beäugte misstrauisch unsere provisorischen Sitzplätze.

»Die ist aus Stein. Ihr zwei könnt darauf tanzen und da passiert nichts«, sagte ein blonder Typ neben mir, der sich eigentlich gerade noch unterhalten hatte.

»Ah, ja. Danke schön«, entgegnete ich und setzte mich zu Sophie.

Der Kerl hatte recht gehabt. Es saß sich wirklich nicht schlecht und es machte auch nicht den Eindruck, als würde hier irgendwas kaputtgehen.

Ich nahm einen Schluck aus meiner Flasche. Die Musik hier war annehmbarer, als ich befürchtet hatte, und entgegen meinen Erwartungen war sie auch nicht so laut gedreht. Das hatte sich von draußen viel lauter angehört.

Als ich den Blick von meiner Flasche hob, um mich umzusehen, stellte ich fest, dass mich der Typ ansah, der mir eben die Fensterbank schmackhaft gemacht hatte.

»Ist was?«, fragte ich neugierig, woraufhin er nachdenklich den Kopf neigte und dann zwei Schritte zu mir rüberkam.

»Nein, gar nicht«, sagte er. »Ich hab gerade so gedacht, dass man sich vielleicht ganz gut mit dir unterhalten kann.«

Ich konnte es nicht verhindern, ich musste grinsen. Deswegen setzte ich lieber wieder das Bier an. »Was lässt dich zu der Annahme kommen? Mein Blick auf den Boden oder die Tatsache, dass ich so gesprächig erscheine?«

Er lachte. »Genau das.« Dann prostete er mir zu, was ich erwiderte. »Magst du noch eins?«, fragte er, nachdem wir beide großzügig nach dem Anstoßen getrunken hatten. Irgendwie waren die Biere hier kleiner oder ich hatte Durst.

Mit einem Nicken reichte ich ihm meine leere Flasche, damit er sie gleich mit zurück zum Kasten nehmen konnte.

»Und für deine Freundin?«

»Jacky Cola«, sagte Sophie an meiner Stelle.

»Kommt sofort.« Der Kerl wollte schon gehen, als ihn Sophie zurückhielt, indem sie ihn warnend ansprach.

»Aaron? Versuch’s gar nicht erst.« Dabei sah sie zu mir.

»Du kennst ihn?«, fragte ich, während Aaron mit den Schultern zuckte und murmelte, dass er gar nicht wisse, wovon meine Freundin redete.

»Ich kenne ihn. Wir haben ein paar Kurse zusammen. Selbes Hauptfach«, beantwortete Sophie meine Frage. »Und ich rate dir, einfach die Finger von ihm zu lassen.«

Aaron war gerade dabei, unsere Getränke aufzutreiben. Ich sah kurz zu ihm und dann wieder zu meiner Freundin. »Hattest du mal was mit ihm?«

»Nein!« Sophie riss in einer Abwehrhaltung die Hände hoch. »Aber eine Freundin von mir. Und es endete wohl nicht so gut. Er hat versprochen sich zu melden, sich dann jedoch rar gemacht und sie ignoriert. Als sie ihn dann drauf ansprach, hat er einen auf blöd gemacht, und sie ist seitdem nicht so gut auf ihn zu sprechen. Ich nehme es ihm auch übel. Ich meine, was soll das? Kann man nicht gleich ehrlich sagen, dass man nichts Festes will?«

Mein Nicken musste ihr Antwort genug sein, denn Aaron kam in dem Moment wieder zu uns. Er reichte mir mein Radler und Sophie das Mischgetränk. Für sich selbst hatte er ein Bier mitgebracht, aus dem er einen herzhaften Schluck nahm.

»Also noch mal: Was soll ich nicht versuchen und warum?«, wollte er wissen.

Ich sah vielsagend zu Sophie, denn darum wollte ich mich wirklich nicht kümmern. Außerdem war es ihre Freundin gewesen, die sich Probleme eingehandelt hatte, es ging mich also eigentlich gar nichts an.

»Das weißt du ganz genau.« Sie hob den Zeigefinger und war kurz davor, ihm in die Brust zu piken.

»Äh, nein, sorry, keine Ahnung. Klär mich auf.«

»Sicher, als wenn ich nichts Besseres zu tun hätte. Wenn du das schon nicht mehr weißt …« Während sie sich weigerte, ihm zu sagen, woher ihre Abneigung kam, hatte ich Zeit, mir den Kerl anzugucken. Immerhin war es meine Entscheidung, ob er es wagen sollte, mich anzumachen oder nicht.

Er sah jung aus, aber ich vermutete, dass es an den blonden Haaren und dem fehlenden Bart lag. Das ließ ja die meisten Menschen jünger wirken.

»Wie alt bist du?« Es brachte ja doch nichts, über sein Alter zu spekulieren. Ich wollte es genauer wissen.

