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Der vorliegende Band ist ein Ausschnitt der Fachbeiträge auf der internationalen Konferenz Think CROSS - Change MEDIA 2016. Mobil. Ethisch. Kollaborativ. lautet der Untertitel und trägt diversen Tendenzen in der Branche Rechnung. Entsprechend die Themenauswahl: Das Menschenrecht auf digitale Kommunikation war der Titel der Keynote vom Deutsche Welle Akademiedirektor Christian Gramsch. Mobile Berichterstattung mit mobilen Endgeräten am Beispiel des Hörfunks. Was es bedeutet, wenn die Masse spricht? Online-Petitionen als Tool für Journalisten, um sich mit genauen Daten ein Bild über die Meinung von Bevölkerungsgruppen zu relevanten Themen zu machen. Und wie kann man aus Online-Befragungen tatsächlich neue Erkenntnisse extrahieren – von der Datenerhebung bis zur Visualisierung der Ergebnisse. Wie steht es sonst mit dem Zugang zu Daten? Juristen-Tipps für Journalisten als Bürger erhöhen die Chance auf legalen Zugang. Bilddatenbanken leichter zugänglich zu machen, war das Ziel der HTW-Kollegen. Ihr visuelles Navigationskonzept überzeugte. Unter dem Rahmenthema „Ethische Fragen der digitalen Kommunikation“ arbeiteten interdisziplinäre Teams an diversen wissenschaftlichen Fragestellungen wie der Risikowahrnehmung selbstlernender E-Mail-Management-Systeme, der Erkennung manipulierter Kundenrezensionen im Netz oder aber auch Fragestellungen aus dem Bereich Digital Personal Memories. Nicht zuletzt stand die Think CROSS – Change MEDIA im Zeichen der Onlinekollaboration. Ein ganzer Track war Kreativprozessen in der Onlinekollaboration gewidmet. Basierend auf dem Erasmus+ Projekt OnCreate stellten Wissenschaftler aus acht Ländern ihre Forschungsergebnisse vor. OnCreate steht für die Konzeption und Evaluierung von kollaborativen Online-Kursen mit dem Fokus auf Kreativität und Innovation, sowie deren wissenschaftliche Begleitung. Schlagworte hier u.a. Slacktivism, Silent Game, Creating Reality TV...
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2016
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EDITORIAL
von Sabine Falk-Bartz und Björn Stockleben
Keynote von Christian Gramsch
Das Menschenrecht auf digitale Kommunikation
Kai Uwe Barthel, Nico Hezel
picsbuffet – Visuelles Erkunden von Millionen von Bildern
Frank Lechtenberg
Mobile Journalisten
Jens Olaf Platzek
Informationsfreiheit – Wie Journalisten legal an Daten gelangen können
Martin Stabauer, Georg Grossmann, Michael Karlinger
Meinung wird zu Wissen: Semantische Analyse und Verwertung von Online-Abstimmungen in den Medien
CROSSMEDIA-MOSAIK
Michael A. Herzog, Elisabeth Katzlinger
Fächerübergreifendes forschendes Lernen am Beispiel des akademischen Publikationsprozesses
Fred Basalama, Sabrina Waldbauer, Christina Weitz
Die Zukunft des Erinnerns und Vergessens – Herausforderungen in der Gestaltung
Ines Einsporn, Michaela Fraundorfer, Stefanie Lange
Risikowahrnehmung von selbstlernenden E-Mail Management Systemen
Denise Albrecht, Sebastian Soyka, Jürgen Vogel
Gesundheit als sensibles Vertrauensgut: Steigerung des Vertrauens durch Trust-Elemente auf Webseiten des zweiten Gesundheitsmarkts
Katrin Wildt, Alfons Weinzierl, Alexander Böckl
Original oder Fälschung? Kategorisierung von Kriterien bewusst manipulierter Kundenrezensionen und deren Erkennung
Viviane Dreusicke, Sandra Rechberger, Daniel Wimmer
Fitness-Apps: Push-Benachrichtigungen als Motivationssteigerungen und ethische Bedenken
Florian Kohl, Michael Reikersdorfer
Der Umgang von Retail Banken mit Akzeptanzkriterien von Mobile Banking
ONCREATE
Björn Stockleben
About OnCreate
Carita Forsgren
Industry professionals as collaborators in online creative learning
Seija Jäminki, Muhammet Demirbilek
Extending cross cultural interaction to foster digital compentecies in joint online collaboration using a social network site
Mark Lochrie, Paul Egglestone
A messaging app for teams who… think differently
Nicholas Mavengere, Mikko Ruohonen
In pursuit of quality learning: context and user needs in virtual learning
Dominik Siemon, Susanne Robra-Bissantz
From group crativity to collaborative creativity
Jannick Kirk Sørensen
Silent game as model for examining student online creativity
Von Sabine Falk-Bartz und Björn Stockleben
Ist die Macht der Medien gebrochen? Welchen Stellenwert hat die Vierte Gewalt noch in Tagen von „Lügenpresse auf die Fresse“? Was ändert sich für die Medienmacher durch die scheinbare Allmacht der Social Media Kanäle? Brauchen wir noch die klassischen Medien wie TV, Radio und Zeitung mit ihren Ressorts, wo doch eh alles im Internet abläuft? Was passiert, wenn wir unser reales Leben virtuell managen, uns im Job nur online mit Kollegen treffen, Freundschaften digital pflegen, selbst dem Kühlschrank die Einkaufsliste überlassen? Es klingt alles nach großen Herausforderungen. Für manchen aber auch nach großer Gefahr – für den Job, das Unternehmen. die Familie und die Privatsphäre.
Seit der großen Think CROSS – Change MEDIA 2014 und dem Update 2015 hat sich die gesellschafts- und medienpolitische Diskussion verstärkt mit den Themen Flüchtlingsströme, Integration und Erstarken des rechten Randes bei gleichzeitiger Teilhabe an politischer Willensbildung, dokumentiert im Votum des Souveräns bei Landtagswahlen für die AfD1, befasst. Wie auch mit Teilhabe an politischer Meinungsbildung, die sich in der verstärkten Nutzung der Social Media Kanäle durch den „besorgten Bürger“, aber auch rechter Kräfte äußert. Ebenfalls im Fokus: Die fortschreitende Digitalisierung unserer Arbeits- und Lebenswelt und das Hinterherhinken der deutschen Politik bei der Schaffung von Rahmenbedingungen für ein Mithalten im weltweiten digitalen Wettbewerb, Stichwort Industrie 4.0, standen im Mittelpunkt der Diskussion.
Zeit für die die vierte Think CROSS – Change MEDIA!
