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Dieser Sammelband widmet sich den Ergebnissen der Studie „KörperLOS – Eine qualitative Studie zur Rolle des Körpers in der digitalen psychotherapeutischen Behandlung“, die in Kollaboration der Fakultät für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und der psychotherapeutischen Ambulanz für Erwachsene der SFU durchgeführt wurde. Die einzelnen Beiträge präsentieren die Ergebnisse der Analyse von qualitativen Interviews mit Therapeut:innen in Ausbildung unter Supervision zu deren Wahrnehmungen und Erfahrungen mit Körper und Körperlichkeit in der Onlinetherapie: Ambivalenzen, Technik, Rituale und Abgrenzung, Raum und Räumlichkeit sowie psychotherapeutische Allianz und Beziehung und die Ethik in Bezug auf den Körper in der digitalen Therapie bilden den Schwerpunkt des Buches. Daneben bietet der Sammelband einen Überblick über die Rahmenbedingungen der Studie und einen Einblick in die psychotherapeutische Ambulanz. Das therapeutische Feld hat sich durch die Integration des Onlineraums während der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie erweitert, die Entwicklungen sind nicht mehr umkehrbar, es entsteht eine „Therapie+“, so die zentrale Erkenntnis.
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2023
Birgitta Schiller, Eva Wimmer, Stella Becher-Urbaniak (Hg.)
Therapie+
Die Herausgeberinnen bedanken sich herzlich bei DDr. Peter Geißler und Dr. Karl Purzner, die mit ihren Reviews zur fachlichen und wissenschaftlichen Qualität dieses Sammelbandes beigetragen haben.
Besonderer Dank gilt der Fakultät für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, deren finanzielle Unterstützung das Projekt und den Druck dieses Buches möglich gemacht hat.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Angaben in diesem Buch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr, eine Haftung der Herausgeberinnen, der Autor*innen oder des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage 2023
Copyright © 2023 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.
Umschlagbild: Alexander Urbaniak
Satz: Wandl Multimedia-Agentur
Druck und Bindung: Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Printed in Austria
ISBN 978-3-7089-2330-7 (Print)
ISBN 978-3-99111-700-1 (E-Pub)
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Therapie+: Körper im digitalen Raum
A Einführung in Terminologie und Konzepte
Das körperliche Multiversum der Onlinetherapie
Raum und Räumlichkeit
Ambivalenz: Onlinepsychotherapie als Chance, Verlust oder als Teil eines natürlichen Wandels?
B Methodologie und institutioneller Kontext
Der Rahmen der Studie: Die Psychotherapeutische Universitätsambulanz für Erwachsene der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien
Methode
C Therapie+ in der klinischen Praxis
Wie kann therapeutische Allianz im digitalen Raum gelingen?
Körper – wer? Körper und Körperlichkeit im Onlinesetting aus gestalttherapeutischer Sicht
Kommunikation in der Onlinetherapie nach dem VAKOG-Modell
Das Phänomen des „Weniger-Spürens“ – künstliche (Ab-)Grenz(ung) der emotionalen Übertragung im Onlinesetting
Wie Rituale zur Abgrenzung und Verarbeitung der psychotherapeutischen Tätigkeit im Onlinesetting beitragen
Herausforderung psychotherapeutische Selbstfürsorge im Onlinesetting
Erfahrungen und Umgang mit technischen Schwierigkeiten in der Onlinetherapie
Ethisches Praktizieren der Psychotherapie im digitalen Setting: Wahrnehmungen, Erfahrungen und Veränderungen. Perspektiven der Psychotherapeut*innen in Ausbildung unter Supervision der psychotherapeutischen Ambulanz für Erwachsene der SFU Wien
Quellenverzeichnis
Autor*innenverzeichnis
Vorwort
Schon längst spielt sich das Leben vieler Menschen online ab. Erste Begegnungen finden statt, ganze Beziehungen sind mit der Tastatur verbunden und manche Leben werden ganz transparent und verschmelzen zur Gänze mit dem mystischen Raum. Es ist an der Zeit, dass sich die Psychotherapie dieser Welt stellt. „Stellen“ ist dabei das richtige Wort, war der psychotherapeutische Raum doch so lange vor dieser Neuerung auf der Flucht. Dieser Sammelband möchte sich jedoch nicht nur stellen, sondern widmet das Hauptaugenmerk den Fragen, die geklärt werden müssen, um Psychotherapie in diesen neuen Koordinaten zu verorten. Es muss ein stabiler Boden unter den Füßen von Psychotherapeut*innen gefunden werden.
Die Covid-19-Pandemie schaffte vollendete Tatsachen und die Therapeut*innen und Patient*innen sahen sich einem Ultimatum gegenüber: Entweder sie machen online weiter oder eben nicht. Plötzlich war das für alle denkbar und möglich. Und nicht nur das – Sätze wie „Das ist ja völlig unproblematisch“, „Wie praktisch!“ und „Manche Menschen öffnen sich so leichter“ wurden oft geäußert. Die Menschen in Therapie fanden ihren Weg, aus der Notwendigkeit heraus. In den Beiträgen auf den folgenden Seiten wird die Notwendigkeit überwunden und der Raum von Möglichkeiten wird entdeckt.
Psychotherapie fing beim Körper aus medizinscher Sicht an beziehungsweise beim verzweifelten Versuch, eine organische Ursache für psychische Symptome zu finden. In der Zeit der Jahrhundertwende und davor forschte allen voran der bekannte Pathologe und Neurologe Jean-Martin Charcot in seinem Hôpital de la Salpêtrière in Paris an genau dieser Frage. Sigmund Freud lernte ebenfalls dort und beobachtete die „schönen Hysterien“. Aus diesen Versuchen gewann jedoch niemand Klarheit oder eine befriedigende Antwort auf die Frage der „wandernden Gebärmutter“. Es hieß: „Es kann nur eine jener Läsionen in Betracht kommen, welche sich unseren gegenwärtigen anatomischen Untersuchungsmethoden entziehen, und für die man übereingekommen ist, den Namen ‚dynamische‘ oder funktionelle Läsionen in Ermangelung eines Besseren zu gebrauchen.“ (Charcot, 1886) Damit wurde die große Entdeckung in der Medizin vertagt und die Psychotherapie mit ihren unterschiedlichen Methoden und Theorien durfte entstehen. Schlussendlich waren es die Patient*innen, die den Verzicht auf jegliche „Behandlung“ wünschten.
Die Geschichte und die Entwicklung der Psychotherapie hat durch ihren „libidinösen“ und körperlichen Anfang einen Schreck vor tatsächlicher Körperlichkeit bekommen und gleichzeitig ein starkes Interesse an den Zeichen des Körpers. Außer vielleicht in der Körpertherapie ist es nicht denkbar, dass Patient*innen in der Therapie berührt werden. Mache Therapeut*innen überlassen selbst die Aufforderung zum Händeruck den Patient*innen. Gleichzeitig wird die Qualität dieses Händeschüttelns akribisch beobachtet und dokumentiert. Ist es doch der Körper, der beginnt über Inhalte zu sprechen, die noch nicht gesagt werden können und dürfen. Dazu kommt die eigene körperliche Reaktion der Therapeut*innen, die unter der sehr grellen Lampe der Supervision gedeutet wird. Leichte Übelkeit, plötzliche bleierne Müdigkeit oder flüchtige Wahrnehmungsstörungen werden zum Ausdruck des therapeutischen Prozesses. Damit ist der Körper ein Instrument oder besser ein Empfänger von psychischem Geschehen, das noch nicht verbalisiert ist: durch diese ambivalente Haltung von Psychotherapie zum Körper, die einerseits sehr genau beobachtet und andererseits die Berührung ausschließt.
