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Mörderische Schattenmagie, zwielichtige Diebe und Geheimbünde: Charlie Hall ist zurück! »Thief of Night« ist das atemberaubende Finale der düsteren Urban Fantasy-Dilogie »Book of Night« von Bestseller-Autorin Holly Black. Etwas stimmt nicht mit Charlie Hall: Seit dem Tag ihrer Geburt ist sie eine Betrügerin. Selten hat sie eine ihrer schlechten Entscheidungen bereut. Um ehrlich zu sein, würde sie die meisten direkt noch einmal treffen ... Eine Zeit lang hat Charlie alles dafür getan, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich von der Unterwelt der Schattenmagie fernzuhalten. Doch so einfach ist das leider nicht. Zwar konnte sie ihr Leben retten, aber was ist das schon wert, wenn alles andere verloren scheint? Als Diebin mag Charlie talentiert genug sein, um einen Schatten aus einem Turm zu stehlen, – nur ist sie auch gut genug, um ein Herz zurückzustehlen? Dark Fantasy mit einem außergewöhnlichen Magiesystem in einer Welt voller Geheimnisse und bodenloser Abgründe Mit dem Ende von »Book of Night« hat uns Holly Black mitten ins Herz getroffen – in »Thief of Night« hebt sie die Spannung auf ein neues Level und fesselt uns bis zur letzten Seite! Freu dich auf Schatten, die auf finstere Weise zum Leben erwachen, Lovers to Enemies und eine Fierce Heroine. Wer düstere Urban Fantasy im Stil von Leigh Bardugos »Das neunte Haus« liebt, ist hier genau richtig. Begeisterte Stimmen zu Holly Blacks Dark Fantasy »Book of Night«: - »Düster, wundersam, voller Geheimnisse und Wendungen – Book of Night ist alles, was ich von Holly Black erwarte: köstlich und furchterregend.« Leigh Bardugo - »Black ist eine Meisterin im Erschaffen von Welten.« The New York Times Book Review - »Holly Black ist eine Meisterin der Fantasie mit der Berührung des Midas – es gibt keine Geschichte, die sie nicht in Gold verwandeln kann.« V.E. Schwab
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Seitenzahl: 492
Veröffentlichungsjahr: 2026
Holly Black
Aus dem amerikanischen Englisch von Diana Bürgel und Julian Müller
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Etwas stimmt nicht mit Charlie Hall: Seit dem Tag ihrer Geburt ist sie eine Betrügerin. Selten hat sie eine ihrer schlechten Entscheidungen bereut. Um ehrlich zu sein, würde sie die meisten direkt noch einmal treffen ... Eine Zeit lang hat Charlie alles dafür getan, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich von der Unterwelt der Schattenmagie fernzuhalten. Doch so einfach ist das leider nicht. Zwar konnte sie ihr Leben retten, aber was ist das schon wert, wenn alles andere verloren scheint? Als Diebin mag Charlie talentiert genug sein, um einen Schatten aus einem Turm zu stehlen, – nur ist sie auch gut genug, um ein Herz zurückzustehlen?
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
Danksagung
Für alle, die Silvester auch nur mit ihrem Schatten feiern.
Ab einer bestimmten Uhrzeit wurde es still im Haus. Niemand rauchte mehr Zigarre im Studierzimmer. Niemand schrie mehr im Keller.
Nacht für Nacht schwebte der Schatten durch die Wände von Salts Mansion. Abwärts von dem Zimmer aus, wo Remy schlief und mit den Zähnen knirschte. Vorbei an Adelines Zimmer, die sich die Kissen aufs Gesicht legte, als wollte sie den Schlaf durch Erstickung herbeiführen.
Er setzte sich auf die Steine der Terrasse und versuchte, die Kälte zu spüren. Dann wiederholte er alles, was er wusste. Der längste Fluss der Welt ist der Nil. Der breiteste Fluss der Welt ist der Amazonas. Zwei mal zwei ist vier. Unendlich minus unendlich ist immer noch unendlich. Manchmal ging er in den Salon und blätterte in Remys Comics. Geschichten waren ein guter Ort zum Verstecken, aber er konnte nicht aufhören, sich selbst darin zu suchen. Versteckspiel. War er Batman? Der Joker? Wie war sein Name?
Nicht Remy. Remy schlief noch.
Red.
Red wie rot, rot wie Blut.
Eine Zeile aus Schneewittchen. Früher hatte ihm jemand Märchen vorgelesen. Er konnte sich fast an sie erinnern – graue Haare, das Brillengestell mit Schachbrettmuster –, aber es fehlten ihm einige Puzzleteile.
Nein, er war nicht Remy. Er war Remys Schatten. Remys Monster. Ein zusammengeflicktes Ding, zusammengehalten von Spucke und Sehnen und Groll.
Nacht für Nacht verbrachte er so, bis zu dem Abend, als er ins Studierzimmer kam und das Mädchen in seinem eigenen Erbrochenen liegen sah. Es war noch nicht sehr spät gewesen, das Schreien im Keller hatte noch nicht aufgehört, und der Duft von Zigarren lag noch in der Luft.
Nicht hingucken, hatte er ihr gesagt.
Aber irgendwie wollte er, dass sie sich umdrehte.
Der Hierophant
Die meisten der verlassenen Fabrikgebäude in Easthampton wurden allmählich von verschiedenen Bauträgern wieder zum Leben erweckt. Aus ihren ausgetrockneten Hüllen wurden Apartments und Büros, Räume für Zirkusschulen, Hopfen-Hydrokulturen, Lager für Webcomic-Merchandise, Cannabis-Abgabestellen und Showrooms für Betonarbeitsplatten. Aber einige waren noch unberührt – Skelette aus Mauerwerk, die über den Bäumen und dem Fluss aufragten und deren Inneres dunkel und übersät mit rostigen Nägeln und Müll war.
Nicht die Art von Ort, die Charlie Hall gern durchstöberte auf der Suche nach einem gefährlichen Blight, bewaffnet nur mit einem Messer, einer Taschenlampe und jeder Menge Frust.
Sie war Lügnerin und Trickbetrügerin. Keine Kämpferin.
Aber jetzt, wo sie alle überredet hatten, die Hierophantin zu sein, erwartete man von Charlie, dass sie ungebundene Schatten fand und tötete, und hier in den Fabrikgebäuden hatte man einen davon gemeldet. Schatten hatten nur ein Bewusstsein, wenn der Gloamist, an den sie gebunden waren, es gestattete. Und nur Schatten mit eigenem Bewusstsein überlebten den Tod ihres Gloamisten. Aber aus ihnen wurden Blights, voller Todesenergie, Pisse und Essig. Das bedeutete hauptsächlich, dass sie Menschen ermordeten, Blut tranken und der Schattenmagie ein schlechtes Image verschafften.
Sie zu jagen war eine verdammt undankbare Aufgabe. Soweit Charlie es beurteilen konnte, war ihr einziger Vorteil im Augenblick, dass der Mond rund und hell war und weit oben stand. So erleuchtete er die dreckigen, gruseligen Räume, durch die sie sich vorarbeitete.
Natürlich bedeutete das, dass es überall Schatten gab.
Und mindestens einer davon hatte ein Eigenleben und großen Hunger.
Ihr Atem formte Wölkchen. Die einzigen Geräusche waren ein stetes Tropfen in der Nähe des Fensters und ihre eigenen Schritte.
Ihr Blick fiel auf irgendetwas auf dem Boden, und sie hielt den Taschenlampenstrahl darauf. Knochen, klein und zart. Sie wich zurück. Eine tote Ratte, vermutete sie anhand der Form des Schädels und der Überbleibsel von grauem Fell.
Oder eher tote Ratten. Sie stieß mit dem Stiefel dagegen und entdeckte noch mehr Knochen. Viel mehr Knochen.
Instinktiv ging sie näher ans offene Fenster und das Mondlicht heran. Ein Tropfen fiel von der Decke und platzte auf ihrem Mantelärmel. Ein weiterer, dunkel und ölig, traf ihre Hand. Sie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was es war, obwohl sie schon jede Menge davon gesehen hatte. Kein leckendes Öl oder Kondenswasser von einem alten Rohr. Sondern Blut.
Das Licht ihrer Taschenlampe huschte über die Wände, als ihr Rücken die gemauerte Fensterlaibung traf. Panik ließ ihren ganzen Körper versteifen.
Sie musste verdammt noch mal hier raus. Raus und der Kabale sagen, dass sie das Gebäude durchkämmt, aber nichts gefunden hatte. Lügen war ihre wahre Stärke; sie sollte einfach lügen.
Aber wer wird den Blight aufhalten, wenn nicht du, Charlie Hall?
Sie holte tief Luft und zwang sich, auf die Treppe zuzugehen. Jede Diele testete sie zuerst mit dem Fuß. An den Stufen sah sie auf ihren eigenen Schatten hinunter, diese dünne Strähne, die sie an einen Blight band, der noch furchteinflößender war als der, den sie jagte. Red.
Nicht Red, sagte sie zu sich. Vince. Vince, der sie geliebt hatte. Vince, der sie angelogen hatte. Vince, der sich benommen hatte wie ein normaler Freund – mit Geheimnissen, sicher, aber mit normalen Geheimnissen wie etwa einem seltsamen Fetisch. Nicht mit dem Geheimnis, dass er der Schatten eines Toten und nur durch Blutmagie am Leben war.
