Therapeutin der Herzen - Ralph-Dietmar Stief - E-Book

Therapeutin der Herzen E-Book

Ralph-Dietmar Stief

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Beschreibung

Während Teil I der biographischen Mallorca-Trilogie vom Leben und therapeutischen Wirken des Autors Ralph-Dietmar Stief, alias Michele Alegro, hautnah erzählt, wechselt der Autor in diesem zweiten Band die Perspektive. Auf spannende und einfühlsame Weise schreibt Ralph Stief nun als Rose Chanel. Der Leser wird jetzt in den Bann der ganzheitlichen Therapeutin und Lehrerin gezogen, als befinde er sich mitten in ihrem Leben und unmittelbar bei ihr als Schüler und Klient. In magischen Momenten verweben sich persönliche Gefühle der Therapeutin mit ihrem erstaunlichen Wirken. Nicht zuletzt auch durch die leicht verständliche Sprache und die vielen direkten Dialoge, fühlt sich jeder Leser unmittelbar angesprochen und erkennt sich ständig selbst, als schaue er in einen Spiegel.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2020

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„Ich widme diesen zweiten Teil meiner Trilogie mit ganzem Herzen

meiner Lebensgefährtin Bettina, alias Rose,

ihren wunderbaren Kindern,

im Buch als Martin, Eva und Florian, all ihren Schülern

und mit grossem Respekt ebenso allen in

diesem Buch aufgeführten Klienten.“

Sehr geehrte Fluggäste, wir erreichen nun die Startbahn und bitten Sie, sich anzuschnallen und Ihre elektronischen Geräte auszuschalten …“ Novembernebel vermischt mit Regen, undurchdringlich, wir heben ab und in meinen Ohren klingt die Melodie „Über den Wolken …“

Mein Blick hängt in diesem undurchdringbaren Grau, das sich weiter verstärkt, … immer dichter, dunkler, unheimlich, … schwarz …

In dieser Schwärze erscheint ganz plötzlich ein überdimensionaler runder, magentafarbener Kopf mit goldenen Augen. Links und rechts ragen Antennen aus diesem Kopf heraus, riesige knallrote, wulstige Lippen bilden den Mittelpunkt dieses Wesens und die großen runden Augen dringen tief in mich ein, kommen näher, ganz nah, … dann die Stimme: „Du wirst jetzt angeschlossen an die universale Quelle.“ Die Lippen berühren in diesem Augenblick meine linke Wange und ein totaler Schreck durchfährt mich! Ich will schreien, bekomme aber nichts heraus, ein Gefühl des Erstickens, ich bin wie gelähmt …

Nach einer Ewigkeit kann ich meine Augen öffnen. Sonne durchflutet das Flugzeug von der rechten Seite und ich schaue in fröhliche Gesichter. Der Schreck weicht. Ich muss kurz eingeschlafen sein. Kein Wunder nach diesem enormen Stress der letzten Monate.

„Wir erreichen in Kürze Mallorca. Die Temperaturen liegen bei 24 Grad, bei strahlendem Sonnenschein. Bitte richten Sie Ihre Sitze wieder auf und schnallen sich an“, ertönt es über die Lautsprecher. Mein Herz hüpft vor Freude. So lange schon wollte ich diese, wenn auch kurze, Auszeit. Jetzt ist sie gekommen. Nur für mich. Eine Woche, die ich genießen werde, und der Austausch mit Ingrid, an diesem Ort, wird sicher auch anregend sein.

Als ich das Flugzeug verlasse, empfängt mich ein angenehmes, warmes Lüftchen. Jetzt erst einmal zum Hotel, raus aus den dicken Klamotten und etwas Leichtes anziehen! Ab ins Taxi, Palmanova, ich komme …

* * *

Eine Stunde später spaziere ich bereits an der Strandpromenade entlang und sauge die gesamte Atmosphäre in mich auf. Es sind nur wenige Touristen da, kein Lärm, keine Tiqueteros, nur Sonne und eine leichte Brise. Traumhaft! Abschalten. Endlich! Nach so einer intensiven Zeit voller Aktivitäten erlaube ich mir jetzt, nur an mich zu denken. Das ist auch wichtig, denn ich stand kurz vor einem Burnout. Ob mir da eine Woche reicht, um mich zu regenerieren? ‚Ach, zerbrich dir darüber jetzt nicht den Kopf, sondern genieß jeden Moment‘, erreicht mich meine innere Stimme im selben Moment.

