This pain in his heart - Màili Cavanagh - E-Book

This pain in his heart E-Book

Máili Cavanagh

0,0

Beschreibung

Jim ist noch Student, als er Mitte der 1960er in einer Schwulenbar in Denver den ein paar Jahre älteren Sam kennenlernt. Schon bald merkt er, dass unter der rauen Schale des Machos, der auf schnelle Autos steht und nie um einen coolen Spruch verlegen ist, ein ziemlich weicher Kern steckt. Ihre Liebe wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, als Sam einberufen wird und in den Vietnamkrieg an die Front muss. Eines Tages bleiben Sams Briefe aus. Auf Umwegen erfährt Jim, dass er vermisst wird. Obwohl ihn alle für verrückt halten, reist Jim als freier Journalist nach Südostasien, um Sam zu suchen …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 220

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



This pain in his heart

ein Gay Romance Roman

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2015

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© Yeko Photo Studio – fotolia.com

© Keith Tarrier – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-945934-41-8

ISBN 978-3-945934-42-5 (epub)

Inhalt:

Jim ist noch Student, als er Mitte der 1960er in einer Schwulenbar in Denver den ein paar Jahre älteren Sam kennenlernt. Schon bald merkt er, dass unter der rauen Schale des Machos, der auf schnelle Autos steht und nie um einen coolen Spruch verlegen ist, ein ziemlich weicher Kern steckt. Ihre Liebe wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, als Sam einberufen wird und in den Vietnamkrieg an die Front muss. Eines Tages bleiben Sams Briefe aus. Auf Umwegen erfährt Jim, dass er vermisst wird. Obwohl ihn alle für verrückt halten, reist Jim als freier Journalist nach Südostasien, um Sam zu suchen …

Vorwort

Der Vietnamkrieg, auch Zweiter Indochinakrieg genannt, dauerte offiziell von 1955 bis 1975 und wurde in und um Vietnam geführt. Er forderte mehrere Millionen Tote; die genaue Zahl ist nicht bekannt. Historiker gehen von fast fünf Millionen Vietnamesen aus, 58.220 US-Soldaten und 5.264 Soldaten von verbündeten Armeen.

Er hatte gleich nach dem Indochinakrieg begonnen, der von 1946 bis 1954 das Land beutelte. Dieser war ein Krieg um die Dekolonialisierung, oder vielmehr um die Unabhängigkeit in Französisch-Indochina, ausgefochten zwischen der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams, allgemein als Việt Minh bekannt, die unter der Führung von vietnamesischen Kommunisten war, und Frankreich.

Nach der folgenden Teilung Vietnams hatte der eigentliche Vietnamkrieg als Bürgerkrieg in Südvietnam begonnen.

Die Việt Minh, aus der 1960 die National Liberation Front, also die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, allgemein als Vietcong (vietnamesisch: Việt cộng) bekannt, hervorgegangen war, wollten das Land wieder vereinigen, indem sie die Regierung Südvietnams stürzte.

Dabei wurde die National Liberation Front, kurz NLF, unter anderem vom kommunistisch regierten Nordvietnam unterstützt, während die USA und weitere Staaten wie zum Beispiel Südkorea zu Südvietnam hielten.

Soweit es ging, habe ich mich an die geschichtlichen Fakten gehalten.

Eine gewisse künstlerische Freiheit sei mir jedoch bei einigen Dingen zugestanden.

Sämtliche Figuren, abgesehen von historischen Persönlichkeiten, und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen sind deshalb rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Denver, 1965

Jim brauchte lange, um die Bar zu finden, die sein Kumpel Ryan ihm empfohlen hatte. Sie lag in einer der schlechtesten Gegenden von Denver, der Hauptstadt des Bundesstaates Colorado. In einer dunklen, engen Gasse am Stadtrand, um genau zu sein.

Eine dicke, graue Ratte huschte die nur spärlich beleuchtete Straße entlang, knabberte an irgendetwas Undefinierbarem, das auf dem Boden lag, und sah Jim mit ihren großen, schwarzen Knopfaugen an.

Ihre Barthaare zuckten nervös und ihr fehlten ein paar Zentimeter vom Schwanz.

Jim schluckte angewidert und zog den Kragen seiner Jacke höher. Dann vergrub er die klammen Hände in die leeren Taschen. Es war September und bereits kühl. Leichter Nieselregen fiel und ließ den Bürgersteig, auf dem er ging, im Schein der Laternen glänzen.

