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Der Einbezug von Tieren stellt in vielen therapeutischen und pädagogischen Bereichen einen idealen Zugang dar: Durch positive Grundhaltungen wie Wertschätzung, Ressourcen-, Kontext- und Lösungsorientierung sowie der Methodenvielfalt ist die tiergestützte Arbeit ein wichtiges Instrument. Das Handbuch beschreibt Wege und Herangehensweisen der tiergestützten Interventionen und liefert einen breiten Überblick über den Stand der Forschung und Praxis. Es fasst das relevante Wissen in einem Werk zusammen und ist ein Wegweiser in allen Fragen zu tiergestützten Interventionen. Themen sind u. a. grundlegende Theorien und Modelle, verschiedene Settings, spezifische Herausforderungen der Arbeit mit Tieren, unterschiedliche Einsatzformen und Haltungsbedingungen. Ein Grundlagenwerk für die tiergestützte Arbeit!
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Seitenzahl: 759
Veröffentlichungsjahr: 2021
mensch & tier
Prof. Dr. Andrea Beetz, Diplom-Psychologin, leitet den Fernstudiengang Heilpädagogik (B.A.) an der IUBH Internationalen Hochschule.
Dr. Meike Riedel, Dipl.-Sportwissenschaftlerin, arbeitet als StR. i. H. am Institut für Sport und Sportwissenschaft der TU Dortmund.
Dr. Rainer Wohlfarth ist als Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis tätig, arbeitet tiergestützt mit Hund und Esel bei Ani.Motion - Institut für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden und als akademischer Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
ISBN 978-3-497-03045-3 (Print)
ISBN 978-3-497-61454-7 (PDF-E-Book)
ISBN 978-3-497-61455-4 (EPUB)
2., aktualisierte Auflage
© 2021 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
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Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München
Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]
Inhalt
Abkürzungsverzeichnis
Vorwort
Teil I: Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung und tiergestützter Interventionen
1 Geschichte tiergestützter Interventionen
2 Begrifflichkeiten und Definitionen
3 Die Mensch-Tier-Beziehung und Wirkmechanismen
4 Tiergestützte Interventionen und Salutogenese
5 Qualitätsstandards als Rahmenbedingungen
6 Rechtliche Grundlagen
7 Ethik und tiergestützte Interventionen
8 Tierschutz
9 Tierquälerei und zwischenmenschliche Gewalt
10 Klinikhygiene
Teil II: Tiere in der tiergestützten Intervention
11 Pferde
11.1 Pferdegestützte Interventionen
11.2 Besonderheiten der Mensch-Pferd-Beziehung
12 Hunde
12.1 Hundegestützte Interventionen
12.2 Besonderheiten der Mensch-Hund-Beziehung
13 Katzen
14 Kleintiere
15 Lamas, Alpakas, Kamele
16 Farmtiere
17 Wildtiere und Exoten
Teil III: Praxis tiergestützter Interventionen: Konzepte – Anwendungsfelder – Einsätze
18 Tiergestützte Pädagogik
18.1 Schulhunde
18.2 Leseförderung
18.3 Lernen und Konzentration
18.4 Stress-Bissprävention
19 Sonder-/Heilpädagogische Interventionen
19.1 Hunde in der Sozialen Arbeit
19.2 Autismus-Spektrum-Störungen
19.3 Tiergestützte Interventionen bei AD(H)S
19.4 Ganzheitliche Sonderpädagogische Förderung
20 Tiergestützte Psychotherapie
20.1 Depression und Burnout
20.2 Sucht
20.3 Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter
20.4 Trauma und posttraumatische Belastungsstörung
20.5 Bindung und Persönlichkeit
21 Schädel-Hirn-Trauma
22 Palliativversorgung
23 Gerontologie, Demenz
24 Physiotherapie
25 Ergotherapie
26 Sonderformen Tiergestützter Arbeit
26.1 Tiergestützte Intensivtherapiewochen
26.2 Tierbesuchsdienste
26.3 Tierhaltung in Institutionen
26.4 Grenzwertige Programme
26.5 Mit Green Care zurück in die Zukunft
27. Assistenzhunde
28 Finanzierung
Abschließende Anmerkungen
Autorenverzeichnis
Sachregister
Abkürzungsverzeichnis
ABAApplied Behavior AnalysisADEuAssistance Dogs EuropeADIAssistance Dogs InternationalADLActivities of Daily LivingArbSchGArbeitsschutzgesetzASSAutismus-Spektrum-StörungAVMAAmerican Veterinary Medical AssociationBBGBundesbehindertengesetz (Österreich)BGBBürgerliches GesetzbuchBioStoffVBiostoffverordnungBPSTemotional-instabile PST vom Borderline TypBudgetVBudgetverordnungCPTCognitive Processing TheoryDGUVDeutsche Gesetzliche UnfallversicherungDKThRDeutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V.DMTDeutscher Motorik-TestDOKRDeutsches Olympiade-Komitee für ReitereiDOSBDeutscher Olympischer SportbundDSM-5Diagnostic and Statistical Manual of Mental DisordersDVEDeutscher Verband der Ergotherapeuten e. V.EASCEuropean Association for Supervision und CoachingEATEquine Assisted TherapyEATAEuropean Association for Transactional AnalysisEFexekutive FunktionenEMDREye Movement Desensitization and ReprocessingESAATEuropean Society for Animal Assisted TherapyFAPPFachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der PsychotherapieFATPForum der Ausbildungsträger einer Therapie mit dem PferdFNFédération Équestre Nationale, hier: Deutsche Reiterliche Vereinigung e. V.G-BAGemeinsamer BundesausschussGefHGGesetz zur Vorbeugung und Abwehr der von Hunden ausgehenden GefahrenGefStoffVGefahrstoffverordnungGKVGesetzliche KrankenversicherungHeilprGHeilpraktikergesetzHFPHeilpädagogische Förderung mit dem PferdHOPEDeutsches Register zur Hospiz- und PalliativerhebungHSGHundegestützte Soziale GruppenarbeitHund[e]GLandeshundegesetze (bundesländerunabhängig)IAHAIOInternational Association of Human-Animal Interaction OrganizationsICD-10International Statistical Classification of Diseases and Related Health ProblemsICFInternationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und GesundheitIfSGInfektionsschutzgesetzIGDFInternational Guide Dog FederationISAATInternational Society for Animal Assisted TherapyISAZInternational Society for AnthrozoologyITAAInternational Transactional Analysis AssociationKDAKuratorium Deutsche AltershilfeLHundGHundegesetz für das LandNRWNordrhein-WestfalenLMHVLebensmittelhygiene-VerordnungMBCTMindfulness-Based Cognitive Therapy/Achtsamkeitsbasierte Kognitive TherapieMCSMinimally Conscious State (Minimaler Bewusstseinszustand)MFTMünchner FitnesstestMTBMensch-Tier-BeziehungMTIMensch-Tier-InteraktionNETNarrative ExpositionstherapieNHBPSNursing Home Behavior Problem ScaleNHundGNiedersächsisches Gesetz über das Halten von HundenOKTRÖsterreichisches Kuratorium Therapeutisches ReitenPEProlonged Exposure TherapyPRTPivotal Response TreatmentPSTPersönlichkeitsstörungenPTBSPosttraumatische BelastungsstörungR.E.A.D.Reading Education Assistance DogsRKIRobert-Koch-InstitutSGBSozialgesetzbuchSG-TRSchweizer Gruppe Therapeutisches ReitenSHEASociety for Healthcare Epidemiology of AmericaSHTSchädel-Hirn-TraumaSOCSense of CoherenceStVOStraßenverkehrsordnungTATTiere als TherapieTEACCHTreatment and Education of Autistic and Related Communication Handicapped ChildrenTGATiergestützte AktivitätTGITiergestützte InterventionTGPTiergestützte PädagogikTGTTiergestützte TherapieTierSchGTierschutzgesetzTierSchHuVTierschutzhundeverordnungTRBATechnische Regeln für Biologische ArbeitsstoffeTRGSTechnische Regeln für GefahrstoffeWHOWorld Health Organization (Weltgesundheitsorganisation)WIADWissenschaftliches Institut der Ärzte Deutschlands e. V.Sämtliche Gesetze beziehen sich, soweit nicht anders gekennzeichnet, auf deutsches Recht.
Vorwort
Tiergestützte Interventionen (TGI) sind in den verschiedensten Disziplinen anzutreffen, z. B. in der Psychotherapie, Pädagogik, Sonder-/Heilpädagogik, Physiotherapie, Ergotherapie, Rehabilitation oder Gerontologie. Oft scheint es für Interessierte in diesem Feld schwierig, sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen – nicht nur über die Einsatzmöglichkeiten bei verschiedenen Erkrankungen, Störungsbildern oder pädagogischen Anliegen oder die eingesetzten Tierarten, sondern auch über den Stand der Forschung und Hintergrundwissen über Wirkungen und zugrundeliegende Mechanismen.
Das vorliegende Handbuch soll zum einen Interessierten als Einführung in die TGI dienen, zum anderen als Grundlagenwerk für die Aus- und Weiterbildung in tiergestützten Interventionen Basiswissen zu den verschiedenen Themen vermitteln. Jedes Kapitel kann nur als Einführung in ein Thema verstanden werden – die Praxis der TGI in bestimmten Spezialgebieten bedarf der Beschäftigung mit weiterführender Literatur, welche in den im jeweiligen Kapitel empfohlenen Veröffentlichungen zu finden ist.
Das Handbuch ist in drei Teile gegliedert.
In Teil 1 werden die Grundlagen tiergestützter Interventionen und Hintergrundwissen vorgestellt, wie die Geschichte der TGI, Begriffe und Definitionen, Theorien der Mensch-Tier-Beziehung, Salutogenese, und Rahmenbedingungen von TGI, inklusive rechtlichen Aspekten, Tierschutz, Ethik, Gefährdungsprävention und Zoonosen – und Themen wie die Eignung von Tieren oder Wissen über den Zusammenhang von Tierquälerei und zwischenmenschlicher Gewalt.
Teil 2 widmet sich den Tieren in der TGI: den verschiedenen Tierarten wie Hunden, Pferden, Katzen, Lamas/Alpakas, Kleintieren, und landwirtschaftlichen Nutztieren. Es wird jedoch auch der Einsatz von Wildtieren und Exoten in der TGI kritisch beleuchtet.
