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Das Schweigen über den bundesdeutschen Neorassismus ist gebrochen, ausgelöst durch den Anstieg rassistischer Gewalt, der mit der Vereinigung einherging, und durch die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl. Doch die Forschung konzentriert sich auf rechtsextremistische Aktivitäten und hier auf Jugendliche – mit diesem Fokus auf marginale Akteure wird das Problem selbst marginalisiert. Antirassistische Initiativen wiederum lokalisieren rassistische Haltungen und Praktiken vor allem im Staat und bei seinen RepräsentantInnen. Bei beiden Ansätzen bleibt die alltägliche Diskriminierung so unsichtbar wie die Bedeutung, die Konstruktionen des Anderen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben. Dieser Band zeigt, dass und wie Rassismus Bestandteil der westlichen Welt ist. Die Analyse seiner Geschichte und Gegenwart in der Perspektive seiner Überwindung ist notwendig auch eine Analyse der Widersprüche und Unterdrückungsformen, die unsere westeuropäischen Gesellschaften insgesamt ausmachen.
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Seitenzahl: 565
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Nora Räthzel (Hg.)
Theorien über Rassismus
Argument Verlag
Theorien über Rassismus
Das Schweigen über den bundesdeutschen Neorassismus ist gebrochen, ausgelöst durch den Anstieg rassistischer Gewalt, der mit der Vereinigung einherging, und durch die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl. Doch die Forschung konzentriert sich auf rechtsextremistische Aktivitäten und hier auf Jugendliche – mit diesem Fokus auf marginale Akteure wird das Problem selbst marginalisiert. Antirassistische Initiativen wiederum lokalisieren rassistische Haltungen und Praktiken vor allem im Staat und bei seinen RepräsentantInnen. Bei beiden Ansätzen bleibt die alltägliche Diskriminierung so unsichtbar wie die Bedeutung, die Konstruktionen des Anderen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben.
Dieser Band zeigt, daß und wie Rassismus Bestandteil der westlichen Welt ist. Die Analyse seiner Geschichte und Gegenwart in der Perspektive seiner Überwindung ist notwendig auch eine Analyse der Widersprüche und Unterdrückungsformen, die unsere westeuropäischen Gesellschaften insgesamt ausmachen.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 2000/2022
Argument Verlag, Glashüttenstraße 28, 20259 Hamburg
Umschlag: Martin Grundmann
ISBN 978-3-86754-828-1 (E-Book)
ISBN 978-3-88619-258-8 (Buch)
Beim Blick auf die Titel der hier veröffentlichten Artikel tauchen Bilder aus unseren ersten Auseinandersetzungen mit dem bundesrepublikanischen Neorassismus auf: feministische Freundinnen, die meinten, das Thema hätte nichts mit Feminismus zu tun, Ausländerinnen kämen in ihrem Alltag nicht vor, es wäre daher aufgesetzt, sich mit dem Thema zu befassen; linke Freunde, die darauf bestanden, »unsere Arbeiter« müßten immer an erster Stelle unserer Aufmerksamkeit stehen; eine Stiftung, welche die Finanzierung unseres Kongresses »Migration und Rassismus in Europa« ablehnte, weil es in Deutschland keinen Rassismus mehr gäbe; eine gewerkschaftliche Einrichtung, die erklärte, für sie seien nur Themen von Interesse, die Arbeitnehmer betreffen ...
Diese bis ca. 1990 dominante Auffassung, Rassismus in Deutschland sei eine Sache der Vergangenheit, sei mit dem Ende des deutschen Faschismus zu Ende, ist der Grund dafür, daß fast die Hälfte der hier wiederveröffentlichten Texte (7 von 16) von Autoren und Autorinnen aus den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und Italien stammen. In den ersten drei Ländern ist die Debatte um Rassismus in den Nachkriegsgesellschaften 20 bis 30 Jahre alt. Vorangetrieben wurde sie vor allem von eingewanderten Bevölkerungsgruppen im Kampf gegen ihre Diskriminierung und Marginalisierung.
Die oben zitierten Auffassungen wird man heute kaum noch finden. Die feministischen Freundinnen lehren heute zum Teil selbst über Rassismus, untersuchen das Verhältnis von Ethnizität und Geschlechterverhältnissen, die Gewerkschaften initiieren in gewissen Abständen Kampagnen gegen Rassismus oder »Ausländerfeindlichkeit«, wie sie es nennen. Die Aussagen des neuen Innenministers, die Bundesrepublik könne keine Einwanderung mehr vertragen, und die Unterschriftenaktion der CDU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft provozieren Kritik und Widerstand aus zahlreichen Institutionen, Initiativen und von Individuen.
Das Schweigen über den bundesdeutschen Neorassismus ist gebrochen. Aber wodurch? Ausgelöst wurde die Debatte über Rassismus, die Gründung von antirassistischen Initiativen und der Beginn von Forschungen zum Thema durch den Anstieg rassistischer Gewalt, der mit der Vereinigung einherging, und durch die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl, die wiederum mit dieser Gewalt legitimiert wurde (vgl. hierzu Räthzel 1997: Gegenbilder. Nationale Identitäten durch Konstruktion des Anderen). Dieser Auslöser bestimmt bis heute die Art und Weise, in der man sich in der Bundesrepublik mit der Frage des gegenwärtigen Rassismus auseinandersetzt: Die meisten Forschungen konzentrieren sich auf rechtsextremistische Aktivitäten und hier besonders auf die von Jugendlichen. Mit der Konzentration auf diese marginalen Akteure wird das Problem selbst marginalisiert. Es entsteht der Eindruck, die bundesdeutsche Gesellschaft sei insgesamt »ausländerfreundlich«, und lediglich an ihren Rändern trieben einige benachteiligte Jugendliche ihr von der Mehrheit verabscheutes Unwesen. Viele antirassistische Initiativen lokalisieren rassistische Haltungen und rassistische Praktiken vor allem im Staat und bei seinen RepräsentantInnen. In beiden Sichtweisen bleibt die alltägliche Diskriminierung ebenso unsichtbar wie die Bedeutung, die Konstruktionen des Anderen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben.
Die Artikel in diesem Band, erschienen in Argument-Sonderbänden oder in der Zeitschrift Das Argument zwischen 1989 und 1992, analysieren vor allem diese beiden Aspekte. Sie zeigen, daß und wie Rassismus Bestandteil der westlichen Welt ist. Die Analyse seiner Geschichte und Gegenwart in der Perspektive seiner Überwindung ist daher auch immer Analyse der Widersprüche und Unterdrückungsformen, die unsere westeuropäischen Gesellschaften insgesamt ausmachen (was nicht bedeutet, daß es nur hier Rassismen gibt, jedoch liegen hier zuallererst unsere Erkenntnis- und Eingriffsmöglichkeiten), nicht die Untersuchung einiger mehr oder weniger bedeutsamer Randphänomene. Heißt das nicht, den Begriff des Rassismus inflationär zu gebrauchen? Die Frage der Begriffsbildung ist in der Tat relevant, um das, wovon die Rede sein soll, präzise zu bestimmen und nicht in einem Meer negativer Erscheinungen zu verlieren. Auch darum geht es in den folgenden Arbeiten.
Viele der hier wiederabgedruckten Texte findet man häufig zitiert, jedoch sind die Texte selbst nicht mehr verfügbar. Wir hoffen, diese Auswahl aus unseren früheren Publikationen trägt mit dazu bei, die Diskussionen um Wirkungsweisen verschiedener Rassismen und die Möglichkeiten, sie zu bekämpfen, ins Zentrum gesellschaftstheoretischer und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen zu rücken.
Nora Räthzel
Es gibt m.E. keine wissenschaftliche Grundlage für die Aufteilung der Menschheit in biologisch unterscheidbare »Rassen«. Natürlich bestehen physiologische und phänotypische Unterschiede, Unterschiede in der Hautfarbe, der Körperform usw. Die neuesten Forschungen definieren Rassen nach der Häufigkeit, mit der bestimmte Genkombinationen vorkommen. Sie haben jedoch gezeigt, daß die Unterschiede innerhalb einer als genetisch gleich definierten Gruppe genauso groß sind wie die Unterschiede zwischen zwei als genetisch verschieden definierten Gruppen. Das heißt nicht, daß es keinen Rassismus gibt, sondern daß er nicht auf natürlichen, biologischen Fakten beruht. Rassismus ist eine soziale Praxis, bei der körperliche Merkmale zur Klassifizierung bestimmter Bevölkerungsgruppen benutzt werden, etwa wenn man die Bevölkerung nicht in Arme und Reiche, sondern z.B. in Weiße und Schwarze einteilt. Kurz gesagt, in rassistischen Diskursen funktionieren körperliche Merkmale als Bedeutungsträger, als Zeichen innerhalb eines Diskurses der Differenz. Es entsteht etwas, was ich als rassistisches Klassifikationssystem bezeichnen möchte, ein Klassifikationssystem, das auf »rassischen« Charakteristika beruht. Wenn dieses Klassifikationssystem dazu dient, soziale, politische und ökonomische Praxen zu begründen, die bestimmte Gruppen vom Zugang zu materiellen oder symbolischen Ressourcen ausschließen, dann handelt es sich um rassistische Praxen.
Ich fasse das bisherige in einer Paradoxie zusammen: »Rasse« existiert nicht, aber Rassismus kann in sozialen Praxen produziert werden. Das ist m.E. das Kennzeichen für den ideologischen Diskurs. Der Begriff der Ideologie ist fast genauso schwer zu definieren wie der Begriff Rassismus, und es gibt mindestens ebenso viele unterschiedliche Auffassungen darüber, auf die ich jetzt nicht im Detail eingehen möchte. Nur soviel sei gesagt: Immer wenn Bedeutungen produziert werden und wenn diese Bedeutungsproduktion mit Fragen der Macht verknüpft ist, finden wir das Ideologieproblem. Bedeutungsproduktion ist nicht an sich ideologisch, und Macht kann ohne Bedeutungsproduktion funktionieren. Doch die Verknüpfung von Bedeutung und Macht oder von Wissen und Macht konstituiert die ideologische Instanz. Rassistische Ideologien entstehen also immer dann, wenn die Produktion von Bedeutungen mit Machtstrategien verknüpft sind und diese dazu dienen, bestimmte Gruppen vom Zugang zu kulturellen und symbolischen Ressourcen auszuschließen. Ich möchte dies als Ausschließungspraxen bezeichnen.
