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„Es gibt Dunkelheit in mir,Raina. Eine Dunkelheit, die dir nicht gefallen wird.“
„In mir ist auch Dunkelheit“, gebärde ich. „Vielleicht können unsere Dunkelheiten Freunde sein.“
Raina Bloodgood will nur eines: den Frost King und den Witch Collector töten, der ihre Schwester entführt hat. Am Tag der Ernte will sie mörderische Rache üben, doch eine noch schlimmere Bedrohung setzt ihre Welt wortwörtlich in Brand. Aus der Asche erhebt sich der Witch Collector, Alexus Thibault. Der Mann, den sie zu töten geschworen hat, und der einzige Mensch, der ihr noch helfen kann, ihre Schwester zu retten.
Raina wird in eine uralte Geschichte von Eis, Feuer und alten Göttern hineingeworfen. Sie muss auf Rache verzichten und dem Witch Collector helfen oder ihr Reich - und ihre Schwester - in die Hände des Feindes fallen lassen. Doch die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, und Raina hat mehr zu verlieren, als sie je für möglich erachtet hätte. Was soll sie tun, wenn der Witch Collector nicht mehr der Antagonist ist, der ihre Schwester gestohlen hat, sondern der Held, der ihr Herz stiehlt?
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Zum Buch
Raina Bloodgood will nur eines: den Frost King und den Witch Collector töten, der ihre Schwester entführt hat. Am Tag der Ernte will sie mörderische Rache üben, doch eine noch schlimmere Bedrohung setzt ihre Welt wortwörtlich in Brand. Aus der Asche erhebt sich der Witch Collector, Alexus Thibault. Der Mann, den sie zu töten geschworen hat, und der einzige Mensch, der ihr noch helfen kann, ihre Schwester zu retten.
Raina wird in eine uralte Geschichte von Eis, Feuer und alten Göttern hineingeworfen. Sie muss auf Rache verzichten und dem Witch Collector helfen oder ihr Reich - und ihre Schwester - in die Hände des Feindes fallen lassen. Doch die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, und Raina hat mehr zu verlieren, als sie je für möglich erachtet hätte. Was soll sie tun, wenn der Witch Collector nicht mehr der Antagonist ist, der ihre Schwester gestohlen hat, sondern der Held, der ihr Herz stiehlt?
Zur Autorin
Charissa Weaks ist eine preisgekrönte Amazon Top 100 Autorin für romantische und historische Fantasy. Sie schreibt Geschichten mit Zeitreisen, Magie, Mythen, Geschichte, einer Prise spice und gelegentlich einer apokalyptischen Quest. Ihr Debütroman The Witch Collector - das erste Buch der Witch-Walker-Reihe - erhielt eine Best of Book Tok-Bezeichnung und wird in mehreren Sprachen veröffentlicht. Charissa lebt mit ihrer Familie und zwei runzligen englischen Bulldoggen in Tennessee. Wenn sie nicht gerade schreibt, findet man sie in einem guten Buch versunken oder sie wühlt sich zu Recherchezwecken durch vierhundert Jahre alte Texte.
Charissa Weaks
The Witch Collector
Aus dem Englischen von Ulrike Gerstner
Roman
reverie
Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel
The Witch Collector bei City Owl Press, Staten Island.
© 2021 by Charissa Weaks
Deutsche Erstausgabe
© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe
by Reverie in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von bürosüd, München
Coverabbildung von CastleintheskyArt
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN9783745705249
www.reverie-verlag.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
An meine Familie.
Ihr seid mein Licht in der Dunkelheit.
Ich liebe euch alle bis zum Mond.
Und an alle Autorinnen und Autoren, die sich Sorgen machen, dass sie nicht gut genug sind, dass sie nicht weitermachen können, dass sie keinen Erfolg haben werden. Ihr seid es. Ihr könnt es. Ihr werdet es schaffen.
Gebärdensprachen sind Sprachen, die einen visuell-manuellen Ansatz zur Kommunikation verwenden. Es gibt keine universelle Gebärdensprache. Zum Beispiel ist DGS (Deutsche Gebärdensprache) eine andere Sprache als ASL (American Sign Language). Gebärdensprachen haben ihre eigene Grammatik und verwenden Handbewegungen, die Reihenfolge der Gebärden und Hinweise auf Körper und Gesicht, um diese Grammatik zu erstellen, ebenso wie Blickrichtung, Blinzeln und Pausen. Um das Lesen zu erleichtern, liest sich die fiktive Gebärdensprache in diesem Roman so, als wäre sie SEE (Signing Exact English).
Außerdem ist Raina nicht gehörlos. Sie wurde mit der Unfähigkeit zu sprechen geboren und benutzt daher eine Handsprache zur Kommunikation.
Acht lange Jahre ist es her, dass der Witch Collector meine Schwester entführt hat.
Jeden Erntemond reitet er in unser Tal, sein schwarzer Umhang peitscht im Wind und führt einen von uns in das Königreich Winterhold, die Heimat des unsterblichen Frost Kings, wo wir für immer und ewig gefangen sind. So ist es seit einem Jahrhundert, und heute ist dieser Tag wieder gekommen – der Erntetag.
Aber der Witch Collector kommt nicht, um mich zu holen. So viel kann ich mit Sicherheit sagen. Ich, Raina Bloodgood, lebe seit vierundzwanzig Jahren in diesem Dorf, und vierundzwanzig Jahre lang hat er mich nicht beachtet.
Sein Fehler.
Manche Frauen sehnen sich nach einem Ehemann. Einem Zuhause. Kindern. Andere suchen nach feurigen Küssen im Schatten, nach dem Flüstern der Verführung auf ihrer Haut.
Und ich? Ich will, dass meine Familie zusammen und in Freiheit ist. Außerdem will ich den Frost King und seinen Witch Collector …
… umbringen.
Und heute erfülle ich mir diesen Wunsch.
Teil 1
DAS FEUER
1
Raina
Im trüben Licht der Morgendämmerung schleiche ich durch die Hintertür der Bäckerhütte, stibitze zwei frische Brote von einem Abkühlgestell und schlüpfe zurück in den silbrigen Nebel, der durch unser schlafendes Dorf kriecht.
Keiner sieht mich. Keiner hört mich. Mein ganzes Leben lang war ich leise und verstohlen, gewohnt, die unbeachtete Hexe ohne eine Stimme zu sein.
Aber ich war nie eine Diebin und auch nie eine Mörderin.
Allerdings ändern sich die Zeiten, schätze ich.
Mit dem Brot in der Schürze eile ich in das leere Häuschen, das ich mit meiner Mutter teile, und ziehe meinen Rucksack unter dem Bett hervor. Von dem süßen Hefe-Honig-Duft knurrt mein leerer Magen, aber ich muss aufmerksam bleiben. Das gestohlene Brot könnte mir in den nächsten Tagen das Leben retten.
Die letzten Wochen haben mir Anlass zu der Hoffnung gegeben, dass meine Liebsten eine andere Zukunft haben können als die, die sich seit so vielen Jahren vor uns abzeichnet – eine Zukunft voller Angst, Schrecken und Verlust. Endlich können wir Silver Hollow und dieses Tal verlassen und weit weg ein neues Leben finden, an einem Ort, der vor der grausamen Hand der unsterblichen Herrscher sicher ist.
Dafür muss ich schlicht das Undenkbare schaffen: die rechte Hand des Frost Kings entführen, ihn zwingen, mich durch den verbotenen Frostwater Wald zu führen, einen Weg finden, mich in die bewachte Burg des Königreichs in Winterhold zu schleichen, meine Feinde töten und meine Schwester zurückholen.
Alleine.
Nachdem ich die Brote zu den anderen Sachen, die ich für meine Reise vorbereitet habe, dazugepackt habe, schiebe ich den Rucksack zurück in sein Versteck.
Die meisten jungen Hexen im Dorf sitzen wahrscheinlich mit ihren Familien gemütlich am Feuer und machen sich Gedanken darüber, ob sie heute noch ausgewählt werden, während ich eigenhändig einen Aufstand plane.
Im Gegensatz zu anderen Hexen im Tal hatte ich nie Angst davor, ausgewählt zu werden. Witch Walker singen ihre Magick in Alt-Elikesch, der Sprache der Altvorderen – etwas, das ich nie wirklich vermochte!
Da ich ohne die Fähigkeit zu sprechen geboren wurde, habe ich gelernt, mich so zu verständigen, wie meine Mutter es mir beigebracht hat – durch die Sprache mit Gebärden.
Auf diese Weise Magick zu erschaffen, ist eine komplizierte Fingerfertigkeit. Manchmal, wenn ich versuche, Alt-Elikesch in Gebärden zu übersetzen, bringe ich eine Beschwörung durcheinander. Ein Wort hier, ein Refrain da. Jene Herausforderung und die Tatsache, dass sich kein einziges Hexenmal auf meiner Haut befindet, haben mich für den Witch Collector unsichtbar gemacht. Die auserwählten Witch Walker werden nach Winterhold gebracht, wo sie in der Anwendung von Magick geschult werden, um die Grenzen des Nordland-Bruchs und den Sitz des Königreichs selbst zu schützen. Was sollte Colden Moeshka, unser unsterblicher Frost King, mit einer untalentierten Hexe wie mir schon anfangen?