Vince, der sich nicht mehr an sie erinnerte, seit sie miteinander verbunden worden waren.
Den sie durch die Verbindung möglicherweise rufen, aber vermutlich nicht kontrollieren konnte, wenn er sich dagegen wehrte. Nicht, dass sie das vorhatte.
Sie hatte ihm versprochen, ihn nicht als Werkzeug zu benutzen wie Salt. Er hatte ihr aber nicht geglaubt. Zum Beweis hatte er sehr deutlich gesagt, dass er ihr nicht helfen würde, es sei denn, sie zwang ihn dazu.
Was bedeutete, dass sie allein in diesem Schlamassel steckte. Wieder einmal. Typisch Charlie Hall, die sich freiwillig ins eigene Fleisch schnitt.
Vertrauen muss man sich verdienen, ermahnte sie sich. Genau wie Reichtum, Liebe, Freundlichkeit und Freundschaft. Und wenn es hauptsächlich auf unehrliche Art verdient wurde, umso besser. Sie war von Natur aus eine Betrügerin. Sie musste nur die richtige Herangehensweise finden und dafür sorgen, dass er ihr vertraute, bevor er selbst merkte, wie er seine immense Macht gegen sie einsetzen konnte.
Mit diesen unangenehmen Gedanken packte sie das Steinmesser fester und zwang sich, die Stufen hinaufzusteigen, anstatt aus dem Gebäude zu flüchten.
Die zweite Etage war genauso dreckig und zugemüllt wie die erste. Charlie lief an Schränken vorbei, auf denen die Schicht aus Dreck und Staub so dick war, dass sie die Farbe darunter nicht mehr bestimmen konnte. In einer Wand klaffte ein Loch, und vor ihr war der Fußboden durchgerottet. Sie ging vorsichtig darauf zu. Als sie hineinspähte, rechnete sie damit, bis nach unten in den Keller sehen zu können, aber da war nur Dunkelheit.
Im nächsten Raum entdeckte sie ein Häufchen auf dem Boden. Es war ein Mann in einer speckigen Jacke, der auf einem noch speckigeren Schlafsack lag. Als sie näher kam, bemerkte sie, dass der Schlafsack mit Blut befleckt war. Sie beugte sich vor, aber der Strahl ihrer Taschenlampe schien ihn nicht zu stören. Sein Brustkorb hob und senkte sich nicht. Kein Atem kräuselte sich als Wölkchen in der Luft.
Die Jacke des Toten hatte Tarnfarbe, und er trug dreckige Arbeitsstiefel. Neben seinen Füßen stand eine Einkaufstüte, darin der größte Teil eines Sixpacks Bier und ein halb aufgegessenes Sandwich. Er war vermutlich zum Schlafen in das Gebäude gekommen und hatte herausgefunden, dass hier schon jemand war.
Der eindeutige Geruch nach verschüttetem Bier vermischte sich auf unangenehme Weise mit dem einer Metzgerei. Nach Verwesung roch es jedoch nicht. Das Blut war noch nicht einmal geronnen. Sein Tod war so frisch, dass sie den Blight womöglich während seiner Mahlzeit gestört hatte.
Er war in der Nähe. Vielleicht sogar hier im Raum.
»Vince?«, rief sie leise, aber es kam keine Antwort. Sie konnte das dünne Band ihrer Verbindung spüren, aber sonst nichts.
Ein schlurfendes Geräusch hinter ihr ließ sie herumfahren. Sie streckte den schwarzen Dolch aus und leuchtete mit der Taschenlampe.
Der Strahl erwischte eine Ratte, deren Augen im Licht glänzten. Sie war genauso überrascht wie Charlie.
»Verschwinde lieber hier«, sagte sie und dachte an die Knochen eine Etage tiefer.
Der Nager schnupperte die Luft und beobachtete sie. Seine Schnurrhaare zuckten.
»Ich weiß, ich sollte auch von hier verschwinden«, fuhr sie fort. »Aber ich bin nun mal bekannt für meine schlechten Entscheidungen.«
Die Ratte gab ein überraschtes Quieken von sich und verschwand im Geröll. Charlie hatte kaum Zeit, sich umzudrehen, bevor der Blight über sie kam und sie in tintenschwarze Dunkelheit tauchte.
Ihr ganzer Körper gefror, als das Wesen versuchte, in ihre Kehle einzutauchen. Sich in ihren Brustkorb zu wühlen. Charlie würgte. Die kleinen Onyxscheiben an ihrer Halskette und an ihren Armen waren das Einzige, was den Schatten davon abhielt, sie an Ort und Stelle zu ersticken.
Sie stach wild mit dem Messer um sich. Glücklicherweise erwischte die Klinge irgendetwas Festes. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, ob sie ihm überhaupt Schaden zufügte, stach sie wieder zu, wie ein in die Ecke gedrängtes Tier, das nur kämpfte, weil Flucht keine Option mehr war.
Der Blight schwebte davon und wurde direkt vor ihr fest, sichtbar nur als noch dunklere Finsternis, wie ein in die Welt gerissenes Loch. Sein Mund war wie ein ausgefranster Schnitt, der immer weiter aufging.
Sie hätte viel mehr Onyx mitbringen sollen.
Sie hätte auf das hören sollen, was alle gesagt hatten: dass sie eine Idiotin war und dabei draufgehen würde.
Sie hätte das Red nie versprechen dürfen.
Charlie machte kehrt und floh. Sie war schon kleineren Blights gegenübergetreten, aber diese waren lächerlich im Vergleich zu diesem hier, voller frischem Blut und purer Macht. Sie hatte keine Ahnung, wie sie es mit diesem Monster aus Finsternis aufnehmen sollte – in der Dunkelheit noch dazu.
Sie schaffte nur wenige Schritte, bevor der Blight sich auf ihren Rücken stürzte. Charlie taumelte unter dem Gewicht, als sich die Schattenkrallen in ihrer Schulter vergruben.
Mit einem Schwenk zur Seite versuchte sie, das Wesen gegen die Wand zu schlagen, um es loszuwerden. Aber der Schatten löste sich so schnell auf, dass sie nur mit der Schulter gegen die Backsteine rammte.
Der Blight formte sich neu als übergroßer, spindeldürrer Mann und streckte monströse Finger in ihre Richtung.
Sie sprang zur Seite und entging seinem Griff bloß knapp. Ihr Atem war zum Keuchen geworden. Ihre Kehle fühlte sich rau an wie Sandpapier.
Der Schatten griff wieder an, und sie duckte sich unter seinem Arm hinweg, um ihm den Onyxdolch in den Bauch zu rammen. Der Blight zuckte, als wollte er wieder die Gestalt wandeln, aber die Onyxklinge zwang ihn, in fester Form zu bleiben.
Charlie keuchte und wich zurück. Sie war außer Atem und ohne jeden Plan.
Red, dachte sie und war sich nicht sicher, ob er sie hören konnte. Hilfe! Ich will dich nicht zwingen, aber bitte hilf mir.
Der Blight stakste auf sie zu und wurde von dem Dolch in seiner Seite kaum gebremst.
Charlie hatte nicht noch eine Onyxwaffe. Stattdessen ließ sie ihre Taschenlampe fallen, der Strahl flirrte über den Boden, und sie griff nach einer Holzlatte.
Der lange Schatten hatte sie fast erreicht, da ließ sie den Daumen über das Reibrad ihres Feuerzeugs laufen. Das alte, halb verrottete und in irgendeiner öligen Substanz eingeweichte Holz entflammte schnell.
Beim Anblick des Feuers stockte der Blight.
Die Flammen wanderten nach unten über das Brett in Richtung ihrer Hand. Was auch immer dafür gesorgt hatte, dass es so schnell Feuer fing, sorgte auch dafür, dass es zu schnell brannte. Sie spürte, wie die Hitze ihre Fingerspitzen erst kitzelte und sie dann versengte.
Mit einem verzweifelten Schrei ließ sie das Brett in Richtung des Blights segeln.
Das Schattenmonster fing Feuer und wurde zu einer riesigen Fackel in der Nacht. Es ließ einen unmenschlichen Schrei erklingen, der nach irgendetwas zwischen dem Kreischen einer Eule und dem Schreien eines Kindes klang. Charlie stolperte zurück. Die Flammen leckten an der Decke, bevor das Feuer wie Pyropapier aufflackerte. Hell genug, um in den Augen wehzutun, und dann auf einmal fort.
Charlies Finger schmerzten. Sie steckte sie in den Mund und trat die Glut aus. Ihr fiel die ölige Substanz auf, die noch dunkler als Teer war. Und die Überreste des Blights.
Da hüpfte ein zweiter Schatten vom Fensterbrett und landete leise wie eine Katze. Charlie schrie auf.
Es war jedoch nur Red.
Red.
Sie wollte ihn als Vince sehen, aber es ging nicht.
Hochgewachsen und breitschultrig, mit bronzefarbenem Haar und Augen wie rauchenden Kratern.
Gute Arbeit. Die Worte hallten in ihrem Kopf.
»Jedenfalls nicht dank deiner Hilfe«, sagte sie laut und wollte nicht, dass er sah, wie mitgenommen sie war. Trotzdem konnte sie nicht unterdrücken, die Hände auf den Oberschenkeln abzustützen und sich vorzubeugen, um wieder zu Atem zu kommen.
