Tibitu und Tibitea - Andreas Jäger - E-Book

Tibitu und Tibitea E-Book

Andreas Jäger

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Beschreibung

Das unbeschwerte Leben der beiden Tierhüterkinder Tibitu und Tibitea wird durch die Nachricht, ein Drache treibe sein Unwesen im Wald, aufgerüttelt. Sie fassen heimlich einen waghalsigen Entschluss und erleben nach einem gefährlichen Abenteuer eine echte Überraschung.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Andreas Jäger

Tibitu undTibitea

Das Geheimnis des Drachen

© 2020 Andreas Jäger

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-16708-7

Hardcover:

978-3-347-16709-4

e-Book:

978-3-347-16710-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meine EnkelkinderElias, Alissa und Larain Liebe

Vorwort

Fast jeden Tag saß er auf demselben Felsen jener schroffen Klippen, welche die Donnerberge nach Osten hin begrenzten. Unmittelbar neben ihm stürzten die Fluten des Donnerflusses in einem mächtigen Wasserfall tosend und schäumend in die Tiefe. Gelegentlich geriet die pfeilförmige Spitze seines langen, in wellenartigen Bewegungen hin- und herpendelnden Schwanzes in das kalte Wasser und wurde ruckartig wieder zurückgezogen. Der Blick seiner gelben Augen war in die Ferne gerichtet. Ab und zu ging ein Zittern durch seinen langgestreckten, grünen Körper. Dann ließ er ein Schnauben hören und leichte Rauchwölkchen kamen stoßweise aus seinen Nasenöffnungen. Hatte er lange genug dort gesessen, stürzte er sich mit einem lauten Kreischen von der Klippe, tauchte in die Gischt des Wasserfalls ein, aus der er nach einem kurzen Augenblick mit ausgebreiteten Flügeln wieder auftauchte. Wenig später verschwand er, von majestätischen Flügelschlägen getragen, in dem geheimnisumwitterten und schwer zugänglichen Gebiet der Donnerberge.

Erstes Kapitel

Kennt ihr Tibitu? Oder seine Zwillingsschwester Tibitea? Nein?

Das glaube ich euch sofort. Denn ihre Geschichte wurde bis heute nie erzählt. Also hört gut zu:

Tibitu war ein normaler kleiner Junge, wie es noch über tausend andere kleine Jungen gibt. Er hatte eine Schwester. Diese war am selben Tag, nur ein paar Augenblicke später als Tibitu, geboren. Sie war deswegen seine jüngere Zwillingsschwester und hieß Tibitea.

Tibitu war schlank und etwas schlaksig. Sein dunkelblonder Haarschopf wirkte immer etwas zerzaust und meistens schaukelte eine Strähne seiner Haare vorwitzig über seinen wachen und tiefblauen Augen. Seine Ohren liefen leicht spitz nach hinten zu, was ihm ein bisschen das Aussehen eines Waldelfen gab. Zwischen seinen Augen wuchs eine gerade, etwas spitze Nase aus seinem Gesicht. Und der Mund darunter.

Was soll ich euch sagen? Dieser Mund hatte schmale Lippen, deren Enden immer leicht nach oben gebogen waren, gerade so, als ob Tibitu immer lächeln würde. Auch dann, wenn er eigentlich traurig war. Aber das machte nichts. Denn Tibitu war selten traurig. Deswegen war es schon richtig, dass seine Mundwinkel immer lächelten.

*

Seine Zwillingsschwester Tibitea war etwas kleiner als er, aber genauso schlaksig. Sie hatte eine gewaltige Mähne struwweliger, hellblonder Haare, die nicht zu bändigen waren, und die Tibiteas Mutter deswegen immer mit einem Gummiband oben auf ihrem Kopf zu einem kecken Haarbusch zusammenband, der ihr entweder rechts oder links auf die Schulter fiel, je nachdem in welche Richtung Tibitea gerade ihren Kopf neigte.

Auch sie hatte, wie ihr Zwillingsbruder, diese kleinen, nach hinten spitz zulaufenden Ohren. Ihre vollkommen grünen Augen blitzten meistens fröhlich in die Welt. Sie hatte eine kleine Stupsnase und ihr ganzes Gesicht schien immer zu lächeln.

