The way to find hope: Alina & Lars - Carolin Emrich - E-Book

The way to find hope: Alina & Lars E-Book

Carolin Emrich

0,0
6,99 €

oder
Beschreibung

"Hast du eigentlich einen Führerschein?" "Nö." "Wieso fährst du dann mein Auto?" "Auch dein Auto fährt mit Benzin und nicht mit einem Führerschein." Als sich Alina und Lars in der Disco kennenlernen, sind sie sofort voneinander fasziniert. Obwohl dieses Knistern zwischen ihnen herrscht, hält Lars sie auf Abstand und seine Mauer aufrecht. Das gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht, denn Alinas beste Freundin ist mit seinem Mitbewohner zusammen und so laufen sie sich immer wieder über den Weg. Alina lässt sich zudem nicht so leicht abwimmeln – sie hat sich in den Kopf gesetzt, Lars näher kennenzulernen. Doch dieser ist sich sicher, dass seine Vergangenheit ihre Beziehung zerstören würde, bevor sie überhaupt begonnen hat. Sein Leben ist vieles, nur keine Grundlage für eine gemeinsame Zukunft.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1 - Alina

Kapitel 2 - Lars

Kapitel 3 - Alina

Kapitel 4 - Lars

Kapitel 5 - Alina

Kapitel 6 - Lars

Kapitel 7 - Alina

Kapitel 8 - Lars

Kapitel 9 - Alina

Kapitel 10 - Lars

Kapitel 11 - Alina

Kapitel 12 - Lars

Kapitel 13 - Alina

Kapitel 14 - Lars

Kapitel 15 - Alina

Kapitel 16 - Lars

Kapitel 17 - Alina

Kapitel 18 - Lars

Kapitel 19 - Alina

Kapitel 20 - Lars

Kapitel 21 - Alina

Kapitel 22 - Lars

Kapitel 23 - Alina

Kapitel 24 - Lars

Kapitel 25 - Alina

Kapitel 26 - Lars

Kapitel 27 - Alina

Kapitel 28 - Lars

Dank

 

Carolin Emrich

 

 

The way to find hope

 

 

 

Liebesroman

 

The way to find hope

»Hast du eigentlich einen Führerschein?«

»Nö.«

»Wieso fährst du dann mein Auto?«

»Auch dein Auto fährt mit Benzin und nicht mit einem Führerschein.«

Als sich Alina und Lars in der Disco kennenlernen, sind sie sofort voneinander fasziniert. Obwohl dieses Knistern zwischen ihnen herrscht, hält Lars sie auf Abstand und seine Mauer aufrecht. Das gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht, denn Alinas beste Freundin ist mit seinem Mitbewohner zusammen und so laufen sie sich immer wieder über den Weg. Alina lässt sich zudem nicht so leicht abwimmeln – sie hat sich in den Kopf gesetzt, Lars näher kennenzulernen. Doch dieser ist sich sicher, dass seine Vergangenheit ihre Beziehung zerstören würde, bevor sie überhaupt begonnen hat. Sein Leben ist vieles, nur keine Grundlage für eine gemeinsame Zukunft.

 

 

Die Autorin

Carolin Emrich wurde 1992 in Kassel geboren. Schon als kleines Mädchen bat sie ihre Mutter, ihr nicht nur vorzulesen, sondern ihr auch das Lesen beizubringen. Sobald sie dieses beherrschte, gab es kein Halten mehr. Stapelweise wurden die Bücher verschlungen und bald schon begann sie, eigene kleine Geschichten zu Papier zu bringen. Im Alter von 15 Jahren verschlug es sie auf eine Fanfiction-Plattform, wo sie auch heute noch ihr Unwesen treibt. Im Herbst 2015 reifte dann die Idee heran, ein Buch zu schreiben. Aber vorher stellte sich die Frage: Kann ich das überhaupt? Um dieser auf den Grund zu gehen, begann sie zu plotten und schrieb daraufhin ihr Fantasy-Debüt ›Elfenwächter‹. Weitere Jugendbücher sind derzeit dabei, Gestalt anzunehmen.

Beruflich schloss Carolin Emrich im Juli 2015 ihre Ausbildung zur Industriemechanikerin erfolgreich ab.

 

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, November 2018

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2018

Umschlaggestaltung: Rica Aitzetmüller

Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Martina König

Satz: Sternensand Verlag GmbH

Druck und Bindung: Smilkov Print Ltd.

 

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-015-7

ISBN (epub): 978-3-03896-016-4

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Für alle,

die in großen Fehlern

kleine Chancen sehen.

 

 

Und für Ronja.

 

Kapitel 1 - Alina

 

Drei Wochen zuvor

 

Schon in der Schlange an der Tür packte mich der Beat, der trotz der dicken schwarzen Metalltür nach draußen drang. Ich bewegte mich von einem Bein auf das andere, schwang meine Hüften langsam von links nach rechts, wechselte dabei immer mal die Hand, die meinen Personalausweis hielt.

Wir kamen nur langsam voran, da der zweite Securitymann mit dieser Metalldetektorkelle heute sehr gründlich war. Ich stand allein in der Schlange, ohne Begleitung. Eigentlich hatte meine beste Freundin Mareike mitkommen wollen, die zwar erst im Oktober achtzehn wurde, aber sie hätte ja mich dabeigehabt. Ich war seit einigen Wochen volljährig. Allerdings hatte sie vorhin einen dieser Krampfanfälle im Fuß gehabt. Keinen der leichten Sorte, die man durch ein bisschen Dehnen und Magnesium wegbekam. Nachwirkungen der Überanstrengung, wenn sie zu viel auf einmal wollte, hatte ihr Arzt es genannt.

Mareike hatte letztes Jahr einen gutartigen Hirntumor entfernt bekommen, daraufhin einige Wochen im Koma gelegen und den Rest des Jahres damit verbracht, wieder Laufen und Sprechen zu lernen. Eine Komplikation, die vorkommen konnte. War trotzdem scheiße gewesen, aber jetzt merkte man es ihr manchmal gar nicht mehr an, wenn sie sich nicht gerade überanstrengte. Für den Schulsport hatte sie trotzdem ein Attest. Den hatte sie eh nie leiden können.

Jedenfalls hatte ich dann beschlossen, dass ich allein weggehen würde. Das war eigentlich nicht meine Art, da es meist in langweiliges Rumgesitze ausartete, aber einen Versuch war es wert. Möglicherweise traf ich ja jemanden, den ich kannte. Die kleine und die große Lena aus meiner alten Klasse oder Jonas und Vanessa vom Volleyball.

Ich drehte mich in der Schlange um und warf einen Blick über die anderen Wartenden. Spontan kam mir leider kein Gesicht bekannt vor.

»Ausweis!«

Ich zuckte zusammen und streckte meinen Perso von mir weg. »Hi«, schob ich noch schnell hinterher und grinste den Türsteher an.

Er trug ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo der Disco auf der Brust. Eine sehr einfache Lasershow sollte es wohl darstellen. Uptown Dancepark, stand darunter. Ich hatte eben schon gesehen, dass Security in weißer Schrift auf seinem Rücken prangte.

Er sah lediglich von dem Ausweis zu mir, nickte dann und gab ihn mir zurück. Keine Ahnung, warum ich da immer so nervös war, aber ich hatte stets Schiss, dass er mich auf dem Schwerverbrecherfoto nicht erkannte und mich nicht reinließ. Was für ein Schwachsinn eigentlich.

