Beschreibung

Das Warten hat ein Ende - Throne of Glass geht weiter! Selbstlos, mutig und verliebt in Celaena – all das war Chaol Westfall, Anführer der königlichen Leibgarde. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das gläserne Schloss liegt in Schutt und Asche, Celaena ist nun Aelin Ashryver, rechtmäßige Königin von Terrasen, und Chaol selbst so schwer verletzt, dass er für immer gezeichnet sein wird. Seine einzige Chance auf Heilung liegt in Antica, der mächtigen Hauptstadt des südlichen Kontinents und Sitz der berühmten Schule für Heilerinnen. Während Aelin sich gegen den drohenden Krieg mit dem dunklen König wappnet, bricht Chaol nach Antica auf. Doch was er dort entdeckt, wird ihn nicht nur für immer verändern, es kann auch die Rettung für ganz Erilea bedeuten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 1049


Sarah J. Maas

Throne of Glass

Der verwundete Krieger

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Link

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Für meine Großmutter Camilla, die Berge und Meere überquert hat und deren bemerkenswerte Geschichte mein allerliebstes Epos ist

IDIE STADT DER GÖTTER

1

Chaol Westfall, ehemaliger Captain der königlichen Garde und jetzt rechte Hand des frisch gekrönten Königs von Adarlan, hasste ein Geräusch inzwischen mehr als jedes andere.

Das Geräusch von Rädern.

Besonders ihr Rattern auf den Planken des Schiffs, auf dem er die vergangenen drei Wochen durch sturmgepeitschte Gewässer gesegelt war. Und nun ihr Mahlen und Knirschen auf den glänzend grünen Marmorböden und kunstvollen Mosaiken im prunkvollen Palast des Großkhans in Antica auf dem südlichen Kontinent.

Dazu verdammt, nur noch in diesem Rollstuhl zu sitzen – der sowohl sein Gefängnis als auch seine einzige Möglichkeit war, die Welt zu sehen –, nahm Chaol jedes Detail des riesigen Palasts in sich auf, der auf einem der vielen Hügel der Hauptstadt prangte. Selbst das kleinste Stück Baumaterial war aus irgendeinem Teil des mächtigen Reichs des Großkhans geholt und zu Ehren der jeweiligen Gegend verbaut worden:

Die polierten grünen Fliesen, über die sein Rollstuhl jetzt rumpelte, waren in Steinbrüchen im Südwesten des Kontinents gewonnen worden. Die roten Säulen, die mächtigen Baumstämmen glichen, deren Äste sich bis in die Kuppeln der Decke hoch über ihnen erstreckten – alles Teil der schier endlosen Empfangshalle –, waren aus den sandverwehten Wüsten im Nordosten hergebracht worden.

Die in den grünen Marmor eingelassenen Mosaiken waren von Handwerkern aus Tigana gestaltet worden, einer weiteren kostbaren Stadt des Großkhans am gebirgigen Südzipfel des Kontinents. Jedes Mosaik zeigte eine Szene aus der reichen, brutalen, glorreichen Vergangenheit des Großkhanats: die Jahrhunderte, in denen das nomadische Pferdevolk in den Grassteppen der östlichen Länder des Kontinents gelebt hatte; der Aufstieg des ersten Großkhans, eines Kriegsherrn, der die verstreuten Stämme zu einer Eroberungsstreitmacht geeint, den Kontinent Stück um Stück eingenommen und mit raffinierter und strategischer Brillanz ein mächtiges Reich geschmiedet hatte; und dann Abbildungen der drei Jahrhunderte seither – die verschiedenen Großkhane, die das Reich noch erweitert, den Wohlstand von hundert Territorien quer übers Land verteilt, unzählige Brücken und Straßen gebaut hatten, um sie alle miteinander zu verbinden, und die zielgerichtet und mit Weitsicht über den gewaltigen Kontinent geherrscht hatten.

Vielleicht stellten die Mosaiken eine Vision dessen dar, was Adarlan hätte sein können, überlegte Chaol, während das Raunen des versammelten Hofes den Raum zwischen den verzierten Säulen und den vergoldeten Kuppeln über ihm erfüllte. Jedenfalls wenn Adarlan nicht von einem Mann regiert worden wäre, der von einem Dämonenkönig besessen war, wild entschlossen, diese Welt in ein Festmahl für seine Horden zu verwandeln.

Chaol drehte den Kopf, um zu Nesryn hochzuspähen, die mit steinernem Gesicht seinen Stuhl vor sich herschob. Nur ihre dunklen Augen, deren Blick über jedes vorbeiziehende Gesicht, jedes Fenster und jede Säule huschte, verrieten ein gewisses Interesse an dem weitläufigen Anwesen des Großkhans.

Sie hatten sich ihre prächtigste Kleidung für den heutigen Tag aufgespart, und Nesryn, frisch ernannter Captain der Garde, war in der Tat prachtvoll anzusehen in ihrer rot-goldenen Uniform. Es war ihm ein Rätsel, wo Dorian eine der Uniformen ausgegraben hatte, die Chaol einst mit solchem Stolz getragen hatte.

Eigentlich hatte er Schwarz tragen wollen, weil Farbe … Mit Farben konnte er einfach nichts anfangen, außer mit dem Rot und Gold seines Königreichs. Aber Schwarz war zur Farbe von Erawans durch Valg verseuchte Garde geworden. In vollkommen schwarzen Uniformen hatten sie Rifthold terrorisiert, seine Männer zusammengetrieben, gefoltert und abgeschlachtet.

Um sie dann an die Palasttore zu hängen, wo sie im Wind hin und her geschaukelt waren.

Er hatte den Anblick der anticanischen Wachen kaum ertragen können, an denen sie auf ihrem Weg hierher vorbeigekommen waren – sowohl in den Straßen als auch in diesem Palast standen sie stolz und wachsam da, Schwert auf dem Rücken, Messer an der Seite. Selbst jetzt widerstand er dem Drang, dorthin zu sehen, wo sie, wie er wusste, in der Halle positioniert waren, wo er seine eigenen Männer positioniert hätte. Wo er zweifellos selbst gestanden und alles überwacht hätte, wenn Gesandte aus einem fremden Königreich ankamen.

Nesryns tiefschwarze Augen erwiderten seinen Blick, kühl und unbewegt. Ihr schulterlanges, schwarzes Haar wippte bei jedem Schritt. Keine Spur von Nervosität auf ihrem schönen, ernsten Gesicht. Kein Hinweis darauf, dass sie gleich einen der mächtigsten Männer der Welt treffen würden – einen Mann, der das Schicksal ihres eigenen Kontinents in dem Krieg, der mit Sicherheit inzwischen Adarlan und Terrasen überzog, verändern konnte.

Chaol blickte wieder nach vorn, ohne ein Wort zu sagen. Die Mauern und Säulen und bogenförmigen Durchgänge hatten Augen und Ohren und Münder, hatte sie ihn gewarnt.

Es war allein dieser Gedanke, der Chaol daran hinderte, an den Kleidern herumzuzupfen, für die er sich schließlich entschieden hatte: hellbraune Hosen, kniehohe kastanienbraune Stiefel und ein weißes Hemd aus feinster Seide, das größtenteils von einer dunklen blaugrünen Jacke verborgen wurde. Die Jacke war ziemlich schlicht, nur die Reihe feiner Messingschnallen entlang der Vorderseite und das Schimmern des zarten, goldenen Garns, das den Stehkragen und die Ränder säumte, verrieten ihren Wert. Kein Schwert hing an seinem Ledergürtel – und das Fehlen dieses tröstlichen Gewichts fühlte sich an wie ein fehlender Arm.

Oder fehlende Beine.

Zwei Aufgaben. Er hatte zwei Aufgaben während seines Aufenthalts hier und er war sich immer noch nicht sicher, welche sich als die unmöglichere entpuppen würde:

Den Großkhan und seine sechs potenziellen Thronerben zu überzeugen, ihre stattlichen Armeen in den Krieg gegen Erawan zu schicken …

Oder eine Heilerin an der Torre Cesme zu finden, die ihm irgendwie das Laufen wieder beibrachte.

Die ihn, wie er mit einigem Abscheu dachte, wieder reparieren konnte.

Er hasste dieses Wort. Beinahe ebenso sehr wie das Geklapper der Räder. Reparieren. Obwohl es genau das war, worum er die legendären Heilerinnen anflehen würde, schmerzte es ihn, drehte es ihm den Magen um.

Er stieß das Wort und den Gedanken von sich, während Nesryn dem fast lautlosen Schwarm von Dienern folgte, die sie vom Hafen hierhergebracht hatten, durch die gewundenen und staubigen Kopfsteinpflasterstraßen Anticas, den ganzen Weg bergauf über die Allee zu den Kuppeln und den sechsunddreißig Minaretten des Palastes.

Weiße Stoffstreifen – aus Seide oder Filz oder Leinen – hatten aus unzähligen Fenstern, von Laternen und Türen gehangen. Wahrscheinlich weil irgendein Amtsträger oder entfernter königlicher Verwandter jüngst gestorben war, hatte Nesryn gemurmelt. Es gab ganz unterschiedliche Trauerrituale, oft eine Mischung aus den Bräuchen der vielen Königreiche und Territorien, die jetzt vom Großkhanat regiert wurden, aber das weiße Tuch war ein uraltes Überbleibsel aus den Jahrhunderten, in denen die Untertanen des Großkhans durch die Steppe gestreift waren und ihre Toten unter dem wachsamen freien Himmel zur ewigen Ruhe gebettet hatten.

Die Stimmung in der Stadt war jedoch keineswegs niedergeschlagen gewesen, als sie sie durchquert hatten. Menschen in unterschiedlichster Gewandung waren herumgeeilt, Kaufleute hatten ihre Waren angepriesen und Altardiener hatten die Menschen auf der Straße in ihre Tempel aus Holz oder Stein gewunken – in Antica hatte jede Gottheit ein Zuhause, hatte Nesryn erklärt. Keine Niedergeschlagenheit – nicht einmal im Palast, über den der glänzende, aus hellen Steinen erbaute Turm der Torre auf einem der südlichen Hügel wachte.