Auf dieser allgemeinen Ebene besteht kein Unterschied zwischen rassistischen und sexistischen Praxen. Auch im Sexismus findet man scheinbar natürliche Eigenschaften, die als Zeichensystem funktionieren, durch das ein Teil der Bevölkerung auf einen gesellschaftlich untergeordneten Platz verwiesen wird. Rassismus wie Sexismus sind Formen der Naturalisierung. Damit bezeichnete Marx jenen Vorgang, in dem kulturelle und soziale Tatsachen als natürliche Eigenschaften dargestellt werden. In dieser Form läßt sich über die kulturellen und sozialen Tatsachen leicht eine allgemeine Zustimmung organisieren, weil für diese eben die Evidenz des angeblich Natürlichen spricht. In England haben wir deshalb eine Redesart: Wenn jemand nach dem Unterschied zwischen Frauen und Männern fragt, antwortet man ironisch: Den sieht man auf den ersten Blick. Um die Praxen, mit denen Klassen vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen werden, zu verstehen, müßte man sich ein bißchen mehr anstrengen. Aber wenn es um »Rassen« geht – da liegt der Grund unmittelbar auf der Hand, man »sieht ihn«.
Ausschließungspraxen haben große Ähnlichkeit mit dem, was Foucault Diskurs genannt hat. Ich werde im weiteren Verlauf allgemein von »rassistischen Diskursen« oder »Diskursen des Rassismus« sprechen. Das hat nicht nur eine theoretische, sondern auch eine praktische Bedeutung. Foucaults Diskursbegriff hat zwei Vorteile. Er macht erstens keinen Unterschied zwischen dem, was normalerweise Praxis und Ideologie genannt wird. Der Unterschied zwischen Geist und Körper, der für das ganze westliche Denken charakteristisch ist und den die Deutschen besonders gern machen, wird im Diskurs-Begriff aufgehoben. In ihm sind alle Praxen durch Ideen bestimmt und alle Ideen sind in Praxen eingeschrieben. Zweitens befreit er Marxisten von einer Versuchung, der sie so gerne erliegen: das Ökonomische für wichtiger zu halten als das Politische. Viele marxistische Theorien des Rassismus leiden daran, daß sie die Spezifik des Rassismus auf ein bloßes Nebenprodukt des Ökonomischen reduzieren. In dem begrifflichen Rahmen, in dem ich arbeite, haben alle ideologischen Praxen politische und ökonomische Existenzbedingungen, wie alle ökonomischen Praxen ideologisch mit bestimmt sind. Nach Althusser gibt es keinen Augenblick, in dem ihre Majestät die Ökonomie voranschreitet ohne Politik, ohne Ideologie, und uns sagt, wohin die Geschichte läuft. Wir können also den Begriff des rassistischen Diskurses im Sinne von Ausschließungspraxen benutzen, so wie ich sie zu definieren versucht habe.
Rassismus ist in den modernen kapitalistischen Instrustriegesellschaften zu einem bestimmenden Moment geworden. Er ist verknüpft mit Fragen des Kapitals, aber die kapitalistische Produktionsweise kann keineswegs einfach als Ursache des Rassismus betrachtet werden. Wie das Patriarchat ist der Rassismus auch ein vor- und nachkapitalistisches Phänomen. Andererseits kennen wir Gesellschaften, in denen es den Gegensatz von Kapital und Arbeit gibt, der aber nicht strukturiert ist durch die Konstruktion »rassischer« Unterschiede. Wir kennen andere Gesellschaften, in denen es die Gegensätze von Kapital und Arbeit und von Schwarz und Weiß gibt, ohne daß beide sich entsprechen würden. Nehmen wir das Beispiel Südafrika, den offensichtlichsten Fall einer rassistisch organisierten Gesellschaft. In einer klassischen marxistischen ökonomischen Analyse sind sowohl schwarze als auch weiße Arbeiter durch das weiße Kapital ausgebeutet.
Aber die schwarzen Arbeiter werden politisch und ökonomisch auch durch die weißen Arbeiter ausgebeutet. Es gibt also keine einfache Entsprechung zwischen dem Gegensatz von Kapital und Arbeit und dem Gegensatz der »rassisch« definierten Gruppen. Es kann also keine einfache Identität zwischen Klasseninteressen und den Interessen geben, die sich aus »rassischen« Unterschieden ergeben. Nähme man das an, unterstellte man außerdem, daß es überhaupt so etwas wie ein einfach gegebenes Klasseninteresse gibt. In letzter Zeit ist es ziemlich schwierig geworden, irgendein einfaches ökonomisches Klasseninteresse zu entdecken, das nicht von Ideologie durchsetzt ist. Und jetzt sehen wir uns darüber hinaus noch mit der Schwierigkeit konfrontiert, daß selbst die ökonomischen Klasseninteressen, die wir entdecken können, nicht mit jenen politischen Interessen korrespondieren, die durch »Rasse« organisiert werden. Ich behaupte nicht, daß es keine Verknüpfung von sozialen oder ökonomischen Klasseninteressen und »rassisch« bestimmten Interessen geben kann. Aber Verknüpfung unterscheidet sich sehr von Identität.
Das mag sich sehr abstrakt anhören, aber es hat unmittelbaren Einfluß auf antirassistische Praxen. Um es einfach zu sagen, selbst wenn man – mit viel Glück – eine Klasse finden würde, die ihre Interessen kennt und politisch entsprechend handelt, könnte man nicht unterstellen, daß sie das Richtige über »Rasse« denkt. Antirassismus stellt sich also nicht mit Notwendigkeit ein, sondern es gibt ihn immer nur, soweit er politisch hergestellt wird. Wenn man in einer Gesellschaft ohne antirassistische Politik lebt, ist man dazu verurteilt, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben, und weder irgendein ehernes historisches Gesetz noch der letzte Flug der Eule der Minerva wird uns davor bewahren.
Dies hat Konsequenzen für die Frage, wie Rassismus sich in den modernen kapitalistischen Gesellschaften entwickelt hat. Die klassische Geschichte über die Entwicklung des Kapitalismus, wie wir sie bei Marx finden, unterstellt ganz andere Entwicklungen als die, die wir historisch vorfinden. Die Logik des Kapitals soll sich über solche Partikularismen wie Geschlecht und »Rasse« hinwegsetzen, sie soll geschlechts- und »rassen«blind sein. Es ist gleichgültig, wer den Mehrwert produziert, solange er überhaupt produziert wird. Bis zu einem gewissen Grad ist das richtig. Die Expansion des Kapitals hat tatsächlich zunehmend einige der Schranken, die historisch in traditionellen Gesellschaften existiert haben, niedergerissen. Aber daneben gibt es noch eine andere historische Tendenz: den Kapitalismus, der spezifische Unterschiede ausnutzt und darauf aufbaut. Der moderne Kapitalismus funktioniert entgegen der nivellierenden Tendenz des Weltmarkts gerade aufgrund und nicht etwa trotz geschlechtsspezifisch und »rassisch« definierter Arbeitskraft. Die Unfähigkeit der Linken, das zu begreifen, hindert sie auch zu erkennen, daß es so etwas wie Sexismus, Rassismus und Nationalismus, die nach der Theorie längst verschwunden sein müßten, überhaupt gibt.
Der Rassismus lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die andere Geschichte des Kapitalismus. Ich meine nicht die Geschichte der bürgerlichen Revolution in Europa, die den Kapitalismus aus den feudalen Strukturen geschaffen hat, sondern den Kapitalismus der Eroberungen, des Weltmarktes, der Besetzung der Peripherien, des Imperialismus. Denn genau dort, wo die expandierende Herrschaft des kapitalistischen Imperiums auf andere »Rassen« getroffen ist, hat sich der Rassismus als eine Form der Ausschließungspraxis entwickelt.
Die dritte Frage, die ich in bezug auf den Zusammenhang von »Rasse« und Klasse behandeln möchte, ist die, ob Rassismus ausschließlich ein Problem der herrschenden Klasse, der herrschenden Gruppen der Gesellschaft ist. Ich fürchte, das ist eine weitere Geschichte, die die Linke sich selbst lange Zeit zu ihrer Beruhigung erzählt hat: die Geschichte von der logischen Unmöglichkeit einer rassistischen Arbeiterklasse. Die Erfahrungen in der postkolonialen Welt zeigen, daß diese Geschichte unhaltbar geworden ist. Wir hätten die Unhaltbarkeit dieser Geschichte schon längst erkennen müssen, denn schließlich hat sich die Arbeiterklasse in der imperialistischen kapitalistischen Welt im Rahmen der Etablierung des Kapitalismus als Weltsystem herausgebildet. Folglich waren die Ideologien des Imperialismus und der rassischen Überlegenheit und Minderwertigkeit innerer Bestandteil der Kultur der Arbeiterbewegung. Sie formten und beeinflußten das kulturelle und soziale Leben aller subalternen und aller herrschenden Klassen in der europäischen Welt. Nur weil wir die Geschichte unserer Nationen im nachhinein ohne die Beziehung zur restlichen Welt konstruiert haben, konnten wir so lange am Bild einer Arbeiterklasse festhalten, die gegenüber dem Rassismus immun ist. Die untergeordneten Klassen neigen weder mehr noch weniger als irgend jemand sonst auf der Welt zum Rassismus.