»Ich bin gekommen, als du mich gerufen hast. Wenn du mich wirklich gebraucht hättest, hättest du früher rufen müssen.« Sie konnte spüren, wie seine Emotionen aus ihm sprachen, so gereizt und intensiv, dass sie sich auch durch ihre Verbindung bemerkbar machten. »Du kannst mich zu allem zwingen, Charlie.«
Asche glomm zu ihren Füßen, und ihre Finger schmerzten noch immer vom Feuer. Charlie bückte sich und hob ihr Messer auf. Damit kratzte sie ein wenig von der dunklen Substanz ab, die sie der Kabale präsentieren musste, um die Belohnung zu bekommen. »Du warst langsam.«
Er beobachtete sie nur aus seinen furchterregenden Augen.
Charlie stopfte die Hände in die Taschen und arbeitete sich langsam zum Ausgang vor, zu ihrem weißen Lieferwagen. Sie versuchte, die Schmerzen in der Schulter, die Verbrennungen an den Fingern und das Dröhnen im Kopf zu ignorieren. Und die Tatsache, dass Red ihr nicht gefolgt war. Sie versuchte sich einzureden, dass das hier ein Erfolg gewesen war.
Sie war die Hierophantin. Sie hatte einen gefährlichen Blight beseitigt und war einen Schritt näher daran, ihre Schulden bei der Kabale zurückzuzahlen.
Erst nach drei dunklen Häuserblocks hatte Red sie eingeholt. Seine Augen sahen menschlicher aus – weniger hohl und ohne Rauch. Sie dachte an die Leiche des Mannes im zweiten Stock, dessen Blut noch feucht war, die Haut vielleicht noch warm.
Sie fragte sich, ob überhaupt noch Blut in seinem Körper war.
Mit zusammengebissenen Zähnen
Charlie lehnte sich im Fahrersitz des Transporters zurück und spürte, wie ihr unter dem Mantel das Hemd am Rücken klebte. Blut von den Verletzungen, die ihr die Klauen des Schattens verursacht hatten. Die Erkenntnis, dass sie blutete, ließ die Schmerzen, die das Adrenalin überdeckt hatte, ihren Körper fluten und verdrängte das seltsame Gefühl von eben.
Sie biss die Zähne zusammen, packte das Lenkrad fester und wünschte sich, sie wäre allein. Wünschte sich, dass Red nicht jeden Moment ihrer Schwäche miterlebte.
Wünschte sich, dass sie wenigstens in ihrem Kopf allein sein konnte, ohne befürchten zu müssen, dass er ihre Emotionen spürte – oder sogar noch schlimmer.
Ihr ganzes Leben hatte Charlie es geschafft, sich zu verstecken. Es war viel einfacher, hart und zäh zu wirken, wenn niemand einen beobachtete, wie man den ganzen Tag im Bett lag und zu depressiv war, um unter die Dusche zu gehen. Die Leute glauben zu lassen, dass man auf Sauftour war, wenn man nicht bei der Arbeit auftauchte, anstatt zugeben zu müssen, dass man es nicht von der Couch geschafft hatte.
Es war viel leichter, sich einem hysterischen Schluchzanfall hinzugeben, wenn niemand ihn mitbekam, und schon gar nicht ein furchterregender ehemaliger Blight. Zugegeben: Ihr eigener Schatten war schon immer dabei gewesen, aber darüber hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht. Und jetzt war ihr Schatten bei Posey, und sie konnte nur noch an Red denken.
»Zeig mir mal die Schulter«, sagte er mit einer Stimme wie Rauch.
Sie hatte sich sehr viel Mühe gegeben, so zu tun, als wäre sie normal, als wäre sie nett. Für Vince. Sie hatte ihr schlimmstes Ich vor ihm versteckt, und es hatte funktioniert. Zum größten Teil. Aber vor Red konnte sie nichts verstecken.
Charlie schlüpfte vorsichtig aus dem Mantel und lehnte den Kopf zwischen die Hände ans Lenkrad. Ihre Muskeln taten von der Mauer nicht nur weh, sondern fingen bereits an zu verkrampfen.
Red schob ihr mit sanften Fingern das Shirt hoch. »Die Wunde ist groß«, sagte er. Seine Hände fühlten sich warm auf ihrer Haut an. »Das muss vermutlich genäht werden.«
Auf keinen Fall würde sie in ein Krankenhaus fahren und sich den Fragen stellen, woher sie diese große Wunde hatte. »Nichts da.« Sie würde auf dem Weg nach Hause bei einer Apotheke anhalten und antibiotische Salbe und Steri-Strips oder Ähnliches besorgen. Das musste reichen. »Schätze, der Zeitpunkt ist dann wohl ganz gut, um … du weißt schon.«
»Dein Blut zu trinken?«, kam seine Stimme, sanft und tief. Sie war froh, dass sie ihm den Rücken zugewandt hatte und nicht sein Gesicht sehen musste, während sie darüber redeten. »Ich kann warten.«
Die Prozedur des Bluttrinkens war bei ihrem eigenen Schatten nicht so seltsam gewesen, wenn auch ungewohnt. Sie hatte sich dabei gefühlt, als würde sie ein Baby stillen, als wäre sie eine Hexe, die ihr teuflisches Begleittier an einer magischen dritten Brustwarze ernährte.
Mit Red war es eher so, als würde man einen Tiger an einer Papierschnittwunde lecken lassen und dabei hoffen, dass er nicht auf den Geschmack kam.
Aber sie wusste, dass es wichtig für die Verbindung war, seinen Schatten zu füttern. Es ging nicht nur ums Blut. Es ging um eine stärkere Verbindung, ein belastbareres Band. Und je enger sie miteinander verbunden waren, desto länger war dieses Band, ironischerweise.
»Tu es einfach«, sagte sie kühl und drehte sich im Sitz um. »Es sei denn, du bist zu satt.«
Er warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu.
Dann spürte sie, wie seine Zunge über den Rand ihrer Wunde auf dem Rücken fuhr. Es tat weh – nur ein bisschen – und bescherte ihr auf beiden Armen eine Gänsehaut. Knisterndes Verlangen traf sie wie ein elektromagnetischer Schlag.
Sein Mund kam als Nächstes, und all ihre Sinne kreisten bloß noch um diesen Kontakt. Die Welt bestand nur noch aus seinen Lippen auf ihrer Haut und einer Zunge, die sich wie Dampf anfühlte. Sie erschauderte und ertrug das Gefühl mit zusammengebissenen Zähnen.
Bis er sich löste, war ihr schwindlig geworden. Sie schloss für einen langen Moment die Augen und versuchte, ihre Gedanken zu beruhigen. Vorher hatte sie gehofft, er würde sie von den Schmerzen ablenken, aber jetzt konzentrierte sie sich nur noch auf das Pochen in ihrem Kopf, um nicht an das sehnsuchtsvolle Ziehen zwischen den Schenkeln zu denken.
Auto. Fahren. Apotheke. Nach Hause.
Fuck.
»Wenn du fertig bist …«, sagte Charlie und räusperte sich. Sie zitterte und hoffte, dass das an der Kälte lag.
»Ich kann nur nehmen, was du zu geben bereit bist«, sagte Red steif.
Er musste es hassen, an sie gebunden zu sein. Oder er hasste sie, Punkt. Er wusste nicht, wann er eingewilligt hatte, für die Kabale zu arbeiten. Für ihn gab es keinen Grund, zu glauben, sie hätte sich nur an ihn gebunden, um ihn aus noch größeren Schwierigkeiten herauszuhalten. Alles, woran er sich erinnerte, waren Salt und Remy und Blut, und dann nichts mehr.
Für ihn war Charlie Hall lediglich eine Fremde, an die er gebunden war. Eine Fremde, die über die Macht verfügte, ihn zu unaussprechlichen Dingen zwingen zu können. Natürlich konnte er sie nicht leiden. Sie wusste nur nicht, wie sie damit umgehen sollte.
Charlie drehte den Schlüssel im Schloss, und der Van sprang schnurrend an. Vinces Transporter, der mit Sprühflaschen und Plastiksäcken für seinen heimlichen Job als Tatortreiniger gefüllt war. Sie wusste noch, wie er sie gegen die Fahrertür gedrückt hatte, die Hände unter ihrem Rock, ihre Nase an der Vertiefung seines Halses.
Charlie versuchte, an irgendetwas anderes zu denken, während sie Kurs auf den nächsten Walgreens nahm. Im Laden ignorierte sie den alarmierten Blick des Jünglings mit Sturmfrisur an der Kasse und bestückte einen Korb mit medizinischem Klebeband, Mullbinden, antiseptischen Feuchttüchern, Peroxid, Sekundenkleber und einer Packung Lakritz-Twizzlern.
In wenigen Wochen war Weihnachten, und die Regale waren voller Lamettabäumchen, Rentierplüschtieren und Geschenksets mit scharfer Soße, Pfefferminzbädern und billigem Parfüm für all die verzweifelten Last-Minute-Shopper. Ein Regal voller Fernseher berichtete im Chor über das »Hatfield-Kult-Massaker«, das seit vierundzwanzig Stunden die Nachrichten beherrschte. Charlie gefiel das überhaupt nicht. Ihre Mutter hatte ihren zweiten Mann genau in der Kirche geheiratet, in der die Leichen gefunden worden waren. Charlie und ihre Schwester hatten in schicken Kleidchen mit welken Bouquets aus wilder Möhre in den schweißnassen Händen neben einer Kirchenbank gestanden. Obwohl keiner von ihnen im Keller gewesen war, wo die Morde stattgefunden hatten, fühlte es sich trotzdem zu nah an. Die grässliche Reportage im Hintergrund ließ die komisch kleinwüchsigen Weihnachtsmänner für draußen, denen sie auf dem Weg durch die Regale begegnete, noch gruseliger erscheinen. Die Elfen in den Regalen grinsten anzüglich. Ein Schneemann mit leuchtendem Körper verstellte ihr den Weg.