In Teil 3 folgen dann Kapitel zur eigentlichen Praxis der TGI; zum einen in der Pädagogik, zum anderen im medizinischen und therapeutischen Bereich.
Die Themen zur tiergestützten Pädagogik umfassen: Schulhunde, Leseförderung mit Hund, Leistungs- und Konzentrationsförderung sowie Bissprävention und artgerechter Hundeumgang. Weiterhin werden im Bereich der Sonder-/Heilpädagogischen TGI Tiere im Strafvollzug, bei Autismus, ADHS oder im Rahmen ganzheitlicher sonderpädagogischer Förderung angesprochen.
Im Themenblock „Psychologie und Psychotherapie“ werden TGI bei Depression/ Burn Out, Sucht, Adipositas, PTBS/Trauma und Persönlichkeitsstörungen behandelt.
Es folgen Informationen zur tiergestützten Praxis bei Schädel-Hirn-Trauma, in der Palliativmedizin/im Hospiz, bei Demenz, in der Physiotherapie und Ergotherapie.
Zusätzlich wurden Kapitel zu Sonderformen tiergestützten Arbeitens – wie tiergestützte Intensiv-Therapiewochen, Tierbesuchsdienste, Tierhaltung auf Stationen und andere, grenzwertige Programme sowie Lehrbauernhöfe oder Assistenzhunde aufgenommen. Den dritten Teil abschließend gibt es ein Kapitel zur Finanzierung von TGI.
In jedem der Kapitel wird versucht, einen Einblick in die Praxis und den Stand der Forschung zu TGI beim jeweiligen Störungsbild zu geben.
Wir hoffen, mit dem vorliegenden Handbuch zur TGI eine große Bandbreite an wichtigen Themen in diesem Feld abgedeckt zu haben – auch wenn uns bewusst ist, dass nicht alle interessanten Themen Berücksichtigung finden konnten.
Ein Aspekt, der uns bei der TGI sehr wichtig erscheint – und dem dieses Werk auch Respekt zollen soll – ist der One-Health-Gedanke, so wie er von der International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO, 2014, S. 7., Übers. d. A.) für die Mensch-Tier-Beziehung allgemein und für tiergestützte Interventionen im Besonderen beschrieben wird:
„Die Gesundheit und das Wohlergehen von Tieren, Menschen und der Umwelt ist untrennbar miteinander verbunden.“
Daher können Menschen langfristig nur dann von TGI profitieren und sich dieses Arbeitsfeld halten, wenn es auch den Tieren im Rahmen der TGI gut geht. Die Tiere sind Partner und Mitarbeiter der menschlichen Fachkraft – und die Qualität dieser Beziehung zwischen TGI-Fachkraft und Tier bedingt auch die Qualität und Effektivität der TGI für den Klienten.
Dieses Buch ist unserem Freund, Mentor und Kollegen Prof. Dr. Erhard Olbrich gewidmet, der Pionierarbeit für die tiergestützten Interventionen im deutschsprachigen Raum geleistet hat.
Juni 2018 Andrea Beetz, Meike Riedel und Rainer Wohlfarth
Teil I: Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung und tiergestützter Interventionen
1 Geschichte tiergestützter Interventionen
Von Dennis C. Turner, Rainer Wohlfahrt, Andrea Beetz
Eine Beschäftigung mit der Geschichte tiergestützter Interventionen muss zwangsläufig mit der Geschichte des akademischen und praxis-orientierten Interesses an Mensch-Tier-Beziehungen in der angelsächsischen Welt beginnen. Seit Jahrtausenden profitieren wir Menschen – größtenteils unbewusst – von der Anwesenheit von und der Kameradschaft mit Tieren.
Schon im neunten Jahrhundert integrierten Familien im Sinne einer „Therapie naturelle“ Tiere in die Betreuung von Menschen mit Behinderung. Im 18. Jahrhundert gaben im York Retreat Quäker psychisch kranken Menschen Tiere zum Versorgen, um die Selbstwirksamkeit zu fördern.
Trotzdem wuchs das formelle Interesse an der Mensch-Tier-Beziehung und ihren Konsequenzen für unsere Gesundheit erst ab den 1960er Jahren deutlich an. Impulsgebend waren die Publikationen von Boris Levinson (1962) und Sam Corson und Elisabeth O´Leary Corson (1978) in den USA, welche u. a. die Rolle eines Hundes in der kommunikativen Öffnung eines Patienten und beim Aufbau einer Beziehung zwischen Patient und Therapeut dokumentierten.
Seither gab es sehr viele Publikationen, z. T. anekdotische und populäre, z. T. wissenschaftliche, welche die Bedeutung und Wirkung von Heimtieren auf Menschen teils sehr gepriesen haben. Das öffentliche Interesse an „Tieren als Co-Therapeuten“ war enorm und kam über den Atlantik nach Europa und (später) über den Pazifik nach Asien. Verschiedene Organisationen mit Besuchstieren wurden gegründet, die erste und bekannteste war die Delta Society (nun Pet Partners) in den USA, im deutschen Sprachraum folgten etwa Tiere helfen Menschen e. V. in Deutschland, Tiere als Therapie (TAT) in Österreich und der Verein Therapiehunde (VTHS) in der Schweiz.
Doch die human-medizinische Fachwelt und die Gesundheitsministerien waren skeptisch bis zum Erscheinen einiger wegweisender Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, die Gesundheitseffekte von Heimtierhaltung untersuchten, wie zum Beispiel: Friedmann et al. (1980), Baun et al. (1984), Serpell (1991), Anderson et al. (1992) und Friedmann und Thomas (1995).
Als erstes reagierte das US Gesundheitsministerium (National Institute of Health, NIH) mit einer Konferenz, respektive einem ‚Technology Assessment Workshop’ über die gesundheitsfördernden Wirkungen von Heimtieren (US National Institutes of Health, 1987). Diese Konferenz kam schon damals zum Schluss, dass es genügend Evidenz für gesundheitsförderliche Wirkungen gibt, um weitere Forschung zu initiieren. In der Folge wurden viele Forschungsprojekte, wie auch die Gründung der wichtigsten Gesellschaften auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Beziehung, von der Heimtiernahrungsmittel-Industrie, allen voran von Mars Petcare/Waltham, finanziell unterstützt. Im Jahr 2008 gingen dann das US National Institute of Child Health and Human Development, eine Unterorganisation des NIH, und das National Institute of Nursing Research eine Public-Private-Partnerschaft mit dem Waltham Centre ein, um Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung offiziell zu fördern. Die Auswahl der Projekte unterlag ab diesem Zeitpunkt den strengen Anforderungen des NIH, welches die Projekte auch größtenteils finanziert.
1990 war ein wichtiges Jahr für das Fachgebiet „Mensch-Tier-Beziehungen“, da in diesem Jahr die International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO; www.iahaio.org, 08.06.2018) in Toronto gegründet wurde, welche ursprünglich zwölf nationale Organisationen umfasste. Heute zählt die IAHAIO fast neunzig Mitgliedsorganisationen, die weit über 100.000 Mitglieder rund um die Welt vertreten. Die IAHAIO will das Fachgebiet „Mensch-Tier-Interaktion“ durch Forschung, Bildung und Praxisentwicklung fördern und hat immer dafür plädiert, dass die Praktiker und Forscher miteinander kommunizieren und gemeinsam an internationalen Kongressen und Symposien teilnehmen. Diese Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis spiegelt sich auch in ihrem Open Access Journal „People and Animals: The International Journal of Research and Practice“ (PAIJ). Im deutschen Sprachraum sind die beiden Institute für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT-Österreich, IEMT-Schweiz) und der Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft (Deutschland) Gründungsmitglieder der IAHAIO.
Während die IAHAIO ein Dachverband von Organisationen ist, wurde ebenfalls 1990 die Idee eines Zusammenschlusses von Forschern und Akademikern geboren. 1991 wurde anlässlich eines Symposiums in Cambridge, UK, die International Society for Anthrozoology (ISAZ; www.isaz.net, 08.06.2018) gegründet. Die ISAZ und ihre Mitglieder fördern das Studium der Mensch-Tier-Interaktionen und -Beziehungen (heute wird es als Fachgebiet „Anthrozoologie“ betitelt) durch die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen und die Organisation wissenschaftlicher Tagungen. Der fachliche Austausch wird auch über die Fachzeitschrift „Anthrozoös“ gefördert, welche von der ISAZ herausgegeben wird. Sie gilt mittlerweile als wissenschaftlich renommierte Fachzeitschrift mit einem relativ hohen „impact factor“.
Aufgrund des zunehmenden Interesses und der Praxis von „tiergestützter Therapie“ und „tiergestützten Aktivitäten“ wuchs der Bedarf nach Standards in der Aus- und Weiterbildung. Im Oktober 2004 wurde ESAAT – European Society for Animal Assisted Therapy – ein Verein zur Erforschung und Förderung der therapeutischen, pädagogischen und salutogenetischen Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung mit Sitz in Wien an der Veterinärmedizinischen Universität Wien – gegründet (www.esaat.org, 28.06.2018). Ziel war es, die Aus- und Fortbildung auf dem Gebiet der tiergestützten Therapie zu vereinheitlichen und die Anerkennung der tiergestützten Therapie als Therapieform sowie die Schaffung eines eigenen Berufsbildes zu erreichen. Heute stehen die Etablierung von Qualitätsstandards und Leitlinien sowie die Akkreditierung von Aus- und Weiterbildungen im Zentrum der Aktivitäten. Akkreditiert werden von der ESAAT berufsbegleitende/universitäre Fortbildungen zur Fachkraft für tiergestützte Interventionen und Basis-Ausbildungen z. B. zum Therapiebegleithunde-Team. Die ESAAT umfasst im Mai 2018 17 Mitgliedsinstitutionen aus dem Bereich tiergestützter Intervention.
Auf globaler Ebene wurde 2006 die International Society for Animal Assisted Therapy (ISAAT; www.aat-isaat.org, 08.06.2018) in Zürich durch Vertreter von Universitäten und Privatinstitutionen aus Japan, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz gegründet. ISAAT hat eine von der Organisation unabhängige, internationale „Akkreditierungs-Kommission“, welche die schriftlichen Gesuche nach den ISAAT-Standards beurteilt und eine Empfehlung an das ISAAT Board macht. Im Mai 2018 sind zwölf Programme – inklusive einiger universitärer Lehrgänge – akkreditiert. Seit 2017 werden Hunde „Basis Team-“ Ausbildungsprogramme beurteilt und zertifiziert.