Aber ich muß euch warnen: Ich bin nicht der Meinung, daß der Rassismus der untergeordneten Klassen eine Form falschen Bewußtseins ist. Er ist ebenso authentisch wie jede andere Form sozialen Bewußtseins. Ich lehne die Theorie des falschen Bewußtseins insgesamt ab, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Ich habe noch nie jemanden sagen hören: »Ich habe ein falsches Bewußtsein.« Man hört nur: »Ich begreife die Dinge, die andern haben ein falsches Bewußtseins.« Das falsche Bewußtsein ist so etwas Ähnliches wie Werbung und Pornographie: »Ich bin dafür unempfänglich, aber die anderen fallen darauf rein.« Das ist keine Form, den Rassimus als Phänomen ernst zu nehmen. Statt dessen müssen wir lernen zu begreifen, inwiefern Rassismus eine authentische Form sein kann, in der untergeordnete soziale Gruppen ihre Unterordnung leben und erfahren. Wir müssen begreifen, wie Gruppen, die von den Reichtümern unserer Wohlstandsgesellschaften ausgeschlossen sind, die aber gleichwohl zur Nation gehören, sich mit ihr identifizieren wollen, im Rassismus eine authentische Form der Identitätsgewinnung und des Selbstbewußtseins finden können.
In England haben wir die Erfahrung gemacht, daß Rassismus gerade dort selbstverständlich und offensichtlich ist, wo Leute mit Menschen, die als andere »Rasse« definiert werden, Seite an Seite zusammenleben, und wo Gruppen, die um einen Platz an der Sonne kämpfen, andere Gruppen auszuschließen versuchen, die ebenfalls um diesen Platz kämpfen. Folglich ist der Kampf gegen Rassismus nicht hauptsächlich ein Kampf gegen andere Leute in anderen Gesellschaften, sondern ein Kampf innerhalb unserer eigenen Gesellschaft, innerhalb unserer eigenen Bewegungen und Kulturen.
Ich habe bislang über den allgemeinen Begriff des Rassismus gesprochen, über Rassismus im allgemeinen. Aber wo immer wir Rassismus vorfinden, entdecken wir, daß er historisch spezifisch ist, je nach der bestimmten Epoche, nach der bestimmten Kultur, nach der bestimmten Gesellschaftsform, in der er vorkommt. Diese jeweiligen spezifischen Unterschiede muß man analysieren. Wenn wir über konkrete gesellschaftliche Realität sprechen, sollten wir also nicht von Rassismus, sondern von Rassismen sprechen.
Wenn ich jetzt über England spreche, könnt ihr vielleicht eure Erfahrungen in Gedanken einfügen. Aus der Zeit der Sklaverei (England ist eine Gesellschaft ehemaliger Sklavenhalter) hat sich eine sehr alte und gut etablierte Sprache des Rassismus erhalten, in der schwarze Sklaven als eine völlig andere, nicht menschliche Spezies dargestellt werden. Es gab damals, wie ihr vielleicht wißt, einen Streit zwischen Sklavenhaltern und Kirche, denn nur wenn der Sklave nicht als Mensch definiert wird, ist es möglich, ihn wie eine Sache zu verkaufen. Während der Bewegung gegen die Sklaverei faßte dann das liberale Bürgertum die Sklaven nicht mehr als andere Spezies auf. Schwarze waren für es lediglich unentwickelte Kinder, die man zur Demokratie erziehen mußte. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, also im Zenit des Imperialismus, lebte in England der – wie ich sagen würde – genetische Rassismus wieder auf. In der nachkolonialen Periode findet man den genetischen Rassismus nicht mehr so häufig, üblich ist jetzt der kulturelle Rassismus. Dieser richtet sich nicht mehr gegen Sklaven, die in überseeischen Plantagen arbeiten, sondern gegen den großen Bevölkerungsteil, der nach dem Krieg aus der Karibik und aus dem indischen Subkontinent als »Gastarbeiter« nach England emigriert ist. Das ist die Paradoxie: Das englische Imperium holt seine Fahne ein und entläßt alle Kolonien aus der Abhängigkeit, nur um zu erleben, daß die Bewohner dieser Kolonien das erste Bananenschiff nehmen und nach London fahren, um zu sehen, wie es dort eigentlich aussieht. Manchmal glaube ich, die Engländer hätten uns lieben können, wenn wir bloß zu Hause geblieben wären. Aber dieser Affront, aufzutauchen, um nachzusehen, ob die Straßen Londons wirklich mit Gold gepflastert sind – das war zuviel für die englische Psyche.
Der Unterschied zwischen genetischem und kulturellem Rassimus ist folgender: Die Engländer behaupten nicht, daß wir kleinere Gehirne haben, aber sie glauben, daß unsere Fähigkeit, rational zu denken, nicht so entwickelt ist. Dort, wo wir hingehören, sind wir durchaus akzeptabel. Aber wenn wir die eingeborene Bevölkerung so durchmischen, dann spielen die Unterschiede in der Sprache, Hautfarbe, den Gewohnheiten, der Religion, der Familie, den Verhaltensweisen, den Wertsystemen doch eine große Rolle. Unsere Premierministerin hat das in der ihr eigenen Art klar und deutlich formuliert. Sie sagte: »Die englische Lebensweise wird von einem Fremdkörper bedroht.«
Was das heißt, werdet ihr gleich an dem Beispiel einer Schule in Nordengland sehen, einer Schule in einer Gegend, in der sehr viele Migranten leben. Die Mehrheit der Schüler und Schülerinnen dort sind entweder afrokaribisch oder asiatisch. Die Eltern der weißen Minderheit möchten ihre Kinder in einer anderen Schule einschulen. Sie argumentieren mit kulturellen Gründen, zum Beispiel möchten sie, daß ihre Kinder eine christliche Erziehung bekommen, während in der Schule eine ganze Reihe unterschiedlicher Religionen unterrichtet werden. Sie fügen hinzu, daß sie keine praktizierenden Christen sind. Wichtig ist für sie, daß das Christentum ein Kennzeichen ihrer Kultur ist, und deshalb wollen sie, daß ihre Kinder Zugang zu bestimmten kulturellen Werten bekommen, nicht zu bestimmten Glaubenssätzen. Diese Art von Rassismus ist keine gesellschaftliche Randerscheinung mehr. Er steht am Ende von zwei bis drei Jahrzehnten der Ausschließungspraxen. Das Ergebnis ist, daß der schwarze Bevölkerungsanteil die schlechtesten Arbeiten hat, unter den schlechtesten Wohnverhältnissen leidet, in den Vierteln mit den schlechtesten Schulen und Erziehungssystemen lebt usw. Die Versuche, die Benachteiligung der schwarzen Kinder aufzuheben, sind während der 10 Jahre des Thatcherismus auf erbitterten Widerstand getroffen. Es wird argumentiert, daß Programme zur Verbesserung der Ausbildungsbedingungen schwarzer Kinder die Interessen dieser Minderheit den mehrheitlich weißen Kindern aufzwingt. Der sogenannte Anti-Antirassismus ist deswegen zunehnehmend populär geworden.
Diese Argumentationsweise wird jetzt auch als Begründung für ein nationales Curriculum verwendet. Die englische Erziehung bildete bisher eine Kompromißform zwischen zentraler und lokaler Administration. Lehrer und Schulen hatten einen gewissen Spielraum zu entscheiden, was gelehrt wurde. So konnten antirassistische Programme entwickelt werden. Darüber hinaus ermöglichte dies auch die Entwicklung von Lernprogrammen, die es schwarzen Kindern erlaubten, etwas über ihre Geschichte und ihre Kultur zu lernen und auf diese Weise bestimmte Identifikationen aufzubauen, die sie in der herrschenden weißen Kultur nicht finden konnten. Aber jetzt gibt es zum ersten Mal ein nationales Curriculum, das denselben Unterrricht Tag für Tag zum gleichen Zeitpunkt an jeder englischen Schule vorsieht. Das erklärte Ziel besteht darin, das Curriculum in seine alte, traditionelle englische Form zu überführen. Nichts mehr über die Geschichte der Sklaverei, die Geschichte Indiens, die Geschichte anderer Sprachen – nur noch die englischen Könige und Königinnen. Das gehört zur sogenannten »Rückkehr zu den viktorianischen Werten«.
Es ist Teil der Wiedergeburt einer ganz spezifischen Form des Nationalismus. Eine bestimmte Auffassung von nationaler englischer Identität kämpft gegen alle diejenigen, die nicht dazugehören, einschließlich der Schwarzen natürlich. Diese beschränkte Einheit wird die »englische Art« genannt, das Englischtum. Great Britain limited, so könnte man das Ziel nennen, Großbritannien als Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Um dazuzugehören, müssen wir englisch aussehen, englisch denken und englisch glauben, man muß lernen, die Oberlippe steif zu halten, sich zum Abendessen in einen Abendanzug werfen. Diese Konzeption der englischen Lebensweise ist rassistisch. Es ist eine sehr enge und ausgrenzende Definition dessen, wer dazugehört und wer nicht. Geschichte, Kultur und »Rasse« werden benutzt, um ein System der Differenz zu konstruieren.
In dem Maße, in dem der Thatcherismus durch die Forcierung eines Markt-Individualismus den Zusammenbruch der Solidarbeziehungen vorantreibt, muß er die Nation auf einer anderen Grundlage konsolidieren, und diese Grundlage ist eine Neukonstruktion der englischen Identität. Die Premierministerin fragt: Gehören sie zu uns? Es gibt eine ganze Menge Leute, die nicht zu ihnen gehören. Je genauer man das »Englischtum« betrachtet, desto weniger scheinen dazuzugehören: Die Schotten, die Walliser, erst recht die Iren, die Schwarzen, die Frauen, die außerhalb des Hauses arbeiten, die meisten Leute im unterentwickelten Nordwesten und Nordosten, Arbeitslose – sie alle gehören nicht dazu. Man könnte meinen, diese Engländer seien eine aussterbende Spezies. Es gibt nur ein Problem mit ihnen: Sie haben die Macht. Sie sind hegemonial. Sie sind die hegemoniale Minderheit.
