Thoughtful - S.C. Stephens - E-Book

Thoughtful E-Book

S.C. Stephens

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8,99 €

Beschreibung

... nun die Geschichte aus Kellan Kyles Sicht.

Kellan Kyles Leben ist die Bühne – nur durch Musik, seine Band und zahllose One-Night-Stands mit verliebten Groupies kann er seine düstere Vergangenheit vergessen. Bis zu dem Tag, da Kiera alles verändert. Sie berührt etwas in Kellan, das seine sorgsam errichteten Mauern bröckeln lässt. Doch sie ist mit seinem besten Freund zusammen, und Kellan weiß, er muss die Finger von ihr lassen. Und er weiß auch, dass die süße, smarte Kiera sich nie zu ihm hingezogen fühlen würde. Oder doch?

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Seitenzahl: 1048

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Buch

Kellan Kyle fühlt sich nur auf der Bühne wirklich zu Hause. Wenn er in einer dunklen Bar Gitarre spielt, gelingt es ihm fast, seine schmerzhafte Vergangenheit zu vergessen. Sein Leben dreht sich daher ausschließlich um drei Dinge: Seine Musik, seine Jungs aus der Band und heiße One-Night-Stands mit verliebten Fans. Bis eine Frau Kellans Dasein komplett auf den Kopf stellt. Kiera ist die Sorte Mädchen, von der er lieber die Finger lassen sollte: smart, süß – und mit seinem besten Freund Denny zusammen. Doch sie berührt etwas in ihm, das seine sorgsam errichteten Mauern bröckeln lässt. Er will sie, mehr als irgendetwas jemals zuvor. Aber er weiß auch, dass Kiera seine Gefühle niemals erwidern würde. Oder doch?

Weitere Informationen zu S.C. Stephens

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

S. C. Stephens

Thoughtful

Du gehörst zu mir

Roman

Übersetzt

von Babette Schröder

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Thoughtful« bei Forever, an imprint of Grand Central Publishing, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 2009 by S.C. Stephens

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlagmotiv: Corbis Images/Michael Reh, Guntmar Fritz/Westend61

This edition published by arrangement with Grand Central Publishing,

New York, NY, USA. All rights reserved.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Redaktion: Antje Steinhäuser

MR ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-16680-9V005

www.goldmann-verlag.de

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Ohne die Liebe und die Unterstützung meiner Fans wäre ich nicht dort, wo ich heute stehe. Deshalb widme ich euch dieses Buch. Danke, dass ihr manchmal Tausende von Meilen gereist seid, um mich zu sehen. Ich bin überwältigt von euren T-Shirts, den persönlich gestalteten Fotoalben, dem Schmuck und euren tollen Geschenken! Danke, dass ihr sogar meine Songs auswendig lernt; sie von euch zu hören ist jedes Mal aufs Neue ein großes Erlebnis. Ich danke euch für eure Leidenschaft, für eure Hingabe … und für eure Tattoos. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht und Demut, wenn ich eines entdecke, das von mir und meinem Leben inspiriert ist. Und als Letztes danke ich euch dafür, dass ihr mich trotz meiner vielen Fehler mögt. Mir ist durchaus bewusst, dass ich davon einige habe, aber ihr seht über sie hinweg, und dafür bin ich euch unendlich dankbar.

Alles Liebe,

Kellan Kyle

1. Kapitel

Alles an einem Tag

Ich spiele seit meinem sechsten Lebensjahr Gitarre. Seit der Highschool habe ich in verschiedenen Bands mitgemacht, aber mit den D-Bags bin ich jetzt schon ein paar Jahre unterwegs. Meine Kindheit ist nicht ganz einfach gewesen, und Musik war meine Rettung. Schon als ich das allererste Mal eine Gitarre in der Hand hielt, hat sie mich sofort in ihren Bann geschlagen. Das Gefühl des glatten, kühlen Holzes unter meinen Fingern. Die festen Saiten, der Hall tief im Instrument. Auch als ich noch zu jung war, um zu begreifen, welchen Einfluss die Musik auf mein Leben haben würde, hat die Gitarre mit mir gesprochen. Das schlichte Instrument barg etwas Bedeutungsvolles, das unbedingt rausmusste. Ich barg etwas Bedeutungsvolles, das unbedingt rausmusste.

Mit dem Instrument hatten meine Eltern zwar offiziell mir ein Geschenk gemacht, doch schon damals begriff ich, dass sie sich eigentlich selbst beschenkt hatten. Dank der Gitarre waren sie mich los und mussten sich nicht so viel um mich kümmern. Meine Zeugung war ein Unfall gewesen, und meine Eltern sind nie richtig warm mit mir geworden. Ich war ein Fehler, der ihr Leben für immer verändert hatte, und das ließen sie mich stets spüren. Wie auch immer. Durch die Gitarre waren sie mich los, doch ich spielte gern auf ihr, sodass es trotz der niederen Motive ein anständiges Geschenk war.

Sie kümmerten sich allerdings nicht darum, dass ich Unterricht erhielt, und so brachte ich mir das Spielen selbst bei. Das hat ewig gedauert, doch als Einzelkind ohne richtige Freunde und mit Eltern, die nichts mit mir zu tun haben wollten, verfügte ich über einen Haufen Freizeit. Wann immer mein Vater zu Hause war, schaltete er das Radio ein. Meist stellte er einen Nachrichtensender ein, wenn er jedoch Musik hörte, war es fast immer Rock. Es machte mir riesigen Spaß, die Songs nachzuspielen, und sobald ich die Grundakkorde beherrschte, spielte ich jeden Song mit. Was meinem Vater ziemlich auf die Nerven ging. Er stellte das Radio lauter und schickte mich in mein Zimmer. »Wenn du unbedingt mit deiner gottverdammtem Klampfe jemandem das Gehör kaputtmachen willst, dann mach das allein in deinem Zimmer«, polterte er.

Daraufhin ging ich nach oben in mein Zimmer, ließ die Tür jedoch einen Spalt offen, damit ich die Musik weiterhin hören konnte. Ich bin in einem großen Haus aufgewachsen, aber wenn ich leise klimperte, konnte ich der Musik von unten gut folgen. In den nächsten Jahren war »Stairway to Heaven« mein Favorit, aber ich glaube, das geht jedem so, der Gitarre spielen lernt.

Zum ersten Mal hatte ich in meinem noch jungen Leben etwas gefunden, das mir vollkommenen Frieden schenkte. Etwas, mit dem ich mich verbunden fühlte, etwas, das ähnliche Bedürfnisse und Sehnsüchte hatte. Die Gitarre musste gespielt werden. Ich musste auf ihr spielen. Es war eine wunderschöne symbiotische Beziehung, und für lange Zeit war es meine einzige richtige Beziehung.

Ich nahm mein geliebtes Instrument und schloss die Tür zu meinem Haus ab. Den Begriff »Zuhause« benutzte ich eher selten. Eigentlich war es das Haus meiner Eltern, aber die waren vor ein paar Jahren gestorben und hatten es mir hinterlassen. Ich blieb dort wohnen, weil es über vier Wände und ein Dach verfügte, aber ich hatte keinen emotionalen Bezug zu dem Gebäude. Für mich bestand es nur aus Stein, Glas, Nägeln, Mörtel und Zement.

Während ich in L.A. gelebt hatte, hatten meine Eltern das Haus meiner Kindheit verkauft und waren in ein deutlich kleineres gezogen. Das habe ich erst bei ihrem Tod erfahren. Als ich zurückkam, stellte ich schnell fest, dass sie alles weggeworfen hatten, was mir gehörte. Sie hatten versucht, meine Existenz auszulöschen, dennoch hinterließen sie mir Haus, Aktien und Rentenfonds – alles. Das war verwirrend. Warum hatten sie das getan? Vielleicht hatten sich ihre Gefühle zu mir geändert. Vielleicht auch nicht.

Ich kehrte dem Haus den Rücken und wandte mich der prächtigen Chevelle Malibu zu, die in der Spätnachmittagssonne in Schwarz und Chrom glänzte. Ich hatte sie spottbillig in L.A. bekommen und einen Großteil des Sommers mit ihrer Reparatur verbracht. Sie war eine Schönheit, mein Baby, niemand außer mir durfte sie fahren.

Ich legte die Gitarre in den Kofferraum und machte mich auf den Weg zur Probe mit den Jungs. Nachdem ich auf den Freeway abgebogen war, wanderte mein Blick wie immer zu der einzigartigen Skyline von Seattle, die allmählich vor mir auftauchte.

Im Laufe der Zeit hatte ich ein zwiespältiges Verhältnis zur Smaragdstadt entwickelt – manchmal liebte, manchmal hasste ich sie. An jeder Ecke lauerten schlechte Erinnerungen – an meine einsame Kindheit, die Zurückweisungen, die bissigen Bemerkungen, die ständigen Erniedrigungen, die mich täglich daran erinnert hatten, dass ich eine Last und nicht erwünscht war. Das emotionale Gift, das meine Eltern mir eingeimpft hatten, hatte seine Spuren hinterlassen. Doch jetzt lief es hier gut für mich, und die Band hatte viel dazu beigetragen, dass sich meine Einstellung zu der Stadt geändert hatte.