Ich steckte meinen Perso wieder in die Jeanstasche und kramte dort nach einem Zehneuroschein, um den Eintritt zu bezahlen. Die Luft im Vorraum hinter der Metalltür stand und es war laut, viel lauter als draußen. Ich begann schon wieder, beim Laufen zu tanzen.

Die junge Frau am Eingang tauschte den Zehneuroschein gegen einen schwarzen Stempel auf meiner Hand – endlich keiner dieser roten mehr, die mich als unter achtzehn auswiesen – und eine Stempelkarte für Getränke und Snacks. »Viel Spaß«, rief sie mir nach und ich drehte mich noch einmal grinsend zu ihr um, damit ich mich bedanken konnte, auch wenn sie das sicher aus Reflex jedem wünschte. Wahrscheinlich musste sie es sogar.

Vor mir erstreckte sich ein Flur mit der Garderobe, vor der sich ebenfalls eine Schlange gebildet hatte. Ich verlor leider aus Gewohnheit immer die Marken und war mittlerweile dazu übergegangen, auf dem Heimweg kurz zu frieren oder alles meiner Begleitung zu geben, wenn ich eine hatte. Heute hatte ich mich nach Mareikes Absage fürs Frieren entschieden und passierte die Garderobe, um endlich an die Bar zu kommen, mir einen Cocktail zu bestellen und dann vielleicht tatsächlich allein die Tanzfläche unsicher zu machen.

Es gab drei Räume, in denen unterschiedliche Musik gespielt wurde. Ein Bereich mit Rock/Pop und aktuellen Charts, einen House-und-Trance-Bereich und einen, in dem Deathmetal gespielt wurde. Den letzten Raum schenkte ich mir meistens, denn die Musikrichtung gefiel mir nicht unbedingt.

Der größte Raum war der mit der aktuellen Musik und zu dem zog es mich gerade, da The Chainsmokers gespielt wurden. Da musste ich hin, komme, was wolle. Mich durch die Menschen an der Bar schiebend, versuchte ich, ein möglichst unbeteiligtes Gesicht zu machen. Irgendwie war mir zwischen den vielen Menschen doch mulmig, so ganz allein.

Sonst war manchmal mein Bruder Aaron mitgekommen, den ich zwar den ganzen Abend nicht bewusst zu Gesicht bekommen hatte, aber der doch irgendwie da gewesen war, da er ja für mich den Mamizettel unterschrieben hatte, damit ich auch nach vierundzwanzig Uhr noch hier sein durfte. Zum Glück brauchte ich das jetzt nicht mehr.

Aber heute war wirklich niemand dabei. Das hatte ich zwar schon mal gemacht, kurz nach meinem Achtzehnten, aber da war es nicht so proppevoll gewesen. Dicht an dicht drängten sich die heißen, verschwitzten Körper an die Theke und allein vom Durchschlagen zu einer etwas ruhigeren Ecke stand mir der Schweiß ebenfalls auf der Stirn.

Ich hatte mir mein Geld, den Ausweis, Haustürschlüssel und Handy lediglich in die Hosentasche gesteckt, demzufolge hatte ich auch kein Deo dabei, was ich gefühlt jetzt schon gebrauchen könnte. Nicht einmal fünf Minuten in der Disco und schon war ich verschwitzt. Das war eindeutig ein absoluter Rekord. Ich musste nach dem ersten Tanz unbedingt schauen, ob auf der Toilette Deos standen.

Der Barkeeper nickte mir lediglich zu, als er sich in meine Richtung beugte und nach meiner Stempelkarte griff. Ich rief ihm »Mojito« entgegen und zeigte ihm meinen schwarzen Stempel. Auch wenn er nickte, war ich mir nicht sicher, ob er mich richtig verstanden hatte. Ich wollte meine Bestellung sicherheitshalber noch einmal brüllen, aber da wandte er sich schon ab, um die nächsten Kunden zu bedienen und nebenbei, wenn er konnte, den Cocktail zu mixen.

Ich nutzte die Zeit, um mich umzusehen. Auch wenn Mareike Witze gemacht hatte, dass ich doch wenigstens jemanden aufreißen sollte, wenn ich allein wegging, war das irgendwie nicht meine Art. Ich musste fast über mich lachen, wenn ich bedachte, was sonst meine Art war. Mich in irgendwelche Kerle verlieben, die eh unerreichbar waren. Wie mein bester Freund zum Beispiel.

Liam und ich kannten uns seit dem Sandkasten und plötzlich, in der achten Klasse, war mir heiß geworden, als er im Sommer im Sportunterricht sein Hemd ausgezogen hatte. Einfach so. Dazu hatte sich ein Schwindel in meinem Kopf breitgemacht, der mich erst vermuten ließ, dass ich mir einen Sonnenstich eingehandelt hatte.

Da es aber in der folgenden Zeit nicht weggegangen war und es sogar schlimmer wurde, wenn ich die Gelegenheit bekam, mit ihm allein zu sein – was sich quasi jeden Tag ergeben hatte –, hatte ich mir eingestehen müssen, dass ich mich in ihn verliebt hatte.

Zum Training hatte Liam mich oft begleitet und ich wollte gar nicht die vielen Spiele vergessen, bei denen er mich schon angefeuert hatte. Und als ich so verzweifelt für ihn geschwärmt hatte, war ich mit Marc aus meiner Klasse ausgegangen. Allein das hätte ausreichen müssen, um über Liam hinwegzukommen, aber nein, ich hatte in dem irrwitzigen Glauben gelebt, dass es eine gute Idee wäre, mein erstes Mal einfach hinter mich zu bringen. Ich hatte erwartet, dass es unsere Beziehung irgendwie besser machen würde. Im Nachhinein ein Griff ins Klo und ich bereute es mittlerweile total, aber das ließ sich nicht mehr ändern.

Neben mir tauchte ein Mojito auf – oder was ich ansatzweise dafür hielt – und meine Stempelkarte, mit zwei Löchern, lag daneben auf der Serviette.

Mir waren doch nicht wirklich acht Euro für einen Mojito berechnet worden? Hatten die die Preise erhöht?

Ein wenig fassungslos suchte ich die Tafeln ab, auf denen mit weißer Kreide die Preise aufgelistet waren. Sie hingen weit oben an den Pfosten und trotzdem waren schon einige verschmiert. Mareike war selbst schon betrunken an einem Pfosten hochgesprungen und hatte versucht, etwas zu verwischen. Wenn es um den schlechten Einfluss ging, war sie eindeutig der Vorreiter von uns beiden. Ich war die Stimme der Vernunft, zumindest was sie betraf. Ich selbst hörte äußerst selten auf mich.

Die acht Euro stimmten und wenn ich den Inhalt meiner Hosentasche richtig überschlug, sollte ich mich lieber stilvoll mit Schnaps betrinken und es bei einem Cocktail belassen. Vielleicht sollte ich aber auch so lange mit jemandem Blickkontakt halten, bis er glaubte, dass ich interessiert war, und mir einen Drink ausgab.

Die Idee war brillant, aber an der Umsetzung würde es scheitern. Ich konnte doch nicht so tun, als wäre ich für irgendetwas zu haben und dann absagen. Das kam doch hinterfotzig rüber, wenn ich das mit purer Absicht tat. Das würde ich eher Mareike zutrauen.