Jedoch verfügt der therapeutische Raum mit der alten Theorie und dem Wissen, das sich darin versammelt hat, über eine Eigenart, die dem Geschehen auf Leinwänden und Bildschirmen ähnlich ist. Der Raum ist artifiziell erzeugt und soll das therapeutische Geschehen sicher rahmen und die Dynamik vorantreiben. Ein „Tun als ob“ und etwas Spielerisches sind in diesem Raum zu Hause, dort entstehen ganze Welten und vielfältige Realitäten. Letzten Endes werden dort Tag für Tag Geschichten erzählt, um die Seele zu verstehen. Gleichzeitig werden Dinge inszeniert, ausgelebt und wiedererlebt, ähnlich wie im Theater durch Katharsis. Betrachtet man die Bildschirme, die so oft Schauplatz von mitreißenden Computerspielen sind, zentrales Medium von Kommunikation wurden und einen unstillbaren Hunger nach der nächsten Folge einer Serie erzeugen, so ist die Prognose vielversprechend, auch hier eine Möglichkeit für Therapie zu finden. Vielleicht findet sich in der Fiktionsbedürftigkeit der Menschen, wie es Precht ausdrücken würde, der Anfang einer Zuversicht und ein entfernter Verwandtschaftsgrad.
Besprochene Inhalte werden in den Köpfen der Therapeut*innen zu Fantasien. Bilder über Wohnungen, Urlaube, Verwandte und Haustiere formen sich auf therapeutischer Seite durch die gefärbte Wahrnehmung der Patient*innen. Ohne diese Färbung muss die Information erst reflektiert, supervidiert und mühsam in den Prozess integriert werden. Durch die Therapien im körperlosen Raum kommt es immer wieder zu Einblicken in den Alltag der Patient*innen. Ein Vorhang, eine Katze und die Dekoration am Rückspiegel des Autos gewähren unverhohlenen Einblick in den Alltag – ein Zustand, der entzaubernd wirken kann und die Angst vor der Therapie ohne Körper schürt.
Gleichzeitig kann ein Blick aus der Perspektive der Arbeit in der Krisenintervention diese Angst durch das Versprechen von Erreichbarkeit und Niederschwelligkeit verringern. In der Krise, in der die Patient*innen gestützt werden müssen und die therapeutische Hilfe öfter als einmal die Woche zu einer festgelegten Zeit benötigen, ist die Onlinetherapie ein willkommenes Mittel, um zu halten und zu begleiten.
In der komplizierten Beziehung von Therapie und Körper muss es Altlasten geben und die Angst vor dem Verlust oder der neuen Form des Körpers ist vererbt. Dieser Sammelband überwindet diese Tradierung und konzentriert sich auf den Wunsch, Psychotherapie über die Grenzen der Praxis hinweg geschehen zu lassen. Diese offene Herangehensweise wurde in Zusammenarbeit von psychotherapiewissenschaftlicher Fakultät und Lehrambulanz im Rahmen eines wertvollen Projekts untersucht, das sowohl den Nachwuchs fördert und ihm eine Stimme verleiht als auch den Geschehnissen der vergangenen Jahre entspricht.
Wien, im September 2022
Lisa Winter
Therapie+: Körper im digitalen Raum
Stella Becher-Urbaniak, Birgitta Schiller, Eva Wimmer
Weshalb sollten Körper und Körperlichkeit im Onlinesetting untersucht werden? Diese Frage hat sich das Team der Fakultät für Psychotherapieforschung und Psychosomatik der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) in Kooperation mit dem Forschungsteam der psychotherapeutischen Universitätsambulanz für Erwachsene der SFU gestellt, um Körper und Körperlichkeit im digitalen Setting mithilfe von Erfahrungswerten und Wahrnehmungen der befragten Psychotherapeut*innen in Ausbildung unter Supervision (i. A. u. S.) zu explorieren, welche an der besagten Ambulanz zum Erhebungszeitpunkt tätig waren. Die nonverbale Komponente, der Körper und die Körperlichkeit, werden bei Diskussionen zum Onlinesetting in der Psychotherapie oft vergessen. Sie scheinen zu fehlen, obwohl sie auch im Onlinesetting zentrale Faktoren darstellen, damit eine sinnvolle Therapie und die Arbeit mit Menschen jeglicher Art überhaupt geschehen und funktionieren kann (Inchausti, MacBeth, Hasson-Ohayon, & Dimaggio, 2020; Paiva, 2020).
Durch die wahrgenommene Abwesenheit der gemeinsamen physischen Präsenz tritt diese auch in den Hintergrund, was ein Nährboden sein kann, um den Körper tatsächlich außen vor zu lassen und Abwehrmechanismen zu intensivieren. In den folgenden Beiträgen soll die Wichtigkeit der bewussten Auseinandersetzung mit dem und der Awareness für den Körper kontextuell im digitalen Raum verdeutlicht werden. Das ist signifikant in einem lebendigen, sich stets wandelnden und flüchtigen Zeitalter (liquid modernity, Bauman 2000), um nach wie vor vollständig anwesend sein und dadurch Resonanz herzustellen zu können (Abella, 2018; Bauman, 2000; Kannarkat, Smith, & McLeod-Bryant, 2020; Rosa, 2016).
Psychotherapie war nie nur in einem Praxissetting zu denken; bereits Sigmund Freud pflegte mit einigen Patient*innen Briefverkehr oder ging mit ihnen spazieren (Agosta, 2019; Sayers, 2021). Individualität und die damit einhergehende individuelle psychotherapeutische Betreuung sollten offen sein für die Bedürfnisse der Betroffenen und adäquat an das Zeitalter und die zur Verfügung stehenden Ressourcen angepasst werden. Insofern ist nicht die Art des Settings für die klinische Arbeit entscheidend, sondern auch, wie Professionist*innen damit umgehen und welchen Zugang sie wählen.
Schon Sokrates wehrte sich vehement, seine Gedanken zu verschriftlichen, da in der Umwandlung des Verbalisierten in feste Buchstaben etwas Neues entstehe. Seine Befürchtung, dass vieles, was sprachlich ausgedrückt wird, in Texten verloren geht, ist korrekt. Doch das geschriebene Wort macht zusätzliche Ebenen der Sprache zugänglich, die wiederum dem Gesprochenen fehlen. Durch die Verbreitung von Text wurde vieles ermöglicht, das in einer rein gesprochenen Welt nicht vorstellbar ist (Abella, 2018).
Mitten im Digitalisierungsprozess kann der Schritt zur rein analogen Therapie nicht mehr gegangen werden, jedoch kann darüber diskutiert werden, welches Setting unter welchen Voraussetzungen für erfolgreiche Psychotherapie besser oder schlechter geeignet ist. Die Antwort ist, dass die beiden Formen nicht einfach austauschbar sind, doch eine Weigerung, sich mit den Veränderungsprozessen zu befassen, ist Realitätsabwehr. Die Zeit kann nicht zurückgedreht und es kann nicht dafür oder dagegen entschieden werden. Onlinetherapie wurde über Nacht fixer Bestandteil des therapeutischen Arbeitens. Ob gewollt oder nicht, Therapeut*innen mussten sich durch die Lockdown-Maßnahmen der Covid-19-Pandemie seit dem Jahr 2020 in einem globalen Ausmaß mit Online- und Teletherapie auseinandersetzen. Dieser Initialschritt hat die Grundstrukturen der gesamten therapeutischen Versorgung verändert. Berufsangehörige der Psychotherapie und verwandter Berufe besitzen das große Privileg, individuell arbeiten zu können, und die Möglichkeit, die Tätigkeit an die Klientel und das Zeitalter sowie die zur Verfügung stehenden Ressourcen an die Tätigkeit anzupassen.