2016 war die Liste der Themenangebote wieder viel größer, als Platz in den einzelnen Tracks vorhanden. Allem voran stand die Überschrift der Keynote „Menschenrecht auf digitale Kommunikation“. Christian Gramsch, Direktor der Deutsche Welle Akademie, betonte die uns so selbstverständliche Freiheit der Meinungsäußerung und das Recht auf Informationszugang in der westlichen Welt, die anderenorts Journalisten die Freiheit oder gar das Leben kosten. Daraus leitete er auch die Verpflichtung der freien Welt ab, in Gebieten wie z.B. der Subsahara, aber auch in postkommunistischen Transformationsgesellschaften Europas für die Voraussetzungen einer freien Berichterstattung und eines Zugangs zu digitaler Kommunikation zu sorgen. Hilfe zur Selbsthilfe leistet die DW Akademie, wie wir in eindrucksvollen Beispielen sehen konnten. Der Geist der Keynote Zugang zu Informationen und ein Recht auf digitale Kommunikation trug durch die gesamte Konferenz Think CROSS – Change MEDIA 2016.
Unter der Überschrift Crossmedia – Von allen für alle? gingen wir der Frage nach, inwieweit Partizipation im Netz tatsächliche Teilhabe für alle bedeutet oder eher Wunschvorstellung von Politikern ist und Ort des Austauschs politischer und gesellschaftlicher Eliten ist. Und was bedeutet das, wenn die Masse spricht? Online-Petitionen können sehr schnell und frei von behördlichen Genehmigungen tausende Menschen, gar Millionen mobilisieren. Reicht das, um in die politische Willensbildung miteinzugreifen? Oder sind sie zumindest für Journalisten ein Tool, um sich mit genauen Daten ein Bild über die Meinung von Bevölkerungsgruppen zu relevanten Themen zu machen? Und wie kann man aus Online-Befragungen tatsächlich neue Erkenntnisse extrahieren – von der Datenerhebung bis zur Visualisierung der Ergebnisse. Eine auf der TCCM16 von der Johannes Kepler Universität Linz vorgestellte Studie gibt Antwort.
Das Cross Media Mosaik beinhaltet Ergebnisse einer Kooperation des Masterstudienganges Cross Media der Hochschule Magdeburg Stendal mit Masterstudenten des Digital Business Management der Johannes Kepler Universität in Linz. Unter dem Rahmenthema „Ethische Fragen der digitalen Kommunikation“ arbeiteten interdisziplinäre Teams an diversen wissenschaftlichen Fragestellungen wie der Risikowahrnehmung selbstlernender E-Mail-Management-Systeme, der Erkennung manipulierter Kundenrezensionen im Netz oder aber auch Fragestellungen aus dem Bereich Digital Personal Memories.
Daran anschließend konnten im Themenbereich Inhalt und Design für Social Media Phänomene wie Trolle im Netz und der konstruktive Umgang mit ihnen im journalistischen Alltag genauer untersucht werden. Wir haben erfahren, was Serious Memes auszeichnet und was es braucht, um sie gezielt in der Kommunikation von politischen Prozessen einzusetzen. Eine andere Entwicklung zeichnet sich beim Einsatz von Social Media Tools für die Berichterstattung ab. Untersuchungen aus dem Hörfunkbereich zeigen, dass der Trend zur mobilen Berichterstattung mit portablen Endgeräten ungebrochen ist und selbst in organisational trägeren Unternehmen zunehmend Einsatz finden. Wie genau die dazu gehörigen Tools angewendet werden bzw. welche Social Media Plattformen sich dafür eignen, wurde eindrucksvoll im Workshop ausprobiert. Apropos Tool: Im Meer digitaler Bildangebote gibt es endlich einen Rettungsring. Per visueller Navigation ist die Erfassung von Angeboten z.B. in Foto-Archiven nunmehr ein unkomplizierter Vorgang. So kann aus Millionen von Bildern auf Grund der Ähnlichkeitsbeziehungen sehr schnell ein Angebotsüberblick hergestellt werden. Lästiges Eingeben weiterer Schlagworte entfällt. Bilddateien browsen wird so zum Kinderspiel.
Nachwievor schwierig gestaltet sich der große Bereich Datensicherheit, Datenzugang. Im Zuge von Big Data reden wir nicht nur über diverse Leaks und die neuen Entwicklungen im Datenjournalismus, sondern tatsächlich immer noch über den Zugang zur Information, zu den Daten an sich. Ein Exkurs aus juristischer Perspektive gab Handlungsanweisung für Journalisten und führte zur verblüffenden Erkenntnis, dass es nicht nur große Unterschiede in Sachen Presse- und Informationsfreiheitsgesetz zwischen den einzelnen deutschen Bundesländern gibt, sondern dass Journalisten tatsächlich mit ihrem Recht als Bürger, das im Informationsfreiheitsgesetz verankert ist, manchmal deutlich weiter kommen können.
Nicht zuletzt stand die Think CROSS – Change MEDIA im Zeichen der Onlinekollaboration. Ein ganzer Track war Kreativprozessen in der Onlinekollaboration gewidmet. Basierend auf dem Erasmus+ Projekt OnCreate, das der Master Cross Media koordiniert, stellten Wissenschaftler aus acht Ländern ihre Forschungsergebnisse vor. OnCreate steht für die Konzeption und Evaluierung von kollaborativen Online-Kursen mit dem Fokus auf Kreativität und Innovation, sowie deren wissenschaftliche Begleitung. OnCreate entwickelt umfassende Richtlinien und Tutorials dazu, wie man kreative Online-Kollaboration in bereits bestehende und neue Universitätskurse integriert, jeweils bestimmt durch das jeweilige Thema und die Phasen des Designprozesses. Neben Fragen zur Wahl von Werkzeugen und Plattformen beforscht das Projekt insbesondere, wie man die sozialen und anderen „weichen“ Kontext-Faktoren schafft, um kreative Kollaboration in Online-Lernräumen zu befördern. Beispiele wir der internationale Kurs zu Concepting Reality-TV oder das Silent game as model for examining online creative processes belegen das eindrucksvoll.
Der nun vorliegende Konferenzband bietet die Möglichkeit, einige der qualitativ hochwertigen Vorträge noch einmal thematisch zu vertiefen und – nicht zuletzt – die Wartezeit auf die Think CROSS – Change Media 2017 zu verkürzen.
Sabine Falk-Bartz ist Fernsehjournalistin und arbeitet im Studiengang Cross Media als wissenschaftliche Mitarbeiterin für PR und Kooperation und begleitet regelmäßig Praxisprojekte mit journalistischen Bezügen, insbesondere im Bereich Social Media. Sie ist die Schnittstelle zwischen Referenten und Konferenzorganisation. Für die Think CROSS – Change MEDIA 2012/14 lektorierte sie die Konferenzbände und besorgte deren Herausgabe.
Björn Stockleben ist Koordinator des internationalen Projekts OnCreate im Rahmen des Erasmus+ Strategische Partnerschaften Programms. Im interdisziplinären Masterstudiengangs Cross Media an der Hochschule Magdeburg-Stendal verantwortet er den Bereich Medienmanagement und lehrt dort außerdem an der Schnittstelle zwischen journalistischen Erzählformen und Interaction Design.