Eine Gesellschaft, die versucht, mit einer solchen engen rassistischen Definition nationaler Identität ins 21. Jahrhundert zu kommen, wird in zunehmendem Maße rassistisch werden. Diejenigen, die nicht dazugehören und die das nicht schweigend hinnehmen wollen, müssen polizeilich verfolgt, normalisiert und reguliert und zum Objekt symbolischer Ausschließung werden.
Zum Schluß möchte ich über den Charakter dieser symbolischen Ausschließung sprechen. Denn meiner Ansicht nach dienen die Ausschließungspraxen nicht nur dazu, Gruppen vom Zugang zu materiellen und kulturellen Gütern auszuschließen. Sie haben auch die Funktion, sie symbolisch aus der Familie der Nation, aus der Gemeinschaft auszuweisen. Man sollte nicht nur über die ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen des Rassismus nachdenken, sondern auch über etwas, das ich den inneren Raum des Rassismus nennen möchte.
Der rassistische Diskurs hat eine eigentümliche Struktur: Er bündelt die den jeweiligen Gruppen zugesprochenen Charakteristika in zwei binär entgegengesetzte Gruppen. Die ausgeschlossene Gruppe verkörpert das Gegenteil der Tugenden, die die Identitätsgemeinschaft auszeichnet. Das heißt also, weil wir rational sind, müssen sie irrational sein, weil wir kultiviert sind, müssen sie primitiv sein, wir haben gelernt, Triebverzicht zu leisten, sie sind Opfer unendlicher Lust und Begierde, wir sind durch den Geist beherrscht, sie können ihren Körper bewegen, wir denken, sie tanzen usw. Jede Eigenschaft ist das umgekehrte Spiegelbild der anderen. Dieses System der Spaltung der Welt in ihre binären Gegensätze ist das fundamentale Charakteristikum des Rassismus, wo immer man ihn findet. Das meine ich, wenn ich von der Konstruktion der Differenz durch die rassistischen Diskurse spreche.
Dieser Prozeß, die Welt in Begriffen »rassisch« definierter Gegensätze zu konstruieren, hat die Funktion, Identität zu produzieren und Identifikationen abzusichern. Er ist Bestandteil der Gewinnung von Konsensus und der Konsolidierung einer sozialen Gruppe in Entgegensetzung zu einer anderen, ihr untergeordneten Gruppe. Allgemein ist dies als die Konstruktion »des Anderen« bekannt. Sie teilt die Welt in jene, die dazugehören, und jene, die nicht dazugehören. Das ist keine simple Beschreibung von natürlichen Tatbeständen, sondern hier geht es um die Produktion von Wissen selbst.
In seinem ausgezeichneten Buch Orientalismus hat der palästinensischamerikanische Autor E.W. Said (Harmonsworth 1985) über diesen Prozeß der Konstruktion des Anderen geschrieben, darüber, wie der Mittlere Osten für den Westen zum Anderen wurde, wie der ganze Diskurs der Anthropologie, der wissenschaftlichen Forschung, des Reisens, der Linguistik, der Philologie, der Museumskunde etc. organisiert wurde, um dieses Unbekannte zu produzieren: den Orient.
Seit der feministischen Bewegung wissen wir etwas mehr über die politische Bedeutung der Konstruktion sexueller Diffrenz. Von der Psychoanalyse wissen wir, daß es keine Konstruktion des Selbst, keine Identität gibt ohne eine Konstruktion des Anderen. In der Arbeit von Lacan finden wir die Anfänge eines theoretischen Verstehens nicht nur davon, wie durch das Selbst das Andere konstruiert wird, sondern auch, wie dies durch die Konstruktion der sexuellen Differenz geschieht. Sehr viel weniger wissen wir bislang über die innere Produktion der kulturellen Differenz. Zweifellos steht diese in einer Beziehung zur Konstruktion der sexuellen Differenz, ist aber nicht damit gleichzusetzen. Trotzdem gibt es eine ganze Menge Indizien für die Annahme, daß die Konstruktion kultureller Differenz für die Herausbildung der Identität eine ähnliche Funktion hat wie die sexuelle Differenz.
Das heißt, obwohl die Konstruktion des Anderen ein Versuch ist, das, was wir nicht sind, an seinem Platz zu fixieren, in sicherer Entfernung zu halten, können wir selbst uns doch nur verstehen in Beziehung zu diesem Anderen. Deshalb ist zu bezweifeln, daß unsere kulturellen und nationalen Identitäten authentisch von innen definiert werden. Wer wir kulturell sind, wird immer in der dialektischen Beziehung zwischen der Identitätsgemeinschaft und den Anderen bestimmt.
Franz Fanon, der wohl am grundlegendsten verstanden hat, wie Rassismus und die Konstruktion der kulturellen Differenz zusammenhängen, gibt in seinem Buch Schwarze Haut, weiße Masken ein sehr gutes Beispiel dafür. Im Kapitel »Die erlebte Erfahrung des Schwarzen« beschreibt er, wie er zum ersten Mal begriffen hat, was es bedeutet, schwarz zu sein, als ein Kind seine Mutter am Ärmel zupfte und sagte: »Schau, Mama, ein Neger.« Ich zitiere einen Abschnitt aus diesem Kapitel: »Eingeschlossen in dieser erdrückenden Objektivität, wandte ich mich flehend an meinen Nächsten. Sein befreiender Blick, an meinem Körper entlanggleitend, der plötzlich keine Unebenheiten mehr hat, gibt mir eine Leichtigkeit zurück, die ich verloren glaubte, gibt mich, indem er mich der Welt entfernt, der Welt zurück. Aber da unten, direkt am Steilhang, strauchle ich, und der andere fixiert mich durch Gesten, Verhaltensweisen, Blicke, so wie man ein Präparat mit Farbstoff fixiert. Ich wurde zornig, verlangte eine Erklärung … Nichts half. Ich explodierte. Hier die Scherben, von einem anderen Ich aufgelesen.«
Rassismus ist m.E. zum Teil das Verleugnen, daß wir das, was wir sind, aufgrund innerer gegenseitiger Abhängigkeiten von Anderen sind. Es ist die Zurückweisung der angsterregenden Bedrohung, daß das Andere, so schwarz wie er oder sie ist, möglicherweise ein Teil von uns ist. Rassismus mit seinem System binärer Gegensätze ist ein Versuch, das Andere zu fixieren, an seinem Platz festzuhalten, er ist ein Verteidigungssystem gegen die Rückkehr des Anderen.
Die Angst, daß dieses Andere, das wir ausweisen und ausschließen wollten, möglicherweise wiederkehrt, taucht ebenfalls im Diskurs des Rassismus auf. Dies erkennt man in den Phantasien, die mit dem Rassismus überall einhergehen. Die Phantasie des weißen Mannes, daß der schwarze Mann sexuell potenter ist, als er es jemals sein könnte; die Phantasie, daß die primitiven Schwarzen noch eine Beziehung zur Natur, zu den Instinkten, zu den Gefühlen haben, die man verdrängt und unterdrückt hat. Ich sage etwas, das vielleicht schockierend scheint, nämlich daß diese Sprache des Hasses und der Gegnerschaft zum Teil genährt wird durch ein unaussprechliches Begehren. Deshalb können wir oft die Tiefe und die Macht des rassistischen Diskurses nicht begreifen.
Wir denken, daß er die Dinge in binäre Pole spaltet, um Ordnung herzustellen, während er in Wirklichkeit versucht, die Welt in diesen binären Gegensätzen zu fixieren, aus Furcht, sonst in einem Mischmasch zu versinken. Hinter dem Diskurs des Rassismus lauert immer die Angst vor kultureller Umweltverschmutzung. Wir versuchen den Diskurs des Rassismus rational zu analysieren, während er seine Macht und Dynamik gerade aufgrund der mythischen und psychischen Energien gewinnt, die in die Kultur investiert werden. Er ist Teil unserer Selbstdefinition, unserer Definition, zu welcher Gemeinschaft wir gehören und welches die Zukunft und das Schicksal unserer Kultur sein wird. Strategien und Politik des Antirassismus, die nicht versuchen, in diese tieferen und grundlegend widersprüchlichen Schichten des Rassismus hinabzusteigen, werden scheitern, weil sie sich auf die Oberflächenstruktur einer ausschließlich auf das Rationale zielenden Politik beschränken.
Die Politik des Rassismus und des Antirassismus dreht sich um die Produktion und Reproduktion der gesellschaftlichen Identität. Und es gibt kein Problem, das für die europäischen Gesellschaften derzeit dringender auf der Tagesordnung steht. Für sie stellt sich folgende Frage: Können sie, nachdem sie zwei bis drei Jahrhunderte in den Peripherien operiert haben, zu Beginn des 21. Jahrhunderts lernen, mit Unterschieden zu leben? »Mit Unterschieden leben«, das läßt sich einfach sagen, aber für die heutigen europäischen Gesellschaften ist es die schwerste Sache der Welt, praktisch mit Unterschieden zu leben. Denn es bedeutet, fähig zu werden zu einer Gemeinschaft, die es nicht nötig hat, alle anderen zu vernichten, um sie selbst zu sein. In der Sprache des Rassismus sind alle anderen ethnische Gruppen, und es geht jetzt darum, ob weiße Europäer es lernen können, eine ethnische Gruppe unter anderen zu sein. Das virulente Auftreten der verschiedensten Formen rassistischer Diskurse und Praxen im Herzen der industrialisierten kapitalistischen Welt ist ein Teil der langen Geschichte des relativen Niedergangs des Westens. Aber wie Marx in bezug auf den Niedergang des Kapitalismus sagte: Es gibt immer die Alternative zwischen Barbarei und Sozialismus.