Charlie war nicht bereit für das nächste Fest. Thanksgiving war schon schlimm genug gewesen. Ihre Mutter hatte sie natürlich über Vince ausgefragt und über – nun, alles, was in den Zeitungen stand. Remy. Salt.
»Wenn er so reich war, hättest du ihm Miete abknöpfen sollen«, hatte ihr Stiefvater Bob beim Truthahn vom Stop & Shop gesagt – aufgewärmt im Ofen im Langzeithotelzimmer ihrer Mutter.
Charlie hatte einen großen Schluck des gar nicht so üblen Weins aus dem Getränkekarton genommen, um etwas Zeit zu gewinnen. Sie wollte nicht über Vince reden, nicht, wenn Red der Schatten zu ihren Füßen war, der jedes Wort hörte.
»Haben wir doch«, hatte Posey unterstützend gesagt, wofür Charlie dankbar war.
»Dann hättet ihr eben noch mehr verlangen sollen.« Bob zwinkerte Charlie zu. Er versuchte, nett zu sein, und sie wusste das. Sie wollten alle nett sein, auch mit ihren Fragen. Weil sie um den heißen Brei herumredeten.
»Und er verbringt die Feiertage mit seiner Familie?« Ihre Mutter goss ihnen Korbel-Champagner in die Gläser. Mom glaubte an Astrologie und Medien, aber sie hatte nicht einmal in Erwägung gezogen, Vince könnte Thanksgiving an einem Tisch mit Kristallgläsern sausen lassen, wo sie ein Chefkoch-Dinner von Tellern mit Goldrand aßen. Niemand konnte Charlie so sehr lieben, dass er ihr den Vorrang gab.
Reiche Jungs waren eben anders. Alle aus ihrer Familie wussten das, sogar Bob. Man konnte Zeit mit ihnen verbringen, aber man sollte lieber nehmen, was man kriegen konnte, denn sobald man anfing, sie zu langweilen, löste sich alles, was sie einem hoch und heilig versprochen hatten, in Luft auf.
Red war keiner von diesen reichen Jungs. Aber so ganz stimmte das auch nicht.
»Ja, mit der Familie«, hatte Charlie gelogen. »Vielleicht feiert er nächstes Jahr mit uns.«
Es tat weh, wie ihre Mutter sie danach angesehen hatte. Mitleidig. Als wüsste Charlie nicht, wie die Welt funktionierte. Dabei war es ihre Mutter, die kein glückliches Händchen mit Männern hatte und schon vor Charlies Geburt angefangen hatte, sich von ihnen verarschen zu lassen.
Ja, Weihnachten würde so richtig toll werden.
Charlie lief an einigen Glitzer-Engelchen vorbei. Sie warf einen Lippenstift und eine Gatorade in den Korb und ging zur Kasse.
»Sie haben da etwas …«, sagte der Kassierer besorgt und deutete auf ihr Gesicht.
Charlie sah nach oben und entdeckte ihr verzerrtes Antlitz in dem Spiegel über ihnen. Ein roter Strich lief über ihre Stirn und an der Wange hinunter. Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie waren klebrig, wie kristallisierender Honig, und über ihrem Ohr tat es weh. Noch ein Kratzer vom Schatten. Nicht so schlimm wie die Spuren auf ihrem Rücken, aber Kopfwunden bluteten immer stärker.
»Danke«, sagte sie und seufzte. »Ein Rubbellos bitte, während Sie das alles einscannen. Irgendwann muss meine Pechsträhne ja mal enden.«
Die Frauen der Familie Hall waren harte Einschnitte und schlechte Entscheidungen gewohnt. Sie verliebten sich so regelmäßig in die falschen Männer, als gäbe es einen uralten Fluch, der sie zu Kummer verdammte – von einer Großmutter, die einen Kerl heiratete, der so schlimm war, dass sie ihn umbrachte, bis zu Charlies letztem Freund, der auf sie geschossen hatte. Posey sagte immer, ein Mann müsse ein Loch im Kopf, im Herzen oder in der Tasche haben, damit eine Hall sich Hals über Kopf in ihn verliebe – und die Zukunft vorauszusagen, war Poseys Job.
Mit dem Rubbellos in der einen Hand und der baumelnden Tüte in der anderen verließ Charlie die Apotheke und tat so, als würde sie nicht bemerken, dass der Schatten, der ihr folgte, nicht im Geringsten zu ihr passte.
Sogar für eine Hall steckte Charlie richtig in Schwierigkeiten.
Zahm
Bellamy hatte erklärt, wie die Sache laufen würde, sobald er sich damit abgefunden hatte, dass Charlie die nächste Hierophantin sein würde.
Sie hatten in dem verlassenen Wachturm in Holyoke gesessen. Die Gruppierung in der Kabale, die sich Masks nannte und auf verworrene Theorien der Schattenmagie abfuhr, hatte hier ihre Festung. Malik war auch dabei gewesen, für die Puppeteers, eine Fraktion der Kabale, die mit ihren Schatten Menschen kontrollierten. Genau wie Vicereine von den Alterationisten, die Schatten umformen konnten – zusammen mit dem Charakter derer, mit denen sie verbunden waren. Und Bellamy natürlich, der Anführer der Masks. Drei Fraktionen, die für drei von vier Aspekten der Schattenmagie standen. Für die vierte, die Carapacer, Meister der körperlichen Schattenmagie, war niemand da.
Sie würde fünf Jahre lang die Hierophantin sein, hatten sie ihr erklärt. Drei, wenn sie durch besonders gute Arbeit auffiel oder jemand anderes ihnen so auf die Nerven ging, dass derjenige die Position übernehmen musste. »Ihr werdet froh sein, mich schneller loszuwerden«, hatte Charlie gesagt. Ein bisschen Prahlerei konnte nicht schaden.
»Überreiz dein Blatt nicht«, hatte Malik erwidert.
Sie hatten ihr alles Nötige für den Job übergeben, und sie bekam sogar für jeden Blight ein Kopfgeld ausgezahlt. Einen kleinen Bonus für katzengroße und so viel Geld für die menschengroßen Blights, dass sie vermutlich beim Rapture kündigen konnte, wenn sie alle anderthalb Monate einen erledigte. Natürlich konnte es auch sein, dass sie ein größeres Problem hatte, wenn alle anderthalb Monate ein menschengroßer Blight die Leute terrorisierte.
»Dann leiste den Schwur«, hatte er gesagt. »Und wir geben dir den Blight.«
Also hatte Charlie ihnen in die Augen gesehen und geschworen, die Sünden ihrer Vergangenheit dadurch wettzumachen, dass sie boshafte Schatten jagte.
Wenige Augenblicke später hatten sie Vince herausgebracht, gefesselt in Ketten aus Onyx. Seine Augen hatten wie glühende Kohlen gebrannt. Damals hatte sie keine Angst vor ihm gehabt. Sie hatte geglaubt, er sei nur wütend, weil er nicht wollte, dass sie sich mit ihm verband, mit der Kabale, mit all dem Chaos.
Damals hatte sie geglaubt, gewonnen zu haben. Sie alle hinters Licht geführt zu haben. Ihren Geliebten unter ihrer Nase zurückgestohlen zu haben. Und sie war sich sicher gewesen, dass ihre Glückssträhne noch nicht zu Ende war. Dass die Abmachung, die die Kabale mit ihr treffen wollte, einer dieser Balladen über einen Pakt mit dem Teufel glich, wo der Fiedler am Ende durch Talent und Cleverness als Sieger hervorging.
Charlie Hall, trunken vor Liebe.
Vicereine hatte aus ihrem eigenen Schatten eine Nadel geformt und ein Stück vom Rand abgezwickt. Dann schien sie in Vince hineinzugreifen und etwas von ihm abzuziehen. Er fauchte, als sie ihn berührte, als hätte es ihm Schmerzen bereitet. Da er zu denen gehörte, die Beschwerden nicht offen zeigten, musste es also sehr wehgetan haben.
»Was soll das?«, ging Charlie dazwischen. »Hört damit auf.«
»Ich bereite ihn darauf vor, an dich gebunden zu werden«, erklärte Vicereine, rollte das kleine Stück, das sie von ihm genommen hatte, in einen Faden und reichte ihn Bellamy. »Ist es nicht das, was du wolltest?«
»Aber es muss doch nicht so sein«, sagte Charlie.
»Doch, doch, glaub mir«, sagte Bellamy, rollte das Schattenstück zusammen und steckte es in eine steinerne Röhre. »Mit dem, was wir von deinem Blight genommen haben, können wir ihn verfolgen, sollte er jemals versuchen zu verschwinden. Und wir können es auch anders gegen ihn verwenden, falls nötig.«
»Es dient deiner Sicherheit, wenn wir es haben«, sagte Malik. »Bedenke, er war bisher nur an seinen Schöpfer gebunden. Er könnte sich darüber ärgern, nun zu dir zu gehören. Vielleicht will er dir sogar schaden.«
»Es sind nicht alle so wie du«, erwiderte Charlie.