Ein Grinsen schleicht sich auf meine Lippen.
Wenn er nur wüsste, wozu ich fähig bin.
Etwas kracht hart gegen die Tür, und das Geräusch hallt in meinen Knochen nach. Ich wirble herum, da ich befürchte, dass es Mutter ist – die Arme übervoll mit Äpfeln, muss sie gegen die Tür treten, damit ich sie hereinlasse. Aber der unverwechselbare Geruch des Todes weht über die Schwelle. Nur schwach, aber er ist da.
Als ich die Tür aufziehe, liegt eine Taube mit gespreizten Flügeln reglos auf dem Boden. Sanft nehme ich den Vogel auf und wiege ihn in meiner Armbeuge, fahre mit den Fingern über das Köpfchen und seine Brust und trage ihn hinein. Sein Hals sieht verletzt aus, aber es ist noch Leben in ihm, wenn auch nur schwach. Ein paar Minuten bleiben mir noch, um ihn zu retten, aber nicht mehr.
Oft genug entgeht mir die Möglichkeit, einer sterbenden Seele zu helfen. Es ist sicherer, wenn niemand weiß, dass ich eine Heilerin bin. Ich habe mich nie getraut, es meinen Eltern oder sonst jemandem zu erzählen. Nicht einmal meine engsten Freunde, Finn und Helena, wissen davon. Nur meine Schwester Nephele ist über meine Fähigkeiten im Bilde. Sie hat immer wieder gesagt, ich solle dankbar sein, dass ich keine Hexenmale aufweise, denn die Kraft, die in mir wohnt, macht mich wertvoll.
Und wertvolle Dinge tendieren dazu, weggeschlossen zu werden.
Als der Geruch des Todes immer intensiver wird, setze ich mich in Mutters Stuhl am Kamin und bette die Taube in meinen Schoß. Ihr Tod riecht nach Tannennadeln und feuchtem Moos, gemischt mit einem Hauch von kühlem Regen.
Ich atme tief ein, schließe die Augen, nehme den Duft in mich auf und beobachte, wie sich die schimmernden Lebensfäden der Taube vor meinem geistigen Auge wie eine Spule entrollen.
Ob das eine vernünftige Entscheidung ist, wenn ich überlege, was mir heute noch bevorsteht? Heilung kann anstrengend sein, je nachdem, wie nah der Tod und wie umfangreich das Leben ist, das ich wieder zusammenwebe. Eine kleine Taube sollte aber eine vergleichsweise geringe Anstrengung bedeuten. Aber ich kann sie schließlich nicht einfach sterben lassen.
Konzentriert stelle ich mir vor, wie die schwachen Lebensfäden zu einem schimmernden Zopf geflochten werden und die Taube hoch über dem Tal emporsteigt. Das ist der erste Teil jeder Rettung – im Geiste ein Abbild meines Willens zu manifestieren.
Als Nächstes rufe ich mir das uralte Lied in Erinnerung, das ich seit dem Moment beherrsche, als ich das erste Mal die Lebensfäden um eine sterbende Hirschkuh in der Luft schweben sah. Ich forme den Text mit meinen Händen. »Loria, Loria, anim alsh tu brethah, vanya tu limm volz, sumayah, anim omio dena wil rheisah.«
Die Stränge glühen und zittern, ziehen sich zusammen wie Eisen um einen Magnetstein. Ich singe weiter und wiederhole die Worte, bis sich die Fäden verflochten haben und das goldene Gerüst, aus dem das Leben besteht, wieder stabil und strahlend ist.
Die Flügel der Taube schlagen und rascheln in meinen Händen. Als ich die Lider aufschlage, klopft ihr kleines Herz so stark, dass ihre Brust dabei bebt. Ihre Äuglein gehen ebenfalls auf und dann ist sie schon in der Luft, flattert von Wand zu Wand.
Aus Sorge, sie könnte verängstigt und verwirrt sein, schiebe ich die Fensterläden auf und versuche, sie nach draußen zu lotsen. Doch als sie verharrt und nur wild mit den Flügeln um meinen Kopf herumschlägt, schnappe ich mir den Besen und scheuche sie, bis sie schließlich aufgibt und durch das Fenster fliegt.
Mit einem Lächeln eile ich zum Sims und beobachte, wie sie in den kalten Tag hineinfliegt und hinter dem Obsthain nahe der Waldgrenze verschwindet. Ich bin ein bisschen müde und benommen, kalter Schweiß steht mir auf der Stirn, aber das vergeht bald wieder.
Einen Moment lang schließe ich die Augen und stehe nur da. Mein Lächeln verblasst, weil sich die altvertraute Beklemmung in mir breitmacht. Das ist der seltsamste Teil bei der Heilung eines Lebens, das so kurz vor seinem Ende stand – wenn sich der gestohlene Tod in mir schlängelt wie ein fallender Schatten. Zwar habe ich nur eine Handvoll Tode gesammelt, aber ich spüre die Dunkelheit jedes einzelnen.
Schließlich vergeht das unheimliche Gefühl, und ich klappe die Fensterläden zu. Doch etwas lässt mich innehalten und die Aussicht auf einen weiteren Morgen im Dorf in mich aufsaugen – möglicherweise ist es das letzte Mal für mich.
Im Westen, wo der Frostwater Wald die Hügel bedeckt, die in einer Bergkette münden, streifen die Witch Walker – die Hexenläufer – entlang. Wie Geister gleiten sie am Waldrand, in der Nähe des Wachturms, durch die Dunkelheit. Und im Nebel, gleich hinter dem Dorfplatz im Osten, tauchen ein paar Frauen auf. Sie tragen Körbe mit Äpfeln auf dem Kopf, ihr Atem begleitet sie als Wolken in der Kälte. Alles andere ist ruhig. Noch. Ein Dorf kurz vor dem Erwachen am gefürchtetsten Tag des Jahres.
Nachdem ich das Feuer geschürt habe, tausche ich meinen Umhang gegen einen Schal und eile zu meinem Werktisch. Die Sonne wird bald aufgehen, was bedeutet, dass Finn in Kürze aufwacht und Mutter jeden Moment mit den Äpfeln aus dem Obsthain heimkehrt. Es gibt Arbeit zu erledigen, einen Plan, den ich zu vollenden habe, obwohl es mir schwerfällt, alle und alles, was ich je gekannt habe, zurückzulassen.
Aber ich kann nicht bleiben. Wir leben in einer Welt, in der Krieg schwelt zwischen zwei der Kontinentalbrüche Tiressias – den Ostland-Territorien und den Sommerlanden im Süden. Seit Jahrhunderten versucht jeder Herrscher des Ostens, die südlichen Länder zu erobern, und sehnt sich danach, die Stadt der Ruinen für sich zu beanspruchen – eine Zitadelle, in der sich angeblich der Hain der Götter befindet, die Grabstätte der Gottheiten Tiressias.
So besagt es zumindest der Mythos.
Eines muss man dem Frost King lassen: Ich habe nie einen Krieg erlebt. Die Nordlande sind gemäß einem jahrhundertealten Vertrag mit dem Osten neutral geblieben, obwohl unsere Bevölkerung – ob sie nun die Küste, die Berge, das Tal, die Eisland-Ebenen oder den König selbst beschützt – nach den Wünschen des Frost Kings leben muss. Die Einwohner sind vor allem die Hüter dieses Landes. Es ist vermutlich edel, seine Freiheiten und seine Familie aufzugeben, um ein Leben in magischer Knechtschaft zu führen, aber es ist auch nicht das Leben, das ich führen möchte. Und an jedem Erntetag werde ich daran erinnert, wie wenig Mitspracherecht ich in dieser Angelegenheit habe.
Doch ich glaube, es liegt nun in meiner Macht, dies zu ändern. Das unsterbliche Leben des Frost Kings zu beenden und uns zu einem freien Land zu machen, das von seinem Volk regiert wird. Damit wir ein Leben führen können, das wir selbst wählen.
Und genau das habe ich vor.
Der alte Wetzstein meines Vaters liegt ganz unten in seiner Truhe. Ich hole ihn unter seinen anderen Arbeitsgeräten hervor und schöpfe eine Kelle Regenwasser aus dem Waschzuber als Schleifmittel. Gerade als ich mich an die Arbeit machen will, stürmt Mutter mit einem großen Berg Äpfel in die Hütte. Sie tritt die Tür zu, schafft es aber nicht, den bitterkalten Windstoß aus dem Frostwater Wald draußen zu halten. Mit einem Ächzen lässt sie den beladenen Korb auf den handgewebten Teppich fallen, der unseren Holzboden bedeckt.
Die Kälte schlingt sich um mich, und ich ziehe meinen Schal enger, den bunten, den Nephele vor Ewigkeiten gestrickt hat.
In letzter Zeit begegnen mir die Erinnerungen an meine Schwester überall. Selbst die mit Raureif bedeckten Äpfel zu meinen Füßen lassen mich an sie denken. Nephele hat den Obsthain geliebt und immer so viel Freude an der Ausbeute am Erntetag gehabt. Es machte ihr auch nichts aus, auf dem Nordland-Bruch zu leben, einer von vier Landmassen im zerstörten Reich Tiressias. Ihr machte auch die winterliche Kälte nichts aus, die nach jedem Erntemond unser Tal heimsuchte.
