Thiemes Pflege -  - E-Book

Thiemes Pflege E-Book

0,0
89,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der anerkannte Klassiker - fit für die Generalistik Mit diesem Buch bist du optimal für die neue, generalistische Pflegeausbildung gewappnet. Es enthält alles, was du für deine erfolgreiche Ausbildung in der Pflege brauchst. Das Buch ist von Pflegenden für Pflegende geschrieben. Die zentralen Grundlagen der lebensphasenübergreifenden Pflege sind in allen Versorgungsbereichen beschrieben – vom Kind bis zum alten Menschen. Aufbau und Struktur des Inhalts folgen in bewährter Weise den ATLs (Aktivitäten des täglichen Lebens) sowie den Organsystemen. Prüfungsrelevantes Wissen mit einem menschlichen Blick auf deine Ressourcen Auf die breite Erfahrung des vielköpfigen Herausgeber- und Autorenteams mit anerkannten Pflege-Experten kannst du dich verlassen. Sie legen besonderen Wert auf eine evidenzbasierte Pflege und eine Pflege, die die Bedürfnisse des Pflegeempfängers in den Mittelpunkt stellt. Dieser Blickwinkel schließt das Wissen um die endlichen Ressourcen der Pflegenden ein. Die kontinuierliche Aktualisierung und Weiterentwicklung der Inhalte machen dieses Buch zu einem umfassenden und anerkannten Grundlagenwerk in der Pflegeausbildung. Profitiere für deine Pflegepraxis: 220 Fallbeispiele, viele Fotoserien, Schritt-für-Schritt-Anleitungen und zu jedem Kapitel ein ausführliches Literaturverzeichnis. Damit bist du für die Ausbildung bestens gerüstet und fit für die Praxis! Alle aktuellen Informationen zum neuen Pflegeberufegesetz inklusive der Rahmenlehrpläne sind enthalten. Du bekommst das Buch in zwei Größen, je nach deiner persönlichen Vorliebe. Der Inhalt ist jeweils der gleiche: Großes Format (19,5 x 27 cm) oder kompaktes Format (17 x 24 cm).

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 4356

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Thiemes Pflege

Das Lehrbuch für Pflegende in Ausbildung

Susanne Schewior-Popp, Franz Sitzmann, Lothar Ullrich

Walter Anton, Sabine Bartholomeyczik, Gabriele Bartoszek Ph.D, Christiane Becker, Heidrun Beyer, C. Boczkowski*, Hermann Brandenburg, Randolf Brehler, Bettina Brinkmann, Olaf Anselm Brinkmann, Annelie Burk, Theresa Bütow, A. Cerkus-Roßmeißl*, Ina Citron, Jann-Frederik Cremers, I. Csoti*, Katrin Drevin, Werner Droste, M. Eck*, Frauke Effey, Angelika Eil, Kristina Engelen, Michael Ewers, Thomas Fernsebner (M.A.), Marion Fischer, P. Fischer*, Sabine Floer, F. Fornadi*†, Michaela Friedhoff, Heiner Friesacher, Andreas Fröhlich, M. Funk*, Gert Gabriëls, Ursula Geißner, Irmela Gnass, Elke Goldhammer, Uwe Gottschalk, S. Grossmann-Haller*, F. Grundmann*, Matthias Grünewald, Walter Hell, Edwin Herrmann, Susanne Herzog, R. Hinkelammert*, Mechthild Hoehl, Eva Hokenbecker-Belke, Gertrud Hundenborn, Peter Jacobs, Simone Jochum, L. Juchli*, M. Kaeder*, Sebastian Kemper, Elisabeth Kern-Waechter, Henry Kieschnick, Sabine Kliesch, Elke Kobbert, Andreas Kocks, H. Köpke*, T. Köpke*, R. Krämer*, Heidemarie Kremer, V. Kuhlmann*, Elke Kuno, Andreas Kutschke, Alfred Längler, Susanne Lehmann, A. Marks*, Michael Löhr, Silvia Maeting, David Marghawal, Torsten Bert Möller, Dorothea Mört, Annedore Napiwotzky, Ute Nerge, Nadja Nestler, Christoph Sebastian Nies, Ricki Nusser-Müller-Busch, MSc (Neureha), Peter Nydahl, MScN, Elmar Oestreicher, J. Ohms*, T. Olschewski*, B. Osterbrink*†, P. Papavassilis*, Klaus Maria Perrar, A. Pierobon*, Nils Pöhler, Andreas Portsteffen, Michael Reichardt, Claudia Rössig, B. Sachsenmaier*, Ruth Sachsenmeier, C. Schnürer*, Jasmin Schön, D. Schöning*, S. Schoolmann*, Michael Schulz, Andreas Schwarzkopf, Tanja Segmüller, U. Skrotzki*, Erika Sirsch, A. Sow*, C. Sowinski*, A. Stade*, Valeska Stephanow, Dietmar Stolecki, Christoph Student, Heiner Terodde, M. Unger*, C. van Leeuwen*, Gabie Vef-Georg, Heike Verwolt, Martina Vollbrecht, Dominik von Hayek, Frank Weidner, Ina Welk, Andreas Wendl, S. Werschmöller*, T. Werschmöller*, Lars Wicher, Ina Wiegard-Szramek, Stefan Wilpsbäumer (M.A.), Christian Wülfing, Angelika Zegelin, Dominik Zergiebel (M.A.), Die mit * gekennzeichneten Autoren haben an früheren Auflagen mitgewirkt, und ihre Beiträge sind in der aktuellen Auflage noch teilweise enthalten.