Ja! Tibitea war ein sehr fröhliches Kind. Außer sie war mit etwas, das Tibitu gerade tat oder angestellt hatte, nicht einverstanden. Dann baute sie sich vor ihm auf, stemmte ihre Arme in die Hüften und legte den Kopf auf die rechte Seite, sodass ihr Haarbusch auf ihre rechte Schulter fiel. Dann holte sie tief Luft und bedachte Tibitu mit einer Strafpredigt, die erst endete, wenn Tibitu hoch und heilig versprach, so etwas nie wieder zu tun. Oder – was häufiger vorkam - wenn Tibitu vor seiner Schwester die Flucht ergriff und sich der Strafpredigt entzog, indem er beide Zeigefinger in seine Ohren steckte und so schnell er konnte davonrannte.

Wenn ich euch vorhin erzählt habe, dass Tibitu ein normaler kleiner Junge war, wie es noch tausend andere kleine Jungen gibt, so war dies vielleicht nicht ganz richtig.

Tibitu lebte mit seiner Familie, das heißt mit seinem Vater, seiner Mutter, seinem älteren Bruder Tiba – seine Zwillingsschwester Tibitea kennt ihr ja schon – in einem Wald. Sie gehörten zu einer Familie von Tierhütern.

Ihr wisst nicht was ein Tierhüter ist?

Nein?

Ein Tierhüter ist nicht so etwas wie ein Schäfer, der einfach den ganzen Tag lang auf seine Tiere aufpasst oder gar wie ein Zoowärter, der eingesperrte Tiere füttert und pflegt. Nein! Zu jener Zeit, als Tibitu und Tibitea mit ihrer Familie lebten, gab es noch richtige Tierhüter, wie es sie heute, glaube ich, gar nicht mehr gibt.

Damals war ein Tierhüter ein ganz besonderer Mensch. Ein Mensch, der die Verbindung zwischen Tieren und Menschen, aber auch die Verbindung zwischen Tieren und anderen Tieren herstellen konnte. Erwachsene Tierhüter, wie der Vater oder die Mutter, hatten damals die wunderbare Gabe, die Gestalt eines jeden Tieres annehmen zu können. Hatte ein Tierhüter dann die Gestalt eines Tieres angenommen, konnte er auch die Sprache des jeweiligen Tieres verstehen und sprechen.

*

Der Vater konnte sich in einen Hirsch, in einen Hasen oder in einen großen Vogel verwandeln und dann mit anderen Hirschen, mit den Hasen oder den Vögeln reden und sie fragen, wie es ihnen gehe. Damals vertrauten die Tiere ihren Tierhütern und erzählten ihnen von ihren Sorgen und Nöten, aber auch von ihren Freuden.

Wenn ihm die Rehe, Hirsche, Hasen oder Wildschweine berichteten, dass der Bauer oder der Müller hinter dem Erlenbach gerade dabei war, ausgerechnet jenen Wald abzuholzen, der die leckersten Blätter, Gräser und Eicheln für die Tiere abwarf, hörte sich der Vater in Gestalt eines Tieres diese Sorgen an und ging dann als Mensch zu dem Bauer oder zu dem Müller und brachte jenen die Sorgen der Tiere vor.

Auch die Menschen achteten die Tierhüter, wussten sie doch, dass diese eine wichtige Aufgabe zur Erhaltung des Gleichgewichts in der Natur erfüllten und hörten dem Vater deswegen aufmerksam zu.

So konnte es geschehen, dass die Menschen jenen, von den Tieren bevorzugten Waldstrich, für die Tiere unberührt ließen und ihr Holz in einem anderen Wald schlugen.

Es konnte aber auch sein, dass die Menschen wichtige Gründe dafür hatten, ausgerechnet das Holz aus jenem Wald zu verwenden. Vielleicht weil es diese Holzsorte in einem anderen Teil des Waldes nicht oder nicht in dieser Qualität gab und ausgerechnet dieses Holz von den Menschen dringend benötigt wurde. Dann hörte sich der Vater die Beweggründe der Menschen an, ging zurück in den Wald und verwandelte sich wieder in einen Hirsch, einen Hasen, ein Wildschwein oder ein anderes Tier und überbrachte den Tieren die Antwort der Menschen.