Ich bin das genaue Gegenteil. Ich hasse es, in den Nordlanden zu leben. Ich hasse den Erntetag, und ich hasse diese Zeit des Jahres. Jeder verstreichende Herbsttag erinnert mich daran, dass der Witch Collector kommt und dass Silver Hollow mit seinen sanften grünen Hügeln und sonnenbeschienenen Flachsfeldern bald unter dem erstickenden Frost des Winters begraben sein wird.
Mutter wischt sich eine Strähne ihres grauen Haares aus der Stirn und stützt die feingliedrigen Hände auf ihre ausladenden Hüften. »Ich weiß, du wirst mich für töricht halten«, sagt sie, »aber das wird ein guter Tag, mein Mädchen. Ich fühle es in den Knochen.«
Mutter hat nur wenige Hexenmale, ihre Magick war schlicht. Die Wirbel – Zeugen ihrer Gabe – glitzern unter einem leichten Schweißfilm, schwache silberne Ätzungen schlängeln sich über die hellbraune Haut ihres schlanken Halses.
Ich stelle den Regenwassertopf beiseite und zwinge mich zum ersten Lächeln des Tages. Meine Finger sind steif vor Kälte, als ich gebärde.»Bestimmt hast du recht. Ich sollte mich ans Schälen machen.«
Einen Herzschlag später drehe ich mich auf meinem Schemel um und wende mich von ihr und ihren wissenden Augen ab. Mein Lächeln verschwindet, als ich die Kerzen anzünde, die meinen Arbeitsbereich erhellen. Ich möchte dieses Gespräch vermeiden. Es passiert jedes Jahr, und jedes Jahr beweist der Witch Collector, dass Mutters Intuition (oder ihr Wunschdenken) falsch ist. Dennoch würde ich meine Mutter niemals als töricht bezeichnen, nur weil sie auf das Beste hofft. Obwohl sie eine Träumerin ist, die den Kopf in den Wolken hat, ist sie der weiseste Mensch, den ich kenne. Es ist nur so, dass dieser Tag nie besonders erfreulich ist, und dieses Jahr könnte er noch schlimmer werden als je zuvor.
Meinetwegen.
Ich öffne die Schublade des Werktisches und hole unsere Rettung heraus. Den Grund, warum ich so viel Mut gefunden habe, uns unser Leben zurückzuholen: Vaters altes Messer. Er nannte es das Göttermesser, das ein Ostland-Zauberer angeblich aus der gebrochenen Rippe eines längst verstorbenen Gottes angefertigt hatte. Es war seit dem Winter verschwunden, in dem meine Schwester auserwählt worden war, nach Winterhold zu gehen. Verloren in den schneebedeckten Feldern an dem Tag, an dem Vaters Herz aufhörte zu schlagen.
Vor ein paar Wochen fand eine Gruppe von Bauern die Klinge bei der Ernte, halb vergraben in der Erde eines bald brach gelegten Feldes. Einer von ihnen, Warek – Finn und Helenas Vater –, erkannte das Messer an seinem ungewöhnlichen Griff aus weißem Granit, der seltsamen schwarzen Klinge und dem in den Knauf eingelassenen Bernstein. Er stellte sicher, dass die Bauern den Fund an meine Mutter zurückgaben.
»Was ist so besonders an einem Göttermesser?«, hatte ich eines Abends gefragt, als ich noch klein genug war, um auf Vaters Knie zu sitzen. Er hatte dieses Messer überall dabei. Es stand außer Frage, dass es wichtig war.
Gerade war er von der Ernte gekommen. Ich erinnere mich noch daran, wie er roch: nach Moschus und Feld. Ich folgte den grünen Adern in seiner Hand, seinen dunklen Hexenmalen – den Zeichen eines Schnitters –, die sich wie schwarze Baumwurzeln über seine knotigen Knöchel rankten.
»Das Göttermesser ist ein Relikt«, erwiderte er. »Ein Götterknochen, geschaffen durch die Hand von Un Drallag, dem Zauberer. Es birgt die Seele jenes Gottes, aus dessen Körper der Knochen entnommen wurde. Es kann jeden und alles töten, die Gesegneten und die Verfluchten, die ewig Lebenden und die auferstandenen Toten – sogar andere Götter.«
»Und doch behältst du es«, hatte ich gebärdet, ohne die Tragweite seiner Worte zu begreifen oder die Tatsache, dass sie eines Tages meine Welt verändern würden.
»Ja, Tochter. Ich behalte es. Weil ich es muss«, lautete seine einzige Antwort. So wie meine unzähligen Erinnerungen an Nephele sind auch die Gedanken an meinen Vater nie weit weg. Warum er an dem Tag, an dem er starb, auf die Felder ging – allein und mitten im Winter –, wird für immer ein Rätsel bleiben. Ebenso wie die Frage, die mich vielleicht bis zu meinem letzten Atemzug verfolgen wird: Wenn die Klinge so allmächtig ist, warum hat er sie nicht benutzt, um uns zu retten? Um Nephele zu retten? Er war jahrelang im Besitz des Messers – ein Gottestöter, ein unsterblicher Schlächter, eine heilige Waffe. Niemals hat er es gegen den Frost King eingesetzt, um unsere Lage zu ändern.
Ich bin sehr wohl die Tochter meines Vaters, aber hier unterscheiden wir uns.
Mutter beugt sich über meine Schulter und knotet ihren Mantel auf, während sie das Messer mit einem wachsamen Schimmer in ihren Augen betrachtet. Der Geruch von Nelken, Herbstlaub und rauchiger Kälte strömt von ihrer Haut und ihrer Kleidung. »Du schärfst das alte Ding?«, fragt sie mit besorgter Stimme.
Ich gebärde eine unschuldige Erklärung. »Für die Äpfel.«
Sie wirft mir einen Blick zu. Mutter hat sich nie für Vaters Erzählungen über den Fund des Göttermessers an der malorianischen Meeresküste interessiert. Sie hat ihm immer bedeutet, still zu sein, wenn ich ihn gebeten habe, mir die Geschichte zu erzählen. Obwohl sie die Klinge seit der Wiederentdeckung versteckt hält, wie Vater es gewollt hätte, glaubt sie immer noch nicht an den Mythos. Sie behauptet, die Waffe besitze keine Macht.
Aber ich bin mir sicher, dass ihr Macht innewohnt. Denn ich spüre sie.
»Dann mach weiter«, antwortet sie. In ihrer Stimme schwingt immer noch derselbe beunruhigte Ton mit, während sie misstrauisch eine Augenbraue hebt. »Aber wir haben viel bessere Messer zum Schälen, Raina.«
Als sie sich abwendet, halte ich die stumpfe schwarze Schneide näher an die Kerzenflamme. Tatsächlich brauche ich eine Klinge, die scharf genug ist, um dickes Leder und noch dickere Sehnen zu durchdringen, und nur ein Paar Hände kann gewährleisten, dass das gelingt. Leider gehören diese Hände nicht zu mir.
Ich muss das Messer zu Finn bringen. Normalerweise arbeitet er mit Eisen, das in der Nähe der Mondolak-Bergkette abgebaut wird, und nicht mit Knochen, aber ich vertraue das Messer nur ihm an. Ich brauche lediglich eine Ausrede, warum es notwendig ist, dieses Messer zu schärfen, denn Mutter hat recht. Wir haben genügend andere Klingen für das Tagwerk. Es gibt keinen Grund, mich so sehr auf dieses eine Messer zu versteifen – jedenfalls keinen, den sie mir abkaufen würde. Und ich kann meinen Plan nicht einfach preisgeben. Irgendetwas sagt mir, sie wäre nicht begeistert, dass ihre Tochter den Witch Collector heute mithilfe dieses Messers entführen will.
Mutter hängt ihren Mantel an die Tür und geht zum Kamin, um sich einen Becher gewürzten Apfelwein einzuschenken. Als sie an meine Seite zurückkehrt, sieht sie mir über die Schulter zu, wie ich Vaters Wetzstein auf ein Stück geöltes Tuch lege. Sie sagte einmal, das Messer sei nicht aus Knochen. Das sei gar nicht möglich. Denn welcher Knochen ist schon schwarz wie die Nacht und kalt wie Eis?
Aber es ist wirklich ein Knochen. Götterknochen. Kein Feuerstein oder Stahl. Dessen bin ich mir sicher. Irgendetwas tief in diesem alten Knochenmark vibriert bei jedem Zug über den Schleifstein, als würde ich es langsam wieder zum Leben erwecken.
Mehr Schweißperlen stehen mir auf der Stirn, während ich die Schneide mit Bedacht über den Stein ziehe. Was, wenn ich ihn beschädige? Kann ein Götterknochen beschädigt werden?
Was mich allerdings wirklich beunruhigt, ist das Offensichtliche. Was ist, wenn der Witch Collector mich heute bezwingt, auch wenn ich ihm diese Klinge an die Kehle halte?