Forschung zur Psychotherapie auf Distanz gibt es schon lange, genau genommen seit Beginn der Psychotherapie (Abella, 2018; Agosta, 2019; Sayers, 2021). Die Geister waren geschieden und die Differenzen schienen teilweise unüberwindbar. Die bisherigen Studien befassten sich ausschließlich mit Psychotherapeut*innen, die eine neue Art zusätzlich zum bestehenden Setting „ausprobierten“. Die Ambivalenzen wurden ausdiskutiert, und dennoch blieb eine verhärtete Front stehen, die unauflöslich schien. In vielen Ländern, auch in Österreich, blieb die Onlinetherapie auf dem Status einer Beratungsleistung und durfte nicht als Psychotherapie abgerechnet werden. Daher setzten sich nur wenige Therapeut*innen mit deren Möglichkeiten und Limitierungen auseinander (Haun et al., 2020). Eine weitere Hürde der Weiterentwicklung und psychotherapeutischen Analyse ist sicherlich im Generationenunterschied zu sehen, denn die medialen Neuerungen sind sehr jung.
Aktuelle Studien zur Umstellung im Zeitraum 2020 bis 2021 zeigen, dass die meisten Behandler*innen der Onlinetherapie sehr skeptisch gegenüberstanden und über die Potenziale der psychotherapeutischen Versorgung im Onlinesetting positiv überrascht waren (Beck-Hiestermann, Kästner, & Gumz, 2021; Humer, Stippl, Pieh, Pryss, & Probst, 2020; MacMullin, Jerry, & Cook, 2020; Merchant, 2021; Poltrum, Uhl, & Poltrum, 2020; Pozzi Monzo & Micotti, 2020; Probst, Haid, Schimböck, Stippl, & Humer, 2021; Uhl, Poltrum, & Poltrum, 2020). Nach einem ersten Jubel darüber, dass es so schien, als gäbe es keinen feststellbaren Unterschied in der Qualität der Therapie zwischen den unterschiedlichen Settings, kam jedoch eine Phase, in der von der Forschung genauer hingesehen wurde. Wieder verfing man sich in dem Versuch Onlinetherapie eins zu eins mit der Präsenztherapie zu vergleichen (Békés, Aafjes-van Doorn, Luo, Prout, & Hoffman, 2021; Eichenberg, 2021; Leukhardt, Heider, Reboly, Franzen, & Eichenberg, 2021). Geht man jedoch vom direkten Vergleich der beiden Formen des Settings weg und erkennt die Onlinetherapie als eigenständiges Setting an, ergeben sich Ressourcen und Möglichkeiten, die wiederum im Präsenzsetting nicht gegeben sind (MacMullin et al., 2020; Mitchell, 2020).
Um den Entwicklungen gerecht zu werden, sind auch die Untersuchungsinstrumente und unser gesamter psychotherapeutischer Blick auf die Therapie zu ändern, ansonsten bleibt es bei oberflächlichen Vergleichen wie im Fall von Sprache und Schrift. In Anbetracht dessen ist das Forschungspotenzial also noch lange nicht ausgeschöpft (siehe auch Abella, 2018; Beck-Hiestermann et al., 2021; Cataldo, Chang, Mendoza, & Buchanan, 2021).
Nach dem Abklingen der striktesten Pandemiemaßnahmen konnte auch die klinische Tätigkeit vor Ort in den therapeutischen Praxen wieder aufgenommen werden. Für viele bedeutete diese Rückkehr in die gewohnten Räumlichkeiten eine Erleichterung (Aafjes-van Doorn, Békés, & Prout, 2021; Békés et al., 2021). Doch die psychotherapeutische Landschaft hat sich unwiderruflich verändert (Hanley, 2021; Kannarkat et al., 2020; Leukhardt et al., 2021; Swartz, 2021; Trub, Berler, & Magaldi, 2021). War es vor der Umstellung noch legitim, die Therapie bei einer Verletzung oder einem Umzug zu pausieren oder zu beenden, so besteht nun die Forderung, die Stunde online oder telefonisch abzuhalten. Welche Argumente können aufgebracht werden, um diese Arten der Therapie zu verweigern? Können und sollen die privaten oder sogar intimen Details aus dem Leben der Patient*innen, die während Onlinesessions aufgekommen sind, in den Hintergrund gedrängt werden oder nimmt man das Wissen in das Präsenzsetting mit? Kann die Flexibilität von Terminvereinbarungen gehalten werden, die sich durch die permanente und leichte Erreichbarkeit ergeben hat, oder muss durch die nun notwendige An- und Abreise wieder in fixierte Zeitrahmen zurückgekehrt werden? Müssen den Klient*innen die gewonnenen Optionen, die sie durch die Onlinetherapie erhalten haben, wieder vollkommen entzogen werden? Sind all die Techniken, die man durch die Adaption an das neue und unbekannte Setting erlernt hat, überhaupt wieder zu „ent-lernen“? All das sind Fragen, die die Rückkehr vom Online- ins Präsenzsetting betreffen, auf die es jedoch keine einheitliche Antwort gibt und die in den kommenden Jahren zunehmend Gegenstand psychotherapiewissenschaftlicher Forschung sein werden.
Allein das Wissen, was alles möglich ist, hat die klinische Tätigkeit in der Psychotherapie an sich verändert. Eine Rückkehr zum Status „Prä-Covid“ ist daher nicht möglich. Eine umfassende wissenschaftliche, ethische und berufspraktische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Onlinetherapie ist zentral, damit die Rahmenbedingungen erweitert werden können, nicht nur für die Onlinetherapie, sondern für die psychotherapeutische Behandlung von Menschen insgesamt. Dieses Phänomen der Erweiterung des psychotherapeutischen Raums in den virtuellen und Onlineraum ist auch das Hauptergebnis der hier publizierten Studie – die „Therapie+“.
Die wichtigsten Erkenntnisse wurden zu jeweils eigenen Beiträgen verdichtet und als Kapitel in diesem Sammelband aufbereitet.
Im ersten Abschnitt des Sammelbandes widmen sich die Beiträge von Birgitta Schiller, Nina Hofer und Jana Bernroitner den konzeptionellen und theoretischen Grundlagen der Therapie+.
In Birgitta Schillers Text „Das körperliche Multiversum der Onlinetherapie“ wird eine Überschau über die Mannigfaltigkeit des Körpers gegeben und es wird auf einige Second Level Codes eingegangen, die sich mit Themen wie Präsenz, Ablenkungen, der Adaptierung und auch der Rolle der Psychotherapeut*innen in der Onlinetherapie beschäftigen.
Der Raum als essenzieller Bestandteil der Körperlichkeit sowie der Psychotherapie wird von Nina Hofer in „Raum und Räumlichkeit“ verdichtet analysiert.
Jana Bernroitner zeichnet in ihrem Beitrag „Ambivalenz: Onlinepsychotherapie als Chance, Verlust oder als Teil eines natürlichen Wandels?“ Paradoxien und Konflikte nach und zeigt auf, dass im Sinne der Therapie+ neue Chancen entstehen und dass der Wandel nicht aufhaltbar ist. Ausschlaggebend in der Psychotherapie ist die Reflexion der Ambivalenz, die selbstverständlich auch in der Onlinetherapie gegeben ist.