„Rose, du bist schon da?“, höre ich plötzlich kurz hinter mir eine Frauenstimme. Ich drehe mich um und falle Ingrid in die Arme.

„Jaaaa, endlich, ich bin da!! Hast du es bereits geahnt, mich hier anzutreffen?“

„Ich bekam vorhin plötzlich den Impuls rauszugehen und wie du siehst, es gibt keine Zufälle. Was hältst du von einem Aperitif?“

„Ja, sehr gerne. Setzen wir uns doch gleich hierhin. Es ist jetzt so schön leer an diesem Platz, eine ganz andere Atmosphäre. Ich weiß jetzt schon, dass mir der Rückflug schwerfallen wird“, seufze ich und setze dabei eine fast traurige Mine auf.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass du sicherlich sehr viel um die Ohren hattest. Schließlich weiß ich ja, was alles an dir hängt. Familie und dann dieser Beruf, wahrscheinlich mit einem Vierzehn- bis Fünfzehn-Stunden Tag, das hält man auf Dauer kaum aus. Aber ich kenne auch deinen Ehrgeiz und den bewundere ich an dir!“

„Teilweise auch achtzehn Stunden, aber ich werde mir darüber Gedanken machen, denn so geht es nicht mehr weiter. Mein Herz schlägt für die Schule und die Ausbildungen. Es macht so ungeheuer viel Spaß. Aber dann gibt es auch noch die Beratungen dazwischen, teilweise umfassende Geschichten. Und ja, die Familie … Es ist viel …“

„Wie läuft es denn mit deinem Mann? Unterstützt er dich?“

„Teilweise schon, aber zwischen uns ist schon länger die Luft raus. Die Gefühle sind wie abgestorben zwischen uns und so gebe ich natürlich alle Energie und Leidenschaft in meinen Beruf. Zum Glück sind die Kinder inzwischen in der Lage, auch mal für sich selbst zu sorgen, aber als Mutter möchte ich natürlich noch voll für sie da sein. Ich bin aber auch schon eine Weile drauf und dran, mich von Gus zu trennen. Nur wegen der Kinder hab ich mich noch nicht getraut. Eine Zeit lang muss es irgendwie noch so gehen.“

„Oh je, das zehrt aber dann auch sehr an dir. Es kann zermürben, immer nur etwas aufrechtzuerhalten, was nicht mehr stimmt. Als wir uns zuletzt bei Euch in Luzern getroffen haben, ist es mir schon aufgefallen, dass zwischen euch nichts mehr schwingt. Das hatte mich schon berührt, aber ich wollte damals nichts sagen.“ Ingrid schaut mich mitfühlend an. Sie versteht mich nur zu gut.

„Nun, aber es gehören auch immer zwei dazu. Ich hab ja mit dazu beigetragen, dass es auseinandergehen musste. Aber ich möchte kein schlechtes Gewissen deswegen haben. Meine Berufung hat auch eine wichtige Bedeutung und für mich ist alles eine Entwicklung, die so oder so gekommen wäre.“

„Ja Rose, du bist in der ganzen Zeit eurer Ehe vorangegangen. Gus konnte da gar nicht mithalten. Es ist sicher auch nicht seine Aufgabe, voll mitzuhalten. Geh mal davon aus, dass dies tief in euch so abgesprochen war und sich jetzt offenbart. Eure Kinder gehören ebenso in diesen Plan. Sie werden sich damit auseinandersetzen und es verstehen. Sie sind sehr aufgeweckt und mitfühlend, so, wie ich sie wahrnehme. Es wird ihr innerer Wunsch sein, dadurch mitzuerleben, wie Ihr mit euren Unterschiedlichkeiten und mit euch selbst umgeht.“

„Ja, Ingrid, so wird es sein. Wenn du mittendrin steckst, denkst du nicht zu jedem Augenblick in diese Richtung, aber tief in meinem Innern bin ich mir gewiss, dass es so ist. Danke, dass du das jetzt so ausgesprochen hast. Es gibt mir wieder mein Gefühl des absoluten Vertrauens zurück.“

Wir plaudern noch eine geraume Zeit über Gott und die Welt, über Ingrids weitere Pläne, fachsimpeln natürlich über Feng-Shui, unser beider Leidenschaft und so bemerken wir gar nicht, wie die Zeit dahinfließt. Es mag auch mit daran liegen, dass im Süden die Sonne erst später untergeht. Inzwischen ist es nämlich schon 17.30 Uhr und noch immer strahlt sie uns wärmend an.