Evan Wilder und ich hatten die D-Bags gemeinsam gegründet. Direkt nach meiner Highschool-Abschlussfeier hatte ich Seattle mit meiner Gitarre auf dem Rücken, ein paar Dollars in der Tasche und dem Traum von einem besseren Leben im Kopf verlassen. Ich hatte jede Möglichkeit zum Trampen genutzt, die sich bot, und landete bald in einer Bar an der Küste von Oregon. Als ich dort etwas trinken wollte, stieß ich auf Evan, der gerade den Barkeeper davon zu überzeugen versuchte, dass er alt genug war, um ein Bier zu trinken. Was er nicht war. Ich zwar auch nicht, doch mir gelang es trotzdem, ein großes Glas zu ergattern. Ich teilte es mit Evan, und da wir beide auf Bier und Musik standen, schlossen wir Freundschaft.

Nachdem ich etwas Zeit bei Evans Familie verbracht hatte, machten wir uns gemeinsam auf den Weg in Richtung Süden. Nach L.A., in die Stadt der Engel, wo wir weitere Bandmitglieder suchen wollten. Matt und Griffin Hancock lernten wir an einem ziemlich ungewöhnlichen Ort kennen. In einem Stripclub. Na ja, vielleicht war das gar nicht so ungewöhnlich. Schließlich kamen Evan und ich frisch von der Highschool und waren geil.

Von Anfang an passten wir vier gut zusammen, und schon bald rockten wir Bars und Clubs in L.A. Wahrscheinlich wären wir noch immer dort, hätte ich nach dem Tod meiner Eltern nicht alles stehen- und liegenlassen und wäre überstürzt zurück nach Seattle gegangen. Zu meiner großen Überraschung waren mir die Jungs gefolgt, und seither spielten wir hier.

Je näher ich der Innenstadt kam, desto dichter wurde der Verkehr. Wir probten immer bei Evan, weil sein Loft nicht direkt in einem Wohngebiet lag und wir dort kein Problem mit dem Lärm hatten. Er wohnte über einer Autowerkstatt, was praktisch war, wenn meine Süße gewartet werden musste. Meine Lieblingsmechanikerin hieß Roxie. Sie liebte meinen Wagen fast genauso sehr wie ich und kümmerte sich oft ein bisschen um ihn, während ich mit den Jungs oben war.

Als ich vorfuhr, alberte Roxie mit einem Kollegen herum, dennoch winkte sie mir in der Sekunde zu, in der sie mich sah. Oder genauer gesagt, meine Chevelle; das Mädchen hatte nur Augen für meinen Wagen. »Hallo, Roxie. Wie geht’s?«

Sie strich sich mit der dreckigen Hand durch die kurzen Haare und erwiderte: »Gut. Ich denke darüber nach, ein Kinderbuch über einen Schraubenschlüssel zu schreiben, der Tieren in Not hilft. Vielleicht lasse ich ihn eine Chevelle fahren.« Sie zwinkerte mir zu.

»Klingt toll.« Ich lachte. »Viel Glück.«

»Danke!« Sie grinste. Als ich mit meiner Gitarre auf die Treppe zuging, rief sie: »Sag Bescheid, wenn die Chevelle etwas braucht! Für sie mache ich auch Hausbesuche, das weißt du ja, oder?«

»Ja! Ich weiß!«, rief ich zurück.

Als ich hereinkam, durchwühlte Griffin in der Küche gerade Evans Vorräte. Vom Spielen bekam er immer Heißhunger. Er richtete seine hellen Augen auf mich, und ich warf ihm lächelnd eine Schachtel Froot Loops zu. Ich hatte sie neulich im Supermarkt mitgenommen, als ich mit leerem Magen einkaufen gewesen war. Da ich dann aber doch keinen Appetit mehr darauf hatte und sie bei mir nur verkommen würden, hatte ich sie mitgebracht.

Mit strahlendem Gesicht fing Griffin die Schachtel auf. »Süß!«, murmelte er und riss sie sofort auf. Er griff in die Tüte, holte eine Handvoll gezuckerter Getreideringe heraus und kaute bereits lautstark auf ihnen herum, noch bevor ich den Wohnbereich des einräumigen Lofts erreichte.

Als ich meinen Gitarrenkasten neben ihm auf dem Sofa abstellte, blickte Matt auf. Er studierte etwas auf seinem Handy, das wie eine Webseite aussah. Ich war mir nicht ganz sicher, ich hatte kein Handy und würde wahrscheinlich auch nie eins besitzen. Technik war mir irgendwie ein Rätsel. Sie interessierte mich jedoch zu wenig, um mich näher mit ihr zu befassen. Ich mochte, was mir gefiel, egal, ob es altmodisch war oder nicht. Herrgott, in meinem Wagen gab es noch immer ein Kassettendeck. Griffin zog mich ständig damit auf, doch solange es funktionierte, war ich glücklich.

»Ich glaube, wir sollten anfangen, auf Festivals zu spielen. Nicht nur in Bars. Für Bumbershoot sind wir dies Jahr schon zu spät dran, aber ich glaube, nächstes Jahr müssen wir das machen. Ich denke, wir sind so weit.« Mit ihren schmalen Gesichtszügen, den blonden Haaren und den blauen Augen sahen sich Matt und Griffin ziemlich ähnlich. Was ihren Charakter anging, hätten die zwei Cousins allerdings nicht unterschiedlicher sein können.

»Ja? Meinst du?«, fragte ich. Es überraschte mich nicht, dass Matt über unsere Zukunft nachdachte. Das tat er oft.

Hinter ihm kämpfte Evan sich durch das Probe-Equipment, das die Band bei ihm lagerte. Als er zum Sofa kam, lächelte er mich aus seinen warmen braunen Augen unter den kurzen dunklen Haaren an. »Definitiv. Wir sind absolut so weit, Kell. Es ist Zeit, einen Schritt weiterzugehen. Mit deinen Texten und meinem Beat … sind wir Gold wert.« Matt war einer der talentiertesten Gitarristen, dem ich je begegnet war, und Evan arrangierte die meisten unserer Stücke.

Eifrig nickend wandte sich Matt zu Evan um. Ich blickte zwischen beiden hin und her und dachte darüber nach, ob wir wirklich so weit waren. Vermutlich hatten sie recht. Wir hatten mehr als genug Songs und wahrscheinlich auch ausreichend Fans. Es konnte ein großer Schritt für die Band sein oder aber eine gigantische Zeitverschwendung.

Als Evan den hinteren Teil des Sofas erreichte, verschränkte er die Arme vor der Brust. Alle meine Bandfreunde waren tätowiert – Griffins Tattoos waren etwas obszön, nackte Frauen und solches Zeug. Matts waren klassischer – Symbole, bei denen jede Windung etwas zu bedeuten hatte. Evan dagegen wirkte wie ein lebendes Kunstwerk. Allein seine Arme waren ein museumsreifes Meisterstück aus Feuer, Wasser und allem, was dazwischen existierte.

Während Matt und Griffin beide eher dürr wirkten, war Evan etwas kräftiger gebaut. Ich befand mich irgendwo dazwischen, nicht zu massig, aber auch nicht zu schmal, und was Tattoos anging, war ich noch Jungfrau. Es gab einfach nichts, das mir so viel bedeutete, dass ich es mir für immer in die Haut ritzen wollte. Im Leben war nichts von Dauer. Warum sollte ich es dann durch ein Tattoo unsterblich machen? Das kam mir sinnlos vor.

Ich grinste meine zwei ungeduldigen Bandkollegen an. »Okay. Mach was klar, Matt.«

Lächelnd ging Matt zurück zu seinem Telefon. Griffin kam zu mir und legte einen Arm um mich. »Geil! Was machen wir?« Beim Fragen rieselten vereinzelte Getreidekrümel aus seinem Mund.

»Noch nichts«, antwortete ich und schlug ihm gegen die Brust.

Er gab ein dumpfes Geräusch von sich, und weitere leuchtend bunte Getreidekringel bröselten hervor. Von allen Leuten, die ich kannte, hatte Griffin eindeutig den größten Mund.

Nachdem wir ein paar Stunden geprobt hatten, machten wir Schluss. Wir stiegen in unsere Wagen und fuhren rüber zum Pete’s. Die Bar war unser Wohnzimmer, in dem wir mindestens einmal die Woche, wenn nicht häufiger, auftraten. Irgendwie landeten wir immer dort, auch an Abenden, an denen wir nicht spielten. Als wäre der Tag nicht vollständig, wenn wir nicht wenigstens einmal reingeschaut hätten. Jeder dort kannte uns, und wir kannten jeden. Dort waren unsere Freunde, und dort spielte sich unser Leben ab.

Ich stellte die Chevelle auf meinen inoffiziellen Parkplatz. Wie üblich war er frei, als ob er auf mich wartete. Als ich den Motor ausschaltete, erstarb mittendrin ein Song von Fleetwood Mac. Kurz überlegte ich, ob ich den Wagen wieder anlassen sollte, um den Song zu Ende zu spielen, doch ich hatte ihn schon unzählige Male gehört und sehnte mich nach einem frischen kühlen Bier.