Danach folgt ein Abschnitt über den institutionellen Rahmen des Projekts, die Vorstellung der psychotherapeutischen Universitätsambulanz für Erwachsene der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien von Stella Becher-Urbaniak, Jessica Pacher, Paul Rach und Manuel Fürholzer und die angewendete Methode der Datenanalyse (Grounded Theory) von Birgitta Schiller, Stella Becher-Urbaniak und Eva Wimmer.
Der dritte Abschnitt des Buches widmet sich der klinisch-praktischen Arbeit im Onlinesetting und der Rolle, die die Therapie+ darin spielt.
Ute Langthaler-Wlasak setzt sich mit der Frage „Wie kann therapeutische Allianz im digitalen Raum gelingen?“ auseinander. Sie bringt theoretische Konzepte mit dem empirischen Material in Verbindung und eröffnet so einen weiterentwickelten psychotherapeutischen Betrachtungsrahmen.
Zelie Bajrami und Chiara Dankl schreiben in ihrem Beitrag „Körper – wer?“ über die spezifische Perspektive der Gestalttherapie und belichten den Körper und die Körperlichkeit im schulenspezifischen Diskurs. Bedeutend ist dies besonders für die Onlinetherapie, da der Körper in der Gestalttherapie im Zentrum der klinischen Tätigkeit steht.
Christian Landsteiner schließt mit „Kommunikation in der Onlinetherapie nach dem VAKOG-Modell“ an, indem er das Modell entsprechend der Forschung erweitert und aufzeigt, welche Limitationen gegeben sind, aber auch, wie durch andere Kommunikationskanäle
ausgeglichen und kompensiert werden kann.
Elena Lehner setzt sich mit dem „Phänomen des ‚Weniger-Spürens‘ – künstliche (Ab-)Grenz(ung) der emotionalen Übertragung im Onlinesetting“ auseinander. Dieser Beitrag trifft einen Kern der Onlinetherapie, den Aspekt der Präsenz – und analysiert demgegenüber das Phänomen des Spürens. Wie Abgrenzung in der Onlinewelt vollzogen werden kann, wird dabei mit psychotherapeutischen Überlegungen ausgeführt.
Auch im Beitrag von Elisa Urban geht es um Abgrenzung, jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Sie reflektiert die Rituale zur Abgrenzung und Verarbeitung der psychotherapeutischen Tätigkeit im Onlinesetting. Vieles, was im Präsenzsetting alltägliche Handlungen sind, fehlt beim Umstieg auf die Onlinetherapie im Homeoffice, und so müssen Rituale erst geschaffen werden, um sich und den Raum zu professionalisieren. Die dadurch geschaffene Bewusstheit kann auch in die Therapie+ übernommen werden.
Sarah Schrattenecker greift die „Herausforderung psychotherapeutische Selbstfürsorge im Onlinesetting“ sehr konkret auf. In Auseinandersetzung mit dem empirischen Material zeigt sie Möglichkeiten der Selbstfürsorge auf, besonders mit dem Hintergrund einer vermehrten modernen Flexibilität und den neuen Beanspruchungen der Onlinetherapie wie der Zoom-Fatigue.
Stephanie Weibold führt die Diskussion über die Technologie in ihrem Beitrag „Erfahrungen und Umgang mit technischen Schwierigkeiten in der Onlinetherapie“ weiter, ohne dabei normativ wirken zu wollen. Vielmehr zeigt sie Lücken auf und eröffnet einen Diskurs über die Aus- und Weiterbildung.
Finalisiert wird der Sammelband durch den Beitrag von Stella Becher-Urbaniak, die sich dem ethischen Aspekt der Digitalisierung widmet und sich in ihrem Beitrag „Ethisches Praktizieren der Psychotherapie im digitalen Setting: Wahrnehmungen, Erfahrungen und Veränderungen“ damit auseinandersetzt. Sie stellt die Perspektiven der Psychotherapeut*innen in Ausbildung unter Supervision der psychotherapeutischen Universitätsambulanz für Erwachsene der SFU Wien damit in den Kontext der Therapie+.
AEinführung in Terminologie und Konzepte
Das körperliche Multiversum der Onlinetherapie
Birgitta Schiller
Zusammenfassung
Durch die Onlinetherapie kommt es zu einer vermehrten Beschäftigung mit dem Körper in seinen vielfältigen Ausprägungen und somit zu einer stärkeren Bewusstwerdung. Im psychotherapeutischen Diskurs wurde der Körper rhetorisch vernachlässigt, was nun im medialen Zeitalter keine Option mehr darstellt. Da der Körper nicht mehr vor Ort anwesend ist und sich mit anderen Körpern dynamisch bewegt, fühlt und kommuniziert, muss dies durch das bewusste Wahrnehmen und Ansprechen kompensiert werden. Gelingt es mit den veränderten Bedingungen eine Präsenz herzustellen, kann Onlinetherapie eine Möglichkeit darstellen, eine Versorgung zu gewährleisten. Andere körperliche Ebenen, die für eine gelingende psychotherapeutische Behandlung nötig sind, sind der sichere Raum sowie die Aneignung der psychotherapeutischen Rolle. Themen wie Nähe und Distanz sowie Ablenkungen und Adaptionen sind weitere Herausforderungen, die sich durch die Umstellung ergeben. Bisher „selbstverständliche“ Bereiche werden somit für die am Berufsbeginn stehenden Therapeut*innen sichtbar und klar. Neue Kompetenzen werden erlernt und die Awareness über den Körper und die Körperlichkeit kann schlussendlich auch nicht mehr „ent-lernt“ werden.
Abstract
Through online psychotherapy, the body’s manifold manifestations are intensively discussed, raising awareness. The body has been rhetorically neglected in psychotherapeutic discourse, which is no longer an option in the media age. Since the body is no longer present on the spot and does not move, feel, and communicate dynamically with other bodies, this must be compensated by consciously perceiving and addressing it. If it is possible to establish a presence with the changed conditions, online therapy can be a way to provide care. Other physical levels necessary for successful psychotherapeutic treatment are the safe space and the appropriation of the psychotherapeutic role. Issues of closeness and distance, distractions, and adaptations are other challenges that arise from the transition. Areas that were previously “taken for granted” thus become evident to the therapists at the beginning of their careers. New competencies are learned, and the awareness of the body and physicality cannot be un-learned.
Der Körper ist immer mit dabei
So wie man nicht nicht kommunizieren kann, sind wir laut Lemma auch immer mit einem Körper, der nonverbal spricht (Lemma, 2018, S. 27; Watzlawick, Bavelas, & Jackson, 2011). In der Psychotherapie herrscht ein gewisser Fokus auf Denken (Reflexion) und Sprache (Verbalisierung), und auch, wenn es heißt „Ich denke, also bin ich“ mit dem Credo „Erkenne dich selbst“, stellt das nur die Erkenntnis dar, dass man sich seiner selbst bewusst ist (Antonelli, 2014; Descartes, 2008; Tschuschke, 2017). Doch Sein ist ein körperliches, und jegliches Spüren und Wahrnehmen ist im Körper verankert (Appel-Opper, 2011; Downing, 1996; Geißler & Heisterkamp, 2013; Leikert, 2022; Lemma, 2018, S. 29). Erfahrungen werden körperlich abgespeichert und gelebt, und das transgenerational (Reddemann & Dehner-Rau, 2008; Van der Kolk, 2018). Kultur (Gender inbegriffen) wird körperlich verhandelt, und Beziehung ist nur mit Körpern herstellbar (Ainsworth, Blehar, Waters, & Wall, 2015; Downing, 1996; Leikert, 2022; Lemma, 2018; Merleau-Ponty, 1976; West & Zimmerman, 1987; Wimmer & Wagner, 2021). Über die Psyche-Körper-Einheit zu sprechen ist bis zu einem gewissen Grad eine Unmöglichkeit, da nicht komplett fassbare Phänomene immer nur umschrieben werden können (Leikert, 2022, S. 10–12; Lemma, 2018). Die Akzeptanz dessen sollte jedoch nicht davon abhalten, die komplexe Mannigfaltigkeit der Körper-Psyche-Einheit weiter zu erforschen (Frommer, 1998; Mörtl, 2021; Schiller, 2021).