„Hast du später noch Zeit und Lust mit mir essen zu gehen?“, frage ich.

„Würde ich gerne tun, aber heute Abend findet bei uns im Wohnblock eine Mieter- und Eigentümerversammlung statt. Einige Sanierungen stehen an, du weißt ja, im Süden wird nicht immer alles genau eingehalten, was einmal geplant war, aber gerne können wir uns morgen zum Essen treffen. Ich lade dich ein. Es gibt hier eine neue Tapas-Bar, alles ganz frisch, auch Fisch und Meeresfrüchte und der Hauswein ist ausgezeichnet.“

„Oh ja, darauf freue ich mich jetzt schon.“

Ingrid erklärt mir, wo ich das Lokal finden werde. Es ist nicht weit vom Hotel entfernt. Dann verabschieden wir uns ganz herzlich voneinander.

Beschwingt schlendere ich zu meinem Domizil zurück. ‚Auch gut‘, denke ich, ‚dann erobere ich jetzt mal die ganze Gegend alleine und schaue, wo ich gemütlich und genussvoll zu Abend speisen kann.‘

Inzwischen bin ich in der nächsten Bucht angekommen und bleibe stehen. Die Sonne spiegelt sich mitten auf der Wasseroberfläche und hat sich in einen feuerroten Ball verwandelt. Das muss aber jetzt sehr schnell gegangen sein. Bin ich doch nur etwa zehn Minuten an den Häusern, die mir die Sicht auf‘s Wasser versperrt hatten, entlanggelaufen. Rasch setze ich mich einfach in den Sand und lasse das Schauspiel auf mich wirken …Möwen kreisen vor der Sonne, kleine Wölkchen verteilen sich oberhalb des roten Balles, der genau jetzt in das Wasser einzutauchen scheint, und es vergehen keine zwei Minuten bis die Sonne untergegangen, und nur der weite Horizont noch übrig ist.

Dafür aber tritt ein weiteres, ungeheures Farbenspiel in Erscheinung. Gefesselt verfolge ich, wie alle nur vorstellbaren Rottöne den Himmel verfärben. Von Sekunde zu Sekunde verstärkt sich die Intensität bis hin zu einem glutroten Leuchten. Aber auch das verblasst dann ebenso schnell, wie es aufgekommen ist.

„Wow! Alles für mich! Danke lieber Himmel! Ich bin angekommen!“, rufe ich laut in Richtung des Horizonts.

Da vernehme ich hinter mir ein Räuspern. Ich drehe mich um und ein gut gebräunter Spanier lächelt mich an: „Junge Frau, Himmel hier ist wunderschön! Sie auch schön! Passen zusammen!“, kommt es in leicht gebrochenem Deutsch über seine vollen Lippen. „Was Sie machen auf Mallorca? Urlaub?“ Ich überlege, ob ich mich darauf einlassen soll.

„Nicht sorgen! Ich Sie nicht belästigen. Ich Sie beobachten, wie Sie verbunden sind mit Natur. Das mein Herz berühren.“

„Vielen Dank“, antworte ich nun doch. „Ja, ich mache Urlaub.“

„Mögen Sie mehr Insel anschauen? Ist jeder Ort anders. Überall jetzt Natur. Sie ohne Auto? Ich Sie fahren an wunderschöne Plätze!“ Dabei kommt er auf mich zu und schwenkt mit ausgestrecktem Arm einmal von ganz links bis ganz rechts, um wohl die Größe der Insel anzudeuten, die er mir offensichtlich zu Füssen legen möchte.

„Ich Sie einladen. Dort Auto stehen.“

„Aber es ist gleich dunkel und ich möchte essen gehen. Vielen Dank für Ihre Einladung!“, entgegne ich ganz freundlich und erhebe mich, um meinen Weg fortzusetzen.

„Oh, ich Sie in romantische Bar begleiten! Nicht weit“, erklärt er noch immer lächelnd und durchaus sympathisch, aber es ist mir nicht ganz geheuer, ihm so einfach auf diese Einladung hin zu folgen.

„Nein, vielen Dank. Ich bin mit einer Freundin zum Abendessen verabredet“, bleibe ich mir jetzt treu und setze mich in Bewegung.