Es ist das erklärte Ziel beider Organisationen, ESAAT und ISAAT, in Zukunft enger zusammen zu arbeiten, um das Fachgebiet und die Praxis zu fördern. Als ein erster Schritt wurden gemeinsame Leitlinien zur Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung veröffentlicht (Wohlfarth & Olbrich 2014).
Es bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass sich die Zusammenarbeit der einzelnen Organisationen und Institutionen im Feld tiergestützter Interventionen verbessert und sich Praxis und Forschung vermehrt gegenseitig „befruchten“.
ZUSAMMENFASSUNG
Die Geschichte tiergestützter Interventionen ist noch sehr jung. Sie hat ihre Wurzel in den USA, dort begann die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Mensch-Tier-Beziehung wie auch der praktische Einsatz von Tieren. Erst in den 1990er Jahren begannen erste Organisationen in den deutschsprachigen Ländern zunächst Therapiebegleithunde nach US-amerikanischem Vorbild auszubilden und einzusetzen. Erst nach und nach kamen dann auch andere Tiere in tiergestützten Interventionen zum Einsatz. Erst in den 2000er Jahren wurden in Europa Dachverbände gegründet, welche sich dafür einsetzen, die Qualität der Aus- und Weiterbildungen zu vereinheitlichen und zu verbessern.
Für die Zukunft tiergestützter Intervention ist es wichtig, dass sich die Zusammenarbeit der einzelnen Organisationen und Institutionen im Feld tiergestützter Interventionen verbessert und sich Praxis und Forschung vermehrt gegenseitig „befruchten“.
Anderson, W., Reid, C. & Jennings, G. (1992). Pet ownership and risk factors for cardiovascular disease. Medical Journal of Australia, 157, 298–301.
Baun, M., Bergstrom, N., Langston, N. & Thoma, L. (1984). Physiological effects of human/companion animal bondings. Nursing Research, 33(3), 126–129.
Corson, S. A. & O’Leary Corson, M. S. E. (1978). Pets as mediators of therapy. Current Psychiatric Therapies, 18, 195–205.
Friedmann, E., Katcher, A., Lynch, J. & Thomas, S. (1980). Animal companions and one-year survival of patients after discharge from a coronary care unit. Public Health Reports, 95(4), 307–312.
Friedmann, E. & Thomas, S. (1995). Pet ownership, social support, and one-year survival after acute myocardial infarction in the Cardiac Arrythmia Suppression Trial (CAST). American Journal of Cardiology, 76, 1213–1217.
Levinson, B. (1962). The dog as a „co-therapist“. Mental Hygiene, 46, 59–65. Serpell, J. (1991). Beneficial effects of pet ownership on some aspects of human health and behaviour. Journal of Royal Society Medicine, 84, 717–720.
US National Institutes of Health, Technology Assessment Workshop (1987). Health benefits of pets: Summary of the working group. Washington, D. C.: US Department of Health and Human Services.
Wohlfarth, R. & Olbrich, E. (2014). Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Praxis tiergestützter Interventionen – ein Leitfaden. Wien/Zürich: Eigenverlag ESAAT und ISAAT.
2 Begrifflichkeiten und Definitionen
Von Andrea Beetz, Dennis C. Turner und Rainer Wohlfarth
Historische Entwicklung
Wer aufmerksam die Fachliteratur studiert oder populäre Berichte in Zeitschriften liest, bemerkt schnell, wie schwierig es ist, eine griffige und korrekte Bezeichnung oder Definition für Tiere als therapeutische oder pädagogische Begleiter zu finden. Dies ist vor allem darin begründet, dass die therapeutischen oder pädagogischen Felder, in denen Tiere eingesetzt werden, sehr heterogen und oft kaum miteinander vergleichbar sind. Da keine rechtlichen Vorgaben bestehen, gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe, Ausbildungen und Vorgehensweisen.
Die erste Definition im Bereich der tiergestützten Interventionen legte 1996 die amerikanische Organisation Delta Society (Delta Society, 1996 – seit 2012: Pet Partners, www.petpartners.org, 25.05.2018) vor. In dieser Definition wurde grob zwischen tiergestützter Therapie (Animal Assisted Therapy, AAT) als zielgerichtetem Einsatz eines Tieres in einem professionellen Kontext und tiergestützten Aktivitäten (Animal Assisted Activities, AAA) als nicht zielgerichtetem Einsatz von Tieren durch Ehrenamtliche unterschieden.
Diese grundlegende Unterscheidung wurde in den folgenden Jahren auch in den deutschsprachigen Ländern als tiergestützte Therapie bzw. tiergestützte Aktivitäten übernommen. Später wurden die zwei Begriffe noch durch den Terminus tiergestützte Pädagogik ergänzt, um deutlich zu machen, dass Tiere auch in anderen Feldern außerhalb des therapeutischen Kontextes professionell eingesetzt werden.
Otterstedt (2017) ergänzte diese drei Formulierungen noch um den Begriff der tiergestützten Förderung. Diese kann von Personen ohne therapeutischen, pädagogischen oder sozialen Grundberuf – wie z. B. Biologen oder Landwirten – durchgeführt werden, die sich in tiergestützten Interventionen weitergebildet haben. Es werden dann keine spezifischen therapeutischen, pädagogischen Methoden oder Methoden der Sozialen Arbeit eingesetzt, sondern es wird eine zielgruppenspezifische Förderung im Sinne einer Aktivierung, Motivierung und Förderung der Kommunikation durchgeführt. Der Begriff der tiergestützten Förderung ist aus unserer Sicht nicht klar genug definiert und weitet das Feld tiergestützter Interventionen zu sehr aus. Unseres Erachtens sollte er nicht mehr verwendet werden.
Definition der International Association of Human Animal Interaction Organizations (IAHAIO)
2013 hat die International Association of Human Animal Interaction Organizations (IAHAIO), in der sich weltweit Organisationen zusammengeschlossen haben, welche sich mit der Mensch-Tier-Beziehung beschäftigen, eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um eine global gültige Terminologie zu erarbeiten. Die Definition, welche eine multiprofessionelle Arbeitsgruppe vorlegte, wurde im sogenannten IAHAIO Weissbuch 2014 veröffentlicht (IAHAIO 2014).
Tiergestützte Intervention (TGI): Eine Tiergestützte Intervention ist der Oberbegriff für alle zielgerichteten und strukturierten Interventionen, die bewusst Tiere in Gesundheitsfürsorge, Pädagogik und Soziale Arbeit einbeziehen und integrieren, um psychische, kognitive oder soziale Verbesserungen bei Menschen zu erreichen. Tiergestützte Interventionen beziehen Teams von Mensch und Tier in formale Ansätze wie Tiergestützte Therapie (TGT), Tiergestützte Pädagogik (TGP) und tiergestütztes Coaching, sowie, unter bestimmten Voraussetzungen, auch Tiergestützte Aktivitäten (TGA) ein.
Tiergestützte Therapie (TGT): Tiergestützte Therapie ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte therapeutische Intervention, die von professionell im Gesundheitswesen, der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit ausgebildeten Personen im Rahmen ihrer Praxis angeleitet oder durchgeführt wird. Fortschritte im Rahmen der Intervention werden gemessen und professionell dokumentiert. TGT wird von beruflich qualifizierten Personen im Rahmen ihrer Praxis innerhalb ihres Fachgebiets durchgeführt und/oder angeleitet. TGT strebt die Verbesserung physischer, kognitiver, verhaltensbezogener und/oder sozio-emotionaler Funktionen bei individuellen Klienten an. Die Fachkraft, welche TGT durchführt (oder der Betreuer der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestützte Pädagogik (TGP) oder auch Tiergestützte Erziehung: Tiergestützte Pädagogik (TGP) ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte Intervention, die von in allgemeiner Pädagogik oder Sonderpädagogik qualifizierten Lehrpersonen, professionellen Pädagogen oder gleich qualifizierten Personen angeleitet und/oder durchgeführt wird. TGP wird von in allgemeiner Pädagogik oder Sonderpädagogik qualifizierten Lehrpersonen durchgeführt. Der Fokus der Aktivitäten liegt auf akademischen Zielen, auf prosozialen Fertigkeiten und kognitiven Funktionen. Fortschritte werden gemessen und dokumentiert. Die Fachkraft, welche TGP durchführt, einschließlich der regulären Lehrkraft (oder des Betreuers der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestütztes Coaching (TGC): Tiergestütztes Coaching ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte tiergestützte Intervention, die von einer professionell ausgebildeten Coachingfachperson durchgeführt und/oder angeleitet wird. Die Fortschritte im Rahmen der Interventionen werden gemessen und professionell dokumentiert. TGC wird von beruflich (durch Lizenz, Hochschulabschluss oder Äquivalent) qualifizierten Personen im Rahmen ihrer Praxis innerhalb ihres Fachgebietes durchgeführt und/oder angeleitet. TGC strebt die Verbesserung von persönlichem innerem Wachstum, eine Verbesserung der sozialen und/oder sozio-emotionalen Funktionen individueller Coachee(s) an und bietet Unterstützung bei gruppenbildenden Prozessen. Die Fachkraft, welche TGC durchführt (oder der Betreuer der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/ der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestützte Aktivitäten (TGA): TGA sind geplante und zielorientierte informelle Interaktionen/Besuche, die von Mensch-Tier-Teams mit motivationalen, erzieherischen/bildenden oder entspannungs- und erholungsfördernden Zielsetzungen durchgeführt werden. Die Mensch-Tier-Teams müssen wenigstens ein einführendes Training, eine Vorbereitung und eine Beurteilung durchlaufen haben, um im Rahmen von informellen Besuchen aktiv zu werden. Mensch-Tier-Teams, die TGA anbieten, können auch formal und direkt mit einem professionell qualifizierten Anbieter von gesundheitsfördernden, pädagogischen oder sozialen Leistungen hinsichtlich spezifischer und dokumentierter Zielsetzungen zusammenarbeiten. In diesem Fall arbeiten sie im Rahmen einer TGT oder TGP, die von einer professionellen, einschlägig ausgebildeten Fachkraft in ihrem jeweiligen Fachgebiet durchgeführt wird.
Eine Differenzierung
Zusätzlich zur den fünf von der IAHAIO vorgeschlagenen Begrifflichkeiten werden noch zahlreiche andere Begriffe verwendet, z. B. tiergestützte Förderung, tiergestützte Didaktik, tiergestützte Erziehung und tiergestützte Fördermaßnahmen.