Die Torre Cesme. Deren Turm die fähigsten sterblichen Heilerinnen der Welt beherbergte. Chaol hatte versucht, ihn nicht allzu lange durch die Fenster der Kutsche anzuschauen, wenngleich das gewaltige Bauwerk von fast jeder Straße und jedem Winkel Anticas aus zu sehen war. Keiner der Diener hatte den Turm erwähnt oder auf seine beherrschende Präsenz hingewiesen, die selbst mit der des Palastes des Großkhans zu wetteifern schien.

Nein, überhaupt hatten die Diener auf dem Weg hierher nicht viel gesagt, auch nichts über die Trauerbanner, die im trockenen Wind flatterten. Alle hatten geschwiegen, Männer wie Frauen mit dunklem, glänzend glattem Haar, in weiten Hosen und weich fließenden, kobaltblauen und blutroten Jacken, die mit hellem Gold gesäumt waren. Bezahlte Diener – aber Nachfahren jener Sklaven, die einst dem Geschlecht des Großkhans gehört hatten. Bis eine Generation zuvor die damalige Khatum – wie ein weiblicher Großkhan genannt wurde –, Visionärin und Hitzkopf zugleich, die Sklaverei für gesetzwidrig erklärt hatte, eine ihrer vielen Verbesserungen dieses Reiches. Die Khatum hatte ihre Sklaven befreit, sie aber als bezahlte Diener behalten – mitsamt ihren Kindern. Und jetzt waren es die Kinder dieser Kinder.

Keiner von ihnen schien unterernährt oder unterbezahlt zu sein und keiner hatte auch nur einen Hauch von Furcht gezeigt, als sie Chaol und Nesryn vom Schiff zum Palast eskortiert hatten. Der gegenwärtige Großkhan behandelte seine Diener sehr gut, wie es schien. Hoffentlich würde sein – bis jetzt noch ungewisser – Thronfolger das Gleiche tun.

Anders als in Adarlan oder Terrasen entschied der Großkhan oder die Khatum darüber, wer das Reich erbte – nicht die Geburtenfolge oder das Geschlecht. So viele Kinder wie möglich zu haben vergrößerte zwar die Auswahl, erleichterte die Sache allerdings nur geringfügig. Und dann die Rivalität unter den königlichen Kindern … Es war geradezu ein Blutsport. Darauf angelegt, dem Vater oder der Mutter zu beweisen, wer zum Herrschen der Stärkste, der Klügste, der Beste war.

Das Gesetz verlangte vom Großkhan, ein versiegeltes Dokument in einem nicht näher gekennzeichneten Versteck aufzubewahren – ein Dokument, das den Thronfolger benannte, sollte den Herrscher der Tod ereilen, bevor der Erbe offiziell benannt werden konnte. Es konnte zwar jederzeit geändert werden, diente aber dem einen Zweck, das zu verhindern, was das Großkhanat fürchtete, seit der erste Großkhan die Königreiche und Territorien dieses Kontinents zusammengefügt hatte: den Zerfall. Nicht durch äußere Kräfte, sondern aufgrund eines Krieges im Innern.

Jener erste Großkhan aus längst vergangener Zeit war weise gewesen. Kein einziges Mal war es im dreihundert Jahre alten Großkhanat zum Bürgerkrieg gekommen.

Jetzt schob Nesryn Chaol an den sich anmutig verneigenden Dienern vorbei, die zwischen zwei riesigen Säulen innehielten. Vor ihnen lag der prunkvolle Thronsaal, in dem mehrere Dutzend Menschen sich um ein goldenes, in der Mittagssonne glitzerndes Podest scharten. Und Chaol fragte sich, welcher der fünf Nachkommen, die vor dem Mann auf dem Thron standen, dazu auserwählt war, eines Tages über dieses Reich zu herrschen.

Das einzige Geräusch neben dem verhassten Knirschen der Räder war das Rascheln der Gewänder der vier Dutzend Menschen – er zählte sie zwischen ein paar beiläufigen Wimpernschlägen –, die zu beiden Seiten des glänzenden Podests standen. Wie eine Wand aus Seide, Haut und Juwelen, eine regelrechte Allee, durch die Nesryn ihn in seinem Rollstuhl schob.

Sie hatte die Räder heute Morgen frisch geölt, aber die Wochen auf See hatten dem Metall zugesetzt und die Laufflächen rau gemacht. Sie rumpelten, knirschten und kratzten wie Nägel auf Stein.

Doch Chaol reckte das Kinn. Straffte die Schultern.

Nesryn blieb in gesunder Entfernung zum Podest stehen – in gesunder Entfernung zu der Mauer aus fünf königlichen Kindern, alle in der Blüte ihres Lebens, Männer wie Frauen, die zwischen ihnen und ihrem Vater standen.

Der Schutz ihres Herrschers – die erste Pflicht eines Prinzen oder einer Prinzessin. Die einfachste Art, Loyalität zu beweisen, sich als perfekter Thronfolger zu positionieren. Und die fünf Männer und Frauen vor ihnen …

Chaol setzte einen neutralen Gesichtsausdruck auf, als er noch einmal nachzählte. Nur fünf. Nicht die sechs, von denen Nesryn gesprochen hatte.

Aber als er sich jetzt aus der Taille heraus vorbeugte, suchte er die Halle nicht etwa nach dem fehlenden Bruder oder der fehlenden Schwester ab. Es war die Bewegung, die er während dieser letzten Woche auf See immer wieder eingeübt hatte, während es heißer und heißer geworden war und die Luft trocken und dörrend. Sich in dem Stuhl zu verbeugen fühlte sich immer noch unnatürlich an, aber Chaol verneigte sich tief – bis er auf seine leblosen Beine starrte, auf seine makellosen braunen Stiefel und die Füße, die er nicht spüren, nicht bewegen konnte.

Dem Wispern von Stoff zu seiner Linken entnahm er, dass Nesryn neben ihn getreten war und nun ebenfalls eine tiefe Verbeugung machte.

Drei Atemzüge lang – so hatte Nesryn es erklärt – verharrten sie in dieser Position.

Chaol nutzte diese drei Atemzüge, um sich zu sammeln, um die Last auszublenden, die auf ihnen beiden lag.

Er war einst einer untadeligen Körperhaltung fähig gewesen. Er hatte Dorians Vater jahrelang gedient, hatte Befehle entgegengenommen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Und davor hatte er seinen eigenen Vater ertragen, dessen Worte ebenso verletzend gewesen waren wie seine Fäuste. Der wahre amtierende Lord von Anielle.

Der Lord, der jetzt vor Chaols Namen stand, war ein Hohn. Ein Hohn und eine Lüge, von der abzulassen Dorian sich trotz Chaols Protesten geweigert hatte.

Lord Chaol Westfall, rechte Hand des Königs.

Er hasste den Titel. Noch mehr als das Rumpeln und Knirschen der Räder. Noch mehr als den Körper, den er jetzt von der Hüfte abwärts nicht mehr spüren konnte, den Körper, dessen Reglosigkeit ihn immer noch überraschte, selbst nach all diesen Wochen.

Er war Lord von Nichts. Lord der Eidbrecher. Lord der Lügner.

Und als Chaol sich aufrichtete und den mandelförmigen Augen des weißhaarigen Mannes auf dem Thron begegnete, als sich die wettergegerbte braune Haut des Großkhans mit einem kleinen, schlauen Lächeln in Falten legte … fragte Chaol sich, ob der Großkhan das ebenfalls wusste.

2

Nesryn fühlte sich innerlich zerrissen.

Einerseits hatte sie als Captain von Adarlans königlicher Garde ihrem König gelobt, dafür zu sorgen, dass der Mann neben ihr im Rollstuhl geheilt würde – und dass sie dem Mann vor ihr auf dem Thron eine Armee abringen würde. In diesem Bewusstsein reckte Nesryn den Kopf, der Rücken kerzengerade, die Hände in gebührendem Abstand zu dem kunstvollen Schwert an ihrer Hüfte.

Doch da war das Andrerseits.

Andrerseits hatte sie die Tränen zurückdrängen müssen, als sie beim Heransegeln die Türmchen und Minarette und Kuppeln dieser Stadt der Götter über dem Horizont hatte auftauchen sehen, die glänzende Säule der Torre, die alles stolz überragte. Sie hatte rauchiges Paprikagewürz gerochen und das scharfe Aroma von Ingwer und die lockende Süße von Kreuzkümmel, als sie den Hafen hinter sich gelassen hatten, und tief im Herzen hatte sie gewusst, dass sie zu Hause war. Dass sie, jawohl, Adarlan diente, für Adarlan lebte und für Adarlan sterben würde, für die Familie, die noch dort war, dass aber an diesem Ort, an dem einst ihr Vater gelebt und wo selbst ihre in Adarlan geborene Mutter sich wohler gefühlt hatte … dass hier ihr Volk war.

Die Haut, die in verschiedenen Brauntönen schimmerte. Das volle glänzende, schwarze Haar – ihr Haar. Die Augen, die schräg oder weit auseinanderstanden, rund oder schmal sein konnten und deren Schattierungen zwischen Tiefschwarz und Kastanienbraun und sogar Haselnuss und Grün variierten. Ihr Volk. Ein Mix zwar aus verschiedenen Königreichen und Territorien, aber … hier wurden auf der Straße keine Beleidigungen gezischt. Hier würden die Kinder keine Steine werfen. Hier würden sich die Kinder ihrer Schwester nicht fremd fühlen. Unerwünscht.

Und in diesem Bewusstsein zitterten ihr – trotz ihrer kerzengeraden Haltung – tatsächlich die Knie angesichts dessen, wer hier vor ihr saß. Was ihr hier bevorstand.