Vor einer kleinen Tür, die umsäumt war von eingedellten, blechernen Mülltonnen, blieb er stehen und sah sich nervös um.

Niemand schien ihm gefolgt zu sein oder ihn beobachtet zu haben.

Gut. Denn die Übergriffe auf Schwule nahmen in letzter Zeit immer mehr zu.

Er zögerte, klopfte dann schließlich.

Eine kleine Klappe wurde umgehend geöffnet, misstrauisch-stechende graue Augen musterten ihn forschend. Offenbar hatte der Typ direkt neben der Tür gestanden.

Drinnen lief Musik.

Leise sagte Jim das Codewort, das Ryan ihm genannt hatte, woraufhin er eingelassen wurde. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Viel zu laut, wie er fand.

Es war schummerig und warm hier drin. Schwer lag der Geruch nach Gras in der Luft, übertünchte den penetranten Gestank nach Schweiß und Alkohol, billigem Aftershave und Leder.

Nein, eines der besten Etablissements war dies nicht.

Jim ließ seinen Blick schweifen und schlenderte schließlich zur Bar, wo er sich ein Bier bestellte. Der zerkratzte Tresen hatte schon bessere Tage gesehen und der klebrige Hocker war so unbequem und durchgesessen, dass er sich fragte, wie man darauf mehr als eine Stunde verbringen konnte.

Nun, die meisten Gäste hier hatten das vermutlich ohnehin nicht vor.

Zwei von ihnen, beides dürre Jungs, standen in einer Ecke und küssten sich. Sie konnten kaum ihre Hände voneinander lassen.

Grinsend beobachtete Jim, wie sie offenbar mittels kleiner Zettel ihre Adressen austauschten und dann nacheinander – in einem entsprechenden Abstand – die Bar verließen.

Jim seufzte und starrte in sein Bier, dessen Schaum bereits verschwunden war. Sein letzter Sex war Monate her. Drei, um genau zu sein. Drei Monate, zwei Wochen und acht Tage. Es war nur ein One-Night-Stand gewesen, am Rande eines Musikfestivals. Ein Fick mit einem Typen, dessen Namen er nicht mal kannte.

Nicht mal an seine Augenfarbe konnte Jim sich erinnern. Nur, dass er klein gewesen war und rote Haare gehabt hatte. Sie hatten beide was getrunken gehabt und waren ziemlich schnell fertig gewesen.

Nun, letztendlich hatte er lange was davon gehabt, denn er hatte sich dabei einen ziemlich hartnäckigen Tripper eingefangen. Wenn er daran dachte, schüttelte es ihn. In Zukunft würde er vorsichtiger sein.

Eine Weile lauschte er der Musik und sah dem Treiben zu, musterte die Männer, die kamen und gingen. Bei jedem Klopfen an der Tür zuckte er zusammen. Die Bullen waren weder auf Schwule noch auf Gras gut zu sprechen und er hatte keinen Bock, die Nacht im Knast zu verbringen.

Irgendwann ging ein dunkelhaariger Typ zur Jukebox, die dicht neben Jim stand – aber es war der letzte freie Platz gewesen – und warf eine Münze ein. Jim beobachtete ihn, wie er davorstand und überlegte, welches Lied er nehmen sollte. Seine Stirn legte sich dabei leicht in Falten.

Er entschied sich für die Rolling Stones. „Pain in my heart“.

Ein Lächeln huschte über Jims Gesicht. Auch er mochte dieses Lied.

Er musterte den anderen interessiert, obwohl er sich nicht den Hauch einer Chance ausrechnete. Mister Jukebox war ein Stück größer als er, vielleicht um die einsneunzig. Er trug eine knallenge, dunkelblaue Jeans. Ein eng anliegendes weißes Shirt mit einer schwarzen Lederjacke darüber umschmeichelte seine ausgeprägten Bauchmuskeln. Offenbar trieb er Sport. Jim schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Ob er oft hier war? Bestimmt. Bei dem Aussehen ging er garantiert auch nie allein nach Hause.

Plötzlich wandte Mister Jukebox den Kopf und sah Jim an.

Fast hätte Jim bei diesem Blick sein Bierglas fallen lassen.

Belustigt blitzte es in den Augen auf.