Dies macht deutlich, dass es kaum möglich ist, alle Settings, in denen Tiere eingesetzt werden, adäquat durch die Definition der IAHAIO zu beschreiben. Es stellt nur ein grobes Raster dar, welches letztlich zu kurz greift. Etwa werden unter dem Begriff der tiergestützten Therapie so unterschiedliche Einsatzfelder wie Ergotherapie, Sprachtherapie, Physiotherapie oder Psychotherapie subsumiert, welche zusätzlich noch sehr unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen unterliegen und deren Bezeichnungen zum Teil gesetzlich geschützt sind.
Daher schlagen wir vor, nicht mehr allgemein von tiergestützter Therapie oder Pädagogik zu sprechen, sondern „tiergestützt“ – und das legt das Adjektiv „tiergestützte“ auch nahe (Saumweber, 2009, S. 73) – lediglich als kennzeichnenden Begriff zum jeweiligen Berufsfeld zu verwenden. Also spricht man zum Beispiel von
● tiergestützter Psychotherapie,
● tiergestützter Physiotherapie,
● tiergestützter Sprachtherapie,
● tiergestützter Sozialarbeit,
● tiergestützter Humanpflege,
● tiergestützter Sozialpädagogik und
● tiergestützter Heilpädagogik
und verwendet tiergestützte Interventionen als Oberbegriff (Saumweber, 2009).
Eine erweiterte Definition
Die IAHAIO Definition umreißt lediglich Mindestanforderungen an tiergestützte Interventionen wie Zielorientierung oder Grundberuf. Folgende Aspekte erweitern die Beschreibung des Begriffs „tiergestützt“ (Wohlfarth & Mutschler, 2017): Hier verwenden wir aus sprachlichen Gründen den neutralen Begriff „tiergestützter Einsatz“. Jeder Leser kann die Bezeichnung „Einsatz“ gedanklich durch seinen eigenen Grundberuf ersetzen.
Als „tiergestützten Einsatz“ bezeichnet man fachlich geplante Angebote mit speziell dafür ausgebildeten und artgerecht gehaltenen Tieren für Menschen jeden Alters mit und ohne physischen, psychischen, sozial-emotionalen oder kognitiven Einschränkungen und Verhaltensweisen. Diese Angebote beinhalten auch gesundheitsfördernde, präventive und rehabilitative Maßnahmen.
Basis des tiergestützten Einsatzes ist die Beziehungs- und Prozessgestaltung im Beziehungsdreieck Klient – Tier – Bezugsperson. Im tiergestützten Einsatz kommen Methoden, bei denen Klienten mit Tieren interagieren, über Tiere kommunizieren oder für Tiere tätig sind, zur Anwendung.
Ein tiergestützter Einsatz wird von Personen mit einer entsprechenden professionellen Grundausbildung geplant, durchgeführt und evaluiert, die eine Zusatzausbildung in tiergestützten Interventionen nach ESAAT oder ISAAT absolviert haben.
Der tiergestützte Einsatz erfolgt nach den Richtlinien des jeweiligen Grundberufs.
Die Tierethik fordert die Wahrnehmung der Tiere als fühlende Lebewesen, die Respekt verdienen, sowie eine artgerechte Tierhaltung und -ausbildung. Allgemeine Ziele eines tiergestützten Einsatzes können sein,
● die körperlichen, kognitiven und emotionalen Funktionen wiederherzustellen und zu erhalten,
● die Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Durchführung von Aktivitäten und Handlungen zu fördern,
● das Einbezogen sein in die jeweilige Lebenssituation zu fördern und
● das subjektive Wohlbefinden zu verbessern.
Damit soll erreicht werden, dass der einzelne Mensch in unterschiedlichen Lebensbereichen seinen Fähigkeiten entsprechend agieren und partizipieren kann.
Die Ziele eines tiergestützten Einsatzes orientieren sich – ausgehend von der Indikationsstellung – an den Bedürfnissen, Ressourcen und am Störungsbild sowie am Förderbedarf des jeweiligen Klienten.
Ein tiergestützter Einsatz berücksichtigt Erkenntnisse verwandter Wissenschaftsdisziplinen wie Psychotherapie, Psychologie, Medizin, Pädagogik, Ethologie und Veterinärmedizin.
Aufgabe der „Fachkraft für tiergestützte Interventionen” ist es, in ihrem grundständigen Berufsfeld oder unter fachkompetenter Einbindung durch den Einsatz eines Tieres bzw. eines Therapiebegleittier-Teams den Menschen in seinem Bedürfnis nach Linderung seiner Beschwerden, Autonomie und personaler und sozialer Integration, zu unterstützen. Die fachkompetente Einbindung erfolgt je nach Einsatzfeld u. a. durch Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen, (Sozial-) Pädagogen.
Die Fachkraft plant die Maßnahmen anhand unterschiedlichster Konzepte und Ansätze für unterschiedliche Zielgruppen, führt sie zielorientiert durch und dokumentiert sie anschließend. Der Einsatz eines Tieres basiert auf dem Beziehungsdreieck Klient – Tier – Bezugsperson, muss prozess- und themenorientiert gestaltet sein und durch eine fachlich fundierte Reflexion hinterfragt werden.
ZUSAMMENFASSUNG
Sowohl für den Austausch innerhalb des Feldes der TGI, als auch für die Kommunikation mit Öffentlichkeit, Entscheidungsträgern oder Wissenschaft, ist die einheitliche Verwendung von Termini und Definitionen äußerst wichtig, und dies nicht nur auf nationaler Ebene. Immer neue Wortschöpfungen für sehr spezifische oder ungewöhnliche tiergestützte Ansätze (z. B. bezüglich der eingesetzten Spezies) stehen diesem Ziel entgegen, ebenso wie die falsche Verwendung von Begriffen.
Delta Society. (1996). The human-animal health connection: standards of practice for animal-assisted activities and therapy. Bellevue: Delta Society.
IAHAIO (2014). IAHAIO Weissbuch 2014. Definitionen der IAHAIO für Tiergestützte Interventionen und Richtlinien für das Wohlbefinden der beteiligten Tiere. Zugriff am 18.06.2018 iahaio.org/wp/wp-content/uploads/2017/05/iahaio-white-paper-2014-german.pdf
Otterstedt, C. (2017). Tiergestützte Interventionen. Stuttgart: Schattauer.
Saumweber, K. (2009). Tiergestützte Pädagogik in der stationären Jugendhilfe. Norderstedt: Books on Demand.
Wohlfarth, R. & Mutschler, B. (2017). Hundegestützte Therapie: Grundlagen und Anwendung (2. Auflage). München: Ernst Reinhardt.
3 Die Mensch-Tier-Beziehung und Wirkmechanismen
Von Andrea Beetz, Rainer Wohlfarth und Kurt Kotrschal
Wieso interessieren sich Menschen heute noch für den Kontakt zu Tieren, und das zu Zeiten, in denen bereits mehr als 50 % der Menschheit in Städten lebt (Statista, 2018)? Auf welche Art und Weise treten Menschen mit Tieren in Beziehung? Und welche Prozesse können die positiven Wirkungen der Mensch-Tier-Interaktion (MTI) für den Menschen erklären?
Im Folgenden sollen einige Schlüsselkonzepte zusammengefasst werden, welche wesentlich zum Verständnis der Mensch-Tier-Beziehung (MTB) als Grundlage Tiergestützter Interventionen (TGI) und guter Mensch-Heimtier-Beziehungen beitragen. Angesprochen werden verschiedene Konzepte wie Biophilie und Ablenkung, Anthropomorphisieren, evolutionäre Aspekte und soziokognitive Konvergenz, Spiegelneurone und Empathie, das Oxytocin-System, Bindung, Fürsorge und soziale Unterstützung, Stressregulation, verbal-symbolisches vs. Erfahrungssystem, gute exekutive Funktionen und Motivation bzw. Aktivierung als Voraussetzung für erfolgreiches Lernen in Therapie und Pädagogik.
Positive Effekte von Interaktion mit Tieren
Verschiedene positive Effekte von Interaktionen mit Tieren sind heute über kontrollierte Studien dokumentiert. Obwohl der Großteil dieser Studien nicht direkt TGI evaluiert, so lassen sich deren Ergebnisse wahrscheinlich auch auf Effekte in TGI übertragen. Ebenso wurden meist Erwachsene untersucht, wobei viele Befunde grundsätzlich wohl auch auf Kinder und Jugendliche und auf Senioren übertragbar sind. Dabei ist zu bedenken, dass in solchen Studien meist versucht wird, zu standardisieren und Idealbedingungen herzustellen, d. h., mit besonders gut geeigneten Tieren und in idealen Settings (ruhig, wenig Störeinflüsse) zu arbeiten. Daher sollte man natürlich vorsichtig beim Verallgemeinern dieser Ergebnisse auf alle Tierhalter oder alle Arten von TGI sein. Ebenso kann bei einem Fehlen von Effekten bei der Tierhaltung nicht davon ausgegangen werden, dass in diesem Bereich durch TGI nicht doch etwas verbessert werden könnte (z. B. im Hinblick auf die Empathie).
Der überwiegende Teil der Forschung involviert Hunde, in geringerem Ausmaß auch Pferde, und vereinzelt andere Arten. Dabei kommt in der Praxis der TGI ein breites Spektrum an Arten zum Einsatz, einschließlich Lamas, Schafen, Hühnern und Tauben bis hin zu Kleintieren. Obwohl Hunde und Pferde sich aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte mit dem Menschen und der daraus resultierenden sozialen Beziehungsfähigkeit besonders für TGI eignen, ist sicherlich ein Spektrum an weiteren, domestizierten Tieren in der TGI einsetzbar (s. auch Positivliste von Tieren der „International Society for Animal Assisted Therapy“ (ISAAT), www.aat-isaat.org, 21.05.2018), wohingegen aus ethischen und praktischen Gründen der Einsatz sozialisierter Wildtiere nicht zu empfehlen ist (IAHAIO, 2014). Ist die Datenlage für Hund und Pferd noch immer dürftig, so fehlen Untersuchungen zum Effekt des Einsatzes der anderen Arten beinahe völlig.
Bisher wissenschaftlich dokumentierte Effekte von MTI können wie folgt zusammengefasst werden (Beetz et al., 2012b, als Referenz, falls nicht anderweitig angegeben; Kotrschal, 2014).