Oh Gott, das hörte sich an, als würde ich meine beste Freundin hinterfotzig finden. So war es eindeutig nicht gemeint. Gut, dass ich das nicht unbedacht ihr gegenüber geäußert hatte.

Der Strohhalm in meinem Getränk gab widerliche Schlürfgeräusche von sich und ich senkte schnell den Kopf, damit keiner sah, wie ich es nüchtern schaffte, den Strohhalm vor lauter Nachdenken aus meinem Glas zu ziehen und Luft zu saugen. Erst als ich wieder etwas trank, merkte ich, dass das so oder so niemand gehört hätte.

Es erklang erneut ein Lied von The Chainsmokers und eigentlich würde ich jetzt kreischend auf die Tanzfläche rennen, aber der Umstand, dass ich ganz allein war, hielt mich zurück. Im Gedränge konnte mir doch was weiß ich zustoßen und niemand würde es sehen oder mir helfen können.

Ich ließ meinen Blick erneut schweifen und bemerkte, dass ich beobachtet wurde. Ich blieb mit den Augen an dem großen Kerl hängen, der mich ansah. Sehr offensichtlich sogar. Er stand auf der anderen Seite der Bar, die sich wie ein Schlauch durch einen Teil des Raumes zog. Unbehagen stieg in mir auf, als er nicht wegsah, auch wenn ich seinen Blick jetzt erwiderte.

Er war blond und breit gebaut, das konnte ich von hier feststellen. Außerdem war er unheimlich, weil er starrte, und so beschloss ich, dass ich doch tanzen gehen würde, um in der Menge unterzutauchen.

War es denn so ungewöhnlich, dass eine junge Frau allein an der Bar stand? Vielleicht wartete ich ja auch nur auf meinen großen, starken Freund, der mich vor solchen Kerlen beschützte.

Und jetzt hatte ich mich in etwas reingeredet, weil ich ebendiesen Freund nicht dabeihatte und dem Starrer schutzlos ausgeliefert war.

Ich warf noch einen Blick über die Schulter, aber der blonde Kerl sah nicht mehr her. Zum Glück. Ich stellte mein Glas weg, nutzte eine Gruppe Menschen, die sich gerade zur Tanzfläche bewegte, und schmuggelte mich mit ihnen ein Stück um die Bar herum, tat so, als würde ich vor ihnen nach jemandem Ausschau halten, und setzte mich dann mitten im Gewühl ab.

Das war schon mal geschafft. Ich suchte mir eine kleine Fläche, auf der ich mich wenigstens minimal bewegen konnte, ohne gleich einen Engtanz mit jemand Fremdem hinzulegen, und ließ mich von Zedd und SelenaGomez in den Takt bringen.

Ich traute mich sogar, die Augen zu schließen, um die Musik richtig zu fühlen. Mein Puls passte sich dem Beat an, ich atmete die dicke Luft ein, die von der Nebelmaschine einen merkwürdigen Geruch verpasst bekam. Es roch ein bisschen wie bei meiner Oma auf dem Dachboden, aber ganz genau hatte ich es nie identifizieren können. Fakt war, ich mochte den Geruch, denn er erinnerte mich an lange Sommernächte und meine Kindheit.

Ich begann gerade, zu entspannen und mich zu drehen, als mich jemand mit dem Ellenbogen in den Rücken stieß. Mit zerfurchter Stirn wollte ich mich rumdrehen, um demjenigen auf den Fuß zu steigen, oder ebenfalls den Ellenbogen sonst wo hinrammen, als ich stockte.

Der Rempler war schon weg, aber warum auch immer ich spontan eine ausgewachsene Psychose mit Verfolgungswahn entwickelt hatte, die mich den Kerl sogar im Gewühl erkennen ließ, war mir noch nicht ganz klar. Ich wusste sofort, dass er mit seiner Größe und der Statur hier in der Menge mehr Erfolg haben würde als ich.

Ich entschied mich dazu, tief Luft zu holen und so zu tun, als hätte ich ihn gar nicht bemerkt. Vielleicht wurde ich wirklich bescheuert. Er hatte mich doch nur angesehen. Vielleicht war er an mir interessiert. Ich sollte aufhören, mich selbst als so unwichtig anzusehen, als würde ich in der Menge untergehen und mich niemand wahrnehmen. Das stimmte nämlich nicht, aber es hatte mich getroffen, dass Liam mit mir geknutscht hatte, nur um dann zurückzurudern und zu sagen, dass ich nie mehr als eine kleine Schwester für ihn sein würde. Igitt. Er hatte also faktisch mit seiner kleinen Schwester rumgemacht. Großartige Leistung als Einzelkind.

Ich wollte darüber schmunzeln, wenn es nicht doch in einer kleinen Ecke meines Herzens wehtun würde, auch wenn das jetzt ein Jahr her war. Der Sommer, in dem wir unsere Freundschaft ruinierten, hatte ich es mal genannt, woraufhin Mareike so hatte lachen müssen, dass sie sich verschluckt hatte und ihr das Wasser zur Nase herausgelaufen kam. Zum Glück war es nur Wasser gewesen, Cola oder gar Bier waren ekliger. Ich wusste, wovon ich sprach.

Ich hatte mich doch tatsächlich selbst so abgelenkt, dass ich erst wieder realisierte, dass ich vor jemandem auf der Hut war, als ich einen Körper in meiner Nähe spürte. Nicht einfach um mich rum, sondern wirklich in meiner Nähe. Liam hatte eindeutig etwas in mir kaputt gemacht, denn es hatte mich zuvor nicht irritiert, wenn mich jemand antanzte. Und das passierte hier gerade sehr deutlich.

Ich sollte entweder einen zustimmenden Blick über die Schulter werfen oder mich umdrehen und zu verstehen geben, dass er das lassen sollte und sich eine andere Tanzpartnerin suchen konnte.

Ich wollte mich in seine Richtung drehen, von Nahem gucken, mit wem ich es zu tun hatte, und dann entscheiden, als ich eine Hand an meiner Seite spürte. Mein Kiefer krampfte kurz, aber meine Haut unter dem Top kribbelte auch.

Was waren das bitte für widersprüchliche Gefühle? Fand ich das nun in Ordnung oder nicht?

Seine Brust berührte meinen Rücken, tastete sich langsam voran, bis immer mehr Körperkontakt entstand. Er ging wenigstens langsam vor und schmiss sich nicht ran, als würde er eh eine Abfuhr erwarten und es gleich bei der Nächsten versuchen wollen.

Die Luft um mich herum wurde von seinem Deo eingenommen und wenn ich etwas wahnsinnig gut fand, dann war das Männerdeo. Na gut, eine Ausnahme gab es, denn das Deo meines Bruders konnte ich an keinem Kerl gut finden, aber zum Glück war es das nicht.

Ich begann, langsam einen Gang runterzufahren und meine Hüfte wieder locker mitzubewegen, wenn er es tat. Er war größer als ich, eindeutig. Das gab einen zusätzlichen Punkt auf der Sexy-Skala. Ermutigt strich seine Hand über meine Seite, landete an meiner Hüfte und seine zweite Hand kam auf der anderen Seite dazu.

Irgendwie hatte es etwas Faszinierendes, dass ich mich noch nicht umgedreht hatte, um zu sehen, wer da hinter mir war. Ich spürte einfach nur, entspannte mich sogar so weit, dass ich die Augen schloss, wenn auch nur kurz. Als das Lied wechselte, machte ich sie wieder auf und drehte mich um. Die Neugier hatte gesiegt.