Nesryn hatte es nicht gewagt, ihrem Vater zu erzählen, wohin sie ging und was sie vorhatte. Nur dass sie im Auftrag des Königs von Adarlan fortgehen und eine Weile fortbleiben würde.

Ihr Vater hätte es nicht geglaubt. Nesryn konnte es selbst nicht ganz glauben.

Der Großkhan war eine Geschichte gewesen, die man sich an Winterabenden vor dem Herdfeuer zugeflüstert hatte, seine Nachkommen Legenden, die man erzählt hatte, während endlose Brotlaibe für die Bäckerei geknetet worden waren. Die Gutenachtgeschichten ihrer Vorfahren, die sie entweder in süßen Schlaf lullten oder in abgrundtiefes Entsetzen stürzten, das sie die ganze Nacht wach gehalten hatte.

Der Großkhan war ein lebender Mythos gewesen. Ebenso sehr göttliche Instanz wie die sechsunddreißig Gottheiten, die über diese Stadt und dieses Reich herrschten.

Es gab in Antica ebenso viele Tempel für diese Gottheiten wie Huldigungen der verschiedenen Großkhane. Mehr noch.

Deswegen nannte man sie die Stadt der Götter – und wegen des lebenden Gottes, der auf dem Elfenbeinthron auf diesem goldenen Podest saß.

Ein Podest, das tatsächlich aus purem Gold bestand, genau wie in den geflüsterten Legenden ihres Vaters.

Und die sechs Kinder des Großkhans … Nesryn kannte all ihre Namen, ohne dass sie ihr vorgestellt worden waren.

Nach den sorgfältigen Recherchen, die Chaol während ihrer Überfahrt angestellt hatte, bezweifelte sie nicht, dass er sie ebenfalls kannte.

Aber das war noch lange nicht alles, was diese Begegnung ausmachte.

Im gleichen Maße, wie sie den ehemaligen Captain in den letzten Wochen über ihr Heimatland belehrt hatte, hatte er sie in der Hofetikette unterwiesen. Er hatte zwar selten so direkt damit zu tun gehabt, aber genug davon mitbekommen, als er noch seinem König gedient hatte.

Als Beobachter des Spiels wurde er jetzt zu einem der wichtigsten Mitspieler. Mit unerträglich hohem Einsatz.

Sie warteten schweigend darauf, dass der Großkhan sprach.

Sie hatte versucht, sich ihr Staunen nicht anmerken zu lassen, als sie durch den Palast gegangen waren. Bis jetzt hatte sie, während ihrer wenigen Besuche in Antica im Laufe der Jahre, noch nie auch nur einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt. Ebenso wenig wie ihr Vater oder dessen Vater oder überhaupt irgendeiner ihrer Vorfahren. In einer Stadt der Götter war dies der heiligste aller Tempel. Und das tödlichste aller Labyrinthe.

Der Großkhan bewegte sich nicht auf seinem Elfenbeinthron.

Einem neueren, breiteren Thron, der aus der Zeit vor hundert Jahren stammte – als der siebte Großkhan den alten Thron hochkant hinausgeworfen hatte, weil seine massige Gestalt nicht mehr hineinpasste. Er hatte sich zu Tode gegessen und getrunken, wie die Geschichtsschreiber behaupteten, aber zumindest hatte er genug Verstand besessen, um seinen Thronfolger zu benennen, bevor er sich eines Tages an die Brust gegriffen hatte und tot umgefallen war … auf ebendiesem Thron.

Urus, der gegenwärtige Großkhan, war noch keine sechzig und schien in erheblich besserer Verfassung zu sein. Obwohl sein dunkles Haar schon seit Langem so weiß war wie sein geschnitzter Thron, obwohl seine faltige Haut mit Narben übersät war – eine Mahnung an alle, dass er in den letzten Lebenstagen seiner Mutter um diesen Thron gekämpft hatte –, leuchteten seine schmalen, schräg stehenden, onyxschwarzen Augen wie Sterne. Allwissend und allsehend.

Auf seinem schneeweißen Kopf prangte keine Krone. Denn unter Sterblichen brauchten Götter keine äußeren Zeichen ihrer göttlichen Herrschaft.

Hinter ihm flatterten an den offenen Fenstern Streifen weißer Seide im heißen Wind. Sie sandten der Seele des Verblichenen – wer immer es war, zweifellos eine wichtige Persönlichkeit – die Gedanken des Großkhans und seiner Familie auf dem Weg in den Ewigen Blauen Himmel und in die Schlummernde Erde, die der Großkhan wie bereits all seine Vorfahren noch immer ehrte – anstelle des Pantheons der sechsunddreißig Gottheiten, denen zu huldigen den Bürgern freistand.

Selbst wenn ihre Gebiete neu erobert und ihre Götter noch nicht in das Pantheon aufgenommen worden waren, durften sie ihren angestammten Gottheiten huldigen. Wovon es einige geben musste, denn der Mann vor ihnen auf dem Thron hatte während der drei Jahrzehnte seiner Herrschaft eine Handvoll überseeischer Königreiche erobert.

Auf jeden Ring, der seine vernarbten Finger mit kostbar glitzernden Edelsteinen zierte, kam ein Königreich.

Ein Krieger in prachtvollen Gewändern. Der seine Hände nun von den Armlehnen seines Elfenbeinthrons gleiten ließ – aus den abgeschlagenen Stoßzähnen jener mächtiger, durch das zentrale Weideland streifender Kreaturen – und sie unter reichlich goldverzierter blauer Seide verbarg. Indigo aus den schwülen, saftigen Ländern im Westen. Aus Balruhn, wo Nesryns Familie ursprünglich herstammte, bevor Neugier und Ehrgeiz ihren Urgroßvater dazu getrieben hatten, seine Familie über Berge und durch Steppen und Wüsten in die Stadt der Götter im trockenen Norden zu schleppen.

Die Faliqs waren seit Langem Händler. Keine besonders feinen Waren, nur schlichter, guter Stoff und haushaltsübliche Gewürze. Ihr Onkel handelte noch immer mit diesen Dingen und war durch verschiedene lukrative Investitionen zu bescheidenem Wohlstand gekommen. Seine Familie wohnte jetzt in einem schönen Haus in ebendieser Stadt. Eine deutliche Stufe über dem Stand eines Bäckers – dem Weg, den ihr Vater nach Verlassen dieser Gestade eingeschlagen hatte.

»Es geschieht nicht jeden Tag, dass ein neuer König jemanden so Wichtiges an unsere Ufer schickt«, sagte der Großkhan schließlich und benutzte die Sprache seiner Gäste und nicht Halha, die Sprache des südlichen Kontinents. »Ich nehme an, wir sollten es als eine Ehre erachten.«

Sein Akzent war dem ihres Vaters so ähnlich – aber der Stimme fehlten die Wärme und der Humor. Ein Mann, dem man sein ganzes Leben lang gehorcht und der um seine Krone gekämpft hatte. Und der zwei seiner Geschwister, offenbar schlechte Verlierer, hingerichtet hatte. Von den überlebenden drei … war einer ins Exil gegangen, die beiden anderen hatten ihrem Bruder die Treue geschworen. Nachdem er den Heilern der Torre befohlen hatte, sie unfruchtbar zu machen.

Chaol neigte den Kopf. »Die Ehre ist ganz meinerseits, Erhabener Großkhan.«

Nicht Majestät – der Titel taugte lediglich für Könige und Königinnen kleinerer Reiche. Es gab keine andere Bezeichnung, die erhaben oder prachtvoll genug für diesen Mann vor ihnen gewesen wäre. Nur den Titel, den der erste seiner Vorfahren getragen hatte: Erhabener Großkhan.

»Eurerseits«, überlegte der Großkhan laut, und der Blick seiner dunklen Augen schweifte jetzt zu Nesryn. »Und was ist mit Eurer Begleiterin?«

Nesryn widerstand dem Drang, sich abermals zu verneigen. Dorian Havilliard war das genaue Gegenteil von diesem Mann, begriff sie. Aelin Galathynius jedoch … Nesryn fragte sich, ob die junge Königin vielleicht mehr mit dem Großkhan gemein hatte als mit dem Havilliard-König. Oder gemein haben würde, falls Aelin lange genug lebte. Falls sie es auf ihren Thron schaffte.

Nesryn schob diese Gedanken beiseite, als Chaol zu ihr herüberspähte, die Schultern angespannt. Nicht wegen der Worte, nicht wegen der Menschen ringsum, sondern nur – wie sie wusste – weil er gezwungen war aufzuschauen, dem mächtigen Kriegerkönig aus diesem Rollstuhl heraus zu begegnen … Der heutige Tag war ein harter für ihn.

Nesryn neigte leicht den Kopf. »Ich bin Nesryn Faliq, Captain der königlichen Garde Adarlans. Wie mein Vorgänger Lord Westfall, bis König Dorian ihn Anfang des Sommers zu seiner rechten Hand ernannt hat.« Sie war dankbar, dass die Jahre in Rifthold sie gelehrt hatten, nicht zu lächeln, sich nicht zu winden oder Furcht zu zeigen – dankbar dafür, dass sie gelernt hatte, ihre Stimme kühl und fest klingen zu lassen, selbst wenn sie weiche Knie hatte.

Nesryn fuhr fort: »Meine Familie stammt von hier, Erhabener Großkhan. Ein Teil meiner Seele gehört noch immer Antica.« Sie legte sich eine Hand aufs Herz, ihre Schwielen kratzten über den feinen Stoff ihrer rot-goldenen Uniform – den Farben des Reichs, das ihrer Familie oft das Gefühl gegeben hatte, unerwünscht zu sein. »Die Ehre, Euren Palast zu betreten, ist die größte meines Lebens.«

Was vielleicht sogar der Wahrheit entsprach.

Wenn sie Zeit fand, um ihre Familie in dem ruhigen Runniviertel mit seinen vielen Gärten zu besuchen – vor allem Heimat von Händlern und Kaufleuten wie ihrem Onkel –, würden ihre Verwandten das gewiss so sehen.