Soziale Effekte
Tiere wirken als „soziale Katalysatoren“: Der Kontakt mit „freundlichen“ Tieren oder die bloße Anwesenheit von Tieren kann die nonverbale und verbale Kommunikation und Interaktion zwischen den anwesenden Menschen verbessern. Der Kontakt gestaltet sich freundlicher, es wird mehr gelächelt und über Positives kommuniziert. Dies gilt für erwachsene Passanten in der Öffentlichkeit, für Senioren mit und ohne Demenz in Einrichtungen, für Menschen mit sichtbaren Behinderungen im öffentlichen Raum, für Kinder in der Schule, in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe oder in einer Klinik, mit verschiedenen psychischen Störungen oder sonderpädagogischen Förderbedarfen, wie z. B. bei emotionalen und Verhaltensstörungen und Entwicklungsverzögerungen. Auch die soziale Aufmerksamkeit gegenüber anderen wird durch Tiere verstärkt. Für das Schulsetting zeigt sich zudem eine Reduktion aggressiven Verhaltens in Anwesenheit eines Hundes. Ein freundliches Tier scheint auch das Vertrauen gegenüber der begleiteten Person zu erhöhen – dies gilt für Passanten ebenso wie für Psychotherapeuten oder auch Lehrkräfte.
Psychologische Effekte
Die Anwesenheit von Tieren kann die menschliche Konzentration und Motivation fördern – dies wurde in verschiedenen Experimenten für Schüler mit und ohne Konzentrationsprobleme bzw. AD(H)S belegt (Hediger & Turner, 2014; Heyer & Beetz, 2014; Wohlfarth et al., 2014). Zudem hebt der Kontakt mit Tieren die Stimmung bzw. mildert Depressionen, und reduziert Angst, gerade vor stressauslösenden Situationen wie Tests oder potentiell schmerzhaften medizinischen Eingriffen.
Neuere Studien legen zudem nahe, dass die Interaktion mit Tieren die Schmerzwahrnehmung verringert (Marcus et al., 2012).
Obwohl eine Steigerung der Empathie durch Tierkontakt oft postuliert wird, und auch durchaus denkbar und plausibel erscheint, konnte dies bisher nicht über kontrollierte Studien gezeigt werden. Korrelative Forschung findet allerdings höhere Empathiewerte bei Kindern, die mit Tieren aufwachsen, was jedoch auch durch Einflüsse der Eltern (selbst empathischer) bedingt sein könnte (Beetz et al., 2012a). Im Dreieck Eltern-Kind-Tier finden wahrscheinlich komplexe Interaktionen statt. Es ist jedoch anzunehmen, dass in TGI Empathie durchaus gefördert werden kann (positiver Effekt auf Empathie z. B. bei Hergovich et al., 2002).
Neurobiologische Effekte
Die Forschung belegt, dass „freundlicher“ Tierkontakt positiv, also dämpfend, auf die menschlichen Stress-Systeme (autonomes Nervensystem, sympathico-adrenerges System, Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) wirken kann. D. h., es sinken Blutdruck und Herzfrequenz sowie der Spiegel des Stresshormons Kortisol; die Herzratenvariabilität steigt. Diese Effekte sind besonders deutlich in stressauslösenden Experimenten zu beobachten, sie können mit der Ausschüttung bestimmter Hormone und Neurotransmitter einhergehen, u. a. Oxytocin (Beetz et al. 2012b, s. auch unten, Aktivierung des Oxytocin-Systems).
Effekte von Mensch-Tier-Interaktion
Sozial:
● Steigerung von verbaler und nonverbaler Kommunikation, sozialer Interaktion
● Reduktion von Aggression
● Förderung von Vertrauen
Psychologisch:
● Reduktion von Depression und Förderung positiver Stimmung
● Reduktion von Angst
● Reduktion von Schmerzempfinden
● Förderung von Konzentration, Aufmerksamkeit und Motivation
Neurobiologisch:
● Reduktion bzw. Abpuffern von Stressreaktionen (Herzfrequenz, Blutdruck, Herzratenvariabilität, Hormon Kortisol)
● Steigerung des Oxytocin-Spiegels
Erklärungsansätze für die positiven Effekte von Mensch-Tier-Interaktion
Die große Bandbreite der möglichen psychologischen, sozialen und neurobiologischen Effekte von MTI deutet bereits darauf hin, dass verschiedene Theorien aus unterschiedlichen Disziplinen wie Psychologie, Verhaltensbiologie und Neurobiologie zur Erklärung herangezogen werden können bzw. müssen. Diese ergänzen sich jedoch, bzw. greifen eng ineinander, und bilden gemeinsam einen großen Theorie-Rahmen, der zum Verständnis der MTB und der Effekte von TGI und MTI herangezogen werden kann. Diese Theorien werden im Folgenden jeweils kurz dargestellt (ausführlicher nachzulesen in: Beetz, 2017a). Diese Theorien erklären zum einen aus evolutionär-biopsychologischer Sicht das menschliche Interesse an Kontakt mit Tieren und wie Beziehung aufgenommen werden kann; zum anderen aus psychologisch-pädagogischer Sicht, wieso Tiere positive Wirkungen für den Menschen haben, die oft signifikant größer ausfallen als bei zwischenmenschlichen Interaktionen bzw. bei Standardinterventionen ohne Tiere.
Biophilie und Ablenkung
Wilson (1984) beschreibt „Biophilie” als die Affinität von Menschen, sowohl Kindern als auch Erwachsenen, zu Natur, Leben und lebensähnlichen Prozessen. Dies schließt ein starkes Interesse an Tieren ein, welches viel weiter zu fassen ist als die reine „Liebe zu Tieren und Natur“ (was der Begriff Biophilie nahelegt). Es gehören auch Empfindungen wie der Wunsch nach Nähe zum Anderen, aber auch Ekel, Angst oder der Wunsch, Natur zu dominieren oder zu (be-)nützen, dazu. Jegliche Art der Bezugnahme von Mensch zu Tier und Natur fällt unter den Begriff der Biophilie (Kellert & Wilson, 1995).
Entwickelt hat sich die menschliche Biophilie wohl im Laufe der Evolution. Menschen lebten immer mit anderen Tieren in der Natur. Auf Naturphänomene und Tiere zu achten, erhöhte die Überlebenschancen und so die menschliche Fitness. Denn Tiere konnten als Konkurrenten oder sogar Fressfeinde gefährlich sein, sie dienten aber auch als Nahrungsquelle, warnten vor Fressfeinden oder es wurde ihnen in spirituell-kultischen Belangen Beachtung geschenkt. Wohl deshalb nehmen Menschen, wenn auch meist auf einer vorbewussten Ebene, das Verhalten von Tieren in ihrer Umgebung wahr. Ein höchst ausgeprägtes natürliches Interesse an Tieren, bzw. eine Präferenz für Tiere, im Gegensatz zu unbelebten Gegenständen, zeigen schon Babys (DeLoache et al., 2011).
Als „Biophilie-Effekt“ ist wohl auch zu werten, dass schon allein die Anwesenheit ruhiger, entspannter, ungefährlicher Tiere, beruhigend auf Menschen wirkt und ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermittelt (Julius et al., 2014).
Da – biophiliebedingt – anwesende Tiere spontan die Aufmerksamkeit von Menschen binden, können sie auch ideal zur Ablenkung dienen, v. a. in potentiell unangenehmen Settings oder Lebenssituationen. So lässt sich vermutlich die Reduktion von Schmerzen, Angst und Stress erklären. Auch andere „Kontexte“, wie Computerspiele, Cartoons oder Clowns haben nachweislich diese positiven Ablenkungseffekte (Beetz & Bales, 2016). Im Gegensatz zur Förderung der Konzentration scheint es hierbei relevant zu sein, dass man sich gerne ablenken lassen möchte, d. h., das Tier einen willkommenen Fokus der Aufmerksamkeit weg vom stressauslösenden Thema/Objekt fördert.
Anthropomorphisieren
Wieso Menschen auch heute Interesse an Tieren haben, lässt sich über die Biophilie erklären. Wie sie aber dabei Beziehung herstellen, kann das Konzept des Anthropomorphisierens erklären. Dieses beschreibt nicht bloß den „vermenschlichenden“ Umgang mit Tieren im Sinne von z. B. Hundehochzeiten oder Hundedessous (Beetz, 2017a), sondern einfach die Anwendung des menschlichen Wahrnehmungs- und Bezugsrahmens auf Tiere (Urquiza-Haas & Kotrschal, 2015). Sich einem Verständnis der Bedürfnisse, Intentionen und dem Verhalten von Tieren anzunähern, bedarf wahrscheinlich des Anthropomorphisierens – andere Systeme der Bezugnahme stehen den Menschen allenfalls über hoch differenzierte, kognitive Modelle zur Verfügung.
Spezielle Module im Gehirn, welche über soziale Intelligenz komplexe soziale Interaktionen steuern, gelten als neurologische Basis für das Anthropomorphisieren (Mithen, 1996). Dabei spielt die stark ausgeprägte Motivation des Menschen eine Rolle, soziale Verbundenheit zu schaffen und den Aktionen anderer Lebewesen Bedeutung zuzuschreiben (Epley et al., 2007). Vermutlich über Spiegelneurone vermittelt, interpretieren Menschen implizit Verhaltensweisen von Tieren so, wie sie es aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen empfinden würden (Goldman, 2006). Je phylogenetisch näher eine Spezies dem Menschen steht, desto einfacher scheint eine korrekte Interpretation zu gelingen. Ebenso fällt auch der Beziehungsaufbau zu solchen Spezies leichter, zumindest im Kindes- und Jugendalter (Hirschenhauser et al., 2017). Das Anthropomorphisieren scheint Personen mit Störungen wie Autismus-Spektrum-Störungen, also mit Einschränkungen in den Funktionen der Spiegelneuronen, deutlich schwerer zu fallen.
Mechanismen der sozialen und kognitiven Konvergenz
Die Fähigkeit von Menschen, mit anderen Tieren soziale Beziehungen eingehen zu können, liegt v. a. an stammesgeschichtlich konservativ erhaltenen und daher zwischenartlich gemeinsamen Strukturen und Mechanismen von Gehirn und Physiologie, die das Sozialverhalten steuern (Kotrschal, 2014). Voraussetzung für wechselseitiges Verstehen ist ein gleichartiger Verhaltensaufbau (Tinbergen, 1951; Lorenz, 1978). Denn komplexe Mentalitäten, Entscheidungsprozesse und Verhaltensstrukturen entstehen besonders bei sozial komplexen Arten in gleichartiger Weise aus dem Zusammenwirken von Instinkten, Affekten, sowie den Lern- und kognitiven Mechanismen.