Evan stieg fast gleichzeitig mit mir aus seinem Wagen. Als ich am Heck auf ihn traf, schlug er mir auf die Schulter. Ich blickte mich nach Matt und Griffin um, konnte Griffins Vanagon aber nirgends entdecken. »Äh, wo sind unsere siamesischen Zwillinge?«, fragte ich.

Er hob einen Mundwinkel. »Griffin, der Trottel meinte, er müsse nach Hause, weil er Tracis Shorts vergessen hätte. Die braucht sie für die Arbeit.«

Ich stellte mir die beiden vor und schüttelte den Kopf. Traci war Kellnerin im Pete’s. Sie und Griffin hatten neulich herumgemacht, was eigentlich kein Problem war, nur dass Traci langsam mehr empfand. Sie war nicht der Typ, der sich lange auf etwas Unverbindliches einließ, womit sie das exakte Gegenteil von Griffin war.

Als ich die Tür zu meinem sicheren Hafen aufstieß, empfing mich das warme Licht der Leuchtreklame. Ich trat ein und holte tief Luft, meine Muskeln lockerten sich, und meine Verspannungen lösten sich. Alles an diesem Laden wirkte beruhigend auf mich. Der Lärm, der Geruch, die Musik und die Leute. Wenn ich je von mir behaupten konnte, zufrieden zu sein, dann hier.

Von links hustete mir eine heisere Stimme ein »Hey, Kellan« zu.

Ich drehte mich um und sah, dass Rita, die Barfrau, mich von oben bis unten mit ihren Blicken maß. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte an einen Verdurstenden, der einen Wasserkrug anstarrt. Daran war ich allerdings gewöhnt. Ich hatte ein Mal mit ihr geschlafen, und so, wie sie mich ansah, hatte ein Mal nicht gereicht. »Hey, Rita.« Als ich ihr zunickte, schloss sie flatternd die Lider und stöhnte.

»Mann«, murmelte sie und strich mit einem langen lackierten Fingernagel an ihrem tief ausgeschnittenen Dekolleté entlang. »Verdammt heiß …«

Nachdem wir kurz den Stammgästen zugewinkt hatten, gingen Evan und ich zu unserem Tisch. Na ja, theoretisch gehörte er zwar nicht uns, aber wie mein Parkplatz war er durch unsere häufigen Besuche zum Stammtisch der Band geworden.

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und legte die Füße auf die Tischkante. Während ich noch mit mir rang, ob ich Hähnchenstreifen oder einen Burger bestellen sollte, landeten meine Füße unsanft auf dem Boden. Durch die Gewichtsverlagerung wurde ich auf dem Stuhl leicht nach vorn katapultiert und verlor kurz den Halt. Eine niedliche Blondine in einem engen roten T-Shirt vom Pete’s stand, die Hand auf die Hüfte gestemmt, am Ende des Tisches und schürzte vorwurfsvoll die vollen Lippen. »Füße vom Tisch, Kellan. Da wollen die Leute essen.«

Ich lächelte amüsiert. »Tut mir leid, Jenny. Ich hab’s mir nur gemütlich gemacht.«

Auf Jennys Lippen erschien ein charmantes Lächeln. »Du kannst es dir mit einem Bier gemütlich machen. Zwei oder vier?« Ihr Blick glitt von Evan zu mir, dann zu den leeren Stühlen und dem Tisch.

Evan verstand die Frage nach den fehlenden Bandmitgliedern und hob vier Finger. »Die sind auf dem Weg.«

Neckisch strich Jenny Evan über den Kopf. Er schloss die Augen und schlug mit dem Fuß auf den Boden wie ein Hund, dem man den Bauch krault. Jenny kicherte, und ihre Augen leuchteten auf eine äußerst attraktive Weise. Ich mochte Jenny. Sie hatte ein gutes Herz und verurteilte mich nie offen dafür, dass ich mit vielen Frauen schlief.

Aus purem Zufall hatte ich Sex schon in ziemlich jungen Jahren entdeckt, und genau wie die Musik hatte er einen Nerv in mir getroffen. Noch immer sehnte ich mich nach dem Gefühl von Nähe und begehrte es so oft ich konnte. Was die Wahl meiner Sexpartnerinnen anging, war ich nicht wählerisch. Ob ältere oder jüngere, attraktive oder freundliche, Mütter, Freundinnen oder Ehefrauen – mich interessierte nur, dass sie interessiert waren. Vermutlich sollte ich das nicht so offen sagen, aber es entsprach der Wahrheit. Sex wirkte befreiend auf mich. Er gab mir das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen, mit der Welt um mich herum verbunden zu sein. Und dieses Gefühl brauchte ich. In meinem Leben gab es viel Leere.

Als Jenny angefangen hatte, hier zu arbeiten, hatte ich mich ziemlich um ein Date mit ihr bemüht, aber sie hatte mich knallhart abblitzen lassen. Sie meinte, sie wolle keine Affäre. Sie hatte deshalb jedoch nicht auch unsere Freundschaft aufgegeben, und das bedeutete mir viel. Wenn sie ihre Meinung ändern und auf ein- oder zweimal Lust hätte, würde ich nicht Nein sagen, aber ich würde mich nicht noch einmal darum bemühen. Unsere jetzige Beziehung gefiel mir, wie sie war, auch ohne Sex.

Als Jenny bereits auf dem Weg zur Theke war, rief ich: »Ich nehme auch noch einen Burger! Mit Speck!« Sie hob den Daumen und gab mir so zu verstehen, dass sie mich gehört hatte.

Als ich den Blick von Jennys Hinterteil abwandte, stieß Evan mir in die Rippen. »Hey, Kell«, fragte er, »was hältst du von Brooke? Ich wollte sie vielleicht fragen, ob sie mal mit mir ausgeht. Mann, ich weiß nicht, aber ich glaube, sie könnte die Richtige für mich sein. Hast du ihre Grübchen gesehen?«

Evan grinste, und ich musste unwillkürlich lächeln. »Ja, ich finde sie toll. Nichts wie ran.« Irgendwie fand Evan alle zwei Monate eine neue »Richtige«. Warum sollte er es da nicht auch mit Brooke versuchen? Es könnten die besten eineinhalb Monate seines Lebens werden. Nachdem ich meine Meinung beigesteuert hatte, legte ich die Füße zurück auf den Tisch und wartete auf mein Essen, mein Bier und den Rest meiner Bandkollegen.

»O mein Gott. Du bist Kellan Kyle …«

Als ich meinen Namen hörte, drehte ich mich um. Aufgrund meines Jobs wurde ich hin und wieder erkannt, vor allem hier in der Bar. Vom Tisch schräg gegenüber sah eine zierliche junge Frau mit weißblonden Haaren zu mir herüber. Ihre von schwarzer Wimperntusche umsäumten Augen waren türkisfarben wie das Meer in den Tropen. Sie war süß, das war nicht zu leugnen, und sie wusste ganz offensichtlich, wer ich war. Also schenkte ich ihr ein warmes Lächeln, das aufrichtig gemeint war, und erwiderte: »Zu Euren Diensten«, wobei ich mir an einen imaginären Hut tippte. Sie kicherte, und dafür, dass sie mich so unverhohlen anstarrte, klang es seltsam unschuldig. Das Mädchen war kein Engel, so viel war klar. Genauso wenig wie ich. Offenbar passten wir ganz gut zusammen.

Sie fragte, ob sie sich an meinen Tisch setzen durfte. Ich zuckte mit den Schultern. Warum nicht. Nachdem sie sich einen Stuhl herangezogen hatte, schwärmte sie: »Ich habe euch vor ein paar Wochen im Pioneer Square spielen sehen.« Sie hob die Hand, berührte mit den Fingern meine Brust und ließ sie zu meinem Bauch hinuntergleiten. »Ihr … wart unglaublich.«

Mit leicht geöffneten Lippen musterte ich sie von Kopf bis Fuß, und sie folgte meinem Blick. Die kurze Berührung hatte etwas in mir entfacht – Lust und Verlangen. Ich wusste nicht genau, warum, aber wenn mich jemand berührte, drang er direkt zu meiner Seele vor. Ein freundschaftlicher Schlag auf den Rücken heiterte mich auf, während mich ein Mädchen, das mit seiner Hand über meinen Schenkel strich, augenblicklich anturnen konnte. Diese starke unerklärliche Bindung entstand unabhängig davon, ob dem anderen die Bedeutung der Berührung bewusst war oder nicht. Und im Moment machte mich die Berührung dieser fremden Frau total geil.

Ich war Wachs in ihren Händen. Ich würde alles tun, sie musste mich nur fragen. Los, frag mich, Miss Ozeanauge, und ich tue alles für dich.