Der Großkhan lächelte nur sparsam. »Dann erlaubt mir, Euch in Eurer wahren Heimat willkommen zu heißen, Captain.«

Nesryn fühlte Chaols aufflackernden Ärger mehr, als dass sie ihn sah. Sie war sich nicht ganz sicher, was ihn ausgelöst hatte: dass der Großkhan ihre wahre Heimat für sich beanspruchte oder dass Chaols früherer offizieller Titel jetzt auf sie übergegangen war.

Zum Zeichen ihres Dankes neigte Nesryn erneut den Kopf.

Der Großkhan wandte sich wieder an Chaol: »Ich nehme an, Ihr seid hier, um mich zu umgarnen und mich für Euren Krieg zu gewinnen.«

Chaol konterte eine Spur angespannt: »Wir sind im Auftrag meines Königs hier.« Ein stolzer Unterton schwang in diesem Wort mit. »Um, wie wir hoffen, eine neue Ära fruchtbaren Handels und Friedens einzuleiten.«

Eine der Töchter des Großkhans – eine junge Frau mit Haaren wie die hereinwallende Nacht und Augen wie dunkles Feuer – tauschte einen schiefen Blick mit dem Bruder zu ihrer Linken, einem Mann, der vielleicht drei Jahre älter war als sie.

Hasar und Sartaq also. Dritt- und Zweitgeborene. Beide trugen ähnliche weite Hosen, bestickte Waffenröcke und feine Lederstiefel, die ihnen bis zu den Knien reichten. Hasar war keine Schönheit, aber diese Augen … Das Feuer, das in ihnen tanzte, als sie ihren älteren Bruder anschaute, glich das wieder aus.

Und Sartaq – Kommandant der Ruk-Reiter seines Vaters. Der Rukhin.

Die nördliche Luftkavallerie hatte lange in dem hohen Tavan-Gebirge gelebt, zusammen mit ihren Ruks: riesigen Vögeln, die in ihrer Gestalt Adlern ähnelten und so groß waren, dass sie Vieh und Pferde wegzutragen vermochten. Sie besaßen zwar nicht die schiere Masse und das tödliche Gewicht wie die Wyvern der Ironteeth-Hexen, aber sie waren flink und geschickt und schlau wie Füchse. Die perfekten Reittiere für die legendären Bogenschützen, die mit ihnen in die Schlacht flogen.

Sartaqs Gesicht war ernst, seine breiten Schultern gestrafft. Ein Mann, der sich vielleicht in seinen feinen Kleidern genauso unwohl fühlte wie Chaol. Sie fragte sich, ob Kadara, sein Ruk-Weibchen, auf einem der sechsunddreißig Minarette des Palastes hockte, die kauernden Diener und Wachen beobachtete und ungeduldig auf die Rückkehr ihres Herrn wartete.

Dass Sartaq hier war … dann mussten sie es gewusst haben. Lange im Voraus. Dass sie und Chaol kommen würden.

Der wissende Blick zwischen Sartaq und Hasar verriet Nesryn genug: Zumindest diese beiden hatten die Möglichkeiten erörtert, die dieser Besuch bot.

Sartaqs Blick wanderte von seiner Schwester zu Nesryn.

Sie erlaubte sich zu blinzeln. Seine braune Haut war dunkler als die der anderen – vielleicht weil er so viel Zeit an der Luft und der Sonne verbrachte –, seine Augen von einem undurchdringlichen Schwarz. Ausdruckslos und unergründlich. Sein schwarzes Haar hing lose herab, abgesehen von einem kleinen Zopf, der über seiner Ohrmuschel lag. Das übrige Haar fiel ihm knapp über seine muskulöse Brust und bewegte sich leicht, als er – wie Nesryn hätte schwören können – spöttisch den Kopf in ihre Richtung neigte.

Ein armseliges, unrühmliches Paar hatte Adarlan da ausgesandt. Den versehrten ehemaligen Captain und den gegenwärtigen Captain von niederer Geburt. Vielleicht waren die Eingangsworte des Großkhans über Ehre ein verblümter Hinweis darauf gewesen, dass er dies als Beleidigung empfand.

Nesryn riss ihre Aufmerksamkeit von dem Prinzen los, doch Sartaqs scharfen Blick spürte sie auch weiterhin wie eine geisterhafte Berührung.

»Wir haben Geschenke von Seiner Majestät, dem König von Adarlan, mitgebracht«, erklärte Chaol jetzt, drehte sich in seinem Stuhl und bedeutete den Dienern hinter ihnen, vorzutreten.

Bevor Königin Georgina und ihr Hof im Frühjahr zu ihren Landsitzen in den Bergen geflüchtet waren, hatten sie die königlichen Schatztruhen praktisch geplündert. Und vieles von dem, was übrig geblieben war, hatte der ehemalige König während dieser letzten Monate noch hinausgeschmuggelt. Aber bevor sie hierhergesegelt waren, hatte Dorian sich in die zahlreichen Gewölbe unter der Burg gewagt. Nesryn konnte noch immer das Echo seiner Flüche hören, schmutzigere Worte, als er sie je zuvor in ihrer Gegenwart benutzt hatte, da sich im Innern dieser Gewölbe kaum mehr befand als ein paar Unzen Gold.

Doch Aelin hatte wie gewöhnlich einen Plan gehabt.

Nesryn hatte neben ihrem neuen König gestanden, als Aelin in ihren Gemächern zwei Truhen aufstieß. Mit funkelnden Juwelen darin, einer Königin würdig – einer Königin der Assassinen.

Ich habe im Moment genug finanzielle Mittel, hatte Aelin nur zu Dorian gesagt, als er Einwände erhob. Gib dem Großkhan etwas vom Besten, was Adarlan zu bieten hat.

In den Wochen danach hatte Nesryn sich gefragt, ob Aelin vielleicht sogar froh war, das loszuwerden, was sie mit ihrem Blutgeld erworben hatte. Die Juwelen Adarlans, so schien es, würden jedenfalls nicht nach Terrasen reisen.

Und jetzt, als die Diener die vier kleineren Truhen darboten – auf die der Inhalt der ursprünglichen zwei verteilt worden war, damit es nach mehr aussah, wie Aelin vorgeschlagen hatte –, als sie die Deckel aufklappten, drängte der noch immer stumme Hof näher, um besser sehen zu können.

Ein Raunen durchlief die Reihen beim Anblick der glänzenden Edelsteine, des Goldes und des Silbers.

»Ein Geschenk«, erklärte Chaol, als sogar der Großkhan selbst sich vorbeugte, um den Schatz zu begutachten. »Von König Dorian Havilliard von Adarlan und Aelin Galathynius, Königin Terrasens.«

Bei dem zweiten Namen schoss Prinzessin Hasars Blick zu Chaol.

Prinz Sartaq sah nur seinen Vater an. Arghun, der älteste Sohn, musterte stirnrunzelnd die Juwelen.

Arghun – der Politiker unter ihnen, beliebt bei den Händlern und Mächtigen des Kontinents. Schlank und hochgewachsen, ein Gelehrter, der nicht mit Münzen und Luxusgut handelte, sondern mit Wissen.

Prinz der Spione, nannte man Arghun. Während seine beiden Brüder große Krieger geworden waren, hatte Arghun seinen Geist geschärft, und nun unterstanden ihm die sechsunddreißig Wesire seines Vaters. Dieses Stirnrunzeln, das dem Schatz galt …

Halsketten aus Diamanten und Rubinen. Armbänder aus Gold und Smaragden. Ohrringe – geradezu kleine Kronleuchter – aus Saphiren und Amethysten. Kunstvoll geschmiedete Ringe, einige von Juwelen gekrönt, die so groß waren wie ein Schwalbenei. Kämme und Haarnadeln und Broschen. Mit Blut gewonnen, mit Blut erkauft.

Das jüngste der versammelten Königskinder, eine zierliche, hübsche Frau, beugte sich am weitesten vor. Duva. Ein breiter Silberring mit einem Saphir von fast obszöner Größe zierte ihre schlanke Hand, die sich anmutig auf die beträchtliche Wölbung ihres Bauchs schmiegte.

Vielleicht im sechsten Monat, obwohl die wallenden Gewänder – sie bevorzugte Purpur und Rosa – und ihre schmale Statur darüber hinwegtäuschen konnten. Sicher aber ihr erstes Kind, das Ergebnis ihrer arrangierten Ehe mit einem Prinzen, der aus einem Überseeterritorium im fernen Osten stammte, einem südlichen Nachbarn von Doranelle, der das Rumoren der Fae-Königin bemerkt hatte und sich den Schutz des südlichen Reiches auf der anderen Seite des Ozeans hatte sichern wollen. Vielleicht der erste Versuch des Großkhanats, hatten Nesryn und andere gemutmaßt, über den eigenen beträchtlichen Kontinent hinaus entscheidend zu expandieren.

Nesryn gestattete sich nicht, allzu lange auf das Leben zu schauen, das unter dieser juwelengeschmückten Hand heranwuchs.

Wenn eines der Geschwister Duvas zum Großkhan oder zur Khanum gekrönt wurde, würde die erste Aufgabe des neuen Herrschers oder der neuen Herrscherin – nach der Produktion ausreichend vieler Nachkommen – darin bestehen, alle weiteren Anwärter auf den Thron zu eliminieren. Angefangen mit den Kindern seiner oder ihrer Geschwister, falls sie das Recht des Herrschers oder der Herrscherin zu regieren infrage stellten.

Sie überlegte, wie Duva diesen Gedanken wohl ertragen konnte. Ob sie das Baby, das in ihrem Schoß heranwuchs, bereits liebte oder ob sie klug genug war, sich ein solches Gefühl nicht zu gestatten. Ob der Vater dieses Kindes alles in seiner Macht Stehende tun würde, um es in Sicherheit zu bringen, sollte es so weit kommen.