»Niemand ist wie ich«, sagte Malik mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen. »Also, denk dran: Er kann dich hören, wenn du redest, selbst wenn er nicht manifestiert ist. Als Schatten ist er immer dabei. Vergiss das nie.«
»Okay«, sagte Charlie mit einem mulmigen Gefühl.
»Es könnten auch Emotionen durch die Verbindung dringen, wenn sie sehr stark sind, aber er wird deine Gedanken nicht lesen können, es sei denn, du schickst sie ihm.«
Das war eine Erleichterung. Vielleicht würde es doch nicht so schlimm werden wie befürchtet.
»Und was ist mit Erinnerungen?«
»Er ist nicht dein Schatten, also gibt es eine Grenze in der Verbindung mit ihm. Er wird dir nicht immer ähnlicher werden. Wenn du ihn an Erinnerungen teilhaben lässt, dann kann er Energie aus ihnen ziehen und sie in diesem Moment miterleben, aber es werden nicht seine Erinnerungen sein.«
Auch das war eine Erleichterung.
Trotzdem konnte sie nicht anders, als sich zu fragen, ob er nachts in ihren Träumen herumwühlen könnte.
Hör auf, so paranoid zu sein, mahnte sie sich. So was würde Vince nie tun.
Und selbst wenn, sie würde es nie erfahren.
Malik legte die Hände hinter den Rücken und fuhr fort, während er auf und ab lief. »Das Wichtigste ist – und zwar absolut essenziell –, dass du ihm regelmäßig von deinem Blut gibst. Am besten jeden Tag, aber mindestens alle paar Tage. Nur so bleibt die Verbindung stark genug, damit er auf deine Befehle hört.«
Er blieb stehen und sah ihr in die Augen. »Und vergiss nicht – er ist keine Person, er ist ein Blight. Du musst ihn kontrollieren, Charlie Hall. Wenn du die Kontrolle verlierst – wenn wir jemals herausfinden, dass die Verbindung unterbrochen wurde oder er sich unabhängig bewegen kann, werdet ihr beide einbüßen, was wir euch hier so großzügig gestatten. Und du wirst ihn für immer verlieren.«
»Und was heißt das genau?«, fragte Charlie. »Was heißt das konkret?«
»Belassen wir es bei dem, was ich gesagt habe.«
Vince sah Malik mit seinen glühenden Augen an und lächelte. »Ich werde zahm sein für Charlie.«
Aber Red konnte sich an dieses Versprechen nicht erinnern. Sobald sie und Vince miteinander verbunden waren, verfiel er in Schweigen. Draußen auf dem Weg durch den Schneefall zu ihrem Auto hatte sie versucht, ihm gut zuzureden, weil sie dachte, er sei wegen ihres Opfers wütend auf sie. Sie versuchte ihn sogar mit frischem Blut anzulocken, das sie aus einem ihrer Finger herauspresste.
Und dann hörte sie die ersten Worte in ihrem Kopf. Du bist nicht Remy. Diese Stimme, in der eine leise Drohung mitschwang. Sein Körper, der sich aus den Schatten formte, und seine glühenden Augen, in denen kein Wiedererkennen stand. Der Triumph, wie er in ihrem Mund bitter wurde.
Charlie dachte oft an diesen Abend und an das Stück von Vince, das ihm genommen worden war. Soweit sie das beurteilen konnte, hatte er über ein Jahr an Erinnerungen verloren. Wenn sie diesen Teil seines Schattens wiederbeschaffen konnte, vielleicht kam dann auch Vince wieder.
Rotrotrot
Charlie Hall war ein Rätsel. Und keins, das Red gefiel.
Als er noch jung gewesen war, hatte Remy ihn gefragt, wohin er ging, wenn er ein Schatten war. Red hatte versucht, dieses Nirgendwo zu erklären, diesen Ort im Nichthier und Nichtdort. Wie er von dort die Welt sehen konnte, nur verschwommen, verzerrt und silbrig. Die Zeit verging dort auch anders, als ob er einen Film einige Minuten lang ganz normal guckte, dann im Zeitraffer, dann wieder normal, und immer so weiter.
Aus diesem Nirgendwo sah er zu, wie Charlie ihre Wunde reinigte, und die Zeit schien langsamer zu verstreichen. Sie hatte sich im Fahrersitz von ihm weggedreht und nutzte den Innenspiegel, um ihre nackte Schulter zu sehen. Der Wagen stand vor ihrem Haus, aber sie ging nicht hinein.
Ihre kurzen schwarzen Haare rahmten ihre prägnanten Wangenknochen ein, betonten aber auch die dunklen Ringe unter ihren Augen. Noch nicht einmal die leuchtende Reihe von Skarabäen, die auf ihr Schlüsselbein tätowiert waren, konnte davon ablenken, wenn man sie einmal entdeckt hatte.
Und er entdeckte alles.
Als sie sich auf die Lippe biss und den Rock hochhob, um sich Peroxid auf die Haut zu schütten, konnte Red kaum den Blick abwenden. Der größte Teil der Flüssigkeit ging daneben und benetzte den Autositz. Der Rest zischte wie Limo, und sie zuckte zusammen.
Er verstand sie nicht.
Wieso bat sie ihn nicht, das für sie zu übernehmen? Er würde nicht unvorsichtig vorgehen. In dem Fabrikgebäude war er langsam gewesen, doch ihm war nicht klar gewesen, dass das Ding gerade gefressen hatte. Er dachte, es wäre schwach, die Aufgabe einfach. Er hatte nicht gewusst, dass Charlie in Gefahr war, bis sie nach ihm gerufen hatte, und selbst dann hatte er unterschätzt, in welcher Gefahr sie sich befand.
Dieser Augenblick verfolgte ihn, als er dazukam und sie verletzt und blutend vorfand, der Blight in voller Größe über ihr.
Red wünschte, die Zeit würde schneller vergehen als sonst und die Erinnerung einfach mitnehmen. Stattdessen war er gezwungen zuzusehen, wie sie planlos ihre Wunde zuklebte. Gezwungen, das Leuchten ihrer Augen zu sehen, die Art, wie ihre feuchten Wimpern über die Wangen strichen, wenn sie blinzelte, und wie sie ein Schluchzen unterdrückte. Die Bewegung ihrer Kehle, als sie langsam die Gatorade trank, als könnten Elektrolyte auch Blutverlust heilen.
Wieso hatte sie sich überhaupt in diese Lage gebracht, dort im Fabrikgebäude? Sie hatte die Kabale überredet, ihn an sie zu binden und zur Hierophantin zu werden, aber wieso? Was hatte sie davon? Er war für Salt als Killer wertvoll gewesen, aber dafür brauchte sie ihn bestimmt nicht. Auch wenn sie eine selbst ernannte Trickbetrügerin und Diebin war, schreckte sie vor Mord doch zurück. Aber vielleicht war das der Grund, wieso sie ihn brauchte? Oder vielleicht glaubte sie, er könne ihr auf andere Weise nützen. Er konnte bestimmt auch stehlen, und er kannte diverse Anwesen von Gloamisten mit großen Bibliotheken voller Raritäten.
Sie hatte gesagt, sie habe sich mit einem Trick zur Hierophantin machen lassen, weil sie ihn liebte. Weil sie ihn retten wollte.
Er fand das lächerlich. Die Leute hatten Angst vor Red und machten sich keine Sorgen um ihn. Er weckte Unbehagen. Selbst Remy, dem er mehr bedeutete als allen anderen, war in seiner Gegenwart ängstlich und unwohl gewesen. Zugegeben, sie hatte einige Zeit nicht gewusst, wer er war. Aber als sie sich mit ihm verband, war es ihr klar gewesen.
Ich werde dich nicht zu etwas zwingen, wozu du nicht bereit bist.
Alle sagten das. Salt hatte es anfangs zu Remy gesagt, als er bei ihm im Herrenhaus eingezogen war. Remy hatte es sogar zu Red gesagt, obwohl er Red da schon zu einigen Sachen gezwungen hatte. Eigentlich hieß das nur, dass die Person einen nicht sofort dazu bringen würde, etwas Schlimmes zu tun.
Also machte es keinen Unterschied, ob Charlie ihn mit überzeugender Wärme in ihren großen braunen Augen ansah oder ihn so behandelte, als wäre sie tatsächlich überzeugt, er sei eine Person. Er glaubte nicht, dass sie bereit wäre, ihr Leben zu opfern, um ihn zu retten. Er glaubte nichts von alledem. Sie war eine Betrügerin, und das hier war eine ihrer Nummern.
Der Fluch der Familie Hall
Charlies kleine Schwester Posey sah vom Küchenfußboden auf, als die Fliegengittertür zuschlug. Die Schränke standen alle offen, und die Hälfte ihres Inhalts steckte wahllos in Umzugskisten mit völlig willkürlicher, aber sehr spezifischer Beschriftung – »kleine Schirme«, »Tassen«, »Pfannenwender«, »Zangen & Nudelsiebe oder Zitronenpresse«, »Messer«, »Tiara & Kaffeemühle«. Ihre Katze Lucipurrr steckte im Karton »Wurmeimer« und war abgesehen von ihren hellgrünen Augen kaum zu sehen.