Schließlich fragte sie mich am Ende des Abends auf eine etwas umständliche Art. »Wie wäre es, wenn wir bei dir noch was trinken? Wo wohnst du?«

Zu wissen, wie es weitergehen würde, trieb Verlangen durch meinen Körper, doch ich sah sie gelassen an. »Nicht weit von hier.«

Mein Haus lag keine Viertelstunde entfernt; mein »Date« nahm ihren eigenen Wagen. Wir stiegen gleichzeitig aus, und dicht gefolgt von ihr ging ich zur Haustür und öffnete sie. Als ich in den Flur trat, warf ich die Schlüssel auf den halbrunden Tisch, der unter einer Reihe Garderobenhaken stand. Über meine Schulter fragte ich sie: »Was möchtest du trinken?«

Doch sobald die Haustür ins Schloss gefallen war, griffen gierige Finger nach meinem Arm und wirbelten mich zu ihr herum. Sie zog mich zu sich nach unten, und bevor ich es mir versah, presste sie mir ihre Lippen auf den Mund. Offenbar hatte sie ihre Meinung bezüglich des Drinks geändert. Ich umfasste ihren Hintern und hob sie hoch. Wie eine Python schlang sie die Beine fest um meine Taille. Meine Bewegungsfreiheit war dadurch etwas eingeschränkt, aber ich schaffte es, die Treppe hinaufzukommen.

Kaum hatte ich sie in meinem Schlafzimmer abgesetzt, riss die Blondine mir Jacke und Shirt vom Leib, und als die Kleider auf dem Boden gelandet waren, strich sie mit ihren Fingernägeln über meinen Bauch. Meine Muskeln zuckten, und sie stöhnte. »Wow, du hast ja scharfe Bauchmuskeln. Ich will sie lecken.«

Sie stieß mich aufs Bett und fing sofort damit an. Als die leichten Berührungen ihrer Zunge lustvolle Schockwellen in meine Lenden trieben, schloss ich die Augen. Sport war eine andere Möglichkeit, einen klaren Kopf zu bekommen und mich von den Spinnweben zu befreien, in denen schlechte Erinnerungen hingen. Deshalb trainierte ich häufig, und mein Körper war schlank und muskulös. Die Frauen liebten das. Ein netter Nebeneffekt.

Als die Blondine zu meiner Hose kam, zögerte sie keinen Augenblick. Sie öffnete den Reißverschluss, zog sie herunter und machte sofort mit dem Mund weiter. Als sie den süßen Punkt erreichte, packte ich ihre Haare. Manche Mädchen mochten es nicht, wenn ich sie festhielt. Andere machte es verrückt. Die Blondine stöhnte und trieb erregende Vibrationen durch meinen Schwanz.

Als sie genug hatte, wich sie zurück. Ich öffnete die Augen und sah, dass in ihrem Blick sinnliche Begierde lag. Ganz kurz fragte ich mich, was sie wirklich von mir dachte. Was wusste sie von mir, abgesehen von meinem Namen und dass ich in einer Band spielte? Hatte sie bemerkt, dass ich mir mit meinen Texten die Seele aus dem Leib schrie? Verstand sie, dass ich mich innerlich leer fühlte? Dass ich so verdammt einsam war, dass ich mich selbst kaum ertragen konnte? Würde sie irgendetwas davon wissen wollen? Oder genügte ihr die Tatsache, dass ich ein »Rockstar« war? Wie all den anderen Mädchen, mit denen ich geschlafen hatte.

Gefühlte fünf Sekunden später waren wir beide nackt, und ich erforschte ihren Körper mit der Zunge. Energisch rollte mich meine Sexpartnerin auf den Rücken und lag oben. Das war gut; ihre Hände auf meinem Körper fühlten sich wundervoll an. Entspannend. Langsam gab ich mich dem Gefühl hin, körperlich mit jemandem verbunden zu sein. Dieser Teil gefiel mir. Das Mädchen strich mit den Lippen meinen Körper hinunter und kitzelte mit ihren weißblonden Haaren meine Haut. Auch das gefiel mir. Nachdem sie eben noch mit ihrer Zunge meinen Bauchnabel erkundet hatte, nahm sie ohne Vorwarnung erneut meinen Schwanz in den Mund. Stöhnend krallte ich die Hände in das Laken, pure Lust durchströmte mich. Ich schaltete den Verstand aus und gab mich vollkommen hin. Als die Erregung einen fast schmerzhaften Punkt erreichte, hörte das Mädchen auf. Ich hob den Kopf und starrte sie an. Gott, will sie mich jetzt hängenlassen?

Mit halbgeschlossenen Lidern befeuchtete sie ihre Lippen. »Du bist so verdammt scharf. Ich will dich in mir fühlen. Nimm mich. Hart und schnell.«

Klare Worte. Okay. Ich war dermaßen erregt, dass ich ihr beides problemlos bieten konnte. Ich warf sie auf den Rücken und legte mich auf sie. Als ich jedoch versuchte, mich von ihr zu lösen, um ein Kondom zu nehmen, schlang sie die Beine um meine Hüften. Halt, Moment. Ich löste ihre Beine, woraufhin sie die Brauen zusammenkniff und fast ein bisschen genervt aussah.

Während sie sich wand und mich anflehte, mich zu beeilen, öffnete ich die Nachttischschublade. Ich war ein Verfechter von Kondomen. Erstens wollte ich mir nichts einfangen, und zweitens wollte ich nicht, dass eine Frau von mir schwanger wurde. Meine eigene Existenz war die Folge eines Seitensprungs meiner Mutter, einer der vielen Gründe, weshalb mein Vater mich verabscheut hatte. Weshalb mich auch meine Mutter gehasst hatte. Ein Bastard in der Familie genügte, deshalb machte ich es nie ohne.

Ich nahm eines der quadratischen Päckchen, öffnete es und streifte das Kondom über, bevor die Blondine sich noch weiter über meine Abwesenheit beschweren konnte. Als ich in sie eindrang, war sie nicht so eng, wie ich es gern hatte, aber sie fühlte sich gut an … richtig gut. Als ich zustieß, schrie sie meinen Namen. Meine Ohren klingelten. Ich stieß so tief zu, wie ich konnte, und zuckte zusammen, als sie erneut schrie. Befriedigte ich sie tatsächlich so gut, dass sie ihre Schreie nicht beherrschen konnte?

»Ja, Kellan! Härter! Fester!«

Sie schrie so laut, dass sie mit Sicherheit die ganze Nachbarschaft hörte. Vielleicht war das der Punkt. Als ich immer wieder in sie hineinstieß, schlang sie Arme und Beine um mich. Ich spürte etwas, das noch schöner war als mein bevorstehender Höhepunkt und grub meinen Kopf in ihre Halsbeuge. Sie strich sanft durch meine Haare, und schließlich fühlte ich sie. Diese innige Verbindung. Danach sehnte ich mich, und so versuchte ich verzweifelt, sie noch etwas zu halten. Nur noch eine Minute.

»Härter, Kellan! O Gott, du bist unglaublich! Nimm mich! Ja, nimm mich!«

Als sich ihre Schreie verstärkten, löste sich die Verbindung in nichts auf. Ich versuchte, mir das innige Gefühl zu bewahren, doch es ging nicht. Der Moment war vorüber. Stöhnend stieß ich tiefer und fester zu. Dann konnten wir es auch hinter uns bringen. Ihre Schreie und ihr Stöhnen wirkten beinahe theatralisch, doch ich spürte, wie sich ihre Muskeln um mich zusammenzogen, sie machte mir nichts vor. Die Enge trieb auch mich zum Höhepunkt.

»Gott, ja«, murmelte ich, als ich kam. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte ich mich großartig. Mein Leben war perfekt, die Welt war in Ordnung. Dann endete mein Orgasmus, und das Hochgefühl wich einer dunklen Leere.

Ich zog mich aus ihr zurück und rollte mich auf den Rücken. Sie keuchte neben mir und sah zufrieden aus. »Gott, du bist genauso unglaublich, wie sie gesagt haben.«

Ich blickte zu ihr hinüber. Wer sagt das? »Bin gleich zurück.«

Ich stand auf, verließ das Zimmer, ging ins Bad und zog das Kondom ab. Eigentlich müsste ich mich jetzt fantastisch fühlen, doch ich fühlte mich seltsam. Irgendwie unvollständig. Allmählich wurde das nach dem Sex zu einem vertrauten Gefühl. Als würde ich mit einem Kater aufwachen, ich fühlte mich jedes Mal ein bisschen beschissener als vorher.

Während ich mich im Spiegel betrachtete und über meine wirren Gefühle nachdachte, hörte ich, dass das Mädchen in meinem Zimmer zugange war. Eine Sekunde später schlüpfte sie komplett angezogen in den Flur. Mit einem wehmütigen Seufzer blickte sie auf meinen schlanken nackten Körper. »Gott, wenn ich Zeit hätte, würde ich bleiben und es noch einmal mit dir machen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber ich muss leider los.« Sie trat ins Bad und umarmte mich. »Es war klasse. Danke!« Sie küsste mich auf die Schulter, dann gab sie mir einen Klaps auf den nackten Hintern. »Bis dann, Kellan.« Kichernd fügte sie hinzu: »Ich kann nicht glauben, dass ich gerade Sex mit Kellan Kyle hatte.«

Sie wandte sich ab und hüpfte fast den Flur hinunter zur Treppe. Ich hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und kurz darauf ins Schloss fiel, dann startete sie den Wagen und fuhr davon. Noch immer auf die Badezimmertür starrend flüsterte ich »Bis dann« in den leeren Flur.