Obwohl ich mich schon seit Wochen darauf vorbereite, zittern meine Hände immer noch bei dem Gedanken, ihm gegenüberzutreten, so sehr, dass ich bei meiner Arbeit strauchle. Knochen knirscht gegen Stein und schneidet mir in die Fingerspitze. Ich keuche auf und sauge an der Wunde.
Der Götter Tod. Nur würde ich mich irgendwie versehentlich mit der Waffe, die mich retten könnte, selbst umbringen.
»Raina, sei vorsichtig.« Mutter stellt ihre Tasse beiseite und ergreift meine Hand, um die Wunde zu untersuchen. Sie berührt mein Kinn, und ihr Blick wird sanft. »Ich weiß, dass du dieses Messer als eine Verbindung zu deinem Vater ansiehst, aber vielleicht sollte sich Finn die Klinge mal ansehen, wenn du so entschlossen bist, sie zu benutzen. Ich würde es vorziehen, wenn deine schönen Hände unversehrt blieben.«
Mein Puls beschleunigt sich. Ich habe vierundzwanzig Winter erlebt, und doch fühle ich mich wieder wie ein Kind, wie ein kleines Mädchen, das etwas vor seiner Mutter verbirgt. Aber dies ist der perfekte Moment. Ich hätte ihn nicht besser arrangieren können, selbst wenn ich es versucht hätte.
»Finn ist wahrscheinlich auf dem Weg in den Laden«, gebärde ich. »Ich bringe das Messer zu ihm und bin bis Mittag mit den Äpfeln fertig. Versprochen.«
»Geh.« Sie lächelt, obwohl es ihr große Mühe zu machen scheint. »Aber beeile dich. Das Erntemahl bereitet sich nicht von selbst zu.«
Erleichtert erhebe ich mich vom Schemel, werfe meinen Mantel über und wickle das Messer in ein Stück Tierhaut, bevor ich zur Tür gehe.
»Raina«, ruft Mutter. Ich werfe einen Blick über meine Schulter, als sie den geringen Abstand zwischen uns überwindet. »Du bemühst dich so sehr, es zu verbergen«, sagt sie, »doch eine Mutter kennt ihr Kind besser als alle anderen. Lass nicht zu, dass deine Abneigung gegen den Witch Collector und den Frost King dich – oder uns – in Schwierigkeiten bringt. Wenn du mir etwas versprechen willst, dann nur das.«
Ich stoße den Atem aus, während ihr indigofarbener Blick auf das eingewickelte Messer in meinen Händen fällt, als würde sie jede meiner Absichten kennen. Schuld und Scham zerquetschen mein Herz angesichts dessen, was ich zu tun gedenke. Was ich tun muss.
Ich beuge mich vor, drücke einen Kuss auf ihre weiche Wange und lüge trotzdem.
»Ich verspreche es«, gebärde ich und schlüpfe in das kalte graue Licht des Tages.
2
Raina
Die Schmiede der Owyns liegt am östlichen Rand von Silver Hollow, in der Nähe des Obsthains und der Weinberge. Es ist ein langer Weg, aber ich sprudle über vor nervöser Energie und schaffe es vermutlich in kürzester Zeit bis dahin.
Während ich über den Anger laufe, präge ich mir jedes Detail des Dorfes ein. Der Frost glitzert auf den Strohdächern der Katen und Hütten, und aus den Schornsteinen steigen die letzten dünnen Atemzüge des nächtlichen Feuers. Die Gärten verwelken und die Wildblumen, die den Weg zu den Feldern säumen, sind zu farblosen Hüllen geworden. Bald wird sich der Schnee auf den Dachrinnen häufen und sich kniehoch vor jede Türschwelle drängen, und das Dasein hier im Tal wird hart und bitter werden.
Ich denke oft darüber nach, wie sehr ich diesen Ort hasse, aber in Wahrheit hasse ich nur meine Umstände – und dass ich keine Wahl habe. Denn das Leben könnte schlimmer sein. Ich könnte in einem Barbarenclan in den Ostlanden oder tief in den schwülheißen Sommerlanden beheimatet sein, oder ich könnte an der Nordlandküste leben und mir ständig Sorgen um den Krieg und die Gefahr von der anderen Seite des Meeres machen. Stattdessen wohne ich in einem friedlichen Dorf mit freundlichen Leuten – Witch Walkern, Halblingen und jenen, die überhaupt keine Magick beherrschen.
Den Hütern des Frostwater Waldes.
Unsere Witch Walker bilden zusammen mit denen aus Hampstead Loch, Penrith und Littledenn – unseren Nachbardörfern – die zweite Verteidigungslinie in den Nordlanden, direkt hinter der Nordlandwache, einer kampferprobten Legion, die unsere südlichen Grenzen schützt. Stunde um Stunde senden die Stimmen der Witch Walker Magick entlang des Rands von Frostwater in den Äther, um eine Barriere zu verstärken, die wir um jeden Preis intakt halten müssen.
Ich bin schon oft an dieser Grenze entlanggewandert und habe mit meinem stillen Gesang dazu beigetragen, den Schutz zu verstärken. Für einen Fremden ist die Barriere nicht mehr als ein Schimmer in den Bäumen, wie Tau, der im Morgenlicht auf einem Spinnennetz glitzert. Aber sie ist viel mehr als das. Sie ist eine uneinnehmbare Festung mit einem einzigen bewachten Eingang im Westen, in der Nähe von Hampstead Loch, durch den der König und sein Gefolge – vor allem sein Witch Collector – angeblich reisen.
Manchmal frage ich mich, ob wir Eindringlinge aus dem Wald und damit von der geheimnisvollen Winterfeste des Frost Kings fernhalten.
Oder ob wir etwas darin gefangen halten.
Auf der anderen Seite der Steinmauer, die das eigentliche Dorf von den Gehöften der Bauern trennt, verlässt eine Handvoll Ältester nach ihrem traditionellen Morgengebet den Tempel. Einige Dorfbewohner folgen ihnen, darunter Finns Mutter Betha und seine vier jüngeren Schwestern.
Die Owyns sind loyale Nordländer, die ihre alten Götter verehren, vor allem den letzten Nordlandgott der jüngeren Vergangenheit – Neri, einen egoistischen Schuft, der schon seit dreihundert Jahren tot ist. Manchmal fühle ich mich wie eine Gotteslästerin, wenn ich mich in der Gegenwart der Owyn-Familie befinde, aber ich bin auch alles andere als fromm, und das wissen sie. Seit Nephele auserwählt wurde, habe ich keinen Fuß mehr in den Tempel gesetzt.
Und das werde ich auch nicht mehr. Nie wieder.
»Raina!« Helena, das zweitälteste Owyn-Kind, läuft mir entgegen.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit Hel spreche. Ich kenne sie schon ihr ganzes Leben, aber als ich Nephele verlor, ist Helena nicht von meiner Seite gewichen. Sie füllte eine Leere in mir, die nicht einmal Finn erreichen konnte.
Ich winke, und die Mädchen beschleunigen ihre Schritte, um zu mir aufzuschließen, ihre warmen braunen Gesichter verkniffen gegen den kalten Wind. Betha scheint zögerlich, ihre Miene grimmig.
Die Zwillinge, Ara und Celia, bleiben unbeeindruckt. Sie kommen angerannt und klammern sich an meine Beine, während Saira, das kleinste Mitglied der Owyn-Familie, in meine Arme springt und sich an meinen Hals schmiegt. Dann lehnt sie sich zurück und gebärdet den einzigen Satz, den ihre kleinen Hände dank ihres frechen großen Bruders beherrschen.
»Raina braucht ein Bad.«
Saira kichert, und ein echtes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Sie ist ein kleiner Tupfer Freude an einem ansonsten trostlosen Tag.
Helena kommt näher, ihr schwarzes Haar flattert im Wind. Der Dolch, den ihr Vater und ihr Bruder ihr letztes Jahr geschenkt haben, als sie achtzehn wurde, ist für immer an ihrer Seite befestigt, selbst während des Gebets. Sie ist groß und stark wie ihr Vater, aber sanft wie ihre Mutter.
Die Owyns beschäftigen sich mit Feuermagick – wie es sich für Schmiede gehört –, aber der Großteil ihrer Fähigkeiten liegt in gewöhnlicher Magick, wie bei den übrigen Dorfbewohnern. Helenas silberne Hexenmale heben sich heute jedoch deutlich von ihrer braunen Haut ab, umrandet in einem hübschen Ockerfarbton.
Als ich ihren Blick erwidere, stupst sie mich in die Seite und lächelt, aber ihr wilder Geist regt sich nicht, nicht einmal in ihren Augen.
»Morgen, Raina«, gebärdet Betha. Sie lächelt kurz und schielt zu ihren kleinen Töchtern, eine stumme Art, mir mitzuteilen, dass sie nicht will, dass die Mädchen von den Sorgen erfahren, die sich so offensichtlich in ihr Gesicht gegraben haben.
Nach all den Jahren, die sie mich kennt, hat Betha immer noch nicht gelernt, mehr als die einfachsten Gebärden zu verwenden. Auch die anderen haben es nicht geschafft – abgesehen von Finn und Hel.
Ich schaue auf in Helenas tiefbraune Augen. »Ist alles in Ordnung?«, gebärde ich.