1 Einzug der „Alternative für Deutschland“ in drei deutsche Landesparlamente 2016
Noch bevor Sie heute Morgen das Haus verlassen haben, haben Sie alle schon längst den Medienalltag begonnen. Sie haben Nachrichten gehört, vielleicht in Ihrer Zeitung geblättert, Sie haben Ihre News Site überflogen, Ihre Mails gecheckt. Sie haben die posts auf Ihrer Facebookseite gesichtet, haben Ihre Twitter-Follower bedient, sind durch die Morgenmagazine im Fernsehen gezappt und haben Ihren Freunden ge –whats appt, dass Sie gerade leider keine Zeit haben, weil Sie heute hier sind.
Im besten Fall haben Sie sich aus vielen Quellen Ihr Bild von der Welt an diesem heutigen Tag zusammengestellt.
Und vielleicht haben einige von Ihnen dieses Bild von der Welt nicht nur betrachtet, sondern es mit anderen geteilt, es kommentiert oder durch neue Informationen bereichert. Vielleicht haben Sie getwittert, gebloggt, Ihre Facebook-Freunde angestubst, Kommentare gepostet oder schlicht nur ein paar Likes verteilt. Egal, was genau von alle dem Sie heute schon getan haben – Sie haben damit ganz selbstverständlich die Möglichkeiten und Ihr Recht genutzt, sich ungehindert Informationen zu besorgen und Ihre Meinung dazu frei zu äußern.
Keinem von uns hat das wehgetan. Diesem Mann dagegen schon. Es ist Raif Badawi aus Saudi-Arabien. Ein Mensch, der dasselbe Recht beansprucht hat, wie wir alle hier, aber dafür eingekerkert wurde und öffentlich ausgepeitscht.
Jeder der 50 Peitschenhiebe gegen den liberalen Blogger war ein Schlag gegen ein fundamentales Menschenrecht. Raif Badawi hat noch acht Jahre Gefängnis vor sich, und die ausstehenden 950 Peitschenhiebe können immer noch vollstreckt werden. Eine absurd brutale Strafe für den Mut, in Saudi-Arabien eine von dem Regime abweichende Meinung zu haben und zu äußern.
Für uns in der Deutschen Welle ist Raif Badawi eine Symbolfigur. Und deshalb hat die DW ihm bereits vergangenen Sommer den Freedom-of-Speech-Award verliehen, der jedes Jahr an Menschen vergeben wird, die sich in besonders herausragender Weise für freie Informationen und freie Meinungsäußerung einsetzen.
Abb. 1: Raif Badawi ©Raif Badawi, private
Abb. 2: Solidaritätsaufruf ©Amnesty International
Abb. 3: Solidaritätsaktion der DW ©DW
Abb. 4: Ehefrau Ensaf Haidar ©dpa
Zum Glück waren wir mit dieser Anerkennung nicht allein. Das Europaparlament hat Raif Badawi geehrt, ‚Reporter ohne Grenzen‘ erinnern an sein Schicksal, und in vielen Ländern verlangen Menschenrechtsorganisationen hartnäckig und lautstark seine sofortige Freilassung. Auch seine Frau und seine Freunde sorgen weltweit dafür, dass Raif Badawi nicht vergessen wird.
Worüber ich heute mit Ihnen reden möchte, sind die vielen Menschen, deren Schicksal erst gar nicht bekannt wird. Ich möchte mit Ihnen sprechen über die Millionen Frauen und Männer, die vielleicht nicht mit Peitschenhieben bedroht werden, denen aber dennoch ihr Recht auf freie Rede genommen wird. Ich möchte mit Ihnen sprechen über Gesellschaften, deren Staatsapparate die Medien für Lügen und Propaganda missbrauchen, die Zugang zu unliebsamen Informationen blockieren und ihre Bürger für dumm verkaufen. Ich möchte Ihren Blick richten auf ganze Regionen in dieser Welt, in denen gesellschaftliche Minderheiten abgeschnitten bleiben vom Zugang zu Medien und Kommunikationsplattformen. Ich möchte Ihnen zeigen, wie wichtig ein freier, offener und vielfältiger Dialog ist für die Entwicklung von Gesellschaften. Ich bin hier, um Sie als ‚Medienmenschen‘ daran zu erinnern, dass wir alle nur ‚Medienmenschen‘ sind, weil wir ein Menschenrecht für uns in Anspruch nehmen können.
Damit sind wir auf der Welt eine glückliche Minderheit. Denn die meisten Menschen fühlen sich so wie diese Frau. Sie ist mittlerweile für meine Kollegen und mich zu einem täglichen Appell geworden, denn sie steht für einen Zustand, an den wir uns nicht gewöhnen dürfen:
Abb. 5, 6: Für Presse- und Informationsfreiheit kämpfen © DW/M. Müller
Sechs von sieben Menschen wird zurzeit ihr Recht auf ungehinderten Zugang zu Informationen und das Recht auf freie Meinungsäußerung beschnitten oder verweigert. Sechs von Sieben dürfen nicht, was wir dürfen. Und das, obwohl alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen sich offiziell zum Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekannt haben, der die Freiheit der Rede und Information garantieren soll. Wenn wir es also wirklich ernst meinen mit der Idee einer Welt-Informationsgemeinschaft oder einer kommunikativ vernetzten Weltgesellschaft, dann haben wir noch viel zu tun, dass auch wirklich alle Menschen gleichberechtigt daran teilhaben können. Welchen Beitrag dazu die Deutsche Welle leistet, zusammen mit ihrer Deutsche Welle Akademie, das möchte ich Ihnen gerne etwas näherbringen:
Meinungsfreiheit fördern und unabhängige Informationen verbreiten ist für die Deutsche Welle, den einzigen internationalen Sender im Verbund der öffentlich-rechtlichen Anstalten der ARD, ein Kernanliegen – seit mehr als 60 Jahren. Bei uns arbeiten Journalistinnen und Journalisten aus über 60 Nationen und Kulturen, um der Welt eine deutsche und europäische Sicht auf Politik, Kultur und Wirtschaft nahezubringen. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist: Die Deutsche Welle spricht die Muttersprachen ihrer Hörer, Zuschauer und User. Sie kann damit Ereignisse, Entscheidungen und Einschätzungen, die für uns hier selbstverständlich sind, in den verschiedenen Zielgebieten so kultursensibel erklären, dass sie überhaupt verstanden werden: Ein deutsches Gesundheitssystem, die Reisefreiheit in der Europäischen Union, die Verteidigung des Asylrechts oder die Trennung von Religion und Staat – alles das sind Themen, die für einen asiatischen Nutzer der Deutschen Welle anders aufbereitet werden müssen als für einen afrikanischen, die in Kolumbien anderes Interesse finden als in Pakistan.