Als ich meinen Blick wieder dem Spiegel zuwandte, holte ich tief Luft. Enttäuschung überkam mich. Ich müsste mich besser fühlen. Als ich jünger war, hatte sich die Euphorie nach dem Sex noch lange gehalten. Manchmal tagelang. Jetzt verging sie sofort wieder. Ich fühlte mich leer und einsamer als vor dem Sex, und ich hatte keine Ahnung, wie ich das ändern konnte.

2. Kapitel

Eine unerwartete Anfrage

Der kräftige Klang unserer verstärkten Instrumente hallte von den Wänden in Evans Loft wider. Die Becken schlugen aufeinander, während die Snare Drum einen gleichmäßigen Rhythmus vorgab. Matts Gitarre kreischte eine knifflige Tonfolge, während Griffins Bass den gleichmäßigen Hintergrund bot, vor dem wir unser musikalisches Meisterwerk entwickelten.

Ich gab alles und sang den Refrain in einer Tonlage, die meine Stimme an ihre Grenze trieb. Doch es gelang mir. Meine Stimme harmonierte so perfekt mit den diversen Klängen auf unserer kleinen Bühne, dass mich eine Gänsehaut überlief. Gegen Ende erreichte der Song seinen Höhepunkt. Erst spielten alle Instrumente noch einmal mit voller Lautstärke, dann folgte plötzlich vollkommene Stille. Das war die schwierigste Stelle des Stücks. Zumindest für mich. In die absolute Stille hinein musste ich zwei Zeilen singen. Kein Instrument kaschierte möglicherweise nicht ganz saubere Stellen. Wenn wir live spielten, konnte ich die Stelle nicht noch einmal wiederholen, sie musste auf Anhieb sitzen. Dann gab es nur mich, meine Stimme und Hunderte von Ohren, die meinem Gesang lauschten. Doch das sorgte mich nicht im Geringsten. Es gab wenig in meinem Leben, dessen ich mir sicher war, das hier gehörte dazu. Meine Stimme ließ mich nie im Stich.

In der Stille von Evans Loft sang ich mir die Seele aus dem Leib. Nach der zweiten Textzeile kam zunächst Evan mit den Drums wieder dazu. Erst waren sie kaum zu hören, dann wuchsen sie zu einem Crescendo an, das meinen leidenschaftlichen Gesang ergänzte. Bei den letzten vier Zeilen fielen die Jungs in meinen Gesang mit ein. Dann setzten noch einmal alle Instrumente ein, auch meine Akustikgitarre. Als wir den kraftvollen Song beendeten und der letzte Ton verhallte, standen die Haare auf meinen Armen senkrecht nach oben, und ich grinste von einem Ohr zum anderen. Bei dem Stück würden die Fans ausrasten. Das würde für lange Zeit auf unserer Setliste stehen.

Ob die Jungs das auch so sahen? Ich drehte mich zu Matt und Evan um. Matt grinste genauso breit wie ich. Evan stieß einen Pfiff aus. »Hey, Mann. Das war unglaublich. Ich glaube, es ist so weit. Das sollten wir am Freitag spielen.«

Ich nickte. Genau das hatte ich auch gerade gedacht. Matt nahm seine Gitarre ab, stellte sie in den Ständer und trat zu mir. Er musterte mich wie ein Arzt seinen Patienten und fragte: »Wie geht’s deinem Hals? War das eine zu hoch für dich? Wir könnten es eine tiefer spielen. Ich glaube, es würde trotzdem funktionieren.«

Ich massierte testweise meinen Hals und schluckte ein paarmal. »Nein, fühlt sich gut an.«

Matt blickte mich skeptisch an, als würde er mir nicht glauben. »Wir werden diesen Song hundertmal singen. Wenn du das nicht jedes Mal absolut perfekt hinbekommst, sollten wir es ändern. Die Stelle muss sich immer genau gleich anhören. Das ist wichtig. Wenn du davon heiser wirst, bringt uns das nichts.«

Ich musste lächeln, dass Matt sich so um mein Wohlergehen und um den Sound der Band sorgte. Ohne seine Hartnäckigkeit wären wir zweifellos nicht halb so gut wie wir waren. »Das weiß ich, Matt. Glaub mir, wenn ich es nicht könnte, würde ich es dir sagen. Ich kenne meine Stimme; der Song ist kein Problem für mich.«

Offenbar zufrieden mit meiner Antwort lächelte Matt nun ebenfalls. »Gut. Denn das war echt krass geil.« Er lachte, und ich lachte unwillkürlich mit ihm.

Ich nahm meine Gitarre und ging mit ihr zu meinem Koffer, der auf Evans Sofa lag. Da ich an meine melancholische Stimmung von gestern Abend denken musste, sagte ich über meine Schulter zu ihnen: »Oh, hey, Joey ist ausgezogen. Wenn ihr also jemanden kennt, der ein Zimmer sucht, bei mir ist wieder eins frei.« Meine leidenschaftliche Exmitbewohnerin war vor ein paar Nächten ausgezogen, und seither war es ziemlich ruhig im Haus. Die Stille deprimierte mich.

Wie immer nach der Probe war Griffin vollauf damit beschäftigt gewesen, so zu tun, als würde er vor einer Horde bewundernder Fans spielen. Neben Headbanging und Rockerzeichen streckte er die Zunge heraus und schob obszön das Becken nach vorn. Wie üblich ignorierten wir sein übertriebenes Rockstar-Gehabe und ließen ihn seine Fantasien in Ruhe ausleben. Normalerweise ignorierte er unsere Gespräche ebenso, die sich meist um Musik drehten. Meine letzte Bemerkung hatte allerdings seine Aufmerksamkeit erregt.

Er machte ein langes Gesicht und setzte sich. »Joey ist weg? Mist. Echt? Was ist passiert?«

Ich hatte keine Lust, Details zu berichten, deshalb antwortete ich so vage wie möglich. »Sie ist durchgedreht und ausgezogen.« In Wahrheit war sie ausgerastet, weil sie mich mit einer anderen Frau im Bett erwischt hatte. Joey und ich hatten gelegentlich rumgemacht. Irgendwie war mir entgangen, wie besitzergreifend sie war. Bis sie mir vor ein paar Nächten quasi die Eier abgerissen und meine Sexpartnerin auf die Straße gejagt hatte. Sie hatte mir so einiges an den Kopf geworfen, doch der Satz »Du wirst für den Rest deines Lebens allein sein, weil du ein wertloses Stück Scheiße bist« ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Griffin durchschaute meine vage Antwort. Gereizt schürzte er die schmalen Lippen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du hast sie gevögelt, stimmt’s?« Darauf gab ich keine Antwort. Ich blinzelte noch nicht einmal. Griffin schnaubte wütend. »Herrgott, Kellan. Ich wollte sie zuerst nehmen.«

Obwohl das Argument idiotisch war, musste ich schmunzeln. Mir war nicht klar gewesen, dass es eine Warteliste für meine ehemalige Mitbewohnerin gab. Matt machte sich über seinen Cousin lustig. »Du wolltest, dass er sechzig Jahre wartet, bis Joey sich so langweilt, dass du endlich zum Zuge kommst? So viel Geduld hat keiner, Mann.«

Während Griffin Matt mit Blicken erdolchte, musste Evan über die Bemerkung lachen. »Mit dir habe ich nicht geredet, Schwachkopf.«

Matt ließ sich von Griffins gereizter Antwort nicht irritieren. Anstatt sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, entgegnete er: »Und warum sollte Kellan sie nach dir nehmen wollen? Er könnte sich etwas einfangen. In der Schule machen sie wegen solchem Mist extra Info-Veranstaltungen, weißt du?«

Griffins helle Augen funkelten wütend. »Immer komme ich nach ihm. Warum kann er mich nicht ab und an mal vorlassen? Das wäre nur gerecht.«

Evan wischte sich vor Lachen die Augen. Als ich sah, dass er sich nicht mehr beherrschen konnte, musste ich ebenfalls lachen. Matt versuchte als Letzter, ernst zu bleiben, während er auf Griffins alberne Frage antwortete, scheiterte jedoch. Von Kieksern unterbrochen sagte er: »Kell hat Chancen, du nicht, Cousin. Du musst nehmen, was du kriegen kannst.«

Mit düsterer Miene sah Griffin vom einen zum anderen. »Du kannst mich mal. Du auch. Und du auch.« Dann stürmte er nach draußen und schlug die Tür hinter sich zu.

Nachdem sein Lachen verebbt war, seufzte Matt. »Ich sollte wohl hinterhergehen und ihn beschwichtigen. Für den Auftritt heute Abend brauchen wir seinen Van.« Als er ging, klopfte ich ihm aufmunternd auf die Schulter. Viel Glück.