15. Auflage

1590 Abbildungen

Geleitwort von Franz Wagner

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“ – das gilt auch für den Pflegeberuf. Seit der 1. Auflage dieses Buches, das vor fast 50 Jahren erstmals erschienen ist, hat sich viel in der Pflege getan. Der Vergleich der Inhalte über die Auflagen hinweg erlaubt einen Einblick in Entwicklungen und Trends der beruflichen Pflege.

Pflege ist ein Heilberuf und versteht sich selbst als Profession. Darin begründet sich auch der Anspruch an sich selbst, wie er sich zum Beispiel im Ethikkodex des International Council of Nurses (ICN) darstellt. Daraus leitet sich aber auch die Vorstellung von der Rolle und Stellung der beruflichen Pflege in der Gesundheitsversorgung und bei Pflegebedürftigkeit ab. Jüngster Ausdruck der Profession ist die Gründung von Pflegeberufekammern in Deutschland. In drei Bundesländern bestehen zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Buches Pflegeberufekammern. Zwei weitere sind auf dem Weg.

Pflege übernimmt die Verantwortung für die Qualität der pflegerischen Versorgung, das eigene Tun und das begründete Abweichen von Standards. Dazu benötigen wir Ergebnisse der Pflegeforschung und die Fähigkeit, diese Forschungsergebnisse zu verstehen und im jeweiligen Versorgungskontext anzuwenden. Das ist keine geringe Anforderung! Deshalb ist umso wichtiger, dass beruflich Pflegende gut qualifiziert sind. Pflegen kann nicht jeder! Das gilt sowohl für Aspekte der Persönlichkeit als auch der Fachkompetenz.

Mit dem Pflegeberufegesetz wird die Ausbildung grundsätzlich neu gefasst. Das erfordert ein Umdenken in der Ausbildung und der Pflegepraxis. Eine Ausbildung an Hochschulen ist jetzt regelhaft möglich. In der Konsequenz wird sich auch die Spezialisierung in der Pflege weiterentwickeln und wir werden Master-Studiengänge mit klinischem Fokus haben. Die erweiterte Pflegepraxis (Advanced Nursing Practice) ist eine Antwort auf die Defizite in der deutschen Gesundheitsversorgung. Was für Deutschland fast revolutionär wirkt, ist im Großteil der Welt eine Selbstverständlichkeit – auch bei unseren Nachbarn in der Schweiz und in Österreich. Da haben wir noch erheblichen Aufholbedarf.

Das gesellschaftliche Bild der Pflege ist ambivalent. Bei Umfragen erzielt Pflege regelmäßig hohe Anerkennungswerte. Bei der Frage nach der Attraktivität des Berufes rangiert Pflege dagegen weit unten. Während der Corona-Pandemie wurde abends vom Balkon geklatscht und Politik und Medien feierten uns als „systemrelevant“. Wir wissen schon lange, dass wir „den Laden zusammenhalten“. Ob aus den warmen Worten dann auch politische Anerkennung im Sinnen von mehr Gehalt, mehr Personal und mehr beruflicher Autonomie wird, bleibt abzuwarten. Es bleibt nach wie vor eine Herausforderung darzustellen, was Pflege tatsächlich leistet. Dabei gibt es so viele tolle Beispiele, wie Pflegefachpersonen selbst mit auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Interventionen die Situation der betroffenen Menschen deutlich verbessern. Und wir haben zunehmend pflegerische Konzepte und Interventionen, die belegbar wirken. Die Unkenntnis vom Beitrag der Pflegefachpersonen zur Versorgungsqualität reicht von Arbeitgebervertretern bis hin zu Abgeordneten im Deutschen Bundestag. Pflegefachpersonen werden noch zu oft als Kostenfaktor und nicht als Leistungsträger betrachtet. Kurzsichtig und fehlgeleitet wird auf rein quantitative Argumente geachtet: Wie viele Menschen brauchen wir in der Pflege und was kostet uns das? Beides greift zu kurz. Es kommt nicht nur auf die Zahl der Köpfe an, sondern auch auf das, was in den Köpfen steckt. Und gute Versorgung ist immer wirtschaftlicher als schlechte Versorgung.

Unser Beruf ist fantastisch und kann in jeder Generation viele Menschen für sich begeistern. Innerhalb der Pflege gibt es eine riesige Auswahl an Entwicklungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten. Auch das macht unseren Beruf so interessant. Aber die Rahmenbedingungen müssen sich deutlich verbessern. Durch die demografische Entwicklung mit immer weniger jungen Menschen gibt es einen zunehmenden Mangel an Fachkräften in allen Branchen. Deshalb steht auch die Pflege vor der Herausforderung, Nachwuchs zu gewinnen und Pflegefachpersonen möglichst lange im Beruf zu halten. Aber auch die Pflegenden selbst müssen deutlicher und einiger für eine Veränderung eintreten. Das geht jede einzelne Pflegefachperson an. Und das braucht auch geeignete Instrumente. Pflegeberufekammern in ganz Deutschland sind für mich – gemeinsam mit starken Berufsverbänden und einer Gewerkschaft, die sich für die Pflegenden einsetzt – der Schlüssel dazu.

Eine gute Ausbildung, die ein professionelles Berufsverständnis vermittelt und auf eine lange und erfolgreiche Berufskarriere vorbereitet, bildet das Fundament. Mit dem vorliegenden Lehrbuch wird ein wichtiger Beitrag für eine gute Ausbildung geleistet. Ich wünsche Thiemes Pflege viele Leserinnen und Leser, die ihren geliebten Beruf möglichst lange ausüben werden.