Stammesgeschichtlich konservativ beibehalten wurden offensichtlich die Grundemotionen, die deswegen zumindest allen Vögeln und Säugetieren, teils auch allen Wirbeltieren gemeinsam sind. Diese sind: Appetenz, Aggression, Furcht/Angst, Lust, Fürsorge, Liebe/Bindung, (soziale) Panik und Spiel (Panksepp, 1998).
Mit dem „sozialen Netzwerk“ im Gehirn (Goodson, 2005) steuert ein Komplex von fünf Kerngebieten des Zwischenhirns und des Hirnstamms, strukturell und funktionell unverändert über nahezu 500 Millionen Jahre Stammesgeschichte, das sozio-sexuelle Verhalten der Wirbeltiere von Fisch bis Mensch. Dazu zählt auch eine Palette von psycho-physiologischen Mechanismen, die, mit dem Oxytocin-System im Zentrum, die Bindung zwischen Müttern und Nachkommen und gleichermaßen zwischen Paarpartnern gewährleistet (Curley & Keverne 2005; Julius et al., 2014; Kotrschal, 2014).
Aufgrund dieser Mechanismen entwickeln sich die primären mentalen sozialen Repräsentationen sowie die Verhaltenssysteme von Attachment und Fürsorge im Sinne von M. Ainsworth, J. Bowlby, H. Harlow und R. Hinde (Julius et al., 2014). Diese Systeme spielen zentrale Rollen im innerartlichen Sozialleben, in der MTB und natürlich in der tiergestützten Pädagogik (Julius et al., 2014; Kotrschal, 2014).
Mit dem sozialen Netzwerk im Gehirn sind die ebenfalls stammesgeschichtlich alten, daher bei Menschen und ihren Kumpantieren sehr ähnlich funktionierenden Stress-Systeme verbunden; gerade im Zusammenhang mit Sozialverhalten ist die Regulation dieser lebenserhaltenden Systeme und die wechselseitige Modulation zwischen Partnern (einschließlich Mensch-Tier) ein zentrales Thema (Kotrschal, 2014; Schöberl et al., 2017).
Spiegelneurone bilden ein weiteres wichtiges, reflexartiges System für Gruppensynchronisation, Stimmungsübertragung und die Basis für Empathie. Sie sind Teil des prämotorischen Kortex der Säugetiere und werden nicht nur beim Ausführen einer eigenen Handlung aktiv, sondern auch, wenn dieselbe Handlung bei jemand anderem wahrgenommen wird. Ursprünglich wohl bereits zur Verhaltenssynchronisation bei Schwarmfischen vorhanden, gewinnen Spiegelneurone große Bedeutung etwa beim (semi-automatischen) Nachahmen von Handlungen anderer, oder aber, um den visuell-körperlichen Ausdruck der Emotionen anderer in die eigene Stimmungslage zu übertragen. Spiegelneurone werden aktiv, wenn wir sehen, wie unser Gegenüber lacht, weint, etc. (Rizzolatti & Sinigalia, 2007), es kommt zur „emotionalen Ansteckung“ (Rizzolatti & Craighero, 2004). Da Spiegelneurone selbst bei der Beobachtung von Robotern aktiv werden (Gazzola et al., 2007), ist davon auszugehen, dass sie auch anspringen, wenn wir unsere Hunde beobachten, oder auch umgekehrt.
Spiegelneurone bilden vermutlich die Grundlage, sich in andere hineinversetzen zu können, also „emotional empathisch“ zu sein (De Waal, 2008; Gallese et al., 2004). Jegliches Sozialleben beruht auf der Kommunikation über Emotionen, Spiegelneurone sind ein wichtiges Werkzeug dafür. Sie bilden die Grundlage für die einfachste Form der empathischen Zuwendung, dem reflexartigen Mitgefühl (De Waal, 2008; Zahn-Waxler et al., 1984).
Offenbar funktioniert empathisch-altruistisches Handeln nach Art eines „Matroschka-Modells“. Dessen Kern, die emotionale Ansteckung, mag viel älter und weiter verbreitet unter den Wirbeltieren sein, als bisher angenommen. Dem Modell zufolge werden die äußeren, eher verstandesbestimmten und stammesgeschichtlich jüngeren Schichten/Mechanismen dann zugeschaltet, wenn sie artspezifisch vorhanden sind und dem Zusammenhang entsprechend tatsächlich gebraucht werden.
Um komplexes Sozialleben, auch zwischen Menschen und ihren Kumpantieren, zu organisieren, d. h. für sozial angemessenes Handeln, braucht es eine Kontrollinstanz zur Beherrschung der instinktiven und affektiven Handlungsimpulse. Bei den Säugetieren bewerkstelligt dies das Stirnhirn (der präfrontale Kortex). Dieser stammesgeschichtlich spät entstandene Bereich des Großhirns ist auch für die Verwaltung der „exekutiven Funktionen“ (EF) zuständig, die Eigenschaften wie Impulskontrolle, Verlässlichkeit, ein gutes soziales Arbeitsgedächtnis und situationsabhängige Flexibilität zusammenfassen; diese EF sagen wesentlich besser den Erfolg in Schule und Beruf voraus, als etwa der Intelligenzquotient.
Generell ist das Gehirn der Wirbeltiere, auch der Menschen und ihrer Kumpantiere, ein schlechter „Multitasker“. Soll heißen, es funktioniert entweder im „Sozialmodus“, oder im „Öko-, Sach- bzw. Arbeitsmodus“; diese Funktionsbereiche hemmen einander, weswegen wir, stark auf eine Aufgabe konzentriert, nicht gleichzeitig an einen lieben Menschen denken wollen/können. Eine ähnlich starke, wechselseitige Hemmung besteht zwischen dem „Stress- und Vermeidungsmodus“ (Stress-Systeme aktiviert, soziale Kognition weitgehend gehemmt) und dem „Beruhigungs- und sozialem Geborgenheitsmodus“ (Oxytocin- und Belohnungssysteme sowie soziale Kognition aktiviert).
Aktivierung des Oxytocinsystems
Die Liste der beschriebenen Effekte von MTI zeigt eine große Schnittmenge mit dem Effektspektrum des Hormons und Neurotransmitters Oxytocin (Uvnäs-Moberg, 2003). Oxytocin scheint eine wichtige, wenn nicht sogar die (Schlüssel-)Rolle für die Erklärung der positiven Effekte von MTI zu spielen (Beetz et al., 2012b; Julius et al., 2014).
Mehrere Studien zeigen, dass der Oxytocin-Spiegel über Kontakt mit einem Hund, v. a. einem Hund, zu dem eine gute Bindung besteht, signifikant erhöht wird (Handlin et al., 2011; Odendaal, 2000; Odendaal & Meintjes, 2003). Ein zentraler Aspekt bei diesem Mechanismus scheint der Körperkontakt zu sein, denn das Oxytocin-System wird unter anderem (z. B. Stillen, unter der Geburt) gerade durch angenehme Berührung aktiviert. Im Mensch-Tier-Kontakt ist Körperkontakt fast immer Bestandteil der Interaktion, während gerade intensiver Körperkontakt im zwischenmenschlichen Bereich aufgrund sozialer Normen nur in engen Bindungsbeziehungen zu finden ist. Dabei sind Berührungen als eine Form sozialer Unterstützung ein gutes Mittel, um Stressreaktionen abzupuffern.
Dieses Mittel steht jedoch aufgrund ethischer Richtlinien bzw. gesellschaftlicher Normen menschlichen Therapeuten oder Pädagogen nicht zur Verfügung. Körperkontakt ist im Rahmen der Psychotherapie unerwünscht, immer mehr auch in der Pädagogik. Bei Personen mit bestimmten traumatischen Erlebnissen (Missbrauch) könnte Körperkontakt mit einem Menschen keinen Effekt auf das Oxytocin-System haben, sondern sogar das Gegenteil, erhöhten Stress, bewirken (Julius et al., 2014).
Die Aktivierung des Oxytocin-Systems über Körperkontakt erklärt einen großen Vorteil von TGI im Kontrast zu rein Mensch-basierten Interventionen. Voraussetzung dabei ist sicherlich, dass der Klient keine Angst vor dem Tier hat, bzw. keine stark negativen Einstellungen zu bestimmten Spezies, welche kulturell oder religiös bedingt sind (Beetz, 2017b; 2017c).
Bindung und Fürsorge – Grundlage für die Stressregulation über soziale Unterstützung
Optimal werden Stressreaktionen bei den meisten Menschen durch soziale Unterstützung von vertrauten Personen reguliert. Diese erfolgt üblicherweise in der Form emotionaler Unterstützung, oft auch kombiniert mit Körperkontakt, welcher besonders effektiv beim Abpuffern von Stress ist (Ditzen et al., 2007). Das Konzept der sozialen Unterstützung zur Stressregulation ist auch in der Bindungstheorie von Bowlby (1969) und Ainsworth (1963) zu finden, welche immer wieder zur Erklärung der Effekte von MTI herangezogen wird (Beetz et al., 2011; 2012a; für detailliertere Ausführungen zu diesem sehr bedeutsamen und umfangreichen Thema: Julius et al., 2014).
Die Bindungstheorie beschreibt, wie ein Baby über die Erfahrungen mit den Bezugspersonen (Eltern) eine Bindung aufbaut, die verschiedene Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen hilft, und welche jedoch in unterschiedlichen Qualitäten vorliegen kann. Die verschiedenen Arten der Bindung entwickeln sich auf Basis der Erfahrungen mit den Bindungsfiguren während der ersten Lebensjahre (Bowlby, 1969). Diese Bindungsqualität bestimmt maßgeblich, wie Personen Kontakt zu ihren Bindungsfiguren zur Emotions- und Stressregulation nutzen können (Beetz, 2013) und wie sie an neue, bedeutsame Beziehungen generell herangehen. Auch der Aufbau von Beziehungen zu sekundären Bindungsfiguren wie Pädagogen oder Therapeuten wird darüber reguliert, aufgrund der Übertragung (sog. Transmission) der in der Eltern-Kind-Bindung erworbenen Bindungsmuster auf sekundäre Bindungsfiguren.