Jim war umgehend von diesem intensiven Blick gefangen. Wie eine Fliege, die in ein Spinnennetz geraten war.

Sein Herz stolperte, schien sogar für einen Moment auszusetzen, um dann umso rasanter weiterzuschlagen.

Gab es Liebe auf den ersten Blick? Konnte man jemandem von erstem Moment an verfallen sein? Mit Haut und Haar? Mit Leib und Seele? Ohne Wenn und Aber? Kompromisslos? Absolut?

„Hast du was gegen die Rolling Stones?“, fragte der Typ.

Beim Klang der sanften Stimme lief Jim ein Schauer über den Rücken.

Er starrte den Typen an, vergaß völlig die Zeit und wo er war. Versank völlig in diesen Augen, verlor sich darin. Hoffnungslos. Rettungslos.

,Steine? Was für Steine?‘, dachte er. Es dauerte einen Moment, bis sein Gehirn seinen Dienst wieder aufnahm. Nervös schluckte er. „Äh … nein …“

Die sanft geschwungenen, verführerischen Lippen seines Gegenübers verzogen sich zu einem Lächeln. Er deutete auf den Barhocker neben ihm. „Ist der noch frei?“

„Hmhm“, antwortete Jim, der gar nicht mitbekommen hatte, dass sein Nebenmann inzwischen gegangen war, und ärgerte sich gleichzeitig über sich selbst. Eigentlich war er nicht schüchtern. Aber dieser Traum von einem Mann hatte gerade irgendwie sein Denken ausgeschaltet und sein Blut Richtung Körpermitte geschickt, wo es jetzt verräterisch pulsierte.

Hastig drehte sich Jim weg und hob sein Glas. „Kann ich bitte noch eins haben?“, fragte er den Barkeeper und sah dann kurz verlegen zu Seite. „Darf ich dich zu einem Bier einladen?“ Er verfluchte sich, dass seine Stimme nicht halb so fest war, wie sie hatte sein sollen.

„Gern.“ Das Lächeln seines Gegenübers wurde breiter, erreichte die Augen.

Jim schluckte, sah zum kahlköpfigen Barkeeper, der nickte und brachte den beiden kurz darauf zwei Bier.

„Danke.“ Der coole Lederjacken-Typ setzte sich lässig neben ihm und berührte ihn dabei zufällig mit seinen schmalen Fingern.

Jim schluckte.

Sie stießen an, tranken.

„Du bist zum ersten Mal hier, oder?“, fragte Mister Jukebox neugierig.

„Ja“, antwortete er.

„Dachte ich mir. Ich habe dich nämlich noch nie hier gesehen. Ich bin übrigens Sam.“ Er streckte ihm die Hand entgegen.

Jim ergriff sie. Manieren hatte er also schon mal. Noch ein Punkt mehr auf der Plusliste in seinem Kopf. „Jim. Jim Bradford.“

„Nett dich kennenzulernen, Jimmy!“

Sam lehnte sich gegen den Tresen und trank einen Schluck. Schaum blieb an seiner Oberlippe zurück. Einen Moment war Jim versucht, sich vorzubeugen und ihn abzulecken, doch Sams Zungenspitze war schneller.

Das Lied war zu Ende.

Ein grobschlächtiger Typ in Lederkluft trat an die Jukebox und las sich die Titel durch.

Sam sah zu ihm rüber. „Ich wette auf Barbara Streisand“, flüsterte Sam und grinste gehässig.

Jim lachte. „Und ich auf Elvis.“

„Elvis?“ Er kräuselte skeptisch die Stirn. „Du traust ihm so einen guten Geschmack zu?“

Es wurde ein Song von den Supremes.

Genervt verdrehte Sam die Augen und wandte sich wieder Jim zu. „Und, wie findest du es hier?“

„Nun, ich war schon in schlimmeren Bars.“ Er zog die Schale mit den Erdnüssen heran und nahm sich eine.

„Ich auch. Die meisten haben die Bullen zum Glück dichtgemacht.“

„Kommst du oft her?“

„Kommt drauf an, was du als oft definierst.“

Mit leicht schief gelegtem Kopf blinzelte Jim ihn an. Sams spitzfindige Art gefiel ihm irgendwie.

Sam beugte sich vor. „Oft genug jedenfalls, um zu wissen, dass man so was Schnuckeliges wie dich hier nur selten findet“, raunte er anzüglich.