Dr. h.c. Franz Wagner MScN

Präsident Deutscher Pflegerat e.V.

Bundesgeschäftsführer Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe DBfK e.V.

Geleitwort von Carsten Drude

Die vorliegende Neuauflage von Thiemes Pflege setzt in konsequenter Art und Weise die etablierten Inhalte dieses Standardlehrbuches für die Pflegeausbildung fort.

Die seinerzeitige Leitstruktur aus dem Ursprungswerk, die sich an den Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) orientierte, hat sich über die Jahre der Weiterentwicklung dieses Buches in vielerlei Hinsicht als ganzheitliches Ordnungssystem bewährt. Diese Struktur wurde bereits in der letzten Auflage in Form eines generalistischen Ansatzes erweitert, um so auch den aktuellen Entwicklungen und Anforderungen der Pflegeberufe zu entsprechen. Es hat sich gezeigt, dass diese Denkrichtung richtig war und konsequent weiterverfolgt wird.

Der Pflegeberuf befindet sich nach wie vor im Wandel. Der Blick auf den beruflichen Nachwuchs nimmt dabei eine ganz besondere Rolle ein. Gerade bei der Betrachtung der Generationenphänomene wird deutlich, dass sowohl die zukünftigen Auszubildenden als auch die Studierenden der Pflege Orientierung und Halt benötigen. Im beruflichen/bildungstheoretischen Fokus kann Thiemes Pflege hier einen wichtigen Beitrag leisten. Mit dem Jahresbeginn 2020 trat das Pflegeberufegesetz in Kraft. Die drei ursprünglich getrennten pflegerischen Berufe Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege wurden zu einem gemeinsamen (generalistischen) Pflegeberuf zusammengeführt, der mit der Berufsbezeichnung „Pflegefachfrau/Pflegefachmann“ auch den aktuellen Ansprüchen gerecht wird. Für die weiterhin möglichen Spezialabschlüsse „Gesundheits- und Kinderkrankenpflege“ und auch „Altenpflege“ sind die relevanten Aspekte ebenfalls in Thiemes Pflege zu finden.

Die etablierten und weiterhin gültigen Inhalte der vorhergehenden Auflage von Thiemes Pflege wurden zu Recht in ihrer Ursprungsform belassen. Die aktuellen beruflichen Entwicklungen fanden aber natürlich Einzug in die Neuauflage: Dieses wird insbesondere im ersten Kapitel „Ausbildung und Beruf“ deutlich.

Trotz der rasanten Entwicklungen im multimedialen Bereich hat sich gezeigt, dass die Leserin/der Leser nach wie vor das Buch als Medium sehr schätzt. Dies ist in der Pflegeausbildung nicht anders. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurde zudem sehr schnell deutlich, dass es für Lernende und Lehrende wichtig ist, sowohl im analogen als auch im digitalen Bereich Zugang zu aktueller Pflegeliteratur zu haben. Thiemes Pflege ist dabei als umfassendes Lehrwerk ein unverzichtbarer Bestandteil dieser gemischten Lernumgebung geworden.

Carsten Drude, M.A.

Vorsitzender des Bundesverbandes Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS) e.V.

Geschäftsführer der Franziskus Gesundheitsakademie Münster

Warum mit „Fällen“ lernen?

Susanne Schewior-Popp

Die Pflegeausbildung dient Ihnen dazu, sich auf den Beruf vorzubereiten und sich dafür zu qualifizieren. Sie haben dabei mit Menschen zu tun, die aus verschiedenen Gründen in eine Klinik eingewiesen werden, die teilstationär oder ambulant versorgt oder in einer Einrichtung der Altenhilfe betreut werden.

Diese Menschen bedürfen einer individuellen, auf ihre ganz spezifische Bedarfslage ausgerichtete Pflege. Um so pflegen zu können, benötigen Sie pflegerisches Wissen, Können und Erfahrung. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von pflegerischer Handlungskompetenz. Ziel der Ausbildung ist es also, dass Sie pflegerische Handlungskompetenz in möglichst fundierter und umfassender Weise erlangen.

Welche Wege sind besonders sinnvoll und wirksam, wenn ich Kompetenzen erlangen will?

Neben den auch aus der allgemeinbildenden Schule bekannten und bewährten Möglichkeiten, Konzepten und Methoden bietet sich das Lernen anhand konkreter Pflegesituationen an. Mit solchen „Fällen“ wird ein Stück Pflegealltag in die Schule geholt, denn sie sind reale Pflegesituationen oder sie sind daraus abgeleitet. Für diese Fälle gilt:

Sie fordern Sie als Schüler auf, Pflegebedarfe zu erkennen, zu identifizieren und zu klassifizieren. Pflegeziele müssen formuliert, Pflegeinterventionen geplant und Pflegewirksamkeit muss überprüft werden.

Disziplinäre und interdisziplinäre Zusammenarbeit ist erforderlich, Beratungsbedarf muss erkannt und eingelöst werden, Konflikte tauchen auf und fordern Klärungen.

Patienten, Angehörige oder auch Kollegen zeigen Emotionen oder Reaktionen, die unerwartet sind und vielleicht auch Angst machen, ethische Dilemmata belasten den Arbeitsalltag, die eigene Vorstellung von guter und richtiger Pflege gerät mitunter in Gefahr.