Der Großkhan lehnte sich schließlich auf seinem Thron zurück. Seine Kinder hatten sich aufgerichtet und Duva ließ ihre Hand wieder sinken.

»Juwelen«, erklärte Chaol, »eingefasst von den besten Handwerksmeistern Adarlans.«

Der Großkhan spielte mit einem Citrin-Ring an seiner eigenen Hand. »Wenn sie aus Aelin Galathynius’ Schatztruhe stammen, habe ich daran keinen Zweifel.«

Ein Moment des Schweigens bei Nesryn und Chaol. Sie hatten gewusst – erwartet –, dass der Großkhan in jedem Land, auf jedem Meer Spione hatte. Dass es vielleicht ein wenig schwierig werden könnte, Aelins Vergangenheit zu umschiffen.

»Denn Ihr seid nicht nur Adarlans rechte Hand«, fuhr der Großkhan fort, »sondern auch der Botschafter von Terrasen, nicht wahr?«

»In der Tat, der bin ich«, antwortete Chaol schlicht.

Da erhob sich der Großkhan – mit einem nur leichten Anflug von Steifheit – und seine Kinder traten sofort beiseite, um den Weg für ihn frei zu machen, damit er von dem goldenen Podest herabsteigen konnte.

Der größte von ihnen – ein Kerl wie ein Bär und vielleicht unbeherrschter als Sartaq mit seiner ruhigen Art – beäugte die Menge, als vermutete er darin irgendeine Bedrohung. Kashin. Der Viertgeborene.

Während Sartaq im Norden und in der Mitte des Reiches die Ruks in der Luft befehligte, führte Kashin die Armeen am Boden. Größtenteils Fußsoldaten und Pferde-Lords. Arghun herrschte über die Wesire und Hasar hatte Gerüchten zufolge die Macht über die Armadas. Kashin jedoch wirkte etwas weniger elegant, das dunkle Haar aus seinem breiten Gesicht geflochten. Gut aussehend, ja – aber es war, als hätte das Leben unter seinen Soldaten auf ihn abgefärbt, und das nicht unbedingt auf die schlechteste Art.

Der Großkhan stieg von dem Podest und seine kobaltblauen Gewänder raschelten leise über den Boden. Und mit jedem seiner Schritte über den grünen Marmor wurde Nesryn klarer, dass dieser Mann wahrlich nicht nur einst die Ruks am Himmel befehligt hatte, sondern auch die Pferde-Lords, und noch dazu hatte er die Armadas davon überzeugt, sich ihm anzuschließen. Und dann hatten Urus und sein älterer Bruder auf Geheiß ihrer Mutter Mann gegen Mann gekämpft, während sie – an einer verzehrenden tödlichen Krankheit leidend, die nicht einmal in der Torre hatte geheilt werden können – im Sterben lag. Derjenige, der den Kampfplatz lebend verließ, sollte ihr Nachfolger werden.

Diese vorige Herrscherin – die Khatum – hatte eine Schwäche für Spektakel gehabt. Und zu diesem letzten Kampf hatte sie ihre beiden auserwählten Nachkommen in dem großen Amphitheater im Herzen der Stadt antreten lassen, dessen Tore jedem offen standen, der sich auf der Suche nach einem Sitzplatz hatte hineindrängeln können. Die Menschen hatten oben auf den Torbögen und auf den Treppen gesessen, dazu Tausende, die sich in den Straßen, die zu dem Gebäude aus weißem Stein hinführten, zusammendrängten. Ruks und ihre Reiter hatten auf den Säulen gehockt, die das oberste Stockwerk krönten, und weitere Rukhin kreisten am Himmel darüber.

Die beiden potenziellen Thronfolger hatten sechs Stunden lang gekämpft.

Nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die Schrecken, die ihre Mutter in petto hatte, um sie auf die Probe zu stellen: Großkatzen sprangen aus den unter dem sandigen Boden verborgenen Käfigen; mit Eisenstacheln bewehrte Streitwagen rasten samt Speerwerfern aus den düsteren Tunneleingängen, um sie über den Haufen zu fahren.

Nesryns Vater war auf der Straße gewesen, inmitten des aufgepeitschten Mobs, und hatte auf die gebrüllten Berichte derjenigen gelauscht, die sich oben an die Säulen klammerten.

Der letzte Schlag war kein Akt der Brutalität oder des Hasses gewesen.

Orda, der ältere Bruder des jetzigen Großkhans, hatte von einem der Speerwerfer auf den Streitwagen einen Hieb in die Seite kassiert. Nach sechs Stunden des blutigen Kampfes ums Überleben hatte diese Verletzung ihn niedergestreckt.

Und Urus hatte sein Schwert beiseitegeworfen. Totenstille hatte sich über die Arena gesenkt. Stille, als Urus seinem gefallenen Bruder eine blutverschmierte Hand entgegenstreckte – um ihm zu helfen.

Während Orda versuchte, Urus einen versteckten Dolch ins Herz zu rammen.

Und es um fünf Zentimeter verfehlte.

Urus riss sich schreiend den Dolch heraus und rammte ihn seinem Bruder direkt ins Fleisch.

Anders als sein Bruder hatte Urus sein Ziel nicht verfehlt.

Nesryn fragte sich, ob wohl noch immer eine Narbe die Brust des Großkhans verunzierte, als er jetzt auf sie und Chaol und die dargebotenen Juwelen zustolzierte. Ob diese längst verstorbene Khatum im Stillen um ihren gefallenen Sohn geweint hatte, erdolcht von dem anderen, der binnen Tagen ihre Krone übernommen haben würde. Oder ob sie sich nie gestattet hatte, ihre Kinder zu lieben, wohl wissend, was ihnen bevorstand.

Urus, Großkhan des südlichen Kontinents, blieb vor Nesryn und Chaol stehen. Er überragte Nesryn um gute fünfzehn Zentimeter, seine Schultern immer noch breit, sein Rücken immer noch gerade.

Es war nur ein Hauch von altersbedingter Anstrengung bemerkbar, als er sich nun nach vorn beugte, um eine Kette aus Diamanten und Saphiren aus einer der Truhen zu fischen. Sie glitzerte so lebendig wie ein Fluss in seinen vernarbten, juwelengeschmückten Händen.

»Mein Ältester, Arghun«, sagte der Großkhan und deutete ruckartig mit dem Kinn auf den schmalgesichtigen Prinzen, der alles überwachte, »hat mir unlängst eine faszinierende Nachricht zukommen lassen, Königin Aelin Ashryver Galathynius betreffend.«

Nesryn wartete auf den Schlag. Chaol hielt einfach Urus’ Blick stand.

Aber die dunklen Augen des Großkhans – Sartaqs Augen, wie sie bemerkte – blitzten, als er zu Chaol sagte: »Eine neunzehnjährige Königin wäre durchaus imstande, viele zu verunsichern. Dorian Havilliard ist immerhin von Geburt an dazu ausgebildet worden, die Krone zu übernehmen, über einen Hof und ein Königreich zu herrschen. Aber Aelin Galathynius …«

Der Großkhan warf die Kette zurück in die Truhe. Ein dumpfer Aufprall, so laut wie Stahl auf Stein.

»Ich nehme an, zehn Jahre als ausgebildete Assassinin könnte manch einer auch als ›Erfahrung‹ bezeichnen.«

Wieder ging ein Raunen durch den Thronsaal. Hasars feurige Augen glühten förmlich. Sartaqs Gesicht blieb völlig regungslos. Vielleicht eine Fähigkeit, die er von seinem ältesten Bruder gelernt hatte – dessen Spione wirklich geschickt sein mussten, wenn sie von Aelins Vergangenheit erfahren hatten. Allerdings schien Arghun sich nur mit Mühe ein selbstgefälliges Lächeln verkneifen zu können.

»Wir mögen durch das Enge Meer getrennt sein«, bemerkte der Großkhan zu Chaol, dessen Züge unverändert blieben, »aber selbst wir haben von Celaena Sardothien gehört. Ihr bringt mir Juwelen, die zweifellos aus ihrer Sammlung stammen. Doch es sind Juwelen für mich, obwohl meine Tochter Duva« – ein Blick in Richtung seiner hübschen, schwangeren Tochter, die dicht neben Hasar stand – »noch keinerlei Hochzeitsgeschenk empfangen hat, weder von Eurem neuen König noch von der zurückgekehrten Königin, während alle anderen Herrscher ihre Geschenke schon vor bald einem halben Jahr geschickt haben.«

Nesryn verbarg ihre Zerknirschung. Ein Versehen, das mit so vielen Wahrheiten hätte erklärt werden können – aber keine davon wagte sie auszusprechen, nicht hier. Ebenso wenig wie Chaol, der weiterhin schwieg.

»Aber«, fuhr der Großkhan fort, »ungeachtet der Juwelen, die Ihr mir hier wie Getreidesäcke vor die Füße gekippt habt, wäre mir die Wahrheit am liebsten. Vor allem nachdem Aelin Galathynius Euren eigenen gläsernen Palast zerschmettert, Euren früheren König ermordet und Eure Hauptstadt übernommen hat.«

»Wenn Prinz Arghun all diese Informationen bereits hat«, sagte Chaol schließlich mit unerschütterlicher Kaltschnäuzigkeit, »braucht Ihr sie vielleicht nicht auch noch von mir.«

Nesryn wand sich innerlich, als sie seinen Trotz hörte, seinen Ton …

»Vielleicht nicht«, erwiderte der Großkhan, während Arghuns Augen eine Spur schmaler wurden. »Aber ich denke, Ihr wollt vielleicht ein paar Wahrheiten von mir hören.«

Chaol bat nicht darum. Sein »So?« klang nicht im Mindesten interessiert.

Kashin versteifte sich. Der eifrigste Beschützer seines Vaters also. Arghun tauschte nur einen Blick mit einem Wesir und lächelte Chaol an wie eine Natter, die sich auf ihren Angriff vorbereitete.