Im psychotherapeutischen Dialog gibt es eine gewisse Hemmung, über den Körper zu sprechen. Dies mag laut Leikert (2022) daher kommen, dass die Psychoanalyse sich neben der Medizin wissenschaftlich als eigenständige Disziplin etablieren wollte (Leikert, 2022, S. 11). Im Laufe der Zeit haben sich Begriffe verfestigt, die mit dem Körper und der Körperlichkeit zu tun haben. An einigen Stellen wird auf eine Leiblichkeit verwiesen, die über den biologischen Körper hinaus verweist (Leikert, 2022, S. 8–9). Moderne Ansätze verwenden Begriffe wie embodiment oder es wird von enactments gesprochen. So kann der Körper
in die therapeutische Praxis einbezogen werden.
Was „der Körper“ jedoch genau ist, muss letztendlich offenbleiben. Der Körper kann ein medizinischer sein, ein biologischer, ein neurologischer, ein hormoneller, ein somatischer, ein psycho-somatischer, ein somato-psychischer, ein geschlechtlicher, ein gegenderter, ein phänomenologischer, ein fragmentierter, ein erkrankter, ein gesunder, ein aktiver, ein passiver, ein be- oder verhinderter, ein Wahrnehmungsraum, ein Resonanzkörper, ein Container; er kann objektiv oder subjektiv erlebt werden; er kann ein psychodynamisches Objekt sein, ein Objekt, das bekleidet wird und einen Habitus aufweist, in Bewegung ist oder bewegt wird, von einem Platz zum anderen gebracht wird, sich in einem Raum befindet und ohne die Räumlichkeit nicht gedacht werden kann; er kann durch einen intermediären Raum mit anderen verbunden sein, kann eine Bewegungsdynamik mit anderen bewegten Körpern haben; kann etwas sein, das begrenzt ist oder begrenzt, über das etwas sichtbar wird oder in das etwas hineinprojiziert wird; kann äußere Projektionsfläche sein; kann etwas übergestülpt bekommen; kann ein inneres Seelenleben mit Introjekten und Strukturen haben; kann eine Erscheinungsebene sein, ein Werkzeug (auf mehrfache Weise), das „Selbstverständliche“, mit dem gearbeitet, gespielt, getanzt, geliebt, gestritten, gelitten und geschlafen wird, mit dem man künstlerisch tätig ist und Kunst in jeder Form schaffen kann, Sport treibt; kann etwas sein, das sexualisiert wird, reist oder feststeckt, gepflegt wird; ist Statussymbol und eine Darstellungsebene; ist etwas, mit dem Kultur gelebt wird, eine Rolle verkörpert wird; ist ein Kommunikationsmittel – nonverbal sowie verbal; versprachlicht etwas, selbst Dinge, die präverbal sind (welche im Körper enthalten sind); ist ein Stimmkörper mit Lautstärke und Betonung, ein Körper mit Haltung, Sinnen und Ästhetik; mit ihm wird gespürt, wahrgenommen, gefühlt sowie empfunden (Riechen, Schmecken, Hören, Sehen, Wärme- und Kälteempfinden etc.); er weint, lacht, schwitzt oder wird rot bei der Empfindung von Scham; wird ernährt und erhalten oder es wird mit ihm gegessen; er nimmt auf oder stößt aus; lässt Nähe zu oder distanziert sich; kennt Anspannung und Entspannung; empfindet Stress oder prozessiert biologisch, ohne es bewusst zu merken; schützt sich und kennt natürliche Prozesse wie Flucht und Angriff; atmet; blickt in die Welt; ist je nach Anschauung das Körper-Ich oder das Körper-Selbst, ein Erfahrungsspeicher und Erinnerungskörper (Erziehung, Sozialisation, Krankheit, Trauma, Beziehung etc.), bewusst oder unbewusst; berührt aktiv und wird berührt, und das nicht nur äußerlich durch körperlichen Kontakt über die Haut, sondern auch innerlich auf einer psychischen Ebene; der Körper kann gelebt werden oder außen vor gelassen und instrumentalisiert werden, und er kann noch vieles mehr sein. Daher hier der Verweis, dass die dementsprechende Körperlichkeit in ihrer vernetzten Multidimensionalität je nach beschriebenem Phänomen adäquat mitgedacht werden muss und gelegentlich andere rhetorische Begriffe verwendet werden, jedoch mit dem Körper alles implizit angesprochen ist.
Das ursprüngliche Forschungsvorhaben, durch die Entfremdung des psychotherapeutischen Settings der Nicht-Anwesenheit von Körpern im selben Raum die Inhärenz von Körper und Psyche im therapeutischen Prozess zu erforschen, erwies sich als mehrdimensionale Erkenntnisgenerierung. Über die Forschungsfrage hinaus wird klar, dass in einem Zeitalter, in dem Technik und Medien einen großen Einfluss auf das tägliche Leben und Sein haben und in die Kultur derart integriert sind, der Körper und die Körperlichkeit umso mehr bewusst reflektiert und erlebt werden müssen.
In der psychotherapeutischen Entwicklung wurde der Fokus auf die Psyche gelegt, was sich in der Versprachlichung der psychotherapeutischen Techniken niederschlug, auch wenn der Körper immer implizit anwesend war und ist. Daher wurden auch der Körper und die Körperlichkeit nur marginal beleuchtet, mit dem Resultat, dass die wichtigste Funktion der psychischen Veränderung, nämlich das Spüren, rhetorisch vernachlässigt wurde (Buchholz, 2014; Clark, 2011; Dahlberg, 2019; Fuchs, 2020; Gallagher, 2006). Psychotherapie kann nur auf der Basis des körperlichen Wahrnehmens und der körperlichen Integration von Erkenntnis – und, noch wichtiger, von Erlebensprozessen – funktionieren. Es reicht nicht aus, zu denken oder zu wissen – es ist notwendig, die Veränderung zu spüren und somit im Körper zu lokalisieren, abzuspeichern und zu verankern, um diese auch zu leben. Zyklische Veränderungsprozesse sind somit immer auch körperliche und zumeist unbewusste (Gelo & Salvatore, 2016; Lemma, 2018, S. 45).
Der Körper in seinen vielfältigen Dimensionen
Im abduktiven Vorgehen der Grounded Theory haben sich Secondlevel Codes ergeben, die alle eigenständig als Phänomene beschrieben werden können. Der Core Code wurde in der Einleitung detailliert dargestellt und die nachfolgenden Sammelbandbeiträge beschreiben viele der darunter liegenden Dimensionen. In diesem Beitrag werden fünf weitere Themen aufgegriffen, die zusätzliche zentrale Aspekte zu Körper und Körperlichkeit behandeln und damit das Bild des Körpers in der Onlinetherapie komplettieren. Wie auch die anderen Themenbereiche in diesem Band sind diese Second-level Codes als autonom zu verstehen, auch wenn sie eine Vernetztheit und Überlappung aufweisen: (1) die Wahrnehmung von Präsenz durch den Körper als Resonanzraum im Onlinesetting, (2) Ablenkungen gibt es immer – aber zu Hause noch viel mehr, (3) Adaption in der Onlinetherapie – die psychotherapeutische Evolution im Onlineraum, (4) Körperkommunikation im Onlineraum und (5) die körperlichen und räumlichen Bedingungen für doing psychotherapy – Aneignung der psychotherapeutischen Rolle.