Dies alles ist jeweils sehr individuell auf einen bestimmten Patienten bzw. eine bestimmte Situation ausgerichtet. Natürlich gibt es in den Einrichtungen auch Standards und Regeln, die unabdingbar für gute Pflege sind, aber sie allein reichen eben nicht aus.

Merke

Arbeiten mit Fällen ist so etwas wie pflegerisches Probedenken und Probehandeln. Arbeiten mit Fällen ist damit gleichzeitig auch ein sinnvoller Weg, die viel beschriebene Kluft zwischen „Theorie und Praxis“ kleiner werden zu lassen.

„Fälle“ bieten wichtige Ankerpunkte, um handlungsorientiert zu lernen. Kurz gefasst geht es dabei um Lernen für das Handeln (im Beruf) und Lernen durch Handeln (möglichst eigenständiges und aktives Lernen). Und nicht zuletzt sind auch die Examensprüfungen zu nennen, die im schriftlichen und mündlichen Teil nicht reines Wissen abfragen, sondern ganz überwiegend fallorientiert gestaltet sind (Literatur zur fallorientierten Prüfungsvorbereitung findet sich im Literaturverzeichnis).

Aus all diesen Gründen treffen Sie, liebe Schülerinnen und Schüler, in diesem Lehrbuch immer wieder auf Fallbeschreibungen, die Sie zur Bearbeitung mithilfe einzelner oder mehrerer Kapitel dieses Buches auffordern. Das gilt in besonderem Maße für die sich anschließenden Aktivitäten des täglichen Lebens (ATLs), denen jeweils ein Fallbeispiel vorangestellt ist.

Fallarten: verschiedene Zielsetzungen – verschiedene Bearbeitungswege

Falldarstellungen können ganz unterschiedlich sein und sie können auch verschiedenen Unterrichtszielen dienen. Wenn Sie diese Ziele erreichen wollen, müssen Sie in aller Regel einer bestimmten methodischen Vorgehensweise folgen.

Die illustrative Krankengeschichte Häufig werden sog. Krankengeschichten eingesetzt. Sie beschreiben mehr oder minder lückenlos einzelne oder mehrere Phasen der Versorgung eines Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung.

Merke

Illustrative Krankengeschichten dienen vornehmlich dazu, Ihnen Sachverhalte und Ereignisse zu veranschaulichen.

Dabei bildet die einzelne Krankengeschichte quasi eine Rahmenhandlung für den Unterricht. Einzelne Aspekte daraus werden aufgegriffen und im Lehrervortrag, in der Kleingruppe oder im Unterrichtsgespräch bearbeitet. Ihr Lehrer hat dabei die „Bearbeitungsregie“, er steuert die Vorgehensweise.

Problemlösungs- und reflexionsfördernde Fallarten Um Sie auf einem aktiven und eigenständigen Lernweg zu unterstützen, bieten sich 4 Arten fallbezogenen Unterrichts besonders an. Die oben beschriebene „illustrative Krankengeschichte“ dient eher dazu, Ihnen Sachverhalte und Ereignisse zu veranschaulichen. In Anlehnung an E. Steiner lassen sich verschiedene Arten von fallbezogenem Unterricht unterscheiden (Hundenborn 2007):

Fallmethode: Fälle, die zur Lösung eines Problems auffordern, aber nicht auf das unmittelbare Erleben der Lernenden zurückzuführen sind.

Einzelfallprojekt: Fälle, die zur Lösung eines Problems auffordern und ihren Ursprung im unmittelbaren Erleben der Lernenden haben.

Falldialog: Fälle, die das vertiefte Verstehen und Analysieren/Deuten/Interpretieren von Situationen fördern, die aber nicht auf das unmittelbare Erleben der Lernenden zurückzuführen sind.

Fallarbeit: Fälle, die das vertiefte Verstehen und Analysieren/Deuten/Interpretieren von Situationen fördern und ihren Ursprung im unmittelbaren Erleben der Lernenden haben.

Sie sehen: Diese 4 Fallarten unterscheiden sich – etwas vereinfacht – dadurch, welche Kompetenz sie fördern (Problem lösen oder vertieftes Verstehen) und ob sie auf Ihr unmittelbares Erleben zurückzuführen sind oder nicht.

Bei der Fallmethode und dem Einzelfallprojekt geht es primär um die Förderung Ihrer Kompetenz, Probleme zu lösen. Beim Falldialog und der Fallarbeit geht es darum, Ihre hermeneutische (analysierende, verstehende, deutende) Kompetenz zu fördern. Beide Kompetenzbereiche sind sehr wichtig, damit Sie Ihre professionelle pflegerische Handlungskompetenz entwickeln können.

Die Pflegesituation als Fallgrundlage Konkretes, alltägliches Pflegehandeln geschieht in Pflegesituationen. Was liegt also näher, als Pflegesituationen auch zum Ausgangspunkt fallbezogenen Unterrichts zu machen. So unterschiedlich die einzelnen Pflegesituationen sind, vergleichbar sind auf jeden Fall ihre Strukturmerkmale. Hundenborn und Knigge-Demal haben insgesamt 5 wesentliche Elemente von Pflegesituationen herausgearbeitet (Hundenborn 2007). Diese 5 Elemente sind:

die objektiven bzw. objektivierbaren Pflegeanlässe, der Pflegebedarf eines Patienten

das subjektive Krankheitserleben und das Verarbeiten der Krankheit durch den Patienten

die Interaktionsstrukturen (Patient/Pflegende/Angehörige usw.)

die Tätigkeitsfelder und ihre Einbindung in den Kontext (Station, Abteilung, Klinik, Rehaeinrichtung, ambulante Pflege usw.)

der Pflegeprozess als ein weiteres wichtiges Merkmal, das nicht den Struktur-, sondern eher den Prozesscharakter betont, innerhalb der pflegerischen Tätigkeit aber entscheidende strukturierende Funktionen hat.

