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TinaRainford E-Book

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Beschreibung

Schon frühzeitig konnte die "Kleene mit der großen Stimme" Zuhörer und Produzenten begeistern. Ihre Berufung Musik wurde auch bald zu ihrem Beruf. 1976 bot ihr Drafi Deutscher, ein Freund aus Jugendtagen, an, den Titel "Silverbird" einzusingen. 1977 wurde ihr die Ehre zuteil, die vor und nach ihr kein deutscher Interpret aufweisen kann - sie erhielt in Nashville den COUNTRY MUSIC AWARD. Ihr "Silverbird" flog um den ganzen Erdball und wäre auch heutzutage mit rund drei Millionen verkaufter Schallplatten ein absoluter Welt-Hit. Gemeinsam mit ihrem Produzenten JÜRGEN WESTPHAL hat TINA RAINFORD die Geschichte ihres rasanten Erfolges und auch ihren tiefen Fall aufgearbeitet. Jürgen Westphal, geboren am 17.01.1955, in Fröndenberg, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Bei seinen Auslandsaufenthalten in London und Genf sammelte er wichtige Erfahrungen. Seit 1977 ist Jürgen Westphal in der Musikbranche als Sänger, Produzent, Autor und Verleger tätig. Die Zahl seiner Veröffentlichungen geht in die Hunderte. Zu seinen bekanntesten Acts gehören neben Tina Rainford Schlagerstars wie Siw Malmkvist, Nina Lizell, Nina und Mike, Lys Assia, Anne Karin oder Graham Bonney. Seit vielen Jahren ist er sehr eng mit Tina Rainford befreundet.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Tina Rainford
Wenn Sterne fallen
aufgeschrieben von
Jürgen Westphal
Inhaltsverzeichnis
Tina Rainford
12. Mai 1987 - Berlin
Birmingham 1966
Hochzeit am 7. April 1967
Mama 1970
Werner mochte mich ..
Haus im Grünen
Wechsel zur CBS
Ralph Siegel
Aussteigertrip
Berufliches Fiasko
Tivoli-Park
Reise in die DDR
1982 - Papa und Tante Ruth
Holy Mountain + das Schaf "Hewa"
Collection
Der Anfang eines neuen Lebens
Konkurs im Freizeitpark
THERAPIE
NACHTRAG
Mein Dank geht an
EPILOG
BILDNACHWEIS

Die Deutsche Bibliothek - CIP-EinheitsaufnahmeWestphal, Jürgen: Tina Rainford. Wenn Sterne fallen / Jürgen Westphal. - Gröbzig: Dr. Rinke, 2004 ISBN 3-9808507-3-0

(c) 2004 by Dr. Rinke Verlag, Neue Str. 5, 06388 Gröbzig Erstausgabe Alle Rechte vorbehalten. Satz: Kerstin Rinke Layout: Thomas Rinke Druck: Quedlinburg DRUCK GmbH Titelfoto: Gaby Grammes Foto vorderer Klappentext: Gerhard Nolte

IMPRESSUM

© eBook-Text: Uwe Günzel, Krefeld 2014

TINA RAINFORD, geboren am 25.12.1946, ist eine echte Berliner Göre. Schon frühzeitig konnte die "Kleene mit der großen Stimme" Zuhörer und Produzenten begeistern. Ihre Berufung Musik wurde auch bald zu ihrem Beruf. Doch der absolute Erfolg als Peggy Peters oder als Duo "Pete und Tina Rainford" ließ auf sich warten. 1976 bot ihr Drafi Deutscher, ein Freund aus Jugendtagen, an, den Titel "Silverbird" einzusingen. Und dieses Lied stürmte die Hitparaden und das nicht nur in Deutschland. 1977 wurde ihr die Ehre zuteil, die vor und nach ihr kein deutscher Interpret aufweisen kann - sie erhielt in Nashville den COUNTRY MUSIC AWARD.