„Ich verstehen. Ich Sie nicht belästigen. Sicher wir sehen uns morgen! Wir uns finden!“ Er macht eine leichte Verbeugung der Höflichkeit und lässt mich an ihm vorbeigehen. Als ich mich nach vielleicht zwanzig Metern noch einmal umdrehe, steht er noch immer lächelnd am selben Platz und winkt mir kurz zu, ohne mehr zu sagen. Seine Augen aber leuchten sehr stark in der Dämmerung.

Inzwischen genieße ich mein Abendessen und lasse den inspirierenden Tag an mir vorüberziehen. Die Einladung des Spaniers zu einem Ausflug, gibt mit einen Anstoß dazu, an einem der nächsten Tage selbst einmal mit einem Mietwagen die Insel zu erkunden. An der Hotelbar nehme ich noch ein Glas Rotwein zu mir und begebe mich danach in das Reich der Träume, nicht ohne Vorfreude auf morgen.

* * *

Mitten beim Frühstücken blinkt mein Handy auf. Es ist Ingrid. Ich melde mich erfreut.

„Guten Morgen Rose. Ich hoffe, du hattest einen schönen Abend und eine gute Nacht.“

„Ja, das hatte ich. Du rufst sicher wegen unseres Treffens heute Abend an, nicht wahr? Ich freu mich schon.“

„Nein, ich möchte dich fragen, ob du eventuell kurzfristig einen Fall von mir übernehmen kannst. Ist ein wenig kompliziert, wie mir scheint, aber du wirst das meistern. Ich muss dringend zu meiner Mutter, da es ihr nicht gut geht. Wir telefonieren zwar täglich miteinander, aber heute früh ist sie ohnmächtig geworden. Gott sei Dank konnte sie sich wieder aufrappeln, aber ich hab jetzt große Sorge um sie.“

„Oh je, das sind ja keine schönen Nachrichten, aber ich würde auch sofort hinfliegen. Natürlich übernehme ich deinen Fall. So kann ich mal in die spanischen Häuser reinschnuppern, sicher ganz spannend.“

„Wunderbar, das ist ganz toll, danke! Ich hole dich in einer halben Stunde ab und bring dich zu dem Haus. Die Eigentümer haben einige Probleme. Interessant werden die Hintergründe sein. Ich mache dich kurz mit ihnen bekannt und verabschiede mich dann. Es sind Spanier, aber die Frau spricht deutsch, sodass es keine Verständigungsschwierigkeiten gibt. Dann also bis gleich vor dem Hotel. Ich muss jetzt rasch fertigpacken und noch einige Telefonate erledigen, damit alle wichtigen Personen Bescheid wissen.“

‚Fein‘, denke ich, ‚das ist ja unvorhersehbar spannend. Was da wohl jetzt auf mich wartet?‘ Eine knappe Stunde später stehen wir vor einem ziemlich großen Anwesen, typisch spanisch, aber kein altes Gebäude sondern in modernem Stil gebaut und sandsteinverkleidet. Lassen wir uns mal überraschen. Die Frau öffnet die große Eingangstür, begrüßt uns ganz herzlich und Ingrid stellt mich vor.

„Liebe Frau Moreno, leider muss ich ganz unverhofft zu meiner erkrankten Mutter fliegen. Aber ich stelle Ihnen hier eine meiner besten Schülerinnen vor, Frau Chanel. Sie hat inzwischen selbst eine Schule in Luzern und macht gerade hier Urlaub. Wenn Sie einverstanden sind, könnte Frau Chanel Sie ebenso kompetent beraten.“

„Ja, wenn Sie sie so sehr empfehlen, dann freuen wir uns jetzt auf Sie, Frau Chanel“, antwortet die Spanierin und schaut mich dabei etwas musternd, aber respektvoll und höflich an.

Ingrid verabschiedet sich von Frau Moreno, nimmt mich aber noch kurz zur Seite: „Rose, was ich dir die ganze Zeit noch sagen wollte, … ich kenne hier auf der Insel einen sehr guten Therapeuten, der auch ausgezeichnet aus den Händen liest. Den kann ich dir empfehlen, nicht nur wegen einer Sitzung, sondern weil es auch interessant für dich wäre, ihn mal als Gastreferent an deine Schule zu holen. Das wird er sicher machen. Er ist nur gerade auf dem spanischen Festland. Wenn er wieder zurück ist, frage ich ihn nach seinen Zeiten hier auf Mallorca und gebe dir dann Bescheid. Du willst ja im Frühling wieder auf die Insel kommen ... Also, dann viel Erfolg hier bei den Morenos, … und berichte mir später.“