Die folgenden Bindungsqualitäten werden üblicherweise unterschieden. Aus Sicht der Verhaltensbiologie kann man diese Qualitäten auch als unterschiedliche Ausformungen des Bindungsverhaltenssystems betrachten. Diese Unterschiede stellen Adaptionen des Verhaltenssystems des Kindes an die Fürsorge der Eltern/Bindungsfiguren dar. Dabei zielt die Primärstrategie des Bindungsverhaltenssystems auf eine sichere Bindung ab; sekundäre Strategien stellen Anpassungen an suboptimale Erfahrungen mit den Bindungsfiguren dar und werden als unsichere Bindungsmuster bezeichnet.
Bei einer sicheren Bindung können Kinder meist gut Beziehungen zu anderen Personen herstellen und aufrechterhalten. Bei Stress suchen sie aktiv den Kontakt zu Bindungsfiguren – Eltern oder, je nach Situation, auch Lehrkräften oder Therapeuten als sekundären Bindungsfiguren – und können über diesen Kontakt effektiv Stressreaktionen und negative Emotionen herunterregulieren. Sicher gebundene Kinder haben Eltern, die feinfühlig, d. h., prompt und adäquat, auf die Bindungssignale des Kindes eingegangen sind. Bindungssignale, wie z. B. Weinen, und jede Form von Kontaktsuche, sind immer zu beobachten, wenn das Bindungsverhaltenssystem aktiviert wurde. Dies geschieht bei (vermeintlicher) Gefahr (Donner, Blitz), aber auch negativen Zuständen wie Müdigkeit, Hunger, Durst, Krankheit, Schmerzen oder negativen Emotionen. Durch feinfühliges Fürsorgeverhalten der Bindungsfigur wird das Bindungsverhaltenssystem wieder deaktiviert; das Kind kann wieder explorieren und in und über seine Umgebung lernen.
Bindungsverhaltenssystem und Explorationsverhaltenssystem stehen sozusagen in Konkurrenz – ist das eine System aktiviert, ist das andere deaktiviert. Nur bei einer guten Balance zwischen Bindung und Exploration kann sich ein Kind optimal entwickeln – bei einer zu starken Betonung der Bindung (nicht altersadäquat) leidet das Lernen durch Exploration. Umgekehrt bleibt die Exploration ohne eine sichere Basis bei der Bindungsfigur – in einer sicheren Bindungsbeziehung – oft oberflächlich, und Stress wird nicht optimal reguliert.
Bei einer unsicheren Bindung ist die Balance zwischen Bindung und Exploration gestört und die Regulation von Stress und negativen Emotionen über die Bindungsfigur deutlich eingeschränkt (Julius et al., 2014). Unterschieden werden die unsicher-vermeidende Bindung und die unsicher-ambivalente Bindung im Kindesalter. Kinder mit unsicher-vermeidender Bindungsuchen bei Stress und somit Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems nicht mehr den Kontakt zur Bindungsfigur. Stattdessen versucht das Kind, sich durch Exploration abzulenken, wobei das Bindungssystem jedoch aktiv bleibt – Studien belegen, dass, obwohl diese Kinder äußerlich ruhig wirken und explorieren, sie doch deutlich erhöhte physiologische Stressreaktionen zeigen, im Vergleich zu sicher gebundenen Kindern, die oft in solchen Situationen auch Weinen (je nach Alter) oder eben aktiv die Nähe suchen. Eine unsicher-vermeidende Bindung entwickelt sich, wenn die Bindungsfiguren öfters ablehnend auf Bindungsbedürfnisse des Kindes reagieren.
Unsicher-ambivalent gebundene Kinder dagegen zeigen bei aktiviertem Bindungsverhaltenssystem anhaltendes Bindungsverhalten, selbst wenn bereits Kontakt zur Bindungsfigur hergestellt wurde. Das bedeutet, dass Stressreaktionen nicht effektiv durch die Bindungsfigur herunterreguliert werden, und Exploration (und Lernen) auf längere Zeit unterbunden wird. Diese Kinder wirken sehr anhänglich, bedürftig und manchmal auch ärgerlich bzw. frustriert. Eine solche unsicher-ambivalente Bindung entwickelt sich in Interaktionen mit Bindungsfiguren, welche manchmal adäquat, manchmal ablehnend oder unaufmerksam gegenüber den Bindungssignalen ihrer Kinder sind.
Zusätzlich zu den drei Grundtypen sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent, kann ein unverarbeitetes Bindungstrauma vorliegen. Dies führt zu einer unsicher-desorganisierten Bindung (wobei eines der drei Grundmuster weiterhin zu unterscheiden ist). Bei einer desorganisierten Bindung kann bei Stress der Kontakt zur Bindungsfigur die Stressreaktion sogar noch verstärken, oder es ist gerade die Bindungsfigur, welche selbst Stress und Angst auslöst.
Zu Bindungstraumata gehören Verlust der Bindungsfiguren, Missbrauch (emotional, physisch, sexuell), Vernachlässigung, oder generell ängstigendes oder ängstliches Verhalten der Bindungsfigur gegenüber dem Kind. Wird das kindliche Bindungssystem aktiviert, folgt das Verhaltenssystem bei einer Desorganisation eben nicht mehr einer klaren Strategie (sicher, vermeidend, ambivalent), sondern bricht zeitweise zusammen, und es ist desorganisiertes, nicht zielführendes Verhalten zu beobachten (Dissoziation, Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung von Nähe, Angst, Einfrieren etc.). Auch bei einer desorganisierten Bindung wirkt die Bindungsfigur nicht effektiv hinsichtlich der Stressregulation über soziale Unterstützung.
Die in der Kindheit erworbenen Bindungsmuster wirken über das Jugendalter bis ins hohe Erwachsenenalter hinein und bestimmen das Verhalten und Erleben in engen Beziehungen. Wenn auch in anderer Form des Verhaltens, bleiben die Grundreaktionen bei Stress bzw. Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems auch im Erwachsenenalter ähnlich.
Daten zur Verteilung der Bindungsmuster sind schwer zu finden. Bei Schülern ohne Auffälligkeiten zeigen ca. 30–40 % unsichere Bindungsmuster, bei Schülern mit sozialen und emotionalen bzw. psychischen Auffälligkeiten bis zu 90 % (Julius et al., 2014; van Ijzendoorn & Bakermans-Kranenburg, 1996).
Wie trägt nun die Bindungstheorie zum Verständnis positiver Effekte von MTI bei? Studien legen nahe, dass die Transmission der Bindungsmuster gegenüber Tieren nicht spontan auftritt, wie gegenüber Lehrern oder Therapeuten (Kurdek, 2008; 2009). Stattdessen gehen Personen an Tiere mit einer Offenheit, sichere Beziehungen einzugehen, heran (Beetz et al., 2011, 2012a). Es wird viel Körperkontakt gesucht – ein Zeichen sicherer Bindung in zwischenmenschlichen Beziehungen, welche gut sozialisierte Individuen domestizierter Spezies meist gerne zulassen. Durch das Fehlen der Transmission unsicherer Bindungsmuster in Settings wie TGI (oder Experimenten), können Personen mit unsicherer Bindung effektiv von sozialer Unterstützung durch Tiere zur Stressregulation profitieren (Beetz et al. 2011, 2012a).
Anders scheint es jedoch bei Heimtierbesitz zu sein – bei längerem Kontakt ohne die Führung durch einen Experten in TGI scheinen sich unsichere Bindungsmuster auch gegenüber dem Heimtier wieder zu etablieren, z. B. in Beziehungen zwischen Mensch und Hund (Solomon et al., 2014).
Zusätzlich zur Regulation von Stress und negativen Emotionen über die soziale Unterstützung durch ein Tier, bietet die Bindungstheorie über das Fürsorgeverhaltenssystem noch eine weitere Erklärung für positive Effekte von Tieren. Fürsorgeverhalten (George & Solomon, 2008; Solomon & George, 1999) ist komplementär zum Bindungsverhaltenssystem zu sehen. Fürsorgeverhalten entwickelt sich schon ab dem Kindesalter, und auch das erfolgreiche Zeigen von Fürsorge scheint ebenso stressreduzierend und belohnend zu wirken, wohl auch über die Aktivierung des Oxytocin-Systems (George & Solomon, 2008; Feldman et al., 2011; Julius et al., 2013). Erfolgreich ist Fürsorge dann, wenn eine Aktivierung des Bindungsverhaltensystems des Gegenübers vermieden wird, z. B. Füttern, bevor das Tier wirklich Hunger anzeigt, Streicheln/Körperpflege, was das Tier genießt.
Da gerade in pädagogischen oder therapeutischen Interventionen die Rollen von Kind (Klient, Patient, auch Erwachsene) und Bindungsfigur (Lehrkraft, Therapeut) nicht umgekehrt werden dürfen, bieten Tiere eine geeignete Möglichkeit, um die positive Wirkung erfolgreichen Fürsorgeverhaltens zu nutzen (Beetz, 2017a), d. h., um Stress beim Klienten zu reduzieren bzw. das Oxytocin-System zu aktivieren.
Gerade Personen, welche häufig die Empfänger von sozialer Unterstützung und Fürsorge sind (z. B. Pflegebedürftige, Menschen mit chronischer Erkrankung, Kinder/Jugendliche mit Förderbedarfen), übernehmen manchmal lieber die Rolle des Versorgers. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und davon, etwas Gutes für ein anderes Lebewesen tun zu können, unterstützt die positiven Effekten von TGI.
Du-Evidenz: Mensch und Tier als Individuen
Das Konzept der „Du-Evidenz“ geht über das Konzept der Biophilie hinaus (Wohlfarth & Mutschler, 2017; Greiffenhagen & Buck-Werner, 2007). Auffällig ist, dass der Mensch sich meist mit Tierarten verbunden fühlt, die ihm ähnlich sind, bzw. in denen er eigene Gefühlsregungen wie Freude, Wut oder Angst erkennen kann (Urquiza-Haas & Kotrschal, 2015; Hirschenhauser et al., 2017). Auch werden Tiere mit Fell vom Menschen bevorzugt. Aufgrund dieser Präferenz streichen sich manche Menschen in Situationen der Unsicherheit auch durch ihre Haare, und Babys fühlen sich auf einer Felldecke sicher und geborgen. Beide genannten Aspekte treffen v. a. auf sogenannte „höhere” Tierarten zu, beispielsweise Hunde, Katzen oder Pferde. Diese sind zudem in der Lage, einen Perspektivwechsel durchzuführen und das Verhalten des Menschen zu deuten. Das ist Voraussetzung für eine Beziehung zwischen den Arten, die von beiden Seiten aus mit Interesse und Verständnis geführt werden kann.