Was auch immer sie beunruhigt, hat nichts mit dem Erntetag zu tun. Die Owyns sind Witch Walker, und Finn und Helena sind für die Erwählung durch den Witch Collector noch zu jung. Sie glauben, dass der Frost King alles aus einem göttlichen Grund tut – ein unsterblicher Mann, dem Neris ewiger Segen Klarblick verliehen hat, ein Anführer, der unsere Länder beschützen will, weil das seine noble Mission ist. Es würde sie sehr bekümmern, heute ein Mitglied ihrer Familie zu verlieren, aber sie betrachten das Opfer als Pflicht – im Gegensatz zu mir.
Irgendetwas anderes scheint im Argen zu liegen.
»Die Wildjäger hätten gestern Abend zurückkehren müssen«, sagt Helena, »um ihre Beute für das Erntedankmahl vorzubereiten. Keiner von ihnen ist aufgetaucht. Nicht mal Da.«
Ich stelle Saira auf dem Boden ab und sehe zu, wie sie in Richtung Dorf hopst. Jeden Herbst ziehen die Wildjäger nach Süden zum Gravenna-Gebirge, in der Hoffnung, ein paar Langhorn-Böcke für das Erntedankfest zu fangen und zu erlegen. Zwischen unserem Tal und dem Gebirge liegen vereinzelte Gehöfte und mindestens ein Dutzend kleiner Dörfer, aber ansonsten ist das Gebiet von sanften Hügeln und offenem Grasland geprägt. Für Jäger, die seit Jahren in diesem Gelände unterwegs sind und die Wildtiere jagen, ist es gewiss kein gefährlicher Marsch.
»Ich bin sicher, sie haben nur das Zeitgefühl verloren«, antworte ich. »Warek wird mit seiner fröhlichen Schar zurückkehren, als ob er der fabelhafteste Jäger von allen wäre.« Beschwichtigend drücke ich ihre Hand, denn ihr Unbehagen ist deutlich zu sehen und spiegelt sich in zwei verkniffenen Falten zwischen ihren Augenbrauen wider. Ich kann nicht sagen, ob ich recht habe, aber später, nachdem ich mit Finn gesprochen habe, finde ich es auf meine Art heraus.
Heilen ist nicht meine einzige Gabe.
Helena beißt sich auf die Lippe. »Ich hoffe, du hast recht, aber kannst du vorsichtshalber ein Gebet zu Loria sprechen?«
»Natürlich.«
Helena kennt mich gut genug, um den Gott der Nordlande nicht in ihre Bitte um meine Gebete einzubeziehen. Loria ist die Göttin der Schöpfung, und obwohl ich nicht glaube, dass die Altvorderen uns noch zuhören, war Warek der engste Freund meines Vaters. Und deshalb – so unfromm ich auch sein mag – werde ich zu unserer Schöpferin beten. Nur nicht zu Neri. Niemals zu ihm. Er ist der Grund, warum wir uns überhaupt mit dem Frost King auseinandersetzen müssen.
Helena und ich berühren uns mit den Unterarmen. Sie drückt ihre Stirn an meine und lächelt sanft.
»Tuetha tah«, sagt sie, ein Elikesch-Ausdruck, der meine Schwester bedeutet.
Ich forme die entsprechenden Gebärden gegen ihre Brust und fühle mich mit jeder Sekunde schuldiger. Vor Hel habe ich nur wenige Geheimnisse, abgesehen von der Geschichte mit dem Göttermesser. Aber ich habe ihr nichts von meinem Plan erzählt und auch nicht, dass ich das Tal verlassen werde – dieses Mal endgültig. Helena liebt mich, aber sie würde es niemals verstehen.
Sie schart ihre Mutter und Schwestern um sich und treibt sie in Richtung der Steinmauer des Dorfes. Obwohl ihr Gesicht noch immer von Sorgen überschattet ist, wird ihr Lächeln breiter, und sie zwinkert mir verschmitzt über die Schulter zu. »Finn ist im Laden, falls du dorthin unterwegs bist. Sehen wir uns am Mittag auf dem Anger?«
Ich nicke. Als ob ich irgendwo anders sein würde.
Draußen vor der Schmiede liegt Tuck, der faule goldfellige Werkstatthund, den ich so sehr ins Herz geschlossen habe. Um zum Eingang zu gelangen, muss ich über ihn hinwegsteigen. Anschließend kraule ich ihn hinter seinem weichen Ohr, und er späht kurz zu mir hoch, aber ansonsten rührt er sich nicht. So viel Liebe für die Frau, die ihm einst den Tod stahl, als niemand hinsah.
Drinnen überrascht es mich nicht, Finn in einer dunklen Ecke sitzen zu sehen, zurückgelehnt in einem Stuhl, die Füße auf einen Arbeitstisch abgestützt. Er nippt an einem dampfenden Becher mit Met. Dies war früher die Werkstatt von seinem Vater, und das sieht man. Die grün-indigoblaue Flagge von Tiressia hängt von den Dachsparren, während Neris Banner die Wand über Finns Kopf einnimmt. Das Abbild einer Kreatur, die mehr Wolf als Mensch ist, starrt mich an, gestickt mit Silberfäden auf blau-weißer Seide.
Der Anblick widert mich an.
Die Tür knarrt, und Finn blickt auf. Seine wilden schwarzen Locken hängen ihm unordentlich in die Stirn, seine Augenlider sind schwer. Bei besserem Licht sieht man, wie seine Haut – wie die von Helena und seinem Vater – von Silber mit bernsteinfarbenen Konturen gezeichnet ist.
»Deinem Blick nach zu urteilen, hast du wohl meine Familie getroffen.« Er nimmt einen großen Schluck Met und stößt genervt ein Seufzen aus. »Vater geht es gut. Sie werden rechtzeitig zum Festessen zurück sein. Sie sind Jäger – die besten. Ich mache mir keine Sorgen.«
Das ist Finns Art, ein Gespräch, das er nicht führen will, zu beenden, bevor es überhaupt begonnen hat.
Diesmal macht es mir nichts aus. Ich stimme ihm zu. Die Wildjäger kennen unser Land besser als jeder andere. Außerdem, was könnte schiefgelaufen sein, damit nicht alle sieben zurückkehren?
»Genau. Kein Grund zur Sorge«, gebärde ich. Ich durchquere den Raum, lege das eingewickelte Messer neben Finns Füße und schlage das Fellbündel zurück. »Könntest du das für mich schärfen?«
Finn schaut auf das Göttermesser, dann wieder auf mich und runzelt die Stirn. »Wozu? Das ist doch das Messer, das mein Vater gefunden hat, oder? Ein bisschen groß zum Schälen von Ernteäpfeln.« Er nimmt einen weiteren Schluck Met und betrachtet mich mit neugierigem Blick.
»Es ist nicht für Äpfel gedacht. Ich brauche es, um die Langhorn-Böcke für das Festmahl zu zerwirken. Es muss scharf genug sein, um durch Fleisch und Sehnen gleichermaßen zu schneiden.«
Ihr Götter, was für eine schreckliche Ausrede. Es wird keine Langhorn-Böcke für das Erntefest geben, wenn die Jäger nicht rechtzeitig zurückkehren.
Finn fährt sich durch sein dichtes Haar und verzieht den Mund zu einem Grinsen. »Du bist die schlechteste Lügnerin von ganz Tiressia, Raina Bloodgood. Du führst doch etwas im Schilde.«
Ich stelle mich mit dem Rücken zur Glut in der Esse und fahre mit einer Hand an einer Reihe fein gearbeiteter Dolch- und Messergürtel entlang, die Finn an seine Kundschaft verkauft. Letzte Nacht habe ich darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, ihm jedes Detail meines Plans zu erzählen, Nephele und die Nordlande von der Herrschaft des Frost Kings zu befreien. Ihn anzuflehen, mutig zu sein und mir zu helfen.
Aber jetzt, wo der Moment gekommen ist, kann ich mich nicht dazu durchringen, ehrlich zu sein. Er mag jede Waffe schmieden und führen können, aber Finn ist ein Liebhaber, kein Kämpfer. Er ist zufrieden, wo ich ruhelos bin. Gesättigt, wo ich hungere. Er wird mich zehnmal töricht nennen und versuchen, mich aufzuhalten.
Und es könnte ihm sehr wohl gelingen.
»Ich lüge nicht.« Mit ruhigen und beherrschten Händen formuliere ich die Worte und hoffe, dass ich überzeugend bin. »Mutter hat mich geschickt. Wir brauchen das Messer, um das Wild für das heutige Festmahl zu zerlegen. Die Jäger werden zurückkehren.«
Es ist besser, an einer schrecklichen Lüge festzuhalten, als eine neue zu erfinden.
Er verengt die braunen Augen, und mich durchzuckt das Bedürfnis, mich hinter etwas zu verstecken. Meine Mutter zu belügen, war schon schlimm genug, aber Finn zu täuschen, könnte noch schwieriger sein.
Finn war mein erstes Mal in allen Dingen. Mein erster Freund. Mein erster Streit. Mein erster Kuss. Mein erster Liebhaber. Mein erster Liebeskummer. Er ist die einzige Person, mit der ich jemals die Geschichte des Göttermessers geteilt habe. Er ist auch der Mann, mit dem ich keine Familie gründen werde. Denn er weigert sich, das Tal zu verlassen, indes ich nicht bleiben will. Die Momente meines Lebens sind mit ihm gefüllt. Er liest mich so klar und deutlich wie ein Buch.