Je nach der gewählten Fallart werden die einzelnen Elemente der Pflegesituation unterschiedlich stark betont:

Bei Fallmethode und Einzelfallprojekt stehen Pflegeanlass, Tätigkeitsfeld und Problemlösung im Pflegeprozess im Vordergrund.

Bei Falldialog und Fallarbeit sind es eher das subjektive Krankheitserleben, das Verarbeiten der Krankheit und die Interaktions- und Beziehungsstrukturen im Pflegeprozess.

Variieren kann natürlich auch die Art der Erzählperspektive: Ein Fall kann entweder von außen, also von einer Art (neutralem) Beobachter beschrieben werden, aber auch aus der eher subjektiven Ich-Perspektive eines der Betroffenen (Patient, Pflegende, Angehöriger). Je nach Erzählperspektive spielen dabei Objektivität, Subjektivität oder auch Parteilichkeit unterschiedliche Rollen. Dies zu erkennen und zu berücksichtigen ist wichtig bei der Fallbearbeitung.

Fälle in diesem Lehrbuch In diesem Lehrbuch finden Sie an zahlreichen Stellen Pflegesituationen zu Lernzwecken. Diese Situationen sind zwar speziell für dieses Buch „konstruiert“, dies geschah aber grundsätzlich in ganz enger Anlehnung an reale Situationen. Nach der obigen Unterscheidung von Arten fallbezogenen Unterrichts handelt es sich dabei entweder um Fälle entsprechend der Fallmethode (eher problemlösungsorientiert) oder des Falldialogs (eher deutungsorientiert). Darüber hinaus sind die Lehrenden natürlich aufgefordert, erfahrungsbezogene Lernsituationen zu schaffen, in denen dann auf der Grundlage der konkreten Schülererfahrungen auch das Einzelfallprojekt oder die ▶ Fallarbeit siehe Literatur eingesetzt werden können.

Wege zur Fallbearbeitung

Fallbearbeitung kann auf sehr unterschiedliche Weise geschehen. Um Ihnen aber grundsätzliche Bearbeitungshinweise zum Umgang mit den Fällen zu geben, werden im Folgenden jeweils ein Bearbeitungsvorschlag für die eher problemlösungs- bzw. die eher deutungsorientierten Fallarten vorgestellt. Und natürlich ist auch die Verbindung beider Bearbeitungsansätze bezüglich eines Falls denkbar und sinnvoll, also z. B. die Ergänzung einer problemlösungs- durch eine deutungsorientierte Bearbeitung. Bei den im Folgenden dargestellten Vorschlägen zur Fallbearbeitung handelt es sich um zentrale und grundlegende Bearbeitungswege.

Das Problemorientierte Lernen (POL) Die Fallbearbeitung nach dem sog. Problemorientierten Lernen (POL) ist sicher die national wie international verbreitetste Vorgehensweise bei eher problemlösungsorientierten Fällen.

Ursprünglich stammt das Konzept als „Problem based Learning“ aus Kanada und wurde in der Medizinerausbildung eingesetzt. Es setzte sich dann zunächst im englischsprachigen Raum im Medizin- und Pflegebereich, aber z. B. auch in der Ausbildung von Sozialarbeitern durch und kam dann vornehmlich über die Niederlande und die Schweiz bis in die deutschen Pflegeschulen (vgl. zur Übersicht Fischer 2004). Im POL gibt es verschiedene Aufgabenarten, am häufigsten und typisch ist aber die sog. Problemlöseaufgabe. Sie entspricht im Wesentlichen der oben beschriebenen lösungsorientierten Fallmethode. Das Ziel der Fallbearbeitung ist es, das Problem zu lösen.

Wichtig ist aber, dass es nicht unbedingt immer nur eine Lösung gibt. Möglicherweise sind auch unterschiedliche Lösungen denkbar. Ziel eines solchen Vorgehens ist also nicht primär ein „Richtig oder Falsch“, sondern eine fach(wissenschaft)liche, theoretisch fundierte und begründete Entscheidung. Der Weg zu dieser Entscheidungsfindung geschieht in 7 Bearbeitungsphasen, dem sog. „Siebensprung“.

Der Siebensprung Der Siebensprung ist eine genau beschriebene Vorgehensweise zur Problemlösung (vgl. z. B. Fischer 2004). Er ist in 7 Schritte unterteilt, die bis auf einen Schritt (Schritt 6) komplett in Kleingruppenarbeit erfolgen.

Arbeit in Kleingruppen Die Größe der Kleingruppen kann zwischen 4 und 10 Schülern variieren, sollte innerhalb einer Lerngruppe aber gleich sein. Sinnvoll ist es auf jeden Fall, einen Gesprächsleiter und einen Protokollanten innerhalb jeder Kleingruppe zu bestimmen. Das machen die Kleingruppen selbst.

Gesprächsleiter: Er hat die Aufgabe, der Kleingruppe zu helfen, strukturiert vorzugehen. Er leitet durch die 7 Schritte und achtet auf deren korrekte Einhaltung. Er fasst ggf. einzelne Punkte zusammen, achtet auf eindeutige Formulierungen, stellt weiterführende Fragen, regt die Diskussion an und vermittelt ggf. zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern.