»Dreiundzwanzig.« Aaron hatte dabei die Augenbrauen fragend zusammengezogen, als hätte er erst darüber nachdenken müssen. Sein Blick hatte nur sehr kurz auf mir verweilt. Sofort war er wieder bei Sophie.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich wohl mitten ins Gespräch hinein gefragt hatte. Ups. Aber das war meine Freundin von mir schon gewohnt und äußerte sich gar nicht mehr dazu.

»Und du?«

Seine Frage hätte ich beinahe überhört.

»Einundzwanzig. Und ich heiße übrigens Sina.«

Warum auch immer meine Antwort so interessant gewesen war, sie veranlasste Aaron dazu, sich mir zuzuwenden. Sophie schüttelte augenrollend den Kopf.

»Was studierst du?«, fragte Aaron weiter und meine Freundin erhob sich. Ich machte Anstalten, ihr zu folgen, da setzte sich mein Gesprächspartner auf den frei gewordenen Platz. Weil ich nicht unhöflich sein wollte, blieb ich, wo ich war. Sophie kam klar und sie würde sicher gleich wieder hier vorbeikommen, um mich einzusammeln.

»Glaubst du, ich studiere?«, konterte ich, aber Aaron zuckte nur mit den Schultern.

»Hab hier auf den Partys noch keinen erlebt, der es nicht tut.«

»Na gut. Rate doch mal.« Ich sah mich nebenbei nach meiner Freundin um.

Sie stand etwas abseits und unterhielt sich mit einer Gruppe Leute. Vielleicht aus einem ihrer Kurse oder vom Studifunk, Regensburgs bestem Radiosender.

»BWL?«

Ich presste die Lippen skeptisch zusammen.

»Na gut, dann eben kein BWL. Ist ab und zu das Naheliegendste, weil’s jeder macht und so.«

»Meine Schwester studiert BWL«, fügte ich an und wunderte mich im selben Moment, was das in diesem Gespräch zu suchen hatte.

»Ach ja?«

»Ich mache mich auch ab und zu darüber lustig. Kein Problem, denke ich.«

Aarons Lippen zierte ein feines Grinsen. »Ich hab mich nicht entschuldigt.«

»Oh«, machte ich nicht gerade sehr geistreich.

»Soll ich weiterraten?«

Stimmt, da waren wir ja stehen geblieben. Während Aaron munter vor sich hin überlegte und schließlich die Website der Uni aufrief, um jedes Studienfach abzufragen, das die Uni Regensburg anbot, überlegte ich, ob ich den Typen irgendwie sympathisch oder eher komisch finden sollte.

Es war schon nett, sich mit ihm zu unterhalten. Er hatte Ausstrahlung, das konnte ich nicht leugnen, und ich hörte ihm trotz der etwas merkwürdigen Themen gerne zu.

»Erziehungswissenschaften?« Aaron war bei E angekommen, und da ich die ganze Zeit den Kopf geschüttelt hatte, hätte ich beinahe die richtige Antwort verpasst.

»Das ist richtig«, sagte ich und bekam damit gerade noch die Kurve. Er hatte schon mit dem nächsten Fach weitermachen wollen.

»Erziehungswissenschaften?«, fragte er noch mal und ich nickte. »Welches Semester?«

»Zweites.«

»Also hast du erst angefangen?«

Ich nickte erneut.

»Hast du vorher was anderes gemacht? Ne Ausbildung oder so?«

»Nee, hab mir fürs Abi Zeit gelassen und war mir dann nicht sicher, was ich machen wollte«, wich ich aus.

Dass es da meine Tochter gab, ging ihn nichts an. Außerdem erntete ich eh nur komische Blicke und dann ging tatsächlich sehr oft eine Diskussion los, wie man denn mit fünfzehn schwanger werden konnte. Es war total müßig, darüber zu diskutieren, denn passiert war passiert.

»Hast du eine Weile gebraucht, bis du wusstest, was dich anspricht?«

»Ja.« Die Antwort war definitiv viel einfacher. »Hab ein bisschen rumprobiert und mich schließlich für Erziehungswissenschaften entschieden. Und du?«

»Ich studiere Informationswissenschaften und Medieninformatik.«

Okay, das war nicht so mein Gebiet, obwohl Sophie auch Medieninformatik studierte. Sie unterhielt sich derweil immer noch, aber so langsam könnte sie mal zurückkommen. Mir fiel jedenfalls kein Thema mehr ein, mit dem ich das Gespräch am Laufen halten konnte.

Meist interessierten sich die Leute nicht für die Dinge, die ich gerne machte. Der Unterschied zwischen unreifen Studenten und denen, die schon früh Verantwortung übernehmen mussten, war fast greifbar. Dazwischen gab es für mich irgendwie nichts. Zumindest was die Männer anging.

»Magst du noch etwas trinken?«, erkundigte sich Aaron und ich nickte nach kurzem Überlegen.