Vor Verlegenheit verschluckte Jim sich an seinem Bier. Er hustete.

Plötzlich legten sich von hinten zwei grobe Hände um Jims Hüften. Alkoholgeschwängerter Atem streifte warm seinen Hals. Erschrocken und angeekelt zuckte er zusammen. Er drehte den Kopf und erkannte den Lederkluft-Typ mit dem schlechten Musikgeschmack.

„Falls dir nach was anderem als Bier trinken und quatschen ist, wüsste ich da was, Kleiner!“

Frech glitt eine fremde, stark behaarte Hand über seinen rechten Oberschenkel.

„Hey!“ Sam packte das Handgelenk des Mannes und stand geschmeidig auf. Seine Augen funkelten ihn wütend an.

Doch der Typ schien keine Angst vor ihm zu haben. „Was? Meldest du Ansprüche auf den Kleinen an?“, fragte er provozierend. Er war doppelt so breit wie Sam und hatte sich seine Nase offenbar bereits öfter gebrochen.

Jim sah zwischen den beiden hin und her. Für einen Moment hatte er das Gefühl, im falschen Film zu sein. Stritten die beiden sich da gerade um ihn?

Zwei Männer, die er im Grunde gar nicht kannte, mitten in der Nacht in Denver in einer heruntergekommenen Schwulenbar?

„He, ihr!“ Der Barkeeper stemmte sich auf den Tresen. Seine Oberarmmuskeln drohten fast das fadenscheinige Hemd zu sprengen. „Ich will keinen Ärger hier haben, ist das klar?“

Sam hob die Hände. „Schon gut, Mike. Ich bin sicher, unser … Freund hier wollte gerade gehen“, versuchte er die Situation noch zu retten.

„So, wollte ich das?“ Die Schultern gestrafft trat er auf Sam zu. Er stank widerlich nach Schweiß.

Jetzt reichte es Jim. Das fehlte noch, dass die beiden seinetwegen eine Schlägerei anfingen.

Er warf einen Geldschein auf die Theke, rutschte vom Barhocker und wäre dabei fast auf dem Boden auf irgendetwas Glitschigem ausgerutscht. Was das war, wollte er lieber gar nicht wissen.

Die plötzliche Stille um ihn herum bemerkte er gar nicht.

Kurzerhand und mit einem Mut, den er sich selbst nicht zugetraut hatte, stellte er sich zwischen die beiden – und bekam Sekunden später die Faust dieses Widerlings mitten ins Gesicht.

Seine Brille fiel klirrend zu Boden.

Vollkommen unvorbereitet getroffen taumelte er benommen zurück – direkt in Sams Arme.

Starke und gleichzeitig sanfte Hände umfassten und hielten ihn. Zogen ihn an eine breite, warme Brust. Der Geruch eines holzigen Männerparfüms stieg Jim in die Nase. Gemischt mit Sams eigenem Duft. Herb. Männlich.

Für einen Moment wurde Jim schwarz vor Augen.

Dann schmeckte er Blut und stöhnte leise. Bekam kaum noch mit, wie Sam ihn aufrichtete, seine Brille aufhob und ihn aus der Bar zog, während der Barkeeper sich tatsächlich mit dem Muskelprotz anlegte und ihn kurzerhand herauswarf.

„Was …?“ Jim fühlte sich in ein Auto verfrachtet. Sein Kiefer schmerzte, seine Unterlippe begann anzuschwellen, die Brille saß schief auf seiner Nase, sodass er nur verschwommen sah.

Sam sah zu ihm. „Alles okay?“, fragte er offenbar besorgt.

Jim nickte. „Ja. Wohin fahren wir?“ Auf der einen Seite war es ihm egal, solange es nur weg von hier war. Auf der anderen Seite war ihm schon ein wenig mulmig zumute.

„Wenn du nichts dagegen hast, zu mir. Ich hab Eis zu Hause.“

„Vanille oder Schoko?“, nuschelte Jim und versuchte zu grinsen, obwohl ihm eigentlich gar nicht zum Scherzen war. Doch es wurde nur eine schmerzverzerrte Grimasse und er fragte sich, seit wann er diesen seltsamen Humor hatte. Ob er eine Gehirnerschütterung hatte?

Lachend beugte Sam sich zur Seite und küsste ihn auf die Schläfe.