Aus dem Englischen von Nora Räthzel
Im folgenden will ich die Bedeutung und Brauchbarkeit des Rassismus-Begriffs neu bestimmen. Zu diesem Zweck muß seine Beziehung zu einer Reihe verwandter Begriffe geklärt werden, indem wir die Natur desjenigen sozialen Prozesses theoretisch reflektieren, durch den wirklichen oder vorgestellten biologischen Charakteristika von Menschen eine Bedeutung zugeschrieben wird. Der Begriff »Rassismus« wird also analytisch entwickelt und nicht induktiv, auf Grund einzelner empirischer Ereignisse (z.B. auf Grund der Praxis und Ideologie der Nazis oder des britischen Kolonialismus), erschlossen. Der so gewonnene Begriff wird die Gemeinsamkeiten verschiedener Rassismen kennzeichnen, nicht aber den jeweils unterschiedlichen Gehalt der Repräsentation darstellen, ebensowenig wie die Umstände, die die Struktur dieses Gehalts und seine Äußerungsformen bestimmen. Dies wäre Gegenstand historischer Untersuchungen, die ich an anderer Stelle durchgeführt habe (vgl. Miles 1987a, 1988c).
Die theoretische Arbeit beginnt mit der Vorstellung von »Rasse«, von welcher der Rassismus-Begriff ursprünglich abgeleitet worden ist. Letzterer wurde zuerst benutzt, um die nazistische »Theorie« von der Überlegenheit der »Arier« über die Juden zu kennzeichnen, die wiederum teilweise aus den im 19. Jahrhundert aufgekommenen wissenschaftlichen Theorien über »Rasse« abgeleitet worden war (Hirschfeld 1938). Deshalb gibt es bis heute die Auffassung, der Rassismus-Begriff verweise ausschließlich auf Theorien über »Rasse«, der »Rasse«-Diskurs müsse also präsent sein, damit man von Rassismus sprechen könne. Dieser Ansicht bin ich nicht.
Im englischsprachigen Raum wird das Wort »Rasse« nach wie vor in mindestens drei verschiedenen Zusammenhängen benutzt: Innerhalb der Naturwissenschaften taucht es vor allem in der Biologie, speziell in der Genforschung auf, darüber hinaus in den Sozialwissenschaften. Außerdem ist es in der Umgangssprache sehr verbreitet und gehört zu den Schlüsselelementen des Alltagsverstandes (d.h. jener Ansammlung selbstverständlicher, oft widersprüchlicher Annahmen und Überzeugungen, mit denen die Menschen der sozialen Welt eine ideologische Struktur aufprägen, die eine gewisse Handlungsfähigkeit schafft). Diese Gebrauchsweisen unterscheiden sich, hängen aber zusammen.
In der Genforschung gibt es seit langem eine Diskussion darüber, ob die Anwendung eines »alten« Begriffs auf »neue« Phänomene, d.h. auf bestimmte Genkombinationen, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind und mit augenfälligen phänotypischen Variationen nicht korrelieren, zulässig ist. Obwohl unumstritten ist, daß der wissenschaftlich legitime Gegenstand der Analyse nicht mehr phänotypische Unterschiede, sondern Genkombinationen sind, ist man sich nicht einig, ob dieser Gegenstandswechsel sich auch in einer anderen wissenschaftlichen Terminologie niederschlagen, das Wort »Rasse« also nicht mehr benutzt werden sollte (vgl. Miles 1982; Montagu 1964; Jones 1981). Sicher ist nur, daß die Verwendung des »Rasse«-Begriffs zur Bezeichnung einer bestimmten Hierarchie von »Rassen«, die sich durch phänotypische Kennzeichen wie z.B. durch die Hautfarbe voneinander unterscheiden, wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist. Insofern existieren für Biologie und Genforschung keine »Rassen« (vgl. Montagu 1972; Rose u.a. 1984, 119f.).
Aber im Alltag sind die Tatsachen der biologischen Unterschiede sekundär im Vergleich zu den Bedeutungen, die diesen und sogar eingebildeten biologischen Unterschieden zugeschrieben werden. Um die Bedeutung dieses Vorgangs zu verstehen, müssen wir den Begriff der »Bedeutungskonstitution« (signification) einführen. Dieser Begriff bezeichnet einen Darstellungsprozeß, in dessen Verlauf bestimmten Objekten, Merkmalen und Prozessen eine Bedeutung zugeschrieben wird, die ihnen ein besonderes Gewicht verleiht und sie zugleich zu Trägern einer Reihe zusätzlicher, untergeordneter Merkmale macht (vgl. Potter u. Wetherhall 1987, 24-28). Bedeutungskonstitution beinhaltet also Selektion: Aus einer möglichen Menge von Objekten, Merkmalen und Prozessen werden nur bestimmte ausgewählt, die eine besondere, zusätzliche Bedeutung bekommen. Das betreffende Objekt, Merkmal oder der Prozeß werden damit zum Zeichen für die Existenz eines anderen, hypothetischen oder wirklichen Phänomens. Bedeutungskonstitution ist daher ein zentrales Element im Prozeß der Repräsentation, das heißt in jenem Prozeß, in dem ein Bild der sozialen Welt und der sozialen Prozesse geschaffen wird, ein Bewußtsein darüber, wie die Dinge »wirklich sind«.
Beim »Rasse«-Diskurs schließt die Bedeutungskonstitution zwei Ebenen der Selektion ein. Auf der ersten werden zunächst allgemeine biologische oder somatische Merkmale als Mittel der Klassifizierung und Kategorisierung ausgewählt. Auf der zweiten werden aus der Reihe der zur Verfügung stehenden somatischen Merkmale diejenigen ausgewählt, die dazu bestimmt sind, eine angenommene Differenz zwischen Menschen zu bezeichnen. Menschen unterscheiden sich durch eine Reihe phänotypischer Merkmale voneinander, zum Beispiel durch Größe, Gewicht, Länge der Arme und Beine, Haarfarbe, Ohrform usw. Spricht man also von »Rassen«, dann ist dies das Resultat eines bestimmten Prozesses der Bedeutungskonstitution: Bestimmte somatische Merkmale (z.B. die Hautfarbe) werden bedeutungsvoll aufgeladen und so zum Einteilungskriterium von als »Rasse« definierten Bevölkerungsgruppen gemacht.
An die auf Grund bestimmter phänotypischer Unterschiede gekennzeichneten Menschen heften sich gewöhnlich weitere, spezifische oder einzigartige kulturelle Merkmale, mit dem Ergebnis, daß eine »Rasse« als etwas vorgestellt wird, dem ein spezifisches Profil biologischer und kultureller Eigenschaften zukommt. Der Determinismus dieser Vorstellung bedeutet, daß allen, die die phänotypischen Merkmale besitzen, auch die kulturellen Charakteristika unterstellt werden. Es wird also angenommen, die menschliche Gattung bestehe aus einer Anzahl unterschiedlicher Gemeinschaften, und jedes einzelne Individuum gehöre zu einer dieser Gemeinschaften.
In Europa, Nordamerika und Australasien bezeichnet man normalerweise (wenn auch nicht ausschließlich) jene Gruppen als »Rassen«, die sich in ihrer Hautfarbe unterscheiden, so daß »Rassen« entweder »weiß« oder »schwarz«, jedoch nie »kleinohrig« und »großohrig« sind. Die Tatsache, daß nur bestimmten physischen Merkmalen unter bestimmten Bedingungen die Bedeutung »Rasse« gegeben wird, weist schon darauf hin, daß wir keine natürlich gegebene Aufteilung der Weltbevölkerung untersuchen, sondern die Anwendung spezifisch historischer und kultureller Bedeutungen auf die Gesamtheit der physiologischen Varianten des Menschen. Das geht auch aus historischen Dokumenten hervor, wonach heute als »weiß« definierte Völker früher als unterschiedliche »Rassen« galten (vgl. Kamin 1977; Miles 1982). Definiert man also Gruppen auf Grund phänotypischer Merkmale als »Rassen«, so handelt es sich um einen Aspekt der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit: »Rassen« sind sozial imaginierte, keine biologischen Realitäten.
Zwar fungierte »Rasse« ursprünglich als eine Vorstellung innerhalb eines europäischen Diskurses, die auf verschiedene Andere projiziert wurde. »Rasse« blieb jedoch kein Element innerhalb eines Unterwerfungsdiskurses: Im 20. Jahrhundert akzeptierten die Opfer dieses Diskurses oft ihre Kennzeichnung als »Rasse«, verkehrten aber die damit verbundene negative Bewertung ihres Charakters und ihrer Fähigkeiten ins Gegenteil. Folglich ist der »Rasse«-Diskurs in einen Widerstandsdiskurs verwandelt worden. Bestimmte somatische Merkmale (wiederum in der Regel die Hautfarbe) wurden zum Zeichen einer gemeinsamen Erfahrung und eines gemeinsamen Schicksals als ausgeschlossene Bevölkerungsgruppe, unabhängig von Klassenposition und kulturellen Wurzeln. Um politisch zu mobilisieren, wurde an »Rasse« appelliert (normalerweise in Form eines Appells an das »Schwarz-Sein«). Das bekannteste Beispiel sind die Black Panther in den USA. Inhalt, Ziel und Strategie solcher Mobilisierungen unterscheiden sich beträchtlich, gemeinsam ist ihnen aber die (mindestens implizite) Anerkennung der Legitimität und Richtigkeit des europäischen Diskurses, durch den sie erst als »Andere« konstruiert worden sind. Die Umkehrung der negativen Bewertung führt in Wirklichkeit dazu, den Prozeß der Bedeutungskonstitution, durch den der Andere konstruiert wurde, auf einer tiefer liegenden Ebene zu verstärken (vgl. Fanon 1969). Im Zuge eines solchen Widerstandes wird der »Rasse«-Diskurs noch zusätzlich legitimiert.