„Danke Ingrid, auch für den Tipp mit dem Handleser. Das macht mich wirklich neugierig. Jetzt wünsche ich dir aber erst einen guten Flug und nur das Beste für deine Mutter!“

„Nun, dann kommen Sie doch herein. Ich rufe meinen Mann. Er muss verstehen, worum es jetzt geht. Eigentlich habe ich ihn damit überfallen. Er sträubt sich im Grunde gegen alles, was nicht absolut in sein Denkschema hinein passt, aber ich habe mich schon immer mit anderen Sichtweisen beschäftigt und fühle seit wir vor fünf Jahren in dieses Haus gezogen sind, dass hier etwas nicht stimmig ist. Die Energien fließen nicht optimal. Mein Mann hat ständig Rückenschmerzen und ich häufig Kopfweh … aber da gibt es noch einige Dinge mehr … Juan, donde`stas?“, ruft sie jetzt laut.

„Si, aqui, Maria“, gibt er zurück und erscheint unmittelbar nach seiner Antwort. Ein Hüne von Mann steht vor mir, schaut seine Frau fragend an, dann fällt sein Blick auf mich. Ich schüttle ihm die Hand, die er mir zögernd hinhält, während Frau Moreno ihm nun erzählt, worum es geht. Etwas skeptisch nickt er mit dem Kopf und deutet mir an, ins Haus zu kommen.

Langsam trete ich durch die sehr große schwere Eingangstür und bleibe dann stehen. Mein Blick wandert umher. Ich nehme alles auf, was ich sehe und was ich fühle. Von dieser Stelle aus schaut man bereits durch das Haus hindurch in den Wohnraum, an dessen Ende große Fenstertüren die Sicht bis in die Weite der Natur freigeben. Nichts hält diesen Blick auf und ich habe das Gefühl, ich werde regelrecht wieder aus dem Haus gezogen. Meine Energie kann sich hier nicht halten. Still bewege ich mich dann durch den Hausflur geradeaus in den weiten Wohnraum hinein. Nach dem recht dunklen Flur, empfängt mich auch hier eine dunkle, typisch mallorquinische Möblierung. Dank der großen Glasfront kommt zum Glück genügend Licht herein. Die dunklen Möbel scheinen mich aber zu erdrücken, dazu noch ein dunkelbrauner Teppich, auf dem der lange Esstisch im Mittelpunkt steht.

Nach und nach betrete ich einen Raum nach dem anderen und ordne, hierbei ganz automatisch, alles Sichtbare den energetischen Gesetzen des Feng-Shui zu. Dazu nehme ich die unterschiedlichen Energien in den einzelnen Räumen wahr.

Das Obergeschoss ist freundlicher. Hier wohnen die Kinder und auch ein großes Gästezimmer mit Zugang zu einem Bad ist vorhanden. Alles ist sehr großzügig, jedoch wirken hier die dunklen Balken, die das Dach halten, ebenso etwas erdrückend.

Nachdem ich alles in mich aufgenommen habe, schaut mich das Pärchen mittleren Alters mit gespannten, großen Augen an. Der Mann hatte sich zwischendurch immer wieder geräuspert und offenbart sich mir jetzt, was die Frau unmittelbar übersetzt:

„Unser ganzes Vermögen haben wir in dieses wunderbare Haus gesteckt. Wir fühlen uns hier sehr wohl. Wir sind glücklich, uns diesen Traum erfüllt zu haben.“

Seine Worte aber entsprechen nicht meiner Wahrnehmung. Er sieht in meinen Augen nicht glücklich aus. Das Haus spiegelt auch etwas anderes, zwar nicht in allen Bereichen, aber in entscheidenden räumlichen Verbindungen. Was soll ich zu seiner Ausführung sagen? Er gibt mir das Gefühl, sein Inneres verschlossen halten zu wollen. Soll ich ihm widersprechen? Nicht so direkt, aber ich kann ja vorsichtig Fragen stellen:

„Herr Moreno, ich beglückwünsche Sie zu diesem großzügigen Anwesen. Man sieht, dass Sie an nichts gespart haben und Ihrer Familie in jeder Hinsicht ein schönes Zuhause bieten wollen. Ihre Kinder werden sich hier bestimmt besonders wohlfühlen!“

Morenos Gesichtszüge hellen sich auf. „Ja, so ist es und auch die Großfamilie kommt sehr gerne zu Besuch. Alle fühlen sich hier bei uns richtig wohl. Gibt es denn etwas zu beanstanden aus Ihrer Sicht?“

„Nein. Ich habe nur erst alles eingeordnet und für mich festgestellt, ob Ungleichgewichte vorhanden sind.“

„Und? Sicher finden Sie alles bestens, oder?“

„Darf ich vorsichtig fragen, wie es in Ihrem Beruf läuft? Sind Sie da glücklich und erfüllt?“, taste ich mich nun langsam vorwärts. Der große kräftige Mann wird etwas verlegen.