Es war tatsächlich der große Blonde von eben an der Theke. Er sah leicht amüsiert zu mir herunter, nicht wirklich grinsend, aber das brauchte er gar nicht. Ich sah den Spaß in seinen Augen, die durch das spärliche Licht um uns herum einfach nur dunkel wirkten. Das Misstrauen ihm gegenüber verflog so schnell, wie es gekommen war. Mein Herz schlug jetzt aus ganz anderen Gründen in beschleunigter Geschwindigkeit. Der Kerl war verdammt attraktiv.

Wir tauschten stumme Blicke, als er sich zu mir herunterbeugte. Für eine Schrecksekunde dachte ich, er würde die Unverfrorenheit besitzen, mich einfach zu küssen, aber er lehnte sich neben mich, um an mein Ohr zu gelangen.

»Lars«, rief er. Sein heißer Atem und die Nähe zwischen uns sorgten für Gänsehaut.

»Alina«, versuchte ich es ebenso und er schien mich verstanden zu haben, denn ich vermutete ein Nicken, ehe er sich wieder aufrichtete und mich dann ganz unverhohlen musterte.

Die große Lena würde hier und jetzt eine Sexismusdebatte anfangen. Ich trug eine knallenge Jeans, in die ich beinahe nur mit einem Tannenbaumeintüttrichter gekommen wäre, das schwarze Top war großzügig ausgeschnitten und die wadenhohen braunen Schuhe besaßen einen Keilabsatz, bei dem ich mich wunderte, dass ich noch keine schmerzenden Fußballen hatte. Mareike würde in den Schuhen im Stehen umknicken, aber die war größer als ich und brauchte so was nicht.

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht wenigstens einen dieser abcheckenden Blicke heute Abend gewollt hätte. Und Lars machte das gerade ganz hervorragend. Er sah an mir hinunter und dann wieder rauf, blieb brav an meinen Beinen und dem Dekolleté hängen und sah mich dann so selbstzufrieden an, als hätte er wirklich einen guten Fang gemacht. Das war Balsam für mein getretenes Ego.

Ich grinste und wiederholte seine Geste. Der Kerl sah verdammt gut aus. Ich hatte schon immer eine Schwäche für gut durchtrainierte Kerle und begann bei Magic Mike regelmäßig das Sabbern. Und der hier vor mir könnte durchaus aus diesem Film entsprungen sein.

Ich kopierte nicht nur seine Geste beim Gucken, sondern setzte einen ebenso selbstzufriedenen Blick auf, als ich wieder an seinem Gesicht angekommen war.

Es tat so gut, mal wieder zu flirten und Liam zu vergessen. Er hatte meine Stimmung lange genug bestimmt. Heute war der Abend, mir selbst und ihm zu beweisen, dass ich endlich über ihn hinweg war.

Lars hatte unterdessen nach mir gegriffen, legte seine großen Hände auf meinen Rücken und zog mich näher an sich. Sein Geruch vernebelte mir erneut die Sinne und ehe mir wieder einfiel, was ein gesunder Abstand bei so was war, drückte ich mich an ihn.

Wir bewegten uns nicht gerade langsam, aber er tat es mit so einer Selbstverständlichkeit, dass mir nicht nur durch unsere Berührungen ganz schwindelig wurde. Es fühlte sich gut an, von jemandem quasi im Arm gehalten zu werden. Vor allem von jemandem, den ich persönlich echt sexy fand.

Seine Hände strichen über meinen Rücken und ich vermutete, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er es tiefer versuchen würde. Und solange wir hier auf der Tanzfläche blieben und alles jugendfrei ablief, hatte ich noch nicht einmal etwas dagegen.

Warum nur hatte ich kurz angenommen, dass der Abend langweilig werden könnte?

Die Lieder wechselten durch. Mal aktuelle Charts, dann etwas Älteres, Achtziger, die peppig aufbereitet worden waren und zu denen wir uns völlig außer Atem bewegten und berührten.

Ich hatte irgendwann meine Hand an die Hosentasche an seinem Hintern gehakt, was ihm ein erstes richtiges Grinsen entlocken konnte, woraufhin er mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange hauchte. Es war verdammt heiß hier drinnen und so langsam war das keine Metapher mehr für das, was hier zwischen uns abging, sondern ich brauchte dringend eine Pause und etwas zu trinken.

Ich streckte mich an ihm hoch, damit ich ihn fragen konnte, ob er mit an die Bar kommen wollte, und musste schmunzeln, weil sein Blick zu meinem Mund flog und er jetzt wohl annahm, dass ich ihn einfach küssen würde.

Bestimmt nicht. Das ging dann doch etwas über meine Prinzipien. Wir kannten uns doch gar nicht.

»Magst du was trinken?«, rief ich ihm direkt ins Ohr.

Er nickte, sobald wir wieder Blickkontakt hatten, und griff nach meiner Hand. Ich ließ mich von ihm durchs Gewühl ziehen, denn es hatte eindeutig Vorteile, wenn er vorging. Selbst sein Rücken war gut gebaut und ich folgte dem Drang, die freie Hand auf sein Schulterblatt zu legen, damit ich seine Muskeln spielen fühlte. Das war … Mir fiel ja jetzt schon nichts mehr außer sexy für ihn ein.

Zum Glück war es auch an der Theke laut genug, damit wir kein sinnvolles und länger dauerndes Gespräch führen konnten. Wir lehnten nebeneinander, stießen mit einem Schnaps an und ich wurde immer lockerer dabei, ihn zu mustern, wann immer ich das Bedürfnis danach hatte. Und, ich war da ganz ehrlich, es war oft der Fall.

Das Licht war hier besser und ich stellte fest, dass er ebenso blaue Augen hatte wie ich. Allerdings waren meine blonden Haare nicht echt – eigentlich waren sie irgendwie hellbraun, mit einem merkwürdigen Blondeinschlag. Es gefiel mir nicht, also blondierte ich sie mir schon seit Jahren.

»Woher kommst du?«, fragte ich, als gerade das Lied wechselte und es einen Sekundenbruchteil nicht übertrieben laut um uns herum war.

»Ich wohne in einer WG, im Neubaugebiet.«

Mehr, als zur Bestätigung zu nicken, war echt nicht möglich. Ich wollte plötzlich doch gern ein richtiges Gespräch mit ihm führen, aber das ging hier nicht. Also taten wir das, wozu wir hier waren. Wir tranken noch einen Kurzen und mischten uns dann wieder unter die Menge auf der Tanzfläche.

Dieses Mal ließen wir uns direkt gemeinsam mitnehmen. Seine Hände auf meinem Rücken liegend und meine in seinem Nacken verschränkt. Die meiste Zeit sahen wir uns an, tanzten mit Blick- und reichlich Körperkontakt.

Es überraschte mich selbst, dass ich so forsch ranging, meine Gedanken mich nicht blockierten und ich mich ganz auf die Musik und Lars konzentrieren konnte. Ich schluckte jedes Mal nervös, wenn sich unsere Blicke trafen. Ich hatte Angst, länger hinzusehen und ihn aus Versehen doch noch zu küssen. Irgendwie fühlte es sich wie ein Sog zwischen uns an. Ob es die aufgeheizte Stimmung hier war, der Alkohol oder einfach eine Portion Chemie zwischen uns, konnte ich gar nicht sagen, aber es sollte bitte nicht aufhören und stattdessen besser weitergehen.