Gleiches gilt für das Medium selbst, das die Informationen transportiert. Für einen Radio-Kontinent wie Afrika sind Rundfunksendungen das attraktivste Mittel, in der arabischen Welt steht das Fernsehen ganz vorne, und in Russland wiederum sind Internetplattformen oder soziale Medien der beste Verbreitungsweg. Wegen dieser sehr unterschiedlichen Mediennutzungen in den Regionen der Welt hat sich die Deutsche Welle schon sehr früh multimedial aufgestellt: Alle Redaktionen in allen 30 Angebotssprachen können grundsätzlich diesen Medienmix bedienen und sich für ihr jeweiliges Publikum die beste Kommunikationsform aussuchen.
Die Deutsche Welle bietet damit für mehr als 120 Millionen Menschen weltweit ein alternatives Medienangebot, ein Forum und einen medialen Rahmen, um auch kritische Gesellschaftsthemen anzusprechen. Wir wollen nicht bloß senden und verbreiten, wir wollen Dialog und Kommunikation zwischen und mit unseren Nutzern. Auch mit diesem Anspruch ist die DW in vielen Regionen eine einzigartige Medienmarke. Weil wir etwas anbieten, was die vorhandenen Medien nicht im Programm haben. Ein Beispiel: Eine der bekanntesten Sendungen ist ‚Shabab Talk‘ mit dem charismatischen Moderator Jaafar Abdul Karim.
Abb. 7, 8: „Shabab Talk“ ©DW/M. Müller, ©DW
Shabab Talk ist eine Diskussionssendung in arabischer Sprache. Menschen aus arabischen Ländern sprechen hier über Tabuthemen wie Homosexualität, Sex vor der Ehe oder die Ursachen von Terrorismus und Extremismus. Alleine solche Themen aufzugreifen und dazu gegensätzliche Meinungen öffentlich zu äußern, ist im Zielgebiet leider schon eine Sensation. Uns geht es aber als Deutsche Welle nicht in erster Linie um den Tabubruch. Viel bedeutender ist, dass wir mit einem verlässlichen und vielfältigen Nachrichtenangebot überhaupt erst glaubwürdige Informationen zugänglich machen.
Wenn Sie sich anschauen, wie unverfroren die russischen Medien unter Vladimir Putin gegenüber den russischen Bürgern und der Weltöffentlichkeit Propaganda und Desinformation betreiben, dann verstehen Sie sofort den Wert einer vertrauenswürdigen Informationsquelle. Ob Sie nach China blicken oder in den Iran, nach Äthiopien oder Venezuela – überall dort ist die Deutsche Welle neben der BBC und wenigen weiteren Auslandssendern der einzige Anbieter, denen die Menschen vertrauen können und wollen. Über 120 Millionen Menschen nutzen regelmäßig die Angebote der DW!
Warum betone ich das so? Weil es sich lohnt, bei der Forderung nach ungehindertem Zugang zu Informationen ganz genau hinzusehen. Denn es gibt mehr und mehr Regimes, die ihren Bürgern einen ungehinderten Zugang zu Informationen einfach nur vorgaukeln, es aber mit perfiden Methoden schaffen, alle diese Informationen zu manipulieren und zu steuern. Chinesen beispielsweise können unter einer Vielzahl von Fernsehsendern wählen, bekommen aber auf allen Kanälen bei zentralen Themen immer dieselbe staatsgelenkte Propaganda.
Russland oder der Iran haben diese Methode ebenfalls perfektioniert – und gar nicht weit weg von uns ist die Türkei unter Präsident Erdogan auch auf diesen fatalen Kurs eingeschwenkt. Die Diktatoren von heute müssen keine Sender mehr schließen oder Druckereien versiegeln – die Manipulation des Informationsangebots und der Meinungsfreiheit fällt viel weniger auf, wenn man sie hinter einer vorgetäuschten Vielfalt versteckt.
Abb. 9: DW zur Flüchtlingswelle ©DW
Abb. 10, 11: Die DW hat 120 Mio. Nutzer weltweit ©DW Akademie/Florian Kroker, ©DW Akademie
Das Menschenrecht auf freien Zugang zu Information, so wie wir es verstehen, meint aber mehr als nur irgendeinen technischen Zugang, der offen steht. Wirken kann das Menschenrecht nur, wenn es dem Einzelnen eine echte Wahl lässt. Wenn die Menschen befähigt werden, Propaganda und Lügen zu entlarven, die Manipulation zu durchschauen und sich dagegen zu wehren. Zum Beispiel, indem sie sich bei ihrer Meinungsbildung nicht nur auf die Staatspropaganda stützen, sondern auch andere Sichtweisen zulassen und einbeziehen. Diese Erkenntnis - und erst recht ihre Umsetzung kommt in der Regel nicht von selbst. Wie bei den meisten gesellschaftlichen Veränderungen braucht es dafür einen Anstoß von außen, eine Begleitung auf dem Weg, eine Entwicklungs-Hilfe. Und an dieser Stelle kommt die Deutsche Welle Akademie ins Spiel.
Ergänzend zu dem Programmangebot der Deutsche Wellen geht die Akademie seit einigen Jahren noch einen Schritt weiter. Es ist der Versuch, in einer Reihe von Ländern Mediensysteme vor Ort zu entwickeln. Zunächst begann dies mit der Fortbildung von Journalisten in Entwicklungs- und Schwellenländern. Aber das reichte uns nicht.
Wir haben gesehen, dass allein die Schulung von Journalisten – und es waren viele Tausende in den vergangenen Jahren – nicht ausreicht, wenn die Rahmenbedingungen sich nicht mit verändern.
Also sind wir nun auch in anderen Feldern aktiv:
Wir beraten Medienunternehmen bei ihrer Umstrukturierung – zum Beispiel in der Ukraine.
Wir stärken die Rahmenbedingungen für freie Medien, wir unterstützen Presseräte und helfen bei deren Aufbau – zum Beispiel in Myanmar.
Wir beraten Regierungen und entwickeln Modelle einer nachhaltigen, unabhängigen Finanzierung von Bürgerradios – zum Beispiel in Kenia.
Mit all diesen Maßnahmen unterstützen wir die gesellschaftliche Teilhabe und stärken die Wahrnehmung der Menschenrechte. Denn wie bereits gesagt: Wenn Menschen sich informieren und ihre Meinung kundtun, werden sie zu aktiven Bürgern. So gestalten sie ihre politische, wirtschaftliche, soziale Umwelt mit. So bekommen sie eine Stimme und können sich selbst für ihre Interessen einsetzen.
Einige dieser Menschen, mit denen - und für die wir in der Medienentwicklung arbeiten, möchte ich Ihnen beispielhaft vorstellen.