Protokollant: Er fasst die wesentlichen Ergebnisse in den einzelnen Schritten schriftlich zusammen. Er achtet dabei auf Vollständigkeit und korrekte Wiedergabe. Vermeiden sollte er eigene subjektive Einschätzungen. Wenn er unsicher ist, fragt er bei den Gruppenmitgliedern bzw. beim Gesprächsleiter nach.

Die einzelnen Schritte Eine Vorgehensweise entsprechend dem Siebensprung bietet sich z. B. bei den Falldarstellungen im Vorspann der ATLs „Sich Waschen und Kleiden“, „Wachsein und Schlafen“, „Essen und Trinken“, „Ausscheiden“, „Sich Bewegen“, „Atmen, Puls und Blutdruck“ sowie „Körpertemperatur Regulieren“ an. Hier geht es primär um die Suche nach pflegerischen Lösungsmöglichkeiten, also um Pflegebedarf bzw. -diagnose, Zielsetzung und Interventionsplanung. Allerdings sollten auch bei diesen Fällen nicht nur das rein „technische“, also das pflegerische Vorgehen und Handling berücksichtigt werden. Fragen des Erlebens und der Interaktion sind ebenso wichtig und zu berücksichtigen, wenn es um die Problemlösung geht. Hier können die Hinweise zur ▶ deutungs- und verstehensorientierten Bearbeitung weiterhelfen. Das entsprechende ATL-Kapitel bietet schwerpunktmäßig die wesentlichen Informationen insbesondere für die Recherche im Schritt 6, natürlich sind auch Inhalte aus anderen Kapiteln hilfreich, denn der Pflegebedarf des individuellen Patienten geht in aller Regel über den Bereich der einzelnen ATL hinaus.

Vorgehensweise beim Arbeiten mit dem „Siebensprung“ in der Kleingruppe

Schritt 1: Klären Sie zunächst, ob Ihnen alle im Fall vorkommenden Begriffe, z. B. Krankheitsbezeichnungen, Medikamenten- oder Laborangaben, diagnostische oder pflegerisch-therapeutische Verfahren, Pflegediagnosen, die im Fall genannt werden, bekannt sind. Klären und überprüfen Sie gegenseitig entsprechende Definitionen. Halten Sie unbekannte und nicht in der Gruppe zu klärende Begriffe fest.

Schritt 2: Fragen Sie sich in der Gruppe, worum es im vorliegenden Fall eigentlich geht. Welche Fragen müssen gelöst werden, welche sind zwar interessant, spielen hier aber nicht unmittelbar eine Rolle? Versuchen Sie, das Problem zusammenzufassen.

Schritt 3: Klären Sie in der Gruppe, was Sie schon über das Problem wissen. Äußern Sie alle Vermutungen, die Sie haben. Halten Sie fest, was Sie wissen, was Sie nicht wissen und was Sie vermuten. Alle geäußerten Vermutungen, auch wenn sie unterschiedlich sind, sind wichtig.

Schritt 4: Versuchen Sie, Ihr Wissen, Ihr Nichtwissen und Ihre Vermutungen zu sortieren und zu ordnen. Was gehört zusammen? Gibt es Überbegriffe? Stellen sich zusätzliche Fragen?

Schritt 5: Formulieren Sie Lernfragen, stellen Sie sich in der Gruppe Ihre eigenen Lernziele. Dabei können Sie sich an den Überbegriffen aus Schritt 4 orientieren. Formulieren Sie die Lernfragen eindeutig, klar und auf das Problem bezogen.

Schritt 6: In Einzelarbeit suchen Sie nach Antworten auf Ihre Lernfragen. Jeder in der Gruppe macht das selbstständig. Gehen Sie dabei nicht arbeitsteilig vor, jeder geht allen Lernfragen nach, teilen Sie die Fragen nicht auf. Recherchieren Sie in diesem und anderen Lehrbüchern, Materialien, die Ihnen die Lehrenden zur Verfügung stellen, im Internet, befragen Sie ggf. auch Experten (Ihr Lehrer wird das entsprechend organisieren).

Schritt 7: Kommen Sie wieder in der Kleingruppe zusammen. Tauschen Sie Ihre Rechercheergebnisse aus. Stellen Sie sich gegenseitig Fragen, fragen Sie auch nach den Quellen der Informationen. Achten Sie auf präzise Wiedergabe. Beziehen Sie Ihre Ergebnisse auf das Ausgangsproblem. Welche Lösungsvorschläge haben Sie? Diskutieren Sie diese.

Der eigentliche Siebensprung endet nach Schritt 7, also in der Kleingruppe. Sinnvoll kann es aber sein, noch einen abschließenden Schritt in der Großgruppe anzuschließen:

Ergänzender Schritt: In der gesamten Lerngruppe werden die Lösungsvorschläge und Entscheidungen aus den einzelnen Kleingruppen präsentiert, verglichen, analysiert, diskutiert. Gegebenenfalls werden weitere Lernabsprachen, z. B. für den nächsten Praxiseinsatz oder auch ein gezieltes Training bestimmter pflegerischer Fertigkeiten (sog. Skill-Training, vgl. auch Riedo 2006) verabredet.