Ein Kuss? War er Dornröschen? Musste er sein, denn das hier konnte nur ein Märchen oder ein schöner Traum sein.

Überrascht sah Jim Sam an. Sein Herz schlug schon wieder Purzelbäume.

Eine halbe Stunde später fand er sich auf Sams altem, aber äußerst bequemem Sofa wieder.

Er sah sich um, während Sam in der kleinen Küche rumwuselte und irgendwann mit, in ein Küchentuch gewickelten, Eiswürfeln wiederkam.

„Hier!“ Er setzte sich zu ihm auf die Couch.

„Danke.“ Die Kälte tat gut. „Hättest du dich wirklich für mich mit ihm geprügelt?“ Er konnte das alles irgendwie immer noch nicht glauben.

Sam grinste. „Klar.“

Jim schüttelte verständnislos den Kopf. „Wir kennen uns doch gar nicht.“

Zärtlich strich Sam ihm über die Wange. „Dann wird es Zeit, das zu ändern. Findest du nicht?“

Jim hätte sich nichts Schöneres vorstellen können. Er nickte, nicht fähig irgendetwas zu sagen. Stattdessen versank er im Blick von Sams Augen.

Grüne Augen, wie Jim feststellte. Mit goldenen Sprenkeln, wie Nuggets, in einem smaragdgrünen wogenden Meer.

Sam lächelte, ließ seine Fingerspitzen Jims Sams den Hals hinabwandern, während er ihn küsste.

„Komm“, raunte er, stand auf und zog Jim mit sich. „Lass uns rüber ins Schlafzimmer gehen.“

In dieser Nacht lernte Jim jeden Zentimeter von Sam kennen – und Sam von ihm.

Neckisch ließ Sam seine Zunge über Jims Oberkörper gleiten, eine feuchte Spur hinterlassend. Vorsichtig knabberte er an den Brustwarzen, die sich aufrichteten und hart wurden, während im Hintergrund leise das Radio lief. Schon lange waren beide nackt. Hatten ihre erregten Körper aneinander gerieben und sich gegenseitig ausführlich erkundet.

Sams Rechte massierte Jims Hoden. Er küsste sich tiefer, neckte die Eichel, leckte den ersten Lusttropfen fort.

Genießerisch schloss Jim die Augen, als Sams warme Lippen sein Glied umschlossen.

Er vergrub seine Hände in Sams Haaren, reckte ihm seine Hüften entgegen.

„Gott! Sam!“

Kurz darauf kam er zum ersten Mal in dieser Nacht – aber nicht zum letzten Mal.

Immer wieder entfachte Sam das Feuer in ihm. Nahm ihn, ließ sich nehmen.

Mal langsam und zärtlich, mal wild und gierig.

Es war seltsam, doch Jim war ihm mit Haut und Haaren verfallen. Vom ersten Moment an – vom ersten Blick in diese Augen, die ihn in ihren Bann gezogen hatten.

Er genoss jede von Sams Berührungen. Sein Körper schrie nach mehr. Mehr Zärtlichkeit, mehr Streicheleinheiten, mehr Küsse, mehr von Sam. Er wollte ihn auf sich spüren, in sich.

Seine Haut brannte dort, wo Sam ihn berührte. Als würde zum ersten Mal in seinem Leben sein Körper vor Erregung in Flammen stehen. Sam schien genau zu wissen, wie er Jim auf Touren bringen konnte. Mehrmals brachte er ihn bis kurz vor den Orgasmus, nur um dann von ihm abzulassen und ihn erneut bis kurz vor die Grenze zu bringen.

Jims Herz raste und drohte beinahe seine Brust zu sprengen, das Blut rauschte in seinen Ohren, er keuchte erregt.

„Bitte!“, wimmerte er.

Sam stemmte sich auf die Ellenbogen und biss ihm sanft in den Hals. Ihre Körper waren schweißnass und klebrig.

Sehr langsam zog er sich zurück, nur um sich erneut Millimeter für Millimeter in Jim zu versenken. Dieser warf den Kopf hin und her. Ein leises Knurren entrang sich seiner Kehle, seine Hände krallten sich ins Bettlaken. Völlig verloren in der Lust, in der Erregung.

„Sam!“, flehte er erneut.

Ein weiterer Stoß, diesmal genau auf seine Prostata.