»Da bist du ja endlich wieder«, sagte Posey. »Wollen wir Pizza bestellen?«
Charlie lächelte, als hätte sie keine Schmerzen. »Klaro.«
»Ich habe etwas gefunden für uns«, fuhr Posey fort. »Die Leute aus der State Street haben zurückgerufen. Wir müssen nur hin und den Mietvertrag unterschreiben. Nächste Woche können wir einziehen.«
»In Northampton?«, fragte Charlie, die dem Braten nicht traute. »Sicher, dass wir uns das leisten können?«
»Du wärst überrascht – es ist sogar ziemlich günstig«, sagte Posey. »Keine Ahnung, wieso. Vielleicht ist dort auch ein Mord passiert.«
Ein Mann namens Adam war in der derzeitigen Mietwohnung der Schwestern vom vorherigen Hierophanten getötet worden. Sein Schatten hatte die Wände im Wohnzimmer mit Adams Blut bemalt. RedRedRed stand bis zur Decke in grausigen Buchstaben, weil er nach Red gesucht hatte.
Charlie und Posey waren wieder eingezogen, sobald das Flatterband der Polizei und das Blut entfernt worden waren. Aber ihre radikale Gelassenheit hatte beim entsetzten Eigentümer keinen Eindruck hinterlassen, und er hatte das Haus so schnell wie er konnte an irgendein unwissendes Pärchen aus Brooklyn abgestoßen, das nach der Geburt seines zweiten Kindes ins Valley ziehen wollte. Kurz vor Weihnachten war der Vertragsabschluss, also war das auch der Termin, an dem sie alle – die Mädchen, die Katze, der Blight – ausgezogen sein mussten.
»Und wie viel brauchst du von mir für die Kaution?« Charlie schwamm nicht gerade im Geld, aber für diesen Blight stand ihr ein Kopfgeld zu. Und sie hatte kurz davor noch zwei davon gefangen – wenn auch nur kleine und nicht besonders beeindruckende oder lukrative. Außerdem gab es wenn nötig noch ein paar Gegenstände, die sie aus Salts Anwesen hatte mitgehen lassen und die zum Pfandleiher wandern konnten.
»Noch nichts«, sagte Posey.
Was nur bedeuten konnte, dass sie die ganze Summe brauchte und Charlie nicht die schlechte Nachricht überbringen wollte. Posey arbeitete seit über einem Jahr als Tarot-Kartenleserin über Zoom, ein Job, der noch nie besonders viel Geld abgeworfen hatte. Und seit Posey Gloamistin geworden war, war sie oft unterwegs, obwohl sie zuvor das Haus monatelang nicht verlassen wollte. Poseys sozioemotionale Gesundheit entwickelte sich positiv, was Charlie erleichterte, aber ihr Bankkonto hatte gelitten. In letzter Zeit schien Posey kaum noch zu arbeiten.
Selbst wenn die Miete einigermaßen günstig war, bezweifelte Charlie, dass sie bei Rapture genug verdienen würde, um sie komplett zu schultern. Sie würde viel mehr Blights fangen oder töten müssen.
»Was ist denn mit deinem Gesicht passiert?«, fragte Posey und schnupperte. »Und wieso riechst du nach Lagerfeuer?«
Charlies Blick sprang zu Poseys schnellem Schatten. Er war magisch, hatte aber kein eigenes Bewusstsein. Zumindest glaubte sie es nicht. Wenn sie ihn ansah, hatte Charlie ein komisches Gefühl, und das nicht nur, weil er einst ihr gehört hatte. Manchmal hatte sie das Bedürfnis, irgendetwas zu tun – mit ihm zu reden, ihn zu fragen, ob alles in Ordnung war –, aber sie wusste nicht, wie.
Posey fütterte ihn regelmäßig. Charlie hatte die Schnittwunden an ihren Waden bemerkt und die Packung mit rostfreien Rasierklingen, die auf dem Badewannenrand stand, obwohl nirgendwo ein Rasierer zu sehen war. Posey hatte spätabends nach Schatten recherchiert, sich über alte Bücher gebeugt und sich immer wieder an Schattenmanipulation versucht.
Manchmal machte sie sich Sorgen darüber, was Posey noch so tat, wenn niemand zu Hause war. Darüber, dass sie bereits mehr Blut geopfert hatte, als sicher war.
Wenn sie irgendetwas von Salt gelernt hatten, dann, dass man einem Schatten am schnellsten Macht verlieh, indem man ihm fremdes Blut gab, und zwar viel.
»Raus mit der Sprache«, sagte Posey. »Was ist passiert?«
»Nur ein Job«, sagte Charlie und ging zu Poseys Laptop auf dem Küchentisch. Sie rief das Menü der Pizzeria in der Nähe auf. »Oliven, Paprika und Pilze?«
Im Hintergrund war ein Chat offen. Die Teilnehmer beschwerten sich über irgendein Zentrum für reiche Leute, die ihre Schatten erwecken wollten.
SkepticalChili82: Eisbaden für die Reichen
temporary_earnestness: Eispickel für die Reichen wären besser
»Scheiß auf die Kabale«, sagte Posey. »Die versuchen dich doch nur umzubringen.«
Charlie glaubte nicht, dass sie es tatsächlich versuchten, aber das hieß nicht, dass sie nicht Erfolg haben würden.
»Geht schon«, sagte sie erschöpft. »Ist ja nicht für immer.«
Posey seufzte theatralisch. »Für Jahre. Und du nimmst es nicht ernst. Du bist die Hierophantin und hast noch nicht mal deine Zunge spalten lassen.«
»Spar dir den Mitleidsmantel um deinen Vortrag«, sagte Charlie. »Das ist ja Concern-Trolling live.«
Die Zunge zu spalten, weckte ungenutzte Muskeln darin. Wer diese kontrollieren und beide Zungenhälften gleichzeitig bewegen konnte, sollte leichter zu einem gespaltenen Bewusstsein kommen, wie das die Gloamisten nannten, also die Fähigkeit erlangen, den Körper und den Schatten zu kontrollieren. Einen Schatten zu bewegen wie ein eigenes Körperteil, war der »ethische« Weg, Gloamist zu sein.
Leichter und weniger ethisch war es, Teile von sich selbst in den Schatten zu legen. Erinnerungen eigneten sich besonders gut dafür. Waren es genug Teile, hatte man einen mächtigen Schatten, der begrenzten Befehlen folgen konnte. Und wenn dabei letzten Endes ein Blight entstand – nun, sagte man nicht, wo gehobelt wird, da fallen Späne?
»Gloamistin zu sein, ist ein Riesending. Ich will bloß, dass du dein Potenzial ausschöpfst«, sagte Posey, und Charlie musste an ihre Mutter denken, die nicht wollte, dass Charlie die Sache mit dem Medium aufgab, nachdem sie ihr die Lügen abgekauft hatte. Sie hatte genau denselben Grund genannt. Verschwendetes Potenzial.
»Ich bin aber nicht wie du«, erwiderte Charlie bestimmt. »Ich bin ein Scharlatan. Ich bin eine unechte Magierin, ein unechtes Medium, ein unechter Geist – alles immer Fake. Und sobald das hier vorbei ist, werde ich genau dort wieder weitermachen, denn darin bin ich nun mal gut.«
»Und wenn sie dich nicht lassen?«
»Wie hast du es gerade so schön gesagt? Scheiß auf die Kabale.«
Der Computer war noch immer aufgeklappt, und Charlie konnte sehen, dass der Chat sich mittlerweile um die Morde im Keller der Kirche in Hatfield drehte.
quirky_fraud00: Waren doch alles Suchende, oder?
LoutishProgressive: Nicht alle. Einen kannte ich von der Gruppe, der war Gloamist
SkepticalChili82: Sollte nicht irgendein Typ von der Kabale an dem Abend einen Vortrag halten? Ist der auch tot?
Butzzzzzz: roosters Tiktok sagt nichts dazu
Charlie stand auf. »Ich muss mich hinlegen.«
»Warte!«, sagte Posey. »Wir sind noch nicht fertig. Du musst etwas tun.«
»Ich tue etwas«, erwiderte Charlie.
»Wegen ihm«, sagte Posey leiser, als würde das Red davon abhalten, zuzuhören. »Was, wenn er seine Erinnerungen niemals wiederfindet?«
»Malhar hat gesagt, es könnte sein, dass sie wiederkommen.« Sie schaffte es, ruhig zu klingen, befürchtete aber zugleich, dass ihre Emotionen durch die Verbindung zu spüren waren. Madurai Malhar Iyer war ein Masterstudent, der für seine Abschlussarbeit Blights untersucht hatte. Er hielt viele Dinge für möglich.
»Mag ja sein, aber er glaubt trotzdem, dass du – seine Worte – ›mit deinem Leben spielst‹.«
»Du verbringst in letzter Zeit ziemlich viel Zeit mit Malhar«, stellte Charlie fest. »Gibt es da etwas, was du mir sagen solltest?«
Posey stemmte eine Hand in die Hüfte. »Ja. Dass du dich mehr damit beschäftigen solltest, wie man Gloamist wird, weil du es eines Tages brauchen könntest … um ihn zu stoppen. Red aufzuhalten.«
Ihn davon abzuhalten, sie leer zu saugen. Das war Poseys Sorge.
»Posey …« Charlie hielt eine Hand hoch, um dem zu entgehen, was jetzt kam.
»Ihr seid miteinander verbunden«, mahnte Posey. »Ihr klebt aneinander. Wie eine Ehe, nur noch dauerhafter. Und er ist ein richtiger Mörder! Ich sage gar nicht, dass er ein schlechtes Wesen ist, weil er ja gar keine Wahl hatte, aber …«
»Rede nicht so mit mir«, blaffte Charlie und spürte, wie sich die Atmosphäre veränderte, wie bei einer elektromagnetischen Ladung.