Wenn ich am Ende dieses Abends nicht mindestens seine Handynummer bekommen würde, lief doch etwas gewaltig schief. Und ich wollte diese Handynummer, wie ich zuvor noch keine Nummer gewollt hatte.

Wir kannten uns, wenn’s hoch kam, zwei Stunden. Anderthalb davon hatten wir eng beieinander auf der Tanzfläche verbracht. Das war der Wahnsinn. Mein Herzschlag explodierte in bunten Farben in der Dunkelheit der Diskothek. Einem Kaleidoskop gleich wirbelten die Farben durcheinander, der Alkohol entfaltete seine Wirkung, ließ mich die Stirn an seine Brust legen.

Ich atmete mit tiefen Zügen die Mischung aus Deo und seinem ganz eigenen Geruch ein. Wahrscheinlich hatte ich voll die Macke, weil ich fand, dass er gut roch, obwohl er sicher nicht weniger schwitzte als ich. Wenn ich das morgen Mareike erzählen würde … Dass ich tatsächlich wider Erwarten jemanden klargemacht hatte. Wobei … Hatte nicht eher er mich klargemacht?

Ich verschob die Gedanken auf später, weil jetzt irgendein Lied lief, das ich nicht kannte, aber ganz deutlich war das Wort ›Kiss‹ herauszuhören und genau das würde ich jetzt auch tun. Scheiß auf meine Vorsätze, auf mein übliches Vorgehen. Das hatte mich doch auch nicht weitergebracht. Mareike hatte recht damit, dass auch ich mal aus mir rauskommen musste. Gelegenheiten beim Schopf packen. Genau das würde ich jetzt tun.

Den Kopf langsam hebend, drückte ich meine Hände fester auf seine Schultern. Ich musste mich womöglich an ihm festhalten, denn es reichte schon ein simpler Blick in seine Augen, um meine Knie zum Zittern zu bringen. Ich seufzte vor lauter unterdrücktem Verlangen. Und wahrscheinlich war es nicht einmal meines, sondern sein überhitzter Körper, der auf mich abfärbte.

Der Gedanke, dass das hier nicht ich war, hemmte mich erneut. Kurz hatte ich das Gefühl, einen Schlampenstempel aufgedrückt zu bekommen, wenn ich jetzt nachgab. Ich kannte ihn nicht.

Was, wenn er einen Kuss als Einladung für viel mehr sah, was ich ihm sicher nicht geben wollte? So eine war ich dann wirklich nicht.

Gott, was dachte ich denn? Ich musste dringend aufhören, diese Hausfrauenratgeber zu schauen, wenn ich nachts nicht schlafen konnte.

Entschlossener streckte ich mich ihm entgegen und jetzt vermuteten seine Augen genau richtig. Er sah hinab auf meine Lippen und dann wieder zu mir. Um uns herum tanzten die Leute weiter, wir hingegen waren stehen geblieben, starrten uns einen Moment an, ehe er sich mir langsam entgegenbeugte.

Er roch noch nach den Kräutern vom Schnaps vorhin und aus der Nähe sah ich, wie ihm eine kleine Schweißperle über die Schläfe rann. Ein lustiger Gedanke, wenn er nur allein wegen mir schwitzen würde und nicht, weil hier gefühlt dreitausend Grad waren. Mir klebte das Top heiß am Rücken, aber das schien ihn gar nicht zu stören. Er hatte eine Hand immer noch mittig dort liegen, die andere griff in meinen Nacken.

Ich roch seinen Atem jetzt nicht nur, ich spürte auch den Lufthauch auf meinem Gesicht. Unsere Nasenspitzen stießen aneinander. Wir zögerten beide ganz kurz, ehe wir zeitgleich den letzten Abstand überwinden wollten und ein wenig zu kräftig zusammenstießen.

»Sorry«, murmelte ich an seinen Mund, aber er verstand mich ja doch nicht.

Nach dem ersten Stoß drückten sich seine Lippen angenehm auf meine und ich konnte mich für einen Moment ganz auf das Kribbeln in meinem Bauch konzentrieren. Es fühlte sich schon ein bisschen gruselig an, wenn ich das bei einem Typen spürte, den ich gar nicht kannte und einfach küsste, weil es sich so anbot.

Sein Griff festigte sich, als ich mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte. Ich spürte, dass er angespannt war, und ließ meine Hände von seinen Schultern auf seine Oberarme rutschen. Warum auch immer, aber er entspannte sich und bewegte seine Lippen gegen meine. Jedes Mal, wenn er sie leicht öffnete, versuchte auch ich, nach Luft zu schnappen.

Konnte es noch heißer werden, als es eh schon war, wenn wir so dicht gedrängt hier standen? Um uns herum donnerte der Beat, die Nebelmaschine war wieder angeworfen worden und verfälschte den Geschmack des Kusses für einen Augenblick, weil wir die Luft damit einsogen.

Ich seufzte und lehnte mich an ihn. Wer hätte gedacht, dass es so eine verdammt gute Idee gewesen war, heute allein herzukommen? In Begleitung hätte ich ihn sicher abblitzen lassen und der jetzige Kuss machte mir klar, dass das sehr schade gewesen wäre. Das konnte nur noch besser werden.

Irgendjemand rempelte gegen Lars und ich nutzte seine muffelige Lautäußerung einfach dazu, mit meiner Zunge an seine zu stupsen. Sofort schien ihm egal zu sein, wer nicht aufgepasst hatte, denn er konterte direkt.

Da es bei dem Beat fast unmöglich war, stillzustehen, begann ich, meine Hüfte ein wenig hin und her zu schwingen. Er stieg irgendwann ein und wir tanzten wieder richtig miteinander, aber unterbrachen immer mal wieder unsere Bewegungen, um uns zu küssen. Dadurch bekam das hier auf der Tanzfläche eine ganz andere Art von Intimität. Etwas, was ich mir noch ein paar Stunden zuvor nie zugetraut hätte.

Irgendwann zog ich Lars etwas zu mir herunter, brüllte ihm »Toilette« entgegen und zeigte hinter mich. Er nickte und machte dieselbe Geste in Richtung Bar. Ich nickte ebenfalls. Dann küsste er mich noch mal intensiv und verheißungsvoll, aber ich dachte gar nicht daran, mich jetzt vom Acker zu machen.

Vor mich hin grinsend, tippelte ich in der Warteschlange herum und zog erst mal mein Handy aus der Tasche, als ich endlich auf dem Klo saß. Boah, was für eine Erleichterung. Wie kam es eigentlich, dass man nur umso dringender musste, wenn man in einer Schlange anstand? Hätte ich noch eine halbe Stunde getanzt, wäre es doch auch nicht nötiger gewesen.

Mareike hatte ein paar Mal geschrieben, aber ich starrte einfach nur die Uhrzeit an, die scheinbar klein und unbedeutend in der rechten Ecke stand. 1:56 Uhr, leuchtete mir entgegen. In neun Minuten fuhr mein letzter Bus.

Ich sprang wie von einer Tarantel gestochen auf, verhedderte meine Unterwäsche und musste mich zusammenreißen, nicht durchzudrehen. Ich brauchte Zeit zum Bezahlen. Wenn ich jetzt noch nach Lars suchte, damit ich seine Nummer bekam, schaffte ich es nicht mehr. Scheiße!