Dieses Verhalten, das Interesse und die Möglichkeit, eine Beziehung aufzubauen, wie sie Menschen unter sich bzw. Tiere unter sich kennen, nennt man „Du-Evidenz“. Das zuerst unbekannte Gegenüber wird zum „Du“, wenn die vorherige Anonymität verloren geht und stattdessen die Erkenntnis von Individualität und Wesensmerkmalen zum Vorschein kommt. Der Begriff „Du-Evidenz” meint, dass wir Menschen fähig sind, eine andere Person als Individuum, als „Du“, wahrzunehmen. Für einen Menschen ist die Du-Evidenz höheren Tieren gegenüber genauso zwingend wie gegenüber Mitmenschen.
Ein wichtiges Merkmal, damit der Mensch das Tier als Partner oder Familienmitglied erlebt, ist die Namensgebung. Durch seinen Namen wird das Tier unverwechselbar und hebt sich von anderen Artgenossen hervor. Ihm werden individuelle Eigenschaften, Gefühle und Bedürfnisse zugestanden und wenn es einmal stirbt, wird um seinen Tod getrauert; es war eben nicht nur „irgendein” Tier.
Entscheidend für die Entwicklung der Du-Evidenz ist weniger die kognitive Ebene als vielmehr die sozio-emotionale Ebene. Demnach sind v. a. die persönlichen Erlebnisse mit dem Anderen, die subjektive Einstellung zu ihm und die authentischen Gefühle entscheidend. Das Erleben der Du-Evidenz ist möglicherweise Voraussetzung für das Empfinden von Empathie und Mitgefühl für andere Menschen.
Empirische Daten zum Konzept der Du-Evidenz im Rahmen von TGI liegen nicht vor. Jedoch zeigt die Praxis, dass es für TGI von entscheidender Bedeutung ist, dass das Tier vom Klienten als „Du“ und damit als Individuum mit einer individuellen Persönlichkeit und mit spezifischen Gefühlen wahrgenommen wird.
Gleichgewicht zwischen verbal-symbolischem System und Erfahrungssystem
Unterschiedliche Prozesse der Informationsverarbeitung tragen zur Erklärung positiver Effekte von Tieren auf Menschen bei. Dabei gibt es zwei sehr ähnliche Theorien, die hier kurz vorgestellt werden sollen: Das „verbal-symbolische System“ im Gegensatz zum Erfahrungssystem (Schultheiss, 2001), beziehungsweise „implizit-erfahrungsgeleitete Modus“ versus „explizit-kognitiver Modus“ der Informationsverarbeitung („cognitive-experiential self-theory of personality“,Epstein, 1994“).
In der Interaktion mit Tieren liegt automatisch der Fokus auf der nonverbalen Kommunikation (selbst dann, wenn Klienten viel mit den Tieren reden), und insgesamt sprechen Tiere alle Sinne gleichzeitig an und fördern so eine ganzheitliche Verarbeitung im Gehirn. Diese Sinneseindrücke aus der Umwelt, also Geräusche, Gerüche, Bilder, Berührung (beim Reiten auch Lageinformation) werden im Erfahrungssystem verarbeitet – dagegen benötigt das verbal-symbolische System Symbole bzw. Worte (Schultheiss, 2001) zur Vermittlung von Informationen. Ähnlich werden im implizit-erfahrungsgeleiteten Funktionsmodus Erfahrungen direkt verarbeitet und dabei das implizite Gedächtnis genutzt; zudem besteht eine enge Verknüpfung mit Emotionen und Motiven (Epstein, 1994), und Vieles in diesem Modus geschieht auf einer unbewussten Ebene.
Im Gegensatz dazu ist Information im explizit-kognitiven Funktionsmodus verbal und bewusst repräsentiert, es wird digitale Kommunikation und rational-analytisches Denken genutzt (Epstein, 1994). In der Interaktion mit Tieren ist v. a. das Erfahrungssystems bzw. der implizit-erfahrungsgeleitete Modus der Informationsverarbeitung aktiviert. Dagegen benötigt der Großteil zwischenmenschlicher Interaktionen, gerade in Therapie und Pädagogik, verbale Kommunikation, explizit-kognitive Verarbeitung bzw. das verbal-symbolische System. Die menschliche Dyade in einer Intervention um das Tier zu erweitern, trägt daher immer zu einer verstärkten Nutzung des Erfahrungssystems/implizit-erfahrungsgeleiteten Modus bei und somit zu einer gesunden Balance zwischen den Modi. Hinzu kommt, dass Tiere Menschen emotionalisieren und motivieren.
Motivation
Wohlfarth et al. (2013) zogen erstmals zur Erklärung von Effekten von TGI und MTI die Motivationstheorie heran. Generell unterscheidet man in der Motivationspsychologie die intrinsische Motivation von der extrinsischen Motivation (McClelland, 1985) bzw. zwischen impliziten und expliziten Motivationssystemen (Schultheiss et al., 2012). Handlungen, deren Ausführung selbst Freude macht und mit positiven Gefühlen verknüpft sind, werden impliziten Motivationssystemen zugeordnet. Dagegen sind Handlungen, die nur zum Erhalt von Belohnungen oder Vermeidung von Strafe ausgeführt werden, expliziten Motivationssystemen zugeordnet. Eine hohe intrinsische Motivation und eine gute Leistung werden sich nur dann einstellen, wenn die beiden Motivsysteme harmonieren und nicht konkurrieren (Schultheiss & Brunstein, 2010). Nonverbale Stimuli aktivieren implizite Motive auf einer unbewussten Ebene (Stanton et al., 2010). Damit assoziierte Ziele verfolgt man in einem affektiv geladenen, „heißen“ Modus (Schultheiss et al., 2008). Bei expliziten Motiven dagegen erfolgt die Zielverfolgung eher in einem affektiv neutralen, „kalten“ Modus.
Wohlfarth et al. (2013) postulieren, dass Tiere, vor allem über das Erfahrungssystem vermittelt, insbesondere implizite Motive und damit intrinsische Motivation ansprechen. Die Art der Motive variiert je nach Aufgabe oder Setting der tiergestützten Intervention. Das Affiliationsmotiv spielt eine Rolle beim Beziehungsaufbau, das Machtmotiv evtl. bei der Kommandoarbeit oder beim Führen.
Die oben beschriebenen Effekte auf Motivation, d. h. bessere, schnellere, fehlerfreiere Leistungen mit Tier (s. auch Kapitel 18.1), lassen sich über die Motivationstheorie erklären. Noch bedeutsamer für die TGI ist aber möglicherweise, dass erklärt werden kann, wieso Tiere helfen können, überhaupt eine Bereitschaft zur Teilnahme an Interventionen herzustellen, wie z. B. bei Kindern mit ADHS (Beetz & Saumweber, 2013) oder Schülern mit geringer Lesekompetenz (Heyer & Beetz, 2014).
Verbesserung der Voraussetzungen für Lernerfolge
Nur unter bestimmten Voraussetzungen findet erfolgreiches und nachhaltiges Lernen statt. Notwendig dazu ist ausreichend Konzentration, weder Angst noch Stress, eine neutrale bis gute Stimmung, Motivation und Aufmerksamkeit. Alle diese Faktoren können über die Interaktion mit „freundlichen“ Tieren gefördert werden, und damit auch optimale Voraussetzungen für Lernen, sei es in Therapie oder Pädagogik. Nur unter den genannten Voraussetzungen können die sog. exekutiven Funktionen (EF) optimal genutzt werden. Zu den EF gehören Impulskontrolle, Selbstreflexion, Motivation und Arbeitsgedächtnis (Diamond & Lee, 2011; Miyake et al., 2000).
Gerade in Therapien oder pädagogischen Interventionen stehen die Klienten oft unter Stress, möglicherweise sogar Angst (z. B. Prüfungsangst, in der Traumatherapie); sie zeigen physiologischen Stress und aufgrund bisheriger Misserfolgserfahrungen oft auch eine niedrige Therapiemotivation. Tiere können – als soziale Katalysatoren – das Vertrauen zum Therapeuten oder Pädagogen fördern und zum Aufbau einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung beitragen. Dies ist ein weiterer grundlegender Faktor für den Erfolg psychotherapeutischer bzw. pädagogischer Interventionen.
Die Ausführungen zu den Effekten und dahinter liegenden Mechanismen und Prozessen zeigen, dass Tiere Menschen sowohl „deaktivieren“ können (Stress, Angst reduzieren) als auch „aktivieren“ (motivieren) können. Tiere können demnach eine duale Funktion hinsichtlich der Aktivierungsregulation erfüllen: ein und dasselbe Tier kann in einem Setting eine Person aktivieren, während es gleichzeitig stressreduzierend wirkt – es kann also helfen, eine optimale Aktivierung herzustellen.
Diese optimale Aktivierung stellt eine wichtige Voraussetzung für bestmögliche Leistung dar und wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Yerkes-Dodson-Gesetz“ beschrieben (Yerkes & Dodson, 1908). Dieses in der Psychologie sehr bekannte und alte, aber nicht obsolete Gesetz besagt, dass ein enger Zusammenhang zwischen Leistung und dem optimalen Grad der psychischen und physiologischen Aktivierung besteht. Sowohl eine zu hohe als auch eine zu niedrige Aktivierung geht mit schlechteren Leistungen einher (Abb. 3.1).
Tiere erleichtern also neue Lernerfahrungen auch darüber, indem sie helfen, einen optimalen Grad der Aktivierung beim Klienten herzustellen.
Abb. 3.1: Konstruktives Optimum der Aktivierung (nach Yerkes & Dodson, 1908)
ZUSAMMENFASSUNG
Mensch-Tier-Interaktionen und darüber hinaus Beziehungen zwischen Mensch und Tier sind hochkomplex. Über die Integration verschiedener, ineinandergreifender Erklärungsansätze aus Psychologie, Biologie, und Physiologie ist jedoch ein tiefergehendes Verständnis der MTB als Grundlage von TGI möglich, ebenso wie der potentiellen positiven Effekte der TGI, welche über die Wirkung von Interventionen ohne Tier hinausgehen können.
Weiterführende Literatur
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