Die Themen ergänzen und erweitern einander und tragen gemeinsam dazu bei, die hier entwickelte Theorie über den Körper in der Onlinetherapie zu vervollständigen.
Die Wahrnehmung von Präsenz durch den Körper als Resonanzraum im Onlinesetting
Unter Präsenz wird das Phänomen verstanden, dass es eine gemeinsame Wahrnehmung und eine Verbindung gibt, auch wenn die betroffenen Personen körperlich nicht im selben physischen Raum anwesend sind. Es ist damit eines der wichtigsten Elemente im therapeutischen Online-Prozess. Auch in den hier analysierten Interviews zeigt sich, dass Präsenz als Basis für therapeutisches Arbeiten erfahren wird und so eine therapeutische Beziehung aufgebaut werden kann.
Es wird immer wieder erwähnt, dass in der Onlinetherapie etwas fehlt, der Körper als Ganzes nicht wahrgenommen werden kann und somit etwas im Spüren verloren geht.
„Also grundsätzlich ist es schon eine Intimität und eine Nähe, die natürlich über den Laptop schwierig ist so in der Form herzustellen oder zu spüren […]. Ich glaube, da kommt eine Energie dazu, die man jetzt vielleicht biologisch nicht beschreiben kann, aber die einfach spürbar ist und die Beziehung viel näher und intimer gestaltet.“ (Interview 5)
Jedoch wird auch erwähnt, dass die Therapie über Telefon oder online funktioniert und eine Beziehung hergestellt werden konnte. Es ist für die Interviewteilnehmer*innen schwierig, das zu verbalisieren, und somit ergeben sich Umschreibungen, die jedoch immer wieder darauf hinauslaufen, dass zwar der Körper und das Körperliche für die Therapie wichtig sind, der Prozess aber auch mit den körperlichen Online-Bedingungen möglich war.
„Die Gefühle kommen online auch gut rüber. Ich hätte jetzt nicht das Gefühl gehabt, dass ich nicht gut mitschwingen kann.“ (Interview 13)
„Irgendwann vergisst man, dass da eigentlich ein Medium dazwischengeschaltet ist.“ (Interview 16)
Pausen im Gesprächsfluss stellen für die Befragten eine enorme Herausforderung dar. Sowohl am Telefon als auch in den Videotherapien konnten sie diese nicht immer gleich gut zuordnen. Es gab Unterbrechungen durch technische Probleme oder die Audioqualität war nicht gut oder verzögert. Das Bild stimmte nicht immer mit dem Ton überein, war eingefroren oder verpixelt.
Somit fehlt die Feinadjustierung von Körper und Technik. Diese Brüche und das vermehrte Konzentrieren führten bei den meisten zu einer erhöhten Anspannung. Dass diese Unsicherheiten sich auf das Gefühl der Präsenz auswirken, ist nachvollziehbar. Mit der Zeit setzte jedoch eine Gewöhnung an die Online-Bedingungen ein und somit auch eine gewisse Gelassenheit und Zuversicht, mit den technischen Launen gut umzugehen. Der Körper wurde so aufgenommen, wie er präsent war, auch wenn das Wissen bestand, dass man keinen Gesamteindruck hat.
Doch das, was zur Verfügung stand – das Gesicht, der Blick, die Stimme und der Oberköper –, gab ausreichend Auskunft, um in einen Kontakt zu treten. Die Lücken und Leerstellen wurden mit Fantasie gefüllt. Die Patient*innen nach einer längeren Phase das erste Mal in Person zu sehen, war für viele zwar eine Überraschung, und es gab sehr viel zu revidieren, doch das änderte nichts an der bereits bestehenden, aufgebauten Beziehung.
Ein anderer wesentlicher Punkt kommt in der Onlinetherapie ebenfalls zum Tragen: das dritte Element. Anders als in Präsenz ist ein Medium zwischen Therapeut*innen und Patient*innen geschaltet. Das Dritte in der Therapie zu akzeptieren und zu integrieren, um damit arbeiten zu können, erforderte einen Erfahrungs- und Lernprozess. Die körperliche Präsenz ist also keine Selbstverständlichkeit, auch wenn ihre Herstellung oft natürlich passiert und viele nicht genau erklären können, wie sie geschaffen wird. Um in Beziehung zu gehen, ist die Präsenz jedoch wesentlich, denn ansonsten bleibt das therapeutische Geschehen an der Oberfläche hängen und es gibt nur talking heads.
„Naja, ich meine, ich kann ja eigentlich die Hände und die ganze untere Körperhälfte nicht wahrnehmen, also da ist schon einfach wahnsinnig viel weg. Das hat schon so ein „talking heads“ Gefühl einfach. Man ist viel mehr im Hirn, viel mehr im … Also ich habe schon so das Gefühl, das so eine Bauchverbindung fehlt, die man mit dem Menschen hat. Aber was nicht fehlt ist die Herzverbindung, also die Empathie und das Spüren, wie es dem anderen geht, das fällt nicht weg online.“ (Interview 1)
„Ich glaube die hätte auch von mir eine Rückmeldung gebraucht, eine körperliche. Ihr ist es schwer gefallen sich wirklich auf ein Miteinander einzulassen, die hat das dann eher genutzt als ein sie spricht es ins Handy hinein, weil es ihr gerade durch den Kopf geht, also die hat mich dann mehr oder weniger außen vor gelassen.“ (Interview 14)
Ein*e andere*r Therapeut*in beschreibt ebenfalls, dass ein*e Klient*in im Erstgespräch ein derartiges Redebedürfnis hatte, dass er*sie nur noch gesprochen hat und der Eindruck entstand, dass er*sie gar nicht mehr wahrgenommen hat, dass noch jemand anderer da ist. Schwierig wird es auch, wenn die Klient*innen zu kognitiv sind, nur noch „im Kopf sind“ und rationalisieren. Auch dann ist die Verbindung sehr schwach und eine Art Langeweile tritt ein.
Dieses Phänomen befördert Ablenkungen auf beiden Seiten und die Präsenz geht somit noch leichter verloren. Bemerkt wird auch, dass der Körper leichter außen vor gelassen werden kann. Das betrifft Patient*innen, die in irgendeiner Form mit einem körperlichen Problem zu kämpfen haben und die Onlinesituation nutzen, um die Körperlichkeit nicht vertiefend zum Thema machen zu müssen.
Eine weitere Möglichkeit, die sich in den Interviews gezeigt hat, besteht darin, alles anzusprechen. Das bedeutet, eigenes körperliches Befinden zu beschreiben oder nachzufragen, wo die Emotion im Körper gespürt wird. In diesem Fall wird das körperliche Wahrnehmen der Präsenz so intensiv, dass es unter die Haut geht. Kann dieser Zustand hergestellt werden, macht es keinen Unterschied mehr, ob man in der Praxis oder online ist.