»Ich glaube, Ihr seid aus folgendem Grund hergekommen, Lord Westfall, rechte Hand des Königs.«

Nur die Möwen, die hoch über der Kuppel des Thronsaals kreisten, wagten es, Lärm zu machen.

Der Großkhan schloss nacheinander alle Deckel der Schatztruhen.

»Ich glaube, Ihr seid gekommen, um mich davon zu überzeugen, mich Eurem Krieg anzuschließen. Adarlan ist gespalten, Terrasen ist mittellos und wird ohne Zweifel einige Probleme damit haben, seine überlebenden Lords dazu zu bringen, für eine unerfahrene Königin zu kämpfen, die sich zehn Jahre lang in Rifthold amüsiert und sich diese Juwelen mit ihrem Blutgeld erkauft hat. Die Anzahl Eurer Verbündeten ist gering und vergänglich. Ganz im Gegensatz zu Herzog Perringtons Streitkräften. Die übrigen Königreiche auf Eurem Kontinent sind zerschlagen und durch Perringtons Armeen von Euren nördlichen Territorien getrennt. Also habt Ihr Euch aufgemacht, um mich – so schnell die acht Winde Euch tragen konnten – anzuflehen, meine Armeen zu Euren Gestaden zu schicken. Um mich davon zu überzeugen, unser Blut für eine aussichtslose Sache zu vergießen.«

»Manch einer könnte es auch als edle Sache bezeichnen«, konterte Chaol.

»Ich bin noch nicht fertig«, sagte der Großkhan und hob die Hand.

Chaol war sichtlich verärgert, unterbrach den Großkhan jedoch nicht noch einmal. Nesryns Herz hämmerte.

»Viele würden argumentieren«, sagte der Großkhan und wedelte mit seiner erhobenen Hand in Richtung einiger Wesire, in Richtung Arghuns und Hasars, »dass wir uns aus der Sache heraushalten sollten. Oder besser noch, uns mit jener Streitmacht verbünden, deren Sieg gewiss ist und von deren Handel wir seit zehn Jahren profitieren.«

Ein Wedeln dieser Hand in Richtung einiger anderer Männer und Frauen in den goldenen Gewändern der Wesire. In Richtung Sartaqs, Kashins und Duvas. »Andere würden sagen, dass wir durch ein Bündnis mit Perrington nur das Risiko eingehen, eines Tages seine Armeen in unseren Häfen vorzufinden. Dass die zerschlagenen Königreiche von Eyllwe und Fenharrow unter neuer Herrschaft vielleicht wieder zu Wohlstand kommen und unsere Schatztruhen sich durch gute Handelsbeziehungen füllen lassen würden. Ich habe keinen Zweifel, dass Ihr mir genau das versprechen werdet. Ihr werdet mir exklusive Handelsabkommen anbieten, wahrscheinlich zu Eurem eigenen Nachteil. Aber Ihr seid verzweifelt, und es gibt nichts in Eurem Besitz, das ich nicht bereits habe. Das ich mir nicht nehmen kann, wenn ich es wünsche.«

Chaol hielt zum Glück den Mund. Auch wenn seine braunen Augen angesichts der unterschwelligen Drohung glühten.

Der Großkhan öffnete noch einmal die vierte Truhe und spähte hinein. Juwelenbesetzte Kämme und Bürsten, kunstvolle Parfümfläschchen, gefertigt von Adarlans besten Glasbläsern. Denselben, die den gläsernen Palast erbaut hatten, den Aelin zerstört hatte. »Also, Ihr seid gekommen, um mich davon zu überzeugen, mich Eurer Sache anzuschließen. Und ich werde es während Eures Aufenthaltes bei uns überdenken. Da Ihr zweifellos noch aus einem anderen Grund hier seid.«

Ein Wink dieser vernarbten, juwelenbesetzten Hand in Richtung des Rollstuhls. Chaols gebräunte Wangen färbten sich dunkler, aber er zuckte nicht zusammen, zog nicht den Kopf ein. Nesryn zwang sich, es ihm gleichzutun.

»Arghun hat mich darüber informiert, dass Eure Verletzungen jüngeren Datums sind – dass Ihr sie Euch zugezogen habt, als der gläserne Palast explodierte. Wie es scheint, hat die Königin von Terrasen ihre Verbündeten nicht allzu sorgsam beschützt.«

Ein Muskel zuckte in Chaols Kiefer, als alle, vom Prinzen bis zum Diener, auf seine Beine schauten.

»Da Eure Beziehungen mit Doranelle jetzt angespannt sind, ebenfalls dank Aelin Galathynius, gibt es für Euch wohl nur noch einen Weg, geheilt zu werden. Nämlich hier in der Torre Cesme.«

Der Großkhan zuckte die Achseln, der einzige Hinweis auf den jungen, respektlosen Krieger, der er einst gewesen war. »Meine geliebte Gemahlin wäre zutiefst bekümmert, wenn ich einem verletzten Mann die Chance auf Heilung verwehren würde« – die Herrscherin war nirgends im Raum zu sehen, wie Nesryn mit einem Mal klar wurde –, »also werde ich Euch selbstverständlich die Erlaubnis erteilen, die Torre zu betreten. Ob jedoch ihre Heilerinnen bereit sind, sich um Euch zu kümmern, wird ihre Sache sein. Nicht einmal ich lenke den Willen der Torre.«

Die Torre – mit ihrem Turm. Er herrschte vom Gipfel des höchsten Hügels über den südlichen Rand Anticas, überblickte die Stadt, die sich den Hang hinunter zum grünen Meer erstreckte. Sitz der berühmten Heilerinnen, erbaut zu Ehren ihrer Göttin Silba, die sie gesegnet hatte. Von den sechsunddreißig Gottheiten, die im Laufe der Jahrhunderte aus Religionen von nah und fern von diesem Reich willkommen geheißen worden waren, war Silba die unbestrittene Herrscherin in dieser Stadt der Götter.

Chaol sah so aus, als würde er glühende Kohlen schlucken, aber es gelang ihm zum Glück, den Kopf zu neigen. »Ich danke Euch für Eure Großzügigkeit, Erhabener Großkhan.«

»Ruht Euch heute Nacht aus – ich werde sie darüber informieren, dass Ihr morgen früh bereit seid. Da Ihr nicht zu ihnen gehen könnt, wird man eine der Heilerinnen zu Euch schicken. Falls sie einverstanden sind.«

Chaol bewegte die Finger auf seinem Schoß, ballte sie aber nicht zu Fäusten. Nesryn wagte kaum zu atmen.

»Ich stehe zu ihrer Verfügung«, antwortete Chaol gepresst.

Der Großkhan schloss die letzte Schatztruhe. »Ihr könnt Eure Geschenke behalten, rechte Hand des Königs, Botschafter von Aelin Galathynius. Ich habe keine Verwendung für sie – und kein Interesse an ihnen.«

Chaol riss den Kopf hoch, als hätte er etwas Ungewöhnliches im Ton des Großkhans bemerkt. »Warum nicht?«

Nesryn konnte kaum mehr verbergen, wie sehr sie sich innerlich wand. Dem überraschten und verärgerten Ausdruck in den Augen des Großkhans nach zu urteilen oder den Blicken, die seine Kinder sich zuwarfen, wagte es sonst niemand, sich so fordernd an den Herrscher zu wenden.

Aber Nesryn fing in den Augen des Großkhans noch etwas anderes auf – ein Flackern der Erschöpfung.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus, als ihr die weißen Banner wieder auffielen, die vor den Fenstern flatterten, überall in der Stadt. Als sie zu den sechs Erben hinüberschaute und noch einmal nachzählte.

Nicht sechs.

Fünf. Es waren nur fünf da.

Trauerbanner im Königshaus. In der ganzen Stadt.

Das Volk hier trauerte nicht offen – nicht so, wie die Menschen in Adarlan, die sich ganz in Schwarz kleideten und monatelang Trübsal bliesen. Selbst in der königlichen Familie des Großkhans ging das Leben weiter. Ihre Toten wurden nicht in Katakomben oder Särge aus Stein gesteckt, sondern in weiße Leichentücher gehüllt und unter freiem Himmel auf die eingegrenzten heiligen Areale weit draußen in der Steppe gebettet.

Nesryn ließ ihren Blick noch einmal über die fünf potenziellen Thronfolger schweifen. Es waren die fünf ältesten. Und gerade, als ihr klar wurde, dass Tumelun, die Jüngste – noch keine siebzehn –, fehlte, bemerkte der Großkhan zu Chaol: »Eure Spione sind wirklich nutzlos, wenn Ihr davon nichts gehört habt.«

Mit diesen Worten schritt er zu seinem Thron zurück und überließ es Sartaq vorzutreten. Über den unergründlichen Augen des zweitältesten Prinzen lag ein Schleier der Trauer. Sartaq nickte Nesryn stumm zu. Ja. Ja, sie lag richtig mit ihrer Vermutung …

Sartaqs kräftige, angenehme Stimme erfüllte den Raum. »Unsere geliebte Schwester Tumelun ist vor drei Wochen unerwartet verstorben.«

Oh Götter. So viele Worte und Rituale waren missachtet worden; gerade jetzt auch nur herzukommen, um ihre Hilfe im Krieg zu erbitten, war ungehobelt, taktlos …

Chaol brach das angespannte Schweigen, wobei er jedem Prinz und jeder Prinzessin mit ihren ernsten Gesichtern fest in die Augen sah, um schließlich dem ermüdeten Blick des Großkhans zu begegnen: »Ihr habt mein tief empfundenes Mitgefühl.«

Nesryn flüsterte: »Möge der nördliche Wind sie zu schöneren Ebenen tragen.«

Nur Sartaq machte sich die Mühe, zum Dank zu nicken, die anderen wirkten jetzt kühl und steif.

Nesryn sandte Chaol einen warnenden Blick, um ihm klarzumachen, dass er sich nicht nach dem Todesfall erkundigen solle. Er begriff und nickte.