Ahmet lebt in den palästinensischen Gebieten in einem kleinen Dorf. Er ist 14 Jahre alt. Und mit Ahmet arbeitet die Deutsche Welle Akademie in einem ganz einfachen Projekt. Wir befähigen Ahmet und seine Mitschüler dazu, dass sie in ihrem Schulalltag Diskussionen selber organisieren.
Sich eine eigene Meinung bilden und diese Meinung vertreten und auf diese Weise überhaupt die Fähigkeit zur Kommunikation, der Bedienung von Medien, von der Wandzeitung bis zum kleinen Radio, erlernen. Ahmet, der 14jährige, ist einer der Organisatoren und macht täglich bei einem sogenannten Morgenradio an dieser Schule diese Veranstaltungen möglich. Ein Beispiel dafür, wie Menschen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden, sich Meinungen zu erarbeiten und diese Meinungen zu äußern.
Abb. 12, 13: Ahmet – Schulfunk mit Unterstützung der DW in Palästina ©DW Akademie/Michael Lohse
Was hier geschieht, fällt bei uns unter die Überschrift „Media and Information Literacy“. Unter Media and Information Literacy verstehen wir Kompetenzen, sich Zugang zu Medien und Informationsquellen zu verschaffen, dortige Informationen und Meinungen kritisch zu nutzen sowie sich kreativ in öffentliche Kommunikationsprozesse einzubringen. Dieser Punkt ist uns sehr, sehr wichtig. Denn wenn wir über Meinungsfreiheit und die digitale Entwicklung sprechen, dann geht es aus unserer Sicht genau darum: Dass Menschen mit Medien versiert und kritisch umgehen. Wenn Ahmet Informationen über Facebook konsumiert, dann weiß er, dass man nicht jedem Gerücht trauen darf. Seine Erfahrung zeigt ihm, dass er Informationen immer vorsichtig einordnet, dass er sich aber auch überlegt, welche Information er mit wem teilt, auch um sich selbst zu schützen und die eigene Privatsphäre zu wahren.
In der politischen Debatte über die digitale Entwicklung geht es oftmals allein um den Zugang zur modernen Technik der Kommunikation. Ja, die ist wichtig, und in der Tat gibt es hier noch viel zu tun:
60 Prozent der Menschen auf dieser Welt haben noch keinen Internetzugang. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich dies ändert. Was wirklich entscheidend ist: Sobald Menschen digital kommunizieren können, eröffnen sich ihnen nicht nur ganz neue Möglichkeiten und Informationszugänge. Sondern gleichzeitig haben auch die staatlichen – und im Übrigen auch privaten – Akteure neue Möglichkeiten der Kontrolle und Freiheitsbeschränkung.
Und nur, wenn Menschen wissen, wie sie die neuen medialen Räume gestalten, wie sie sich in ihnen bewegen, können sie diese selbstbestimmt für sich nutzen. Deshalb – und damit komme ich zurück zu Ahmet – ist Media and Information Literacy für uns ein so entscheidendes Arbeitsfeld und wichtiges Thema, insbesondere für junge Menschen in den Ländern, in denen die DW Akademie tätig ist.
Wenn wir weiter reisen nach Burundi, lernen wir Isabelle Rusuku kennen. Sie ist Direktorin des Radiosenders „Stimme der Frau“, einem Bürgerradio auf dem Land. In Burundi leben 90 Prozent der Menschen auf dem Land. Dort ist die gesamte Medienlandschaft, ist die mediale Diskussion in der Hauptstadt konzentriert.
Das heißt, die meisten der Menschen in Burundi haben eigentlich gar keinen Zugang, keine Chance mit ihren Themen in den Medien stattzufinden oder aus den Medien das herauszuziehen, was sie betrifft.
Mit Unterstützung und Beratung durch die Deutsche Welle Akademie wurde dort die Qualität der Beiträge auf dem Land in den Bürgerradios verbessert. Ein kleines Radio wie „Die Stimme der Frau“ ist mittlerweile deutlich professioneller. Das Ziel bei all dem ist, den Frauen auf dem Land in Burundi eine Möglichkeit zu geben, gehört zu werden oder den Staatssendern der Hauptstadt eine Alternative entgegenzusetzen.
Abb. 14, 15: Isabelle Rusuku ©DW Akademie/C. Debrabandère
Abb. 16: Redaktion „Stimme der Frau“ ©DW Akademie/C. Debrabandère
Auch dieses Projekt nutzt Instrumente der digitalen Entwicklung. Schon heute vernetzt sich „Stimme der Frau“ über soziale Medien mit Sendern in Nachbarländern. Recherchen laufen zunehmend onlinebasiert. Und in nicht allzu ferner Zukunft wird der Sender auch über digitale Wege mit den Hörern kommunizieren.
Von Afrika reisen wir nach Asien. Ich möchte Ihnen Pe Myint vorstellen. Er lebt in Myanmar. Und er ist einer derjenigen, die im neuen Presserat in Myanmar zuständig sind für die Beschwerden der Bürger gegen falsche oder als falsch empfundene Medienberichterstattung. Auch das ist ein Projekt, das wir begleitet haben. Zum Beispiel durch eine Reise nach Deutschland, wo sich die Kollegen aus Myanmar außerordentlich fasziniert zeigten von dem Instrument der Bundespressekonferenz.
Abb. 17, 18: Pe Myint aus Myanmar mit Kollegen in der Bundespressekonferenz ©DW Akademie/Patrick Benning
Denn die Tatsache, dass Journalisten Politiker einladen, um ihnen Rede und Antwort zu stehen, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was sie kennen. Wenn überhaupt, dann ist es oft anders herum gewesen. Wir haben die Hoffnung, dass solche und andere Eindrücke wirklich dazu beitragen, dass unabhängige Medien entstehen, und man sieht hier an der Interviewsituation, dass es offensichtlich funktioniert.
Weiterhin bauen wir als DW Akademie das ‚Myanmar Journalism Institute‘ auf. Nach jahrelanger Unterdrückung der Pressefreiheit durch die Militärdiktatur wollen wir dazu beitragen, dass sich das Land durch ein funktionierendes Mediensystem weiterentwickelt. Dass es weiter voran geht auf dem Weg zu Pluralität und gelebter Demokratie. Am ‚Myanmar Journalism Institute‘ setzen wir stark auf digitale Aspekte der journalistischen Ausbildung.
Kurse im Digital Storytelling, Mobile Reporting, Techniken der Onlinerecherche – all dies ist für die jungen Menschen, die dort lernen, fast schon selbstverständlich. Als angehende Journalisten erlernen sie noch vor dem Berufseintritt das Einmaleins des zeitgemäßen, in vielerlei Hinsicht überwiegend digitalen Journalismus.
Abb. 19, 20: Myanmar Journalism Institute ©DW Akademie/Patrick Benning
Ähnlich ist es in der Ukraine. Das letzte Beispiel, das ich Ihnen vorstellen möchte. Dascha Tewpitsch ist Bürgerjournalistin und Dokumentarfilmerin. Wir alle sehen es jeden Tag, dass eine andere Form, eine glaubwürdigere Form des Journalismus in der Ukraine nachgefragt wird. Bürgerjournalisten bekommen mehr Bedeutung, weil die großen Staatsmedien immer weiter polarisieren, teilweise nur noch propagandistische Angebote machen.