Dann nahmen die Tiere schweren Herzens Abschied von diesem Teil des Waldes und suchten sich eine andere Stelle aus, an der es gutes Futter gab. Wurde es dann Winter und das Futter für die Tiere knapp, zeigten sich die Menschen erkenntlich und streuten den Tieren Futter aus ihren eigenen Vorräten aus.

*

Auch wenn dies manchmal sehr umständlich war: Auf diese Weise wurde viel Streit vermieden, weil sich die Menschen mit den Tieren und die Tiere untereinander durch die Vermittlung der Tierhüter verständigen konnten und sich Mühe gaben, den jeweils anderen zu achten und zu verstehen.

In jener Zeit wäre kein Mensch auf den Gedanken verfallen, die Tiere des Waldes einfach zu verjagen. Und kein Tier hätte gedankenlos ein von Menschen angelegtes Feld zertrampelt oder kahlgefressen. Das kam alles erst später in die Welt, in einer Zeit, in der es keine Tierhüter mehr gab und Menschen und Tiere keine Möglichkeit mehr hatten, sich miteinander zu verständigen.

Zweites Kapitel

Doch ich wollte euch von Tibitu und Tibitea erzählen.

Auch Tibitu und Tibitea hatten von Geburt an diese besondere Gabe, sich in Tiere verwandeln zu können. Doch war diese wunderbare Fähigkeit bei Tierhüterkindern nicht von Geburt an vollständig ausgeprägt, sondern musste, wie alles im Leben, erst mühsam erlernt werden.

Tibitus und Tibiteas Eltern konnten sich in fast alle Tiere verwandeln. In die ganz kleinen, wie Bienen, Spinnentiere, Mäuse und Eidechsen ebenso, wie in die ganz großen Tiere des Waldes, wie Pferde, Hirsche und Rehe, Bären, Wölfe, Füchse, Löwen oder was auch immer ihr euch vorstellen könnt.

Wie bitte? - Ja natürlich! Sie konnten sich auch in echte Löwen verwandeln. Denn auch Löwen gab es zur damaligen Zeit im Wald.

Ich glaube, ich weiß auch schon, was ihr jetzt als nächstes fragen wollt.

Ihr wollt wissen, wie es sein kann, dass ein Tierhüter für einen Löwen oder für einen Bären oder für einen Wolf genauso da sein kann, wie für ein Schaf oder für einen Hirsch oder für ein anderes Tier, das doch gerade von diesen großen Raubtieren gefressen wird.

Diese Frage stellt ihr zu Recht. Das war eine schwierige Aufgabe für die Tierhüter. Denn sie konnten den Raubtieren schließlich nicht einfach befehlen, keine anderen Tiere mehr zu jagen und zu essen.

*

Doch damals lebten die Menschen und die Tiere noch im Einklang mit der Natur. Und die Natur hatte es so eingerichtet, dass diese Raubtiere immer die schon sehr kranken und schwachen Tiere jagten, die ohne Hilfe nicht mehr leben konnten und im Wald jämmerlich verhungert wären.

Oder jene Tiere, die jedes Jahr übermütig so viele Nachkommen in ihr Nest setzten, dass in kürzester Zeit der ganze Wald überbevölkert gewesen wäre, hätten die Raubtiere nicht einen Teil dieser Tiere gejagt.

Die Tierhüter mussten nur eingreifen, wenn ein Raubtier über die Stränge schlug und willkürlich alles jagte und fraß, was ihm vor die Klauen oder die Zähne kam.

Dann verwandelte sich der Vater der Zwillinge durchaus auch einmal in einen zotteligen Bären oder in einen mächtigen Wolf, suchte den Übeltäter auf und sagte ihm auf bärisch oder auf wölfisch ordentlich die Meinung, wie man sich als Raubtier in einem Wald zu benehmen hatte. Meistens schlich sich dann der Gescholtene beschämt von dannen und der Vater konnte den anderen Waldtieren die beruhigende Nachricht bringen, dass wieder Ordnung im Wald einkehren werde.