Zwei Wochen später wohnte ich noch immer allein im leeren Haus meiner Eltern, als in der Küche das Telefon klingelte.

»Hallo?«, meldete ich mich. Während ich auf eine Antwort wartete, lehnte ich mich gegen die Arbeitsplatte und spielte mit der Telefonschnur.

»Hallo, Kellan?«

Sofort erkannte ich den Akzent am anderen Ende der Leitung, und meine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Diesen Akzent würde ich immer wiedererkennen. »Denny?«

Als ich seine Stimme hörte, bekam ich sofort bessere Laune, als würden sich all meine Sorgen auflösen. Denny Harris hatte zu den Lichtblicken meiner Kindheit gehört, vielleicht war er auch der einzige gewesen. Um vor ihren Freunden wie Heilige dazustehen, hatten meine Eltern beschlossen, einen sechzehnjährigen Austauschstudenten bei uns aufzunehmen, als ich vierzehn war. Natürlich hatten sie mich nicht nach meiner Meinung gefragt, doch ich war damit sehr einverstanden gewesen. Ich hatte mir stets einen Bruder gewünscht, und die Vorstellung, ein ganzes Jahr lang einen Freund im Haus zu haben, klang fantastisch.

Ich hatte die Tage bis zu seiner Ankunft gezählt, und als er endlich kam, sprang ich die Stufen hinunter, um ihn kennenzulernen.

Als ich in den Flur stürmte, stand ein braungebrannter, dunkelhaariger Teenie zwischen meinen Eltern und sah sich interessiert in unserem Haus um. Er lächelte höflich und hob die Hand zum Gruß; seine Augen waren ebenso dunkel wie seine kurz geschnittenen Haare. Mit schiefem Grinsen erwiderte ich seine Geste. Außer mir hatte keiner aus unserer Familie gelächelt.

Mom hatte missbilligend die Lippen geschürzt. Dad hatte mich düster angeblickt, doch das war nichts Neues. Das tat er immer.

Steif sagte meine Mutter: »Es ist unhöflich, deine Gäste warten zu lassen, Kellan. Du hättest an der Tür stehen oder uns am Wagen erwarten sollen und uns beim Taschenausladen helfen.«

Dad bellte: »Warum zum Teufel hast du so lange gebraucht?«

Ich hätte gern erwidert, dass ich mit ihnen zusammen am Flughafen auf ihn hätte warten sollen, aber mit diesem Argument konnte ich nicht punkten. Also behielt ich es für mich. Ich hatte sie gefragt, ob ich mitkommen könnte, aber sie hatten mich lieber zu Hause gelassen. Mom hatte gemeint, ich würde nur »im Weg stehen«, als wäre ich ein Kleinkind, auf das man aufpassen musste. Und Dad hatte knapp erklärt: »Nein. Du bleibst hier.«

Ich hatte oben Gitarre gespielt, als ich hörte, wie die Haustür aufging. Gerade einmal dreißig Sekunden hatte ich gebraucht, um die Gitarre abzustellen und nach unten zu springen. Da ich jedoch nichts sagen konnte, was sie überzeugt hätte, lächelte ich einfach noch breiter und gab ihnen eine Antwort, von der ich zumindest sicher sein konnte, dass sie ihr zustimmen würden. »Ich bin wohl einfach langsam.«

Dad wirkte ungeduldig und gereizt, was auch nichts Neues war. »Was du nicht sagst«, murmelte er. Er musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. Er hatte gesagt, dass ich mir für unseren Gast etwas Anständiges anziehen sollte, vermutlich hatte er einen Anzug mit Krawatte erwartet. Na toll. Ich trug zerrissene Jeans, Sneaker und ein T-Shirt mit dem Aufdruck von irgendeiner Bar.

Plötzlich packte mich Dad so fest an den Haaren, dass es wie Nadelstiche auf meiner Kopfhaut brannte. Da jede Bewegung den Schmerz verstärkt hätte, hielt ich ganz still. Mein Vater riss meinen Kopf an den Haaren zurück und zischte: »Ich habe gesagt, du sollst dir diese Zotteln abschneiden. Du siehst aus wie ein Penner. Irgendwann rasiere ich sie dir noch mal im Schlaf ab.« Mom und Dad verabscheuten meine struppigen Haare. Vielleicht trug ich sie deshalb so lang.

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie der dunkelhaarige Fremde das Geschehen mit weit aufgerissenen Augen verfolgte. Unauffällig glitt sein Blick zwischen meinem Vater und mir hin und her, während er von einem Fuß auf den anderen trat. Ganz offensichtlich war es ihm unangenehm, die Auseinandersetzung mitzuerleben, was ich ihm nicht verübeln konnte. Das war nicht gerade ein vielversprechender Empfang.

Mit zusammengebissenen Zähnen fragte ich meinen Vater: »Stellst du mich unserem Gast vor, oder willst du mich mit bloßen Händen skalpieren?«

Dads Blick zuckte zu dem Fremden, und er ließ mich sofort los. Mom stieß einen tiefen Seufzer aus. »Sei nicht so dramatisch, Kellan. Er tut dir doch nicht weh, wenn er deine Haare berührt.« Bei ihr klang es, als hätte mir mein Vater liebevoll durch die Haare gewuselt. Seltsamerweise gaben mir ihre Worte tatsächlich das Gefühl, dass ich überreagierte.

Dad streckte die Brust raus und stellte uns schließlich vor. »Kellan, das ist Denny Harris. Er kommt aus Australien. Denny, das ist Kellan … mein Sohn.« Den letzten Teil fügte er mit deutlichem Widerwillen hinzu.

Freundlich lächelnd reichte Denny mir die Hand. »Freut mich, dich kennenzulernen.«

Seine Aufrichtigkeit rührte mich. Ich fasste nach seiner Hand und sagte: »Mich auch.«

Anschließend hatte man mir Dennys Taschen in die Hand gedrückt und aufgetragen, den Butler zu spielen, während meine Eltern ihm das Haus zeigten. Meine Eltern erwarteten selbstverständlich meinen Gehorsam und hatten kein freundliches Wort für mich übrig. Denny bedankte sich jedoch bei mir, dass ich sein Zeug nahm. Da hatte ich ihn sofort gemocht. Sein simples Dankeschön war herzerwärmender als alles, was meine Eltern je zu mir gesagt hatten.

Dieses warme Gefühl hielt sich jedoch nicht lange. Denn kaum war Denny mit Mom verschwunden, packte Dad meinen Arm und höhnte: »Pass bloß auf, Kellan. Ich erwarte, dass du dich von deiner besten Seite zeigst, solange Denny hier ist. Ich dulde keinen Unsinn. Wenn du dich danebenbenimmst, verprügele ich dich, dass dir hören und sehen vergeht und du eine Woche nicht richtig stehen kannst. Und zwei nicht richtig sitzen. Hast du mich verstanden?«

Zur Unterstreichung bohrte Dad mir den Finger in die Brust. Ich hatte ihn auch so verstanden. Voll und ganz. Anders als andere Eltern stieß Dad keine leeren Drohungen aus. Nein, jedes Wort war genauso gemeint, wie er es gesagt hatte. Wenn ich schrie und ihn anflehte aufzuhören, ignorierte er es. Er schlug mich blutig. Weil er das Sagen hatte und wollte, dass ich das kapierte. Ich bedeutete ihm nichts. Absolut nichts.

Inzwischen spielten die Drohungen meines Vaters längst keine Rolle mehr, und so schob ich sie in meinem Kopf so weit wie möglich nach hinten und konzentrierte mich auf Denny. Ich freute mich, von meinem alten Freund zu hören. Wir hatten uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesprochen. Das war schade, denn er wohnte wieder in den Staaten, sodass es theoretisch leichter sein sollte, den Kontakt zu halten. Doch ich dachte oft an Denny und fragte mich, wie es ihm auf dem College erging.

Denny lachte. »Ja, ich bin’s. Lange nichts gehört, was, Alter?«

Mein Lächeln wuchs. »Ja, viel zu lang. Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen.«

»Tja, deshalb rufe ich an. In ein paar Wochen habe ich meinen Abschluss in der Tasche, dann ziehe ich nach Seattle. Ich dachte, vielleicht hast du einen Tipp, wo ich wohnen kann. Na ja, etwas, wo meine Freundin und ich wohnen können. Am liebsten nicht so teuer. Wir sind momentan etwas knapp bei Kasse.«

Ich blinzelte ungläubig. Er zog hierher zurück? Endgültig? Ein freudiges Kribbeln kroch mein Rückgrat hinauf. Ich konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen. »Du ziehst hierher? Echt? Das ist ja super, Mann. Und dein Timing ist perfekt! Bei mir ist ein Zimmer frei. Es ist sogar komplett eingerichtet, weil meine letzte Mitbewohnerin ziemlich viele Sachen hiergelassen hat. Zahl mir einfach so viel, wie du dir leisten kannst.« Ich hätte ihm auch angeboten, umsonst bei mir zu wohnen, aber Denny mochte keine Almosen und hätte das niemals angenommen. Dieses Angebot konnte er jedoch auf keinen Fall ablehnen.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille, was mich etwas irritierte. Waren das nicht tolle Neuigkeiten? Müsste er nicht außer sich vor Freude sein? »Denny, hast du gehört, was ich gesagt habe?«

»Äh, ja, damit hatte ich nur nicht gerechnet. Bist du dir sicher, dass es okay ist, wenn wir bei dir wohnen?« Sein Akzent verstärkte sich, er klang irgendwie besorgt. Machte er sich Sorgen um mich? Hatte er das Gefühl, sich aufzudrängen? Nichts lag weiter von der Wahrheit entfernt.