Posey blickte finster drein. »Wie denn?«
Red tauchte im Türrahmen auf, als wäre er vom Nebenzimmer hereingekommen und nicht einfach aus den Schatten entstanden.
Posey schnappte erschrocken nach Luft.
»Als wäre er nicht hier«, sagte Charlie.
Weihnachtsparty
Der Alarm von Charlies Mobiltelefon weckte sie am Spätnachmittag. Die Uhr neben ihrer Matratze blinkte nutzlos vor sich hin, seit sie vergessen hatte, sie nach dem letzten Stromausfall neu zu stellen. Charlie tastete nach dem piependen Gerät in ihrer Jackentasche. Der Bildschirm hatte bei der Begegnung mit dem Blight letzte Nacht die Spider-App heruntergeladen. Es gab zwei verpasste Anrufe von Adeline und eine Reihe von Nachrichten, die sie trotz mehrmaligem Tippen auf das Nachrichtensymbol nicht abrufen konnte.
Mindestens eine davon kam von der Managerin der Rapture Bar & Lounge, die sie daran erinnerte, dass sie heute Abend arbeiten musste.
Charlie bewegte sich steif ins Bad und merkte, wie ihre Bewegungen an der zugeklebten Wunde zogen. Ein Teil von ihr wollte sich krankmelden, aber es war Donnerstag und die Schicht wahrscheinlich ruhig. Morgen konnte es sogar noch mehr wehtun. Schmerzen waren so. Sie zogen sich hin.
Charlie stieg in die Dusche, ließ das heiße Wasser den Rest des Blutes auf dem Rücken und was auch immer ihr in den Haaren klebte abwaschen. Nackt zu sein, wenn Red in der Nähe war, war ihr stets unangenehm, aber kein Vergleich dazu, wie sie sich sonst entblößt fühlte. Großer Gott, es war so demütigend, beobachtet zu werden, während sie ihr Leben lebte. Guck mich nicht an, wenn ich pinkle!, hatte sie ihn nach ihrer Verbindung eine ganze Woche lang angebrüllt. Aber das sollte auch bedeuten: Guck mich nicht an, wenn ich weine. Guck weg, wenn ich beim Schlafen sabbere. Guck nicht hin, auf wie viele Arten Menschen einfach widerlich sind. Guck nicht hin, wie ich auch nur ein Mensch bin.
Charlie zog ihren weichsten Sport-BH an, hoffend, dass er nicht zu sehr an der Wunde zog, und darüber eines der neuen Rapture-Shirts, auf dem sich vorn zwei Peitschen kreuzten. Nachdem sie noch Stretchjeans, warme Socken und klobige Stiefel angezogen hatte, ging sie zum Spiegel, um Concealer und Eyeliner aufzutragen. Zu guter Letzt schmierte sie sich kirschroten Lippenstift auf die Wangen, um ihrem Gesicht wieder etwas Farbe zu verleihen. Als sie fertig war, sah sie weniger müde und wund aus, auch wenn das nicht der Wahrheit entsprach.
Posey hatte die Pizza offensichtlich aufgegessen, also aß Charlie die schwarzen Twizzler zum »Frühstück« und trank dazu einen riesigen Pott Kaffee, den sie kurzerhand aus Instant-Espressopulver gemacht hatte. Nach diesem Start in den Tag fuhr sie ins Rapture.
Rachel, Odettes neue Assistentin, stand beim Eingang auf einer Leiter und hängte weißes Lametta an Nägeln in der schwarzen Wand auf, zusammen mit Weihnachtsanhängern aus Glas in Form von Schnapsflaschen, kleinen Krampussen und gestreiften Zuckerstangen. In der Weihnachtszeit stand Odette auf große, vampige, kitschige Deko. Ein kleiner Berg roter Kränze mit Girlanden, auf denen Fetischversionen vom Weihnachtsmann und seinen Elfinnen zu sehen waren, die Beine in Netzstrumpfhosen und hochhackigen Schuhen, wartete darauf, als Nächstes aufgehängt zu werden.
»Erste Weihnachtsparty heute«, rief Rachel ihr als Erklärung zu. Sie war eine kurvige, durch und durch organisierte Frau Anfang zwanzig mit dicken Brillengläsern in Pin-up-Kleidern im Stil der Fünfzigerjahre. Sogar Don mochte sie auf diese seltsame Art, wie ein attraktiver Mann ein Mädchen mag, von dem er denkt, dass es sich schwer in ihn verguckt hat, dabei konnte es sich kaum seinen Namen merken. Und auch wenn Rachel etwas zu viel Interesse an Balthazars Schattensalon im Keller zeigte, hatte sie hoffentlich auch genug Menschenverstand, um ihm fernzubleiben.
»Oh du fröhliche«, sagte Charlie, und ihre Vorstellung einer ruhigen Schicht ging in Rauch auf.
Weihnachtspartys waren gut fürs Geschäft, aber nicht für die Angestellten. Das Trinkgeld war meistens schlecht, wenn die Leute nicht extra für ihre Drinks zahlen mussten, vor allem jetzt, wo kaum noch jemand Bargeld dabeihatte. Außerdem ließen sie es auf Weihnachtspartys krachen; becherten fröhlich drauflos, überrollt von ihrem aufgestauten Bürogroll, und ließen die schlechte Stimmung an jedem aus, der das Pech hatte, ihnen im Weg zu stehen. Charlie hasste die Partysaison.
Odette, die ehemalige Domina, der das Rapture gehörte, sah von ihrem Platz bei zwei Freunden auf, als Charlie durch den Laden lief. Odettes silberfarbene Haare steckten streng zurückgekämmt in einem Haarknoten, und sie trug einen Kaftan, der wie flüssiges Silber aussah. Um ihren Hals sorgte eine Kette aus schweren Onyxperlen für praktische Zier. Seit ein Gloamist seinen Schatten eingesetzt hatte, um das Rapture in Schutt und Asche zu legen, richtete Odette viel mehr Augenmerk auf Sicherheit.
»Darling«, rief sie Charlie zu. »Sobald du dich ausgezogen hast, machst du uns eine Runde Pink Squirrels, bevor es hier zu voll wird, ja?«
»Mach ich«, bestätigte Charlie.
Don war bereits hinter der Bar und putzte Gläser. Sie kannten sich schon länger aus der Gastroszene vor Ort, hatten aber noch nie zusammengearbeitet. Er hatte jahrelang im Top Hat Dienst geschoben, einer größeren Bar, die eher dem Mainstream zuzuordnen war, und sich mit dem Geist des Rapture erst schwergetan. Für seinen Geschmack wurde mit Trockeneis in den Drinks Schindluder getrieben, und er hasste es, den Zucker tatsächlich in Brand setzen zu müssen, wenn jemand Absinth bestellte. Abgesehen davon war er offensichtlich davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er hier alle wichtigen Entscheidungen traf und alles verändern konnte, was ihm nicht passte.
Was vermutlich der Grund war, wieso er die Miene verzog, als Charlie ihre Tasche in das Kabuff hinter der Bar legte, zusammen mit ihrer Jacke. Auf dem Rücken drang etwas Futter aus einigen Schlitzen. Sie tat, als würde sie es nicht bemerken.
»Odette hätte genauso gut mich fragen können wegen der Drinks«, sagte Don, als wäre es von Charlie ein Seitenhieb auf ihn gewesen, die Bestellung anzunehmen.
Charlie Hall, die bei allen anständigen Bars in der Stadt und auch den meisten unanständigen rausgeflogen war, wirkte vermutlich nicht wie jemand, die im Rapture höher in der Hierarchie stehen würde als er oder bei ihrer Chefin beliebter war.
»Weißt du, wer die Party veranstaltet?«, versuchte Charlie, das Thema zu wechseln.
»Der Ford-Händler drüben an der Main Street.« Er sah sie ungeduldig an, als hätte sie das wissen müssen. Das ging vermutlich auf ihre Kappe.
Daikaiju vom Ramen-Lokal um die Ecke brachte Edelstahlbehälter mit Chicken Karaage herein und baute sie auf einem Klapptisch an der Wand mit Brennpaste auf. Der Duft von Soja, Knoblauch und Mirin ließ Charlies Magen knurren.
Sie versuchte, es zu ignorieren, und fing an, Crème de Cacao und Crème de Noyaux zu mixen. Als sie die pinke Flüssigkeit in Coupetten füllte, kam ein junger Kerl mit stacheligen Haaren und einer silbernen Puffer-Weste herein, der DJ-Equipment trug.
»Wollen wir schon ein bisschen vorarbeiten?«, fragte sie Don, aber er zuckte nur die Achseln und fing an, Limetten zu schneiden. Im Top Hat bestellten die Leute Cocktails anders als im Rapture. Das Top Hat war bekannt für seine große Auswahl an Bieren, mit zwei Dutzend Hellen vom Fass, alle mit Bananenaroma oder in Whiskeyfässern unterm Vollmond gereift. Don hatte keine Ahnung, worauf er sich eingelassen hatte.
Charlie brachte die Pink Squirrels vorsichtig zu Odette und ihren Begleitern und stellte sie auf den Tisch, zusammen mit einem Stapel Cocktailservietten. Eine Dragqueen in einem Barbiecore-Jumpsuit mit riesigen pinken Spinnenohrringen und passender Perücke salutierte Charlie und nahm ihren Pepto-Bismol-farbenen Drink entgegen.