Auch wenn meine Füße mittlerweile ziemlich wehtaten, hastete ich an der Bar entlang. Lars konnte mir seine Nummer ja auf dem Weg nach draußen geben. Im Laufen überflog ich die Leute, die dort standen, aber Lars war nicht zu sehen. Mist! Mist!

Bestimmt war er auch aufs Klo verschwunden. Es war fast 2 Uhr und so gern ich es vermeiden würde, ich musste gehen, ohne mich zu verabschieden.

Was war das für eine Scheiße? Was musste er von mir denken, wenn ich mich einfach verdrückte?

Allerdings musste ich diesen Bus bekommen oder ich durfte nach Hause laufen. Und das war weit, zu weit, und ein Taxi eindeutig zu teuer.

Ich sah mich immer wieder um, während ich ging, entdeckte ihn aber nicht mehr.

Kapitel 2 - Lars

 

Heute

 

»Guten Morgen!«, rief ich in den Flur, der sich lang und steril vor mir erstreckte. Das Hundegebell war nur leise zu hören, da sie alle im Auslauf waren. Es schienen so oder so alle draußen zu sein.

Ich trat ein paar Schritte vor und warf einen Blick in die ersten beiden Zwinger, aber wäre jemand hier, hätte ich ja eine Antwort erhalten.

Mit den Schultern zuckend, drehte ich mich um und lief wieder vor zur Küche. An der Tür prangte ein Messingschild, in das ›privat‹ eingestanzt war. Ich klopfte, drückte dann aber einfach die Klinke runter und wartete gar nicht, ob mich jemand hereinbat.

Der Raum war leer. Es roch nach einer Mischung aus Hunden, Kaffee und Desinfektionsmittel. Ich bückte mich vor dem Tisch, um einen Blick unter die Eckbank zu werfen. Susi, der blinde alte Pudel, saß wie immer an ihrem Stammplatz. Niemand wusste, wie alt sie war. Nur, dass sie schon vor Jahren auf sehr alt geschätzt worden war und sich langsam gewundert wurde, dass sie noch lebte. Sie war ein absoluter Methusalem.

»Wo sind denn alle?«, fragte ich sie, wobei sie nicht mal den Kopf zu mir drehte. Taub wurde sie wohl auch langsam.

Beim Aufrichten streckte ich mich ausgiebig und sah durchs Fenster auf den Parkplatz. Autos waren da, zwar nur wenige, weil heute kein Besuchstag war, aber immerhin. Ganz allein konnte ich hier nicht sein.

Als ich gerade die Tür mit der Milchglasscheibe und den vielen Hundekopfstickern erneut aufdrückte, um eventuell Bernd oder Claudia, unsere Chefin, beim Saubermachen in den Hundezwingern zu erwischen, kam jemand von oben die Treppe runter.

»Hi, Lars. Was machst du denn schon hier?«, begrüßte mich Bernd und streckte mir die Hand entgegen, als er bei mir ankam, in die ich nur zu gern einschlug. Bernd war im letzten Jahr zu einem richtigen Freund geworden. Und das zu einer Zeit, als ich nicht wusste, ob ich eine Freundschaft überhaupt verdient hatte. Bernd hatte allerdings nie lockergelassen oder sich von meiner Abwehr einschüchtern lassen. Solche Leute brauchte ich. Ich arbeitete zwar daran, aber es fiel nun mal nicht leicht, jemanden an sich ranzulassen, wenn ich wusste, dass man mich verurteilen würde, wenn die Wahrheit rauskam.

»Wir haben morgen Sommerfest und ich hatte keine Lust, bei den Vorbereitungen zu helfen«, murmelte ich.

Er grinste. »Da dachtest du, dass du lieber herkommst und uns bei der Vorbereitung für nächste Woche hilfst?«

Ich stöhnte auf. Dass das Tierheim ebenfalls ein Fest veranstaltete, war mir völlig entgangen.

Bernd lachte mich aus und deutete dann nach oben. »Komm mal mit!«, sagte er, ohne auszuführen, wohin er mit mir wollte.

Oben waren die Zimmer der Katzen und die waren irgendwie nicht so meins. Die kamen an, um sich streicheln zu lassen, und kratzten und bissen, wenn sie keinen Bock mehr hatten. Das war nicht meine Welt. Ich schätzte die Ehrlichkeit eines Hundes, der zeigte gleich, wenn er dich nicht leiden konnte.

»Ich habe da eine Aufgabe für dich, die dir sicher besser gefallen wird, als Plakate zu malen.«

Da war ich aber mal gespannt. Ich würde selbstverständlich auch Plakate malen, wenn das heute auf dem Plan stand. Vielleicht würde ich das sogar lieber tun, da die andere Aufgabe ja etwas mit Katzen zu tun hatte.

»Na ja«, murrte ich, da er eigentlich wusste, wie ich dazu stand.

»Jetzt sei nicht gleich so skeptisch«, verlangte Bernd und warf mir ein Grinsen zu, als er stehen blieb und mich damit auch ausbremste.

Links und rechts von uns waren Glasfenster, die Räume alle recht identisch gestaltet. Sie waren gefüllt mit Kratzbäumen, Katzenklos und Spielzeug. Direkt gegenüber war die Kinderstube. So stand es zumindest in bunten Buchstaben an der Tür. Dort drin gab es mehrere Abteile, in denen die Kätzin beim Werfen ihre Ruhe hatte und die erste Zeit mit ihren Kitten verbringen konnte. Es schien Nachwuchs gegeben zu haben, denn Bernd schob mich direkt vor die helle Holztür und drückte an mir vorbei die Klinke runter, ehe er sie aufschwingen ließ. Es gab eine kleine Theke und eine Küchenzeile, damit alles Notwendige für die Versorgung kleiner Katzen vor Ort war.

»Heute Morgen stand ein Karton vor der Tür. Die Kitten sind schätzungsweise sieben Tage alt«, erklärte Bernd und nickte zu einer der Holzboxen, die hoch genug waren, damit die Mutter hinausspringen konnte, ihre Babys aber nicht. Wenn hier mehrere Katzen Junge hatten, ließen sich die Boxen auch schließen, aber das war noch nicht ein Mal der Fall gewesen, seit ich hier war. Zum Glück. Aber es war erstaunlich, wie viele ihre Katzen abgaben, weil sie trächtig waren. Wie dumm waren denn die Leute, ihre Katzen rauszulassen, ohne daran zu denken, was passieren konnte? Wahrscheinlich waren es Menschen, die sich selbst doppelt und dreifach absicherten, aber bei den Tieren nicht mal ahnten, dass so was möglich war.

»Und die Mutter?«, wollte ich wissen, während ich einen Blick riskierte. Über der Kiste brannte eine Rotlichtlampe, die alles in angenehme Wärme tauchte.

»Keine Ahnung, war nicht dabei.«

Ich zählte sieben bunte Kätzchen, zwei davon dreifarbig. Sie maunzten quietschig vor sich hin und versuchten, sich von der Stelle zu bewegen. Die kleinen Köpfe ruderten dabei von links nach rechts, aber weit kamen sie noch nicht.

»Na toll.«

»Du sagst es.«

Bernd holte einen kleinen Eimer aus einem der Schränke, dazu Fläschchen, Sauger und Einmalhandschuhe.