Nach einem Stöhnen und einem vielsagenden Blick kippt er seinen Stuhl auf alle vier Beine und greift nach dem Göttermesser. Er ist noch im Halbschlaf und entweder desinteressiert oder genervt. Oder beides.
»Wildbret, ja?« Er dreht den Knauf in seiner Hand, und der bernsteinfarbene Stein reflektiert das Feuerlicht in der Esse. Er sieht zu mir auf und verengt seine Augen wieder, als würde er mich einschätzen. »Du meintest nicht zufällig stattdessen einen Witch Collector, oder, Raina? Vielleicht einen Frost King?«
Da ist wohl jemand verärgert.
Ich setze mich auf den Stuhl ihm gegenüber. »Finn, hör auf. Bitte mach es mir nicht so schwer. Ich brauche deine Hilfe.«
Er legt das Messer zurück auf den Tisch und redet mit den Händen mit mir. »Hilfe bei was? Den Witch Collector zu töten? Um den Zorn des Frost Kings auf uns alle zu lenken? Ich erinnere mich an die Erzählung deines Vaters. Du glaubst doch wohl nicht, dass dieses Messer alles ändern wird. Oder überhaupt etwas, wenn wir ehrlich sind. Wenn es das könnte, glaubst du wirklich, dass ausgerechnet Rowan und Ophelia Bloodgood es nicht versucht hätten?«
Meine Brust schnürt sich zusammen, weil ich die Namen meiner Eltern höre. Als sie sich in der südlichsten Stadt der Nordlande, Malgros, kennenlernten, war mein Vater Hauptmann der Nordlande-Wache, ein Gardehexer, der den Hafen schützen sollte. Meine Mutter war ebenfalls eine Gardistin, die oft in der Nähe des Territoriums meines Vaters stationiert war.
Kurz nachdem meine Mutter mit Nephele schwanger geworden war, kam es zu Spannungen zwischen der Königin des Südens, Fia Drumera – besser bekannt als die Fire Queen –, und dem König des Ostens, Regner, die zu Unruhen führten. Während sich der Süden und der Osten für einen Krieg rüsteten, befürchteten die Nordlande an der Küste, dass der Konflikt schließlich über das Meer zu unseren Küsten schwappen könnte. Dann tötete Fia Drumera Regner, und bald darauf stieg im Osten ein mysteriöser Prinz ohne Namen zur Macht auf.
Meinen Eltern wurde zwar die Genehmigung erteilt, ihre Familie zu gründen, aber nur unter der Bedingung in den Norden ziehen, um das Tal zu schützen. Sie waren dem König gegenüber nie loyal. Ihrem Land und ihrem Volk allerdings schon.
»Ich weiß nicht, wieso sie es nie versucht haben«, erkläre ich Finn. »Nur, dass ich nicht wie sie bin.« Ich nehme das Messer und das Tierfell und lege es auf meinen Schoß. »Hilfst du mir oder nicht? Ich muss die Klinge schärfen. Das ist alles, worum ich dich bitte.«
»Du willst, dass ich eine tödliche Klinge schärfe?« Er verschränkt seine muskulösen Arme vor der Brust. »Das ist im Grunde genommen das, was du gesagt hast, als du hier hereinkamst. Etwas, das durch Fleisch und Sehnen gleichermaßen schneidet. Und ich weiß, dass du keinen wilden Hirschbock meinst.«
Ich balle die Finger zu stummen Fäusten. Jede Klinge, die er schmiedet, wird zum Töten benutzt, und das besagt eine ganze Menge. Aus den ganzen Nordlanden kommen die Leute, um die schöne und gleichzeitig todbringende Arbeit von Finn Owyn zu kaufen. Um sein Geschick in Anspruch zu nehmen. Jetzt ist er nur hin- und hergerissen, weil ich es bin, die ihn um Hilfe bittet.
»Ich möchte, dass du das Göttermesser schärfst«, erwidere ich. »Und an mich glaubst.«
»Das Göttermesser.« Finn reibt sich mit der Hand über das Gesicht, seine Frustration ist unverkennbar. »Geschaffen vom großen Zauberer Un Drallag, ein Hirngespinst aus östlichen Legenden. Geschmiedet aus Götterknochen und der Essenz einer Gottheit, ja? Welcher Gott, Raina? Zu welchem Gott gehörte dieser Knochen wohl? Neri? Asha? Urdin? Thamaos? Einem der Altvorderen? Loria selbst?«
»Ich …« Meine Finger halten inne. Diesen Teil hat mein Vater nie erwähnt. Ich dachte immer, er wüsste es nicht, obwohl ich mich darüber schon immer gewundert habe. »Er hat es nie erwähnt, aber für die Aufgabe, die vor mir liegt, spielt es keine Rolle.« Ich unterbreche kurz und füge dann hinzu: »Für die wilden Hirsche und so weiter.«
Ein Grinsen zupft an Finns Mundwinkel, wird aber nicht vollendet. Er drückt sich von den Knien hoch und umrundet den Tisch, ein müder Ausdruck verdunkelt sein Gesicht. Er hockt sich zu meinen Füßen hin und legt seine kräftigen, mit schwarzen Schlieren und Blasen übersäten Hände auf meine Oberschenkel, als ob sie dort hingehörten.
Als er mir in die Augen schaut, schmecke ich die Bitterkeit, die in meinem Herzen wohnt, seit er sich vor drei Jahren weigerte, mit mir das Tal zu verlassen. Ich hätte ihn so lieben können, wie meine Eltern sich geliebt haben. Wir hätten so viel mehr haben können als das hier. Andererseits hätte ich, wenn wir gegangen wären, nicht die Chance gehabt, meine Schwester und vielleicht jede einzelne Person in den Nordlanden vor einer Zukunft zu bewahren, die sie sich nicht ausgesucht haben.
Behutsam streicht Finn eine lose Haarsträhne hinter mein Ohr. »Du weißt, dass ich an dich glaube, in allen Dingen. Und ich werde dieses Messer schärfen, bis es Fleisch häuten und sogar Knochen durchschneiden kann, wenn es das ist, was du willst. Aber du bist Männern wie dem Witch Collector nicht gewachsen, Raina. Und schon gar nicht dem Frost King. Ich hasse diese Männer auch – mehr, als du glaubst oder jemals verstehen wirst. Aber wenn ich auch nur für einen Moment befürchte, dass du eine Dummheit begehst, sobald der Witch Collector heute eintrifft, dann sei dir im Klaren, dass ich nicht tatenlos zusehen werde. Das kann ich nicht. Ich werde dich immer retten, auch wenn es bedeutet, dich vor dir selbst zu retten.«
Ich presse meine Finger wieder zusammen. Es gibt so viele Dinge, die ich sagen möchte, nichts davon ist freundlich. Stattdessen halte ich Finns Blick fest, bis er das Messer nimmt, sich die Lederschürze umbindet und zur Feuerstelle geht.
»Fulmanesh, iyuma.« Er spricht die Worte über die niedrigen Flammen, die sich auf seinen leisen Befehl hin erheben und mehr Licht spenden.
Nach einem Moment folge ich ihm und stecke stillschweigend einen der Dolchgürtel von vorhin ein, solange er nicht hinsieht. Ich schiebe das Leder in meine Rocktasche und schaue über die Schulter. Jetzt, wo er das Göttermesser in der Hand hält, bin ich nervöser als mir lieb ist. Er könnte es mir so leicht wegnehmen.
Finn untersucht die Waffe. »Warum ist sie so kalt?«
Ich zucke mit den Schultern. »Das ist schon so, seit ich denken kann.«
Finn testet das Gewicht des Messers in seiner Hand, beißt auf die Klinge und zieht die stumpfe Schneide über ein Stück dicke Haut, die sich viel leichter durchtrennen lässt, als ich vermutet hätte.
Er wirft einen kurzen Blick zur Seite. »Fühlt sich an wie Knochen. Schmeckt wie Knochen. Aber es sieht nicht aus wie Knochen, und es schneidet nicht wie Knochen.«
Natürlich ähnelt er nicht der Art von Knochen, mit denen wir normalerweise arbeiten. Götter waren praktisch unzerstörbar. Erst als sich die letzten von ihnen vor drei Jahrhunderten gegenseitig umbrachten, endete ihre Herrschaft. Einen Mann zu töten, den Neri nur mit unsterblichem Leben und Herrschaft ausgestattet hat, ist sicher nicht so unmöglich, wie Finn es erscheinen lässt. Ich denke, ein präziser Stich ins Herz des Frost Kings wird genügen.
Was den Witch Collector betrifft, so ist er höchstwahrscheinlich ein Mensch – vielleicht ist er zu seiner Pflicht bis zum Tod verflucht. Bestenfalls ist er ein Witch Walker, der seinem König treu ergeben ist. Helena vermutet, dass er ein älterer Mann ist, und ich bin derselben Meinung. Er verbirgt das Gesicht unter seinem Umhang, aber er ist derselbe Fänger, der in das Tal gekommen ist, seit ich ein Kind war. Ich kenne seine Stimme, und ich kenne seine Statur. Er wird nicht erwarten, dass ich angreife – niemand fordert ihn jemals heraus. Das Überraschungsmoment und ein heiliges Messer an seiner Kehle sollten helfen, ihn leichter zu überwältigen.