*

Doch gab es unter den Tierhütern dazu auch ein eindeutiges und klares Gesetz, das jeder Tierhüter kannte, und das er streng beachtete. Kein Tierhüter durfte eingreifen, wenn ein Raubtier ein anderes Tier jagte und dann verzehrte. Denn auch das gehört zum Lauf der Natur.

Ihr seht, die Aufgabe der Tierhüter war nicht gerade einfach. Auch wenn sie das gerne wollten, konnten sie nicht allen Tieren gleichzeitig helfen. Hätten sie einem Hasen gegen einen Fuchs beigestanden, wäre zwar dem Hasen geholfen gewesen. Der Fuchs aber, der ja auch unter dem Schutz der Tierhüter stand, hätte bitteren Hunger leiden müssen. Hätten die Tierhüter stattdessen gar dem Fuchs bei der Jagd geholfen, hätten sie dem Hasen geschadet.

Doch ihr wollt jetzt sicher wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Vermittelte der Vater in erster Linie zwischen Menschen und Tieren und zwischen den Tieren untereinander, kümmerte sich die Mutter der Zwillinge indessen um das gesamte Wachstum in der Natur.

Wenn im Frühling die ersten Blüten aufgingen, verwandelte sie sich in eine Biene und weckte die schlafenden Bienenköniginnen. Kurz darauf sah man es überall auf den Wiesen auf allen Blüten wimmeln und hörte die fleißigen Tiere summen und brummen und emsig ihrer Arbeit nachgehen.

Wenn es an der Zeit war, verwandelte sie sich in eine bunte Raupe und kroch von Blatt zu Blatt, von Wurzel zu Wurzel und erinnerte die Raupen daran, dass es an der Zeit war, sich ein letztes Mal zu häuten und in eine Puppe zu verwandeln. Später im Jahr kroch sie von Puppe zu Puppe und weckte die Schlafenden. Kurz darauf wimmelte es auf der Wiese und in den Büschen vor bunten Schmetterlingen, die sich im strahlenden Licht der Sonne mit der schillernden Farbenpracht ihrer wild flatternden Flügel gegenseitig überboten.

Sobald im Frühjahr das letzte Eis von Bächen und Tümpeln geschmolzen war, verwandelte sie sich in einen Frosch oder in eine schlanke Forelle und ermahnte die Bewohner des Wassers, es sei an der Zeit, sich auf ein neues Jahr vorzubereiten.

Sie verwandelte sich in ein Reh und führte die Rehe und Hirsche des Waldes zu den schönsten Weideplätzen. Falls eines der Tiere beim Spiel in einen Dorn trat oder sich ein Bein verrenkte, verwandelte sie sich in einen Menschen zurück und zog dem verletzten Tier den Dorn aus dem Fuß oder kühlte das hinkende Bein.

*

Der mit Abstand schönste Tag im Jahr war dann für alle Waldbewohner das Tierfest.

Ihr wisst wahrscheinlich auch nicht, was es mit dem Tierfest auf sich hat, weil es so etwas heute nicht mehr gibt

.

Am Tag des Tierfestes kamen alle Tiere des Waldes mit ihren Tierhütern zusammen. Es gab an diesem Tag keine Feindschaft. Auch die großen Raubtiere feierten lustig und ausgelassen mit den kleineren Tieren. Am Tag des Tierfestes konnte es durchaus geschehen, dass man einen großen Bären lachbrummend auf dem Rücken liegen sah, während die Kinder der Familie Hase eifrig auf seinen Bauch kletterten und lachpiepsend auf der anderen Seite herunterrutschten.

Am Tag des Tierfestes mischten sich die erwachsenen Tierhüter in den unterschiedlichsten Gestalten unter die Tiere und stellten sich als Übersetzer und als Vermittler für alle Tiere des Waldes zur Verfügung.

Drittes Kapitel

Tibitu und Tibitea konnten dies alles natürlich noch nicht. Sie waren noch Kinder und konnten sich bislang nur in kleine Tiere verwandeln. Stundenlang spielten sie Fangen.