Merke

Der Siebensprung funktioniert nur, wenn alle Schritte in der genauen Reihenfolge eingehalten werden. Sie dürfen keinen Schritt überspringen, auch wenn Sie einzelne Schritte vielleicht zunächst für überflüssig halten. Keiner der Schritte ist überflüssig; je öfter Sie im POL arbeiten, desto sicherer werden Sie in den einzelnen Schritten. Ihre Lehrerin oder Ihr Lehrer werden Sie in den Kleingruppen unterstützen.

Praxistipp

Hinweis für Lehrende: Neben der Beschäftigung mit POL mittels entsprechender ▶ Veröffentlichungen siehe Literatur empfiehlt sich die Teilnahme an POL-bezogenen Fortbildungsveranstaltungen, z. B. auch um die verschiedenen Zeitbedarfe einzuschätzen. Das ist nicht nur für den Unterricht, sondern auch für fallorientierte Prüfungen wichtig. Es ist immer sinnvoll, das ganze Team zu schulen, so können Missverständnisse und Informationsdefizite vermieden werden.

Deutungs- und verstehensorientierte Fallbearbeitung Der Einsatz von Fällen im Unterricht oder auch in der Praxisbegleitung im Sinne von Falldialog und Fallarbeit (s. die obige Typologie) schließt eine Vorgehensweise nach POL nicht grundsätzlich aus, erfordert aber eine deutungsbezogene Herangehensweise. Im Vordergrund steht nicht so sehr die Entscheidungsfindung, sondern ein Sichhineinversetzen in die Situation, ein Durchdenken, Nachdenken und der Versuch des Verstehens und Interpretierens einzelner Handlungen, Reaktionen, verbaler und nonverbaler Äußerungen usw. Eine solche Auseinandersetzung geschieht entweder mit real-persönlich erlebten Situationen (Fallarbeit) oder mit zwar fiktiven, aber dennoch realitätsnahen Situationen (Falldialog). Entsprechende Fallbeispiele finden Sie im Vorspann der ATLs „Kind, Mann, Frau sein“, „Sinn finden“, „Raum und Zeit gestalten“ und „Kommunizieren“. Immer handelt es sich dabei um Pflegesituationen, allerdings stehen jetzt weniger die konkreten Pflegeanlässe im Vordergrund, sondern das Erleben und Verarbeiten, die Interaktionsstrukturen und auch die Bedeutung der Institution (vgl. Hundenborn 2007). Und genau diese Elemente sind auch der Gegenstand der deutend-verstehenden Auseinandersetzung.

Mehr als reine Regelorientierung Ingrid Darmann (2005) hat in Erweiterung eines rein regelorientierten Lösungsansatzes der Fallbearbeitung 3 Zieldimensionen formuliert, die folgende Fragen stellen:

„Welches wissenschaftsbasierte Regelwissen können sich Schüler anhand dieser Situation aneignen?

Welche Perspektiven und Deutungen können Schüler anhand dieser Situation rekonstruieren?

Welche gesellschaftlichen Widersprüche können Schüler anhand dieser Situation aufdecken?“ (Darmann 2005, S. 332).

Die erste Zieldimension bezieht sich wesentlich auf das fallbezogene Fachwissen, wie es z. B. im oben beschriebenen POL herausgearbeitet werden kann. Die zweite Zieldimension fragt vornehmlich nach Verstehen und Deutung, in der dritten Dimension erfolgt die gesellschaftliche/gesellschaftspolitische Rückbindung des Falls, wie es etwa der Themenbereich 11 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung vorsieht. Darmann spricht immer dann von „pflegeberuflichen Schlüsselproblemen“ als Ausgangspunkt von fallbezogenen Lernsituationen, wenn mithilfe eines Falls alle 3 o.g. Zieldimensionen erreicht werden können. Solche Fälle zeichnen sich durch ein hohes Maß an Deutungsoffenheit aus (Darmann 2005).

Mehrperspektivität der Deutung Wenn bei einem Fallbeispiel ganz oder teilweise Verstehen und Deutung im Vordergrund stehen, bieten sich verschiedene Vorgehensweisen an; bei Hundenborn (2007) lassen sich (für die Lehrenden) verschiedene Verfahren und deren theoretische Ableitung im Überblick sehr gut nachlesen. Ein wichtiger Zugang, der dabei immer wieder benannt wird, ist die Mehrperspektivität des Deutens und Verstehens. Darmann (2005) schlägt hier die folgenden Perspektiven vor:

die der Pflegenden (subjektive und biografisch geprägte Interessen, Gefühle, Motive und Werte)

die der Patienten und Angehörigen (subjektive und biografisch geprägte Interessen, Gefühle, Motive und Werte)

die der Institution und des Gesundheitssystems (Interessen und Motive)

Die genannten Perspektiven münden ein in einen kommunikativen Dialog des Fallverstehens und der Urteilsbildung hinsichtlich der Perspektive

der pflegerischen Handlung.

Die Berücksichtigung dieser 4 Perspektiven ermöglicht es Ihnen, sich zunächst systematisch mit den verschiedenen Sichtweisen auf der Basis dessen, was der Fall Ihnen an Informationen anbietet, ergänzt durch Ihre eigenen Kenntnisse und Erfahrungen, auseinanderzusetzen. Dies geschieht wie beim POL am besten in der Kleingruppe mit Gesprächsleitung und Protokollanten. Alle Gruppenmitglieder sind dabei aufgefordert, ihre Vermutungen, ihr Wissen und ihre Interpretationen zu äußern. Dabei ist es wichtig, auch zu sagen bzw. festzuhalten, wie der Einzelne zu einer bestimmten Deutung gelangt. Wie kommt es zu der Aussage über ein bestimmtes Gefühl, ein Motiv oder einen Wert? Auf welche Textstelle im Fall, auf welches theoretische Wissen bezieht sich die Äußerung des einzelnen Gruppenmitglieds?