Jim schrie auf, packte Sams Oberarme. Hielt sich an ihm fest, zog ihn gleichzeitig näher zu sich. Dichter. Tiefer in ihn.

Grinsend machte Sam weiter. Beschleunigte das Tempo, erstickte Jims Schreie mit seinen Küssen.

Als er kam, riss er Sam mit sich.

Atemlos ließ Sam sich auf ihn sinken, lauschte Jims noch immer rasendem Herzschlag, der sich nur langsam beruhigte und sich dann mit dem seinigen zu vereinen schien.

Irgendwann schliefen sie erschöpft ein.

Kapitel 2

Eine ganze Weile driftete Jim in diesem seltsamen Zustand zwischen Träumen und Wachen.

Bruchstückhaft begann er sich an den gestrigen Abend, vor allem aber an die Nacht zu erinnern.

Hatte er das alles wirklich erlebt?

Wohl kaum. Soviel Glück hatte er nicht. Hatte es noch nie gehabt und würde es auch nie haben. Es war für andere bestimmt, aber nicht für ihn, der immer nur auf der Seite der Verlierer stand und allerhöchstens Durchschnitt war.

Also war es wohl ein Traum gewesen. Ein schöner Traum allerdings.

Er lächelte selig, reckte sich – und stieß dabei gegen etwas Weiches und Warmes. Dieses Etwas brummte daraufhin. Jim blinzelte verwirrt und drehte sich auf die Seite.

Er schloss die Augen, öffnete sie wieder. Nein, keine Halluzination, kein Traum, keine Fata Morgana. Dieser anbetungswürdige Typ lag tatsächlich neben ihm in diesem Bett.

In einem Bett, das nicht das seine war.

In einem Zimmer, das definitiv nicht sein Schlafzimmer war. Es sei denn, er befand sich in einem Paralleluniversum.

Nun, die Wahrscheinlichkeit, dass er sich in seiner Wohnung befand, war demnach also gleich null.

Er musterte Sam, der splitterfasernackt auf dem Bauch neben ihm lag. Die Decke hatte Sam ans Fußende gestrampelt.

Mit den Fingerspitzen strich Jim über Sams Wirbelsäule, was Sam ein wohliges Stöhnen entlockte; dann weiter, über die Rundung seines Hinterns, bis zu einem centstückgroßen Leberfleck.

„Hmmm.“ Sam reckte sich. Blinzelte. „Guten Morgen“, nuschelte er und sah Jim lächelnd an.

Jim tastete nach seiner Brille, setzte sie auf und warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach elf. Die Sonne fiel durch den winzigen Spalt der Übergardinen und kitzelte ihn an der Nase.

„Guten Morgen?“

Lachend legte Sam einen Arm um ihn und zog ihn zu sich. Draußen fuhr ratternd eine S-Bahn vorbei. „Mm.“ Sam drückte ihm einen Kuss auf die stoppelige Wange. „Daran bist nur du schuld.“

„Ich?“, echauffierte sich Jim gespielt.

„Ja.“ Sam grinste. „Du hast mich gestern völlig ausgelaugt!“, beschwerte er sich lächelnd. „Wie lange hattest du keinen Sex mehr?“

„Äh.“ Jim kämpfte dagegen an, rot zu werden. „Ich …“ Sein Gestammel ging in einem Stöhnen über, als Sams Hand über seine Morgenlatte wanderte und ungeniert begann ihn verwöhnen. Sehr geschickt übrigens, wie Jim neidlos eingestehen musste.

„Eindeutig zu lange“, murmelte Sam.

Sie setzten ihr Liebesspiel ein paar Minuten später unter der Dusche fort.

Um nicht zu laut zu sein, biss sich Jim auf die Lippen. Schließlich hatte er keine Ahnung, wie hellhörig diese Wohnung war und ob Sams Nachbarn es gewöhnt waren, dass er Herrenbesuche hatte.

Aber Sam machte sich anscheinend einen Spaß daraus, ihn so zu necken, dass er stöhnen musste.

Irgendwann gab er seinen Widerstand auf und schrie seine Lust hinaus, was Sam nur noch mehr antörnte. Seine Stöße wurden tiefer, schneller, und hätte er Jim nicht gehalten, wäre Jim vermutlich auf die Knie gefallen.

Es war ein Uhr, als sie endlich angezogen an dem kleinen, abgewetzten Tisch in der Küche saßen und Sam Kaffee kochte.