Ich ahnte, was jetzt auf mich zukam. Während alle mit den Vorbereitungen beschäftigt waren, stand bei mir Katzenfüttern auf dem Plan. Natürlich hätte ich jederzeit Nein sagen können – ich war freiwillig hier –, aber ich war genauso ein Bestandteil des ehrenamtlichen Teams. Das hatte ich mir erkämpft und war mittlerweile sogar so weit, das zu genießen. Ich hatte aufgehört, mich andauernd zu fragen, warum ausgerechnet ich das durfte und wer mir dabei geholfen hatte. Das war ich selbst gewesen, verdammt.

Bernd reichte mir eines der Fläschchen und ein paar Gummihandschuhe, nachdem er eine kleine Menge angerührte Milch hineingegeben hatte. Ich wollte erst irritiert fragen, ob das alles war, aber ein weiterer Blick in den Holzkasten ließ mich selbst zu dem Schluss kommen, dass nicht viel Flüssigkeit in so ein winziges Kätzchen passte.

»Setz dir einen der Welpen auf dein Bein, mit dem Popo zu dir.« Er griff sich eines aus dem bunten Haufen an Farben heraus. Es war eins der Dreifarbigen. Die Verbliebenen begannen sofort, in herzzerreißenden Tönen zu maunzen und das Geschwisterchen zu suchen, welches ebenfalls lautstark Antwort gab. »Dann legst du eine Hand unter das Baby, schau, so.« Er hatte es sich so auf die Hand gesetzt, dass drei Finger unter dem Bauch lagen, um es festzuhalten, und der Zeigefinger unter dem Hals ruhte. Damit hob er leicht den Kopf ein Stückchen an. »Und jetzt kannst du vorsichtig den Sauger anbieten und eigentlich sollten … Na also!« Der Bunte hatte schon begierig nach dem Sauger geschnappt und beeilte sich, die Milch zu sich zu nehmen. Die kleinen Vorderpfötchen drückten dabei rhythmisch auf Bernds Bein. »Na, da ist aber jemand sehr hungrig«, kommentierte er, während ich noch dabei zusah. Sie waren so klein, da wollte ich nichts kaputt machen.

Nach dem zweiten bedachte mich Bernd aber so lange mit Blicken, bis ich schließlich einknickte und ebenfalls ein Kätzchen fütterte. Es klappte erstaunlich gut, auch wenn der Sauger öfter aus dem winzigen Mäulchen rutschte und ich am Ende einen großen feuchten Fleck auf dem Oberschenkel davontrug.

»Die ganz Kleinen füttern wir mit einer Pipette, weil ihnen die Kraft zum Saugen noch etwas fehlt, aber bei denen klappt es schon ganz gut so.« Er sah mich aufmunternd an. »Wie geht es dir?«

Es klang nach einem normalen Nachfragen, aber ich wusste, was er wissen wollte.

Ich hatte Bernd im Krankenhaus bei meinen Sozialstunden kennengelernt. Er hatte mir angeboten, lieber hier vorbeizukommen, als noch mal etwas zu verbocken, was mir Sozialstunden einbrachte. Mit meinen fünfzehn Jahren hatte ich ihn nur ausgelacht und behauptet, er wisse absolut gar nichts über mich und solle aufhören, so einen Scheiß zu erzählen. Hätte ich damals mal hingehört, denn das nächste Mal warteten sechzehn Monate Jugendknast auf mich. Da hatte es sich nicht mehr mit ein paar Sozialstunden.

Erst nach meiner Haftentlassung letztes Jahr und dem Einzug bei der Lebenshilfe hatte ich mir den Mut zusammengekratzt und war hergekommen, um auszuhelfen. Bernd hatte mich sofort erkannt und unter seine Fittiche genommen. Er war einer der wenigen, die mich nach meinem Gesundheitszustand fragen durften und eine annähernd ehrliche Antwort bekamen. Jeden anderen hätte ich angebrummt. Bloß jeden auf Abstand halten – noch mal ertrug ich es nicht, wenn ich auf dieselbe Weise die Nerven verlor.

»Ich hab da jemanden kennengelernt.«

Ganz toll gemacht, Lars. Von allen unverfänglichen Themen schneidest du das an?

»Aber na ja, auch nicht so wirklich«, setzte ich nach, bevor Bernd interessiert gucken konnte. Er wusste vom Knast, aber nicht, warum ich gesessen hatte.

»Wie meinst du das?« Seine buschigen hellen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen und der Kopf war leicht zur Seite geneigt. Wenn ich nicht wüsste, dass er Mitte dreißig war, würde ich ihn höchstens auf Mitte zwanzig schätzen.

»Ach, hatte da eine in ’nem Klub klargemacht, haben zusammen getanzt, was getrunken, du weißt schon.« Ich zuckte mit den Schultern.

Genauer wollte ich nicht werden. Wenn ich ehrlich zu mir war, hatte es mich enttäuscht, dass sie sich einfach verpisst hatte. Ich hatte nun wirklich lange die Finger vom anderen Geschlecht gelassen, weil ich genug Traumata zu verarbeiten hatte, aber der Vorschlag meiner Therapeutin war mir gar nicht mehr so irre vorgekommen, als ich Alina allein an der Bar gesehen hatte. Natürlich hatte sie nicht gesagt, dass ich mir irgendjemanden schnappen und mit ihm rummachen solle, als gäbe es kein Morgen. Es war eher ein Vorschlag gewesen. Ihr sei aufgefallen, dass ich langsam so weit wäre, auch wieder in diese Richtung zu denken. Ich hätte beinahe gelacht. Sie hatte sicher nicht vergessen, wie schwer es mir gefallen war, anzusprechen, dass die alten Tabletten eine absolut todbringende Wirkung auf bestimmte Bereiche meines Körpers gehabt hatten. Und zwar wirklich tot. Da ging absolut gar nichts.

Anfangs waren so oder so andere Probleme zu stemmen gewesen, aber nach und nach war ich misstrauisch geworden, bis ich ›Rückgang der Libido‹ unter den relativ häufigen Nebenwirkungen in der Packungsbeilage gefunden hatte. Rückgang war ja echt nett ausgedrückt. Mittlerweile nahm ich ein anderes Präparat. Konnte ja nicht sein, dass ich mir teilweise wie chemisch kastriert vorgekommen war.

»Und? Hast du es verbockt?«, fragte er provokant grinsend, woraufhin ich so tat, als würde ich eines der Fläschchen nach ihm werfen. Er reckte abwehrend die Hände in die Luft. »Hätte ja sein können. Also?«

»Sie wollte aufs Klo gehen und war dann weg. Ich habe sie nicht mehr gefunden.«

»Kommt vor«, meinte Bernd und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie jemand Interessanteren gefunden.«

Es sollte ein Witz sein, das spürte ich an seinem Tonfall, aber er traf damit einen Nerv bei mir. Das waren genau die Gedanken, die ich mir die ganze Zeit machte.

Da hatte ich endlich wieder Interesse an jemandem, und was für welches, und sie ließ mich einfach sitzen. Gott, ich war echt so ein Wrack, dass ich meine Laune von einer blöden Tussi abhängig machte, die es gar nicht verdient hatte, dass ich ihr regelrecht hinterherheulte. So sehr ich es wollte, ich konnte mir nicht einreden, dass ich etwas Besseres als sie haben konnte, denn das stimmte nicht.