Der Großkhan kratzte an einem Fleckchen auf seinem Elfenbeinthron, während die Stille so schwer über dem Raum lastete wie einer der Mäntel, welche die Pferde-Lords in der Steppe zum Schutz gegen den bitteren Nordwind und gegen ihre gnadenlos harten hölzernen Sättel trugen.

»Wir waren drei Wochen lang auf See«, versuchte Chaol einzulenken, seine Stimme jetzt etwas weicher.

Der Großkhan machte sich nicht die Mühe, so zu tun, als hätte er Verständnis. »Das würde außerdem erklären, warum Ihr nichts von der anderen Neuigkeit mitbekommen habt, und davon, warum diese kalten Juwelen für Euch nun vielleicht von größerem Nutzen wären.« Der Großkhan verzog die Lippen zu einem freudlosen Lächeln. »Heute Morgen haben uns Arghuns Kontaktmänner eine weitere Nachricht von einem Schiff zugebracht. Eure königlichen Schatztruhen in Rifthold sind nicht länger zugänglich. Herzog Perrington und seine grausige, fliegende Heerschar haben Rifthold überfallen.«

Ein Gefühl der Ohnmacht, pulsierend und hohl, machte sich in Nesryn breit. Sie war sich nicht sicher, ob Chaol noch atmete.

»Wir haben keine Nachricht über König Dorians Verbleib, aber er hat ihnen Rifthold überlassen. Ist im Schutz der Nacht geflohen, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf. Die Stadt ist gefallen. Alles südlich von Rifthold gehört jetzt Perrington und seinen Hexen.«

Als Erstes sah Nesryn die Gesichter ihrer Neffen und Nichten vor sich.

Dann das Gesicht ihrer Schwester. Ihres Vaters. Sah ihre Küche, die Bäckerei. Die Birnentörtchen, die auf dem langen Holztisch abkühlten.

Dorian hatte sie verlassen. Hatte sie alle zurückgelassen, um … was zu tun? Hilfe zu suchen? Zu überleben? Zu Aelin zu laufen?

War die königliche Garde geblieben, um zu kämpfen? Hatte irgendwer gekämpft, um die Unschuldigen in der Stadt zu retten?

Ihre Hände zitterten. Es war ihr egal. Egal, ob diese Leute in ihren kostbaren Gewändern höhnisch grinsten.

Die Kinder ihrer Schwester, ihre große Freude im Leben …

Chaol starrte sie an. Sein Gesicht verriet nichts. Keine Erschütterung, keinen Schock.

Diese rot-goldene Uniform erdrückte sie. Erstickte sie.

Hexen und Wyvern. In ihrer Stadt. Mit eisernen Zähnen und Nägeln. Quälten und zerfetzten die Menschen bis aufs Blut. Ihre Familie – ihre Familie …

»Vater.«

Sartaq war abermals vorgetreten. Seine onyxschwarzen Augen blickten zwischen Nesryn und dem Großkhan hin und her. »Unsere Gäste haben eine lange Reise hinter sich. Bei aller Politik«, sagte er und sah Arghun missbilligend an, der erheitert schien, erheitert angesichts dieser Nachricht, die er überbracht hatte und die ihr den Boden unter den Füßen wegzog. »Bei aller Politik sind wir immer noch eine gastfreundliche Nation. Lass sie für ein paar Stunden ausruhen und sich dann zum Abendessen zu uns gesellen.«

Hasar trat neben Sartaq und sah Arghun dabei stirnrunzelnd an. Vielleicht nicht tadelnd wie ihr Bruder, sondern vielmehr ärgerlich, weil Arghun diese Nachricht nicht zuerst ihr erzählt hatte. »Möge kein Gast in unserem Hause Rast machen und zu dem Schluss kommen, dass es an Annehmlichkeiten mangelt.« Obwohl die Worte an sich herzlich waren, war Hasars Ton alles andere als das.

Ihr Vater warf ihnen einen geistesabwesenden Blick zu. »In der Tat.« Urus winkte den Dienern an den hinteren Säulen. »Geleitet sie zu ihren Gemächern. Und sendet eine Nachricht an die Torre, die beste Heilerin zu schicken – Hafiza, falls sie bereit ist, von diesem Turm herunterzukommen.«

Nesryn hörte kaum noch zu. Wenn die Hexen die Stadt beherrschten, dann waren auch die Valg, die sie Anfang des Sommers heimgesucht hatten, nicht weit … Es gab niemanden mehr, der gegen sie kämpfte. Niemanden, der ihre Familie beschützte.

Falls sie überlebt hatte.

Sie konnte kaum atmen. Kaum denken.

Sie hätte nicht fortgehen dürfen. Hätte diesen Posten nicht annehmen dürfen.

Sie konnten tot sein oder leiden. Tot. Tot.

Sie bemerkte die Dienerin nicht, die herbeikam, um Chaols Stuhl zu schieben. Bemerkte kaum die Hand, die Chaol ausstreckte und in ihre legte.

Nesryn verbeugte sich nicht einmal vor dem Großkhan, als sie den Saal verließen.

Sie konnte nicht aufhören, ihre Gesichter vor sich zu sehen.

Die Kinder. Die Kinder ihrer Schwester, lächelnd und mit runden Bäuchlein.

Sie hätte nicht herkommen dürfen.

3

Nesryn stand unter Schock.

Und sosehr Chaol es sich auch gewünscht hätte – er konnte nicht zu ihr. Konnte ihr nicht helfen, konnte sie nicht in die Arme schließen und fest an sich drücken.

Nicht, nachdem sie in dem ihnen im Erdgeschoss des Palasts zugewiesenen prunkvollen Gemach stumm wie ein Gespenst direkt in ihr Schlafzimmer geschlichen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Als hätte sie vergessen, dass noch irgendwer sonst auf der Welt existierte.

Er machte ihr keinen Vorwurf.

Chaol ließ sich von der Dienerin, einer zierlichen jungen Frau mit kastanienbraunem Haar, das ihr in schweren Locken bis zur schmalen Taille herabfiel, in das zweite Schlafzimmer schieben. Von hier aus blickte er direkt auf einen Garten voller Obstbäume und plätschernder Springbrunnen, während Kaskaden rosafarbener und purpurner Blüten von den Blumentöpfen des Balkons über ihm herunterhingen. Wie lebendige Vorhänge vor seinen hohen Schlafzimmerfenstern – eigentlich Türen, begriff er.

Die Dienerin murmelte irgendetwas darüber, ein Bad einlassen zu wollen. Ihre Kenntnisse seiner Sprache waren unbeholfen im Vergleich zu denen des Großkhans und seiner Kinder. Nicht dass er in der Position gewesen wäre, das zu verurteilen: Er beherrschte keine der anderen Sprachen seines eigenen Kontinents fließend.

Sie schlüpfte hinter einen geschnitzten, hölzernen Wandschirm, hinter dem es zweifellos in sein Badezimmer ging, und Chaol spähte durch seine immer noch offene Schlafzimmertür durch die Eingangshalle mit dem hellen Marmorboden zu den verschlossenen Türen von Nesryns Zimmer.

Sie hätten nicht fortgehen dürfen.

Er hätte zwar nichts tun können, aber … er wusste, was die Ungewissheit mit Nesryn machen würde. Was sie bereits mit ihm machte.

Dorian war nicht tot, sagte er sich. Er war aus der Stadt entkommen. Geflohen. Wenn er sich in Perringtons Gewalt befunden hätte – in Erawans Gewalt –, hätten sie davon erfahren. Prinz Arghun hätte davon erfahren.

Seine Stadt, von Hexen überfallen. Er fragte sich, ob Manon Blackbeak den Angriff geführt hatte.

Chaol versuchte vergeblich aufzurechnen, wer wem in dieser Konstellation etwas schuldete. Aelin hatte bei Temis’ Tempel Manons Leben verschont, aber Manon hatte ihnen entscheidende Informationen über Dorian gegeben, als dieser von dem Valg besessen gewesen war. Waren sie damit nun quitt? Oder vorläufig Verbündete?

Es war Zeitverschwendung zu hoffen, dass Manon sich gegen Morath wenden würde. Aber er sandte ein stummes Gebet, dass welcher Gott auch immer ihm vielleicht gerade zuhörte, Dorian beschützen und seinen König in freundlichere Gefilde leiten möge.

Dorian würde es schaffen. Er war zu clever, zu begabt, um zu scheitern. Es gab keine Alternative für Chaol, keine einzige. Dorian lebte und war in Sicherheit. Oder auf dem Weg in Sicherheit. Und im nächstbesten Moment würde Chaol alle Informationen aus dem ältesten Prinzen herausquetschen. Trauer hin oder her. Alles, was Arghun wusste, musste er wissen. Und dann würde er diese Dienerin bitten, jedes Handelsschiff nach weiteren Nachrichten über den Angriff zu durchkämmen.

Kein Wort – er hatte kein Wort über Aelin gehört. Wo sie jetzt war, was sie tat. Aelin, die Person, an der diese Allianz womöglich scheitern konnte.

Er knirschte mit den Zähnen, gerade als sich die Türen zur Eingangshalle des Gemachs öffneten und ein hochgewachsener, breitschultriger Mann hereinstolzierte, als gehöre ihm das Ganze.

Was wohl auch so war, überlegte Chaol. Prinz Kashin kam allein und unbewaffnet, bewegte sich aber so entspannt wie jemand, der auf die unerschütterliche Kraft seines Körpers vertraute.

So, vermutete Chaol, musste er selbst einst durch den Palast von Rifthold geschritten sein.