Ich versuchte, ihn durch meinen Ton und meine Wortwahl zu beruhigen. »Na klar, Mann, warum denn nicht? Ich bin begeistert, du etwa nicht?«

Es folgte eine weitere seltsame Pause, dann ein schwerer Seufzer. »Doch, doch, bin ich. Das wird toll. Und Kiera und ich machen dir bestimmt keine Probleme. Versprochen.«

Ich musste lachen. Denny machte mir nie Probleme. Er war der unkomplizierteste Mensch der Welt. Man konnte gar nicht nicht mit ihm auskommen. Ich kannte niemanden, der ihn nicht mochte. »Mach dir keine Sorgen. Mein Zuhause ist dein Zuhause.« Nach einer Pause frotzelte ich: »Und du hast dich also endlich auf ein Mädchen eingelassen, ja?«

Auf der Highschool hatte Denny aber auch jedes Mädchen abblitzen lassen. Er wollte sich nicht auf jemanden einlassen, weil er wusste, dass er nicht lange bleiben würde. Seine ständige Weigerung, sich mit einem Mädchen zu treffen, war eine Art Running Gag zwischen uns gewesen. Aber ich fand es toll, dass Denny endlich ein Mädchen hatte. Die Chancen standen gut, dass er nicht mehr Jungfrau war, so wie auf der Highschool. Gut gemacht, Kumpel.

»Kiera heißt sie?«, fragte ich. »Wie ist sie?«

Ich schwöre, sein Lachen klang irgendwie angespannt, als wäre er plötzlich nervös. »Sie … sie ist toll. Die Liebe meines Lebens. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde.«

Er betonte die Worte, als wollte er mich vor etwas warnen. Irritiert kniff ich die Brauen zusammen. Ich schüttelte den Kopf und entschied, dass ich mich täuschen musste. Schließlich hatten wir uns lange nicht gehört. Es war ganz normal, dass wir etwas brauchten, bis wir wieder richtig miteinander warm wurden. »Na, freut mich zu hören. Du verdienst es, glücklich zu sein.«

Nach einer weiteren Pause erwiderte Denny leise: »Du auch, Kellan.« Seine Worte machten mir die Stille um mich herum bewusst, und ein unangenehmes Gefühl beschlich mich. So etwas Ähnliches hatte er gesagt, als er damals zurück nach Hause gefahren war.

»Äh, danke«, flüsterte ich. Zu mehr war ich nicht in der Lage.

Denny räusperte sich, als wollte er die Vergangenheit fortwischen. »Keine Ursache. Ich melde mich noch einmal kurz vor unserem Umzug. Und … danke, Kellan. Das bedeutet mir viel.«

»Gern.« Mir bedeutet es auch viel.

Als ich den Hörer zurück auf die Gabel legte, hatte ich ein gutes Gefühl. Denny kehrte zurück. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Obwohl Denny und ich nur ein Jahr zusammengewohnt hatten, war er für mich so etwas wie Familie. Ein Bruder.

Er hatte mich in jenem Sommer gerettet, als ich meinen Vater versehentlich zu stark verärgert hatte. Wann immer Denny in der Nähe war, zügelte Dad sein Temperament, aber er hatte seine Wut noch nie besonders gut im Griff gehabt.

»Kellan, beweg deinen Hintern hierher!«

Ich hatte damals überlegt, womit ich meinen Vater so aufgebracht hatte, schluckte, holte tief Luft und zögerte. Ich wollte nicht zu ihm in die Küche gehen. Am liebsten wäre ich davongerannt. Doch Denny hatte mir beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: »Ich komm mit, Kumpel.« Daraufhin hatte ich mich entspannt. Wenn Denny bei mir war, würde Dad mich wahrscheinlich nur anschreien, und damit konnte ich umgehen.

Auch wenn sich innerlich mein Magen zusammenzog, setzte ich eine unerschrockene Miene auf und trat in die Küche, gefolgt von Denny. Entweder hatte Dad ihn nicht gesehen, oder er war so aufgebracht, dass es ihm egal war. Jedenfalls packte er mich an den Schultern, riss mich zunächst an sich heran, schleuderte mich dann herum und donnerte mich gegen die Wand. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen, ich schlug mit dem Kopf gegen den Putz.

Ein heftiger Schmerz schoss durch meinen Schädel, und mein Blick verschwamm. Für den Fall, dass er noch nicht fertig war, hob ich instinktiv die Hände. Doch er schrie nur. »Du solltest doch dafür sorgen, dass die Deckel fest auf den Mülltonnen sitzen! Du hast geschlampt, und jetzt liegt überall Müll im Garten! Bring das in Ordnung. Aber dalli!«

Ich war wütend, dass er deshalb so durchdrehte. Wegen dem blöden Müll? Es brachte mich heute noch auf.

Dann hatte sich Denny neben mich gestellt und gesagt: »Wir machen das zusammen weg, Mr Kyle.«

Um ihn zum Schweigen zu bringen, hatte ich Denny eine Hand auf die Schulter gelegt. Ich war mir nicht sicher, wie aufgewühlt mein Vater war, und Denny verdiente seinen Zorn nicht. Da ich ihn nicht in unseren Streit hineinziehen wollte, hatte ich den Kopf geschüttelt und gesagt: »Nein, geh du ruhig nach oben. Ich mach das schon.«

Ungeduldig hatte mein Vater mir einen Stoß gegen die Schulter gegeben. Ich verlor das Gleichgewicht, taumelte und landete auf dem Hintern. Bei dem Sturz knickte ich mir das Handgelenk um und keuchte vor Schmerzen. Dad scherte das nicht. Wütend starrte er zu mir herunter und zischte: »Verplempere keine Zeit und räum endlich diesen Mist weg, bevor die Nachbarn sehen, was du für einen Saustall angerichtet hast.«

Wütend und verletzt stieß ich etwas hervor, was ich nie hätte tun dürfen. »Wenn du mich in Ruhe lassen würdest, könnte ich deinen beschissenen Garten in Ordnung bringen. Verdammt!«

Als ich begriff, was ich da gesagt hatte, wich mir augenblicklich das Blut aus dem Gesicht. Ich hatte Widerworte gegeben, und ich hatte geflucht. Ich sah, dass mein Vater die Beherrschung verlor und wusste, dass es keine Rolle mehr spielte, ob Denny als Zeuge dabei war oder nicht. Ich war zu frech geworden, und Dad würde das Schlimmste tun.

Während ich mich aufrappelte, ballte er bereits die Hände zu Fäusten. Ich schloss die Augen, denn ich wusste, was folgte. Na los, Dad. Ich bin bereit, hallte die Erinnerung durch meinen Kopf. Überraschenderweise hatte Dennys Stimme die unheilvolle Stille durchbrochen. »Nein, Halt …«

Es folgte das Geräusch eines heftigen Schlags, dann prallte Denny gegen mich. Ich fand rechtzeitig mein Gleichgewicht wieder, um ihn aufzufangen, und als er mich ansah, sickerte Blut aus seiner aufgesprungenen Lippe. Er hatte an meiner Stelle den Schlag eingesteckt und meinen Schmerz auf sich genommen. Verwirrt half ich Denny, sich auf den Boden zu setzen, und kauerte mich neben ihn.

Dad stand da und starrte zu uns herunter, als wären wir spontan in Flammen aufgegangen. Dann hatte er den Blick auf seine Hände gerichtet und »Gott« gemurmelt. Ohne ein weiteres Wort war er aus der Küche gestürzt, als würde er von einem Tatort fliehen.

Ich weiß noch, dass ich zitternd neben Denny kauerte. Ich war mir ganz sicher, dass mein Vater auf mich losgehen und mich dafür bestrafen würde, dass ich unabsichtlich für einen Riss in der Fassade gesorgt hatte. Ich war davon überzeugt, dass er zurückkäme, sobald ich allein war. Da legte Denny seine Hand auf mein Knie und sagte: »Ist schon okay. Mir geht’s gut.«

Als ich mich zu ihm wandte, war seine Lippe blutig und geschwollen, doch er wirkte nicht im Geringsten ängstlich. Er sah mir in die Augen, schüttelte den Kopf und redete beruhigend auf mich ein: »Es ist okay.«

Vor lauter Angst hatte ich den Kopf geschüttelt, als hätte ich einen nervösen Tick. Mein ganzer Körper hatte gebebt, als litte ich an Unterkühlung. Ich konnte mich nicht beruhigen. Ich war mir sicher, dass mein Vater es nie auf sich beruhen lassen würde. Er würde mir eine Lektion erteilen. Dafür würde er mich büßen lassen.