Schwierig für alle sind nach wie vor Krisen. Patient*innen in Krisen sind hoch emotional, und in den meisten Fällen weinen oder schweigen sie. Diese Ausbrüche an emotionaler Unkontrollierbarkeit können schwer zugeordnet werden. Online besteht das Gefühl, keine Kontrolle zu haben und Patient*innen daher nicht ausreichend unterstützen zu können. Es gibt vielerlei Aussagen, dass das Containen der Patient*innen ein anderes ist. Die Übertragungen und Gegenübertragungen sind nicht so leicht zuordenbar und es bedarf eines speziellen Einlassens auf das Gegenüber. Gemeinsame Sinneseindrücke wie Gerüche, Licht, Temperatur oder Hintergrundgeräusche gehen verloren. Es gibt keinen gemeinsamen physischen Raum mit einer gemeinsamen Ästhetik, in dem man sich gemeinsam bewegen kann. Es gibt also zwei unterschiedliche Erlebnisräume, und da Präsenz im Körper wahrgenommen wird, braucht es auch den Körper als Resonanzraum, um wieder eine gemeinsame Erlebensbasis herzustellen.
Ablenkungen gibt es immer – aber zu Hause noch viel mehr
Unter Ablenkungen verstehen die Befragten Unterbrechungen im therapeutischen Prozess. Im Praxisraum kann man den Blick schweifen lassen und den Blickkontakt abbrechen, das ist online kaum möglich, da beide gebannt am Bildschirm hängen und auf das Gegenüber fokussiert sind. In der Praxis bietet die „fremde“ Einrichtung der Therapeut*innen Gelegenheit mit den Gedanken abzuschweifen. Diese Ablenkungen können Versuche sein, die Situation nicht zu intensiv werden zu lassen, in einen kontemplativen Zustand zu kommen oder eine Balance schaffen, oder können störend auf die Therapie wirken. Zu den störenden Ablenkungen zählen etwa das Warten auf ein Paket oder das Läuten an der Tür bei einer Lieferung, Lärm aus dem Nebenzimmer oder ein Rettungseinsatz vor dem Haus. Es kann auch ablenkend wirken, wenn man mit Personen, über die man in der Therapie sprechen will, in der Wohnung ist.
Es sind durch die Ablenkungen jedoch auch Aspekte möglich, die in der Praxis kaum möglich wären. So sitzen einige im Auto, auf der Terrasse oder im Garten, und die Vögel zwitschern. Es kommt auch vor, dass Patient*innen spazieren gehen; sie entspannen sich körperlich durch diese neu gewonnenen Freiheiten. Dieser Umstand verleiht ihnen mehr Macht und Verantwortung zugleich, kann dadurch aber auch zu einer Herausforderung für die Therapie werden.
Einige der Ablenkungen sind jedoch nicht ausschließlich störend, sondern bringen Lockerheit und Abwechslung in die Therapie. Sie helfen aus dem Tunnelblick und lassen Eindrücke lebendiger werden. Solange es nicht zu einem Entgleisen und Abbruch kommt, können Ablenkungen enactments sein, die Themen und somit Material in die Therapie bringen. Menschen, die viel ihrer privaten Zeit online verbringen und sich nicht vom Geschehen im Hintergrund losreißen können, neigen dazu, auch auf dieser Ebene zu kommunizieren und etwas zu teilen, wie Bilder, oder etwas auf Google zu recherchieren, das im Gespräch aufgekommen ist. Dieses Agieren und Mitagieren kann neue Einblicke und Zugänge eröffnen und wird genauso gehandhabt wie im Praxisraum. Es bedarf jedoch eines eigenen Containments, um den gemeinsamen therapeutischen Prozess mit der erweiterten (Online-)Ebene halten und therapeutisch nutzen zu können.
Adaption in der Onlinetherapie – die psychotherapeutische Evolution im Onlineraum
Nach einer ersten Phase der Gewöhnung weisen die Interviews auf eine Anpassung bzw. Adaptierung an die neue Situation hin. Die passiert ganz ohne bewusste Reflexion, es ist ein natürlicher Prozess – eine Evolution der Therapie im Onlineprozess.
„Ich glaube wir Menschen ticken alle ähnlich – durch die Gewöhnung ans Gerät. Weil du die Ängste – man hat gesehen durch die Erfahrung durch trial and error, hat man gesehen, so schlimm ist es gar nicht und es geht doch ganz viel.“ (Interview 16)
Für die Befragten zeigt sich der Anpassungsprozess beispielsweise darin, dass sie online oder auch am Telefon wesentlich aktiver sind. Es wird mehr angesprochen und, soweit möglich, alles verbalisiert. Der Fokus richtet sich vor allem auf das Gesicht und den Blick sowie auf die Stimme und das Hören. Es sind nicht nur die Worte, die mehr Bedeutung bekommen, sondern auch, wie sie gesagt werden. Das, was an Körperlichkeit verfügbar ist, wird intensiviert, um die gesamte Palette der Gefühle fassen zu können. Mit der Stimme kommt auch das Hören des Atems, der viel über die Verfassung der Patient*innen ausdrückt. Besonders wichtig ist das bei Pausen, um diese zuordnen zu können. Ist es ein ruhiges Ein- und Ausatmen, weil eine Kontemplation eingetreten ist, oder ein heftiges Atmen, da eine Anspannung oder Stresssituation besteht? Bleibt der Atem komplett aus oder wird geschnieft, deutet das darauf hin, dass das Gegenüber gerade weint oder in einer Krisensituation ist. Das ist nicht immer klar feststellbar, und das nicht nur am Telefon, denn auch auf dem Bildschirm sind Tränen nicht sofort erkennbar. Auch in Präsenz mit einer Maske konnte nicht in jeder Situation festgestellt werden, was sich im Gesicht abspielt, ohne die Zusatzinformationen der Stimme und des Atems.
Aus diesem Grund haben einige es bevorzugt, online zu arbeiten, um das Gesicht ohne Maske sehen zu können. Inhaltlich passt das, was gesagt wird, nicht immer zum emotionalen Zustand. Besonders in emotional aufgewühlten Momenten wurde auch kaum verstanden, was gesagt wurde, und so stellte der Körper ein besseres Orientierungsmittel dar, um einzuordnen, was gerade passiert. Und auch mit einem mit der Zeit vermehrten Gespür für die Patient*innen blieb es nötig, alles anzusprechen. Auch die eigene Körperlichkeit als Therapeut*in – Stimme, Körperhaltung, Blick, Körper als Container – wurde zum Instrument und präzise eingesetzt.
„Wenn jemand traurig ist oder weint, ist oft so ein Zittern in der Stimme bemerkbar. Ja also weil wenn sie weinen kommt irgendwann so ein Nasenhochziehen oder so. Das kommt dann auch dadurch, auch wenn es nicht in Sprache gebracht ist, aber irgendwie dann doch. Zumindest hörbar. […] Ja auch wenn jemand wütend ist, wird die Stimme lauter. Wobei nicht immer nur wütend. Manchmal ist man auch lauter, wenn man sich freut.“ (Interview 14)
Dieses vermehrte Kommentieren und Kommunizieren erleben die Therapeut*innen als wesentlich aktiveres Arbeiten. Die eigene Wahrnehmung wird geschärft und Vertrauen wird in die empfundenen Impulse gesetzt.
Es zeigte sich, dass diese Art der Arbeit als sehr bereichernd für den therapeutischen Prozess gesehen wird und sie daher mitgenommen wird in die weitere therapeutische Tätigkeit. Es wurden also durch die Ausnahmesituation dauerhafte therapeutische Kompetenzen erlernt.
„Ich kann erst jetzt sehr viele Sachen sagen anhand des Kontrasts zur Onlinetherapie, weil mir viele Dinge erst dann aufgefallen sind, die vorher so selbstverständlich waren.“ (Interview 3)
Onlinetherapie muss auch aus dieser Perspektive neu gedacht werden, da sie ermöglicht, den Raum der Präsenztherapie durch geschärfte Sinne und ein größeres Repertoire zu erweitern.