Abb. 21, 22: Bürgerjournalistin Dascha Tewpitsch ©DW Akademie/Emily Sherwin
Die Menschen rufen nach glaubwürdigen, professionellen Quellen, nach einer unabhängigen Berichterstattung. Wir unterstützen dies, indem wir Bürgerjournalisten qualifizieren. Vergangenes Jahr (2015 d. Red.) konnte mit Hilfe der Deutsche Welle Akademie in der Ukraine die erste Media E-School eröffnet werden. Ein Angebot für Journalisten, nicht nur in den Hauptstädten, sondern in der Region, sich weiter zu professionalisieren. Und zwar nicht über Seminare, wo man wie in der Schule am Tisch sitzt, sondern durch die Kombination von Präsenzkursen und Angeboten im Internet.
Es ist der Start eines neuen Projektes und ein Grundstein für viele Folgeprojekte dieser Art. Gerade erst haben wir ein vergleichbares Projekt in Weißrussland gestartet. In einem Land, in dem das autokratische Regime eine Ausbildung von Medienschaffenden nach aktuellen Standards und Kriterien kaum zulässt. Wir nutzen hier also neue Chancen der digitalen Entwicklung, um Hürden der ganz realen (früher hätten wir vielleicht gesagt: der analogen) Welt zu überwinden. Schon jetzt übertragen wir die digitalen Möglichkeiten des Lernens in unseren Medienbereich. Die Qualifizierung von Journalisten führt letztendlich auch zu besserem Journalismus.
All diese Beispiele zeigen, was uns wichtig ist, wie wir in der DW Akademie Theorie und Praxis verbinden. Wie wir mit Mitteln der Medienentwicklung gesellschaftliche Teilhabe stärken wollen.
Einfacher gesagt: Alle Menschen sollen mit entscheiden können, wie sie ihre Gesellschaft gestalten und weiterentwickeln. Und dazu braucht es a) Information und b) Möglichkeiten sich zu artikulieren. So einfach ist das. Und gleichzeitig doch so schwer umzusetzen. Oftmals sind wir in der Medienentwicklung geradezu gezwungen, technische Neuerungen in all ihren Facetten so früh wie möglich einzusetzen.
Nur so können wir unsere gesteckten Ziele erreichen. Anders herum gesagt: Die digitale Entwicklung versetzt uns in die Lage, in Ländern und Regionen und zu gewissen Themen zu arbeiten, auf die wir früher verzichten mussten. So erlaubt es die erwähnte E-School in der Ukraine, Zielgruppen anzusprechen, zu denen wir sonst keinen Zugang hätten. Auch in Weißrussland bauen wir nach diesem Modell nun eine E-School auf.
Früher waren professionelle Kameraausrüstungen schlicht zu teuer für viele Journalisten und Medienunternehmen in Entwicklungsländern. Und so wurde kaum Bewegtbild produziert bzw. nur von sehr finanzstarken, marktbeherrschenden Medienunternehmen bzw. von Staatssendern mit dem Ergebnis einer wenig ausgewogenen Berichterstattung.
Mittlerweile gibt es die Möglichkeit, mit dem Smartphone auf hohem Niveau Beiträge nicht nur zu drehen – sondern auch zu schneiden. Durch diese technischen Neuerungen können wir – beispielsweise in Kenia und Uganda – mittlerweile auch Bewegtbild-gestützte Formate mit Partnern entwickeln und Bürgerjournalisten trainieren, welche früher überhaupt keine Kapazitäten dafür hatten, weil sie sich schlicht und ergreifend keine Kameras und Schnittplätze leisten konnten.
Abb. 23, 24: Mobile Berichterstattung ©DW Akademie/G. Degen, ©DW Akademie/Dani Leese
Dieses Phänomen wird gerne als ‚Leapfrogging‘ bezeichnet. Wörtlich übersetzt meint dies das Überspringen von Entwicklungsstufen. Schauen wir uns unseren Alltag an und wie es dazu kam: Früher verschickten wir Briefe, dann Faxe, dann irgendwann Emails, mittlerweile oft nur noch Kurznachrichten über Whatsapp oder sonstige Dienste. E-mail ist out und Kurznachrichten sind die aktuell meist genutzte Form der Mitteilung. Aber das stimmt nur für die entwickelte Welt. Denn in Kisumu, in Kenia, war E-mail noch nie richtig in. Auch hat dort kaum jemand einen Internetanschluss. Aber Hunderttausende nutzen mobile Endgeräte und schreiben Kurznachrichten. Leapfrogging meint also das Auslassen von Entwicklungsstufen.
Auch im Bereich der Medienentwicklung ist das Auslassen von Entwicklungsstufen zu beobachten. Bei unserer Arbeit geht es vermehrt um mobile Medienangebote in Ländern und Regionen, in denen es überhaupt keine ernst zu nehmenden Onlineangebote gibt – also die Stufe von ‚online‘ zu ‚mobile‘ einfach ausgelassen wird. Es lohnt sich also für alle, die sich mit der Zukunft der Medien befassen, sich sehr neugierig und ohne Vorurteile anzuschauen, wie die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern den digitalen Wandel selbst gestalten.
Schon jetzt gibt es beispielsweise eigene, bahnbrechende Erfindungen „made in Africa“: das Handy-basierte Bezahlsystem M-Pesa oder das Tool „Ushahidi“, eine frei zugängliche Plattform. Sie ermöglicht es, Informationen auf einer Karte zu verankern und mit anderen zu teilen. Allein in Afrika südlich der Sahara wird es in einigen Jahren eine Milliarde Handynutzer geben. Es sind zahlreiche neue, digitale Ansätze entstanden, wie das Menschenrecht auf Zugang zu Information und freie Meinungsäußerung ausgeübt werden kann. Das Spektrum reicht hier von Fact-Checking-Websites in Afrika über die Online-Dokumentation von Bürgerkriegs-Massakern in Kolumbien bis hin zur Stärkung benachteiligter Bevölkerungsschichten Indiens durch mobile Austauschplattformen. Es ist also nicht allein die Privatwirtschaft, die digitale Innovationen voranbringt. Auch die Zivilgesellschaft nutzt neue Potentiale für ihre Zwecke.
Hervorheben will ich hier ein Thema: Vergangenheitsbewältigung. Viele Länder, in denen die DW Akademie tätig ist, befinden sich im Umbruch und haben eine dunkle Vergangenheit – geprägt von Gewaltherrschaft und Bürgerkriegen, grausamsten Menschenrechtsverletzungen und unermesslichem menschlichen Leid. Für die Aufarbeitung der Geschichte eröffnet die digitale Entwicklung neue Möglichkeiten. Kolumbien habe ich gerade genannt. Oder schauen wir nach Guatemala: Dort herrschte von 1960 bis 1996 Bürgerkrieg.