Aber stellt euch einmal vor, wie ein Fangenspiel bei Tierhüterkindern ausgesehen haben muss.

„Du kriegst mich nie!“, rief Tibitu fröhlich und rannte übermütig quer über die Wiese hinter dem Haus.

„Ich fang dich!“, kreischte Tibitea und rannte ausgelassen hinter ihrem Bruder her.

Tibitu schlug einen Haken nach dem anderen, um Tibitea, die ihm dicht auf den Fersen folgte, abzuhängen. Als Tibitea merkte, dass sie ihren flinken Bruder zu Fuß nicht einholen konnte, verwandelte sie sich aus vollem Lauf in einen kleinen Spatz und schwang sich, durch die Verwandlung eine kleine Nebelwolke zurücklassend, in die Lüfte.

Ihr wisst sicher, dass selbst der kleinste Spatz schneller fliegen, als der schnellste Mensch auf der Welt rennen kann und würde es sich um den Weltmeister im Schnellrennen handeln.

So dauerte es nur wenige Augenblicke, bis sich Tibitea von oben im Sturzflug auf ihren hakenschlagenden Bruder stürzte.

Tibitu hörte im letzten Moment das leichte Rauschen in der Luft. Gerade als Tibitea sich auf seine Schulter setzen wollte und sich dabei in ein kleines Mädchen zurückverwandelte, war plötzlich Tibitu verschwunden.

Tibitea saß verdutzt auf der Wiese und sah Tibitu gerade noch – verwandelt in eine kleine Maus - durch ein schmales Loch im Bretterzaun schlüpfen.

„Das ist gemein!“, schimpfte Tibitea.

„Du kriegst mich nicht!“, hörte man Tibitu mit piepsiger Mäusestimme lachen.

Doch Tibitea war ihm schon wieder auf den Fersen. Sie hatte sich in eine geschmeidige, dunkle Katze verwandelt. Das war das größte Tier, in das sie sich damals verwandeln konnte. Mit einem eleganten Satz setzte sie über den Zaun. Ihre scharfen Katzenaugen hatten die flüchtende Maus sofort erspäht. Ein paar rasche Sätze und ein letzter Sprung! …

Kurz darauf saß die Katze schnurrend auf Tibitus Schoß, die Krallen noch in seine Jacke geschlagen. Tibitu schnappte heftig nach Luft. Gleich darauf verwandelte sich auch Tibitea in einer kleinen Nebelwolke wieder zurück in Tibitea.

*

„So ein Mist!“, schimpfte Tibitu.

„Jetzt hab` ich dich doch gekriegt!“, triumphierte Tibitea und warf lachend ihren Kopf zurück, wobei ihr blonder Haarbusch lustig hin und her wippte.

Du hast mich nur gekriegt, weil es nicht geklappt hat, dass ich mich in einen Hund verwandelt habe.“, murrte Tibitu und verzog sein Gesicht zu einer schmollenden Grimasse, was nicht so recht gelingen wollte, weil seine Mundwinkel immer lächelnd nach oben zeigten.

Doch wollte er es jetzt wissen.

„Ich verwandle mich jetzt in einen Hund!“, kündigte er laut an, sprang auf und schüttelte sich.

Gleich darauf nahm sein Gesicht eine längliche Form an und seine Ohren wurden spitz. Sein Körper überzog sich mit einem flauschigen Hundefell. Er ging nieder auf alle Viere und aus seinen Händen und Füßen formten sich Pfoten.

Doch dann schien es einen Augenblick lang, als habe sich ein Schleier aus Nebel über ihn gelegt. Das Bild des Hundes verpuffte.

Aus dem Nebelschleier verflüchtigte sich für einige Augenblicke ein bitter-süßer Geruch. Kurz darauf saß Tibitu wieder in Gestalt eines kleinen Jungen auf der Wiese.

Das Fell war verschwunden. Aus den Pfoten waren wieder Hände und Füße geworden. Und das Gesicht unter den blonden Haaren mit den blauen Augen, der spitzen Nase und dem ewigen Lächeln war eindeutig Tibitus Gesicht.