Vorausgesetzt, ich bin schneller als er.
»Ich werde es zuerst mit dem Schleifstein versuchen«, sagt Finn, wobei die Schärfe in seiner Stimme nachlässt. »Dann können wir uns von dort aus vorarbeiten. Einverstanden?«
Ich hake mich bei ihm unter und nicke, lege meinen Kopf auf seine Schulter und gebärde ein kurzes Dankeschön.
Die Spannung, die meine Muskeln verkrampft hielt, ebbt ab. Finn und ich sind nicht mehr zusammen, nicht so, wie wir es einmal waren, aber er ist immer noch mein Rückhalt, selbst wenn er sich unmöglich verhält. Ich weiß nicht, wie ich ohne ihn leben soll, aber ich fürchte, es tun zu müssen. Wenn heute der Moment kommt, werde ich ihm immer noch die Wahl lassen. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, hat er diese Entscheidung schon vor drei Jahren getroffen.
Er drückt mir einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. »Du brauchst mir nicht zu danken, Raina«, flüstert er. »Lass mich das nur nicht bereuen.«
3
Alexus
»Ich habe ein schlechtes Gefühl. Begreifst du das nicht?«
Colden Moeshka lehnt neben dem kleinen Kamin meiner Jagdhütte und zupft an einem losen Faden, der von der goldbestickten Manschette seines blauen Samtmantels baumelt. Ich kann die Kälte an ihm riechen – den beständigen, klaren Geruch des Winters, der schon seit Ewigkeiten an seiner Haut haftet.
Er geht in die Hocke, wirft ein weiteres Holzstück ins Feuer und schürt die Flammen, bis das Scheit brennt und die Funken tanzen. Ich kann nicht anders, als ihn anzustarren. Seine Alabasterhaut schimmert golden im Feuerschein, und seine dunklen Augen glänzen wie schwarzer Onyx, geschürft aus dem Gestein der Mondolak-Berge. Ein großer Teil seines flachsfarbenen Haares hat sich aus dem Zopf gelöst und verleiht seinen Zügen, die ewig zwanzig Jahre alt erscheinen, einen Hauch von Unschuld, die er in Wahrheit nicht besitzt.
Ich stütze die Ellbogen auf die Knie und reibe mir die müden Augen, während ich auf meinem Holzschemel herumrutsche. »Schlechtes Gefühl hin oder her, ich muss los. Ich habe noch nie einen Erntetag verpasst. Das Leben der Dorfbewohner muss ganz normal weitergehen, zumindest bis wir die Wahrheit erfahren. Und die einzige Möglichkeit, die Wahrheit zu erfahren, ist, ins Tal zu gehen und das Mädchen zu holen.«
Ich bin schon spät dran. An jedem Erntetag wache ich vor dem Morgengrauen auf, um die letzte Etappe dieser einwöchigen Reise durch den Frostwater Wald zu beenden. Normalerweise erreiche ich Hampstead Loch – das Dorf, das meiner Jagdhütte und der Winterstraße am nächsten liegt – ein paar Stunden nach Sonnenaufgang und beende meinen Tag in Silver Hollow kurz nach Mittag, wenn das Wetter und mein Pferd mitspielen. Heute Morgen wachte ich jedoch auf, als sich Colden in der Dunkelheit durch meine Hüttentür stahl. Allein und erschöpft von dem Versuch, mich einzuholen, um mir eine Nachricht zu überbringen, die ich für weniger als vertrauenswürdig halte.
»Wir haben schon öfter Gerüchte aus dem Osten entlang der Spitzelkette gehört«, erinnere ich ihn. »Daraus hat sich nie etwas ergeben.«
»Ja, aber dieses Gerücht ist anders.« Colden wärmt eine kühle Hand über der aufsteigenden Hitze des Feuers und versucht vergebens, die Kälte zu vertreiben, die für immer in seinen Adern wohnt. »Es gibt nur einen Grund, weshalb der Prinz des Ostens König Regners Friedensvertrag mit mir brechen würde – wenn er erfahren hat, dass ich als Waffe gegen Fia viel wertvoller bin als sein Verbündeter.«
Fia. Ich denke oft an die Königin der Sommerlande und frage mich, ob sie sich um Colden genauso sorgt wie er sich um sie.
»Bei allem, was ich je getan habe, hatte ich Fia und ganz Tiressia im Sinn«, sagt er. »Wenn der Prinz mein Geheimnis kennt, werden sie mich holen kommen. Das weißt du. Sie werden es tun müssen. Und sie werden jeden vernichten, der sich ihnen in den Weg stellt.«
»Unsere Grenzen sind geschützt«, wiederhole ich zum gefühlt hundertsten Mal. »Auch ohne unsere Witch Walker sind die Eisland-Ebenen und die östliche Gebirgskette um diese Jahreszeit unpassierbar. Die Ostlande haben es nie geschafft und werden es auch nie schaffen, durch die Weißen Tiden zu segeln, und sie können auch nicht an der Flotte der Sommerlande vorbeikommen, um über die Westliche Kammsee vorzudringen. Die Küste ist gut befestigt. Du bist in Sicherheit, Colden.«
Und auch Fia ist sicher. Kein König – und schon gar kein namenloser Prinz – hat sie bisher bezwungen. Sie braucht sich nicht damit zu belasten, dass der Prinz des Ostens ihren ehemaligen Geliebten in die Finger bekommt, aber wenn jemand auf sich selbst aufpassen kann, dann ist es die Fire Queen.
Colden lässt den Blick seiner schwarzen Augen durch den Raum schweifen und wölbt eine perfekte Braue. »Du kennst mich – glaubst du wirklich, ich fürchte die Ostländer meinetwegen? Wenn sie mich holen, verwandle ich ihre Armee in Eisstatuen, die den Innenhof schmücken, nagle die eiskalten Eier des Ostprinzen an die Tore von Winterhold und tanze auf den jämmerlichen Splittern seiner gefrorenen Knochen.« Mit zusammengebissenem Kiefer wendet er sich wieder dem Feuer zu, als läge in den Flammen und der Asche eine Antwort auf unsere missliche Lage. »Ich mache mir Sorgen um die Nordlande, Alexus. Ich kann nicht überall gleichzeitig sein.«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. Für jeden anderen würde seine Drohung sicher überzeugend klingen, aber ich weiß es besser. Die Wahrheit, die Colden nicht laut aussprechen will, ist, dass der Prinz des Ostens ihm Angst macht, und zwar aus mehr Gründen, als er zugeben möchte.
Zum einen heißt es, der Prinz trage die Schandmale der Schattenlande in sich – ein weiteres Gerücht, das ich nicht glaube. Es ist Jahrhunderte her, dass jemand die dunklen Gestade der Schattenlande überquert hat. Er war kein gewöhnlicher Mann, sonst hätte er nicht überlebt.
Und zweitens sind Coldens Gefühle für den Prinzen … kompliziert. Das waren sie schon immer. Zudem ist das ein Thema, das ich seit etwa dreißig Jahren nicht mehr angeschnitten habe und das ich gerne vermeide.
Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn Colden sich jemals gezwungen sähe, gegen den Prinzen des Ostens anzutreten. Angesichts ihrer Vergangenheit befürchte ich, dass er schrecklich versagen würde, wäre er wirklich so unbarmherzig, wie er behauptet. Jahrelang aufgestaute Bitterkeit kann durchaus zu Hass führen. Das ist schon richtig. Aber ich kenne meinen König.
Seine Verbitterung über den Prinzen ist nur eine Maske, die ein gebrochenes Herz verhüllen soll, das nie geheilt ist.
In gespielter Abwehr hebe ich die Hände. »Ich versuche nur, dich zu beruhigen. Es ist bloß Hörensagen. Bis wir mehr Beweise haben, gibt es keinen Grund zur Aufregung.«
Er lässt sich auf den Stuhl neben mir fallen, und sein gereizter Gesichtsausdruck wandelt sich in Besorgnis. »Ich mache mir auch Sorgen um dich. Ich hatte Träume. Nein, keine Träume«, stellt er klar und zieht die Stirn in Falten. »Albträume. Und das schon seit einer Weile.«
Seit er hier ist, reden wir immer wieder über die Situation, aber es ist das erste Mal, dass er von Albträumen spricht.
Ich winke in seine Richtung. »Erzähl weiter.«
»Es ist, als würden mich die Altvorderen warnen, dass Gefahr droht«, erklärt er, »aber ich weiß nicht, wie ich das verhindern kann. Ich weiß nur, dass ich fürchte, die Ostländer könnten herausgefunden haben, was ich versteckt halte, und dass du heute Nacht nicht im Tal sein solltest.«
Ich überlege, ihn zu fragen, was er in seinen Träumen gesehen hat, das ihn zu solchen Schlussfolgerungen bewegt, stattdessen beuge ich mich vor und lege meine Hand auf sein wippendes Knie. Sein Fuß hält inne.