Chaol neigte zur Begrüßung den Kopf, als der Prinz die Türen hinter sich schloss und ihn musterte. Der abschätzende Blick eines Kriegers, offen und gründlich. Als seine braunen Augen endlich denen Chaols begegnete, sagte der Prinz in der Sprache Adarlans: »Verletzungen wie die Eure sind hier nichts Ungewöhnliches und ich habe schon einige davon gesehen – vor allem unter den Pferde-Clans. Dem Volk meiner Familie.«

Chaol hatte keine besondere Neigung, seine Verletzung mit dem Prinzen oder irgendwem sonst zu erörtern, daher nickte er nur. »Davon bin ich überzeugt.«

Kashin legte den Kopf schief und musterte Chaol abermals, während ihm sein dunkler Zopf über seine muskulöse Schulter fiel. Vielleicht erriet er Chaols Wunsch, dieses spezielle Thema nicht weiter zu vertiefen. »Mein Vater wünscht tatsächlich, dass Ihr beide uns beim Abendessen Gesellschaft leistet. Und mehr noch, dass Ihr Euch auch jeden weiteren Abend, solange Ihr hier seid, zu uns gesellt. Und an der Hohen Tafel sitzt.«

Es war nichts Ungewöhnliches, eine solche Bitte an einen Würdenträger zu richten, der zu Besuch war, und es war auf jeden Fall eine Ehre, am Tisch des Großkhans persönlich zu sitzen, aber seinen Sohn damit zu beauftragen … Chaol erwog seine nächsten Worte mit Bedacht, um sich dann einfach für das Offensichtlichste zu entscheiden. »Warum?«

Die Familie wollte nach dem Verlust ihres jüngsten Mitglieds doch bestimmt unter sich bleiben. Fremde einzuladen, sich zu ihnen zu gesellen, war …

Die Züge des Prinzen verhärteten sich. Kein Mann, der es gewohnt war, seine Gefühle zu verstecken, im Gegensatz zu seinen drei älteren Geschwistern. »Arghun behauptet, unser Palast sei vor den Spionen von Herzog Perringtons Streitmächten sicher, seine Handlanger seien noch nicht da. Ich teile diese Ansicht nicht. Und Sartaq …« Der Prinz hielt inne, als wollte er seinen Bruder – oder potenziellen Verbündeten – nicht ins Spiel bringen. Kashin verzog das Gesicht. »Es gab einen Grund, warum ich mich für ein Leben unter Soldaten entschieden habe. Das doppelzüngige Gerede am Hof …«

Chaol fühlte sich versucht zu sagen, dass er verstehe. Dass er den überwiegenden Teil seines Lebens genauso empfunden habe. Aber stattdessen fragte er: »Ihr glaubt, Perringtons Kräfte hätten den Hof bereits infiltriert?«

Wie viel wussten Kashin oder Arghun von Perringtons Streitkräften – kannten sie die Wahrheit über den Valg-König, der in Perringtons Haut steckte? Oder über die Armeen, die er befehligte, schlimmer als alles, was ihre Fantasie heraufbeschwören konnte? Aber diese Informationen … würde er für sich behalten. Und abwarten, ob sie sich irgendwie nutzen ließen, falls Arghun und der Großkhan nichts davon wussten.

Kashin rieb sich den Nacken. »Ich habe keine Ahnung, ob es Perrington ist oder jemand aus Terrasen oder Melisande oder Wendlyn. Ich weiß nur, dass meine Schwester jetzt tot ist.«

Chaols Herz setzte einen Schlag aus. Aber er wagte es zu fragen: »Wie ist es geschehen?«

Trauer flackerte in Kashins Augen auf. »Tumelun war immer ein wenig wild und verwegen. Neigte zu Launenhaftigkeit. Am einen Tag war sie glücklich und lachte, am nächsten in sich gekehrt und hoffnungslos. Man behauptet …« Er schluckte schwer. »Man behauptet, sie wäre deswegen von ihrem Balkon gesprungen. Duva und ihr Gemahl haben sie später in jener Nacht gefunden.«

Ein Todesfall in der Familie war immer verheerend, aber ein Selbstmord … »Das tut mir leid«, murmelte Chaol leise.

Kashin schüttelte den Kopf, und das Sonnenlicht, das aus dem Garten hereinfiel, tanzte auf seinem schwarzen Haar. »Ich glaube das nicht. Meine Tumelun wäre nicht gesprungen.«

Meine Tumelun. Die Worte verrieten genug darüber, wie nah der Prinz seiner jüngeren Schwester gestanden hatte.

»Ihr vermutet ein Verbrechen?«

»Ich weiß nur, dass ich sie kannte – ungeachtet ihrer Launen. So wie ich mein eigenes Herz kenne.« Er legte sich eine Hand darauf. »Sie wäre nicht gesprungen.«

Chaol erwog seine Worte noch einmal sorgfältig. »Sosehr ich Euren Verlust bedaure, habt Ihr irgendeinen Grund zu argwöhnen, dass ein fremdes Königreich ihren Tod eingefädelt haben könnte?«

Kashin ging einige Schritte auf und ab. »Kein Land innerhalb unseres Reichs wäre dumm genug, so etwas zu tun.«

»Nun, auch in Terrasen oder Adarlan würde niemals jemand etwas Derartiges tun – nicht einmal um Euch zu manipulieren, damit Ihr Euch diesem Krieg anschließt.«

Kashin musterte ihn kurz. »Auch nicht eine Königin, die einst selbst eine Assassinin war?«

Nicht die leiseste Regung verriet Chaols Gefühle. »Sie mag eine Assassinin gewesen sein, aber Aelin hatte strikte Grenzen, die sie nicht überschritt. Eine davon war, keine Kinder zu töten oder ihnen etwas anzutun.«

Kashin blieb vor der Kommode an der Wand zum Garten stehen und rückte auf ihrer dunklen polierten Oberfläche ein vergoldetes Kästchen zurecht. »Ich weiß. Das habe ich auch in den Berichten meines Bruders gelesen. Einzelheiten über ihre Morde.« Chaol hätte schwören können, dass der Prinz schauderte, bevor er hinzufügte: »Ich glaube Euch.«

Zweifellos der Grund, warum der Prinz überhaupt dieses Gespräch mit ihm führte.

Kashin fuhr fort: »Womit nicht mehr viele andere fremdländische Mächte übrig bleiben, die für so etwas infrage kommen – und Perrington steht ganz oben auf dieser Liste.«

»Aber warum sollte er es auf Eure Schwester abgesehen haben?«

»Ich weiß es nicht.« Kashin ging noch einmal einige Schritte auf und ab. »Sie war sehr jung und arglos – sie ist mit mir unter den Darghan geritten, unseren Clans mütterlicherseits. Besaß noch keinen eigenen Sulde.«

Als Chaol die Stirn runzelte, klärte der Prinz auf: »Ein Speer, den alle Darghan-Krieger tragen. Wir binden ein paar Strähnen vom Haar unseres Lieblingspferdes an den Schaft, unterhalb der Klinge. Unsere Vorfahren glaubten, dass dort, wohin diese Haare im Wind wehten, unser Schicksal wartet. Einige von uns glauben immer noch an solche Dinge, aber selbst diejenigen, die es für eine bloße Tradition halten … Nun, wir nehmen ihn überall mit hin. Es gibt einen Hof in diesem Palast, in dem mein Sulde und die meiner Geschwister direkt neben dem meines Vaters in der Erde stecken, damit sie den Wind spüren, solange wir in seinem Palast weilen. Aber im Todesfall …« Wieder dieser Schatten von Trauer. »Im Todesfall sind sie das Einzige, was wir behalten. Sie tragen die Seele des Darghan-Kriegers für alle Ewigkeit und werden in unserem heiligen Reich in den Steppenboden gerammt.« Der Prinz schloss die Augen. »Nun wird ihre Seele mit dem Wind umherstreifen.«

Nesryn hatte vorhin etwas Ähnliches gesagt. Chaol wiederholte nur: »Das tut mir leid.«

Kashin öffnete die Augen. »Ein paar meiner Geschwister glauben mir nicht, was Tumelun betrifft. Ein paar tun es. Unser Vater … bleibt unentschieden. Unsere Mutter verlässt nicht einmal mehr ihr Zimmer, so groß ist ihre Trauer, und die Erwähnung meines Verdachts könnte – ich kann mich nicht dazu überwinden, es ihr gegenüber zur Sprache zu bringen.« Er rieb sich sein kräftiges Kinn. »Also habe ich meinen Vater dazu überredet, Euch zu bitten, uns jeden Abend beim Essen Gesellschaft zu leisten, als diplomatische Geste. Aber ich möchte, dass Ihr Euch mit den Augen eines Außenstehenden umschaut. Um mir alles zu berichten, was nicht stimmt. Vielleicht seht Ihr etwas, was wir nicht sehen.«

Ihnen helfen … und vielleicht im Gegenzug Hilfe bekommen. Chaol sagte unumwunden: »Wenn Ihr mir genug vertraut, um mir all das zu erzählen und mich das tun zu lassen, warum schließt Ihr Euch dann nicht uns in diesem Krieg an?«

»Es ist nicht an mir, etwas dazu zu sagen oder zu vermuten.« Ein ausgebildeter Soldat. Kashin untersuchte die Räumlichkeiten, als schätzte er ab, ob vielleicht irgendwo potenzielle Feinde auf der Lauer lagen. »Ich marschiere nur, wenn mein Vater den Befehl erteilt.«

Wenn Perringtons Kräfte bereits hier waren, wenn die Ermordung der Prinzessin tatsächlich von Morath ausging … Es wäre zu einfach. Zu einfach, den Großkhan umzustimmen und ihn dazu zu bewegen, sich mit Dorian und Aelin zu verbünden. Perrington – Erawan war viel zu klug dafür.

Aber wenn Chaol den Kommandanten der Bodentruppen des Großkhans für ihre Seite gewinnen könnte …

»Ich spiele diese Spielchen nicht mit, Lord Westfall«, erklärte Kashin, der richtig deutete, was offenbar in Chaols Augen aufblitzte. »Meine Geschwister sind diejenigen, die Ihr überzeugen müsst.«

Chaol klopfte mit einem Finger auf die Armlehne seines Stuhls. »Irgendwelche Hinweise auf dieser Seite?«