Körperkommunikation im Onlineraum – vom Blick über den unsichtbaren Raum bis hin zur Selbstansicht
Eine Besonderheit der Onlinetherapie ist die Hervorhebung der Wichtigkeit des Blicks. Auf dieses Elementarkonzept der menschlichen Interaktion zurückgeworfen, sucht man den Augenkontakt mit dem Gegenüber, sobald ein Gesicht visuell erfassbar ist.
Paradox scheint diese instinkthafte Handlung, da es über das Medium durch die technischen Gegebenheiten meist keinen direkten Blickkontakt gibt. Im Setting zu zweit kann ein Als-ob entstehen, doch in der Paartherapie und vor allem mit Gruppen wird klar, dass alle auf eine zweidimensionale Fläche ohne direkten Blickkontakt zurückgeworfen sind. Man weiß nicht mehr, wer wie zu wem gewandt ist und wie sich die Körper dynamisch zueinander bewegen. Aus diesem Grund ist auch der Kommunikationsfluss online ein anderer. Wenn sich mehrere Personen in einem Raum befinden, werden die Sprechphasen auch körperlich ausverhandelt und Nebenbemerkungen werden von der Gruppe üblicherweise akzeptiert. Online ist dieses Dazwischen kaum möglich.
Ein zentraler Faktor, um den Blick auszurichten, liegt in der Art, wie in die Kamera geschaut wird, und somit in Sitzposition und Sichtbarkeit. Menschen mit wenig Onlineerfahrung müssen erst lernen, in der richtigen Distanz zu sitzen, darauf zu achten, dass sie genügend Licht haben in einem Raum, bei dem möglichst wenig im Hintergrund zu sehen ist, in dem sie ungestört sind und wo auch noch die Internetverbindung gut ist. Es ist ein gewisser Aufwand zu betreiben, um diesen Platz zu finden, und wenn das gelungen ist, bewegt man sich zumeist nicht mehr aus dem Rahmen. Dieser kleine vorgegebene Bewegungsraum kann den Körper einschränken, ohne dass man es bemerkt. Doch im Gegensatz dazu bietet der Onlineraum auch mehr Möglichkeiten und Freiheiten. So liegen Klient*innen in eine Decke gewickelt im Bett, sitzen auf der Terrasse, lümmeln auf der Couch, oder blicken den*die Therapeuten*in von oben herab an.
Sichtbar ist vom Raum, aber auch vom Körper nur das, was die Kamera erfasst, alles andere ist eine unbekannte freie Zone, und es bleibt unbestimmt, was sich dort abspielt. So merkt man erst im persönlichen Kontakt, dass Patient*innen mit den Händen herumspielen oder
-zupfen, die Füße unruhig bewegen oder ganz eingesunken sitzen und womöglich den direkten Augenkontakt vermeiden.
Umgekehrt passiert das Gleiche, denn auch der Körper des*der Therapeuten*in ist nur in dem vorgegebenen Rahmen sichtbar. Es ist ein sicherer Ort, denn im Verborgenen kann man den eigenen Impulsen unkontrolliert Freiheit lassen. Zwar findet auch hier ein akribisches Vorbereiten des Arbeitsplatzes statt, besonders im Hinblick auf den Hintergrund, die Lichtqualität und den idealen Sichtkontakt mit der Kamera, jedoch ist der nicht sichtbare Raum ein komplett individueller. Ein*e Psychotherapeut*in schildert, dass er*sie eine körperliche Einschränkung (Verletzung) hat und es angenehm ist, diese online nicht thematisieren zu müssen.
Irritierend ist besonders bei der Videotherapie die Selbstansicht, die bei den genutzten Programmen meist eingeblendet ist. Es kann ablenken, sich selbst zu sehen, doch es gewährleistet auch eine gewisse Selbstkontrolle. Dieses Sich-selbst-Sehen wird auch von den Patient*innen bemerkt und wird nicht nur negativ konnotiert, sondern auch als Chance gesehen, sich selbst in einer Art Fremdwahrnehmung zu verorten.
Die körperlichen und räumlichen Bedingungen für doing psychotherapy – Aneignung der psychotherapeutischen Rolle
Sich die Rolle des*der Psychotherapeuten*in anzueignen, bedeutete für viele der interviewten Therapeut*innen einen enormen inneren sowie äußeren Aufwand. Im Gegensatz zu erfahrenen Psychotherapeut*innen haben die Noviz*innen noch keinen eigenen Praxisraum und keine persönliche Routine, um den inneren Wechsel in die professionelle Rolle zu automatisieren. Der Großteil der Befragten gibt an, zu Hause gearbeitet zu haben oder sich Arbeitsräume gesucht und eingerichtet zu haben, die nicht per se als psychotherapeutische Räume konzipiert sind. Am Berufsbeginn planen die wenigsten, eine eigene Praxis zu eröffnen, und dementsprechend gab es nur einige, die dieses Unterfangen, noch dazu in einem Lockdown, vorangetrieben haben. Auch wohnten die meisten, sich noch in der Ausbildung befindend, in Wohngemeinschaften, mit dem*der Partner*in oder auch bei den Eltern. Das eigene Kinderzimmer kann nicht als Praxisraum genutzt werden, wie sich in den Interviews zeigte. An diesem Phänomen wird sichtbar, dass die innere Professionalisierung auch von äußeren Faktoren abhängt. Die Aneignung der psychotherapeutischen Rolle ist jedoch üblicherweise ein latenter Entwicklungsprozess, der nun unter den entfremdenden Bedingungen bewusst forciert werden muss.
So war beispielsweise klar, dass vor den Therapiestunden professionelle Arbeitskleidung angezogen werden muss, auch wenn das bedeutet, sich vor eingeschobenen Stunden noch schnell umziehen zu müssen. Interessant war der nicht sichtbare Raum, denn wie auch bei vielen Menschen im Online-Homeoffice wurde eventuell eine bequeme Hose angezogen, aber die Vorstellung, völlig unpassend oder unbekleidet dazusitzen, konnte ethisch mit der Rolle nicht vereinbart werden.
„Ich habe zum Beispiel barfuß meine Stunden geführt (lacht), was ich natürlich in der Praxis niemals würde.“ (Interview 5)
„Also ich sitze dann dort auch eigentlich nicht im Pyjama oder so, sondern ich sitze dann trotzdem in Arbeitskleidung. Am Telefon ist es dann schon so, dass ich halt irgendwie gemütlich sitze, das mache ich schon.“ (Interview 14)
Ebenso gab es Überlegungen bezüglich der Sitzposition und der Körperhaltung während einer Stunde. Reflektiert wurde, dass auch in den Therapieräumen an der Universitätsambulanz die Einrichtung nicht den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Wichtig, um in die Rolle des*der Psychotherapeuten*in zu kommen, ist auch das Betreten und Verlassen eines psychotherapeutischen Raums. Durch das Fehlen der An- und Abreise zu einem Praxisort, des Betretens des Therapieraumes, des Lüftens des Raums und des Abholens und Begrüßens der Klient*innen fehlen zentrale Aspekte des Rollenwechsels. Ein*e Therapeut*in beschreibt detailliert die Wahrnehmung der professionellen Rolle, die er*sie sehr bewusst einnehmen muss, um eigene Themen und vor allem eine eigene körperliche Erkrankung, die mit Schmerzen verbunden ist, auf eine dahinterliegende Ebene zu stellen.