In den vergangenen Jahren haben Journalisten auf einer digitalen Landkarte Orte der Erinnerung des jahrzehntelangen Konflikts mit Informationen zu ihrer Geschichte zusammengetragen. Sie ermöglichen so eine buchstäblich neue Sicht auf die Orte des Grauens. Sie tragen damit zum Entstehen einer Erinnerungskultur bei, die so wichtig ist für jede Gesellschaft, die von Unrechtsherrschaft geprägt wurde. Wir alle wissen das.
Viele Beispiele aus der Zivilgesellschaft könnte ich hier noch nennen. Viele Beispiele, die zeigen, wie die digitale Entwicklung neue Möglichkeiten der Teilhabe eröffnet. Bürger fordern ihre Rechte ein, indem sie den freien Zugang zu staatlichen Informationen immer wieder anmahnen. Wir beobachten dies in Ländern wie Ecuador, Tunesien oder auch der Ukraine.
Online-basierte Wahlbeobachtungsplattformen oder Initiativen wie „africacheck.org“ prüfen weit verbreitete politische Argumente auf Ihre Stichhaltigkeit und veröffentlichen die Ergebnisse. Regierende werden zur Verantwortung gezogen, sehen sich mittlerweile einer neuen, einer digitalen kritischen Öffentlichkeit ausgesetzt und müssen darauf reagieren. Dieser Trend lässt sich nicht ignorieren.
Wer das tut, riskiert soziale Verwerfungen, die an die Grundfesten des gesellschaftlichen Miteinanders rühren.
Abb. 25: Digitale Aufarbeitung des Bürgerkrieges in Guatemala ©DW Akademie
Abb. 26: Digital Library ©DW Akademie/Patrick Benning
Die DW Akademie hat in den vergangenen Jahren verschiedene Initiativen und Nutzungswege systematisch verfolgt und durch Projektarbeit und Beratungen unterstützt. Derzeit entwickelt sie eine „Digital Innovation Library“, in der zahlreiche Initiativen dokumentiert und bewertet werden. Dabei sehen wir – auch mit Blick auf privatwirtschaftliche Aktivitäten – das Wachsen von globalen Partnerschaften: Neue digitale Technologien werden zunehmend zuerst in den Ländern des Südens entwickelt und angewandt – bevor sie in den Industrieländern zum Einsatz kommen.
Während noch vor 15 Jahren drei Viertel der Internetnutzer in Industrieländern lebten, kommen heute zwei der drei Milliarden Internetnutzer aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Es bieten sich Chancen für ein horizontales Lernen und für echte Partnerschaften auf Augenhöhe.
Aus der „Digitalen Revolution“ ist also längst eine digitale Realität geworden; genauso wie aus einer industriellen Revolution eine industrielle Realität wurde. Man kann beide Phänomene nicht einfach gleichsetzen, aber einige Parallelen sind doch erwähnenswert. Während anfangs die technischen Aspekte (also der Zugang zu digital verfügbarer Information oder weltweite Telekommunikationskapazität) im Vordergrund standen, werden in den letzten Jahren stärker die sozialen und ökonomischen Folgen diskutiert.
Es geht um Umwälzungen in allen Lebensbereichen: Medien, Gesundheitssektor, Bildung, im Verhältnis von Staat und Gesellschaft. Der digitale Wandel wirkt sich grundlegend darauf aus, wie Menschen Information und Ideen suchen, empfangen und verbreiten. Und wie bereits dargelegt: Die digitale Entwicklung hat die Länder des globalen Südens schon längst erreicht und in kurzer Zeit Lebensrealitäten stärker verändert, als im industrialisierten Norden.
Lassen Sie mich einen Punkt setzen und meine drei Kernpunkte zusammenfassen:
1. Das Menschenrecht auf Informations- und Meinungsfreiheit ist ein tragender Pfeiler unserer Freiheitsidee. Nur wenn wir dieses Recht stärken, können auch andere Rechte zum Tragen kommen. Artikel 19 der Menschenrechte ist sozusagen ein Antreiber für freiheitliche und pluralistische Entwicklung, in dessen Kern die Meinungsfreiheit steckt. Nur so kann aktive gesellschaftliche Teilhabe in demokratischen Systemen funktionieren.
2. Die digitale Entwicklung öffnet eine Reihe neuer Chance und Herausforderungen. Diese müssen wir kennen und nutzen im Rahmen der globalen Medienentwicklung. Besonders wichtig dabei: Menschen müssen den Umgang mit Medien so früh wie möglich lernen. Wer nicht „fit“ gemacht wird dafür, bleibt zurück und wird möglicherweise Opfer staatlicher,
digitaler
Kontrolle und Beschneidung von Bürgerrechten.
3. Die Länder des Südens haben ihre eigene digitale Dynamik und Innovationskraft. Sie zu erkennen, zu nutzen – auch für Vorhaben in entwickelten Ländern – ist entscheidend.
Eingangs haben wir die schockierenden Bilder vom ausgepeitschten Rücken des saudischen Bloggers Raif Badawi gesehen. Sie haben uns gezeigt, wie weit manche Regimes gehen, um Menschen mundtot zu machen. Früher richteten sich Repressionen oftmals gegen Demonstrierende. Heute sind es Blogger und Internetaktivisten, die unter Beschuss stehen. Es ist unsere Herausforderung dafür zu kämpfen, dass auch in anderen Ländern Menschen die Rechte, die für uns selbstverständlich und alltäglich sind, wahrnehmen können. Und wenn wir dies zu Ende denken, dann müssen wir uns alle dafür stark machen, dass der weltweit geltende Katalog der universellen Ansprüche um eine moderne Forderung erweitert wird: Das Menschenrecht auf digitale Kommunikation!
Der Autor:
Christian Gramsch (geb. 1959) ist Direktor der Deutsche Welle Akademie, Deutschlands führender Organisation für internationale Medienentwicklung. Zuvor verantwortete er als Multimediadirektor die journalistischen Angebote der DW in fast 30 Sprachen. Christian Gramsch war Radiochefredakteur beim Hessischen Rundfunk und leitete die Hörfunkwelle hr1. Seine journalistischen Erfahrungen sammelte er als Autor, Moderator und Reporter für private und öffentlich-rechtliche Medien.
Während eCommerce-Systeme den traditionellen Ladengeschäften bei der zielgerichteten Suche bereits heute überlegen sind, leidet das explorative Online-Shopping vor allem unter den unbefriedigenden Such- und Präsentationsmöglichkeiten von Produkten. Wir stellen mit picsbuffet einen webbasierten Bildbrowser vor, der einen völlig neuen Ansatz zur Produkt- bzw. Bildersuche bietet. Wie bei Kartendiensten wird eine intuitive Suche mittelsvisuellen Browsen/Erkundensermöglicht (Abb. 1).