Von draußen klang der Straßenlärm herein. Seltsam, das war Jim letzte Nacht gar nicht aufgefallen.

„Man gewöhnt sich dran“, meinte Sam, als er kurz zu ihm sah. „Ist halt nicht die beste Gegend. Aber mehr kann ich mir nicht leisten. Ein kleines Einzimmerapartment und meinen Wagen.“ Er stellte die fertigen Pfannkuchen auf den Tisch und kurz darauf den Ahornsirup. Die Pancakes waren leicht angebrannt, aber das störte Jim nicht.

„Was machst du eigentlich beruflich?“, fragte er neugierig. Zum Reden waren sie letzte Nacht kaum gekommen. Eigentlich wusste er noch gar nichts von Sam.

Der hölzerne Stuhl schabte über den Boden, als Sam sich setzte und die Zuckerdose neben der Kaffeekanne auf den Tisch stellte.

„Ich arbeite in einer Autowerkstatt.“ Er schenkte Jim ein. „Und du?“

Jim nahm sich einen der Pancakes. „Ich studiere noch“, antwortete er verlegen.

„Oh, was denn?“ Er klang ehrlich interessiert.

„Journalistik.“

„Du willst also mal Reporter werden?“

„Na, ich hoffe, ich bin schon fast einer.“ Er grinste. „Ein bisschen was hab ich schon geschrieben. Schülerzeitung, ein paar Kurzgeschichten, einige Artikel für die Zeitung.“

„Kein Fernsehen oder Radio?“

„Nein. Ich bin eher der Schreiberling. Außerdem … ich werde nervös, wenn ich reden soll.“

Lächelnd beugte Sam sich vor und leckte ihm ein wenig Sirup von den Lippen. „Bei mir brauchst du nicht viel reden“, raunte er.

Sie verbrachten den Rest des Sonntags bei Sam, ehe der Jim abends nach Hause brachte.

Er fuhr einen blauen aufgemotzten und selbst zusammengeschraubten, aber offenbar ziemlich alten Sportwagen.

Selbst besaß Jim kein Auto, das konnte er sich nicht leisten. Um Geld zu sparen, wohnte er mit zwei anderen in einer WG.

Sam sah ihn an. Zum ersten Mal ein wenig unsicher. „Hat dir letzte Nacht gefallen?“

Jim lächelte. „Mein Hintern sagt ja!“ Er küsste ihn und zuckte zusammen, als sein Mitbewohner Andy an die Scheibe klopfte und ihm den hochgereckten Daumen zeigte, als er sich umdrehte.

„Woah! Arschloch!“, schrie Jim ihm entgegen. Soviel zum Thema Privatsphäre.

Lachend zog Sam ihn zurück in die Arme, besitzergreifend und beschützend, wie Jim feststellte. „Wer war das?“, fragte er und Jim glaubte, eine Spur von Eifersucht in der Stimme zu hören.

„Nur einer meiner nervigen Mitbewohner.“

„Lerne ich ihn mal kennen?“

„Du willst mich also wirklich wiedersehen?“

Irgendwie war Jim noch immer skeptisch. Sicher, sie hatten eine tolle Nacht miteinander verbracht und wenn er ehrlich war, hatte er sich Hals über Kopf im Sam verliebt. Was allerdings nicht hieß, dass Sam genauso für ihn empfand. Schließlich war er, Jim, nur ein höchstens mittelmäßig aussehender Typ, mit einer viel zu dicken Brille und einem kleinen Schwanz. Was sollte Sam, dieser gutaussehende, charismatische, coole Typ schon an ihn finden?

Sam strich ihm liebevoll über die Wange. „Am liebsten würde ich dich nicht mehr gehen lassen“, flüsterte er.

Jim schluckte. „Dann am Samstag. Im Club. Um zehn. Falls uns der Türsteher noch reinlässt.“

„Okay.“ Sam küsste ihn noch einmal zum Abschied, ehe Jim aus dem Wagen stieg und im Haus verschwand.

Sam startete den Motor, ließ ihn noch einmal aufheulen und fuhr dann davon.

Lachend schüttelte Jim den Kopf. „Angeber.“ Er grinste und schloss die Wohnungstür auf.