„Wieso fragen Sie? Was hat das mit dem Haus zu tun?“

„Gerne erkläre ich Ihnen das“, antworte ich und schaue erst ihn und dann auch seine Frau beruhigend, aber mit klarem Blick an. „Alles in unserem Leben ist ein Spiegel für und von uns selbst, davon bin ich überzeugt und es gibt auch keine Ausnahme. Es ist ein irdisches Gesetz, dem alle Energien unterliegen und damit auch alles, was existiert. Sie können immer nur das im Leben vorfinden, was Ihnen entspricht. So können Sie auch nur dort wohnen, wo Sie sich in Ihrem derzeitigen Bewusstsein aufhalten. Ein Haus, eine Wohnung, ein Gebäude, spiegelt das Bewusstsein der Bewohner. Wenn wir uns das jetzt genauer von den gesamten Energien bis in die Details der Räume und des Grundrisses anschauen, sehen wir alle Ihre Lebensthemen, mit denen Sie sich derzeit auseinandersetzen.“

Hier stoppe ich erst einmal, um die Reaktionen meiner beiden Zuhörer aufzunehmen. Die Frau schaut vielsagend und zustimmend, der Mann skeptisch, jedoch spüre ich auch bei ihm etwas Neugier.

„Verzeihen Sie, mir ist das jetzt sehr fremd, was Sie sagen, aber wenn ich Sie richtig verstehe, erkennen Sie im und am Haus, wie es mir im Beruf ergeht?“

„Ergehen könnte… Ich sehe die Herausforderungen und auch die finanziellen Schwierigkeiten, die damit einhergehen müssten.“ Frau Moreno bekommt große Augen und ihr Mann wirkt plötzlich sehr betroffen.

„Sehen Sie noch andere Zusammenhänge zu unserem Leben durch das Haus?“, fragt er nun ganz interessiert. Vielleicht will er mich auch nur testen, um herauszufinden, dass meine Aussage reiner Zufall war.

„Es deutet einiges auf Unstimmigkeiten mit Ihrer Familie hin, Eltern, Großeltern, eventuell auch Geschwister. Da wird etwas nicht klar ausgesprochen. Des Weiteren könnte Ihre gefühlsmäßige Beziehung erfüllender sein. Sie haben sich beide vorgenommen, sich dieses Thema genauer anzuschauen.“ Absichtlich halte ich es offen, um wen es hierbei vorrangig geht. Es wird nicht leicht sein, den Mann davon zu überzeugen, dass seine Energien dominanter sind und er sein Herz mehr öffnen könnte. Frau Moreno aber versteht mich, ihrem Blick nach zu urteilen, sofort, jedoch greift sie nicht ein, als ob sie darauf wartet, was jetzt wohl ihr Mann dazu sagen wird. Ich fühle jedoch, dass ich die wesentlichen Dinge treffend auf den Punkt gebracht habe.

„Ich gebe zu, dass es finanziell gerade sehr eng ist. Meine Firma geht dem Konkurs entgegen, mit meinem Vater habe ich ständig Streit, unser Gefühlsleben ist aber bestens“, äußert sich jetzt der Mann.

„Juan, darf ich jetzt auch einmal etwas sagen oder sollen wir das lieber später unter uns besprechen?“, meldet sich jetzt seine Frau.

„Warum? Ist etwas nicht in Ordnung? Bist du nicht glücklich?“

„Liebe Frau Moreno, Sie sagten mir doch, Sie leiden häufig unter Kopfschmerzen. Sehen Sie da nicht einen Zusammenhang zwischen Ihren Gefühlen und diesem Leiden?“, werfe ich nun ein, um noch einen weiteren Aspekt einzubeziehen.