Die PA erwachte mit einem Paukenschlag und spielte Fairytale of New York von den Pogues so laut, dass alle zusammenfuhren.
»Gibt es ein besonderes Menü heute Abend?«, fragte Charlie Odette.
»Open Bar für alle«, sagte Odette und war offensichtlich erfreut, mit welchem Budget und mit wie viel Begeisterung fürs Feiern die Autohändler an die Sache herangingen. »Aber wenn du dir ein paar Specials ausdenken willst, sehr gern. Beim Likör habe ich eventuell zu viel Canton bestellt.«
»Da fällt mir schon was ein.« Charlie ging zur Tafel an der Wand zum Flur, der zum kleinen Aufenthaltsraum hinter der Bühne und zu Odettes Büro und gelegentlichem BDSM-Spielzimmer führte, und fing an, ein paar Cocktails zusammenzustellen. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie noch jede Menge Cranberrysaft und All-Spice-Schnaps dahatten, die noch nicht einmal geöffnet waren.
Sie bemerkte, dass Don sie von hinter der Bar finster ansah. »Das darfst du nicht«, sagte er.
»Was darf ich nicht?« Charlie sah auf die Tafel. Drei Specials, basierend auf Dauerbrennern – ein saisonal passender Cranberry-Margarita, ein Corpse Reviver mit Ingwer und Canton und ein würziger Negroni mit All-Spice.
»Dir einfach Zeug ausdenken, ohne das abzusprechen.«
Sie warf einen Blick zu Odette, die selbstvergessen mit ihren Freunden ins Gespräch vertieft war. Don hatte keine Ahnung, was Charlie zu ihr gesagt hatte, und noch weniger, ob Odette ihre Auswahl an Specials guthieß. Die Person, von der er verlangte, Charlie solle es mit ihr absprechen, war er selbst.
»Willst du noch was hinzufügen?«
»Ich meine ja nur«, murmelte er und machte sich wieder an die Arbeit. Vielleicht hatte er damit gerechnet, dass sie austickte, aber sie war zu müde und hatte zu starke Schmerzen.
Bald kamen die ersten Autoverkäufer und Büromitarbeiter. Der DJ fuhr langsam die Lautstärke hoch, um dem wachsenden Gesprächslärm Paroli zu bieten. Die Weihnachtspartymeute trug alles von Cocktailkleidern über Anzüge bis hin zu T-Shirt und Jeans, verfeinert durch gelegentliche Schneeflockenohrringe oder Weihnachtsbaumanstecker. Die meisten Schatten waren natürlich und, soweit Charlie es sehen konnte, auch nicht beschleunigt. Einer der jüngeren Verkäufer hatte einen Schatten, der größer und breitschultriger wirkte als der Mann selbst, aber es war noch so subtil, dass man zweimal hinsehen musste, um es zu bemerken.
Eine klein gewachsene, gedrungene Frau, älter und ohne jedes Lächeln, dafür in einem roten Pullover mit blinkenden Lichtern darauf, setzte sich sofort an die Bar und bestellte einen doppelten Whiskey mit Eis. Sie legte einen Zwanziger auf den hölzernen Tresen. »Für Sie. Damit der Nachschub nicht ausbleibt.«
Charlie bewunderte ihren Stil.
Ein Mann mit großen, blendend weißen Zähnen klopfte laut auf die Bar. »Ich brauche ein halbes Dutzend Cranberry-Margaritas, und zwar sofort. Das hier ist meine Party, also sorgen Sie dafür, dass ich gute Laune habe.«
»Klaro«, erwiderte Charlie und warf einen Blick zu Don, um zu sehen, ob er ihr dabei helfen würde. Er hielt einer älteren Blondine in einem grünen Paillettenkleid gerade einen Vortrag über lokale Brauereien.
Da Charlie schon vorgearbeitet hatte, brauchte sie für die Margaritas nicht allzu viel Zeit. Es mussten nur etliche Glasränder mit Salz versehen und viel geschüttelt werden. Aber nachdem der Mann mit einem widerwillig zufriedenen Gesichtsausdruck gegangen war, wurde es voll in der Bar. Sie verlor sich in der endlosen Aufgabe, Cocktails zu mixen und das wenige Trinkgeld, das zurückkam, in ihrer Schürze verschwinden zu lassen. Von der Körperwärme der Menschen an einem zu engen Ort wurde es in der Bar immer wärmer, und Charlie spürte, wie sich der Schweiß unter ihren Armen und am Schlüsselbein sammelte. Neue Drinks wurden bestellt. Vodka Seltzer. Martini, extra dirty. Coronas mit Limette.
Ihr Muster wurde erst von Balthazar Blades durchbrochen, der sich an ein Ende des Tresens setzte und sie mit all seinem unbestreitbaren Charme anlächelte. »Mach mir doch einen Amaretto Sour und setz ihn auf deren Rechnung.« Seine Locken hatte er in einem Pferdeschwanz gebändigt, und er gähnte, als wäre er erst vor einer Stunde aufgewacht. Vielleicht stimmte das sogar. Der Schattensalon, den er wie eine Flüsterkneipe unter dem Rapture führte, war größtenteils eine nächtliche Angelegenheit.
Charlie verdrehte die Augen. »Wohl kaum.«
»Ach komm«, sagte Balthazar. »Das fällt doch niemandem auf.«
Der Chef der Autohändler war auf der Tanzfläche, einen Cranberry-Margarita in der Hand, und ballte die Faust zu Oi to the World von den Vandals. Charlie beschloss, Balthazar einfach den Drink zu machen.
»Übrigens«, sagte er nach dem ersten Schluck. »Vicereine sagt, sie will dich so schnell wie möglich sehen. Was stimmt denn mit deinem Telefon nicht?«
War das eine der Nachrichten, die Charlie nicht lesen konnte? Das Letzte, was sie jetzt noch brauchte, war Ärger mit der Kabale.
»Der Bildschirm hat Risse.« Sie ersparte ihm die Details. »Aber sie braucht sich gar nicht nach mir zu erkundigen. Ich habe ihren Auftrag erledigt.«
Balthazar schwenkte sein Glas. »Sag ihr das selbst. Ich bin hier nicht der Botenjunge.«
»Hey, Püppchen«, unterbrach sie einer der Verkäufer. Er hatte eine beginnende Glatze und ein gerötetes Gesicht vom Alkohol und einem Blazer, den er nicht abgelegt hatte.
Püppchen?
»Hallo, du Zeitreisender«, erwiderte Charlie.
Der Verkäufer sah verwirrt aus. Und so, als ob er zu tief ins Glas geschaut hätte. »Dein Freund hier gibt mir keinen Drink.«
Charlie sah zu Don hinüber, der die Situation hartnäckig ignorierte. Balthazar trank seinen Amaretto Sour aus und stand auf, aber nicht ohne ihr noch einen mitleidigen Blick zuzuwerfen, bevor er sie im Stich ließ.
»Und du glaubst, ich sehe aus wie leichte Beute?«, fragte sie.
»Leichte Beute? Ich weiß nicht … aber das können wir ja herausfinden.« Er beugte sich näher und legte feuchte Finger um ihr Handgelenk. Sie zog die Hand zurück und wünschte, sie hätte eine andere Formulierung verwendet.
Er hielt sie fest, und sein Lächeln erstarb.
»Lass mich los«, sagte sie.
Er drückte zu. »Du machst mir doch einen Drink, oder?«
»Lass mich los!«, rief Charlie. Zur Hölle mit Weihnachten und Santa und all seinen Elfen. Zur Hölle mit dem Gesellschaftsvertrag. Und zur Hölle mit diesem Typen.
Auf einmal war ihr Handgelenk frei und der Mann auf dem Boden. Red stand über ihm. Wenn es so aussah, als wäre er aus dem Nichts gekommen, dann deswegen, weil es mehr oder weniger so war.
Der Schatten beugte sich hinunter und packte den Mann am Gesicht. »Fass sie nicht an«, knurrte er. »Nie wieder.«
Charlie hatte es die Sprache verschlagen.
Einen Augenblick später griffen zwei Männer Red am Arm und versuchten, ihn von ihrem Kollegen wegzuziehen. Charlie spürte die heiße Ohrfeige seines Zorns, die durch ihre Verbindung strömte. Ihr Blight konnte diesen Mann töten. Er konnte diesen Mann töten und nie wieder darüber nachdenken.
Charlie sprang auf den Tresen und rutschte auf die andere Seite. Dabei gingen einige Servietten zu Boden.
Ein paar Leute hatten ihr Telefon herausgeholt und fingen an zu filmen.
»Hör auf«, sagte Charlie zu Red und drückte die Hand auf seinen festen Rücken.
»Wie ist er denn hier reingekommen?«, fragte eine Frau in einem grünen Paillettenkleid und mit einem Geweihstirnband. Dieselbe Frau, der Don den Vortrag über Bier gehalten hatte. »Ich bin die CFO von Hampshire Ford. Diese Veranstaltung sollte ausschließlich ein Firmenevent sein.«
Red ließ abrupt die Kehle des Mannes los und richtete die ganze Kraft seiner Aufmerksamkeit auf die Frau. Dabei bekam seine Stimme eine überraschende Autorität. »Wenn ich also nicht hier wäre, hätten Sie ihn einfach machen lassen? Ich glaube, ich verstehe, wieso Sie lieber wollen, dass ich gehe.«