„Hey!“ Andy schlug ihm mit der Faust gegen den Oberarm und blies ihm eine Marihuanawolke ins Gesicht. „Hatte mir schon Sorgen gemacht, Jimmy Boy!“

Seufzend sah Jim sich um. Das Wohnzimmer glich eher einer Müllhalde denn einer Oase der Gemütlichkeit.

Phil, Jims anderer Mitbewohner, fläzte sich auf dem Sofa herum, auf seinem Bauch balancierte er einen leeren, durchweichten Pizzakarton. Jim hasste diese Dinger. Sie wurden oft feucht, tropften, bogen sich oder brachen ganz durch. Kurz, sie taugten einfach nichts. Aber vielleicht, so seine Hoffnung, würde eines Tages jemand ein Patent für eine stabile Variante anmelden.

„Wie ich sehe, habt ihr schon gegessen“, murmelte Jim leicht angepisst.

Andy ließ sich, high, wie er war, auf einen der durchgesessenen Sessel fallen. Ihre gesamte Einrichtung bestand aus alten, gebrauchten Möbeln, die sie geschenkt bekommen oder günstig erstanden hatten. „Ja. Und du warst bestimmt heute auch schon der Nachtisch für diesen schnuckeligen Typen da vorhin im Auto. Wo hast du den aufgegabelt? An der Uni? Wenn ja, muss ich, glaub ich, das Studienfach wechseln. Was studierst du noch mal?“ Er zog an seinem Joint und blies einen Rauchkringel in die Luft.

Genervt schob Jim seine Füße vom Tisch. „Wie wäre es, wenn du überhaupt mal wieder zur Uni gehen würdest?“ Er hob eine leere Flasche auf und warf sie in den Müll.

„Wofür? Die Welt geht eh unter.“

„Und woran deiner Meinung nach?“

„Hast du in letzter Zeit mal die Nachrichten gehört? Wir befinden uns mitten im Kalten Krieg. Die Russen brauchen nur einmal auf den roten Knopf zu drücken und BUM! sind wir Geschichte.“

„Und was ist mit Duck and Cover?“ Phil biss in sein letztes Stück Pizza. Tomatensoße lief ihm das Kinn hinab und tropfte auf sein T-Shirt, was ihm aber nichts auszumachen schien. Ohnehin sah es so aus, als diente es bereits seit Längerem als Serviettenersatz.

Andy strich sich seine viel zu langen, fettigen Haare aus dem Gesicht. „Glaubst du wirklich, dass es im Fall einer Atombombenexplosion etwas helfen würde, sich mit dem Gesicht zum Boden eng zusammenzukauern und sich mit einem Tischtuch zu bedecken?“, fragte er.

„Na ja, bei Bert the Turtle hat es geholfen.“ Phil grinste.

Andy zeigte ihm einen Vogel. „Bert ist nur eine animierte Schildkröte aus einem Zivilverteidigungsfilm für Kinder.“ Er sprach langsam, so, als müsse er einem Kind oder einem Begriffsstutzigen etwas erklären. „Dieser Film wurde von der US-Zivilverteidigungsbehörde gefördert. Er verschweigt vollkommen die Gefahren des Fallouts und der Zerrüttung der Gesellschaft! Die vergleichen darin die Gefahren einer Atomwaffenexplosion mit denen von Feuer und des Straßenverkehrs!“

Jim seufzte. Natürlich hatte Andy recht mit dem, was er sagte. Die derzeitige politische Situation war mehr als angespannt und ein Atomkrieg zwischen Russland und den USA war keine Unmöglichkeit mehr, sondern vielmehr eine realistische Bedrohung. Beide Länder schienen sich bei der Anzahl ihrer Atomtests überbieten zu wollen, ungeachtet der Folgen.

Er konnte sich noch genau an die Bilder im Fernsehen während der Kubakrise 1962 erinnern.

Die Sowjets hatten Mittelstreckenraketen auf Kuba positioniert. Präsident John F. Kennedy hatte daraufhin erklärt, man würde nötigenfalls auch Atomwaffen einsetzen, um diesen „Konflikt“ zu beenden.

Es war das erste Mal, dass Jim und dem Rest der Bevölkerung klar wurde, wie nahe sie einem Atomkrieg waren. Einem dritten Weltkrieg. Dem Ende der Erde vielleicht.

Wie erstarrt hatte Jim damals vor dem Fernseher gehangen, verunsichert, voller Angst.