In einem echten Dialog (Falldialog) setzen sich die Gruppenmitglieder mit den verschiedenen Auffassungen auseinander, beziehen die verschiedenen Perspektiven aufeinander und kommen schließlich zu einem Verstehen des Falls und zu einer Urteilsbildung. Hierbei ist es wichtig, Alternativen zu benennen und zuzulassen, um schließlich im Sinne einer pflegerischen Teambesprechung zu einer einvernehmlichen Entscheidung zu gelangen oder aber zu der Feststellung, dass mehrere Möglichkeiten des Deutens und Handelns sinnvoll sein könnten, und diese dann auch als potenzielle Optionen stehenzulassen.

Der gesellschaftliche Bezug – Reflexion von Deutung und Handlung Im Sinne der dritten von Darmann (2005 und 2006) benannten Zieldimension (gesellschaftliche Konflikte und Widersprüche) ist es zum Abschluss bzw. in Ergänzung des Falldialogs oftmals hilfreich und über den einzelnen Fall hinaus weiterführend, die Frage zu stellen, inwieweit erkannte und aufgezeigte Widersprüche, Konflikte, Interessenskollisionen oder (ethische) Dilemmata beispielhaft für bestimmte beruflich-gesellschaftliche Gegebenheiten stehen. Diese können sich z. B. auf den Umgang von verschiedenen Berufsgruppen mit- oder auch gegeneinander beziehen, auf unterschiedliche Pflegeverständnisse, auf Weltanschauungen, finanzielle Aspekte, Statusfragen usw. Hier sind dann insbesondere auch das Wissen und die Erfahrungen aus Bezugswissenschaften wie Soziologie, Psychologie, Politik oder Ökonomie gefragt.

Vom fallbezogenen Unterricht zur persönlichen Kompetenz Die Arbeit mit Fällen ist kein Buch mit sieben Siegeln, das hat diese kurze Einführung Ihnen hoffentlich gezeigt. Das, was Sie hier gelesen haben, soll Ihnen als zusammenfassender Leitfaden dienen und keinesfalls eine gründliche Einführung durch Ihren Lehrer ersetzen. Nach einer solchen Einführung können Sie das Arbeiten an und mit Fällen anhand der Beispielfälle im Vorspann der einzelnen ATLs ausprobieren. Wichtig ist, dass alle Fälle in gewisser Weise immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit darstellen, indem sie den Fokus bewusst jeweils auf eine ATL legen. Wir als Herausgeber und Verlag haben uns zu einer solchen Vorgehensweise entschieden, damit Sie mit unseren Fällen gezielt lernen können. Die Fälle bilden also immer auch einen Einstieg in ein komplexes Themenfeld. Je nachdem, wie Ihre Lehrer den Unterricht gestalten, ist es mit zunehmendem Ausbildungsstand sicherlich sinnvoll, auch zunehmend komplexere Fälle zu bearbeiten, dies gilt dann ganz besonders für die Examensvorbereitung.

Und nun: Viel Freude und Lerngewinn bei der Bearbeitung der Fälle!

Lern- und Leseservice

[1] Berens C. POL konkret. Umsetzung der Methode im Unterricht. PADUA 2006; 5: 12–15

[2] Büscher C, Gronemeyer-Bosse T. Professionelles Handeln und Fallarbeit. Ein fruchtbares Wechselspiel zwischen Praxis und Theorie. PADUA 2009; 3: 30–36

[3] Büscher C. Fallstudien. Theorie für die Praxis verstehen. PADUA 2009; 4: 23–27

[4] Darmann I. Pflegeberufliche Schlüsselprobleme als Ausgangspunkt für die Planung von fächerintegrativen Unterrichtseinheiten und Lernsituationen. PRINTERNET 2005; 6: 329–335

[5] Darmann I. Bildungsanspruch und Strukturentwicklung. Eine Positionierung der Pflegepädagogik. PADUA 2006; 4: 60–65

[6] Fischer R. Problemorientiertes Lernen in Theorie und Praxis. Leitfaden für Gesundheitsfachberufe. Stuttgart: Kohlhammer; 2004

[7] Hundenborn G. Fallorientierte Didaktik in der Pflege. Grundlagen und Beispiele für Ausbildung und Prüfung. München: Urban und Fischer; 2007

[8] Riedo P. Aufwärts in der Schweiz. Problembasiertes Lernen. PADUA 2006; 1: 38–45

[9] Schewior-Popp S. Fallbezug im Unterricht. Chancen, Möglichkeiten und Grenzen. PADUA 2006; 5: 6–11

[10] Schwarz-Govaers R. Problemorientiertes Lernen in der Pflegeausbildung. PRINTERNET 2002; 30–45

[11] Schewior-Popp S, Fischer R. Schriftliche Prüfung Tag 1. Stuttgart: Thieme; 2006

[12] Schewior-Popp S, Fischer R. Schriftliche Prüfung Tag 2. Stuttgart: Thieme; 2007

[13] Schewior-Popp S, Fischer R. Schriftliche Prüfung Tag 3. Stuttgart: Thieme; 2008

[14] Schewior-Popp S, Fischer R. Mündliche Prüfung Teil 1. Stuttgart: Thieme; 2007

[15] Schewior-Popp S, Fischer R. Mündliche Prüfung Teil 2. Stuttgart: Thieme, 2009