Bereits im ersten Viertel dieses Jahrhunderts hat eine »Schule« nordamerikanischer und europäischer Sozialwissenschaftler das Studium dieser und daraus folgender Prozesse als wissenschaftliches Studium der Beziehungen zwischen »Rassen« oder der »Rassenbeziehungen« definiert (vgl. z.B. Banton 1987, 86ff.; Rex 1986). In den frühen siebziger Jahren wurde die Definition erweitert, so daß sie neben »Rassenbeziehungen« auch »ethnische Beziehungen« einschließt (Banton 1983). Wie ich anderswo dargestellt habe (Miles 1982, 22ff.; 1988), haben diese Autoren unkritisch den umgangssprachlichen Ausdruck »Rasse« benutzt, ihn verdinglicht und mit dem Status eines wissenschaftlichen Begriffs versehen (vgl. Guillaumin 1980, 39; Lecourt 1980, 282f.). Auf diese Weise haben Sozialwissenschaftler (einschließlich vieler, die sich selbst Marxisten nennen, vgl. Miles 1988) perverserweise das Leben einer Idee verlängert, die ausdrücklich und endgültig auf den Müllhaufen analytisch nutzloser Ausdrücke geworfen werden sollte. Klarheit ist notwendig: Ich streite nicht ab, daß Menschen sich nach somatischen und genetischen Merkmalen unterscheiden. Ebensowenig bezweifle ich, daß solche Merkmale in der »wirklichen Welt« zum Kennzeichen wichtiger Differenzen zwischen Menschen werden und daß die Idee der »Rasse« zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt eingeführt wurde, um die so unterschiedenen Gruppen zu benennen. Worum es mir geht, ist die Wissenschaftlichkeit der Begriffe, mit denen dieser Repräsentationsprozeß und seine ökonomischen und politischen Konsequenzen analysiert werden. Wenn »Rassen« keine natürlich vorkommenden Populationen sind, dann sollten die Gründe und Bedingungen für die Prozesse der Rassenkonstruktion problematisiert werden, statt von ihrer Universalität und Natürlichkeit auszugehen. Im folgenden geht es mir um die Entwicklung von Begriffen, mit denen man die Historizität dieser Prozesse konsistent erfassen kann.
Der erste Schlüsselbegriff ist Rassenkonstruktion (racialisation). Er wurde zuerst von Fanon benutzt (1969, 162; der Begriff wurde hier mit »Rassisierung« wiedergegeben; Anm. d. Übers.) im Kontext einer Diskussion der Schwierigkeiten, denen sich die kolonisierten Intellektuellen in Afrika gegenübersahen, als sie sich an den Aufbau einer künftigen Kultur machten (ebd., 158ff.). Banton hat den Begriff auf eine mehr formale Weise für all jene Fälle benutzt, in denen die Idee der »Rasse« die Wahrnehmung der Weltbevölkerung strukturiert. Er beschränkte den Gebrauch auf die Art und Weise, wie wissenschaftliche Theorien über Rassentypologien zur Charakterisierung von Populationen verwandt wurden. In jüngerer Zeit hat Reeves zwischen praktischer und ideologischer Rassenkonstruktion unterschieden (1983, 173ff.). Damit erweiterte er Bantons Begriffsgebrauch, denn »ideologische Rassenkonstruktion« schließt bei ihm alle Fälle ein, in denen »Rasse« in einem Diskurs benutzt wird. Omi und Winant benutzen den Begriff, um »die Ausweitung einer rassischen Bedeutung auf zuvor rassisch nicht klassifizierte Beziehungen, soziale Praxen oder Gruppen zu bezeichnen. Rassenkonstruktion ist ein ideologischer, historisch spezifischer Prozeß« (1986, 64).
Früher habe ich »Rassenkonstruktion« und »rassische Kategorisierung« synonym verwandt (1982, 120 u. 150). Letztere definierte ich als
»einen Prozeß der Grenzziehung zwischen verschiedenen Gruppen, wobei bestimmte Personen, primär mit Bezug auf (angenommene) angeborene (gewöhnlich phänotypische) Merkmale innerhalb dieser Grenzen verortet werden. Es handelt sich also um einen ideologischen Vorgang.« (Ebd., 157)
Heute ziehe ich es vor, nur von Rassenkonstruktion zu sprechen, aber in der obigen Definition, um den Begriff nicht auf historische Kontexte zu beschränken, in denen ausdrücklich von »Rasse« gesprochen wird. Da phänotypische Merkmale in europäischen Gesellschaften schon zur Unterscheidung von Gruppen dienten, bevor das Wort »Rasse« eingeführt worden war, mache ich keine solche Beschränkung. Auch in vielen gegenwärtigen Diskussionen werden – ohne die formale Präsenz eines »Rasse«-Diskurses – Kategorien wie »schwarz« und »weiß« benutzt zur Kennzeichnung und Konstruktion von Individuen und Gruppen.
Den Begriff »Rassenkonstruktion« benutze ich also, wenn soziale Beziehungen dadurch strukturiert werden, daß biologische Merkmale die Bedeutung bekommen, unterschiedliche soziale Gruppen zu konstruieren. Die zu Bedeutungsträgern werdenden Merkmale verändern sich historisch, und – obwohl es sich gewöhnlich um sichtbare somatische Merkmale handelt – sind andere, nichtsichtbare (behauptete und wirkliche) biologische Merkmale auch zu Bedeutungsträgern geworden. Der Begriff verweist also auf einen Vorgang der Kategorisierung und Repräsentation, in dem ein Anderer (normalerweise aber nicht ausschließlich) somatisch definiert wird. Die definierte Gruppe wird (implizit oder sogar explizit) für eine von Natur aus existierende Gruppe gehalten, die sich biologisch reproduziert und daher auch ein bestimmtes Muster der Geschlechterdifferenzierung einschließt (vgl. Billig 1976, 322ff.).
Die Konstruktion von »Rasse« ist ein dialektischer Prozeß der Bedeutungskonstitution. Wenn man ein reales oder vorgestelltes biologisches Merkmal zum Bedeutungsträger macht, um den Anderen zu definieren, unterwirft man das eigene Selbst notwendigerweise der Definition durch das gleiche Kriterium. Als die Griechen und Römer und später die europäischen Entdecker und Kaufleute die Afrikaner als »schwarz« definierten, definierten sie sich implizit als das entgegengesetzte Ende einer gemeinsamen Dichotomie oder eines Kontinuums, nämlich der Hautfarbe. Das »Schwarz-Sein« der Afrikaner widerspiegelte daher das »Weiß-Sein« der Europäer: Diese Gegensätze gehörten zusammen, jeder gab dem anderen seine Bedeutung innerhalb eines umfassenden Vorgangs der Bedeutungskonstitution. Das Selbst und der Andere waren daher gleichermaßen in eine gemeinsame (europäische) Bedeutungswelt eingeschlossen. Teilt der Andere diese Bedeutungswelt, dann wird er möglicherweise den Inhalt der »Rassenkonstruktion« zur Kennzeichnung des eigenen Selbst akzeptieren. Eine Periodisierung des Prozesses der Rassenkonstruktion würde das Aufkommen und den Gebrauch von »Rasse« als die zentrale, nicht aber als die einzige Phase seiner Geschichte bestimmen. Und obwohl die Vorstellung einer Hierarchie von »Rassen« in der offiziellen politischen Öffentlichkeit nicht mehr offen geäußert wird, ist die Auffassung nach wie vor weit verbreitet, daß »Rassen« als unterschiedliche biologische Gruppierungen existieren. Der Begriff der Rassenkonstruktion bezieht sich daher sowohl auf das Aufkommen der Vorstellung von »Rassen« als auch auf ihre fortdauernde Anwendung und Reproduktion.
Darüber hinaus beinhaltet die Konstruktion von Menschen als »Rassen« auch die Konstruktion von Prozessen, in die sie verwickelt sind, und von daraus resultierenden Strukturen und Institutionen als durch »Rasse« determinierte Prozesse und Strukturen. Werden zum Beispiel in der Gesetzgebung Menschen als »Rasse« definiert, so sind auch die Verhältnisse der Menschen untereinander, soweit sie durch Gesetze strukturiert sind, »rassisch« bestimmt (z.B. in Südafrika). Dasselbe geschieht aber auch, wo somatische Bedeutungen durch weniger formale Mechanismen konstituiert werden (z.B. wenn gefordert wird, daß »Schwarze« ausreichend in Entscheidungsstrukturen vertreten sein oder »Weiße« bei der Einwanderung bevorzugt werden sollten). Solche Prozesse haben eine lange Geschichte und finden sich in vorkapitalistischen wie in kapitalistischen Gesellschaften. Der jeweilige Inhalt dieses Prozesses und seine Konsequenzen (einschließlich seiner Verbindung mit politischen und ökonomischen Verhältnissen) kann nicht abstrakt bestimmt oder aus der Produktionsweise formal abgeleitet, sondern muß historisch untersucht werden (vgl. dazu Miles 1987a).
Der zweite Schlüsselbegriff ist Rassismus. Seine junge Geschichte hat uns eine Vielzahl von Bedeutungen und Gebrauchsweisen beschert, die der Klärung bedürfen. Zunächst schlage ich vor, den Begriff ausschließlich auf ideologische Phänomene anzuwenden. Im zweiten Schritt werde ich die spezifischen Merkmale nennen, die vorhanden sein müssen, um seine Verwendung als Rassismus zu rechtfertigen.
Der Grund, warum sich dieser Begriff nur auf Ideologien beziehen sollte, ergibt sich aus der Voraussetzung, daß der analytische Wert eines Begriffs sich nach seiner Tauglichkeit zur Beschreibung und Erklärung gesellschaftlicher Prozesse bemißt. Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe (1982, 1989), verringert ein inflationärer Gebrauch nicht nur die Erklärungskraft eines Begriffs, sondern untergräbt überhaupt die Bestimmtheit, mit der Aussagen gemacht werden können. Außerdem gibt es keinen notwendigen logischen Zusammenhang zwischen Kognition und Praxis. Die Fähigkeit, begriffliche Unterscheidungen zu treffen, ist nicht nur im Interesse einer theoretischen Genauigkeit notwendig, sondern auch, um potentiell erfolgreiche Interventionsstrategien formulieren zu können, mit denen sich rassistische Ideologien und die Benachteiligungen, die aus den dadurch ins Werk gesetzten Ausgrenzungen erwachsen, bekämpfen lassen.