Wenn ich etwas nicht verdient hatte, dann eine Frau an meiner Seite. Der Zug war abgefahren. Ich konnte behaupten, dass es gut und gesund für Alina war, dass sie einfach verschwunden war. Ja, das war besser. Das klang passender. Ich hatte sie nicht verdient und sie hatte vor allem mich nicht verdient.

»Ich glaube, ich kann das hier allein.« Wir waren ja eh fast fertig.

Bernd nickte und fragte nicht weiter nach. Deswegen verbrachte ich meine Zeit gern hier. Er fragte einfach nicht, wenn er merkte, dass ich nicht mehr wollte, und die Tiere taten es so oder so nicht. Sogar Basti, der mich doch besser kennen sollte, weil er ähnlich gestrickt war, zumindest was die Grundlagen und die Offenheit anderen gegenüber anging, bohrte ab und zu wie ein Journalist auf der Hetzjagd nach einem Artikel. Dabei sollte er es besser wissen. Er war nicht nur ein Mal vom Tisch aufgestanden und gegangen, wenn Lara zu aufdringlich geworden war. Aber da war es wohl wie mit allem anderen. Gute Ratschläge gaben sich leicht, aber diese bei sich selbst umzusetzen, war eine andere Nummer.

»Wir sind hinten im Schuppen, wenn du uns brauchst«, teilte er mir mit und verschwand dann.

Zwei Kitten hatte ich noch zu füttern. Es ging erstaunlich schnell von der Hand. Ein bisschen Übung hatte ausgereicht, dass ich nicht mehr wie ein Idiot versuchte, den Sauger im Katzenmaul zu fixieren, sondern ihn gleich recht stabil hielt.

»Na los, zurück zu den anderen. Die warten schon«, murmelte ich, als ich das letzte Kätzchen zu seinen Geschwistern setzte.

Ich sammelte alles zusammen und spülte ab. Nach einem Blick auf die Uhr würde ich mich direkt wieder auf den Heimweg machen und nicht noch eine Runde mit Senta drehen. Die alte Schäferhündin war mein Patenhund und da sie aufgrund ihres Alters nicht mehr vermittelt wurde, hatte ich sie quasi für mich allein. Meine Eltern hatten sich immer mit mehreren Hunden umgeben und es hatte mir sehr gefehlt. Das hier war mein Ausgleich. Ich erzählte dem Hund zwar auch nicht mehr, als ich meiner Therapeutin sagen würde, aber zum gemeinsamen Schweigen war sie die Beste.

 

»Gut, dass du kommst.«

Ich wäre am liebsten schon wieder umgedreht, als mir Laras Stimme entgegenkam, bevor ich auch nur das Grundstück betreten hatte. Lara war das, was ich als kleine Schwester bezeichnen würde. Sie war zwischen uns drei Kerlen das einzige Mädel hier und mit ihren gerade sechzehn Jahren die Jüngste. Man durfte sich nicht von ihrer kleinen Gestalt und den großen blauen Augen täuschen lassen. Sie war nervig für drei, wenn man nicht aufpasste.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, fügte sie hinzu und klimperte übertrieben mit den Wimpern. Basti neben ihr verdrehte die Augen.

Ich sparte mir die Frage, was sie von mir wollte, denn es konnte nur Arbeit bedeuten und darauf hatte ich keine Lust.

»Warte mal!«, rief jemand hinter mir, als ich die Haustür schon zufallen ließ. »Lars!«

Es war Jan, unser Oberbetreuer. Er verbrachte ein paar Stunden mehr die Woche bei uns als die anderen drei Betreuer und hatte deswegen eine leicht übergeordnete Stellung. Das sagte er nicht, aber ich war nicht blind. Mit seinen halblangen Haaren, die er in einem Dutt trug, musste ich mich immer daran erinnern, ihn auch ernst zu nehmen.

Ich zog vorsichtshalber schon mal die Schuhe aus und setzte ein angepisstes Gesicht auf – das war nicht mal schwer –, bis Jan mich eingeholt hatte.

»Wo warst du?«, wollte er in einem Tonfall wissen, der mich vermuten ließ, er erwartete, dass ich wieder in irgendeine Schlägerei verwickelt gewesen war. Dabei war es Basti, der zuletzt aufs Maul bekommen hatte. Das war schon über ein Jahr her – wir hielten uns erstaunlich gut – und ich fand es total scheiße, dass immer ich derjenige war, der unter Generalverdacht stand.

»Es gab im Tierheim einen Notfall. Es stand ein Karton mit Kätzchen vor der Tür. Sie sind wie immer unterbesetzt, die haben auch nächste Woche Sommerfest, da habe ich halt geholfen. Ruf doch an, wenn du mir nicht glaubst.« Ich klatschte im Vorbeigehen mit der flachen Hand an den Türrahmen.

»Du sollst Bescheid geben, wenn du irgendwo hingehst«, erklang wieder der Möchtegernboss. Er hatte immer noch nicht verstanden, dass er einfach keine Chance hatte.

»Und wenn nicht? Ist der Schlüssel weg und ich penne auf der Straße, ja?« Ich drehte mich nicht einmal zu ihm um.

Jan seufzte hinter mir. »Ich hoffe, du merkst irgendwann, dass du das hier für dich tust und nicht für uns.«

Fast hätte ich gelacht. Was sollte ich dazu sagen? Niemand würde mir einen Ausbildungsplatz geben, wenn er mein Vorstrafenregister in die Finger bekam. Was sollte der Zirkus also? Ich würde eine kleine Wohnung bezahlt bekommen und in irgendwelchen Maßnahmen vom Amt versauern. Dass das meine eigene Schuld war, wusste ich mittlerweile, deswegen war ich hier. Aber nicht, um irgendetwas zu beweisen. Und wenn, dann nur, dass ich wirklich der hoffnungslose Fall war, den alle in mir sahen. Das kannte ich schon und das war vertrautes Gebiet.

»Und ja, Lars, eine fehlende Unterschrift von mir und genau das passiert. Du bist volljährig, vergiss das nicht«, setzte Jan noch nach und ich hasste ihn dafür, dass er mich daran erinnerte, wie abhängig ich von ihm war.

 

Ich hatte oben gerade meine Jeans gegen eine Jogginghose getauscht und mich an meinen Schreibtisch gesetzt, da klopfte es an meiner Zimmertür. Erst ignorierte ich es, aber wenn es wieder Jan war, hätte ich gleich den nächsten Ärger an der Backe. Also stand ich auf und atmete ein paar Mal tief durch, ehe ich die Tür aufriss, dass sie fast an die Wand knallte. Es war nicht Jan, sondern Basti, der sich seinem Gesichtsausdruck nach überlegte, ob er später wiederkommen sollte. Eine Hand lag am Türrahmen, die andere in seinem Nacken, ehe er sich durch die kurzen braunen Haare strich.

»Komme ich ungelegen?«, fragte er, was mich genervt aufstöhnen ließ.

»Was willst du?« Ich setzte mich einfach wieder und ließ ihn machen, was er für richtig hielt.

»Ich wollte dich etwas fragen.«

Nachdem Basti weiterhin schwieg und nichts weiter kam, machte ich eine ungeduldige auffordernde Geste. Er kam näher, zog dabei sein Handy aus der Tasche.

»Tür zu!«, kommandierte ich, als er es nicht von selbst machte.