»Du kannst nicht beides haben, mein Freund. Wir können die Wahrheit nicht ohne eine Seherin herausfinden, aber wir können auch keine Seherin zurate ziehen, wenn ich nicht ins Tal gehe. Ich muss das Mädchen holen. Das ist der einzige Weg, dieser Sorge ein Ende zu setzen.«
Das Mädchen ohne Stimme und ohne Hexenmal. Die sogenannte Seherin.
Raina Bloodgood.
Von allen Namen, die ich auf meine Liste hätte schreiben können, kam ihrer nie infrage. Jedenfalls nicht bis heute Morgen, jetzt, da Nephele beschlossen hat, ihre Schwester zu einer Späherin zu machen.
Nephele war immer ehrlich zu mir, zumindest habe ich das geglaubt, aber obwohl sie mir viel über ihre jüngere Schwester erzählt hat, hat sie dieses verborgene kostbare Talent nie erwähnt. Vielmehr hat sie alles in ihrer Macht Stehende getan, um Raina davor zu bewahren, jemals mit mir über die Winterstraße wandeln zu müssen.
Ich habe das stets akzeptiert und zugestimmt, Raina in Ruhe zu lassen. In der Tat habe ich nie eine Kraft in ihr gespürt, die stark genug gewesen wäre, um von Nutzen zu sein – da war nicht einmal ein Hexenmal. Aber die Götter wissen, dass eine Seherin für Winterhold eine wertvolle Bereicherung gewesen wäre.
Warum hätte Nephele dem gesamten Königreich einen so seltenen Schutz vorenthalten sollen? Und wenn das Mädchen alles ist, was Nephele behauptet, warum ist ihre Macht dann nicht mit einem Blick zu erkennen?
Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass Raina schon lange eine Frau und kein Mädchen mehr ist. Eine Frau, deren Gesicht in meinem Kopf haften bleibt, obwohl es keinen Grund dazu gibt.
Colden presst sich die Hand vor den Mund, die Knöchel sind angespannt und weiß wie Schnee. »Ich hoffe, sie ist das Risiko wert, das ich eingehe, wenn ich das zulasse.«
»Du traust Nepheles Wort nicht?«, frage ich und ziehe die Hand von seinem Knie weg.
Ich kann es ihm nicht verdenken, wenn es so ist. Sogar ich zweifle an ihr, obwohl der Gedanke an meinen Eingeweiden reißt. Falls Raina diese Art von Macht besäße, würde ihre Haut das offenbaren – das ist die Wahrheit, die ich nicht ignorieren kann.
Es sei denn, da wäre mächtigere Magick am Werk.
»Natürlich vertraue ich Nephele«, antwortet Colden. »Aber die Zeit verwischt die Realität, oder hast du das vergessen? Nephele und Raina sind schon lange voneinander getrennt. Was Nephele über ihre Schwester weiß, ist vielleicht nicht die Wahrheit, die jetzt existiert.«
Colden lügt nicht, wenn es um Nepheles Wünsche in Bezug auf Raina geht – das könnte ich spüren –, aber es würde helfen, wenn sie hier wäre. Nachdem ich acht Jahre lang bei meinem Leben geschworen habe, ihrer Schwester das Schicksal zu ersparen, in Winterhold zu dienen, weiß ich nicht, wie ich mich fühlen soll, wenn ich mein Wort breche.
Nachdenklich streiche ich mir über den Bart. »Die Frage ist, ob du bereit bist, die Möglichkeit zu ignorieren, dass Raina eine Seherin ist, nur wegen eines schlechten Gefühls und eines bösen Traums? Wenn sie wirklich Hellsicht besitzt und das Gerücht, dass der Prinz des Ostens eure Abmachung verraten hat, auch nur ein Körnchen Wahrheit enthält, dann brauchen wir sie. Unbegründete Sorgen um meine Sicherheit dürfen dem nicht im Wege stehen. Ich habe schon viel Schlimmeres erlebt als einen weiteren Erntetag. Ich passe schon auf.«
»Ich könnte mit dir gehen«, bietet Colden mit offenem Blick an. »Alleine bist du furchterregend. Zusammen sind wir eine Naturgewalt.«
»Auf keinen Fall. Wenn Gefahr droht, sind wir beide sicherer, wenn du zu Hause bist, und ganz Tiressia ist sicherer, wenn du unter dem Schutz der Witch Walker stehst. Bitte streite nicht mit mir darüber. Du kannst nicht gewinnen.«
Er lehnt sich nach vorne, stützt seine Stirn auf die verschränkten Finger und atmet einen langen, kalten Atemzug aus, der kurz in der Luft verharrt, bevor er davonschwebt. Ich weiß um sein Dilemma. Ich kann seine Aufgewühltheit spüren. Es ist unmöglich, sich keine Sorgen um jemanden zu machen, mit dem man so viel geteilt hat.
Schließlich sind wir wie zwei Hälften desselben Ganzen.
»Dann geh.« Er hebt den Kopf. »Reite direkt nach Silver Hollow. Finde das Mädchen und kehre so schnell wie möglich in den Wald zurück. Ich will nicht, dass du nach Einbruch der Dunkelheit im Tal bist.«
Er mag den Gedanken, dass er mich beherrscht, aber wir beide wissen, dass ich nur noch hier bin, weil er mich braucht.
»Ja, mein Herr und mächtiger König. Ich wurde geboren, um dir jeden Wunsch zu erfüllen.« Ich bringe so etwas wie ein Lächeln zustande, stehe auf und verbeuge mich, um so vielleicht seine Stimmung aufzulockern, bevor ich mich verabschiede. Ich erwarte fast, dass Colden die Augen verdreht, aber sein Gesicht ist immer noch ernst, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als zuvor. Aller Humor in meiner Stimme ist verschwunden. »Gut. Aber versichere mir, dass du zurück nach Winterhold gehst. Warte nicht auf mich. Ich will dich genauso in Sicherheit wissen wie du mich.«
»Dessen bin ich mir bewusst.« Er wirft mir einen Blick zu, den ich nur allzu gut kenne. »Und ja, ich werde gehen. Es gefällt mir zwar nicht, aber ich mache mich auf den Weg.«
Wir starren uns einen langen Atemzug an, dann lösche ich das Feuer und mache mich daran, meinen Waffenrock, meine Schwertscheide und die Waffen umzuschnallen.
»Immerhin musst du nur das Mädchen holen.« Colden steht auf und klingt, als wollte er sich selbst davon überzeugen, dass ich alles im Griff habe. »Das ist eine einfache Aufgabe.«
»So hoffe ich zumindest. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frau, an die ich mich erinnere, mir Ärger macht.«
Colden schenkt mir ein düsteres Halblächeln. »Wenn sie auch nur ansatzweise so ist wie ihre Schwester, dann könntest du damit sehr falschliegen.«
Wohl wahr.
Gemeinsam gehen wir nach draußen, steigen auf unsere Pferde und stehen uns gegenüber im gedämpften Sonnenlicht, das durch das Blätterdach des Waldes fällt.
Coldens tödliche Fäuste umschlingen die Zügel. »Bevor ich aufbrach, habe ich Nephele und die anderen angewiesen, sich bei Sonnenuntergang auf den Wald zu konzentrieren. Sollte jemand den Wald betreten, werden meine Witch Walker das merken. Wenn sie eine Bedrohung wittern, werden sie dafür sorgen, dass der Feind es bereut, jemals einen Fuß in unser Tal gesetzt zu haben.« Winzige Eissplitter überziehen die Lederriemen, die er in der Hand hält. »Sie werden den Frostwater Wald nicht verlassen – zumindest nicht, bevor sie sich mir gestellt haben.«
Seine Augen sind schwarz wie Ruß, sein Gesicht ist steinern. Jede Verletzlichkeit, die er kurz zuvor noch unter seine Haut kriechen ließ, liegt jetzt in seinen Knochen begraben.
Colden Moeshka, der grimmige Frost King, ist zurückgekehrt.
»Wir sehen uns bald«, sage ich zu ihm, und nachdem er sich mit der Faust auf die Brust geklopft hat – seine Art zu sagen: »bis wir uns wiedersehen« –, trennen sich unsere Wege.
Ich drücke die Hacken in die Flanken meines Pferdes und wappne mich, im Verborgenen zu reiten. »Galoppier wie der Wind, Mannus!«, rufe ich. »Finden wir Raina Bloodgood.«
4
Raina
Mit dem geschärften Messer und dem gestohlenen Dolchgürtel, den ich in meiner Tasche verstaut habe, kehre ich zur Hütte zurück und verbringe den Rest des Vormittags damit, Mutter bei den Vorbereitungen für das Erntefest zu helfen. Nachdem ich die letzten Äpfel in einen Topf gekippt habe, stelle ich ihn über das Feuer.
»Ich bin sicher, den Jägern geht es gut.« Mutter steht von ihrem Stuhl auf und wischt sich die Hände an dem Handtuch ab, das sie sich an der Taille festgebunden hat. Mit einem leichten Stirnrunzeln späht sie aus dem Fenster. »Wahrscheinlich haben sie gestern Abend ein bisschen zu viel Bier und Wein getrunken.«