Bevor ich mich der komplexen Dualität von Kognition und Praxis zuwende, muß zunächst der Begriff der Ausschließungspraxis geklärt werden, den ich benutze, um solche Fälle zu analysieren, in denen eine bestimmte Gruppe bei der Verteilung von Ressourcen und Dienstleistungen benachteiligt oder in der Hierarchie der Klassenpositionen unter- bzw. überrepräsentiert ist. Ein aktuelles britisches Beispiel wäre etwa die statistische Tatsache, daß männliche Jugendliche aus Westindien unter den Arbeitslosen überrepräsentiert (Newnham 1986, 17ff.), Frauen im Management unterrepräsentiert sind (Oakley 1981, 150ff.). Solche Ungleichheiten hinsichtlich Status und/oder Sozialleistungen setzen Entscheidungen und Prozesse voraus, bei denen Unterschiede zwischen Menschen gemacht werden. »Knappe« Ressourcen und Sozialleistungen sind die Grundlage für Diskriminierung und Ausgrenzung. Sie erfordern Entscheidungen über Wert und Berechtigung.
Der Begriff der Ausschließungspraxis meint also nur die konkreten Handlungen und Prozesse, ohne etwas über deren Ursache auszusagen. Dazu bedarf es zusätzlicher Untersuchungen. Der Begriff unterstellt z.B. nicht, daß Ausschließungspraxen, die die Erfahrungen und die gesellschaftliche Position von Personen aus der Karibik oder Asien bestimmen, teilweise oder ausschließlich darauf zurückzuführen sind, daß ihnen auf Grund ihrer Hautfarbe negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Das muß erst durch vergleichende Analysen nachgewiesen werden. Die hohen Arbeitslosenraten von Personen aus der Karibik oder aus Asien können zumindest teilweise das Ergebnis ihrer Überrepräsentation in besonders »rationalisierungsanfälligen« Beschäftigungssektoren sein und müssen nicht auf eine vorsätzliche Ausschließung auf Grund der Bedeutung somatischer Merkmale zurückgehen. Um der Gefahr monokausaler Erklärungen zu entgehen, sollte man, bis zum Beweis des Gegenteils, davon ausgehen, daß Ausschließungspraxen verschiedene Ursachen haben und nicht allein Ergebnis von Rassenkonstruktionen sind.
Zweitens bezieht sich der Begriff der Ausschließungspraxen sowohl auf vorsätzliche Handlungen wie auf ungewollte Folgen, die Strukturen der Ungleichheit schaffen. Sowohl Handlungen als auch deren Folgen müssen Individuen den freien Zugang zu bestimmten Sozialleistungen oder Positionen versperren oder zu ihrer Überrepräsentierung in negativ bewerteten Kategorien führen (z.B. werden sie öfter als andere von Polizeikontrollen angehalten und durchsucht). Aus Gründen analytischer Schärfe und um Interventionsstrategien entwickeln zu können, muß bestimmt werden, ob Ausschließungen ein vorsätzliches oder ungewolltes Resultat von Handlungen sind.
Drittens haben wir es mit einem dialektischen Verhältnis von Ausschließung und Einschließung zu tun, und zwar in doppelter Hinsicht: Ausschließungsprozesse, die beispielsweise Personen aus der Karibik oder aus Asien daran hindern, Lohnarbeit in Großbritannien zu finden, bestimmen zugleich implizit oder sogar explizit die Kriterien, nach denen andere dazugehören, also Zugang zur Lohnarbeit haben. Aktivitäten oder Prozesse der Einschließung, die z.B. dazu führen, daß die Kinder westindischer Eltern in »Sonderschulen« überrepräsentiert sind, waren gleichzeitig Aktivitäten oder Prozesse der Ausschließung dieser Kinder aus den »normalen« Schulen. In beiden Fällen sind Ausschließung und Einschließung verschiedene Momente ein und derselben Handlung oder eines einzigen Prozesses: Ausschließung ist zugleich Einschließung und umgekehrt.
Wenn wir den Rassismus-Begriff als ein Phänomen auf der Ebene der Repräsentation fassen, im Unterschied zu Ausschließungspraxen, was sind dann seine Hauptmerkmale? An anderer Stelle habe ich ausgeführt, daß Rassismus durch seinen ideologischen Gehalt, nicht durch seine Funktion definiert werden sollte (1989). Rassismus als Ideologie ist durch folgenden Gehalt bestimmt: 1) Gewissen biologischen Merkmalen wird eine Bedeutung zugeschrieben, wodurch sie zum Erkennungs-Zeichen bestimmter Gruppen werden. Status und Herkunft der Gruppen werden so als natürlich und unveränderlich vorgestellt, das Anderssein der Gruppe erscheint als eine ihr innewohnende Tatsache. Mit anderen Worten, es kommt zu einem Prozeß der Rassenkonstruktion. 2) Die so gekennzeichnete Gruppe muß mit zusätzlichen, negativ bewerteten (biologischen oder kulturellen) Merkmalen versehen und so dargestellt werden, als verursache sie negative Folgen für andere (vgl. Miles 1982, 78f.).
Die rassistische Ideologie hat eine Reihe zusätzlicher Merkmale. Weil sie einen Prozeß der Rassenkonstruktion voraussetzt, hat sie, erstens, einen dialektischen Charakter: In der Repräsentation des Anderen spiegelt sich zugleich das Bild des Selbst. Der Rassismus ist eine Repräsentationsform, die Gruppen von Menschen gegeneinander abgrenzt und zwangsläufig als eine Ideolgie der Ein- und Ausschließung funktioniert. Aber anders als im Prozeß der Rassenkonstruktion, wo Personen etwa durch die Bedeutung der Hautfarbe zugleich ein- und ausgeschlossen werden, funktioniert der Rassismus als ein Spiegel, in dem die negativen Merkmale des Anderen als positive Merkmale des Selbst zurückgeworfen werden. Rassismus setzt also Rassenkonstruktion voraus, geht jedoch darüber hinaus, indem er explizit negativ bewertete Elemente benutzt.
Der Rassismus kann zweitens die Form einer relativ kohärenten Theorie annehmen, er kann eine logische Struktur aufweisen und Beweise anführen, die seine Annahmen stützen. Er tritt aber auch als weniger kohärente Ansammlung von Stereotypen, Bildern, Zuschreibungen und Erklärungen auf, die konstruiert und benutzt werden, um den Alltag zu bewältigen. Auf allzu viele Teilnehmer an der Debatte über die Natur des Rassismus als Ideologie üben die Schriften ihrer intellektuellen Kollegen eine unerschöpfliche Faszination aus, während sie über die Art, wie die Repräsentationen des Anderen im Alltagsleben der Arbeiterklasse geschaffen und reproduziert werden, fast nichts wissen. Das Schimpfwort »fucking black bastard« ist wohl kaum eine systematische theoretische Konstruktion. Nur weil es in einer Fabrik oder in einem Büro als Form der Ausgrenzung geprägt und benutzt wurde, um einen Anderen zu schaffen und zu erniedrigen, ist es nicht weniger rassistisch. Was den Rassismusbegriff zunächst am meisten einengte, war, daß er sich im wesentlichen auf Texte bezog. Das zeigte sich darin, daß er als Lehre gefaßt wurde. Historisch haben wir im Vergleich zu der Unmenge rassistischer Texte, die von Journalisten, Missionaren, pensionierten Offizieren, »Amateur«-Wissenschaftlern und Universitätsprofessoren produziert wurden, nur wenige Zeugnisse über Art und Ausmaß rassistischer Ideologien in der Arbeiterklasse.
Der Rassismus ist drittens praktisch adäquat (zur Diskussion dieses Begriffs vgl. Sayer 1979, 3-11), d.h. er reproduziert im Denken bestimmte beobachtbare Regularitäten und liefert eine kausale Erklärung dieser Beobachtungen. Diese Erklärung gilt als konsistent und wird als »Lösung« der wahrgenommenen Probleme vorgestellt. Versteht man »Rassismus« hauptsächlich als »Irrlehre«, verkennt man eine Existenzbedingung von Ideologien (die per definitionem zwar insgesamt eine falsche Erklärung geben, aber dennoch gewisse wahre Elemente enthalten können): Sie können erfolgreich als »Sinngebungsinstanz« wirksam sein, zumindest bei denjenigen, die diese Ideologien gebrauchen. Anders gesagt, die rassistische Ideologie kann beschreiben und erklären, wie der Lauf der Welt erfahren wird. Weil der Rassismus praktisch adäquat ist, variiert zumindest ein Teil seiner Inhalte mit der Klassenzugehörigkeit seiner Vertreter, denn die Art und Weise, wie die Welt erfahren wird, und die daraus entstehenden Probleme unterscheiden sich je nach Klassenzugehörigkeit. In vielen Arbeiterwohnvierteln in England fielen etwa der Niedergang kapitalistischer Produktion und der Verfall städtischer Infrastrukturen (beides unvermeidliche Folgen der ungleichen Entwicklung des Kapitalismus) mit der Ankunft von Migranten aus der Karibik und dem indischen Subkontinent zeitlich zusammen. Während die Ursachen (im Gegensatz zu den Folgen), nämlich die sich verändernde Zusammensetzung und Mobilität des Kapitals sowie die Unfähigkeit des Kapitalismus, langfristig ausreichenden und angemessenen Wohnraum für die Arbeiterklasse bereitzustellen, nicht unmittelbar sichtbar waren, galt und gilt für die Anwesenheit einer Bevölkerung, die schon historisch als minderwertige »Rasse« konstruiert worden war, das Gegenteil (vgl. Phizacklea u. Miles 1979; 1980, 173ff.).