In unserer realen Umwelt „navigieren“ wir Menschen visuell: Wir erkennen in einem Supermarkt sehr schnell, wo bestimmte Produkte zu finden sind. Hierbei gehen wir hierarchisch vor: Zunächst verschaffen wir uns einen Überblick und begeben uns in den Bereich, wo das passende Regal steht, um dort schließlich das gewünschte Produkt zu suchen und meist auch zu finden. Dieses hierarchische Suchprinzip ist auch bei Kartendiensten wie Google Maps bzw. Google Earth umgesetzt worden, wodurch diese für uns Menschen leicht zu bedienen sind. Für die Suche nach Bildern oder Produkten im Internet existieren solche Suchmöglichkeiten hingegen noch nicht. Momentan müssen endlos lange Listen mit vielen unzusammenhängenden Bildern mühsam durchsucht werden.
Aktuell sind die Suchmöglichkeiten nach (Produkt-)Bildern im Internet noch sehr beschränkt und weit von einer intuitiven und explorativen visuellen Suche entfernt. Da auf Monitoren nur ca. 20–50 Bilder auf einmal erfasst werden können, müssen oft sehr viele Seiten durchsucht werden, bis ein bestimmtes Bild gefunden wird. Dies ist z. B. dann nötig, wenn bestimmte Fotos bei Bildagenturen oder Produkte bei Online-Shops gesucht werden. Abbildung 2 zeigt wie die Übersichtlichkeit bei zu vielen unsortierten Bildern verloren geht.
Navigation mit Google Earth in Berlin: Das Tempelhofer Flugfeld ist zu sehen. Im Hintergrund befinden sich die Bezirke Kreuzberg und Mitte.
Bildnavigation mit picsbuffet: Im Vordergrund sind Erdbeer-Bilder zu sehen. Im Hintergrund befinden sich weitere Beeren-Bilder.
Abb. 1: Bei beiden Navigatoren wird ein Ausschnitt der Welt bzw. „Bilderwelt“ dargestellt, der sich interaktiv durch Zoomen und Draggen mit der Maus verändern lässt.
Abb. 2: 150 Sofa-Bilder: Zu viele unsortierte Bilder können nicht mehr gut wahrgenommen werden
Selbst wenn der genaue Name eines Produktes bekannt ist, lassen sich ähnliche Produkte nur schwer finden. Noch schwieriger wird es bei vagen Anfragen wie beispielsweise einer Suche nach einer „schönen grünen Stofflampe“ oder einem Foto einer „jungen Familie beim Picknick“. Solche Suchanfragen lassen sich formulieren, jedoch werden bei mehreren Schlagwörtern meist nur sehr wenige Ergebnisse gefunden. Aus diesem Grund suchen viele Menschen mit nur einem einzelnen Schlagwort, was zu sehr großen Mengen von Ergebnissen führt, die dann wiederum „scrollend“ durchsucht werden müssen.
Das Prinzip des „Bildersuchens mittels Scrollen“ hat sich in fast allen Bereichen des Internets etabliert. Diese Art der Suche ist unbeliebt, jedoch gibt es leider kaum Alternativen. Eine Ausnahme stellen Kartendienste wie z.B. Google Maps dar, da hier Karten unterschiedlicher Auflösungsstufen anstelle von Listen bzw. einzelnen Webseiten verwendet werden. Durch Zoomen und Draggen mit der Maus lässt sich der Maßstab bzw. der dargestellte Kartenausschnitt verändern. Menschen fällt diese Art der Navigation leicht und so können gesuchte Orte schnell gefunden bzw. erkundet werden.
Unser Ziel war es genau dieses Prinzip des „Suchens durch visuelles Navigieren“, wie es den Menschen von Kartendiensten wie Google Maps vertraut ist, auf extrem große Mengen von Fotos oder Produktabbildungen im Internet zu übertragen.
Wir stellen mit picsbuffet ein Bild-Browsing-System vor, mit dem sich Millionen von Bildern sehr einfach visuell erfassen und durchsuchen lassen. Die Idee besteht darin, alle Bilder so auf einer „Bilderlandkarte“ anzuordnen, dass diese leicht visuell erkundet werden kann. Damit die großen Mengen von Bildern erfassbar bleiben, wird eine hierarchische Anordnung der Bilder in Form einer Bildpyramide verwendet. Wie bei Kartendiensten wird immer nur ein Ausschnitt dieser Bilderwelt dargestellt, der sich interaktiv verändern lässt. Durch das Verschieben des Ausschnitts werden verwandte Bilder angezeigt (Abbildung 3).
Beim Hineinzoomen auf ein bestimmtes Bild werden weitere ähnliche Bilder gezeigt, das Herauszoomen liefert einen Überblick über verwandte Konzepte. Unser System erlaubt es auch, gezielt nach bestimmten Bildern zu suchen: Nach Eingabe von Schlagwörtern wird automatisch eine Region mit passenden Ergebnisbildern angezeigt (Abbildung 4).
Abb. 3: Durch das Verschieben des Ausschnitts im Bildbrowser werden verwandte Bilder angezeigt. Beim Hineinzoomen auf ein bestimmtes Bild liefert der Bildbrowser mehr ähnliche Bilder.
Seit Jahren befassen wir uns an der HTW Berlin mit der visuellen Bildsortierung, die jetzt auch für Millionen von Bildern gelungen ist. Details zur technischen Realisierung finden sich in den Referenzen [1, 2]. Mit unserem Ansatz ist es gelungen, die Bilder auf der Bilderlandkarte so anzuordnen, dass sich die Inhalte und das Aussehen benachbarter Bilder nur graduell ändern und somit das explorative visuelle Erkunden für den Nutzer erheblich unterstützt wird.
Aufgrund der komplexen Ähnlichkeitsbeziehungen aller Bilder untereinander, ist es nicht möglich, alle Bilder perfekt auf einer zweidimensionalen Karte anzuordnen. Aus diesem Grund entstehen an einigen Regionen harte Grenzen zwischen unterschiedlichen Bild- bzw. Themenbereichen. Um diesen Problemen zu begegnen, erforschen wir aktuell ein weiteres Verfahren, das anstelle der 2D-Sortierung ein Bildernetzwerk verwendet, wodurch die Sortierung der Bilder dann noch einmal deutlich verbessert wird. Ein weiterer Vorteil des neuen Systems wird darin bestehen, besser mit wechselnden Bildbeständen umgehen zu können.
Abb. 4: Bei der Schlagwortsuche zeigen die farbigen Bereiche der Heatmap Regionen mit passenden Bildern an. Die fünf passendsten Regionen werden durch repräsentative Bilder dargestellt. Man beachte, dass bei der Suche nach engl. „palm“ Regionen von Händen und Palmen gefunden werden.