„Meinen Sie, dass das miteinander zusammenhängt? Ich dachte eher, ich schlafe vielleicht auf einer Wasserader.“

„Das könnte natürlich zusätzlich der Fall sein. Es würde dann alles noch verstärken. Ich mache gleich einen entsprechenden Test, aber es ist für mich an der Raumkonstellation bereits erkennbar, dass die Gefühle ein Thema sind“, erkläre ich und deute dabei auf den Raum, der die Beziehung spiegelt, der aber als große Abstellkammer genutzt wird. Das Schlafzimmer selbst befindet sich dagegen im Bereich, der der Karriere zugeordnet wird. Deshalb ist auch die berufliche Zukunft noch verschlossen. „Gehen wir mal zu ihrer Schlafstelle.“

Aus meiner Handtasche hole ich nun einen kleinen Tensor, den ich ausziehe und das gesamte Schlafzimmer auf Wasseradern prüfe. Tatsächlich verläuft dort eine Ader, sogar quer durch den ganzen Raum.

„Es ist so, hier verläuft eine Wasserader und Sie, Frau Moreno, wünschen sich ja eigentlich mehr Gefühle und Zärtlichkeit zwischen ihnen beiden. Sie verdrängen aber ihre diesbezüglichen Wünsche zumeist, was dann zu Kopfschmerzen führt. Gleichzeitig sind Sie aber so empfindlich, dass Sie die Wasserader wahrnehmen und das verstärkt den Kopfschmerz noch weiter.“

„Und mein Mann? Der spürt nichts?“

„Muss er nicht unbedingt. Gefühle sind ihm nicht so wichtig. Er ist auch nicht so sensibel wie sie.“

„Und was ist mit seinen Rückenschmerzen? Können die von der Wasserader kommen?“

„Wasser assoziiere ich mit Gefühl. Darin sehe ich weniger einen Zusammenhang bei Ihrem Mann. Seine Gefühle sind ja nicht so ausgeprägt, können nicht so leicht sensibilisiert werden. Seine Rückenschmerzen stehen im Zusammenhang mit seinem beruflichen und finanziellen Druck.“

Ein Erstaunen durchzuckt jetzt die Frau und sie übersetzt all meine Worte ihrem Mann, der dabei ungläubig den Kopf schüttelt, so, als könne er es gar nicht fassen. Sein Verstand möchte begreifen, wie so etwas in einem Haus erkennbar ist, aber es ist unvorstellbar für ihn. Dennoch zeigt er sich beeindruckt und fragt nun: „Von diesen Energien verstehe ich ja nichts, aber was können wir denn nun tun? Wir können doch nicht unser Haus aufgeben, nur weil Sie erkennen, dass zwischen all diesen Dingen hier möglicherweise ein Zusammenhang besteht. Und ein Umbau kommt nicht in Frage.“

„Natürlich müssen Sie das Haus weder umbauen noch aufgeben. Sie würden in diesem Fall auch gleich wieder ein Objekt anziehen, in dem sich dieselben Probleme spiegeln. Jetzt ist es wichtig, den Themen ins Auge zu blicken, denn da gibt es genügend zu verändern.“ Herr Moreno wird wieder neugieriger.

„Das Haus selbst können Sie mit wenig Aufwand so umgestalten, dass die Energien anders fließen. Wir gehen gleich alle Räumlichkeiten noch einmal durch und ich mache Ihnen geeignete Vorschläge. Wenn Sie diese dann umsetzen und gleichzeitig auch an die Themen gehen, um sich selbst neu im Leben zu orientieren, dann laufen die Dinge Hand in Hand und tragen Früchte. Das eine verstärkt dann das andere.“

„Ja gut. Besprechen Sie das mit meiner Frau im Detail. Nur, wie ich nun meine Firma retten kann, sehen sie wohl nicht?“

„Doch, Herr Moreno, allerdings bin ich weder eine Finanzexpertin noch eine Unternehmensberaterin. Was haben Sie denn für eine Firma?“

„Ich habe die Ziegelei von meinem Vater übernommen.“ Seine Miene spricht Bände, seine Arme hängen schwer nach unten, sein Blick ist fragend.

„Erfüllt Sie dieser Beruf voll und ganz? Sind Sie grundsätzlich damit glücklich?“

„Wie sollte ich?! Mein Vater redet mir in alles hinein. Wenn ich etwas erneuern will, neue Produktionen einführen möchte, dann wettert er dagegen. Tradition ist ihm wichtig.“

„Aha, da haben wir ja das Familienthema.“