Die Folge war, daß beide Ereignisse, der ökonomische Niedergang und die Einwanderung von Migranten, von einem Teil der einheimischen Arbeiterklasse als kausaler Zusammenhang erfahren wurde. So wurde ein reales Problem, der fehlende Zugang zu materiellen Ressourcen und Sozialleistungen sowie die Suche nach einer Lösung und der Kampf um einen Ausweg, als »Rassenproblem« konstruiert. Die »Rasse«-Idee konstituiert Personen aus der Karibik und/oder aus Asien als illegitime und zu »uns« in Konkurrenz tretende Andere, deren Präsenz den Kampf um Wohnungen, Sozialeinrichtungen und Arbeit verursacht oder verschärft hat. Daraus wird dann, scheinbar logisch, gefolgert, daß die Probleme durch den Ausschluß der Anderen gelöst werden könnten. Um den Rassismus der Arbeiterklasse zu erklären, ist es deshalb nicht nötig, sich auf eine kapitalistische Verschwörung zu berufen oder auf die Existenz einer kleinen Minderheit »böser« Männer, die Hitlers Geburtstag feiern und Juden und »schwarze Dämonen« beschwören: Ein entscheidender Teil der Erklärung liegt vielmehr darin, daß Teile der Arbeiterklasse versuchen, sich die Welt so zu erklären, wie sie von ihnen unmittelbar erfahren wird.
Diese Ergebnisse untermauern empirisch die von Hall entwickelte Theorie, daß Rassismus in der Arbeiterklasse eine Form der Repräsentation ist, in der Teile dieser Klasse ihre Erfahrungen mit der kapitalistischen Produktionsweise leben (1980, 341). Allgemein bestätigen sie, daß Rassismus nicht aus
»einer Ansammlung falscher Wahrnehmungen besteht. (...) Er entspringt konkreten Problemen verschiedener Klassen und Gruppen in der Gesellschaft. Rassismus ist der Versuch, diese Bedingungen, Widersprüche und Probleme ideologisch so zu konstruieren, daß man mit ihnen umgehen und zugleich von ihnen ablenken kann.« (Hall 1978, 35)
Mit anderen Worten, Rassismus kann der Welt erfolgreich einen (wenn auch falschen) Sinn geben und so verschiedenen Sektoren verschiedener Klassen eine politische Strategie liefern. Insofern der Rassismus ein aktiver Versuch ist, eine spezifische Verbindung ökonomischer und politischer Beziehungen zu verstehen, diese Beziehungen daher seine Ursache sind, sollten Strategien zur Bekämpfung von Rassismus sich weniger ausschließlich darauf konzentrieren, diejenigen, die rassistisch argumentieren, davon zu überzeugen, daß sie »Unrecht« haben, sondern mehr darauf, diese spezifischen Verhältnisse zu verändern.
Viertens läßt sich mit dem Rassismusbegriff, wie bereits erwähnt, kein konkreter, historisch bestimmter Gehalt fassen, sondern die allgemeinen Merkmale bestimmen, die ein Diskurs aufweisen muß, um als rassistisch definiert werden zu können. Anders gesagt, »Rassismus« ist keine einmalige, statische Ideologie, die sich an Hand spezifischer Vorstellungen, Bilder und Stereotypen identifizieren ließe. Empirisch »hat es viele Rassismen gegeben, wobei jeder historisch spezifisch und in unterschiedlicher Weise mit den Gesellschaften verknüpft war, in denen er aufgetreten ist« (Hall 1978, 26; vgl. auch 1980, 342). Um auf die wenigen Forschungen zum Rassismus der Arbeiterklasse zurückzukommen: In unserer Untersuchung zum Rassismus der Londoner Arbeiterklasse in den siebziger Jahren haben Annie Phizacklea und ich die Spezifik dieser Ideologie herausgearbeitet, wobei etwa die relative Bedeutungslosigkeit von Stereotypen aus der britischen Kolonialgeschichte auffallend war (Phizacklea u. Miles 1979, 97f., 119f.; 1980, 173f.). Zwar existierte beispielsweise das Bild des »wilden Schwarzen«, das zuweilen den Kontext für andere Artikulationen abgab. Sein Erklärungswert für ökonomische und politische Realitäten, für den Mangel an Wohnungen und Sozialeinrichungen im London der siebziger Jahre war indes gering. In dem von uns herausgearbeiteten Rassismus diente die Hautfarbe der Identifikation des Anderen, von dem behauptet wurde, er hätte einen bevorzugten und nicht legitimen Zugang zu knappen Ressourcen (vgl. Miles u. Phizacklea 1979, 111).
Rassismen unterscheiden sich also in mehreren Hinsichten voneinander: bezüglich der Gruppe, die Objekt des Rassismus ist; der natürlichen Merkmale, die eine Bedeutung bekommen; der Charakteristika, die einer Gruppe zugeschrieben und negativ bewertet werden – alle diese Gesichtspunkte unterliegen historischen Veränderungen. Aber sie sind nicht historisch zufällig. Obwohl es wichtig ist, die sich verändernden Inhalte des Rassismus zu erkennen und seine Flexibilität zu erklären, gibt es auch bestimmte historische Kontinuitäten. So ist z.B. die europäische Repräsentation des Afrikaners über einen langen Zeitraum hinweg gleichgeblieben. Verschiedene Rassismen sind nicht notwendig unabhängig voneinander, sie werden nicht immer vollständig neu geschaffen. Jeder Fall von Rassismus wird ein Produkt sowohl der Bearbeitung einiger historisch früherer als auch der Schafffung neuer Elemente sein.
Den Rassismus-Begriff benutze ich demgemäß, um eine bestimmte Form (wertender) Darstellung als Bestandteil eines umfassenderen Prozesses (deskriptiver) Rassenkonstruktion zu fassen. Als eine Form der Darstellung ist Rassismus analytisch unterscheidbar von Ausschließungspraxen. Eine solche Unterscheidung ist grundlegend, weil sie die Erklärung, warum als »Rasse« konstruierte Bevölkerungsgruppen in gegenwärtigen und vergangenen Gesellschaftsformationen benachteiligte Positionen einnehmen, nicht vorwegnimmt. Ausschließungspraxen können teilweise oder ganz durch Rassismus verursacht sein, aber das muß jeweils gezeigt und darf nicht von vornherein unterstellt werden.
Dieser dritte Schlüsselbegriff läßt sich in zwei Fällen anwenden: erstens in solchen, in denen Ausschließungspraxen aus einem rassistischen Diskurs entstanden sind und ihn daher voraussetzen, aber nicht mehr ausdrücklich mit ihm gerechtfertigt werden. Zweitens in Fällen, in denen ein explizit rassistischer Diskurs modifiziert wird, so daß der offen rassistische Inhalt eliminiert ist, andere Worte, aber die ursprüngliche Bedeutung transportieren. In beiden Fällen bleibt der rassistische Diskurs unausgesprochen, ist aber in den Ausschließungspraxen oder im Gebrauch des neuen Diskurses enthalten. Der Begriff »institutioneller Rassismus« bezieht sich also nicht auf Ausschließungspraxen per se, sondern nur auf solche, die durch einen nun abwesenden rassistischen Diskurs gerechtfertigt oder in Gang gesetzt wurden, der mithin durch diese Praxen institutionalisiert worden ist. Will man also das Vorhandensein von institutionellem Rassismus erfassen, muß man auf die Geschichte des Diskurses rekurrieren und zeigen, daß vor dem Schweigen ein rassistischer Diskurs existierte.
Beide Formen des institutionellen Rassismus können an einem britischen Beispiel illustriert werden. Die erste läßt sich am Einwanderungsgesetz zeigen (vgl. Macdonald 1983). Keines der Einwanderungsgesetze nach 1945 bedient sich eines explizit rassistischen Diskurses: Sie beziehen sich nicht ausdrücklich auf »schwarze« Personen, und sie enthalten keine Aussagen, in denen versucht wird, andere Personen auszuschließen, die als andere »Rasse« definiert werden (im Gegensatz etwa zu der SpecialRestriction Order von 1925, in der von »farbigen fremden Seeleuten« die Rede ist). Untersuchen wir aber den politischen Kontext, in dem die Gesetze verabschiedet wurden, zeigt sich die rassistische Ideologie, und ihre rassistischen Ziele werden erkennbar.
In den späten vierziger und den frühen fünfziger Jahren gab es in der britischen Regierung geheime Überlegungen, ob Gesetze verabschiedet werden sollten, um das Recht »farbiger« Commonwealth-Mitglieder auf Einreise und Niederlassung in Großbritannien zu unterlaufen. In den späten fünfziger Jahren mehrten sich die Forderungen von Politikern (besonders 1958 nach Angriffen auf Personen aus der Karibik) nach einer Beschränkung des Einwanderungsrechts, weil »Farbige« angeblich eher zur Kriminalität und zu ansteckenden Krankheiten neigten. Der zunehmende öffentliche Druck, wegen der angeblich negativen Konsequenzen für die Wohnungslage und für die staatlichen Sozialeinrichtungen die Einwanderung »Farbiger« zu beschränken, sowie die wachsende Unterstützung solcher Forderungen durch Parlamentsmitglieder reichten der konservativen Regierung 1962 aus, um die schon zehn Jahre zuvor angestrebten Gesetze zu erlassen (vgl. Joshi u. Carter 1984; Miles u. Phizacklea 1984). Alle nachfolgenden Gesetze dienten der Absicht, die im Gesetz von 1962 festgelegten Ziele effektiver zu erreichen. Zum Beispiel wurde den »farbigen« Paßinhabern des Vereinigten Königreichs 1968 durch raffinierte juristische Methoden das Recht genommen, nach Großbritannien einzureisen, während das Einwanderungsgesetz 1972 das Recht auf Einreise und Niederlassung auf einige Millionen »weiße« Personen ausdehnte.