Denny hatte sich etwas aufgerichtet, tröstend eine Hand auf meine Schulter gelegt und mir Dinge gesagt, die mir noch niemand zuvor gesagt hatte. »Alles wird gut. Ich bin für dich da, Kellan. Ich werde immer für dich da sein.«

Während ich in seine ruhigen Augen blickte, ließ meine Angst allmählich nach. Er wirkte so sicher … Das gab mir Hoffnung. Und er hatte recht behalten. Mein Vater hatte solche Angst, dass Denny jemandem erzählen würde, was er getan hatte, dass er mich nicht mehr anrührte, solange Denny bei uns wohnte. Es war das beste Jahr meines Lebens.

Auf Denny und seine Freundin zu warten stellte meine Geduld auf eine schwere Probe. Ich versuchte, die Zeit ganz entspannt verstreichen zu lassen, doch es gab Momente, in denen ich buchstäblich auf die Uhr starrte und die Stunden drängte, schneller zu vergehen. Doch nichts half, und ein Tag schien zäher als der andere. Vor lauter Vorfreude auf Dennys Ankunft würde mir noch eine Ader im Gehirn platzen. Wäre das nicht poetisch?

Ich war aufgeregt bei dem Gedanken, dass Denny meine Band hören würde. Er hatte mich überhaupt erst dazu gebracht, in einer Band zu spielen. Normalerweise hätten meine Eltern mir so etwas nie erlaubt, doch nachdem mein Vater Denny versehentlich geschlagen hatte, war er deutlich umgänglicher. In dem Bemühen, Denny bei Laune zu halten, damit er dichthielt, hatte er ihm kaum etwas verwehrt.

Denny war fasziniert, dass ich spielen und singen konnte, und hatte mich gedrängt, etwas daraus zu machen. »Dein Talent ist ein Geschenk«, sagte er. »Da musst du was draus machen.« Als er herausfand, dass auf dem Schulfest kein DJ engagiert wurde, sondern lokale Bands auftreten würden, brachte er mich dazu, eine Gruppe zusammenzustellen, und klärte das auch noch mit meinem Vater.

So war Denny nicht nur ein Lichtblick in meiner Vergangenheit gewesen, sondern er hatte zudem meinem ansonsten sinnlosen Leben eine Richtung gegeben. Er hatte die Weichen für meine Zukunft gestellt, und dafür wollte ich mich um jeden Preis revanchieren.

Als ich an jenem Freitagabend ins Pete’s kam, pfiff ich fröhlich vor mich hin. Jenny sah mich an, als wollte sie sagen: Warum so gut gelaunt? Ich zuckte mit den Schultern. »Gott sei Dank, es ist Freitag.«

Jenny lachte, und ihr blonder Pferdeschwanz wippte um ihre Schultern. Ich ließ sie stehen und ging hinüber zu Sam, dem Türsteher der Bar. Ich streckte die Hand aus und reichte ihm meinen Ersatzhaustürschlüssel. Er runzelte die Stirn und presste die Lippen zusammen. »Ziehen wir zusammen? Nichts gegen dich, Kellan, aber ich wohne eigentlich ganz gern allein.« Er hatte eine tiefe, heisere Stimme, die perfekt zu seinen absurd kräftigen Muskeln passte. Sein Bizeps war so groß wie mein Schädel, und ich war mir nicht sicher, wie das körperlich möglich war, aber er besaß keinen Hals. Ehrlich.

Lachend schüttelte ich den Kopf. »Denny kommt heute Abend. Wahrscheinlich stehe ich dann auf der Bühne. Gibst du ihm den von mir?« Denny und Sam waren auf der Highschool in derselben Stufe gewesen, und wir drei hatten damals häufig zusammen abgehangen. Nachdem Denny mich angerufen und nach einem Zimmer gefragt hatte, hatte ich es Sam gleich erzählt.

Seine riesige Faust schloss sich um das glänzende Metall. »Klar«, brummte er und schob den Schlüssel in seine Tasche.

»Danke!« Ich schlug ihm auf die Schulter, drehte mich um und ging zu meinem Tisch.

Evan und Matt waren bereits da. Griffin führte an der Bar ein Gespräch mit Traci. Und mit Gespräch meine ich, dass Traci heftig auf ihn einredete, während er blinzelte und mit verblüfftem Gesicht zuhörte. Matt beobachtete Griffin mit schiefem Grinsen, während Evan mit Brooke kuschelte. Offenbar hatte sie Ja gesagt, als er sie gefragt hatte, ob sie mit ihm ausgehen wollte. Na gut, das würde ihn eine Weile glücklich machen.

Kaum hatte ich mich gesetzt, kamen zwei Mädchen auf mich zu. Sie nahmen sich jede einen Stuhl, setzten sich rechts und links neben mich und redeten gleichzeitig auf mich ein: »Kellan Kyle! Wir lieben deine Musik!«

Ihre Blicke glitten über mein Gesicht und meinen Körper. Meinten sie das ernst? So höflich wie ich konnte, erwiderte ich: »Danke. Das freut mich sehr.«

Beide Mädchen flirteten eifrig mit mir, bis es Zeit war, auf die Bühne zu gehen. Wenn ich wollte, könnte ich sicher mit einer von ihnen im Bett landen. Vielleicht sogar mit beiden. Ich würde sie jedoch nicht fragen, ich hatte andere Dinge im Kopf. Bald würde Denny hier sein.

Als es Zeit für den Auftritt war, überkam mich ein vertrautes Gefühl – eine Mischung aus Angst und Ruhe. Als ich die ausgetretenen Stufen zur Bühne hinaufstieg, fiel alles von mir ab. Auf der Bühne lösten sich meine Sorgen in nichts auf. Es war, als wäre ich ein anderer Mensch. Als würde ich eine Rolle spielen, und doch war ich nirgends so ehrlich wie auf der Bühne. Wenn ich auftrat, öffnete ich mein Herz. Nicht dass das viele Leute bemerkten. Sie genossen zu sehr die Show, als dass sie hinter die Wörter vordrangen. In der Anonymität des Scheinwerfers fühlte ich mich sicher. Dort oben war ich unbesiegbar. Nur meine Gitarre und ich.

Hinter mir befand sich der coolste Bühnenhintergrund, den ich kannte. An der pechschwarzen Wand hingen alte Gitarren in allen denkbaren Größen und Ausführungen. Allerdings konnte keine mit meiner schlichten Akustikgitarre mithalten. Manchmal wurden die schönsten Dinge im Leben wegen ihrer protzigen Widersacher übersehen. Ich stand mehr auf unauffällige Schönheit.

Als ich den Mikrofonständer nahm, ließ ich den Blick vor die Bühne gleiten. Ohrenbetäubendes Kreischen ging in gigantischem Lärm unter. Frauen jeder Art, jeden Alters und jeder Größe rangen um einen Platz zu meinen Füßen. Ich lächelte zu ihnen hinab und ermunterte sie noch. Damit ich sie auch ja bemerkte, sprangen sie auf und ab und winkten mir zu. Ich hob den Blick, um die Menge weiter hinten zu betrachten. Menschentrauben standen um die diversen Tische. Die Bar war gerammelt voll. Gut. Ich spielte gern vor vollem Haus.

»Guten Abend, Seattle«, brummte ich ins Mikrofon.

Die Frauen direkt vor der Bühne begannen erneut zu kreischen. Links klappte eine zusammen, als würde sie ohnmächtig. Zum Glück fing eine ihrer Freundinnen sie auf und half ihr auf die Füße. Ich wollte auf gar keinen Fall, dass sich meinetwegen jemand ernsthaft verletzte.

»Seid ihr gut drauf?«, fragte ich, während Matt, Griffin und Evan ihre Plätze einnahmen. Aus der Bar schallten diverse Antworten zurück, die überwiegend positiv klangen. Ich blickte zu meinen Bandkollegen, sah, dass sie bereit waren, und wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Menge zu. »Dann legen wir mal los!«

Ich gab Evan ein Zeichen, woraufhin er den ersten Song von unserer Setliste anstimmte. Ein harter, schneller Beat erfüllte die Bar, und ich gab mich dem Rhythmus hin. Matt und Griffin stimmten mit ihren jeweiligen Parts ein, zum Schluss kam ich. Die Frauen vor mir drehten durch. Ich spielte mit ihnen, flirtete und gab jeder einzelnen das Gefühl, dass ich sie unbedingt später noch treffen wollte. Was ich nicht tun würde, jedenfalls nicht heute, aber was schadete es, sie das glauben zu lassen? Jeder wollte doch schließlich ein bisschen träumen.

Während wir spielten, behielt ich mit einem Auge die Tür im Blick. Denny musste jeden Moment auftauchen. Ich fragte mich, ob er noch so aussah wie früher – widerspenstige dunkle Haare, die in alle Richtungen abstanden; eine kleine magere Statur. Wie wohl seine Freundin aussah? Aus irgendeinem Grund stellte ich mir eine kleine Blondine vor.