Tina Rainford singt auch heute noch, vor allem deutsche Schlager, deren Texte ihre vielfältige Erfahrungswelt widerspiegeln. "Wenn Sterne fallen" zählt dabei mit zu ihren Lieblingssongs.  

Prolog

GEBET EINES ÄLTER WERDENDEN MENSCHEN

O Herr - du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch),

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheiten erscheint es mir schade, sie nicht weiterzugeben aber du verstehst, o Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich Schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden.

Ich wage nicht, mir die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen. Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte keine Heilige sein, mit ihnen lebt es sich so schwer.

Aber ein Griesgram ist die Krönung des Teufelswerks.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken

12. Mai 1987 - Berlin

Der Himmel hat es gut gemeint. Der sprichwörtliche Frühling liegt in der Luft, und der Tag zeigt sich von seiner sonnigsten Seite.

Das hätte ich als gutes Omen annehmen können, aber die Nachtfahrt von Frankfurt nach Berlin nimmt mich ziemlich mit. Die Grenzkontrollen ziehen sich trotz der Nachtzeit endlos in die Länge, und meine Nervosität und innere Anspannung kann ich nur noch mit einer weiteren Valium bekämpfen. Ich bin daran gewöhnt, Tabletten ohne Wasser zu schlucken, die beruhigende Wirkung setzt dann schneller ein. Zumindest ist das bei mir der Fall.

Ein kritischer Blick aus unfreundlich dreinblickenden Augen auf meinen britischen Pass -RAINFORD, CHRISTA- und endlich geht es weiter. Na ja, denke ich, irgendwie macht der Mann auch nur seinen Dienst und muss die Nacht mit der Kontrolle seiner Klassenfeinde verbringen. Wahrscheinlich läge er lieber bei seiner Freundin in Rostock, Weimar oder sonstwo gemütlich im Bett. Vielleicht hat er sich den Job aber auch ausgesucht - gefragt habe ich ihn nicht.

Höchste Konzentration. Nachtfahrten waren noch nie mein Ding. Zu allem Überfluss funktionieren die Bremsen nicht mehr richtig. Wäre ich doch nur noch in Frankfurt zur Werkstatt gefahren. Egal, es ist nicht mehr zu ändern. Den Stress mit der Wohnungsauflösung hatte ich hinter mich gebracht, und bis Berlin wird der Wagen schon noch aushalten. Im Nachtprogramm höre ich den SFB und denke: Heimatsender. Ich freue mich langsam auf "meine" Stadt.

Zu viele Dinge gleichzeitig schießen wie Blitze durch meinen Kopf, die Valium hat ihre Wirkung auch längst verloren. Bruder anrufen ... Werkstatt finden... Pünktlich in der Klinik sein. Am Mittag steht das Treffen mit meiner Freundin Marlis Roever an, die alles für mich organisiert hat. Marlis hat mich wochenlang beredet, und schließlich habe ich eingewilligt, einen stationären Entzug im Jüdischen Krankenhaus zu machen. Dazu ist allerdings ein intensives Vorgespräch mit dem Arzt notwendig. Dieses Vorgespräch soll heute Nachmittag stattfinden.

Mein Bruder Lothar ... Nach dem Tod meiner Eltern sind wir beide die Familie und halten zusammen. Streit hat es zwischen uns nie gegeben, auch als wir Kinder waren nicht. Lothar war noch ein echtes Kriegskind. Ich glaube, wir müssen beide Wunschkinder gewesen sein, denn die allgemeine Lage 1946, direkt nach dem Kriegsende in Berlin, war alles andere als ermutigend. Papa war aus der Kriegsgefangenschaft zurück, und ganz sicher stand ein zweites Kind nicht ganz oben auf der Wunschliste, doch Mama hatte immer erzählt, wie glücklich sie war, als sie merkte, dass sie schwanger war. An einer Abtreibung habe sie niemals gedacht, unter den damaligen Umständen wäre das auch bestimmt mit einem hohen Risiko behaftet gewesen.

Mein errechneter Geburtstermin war ausgerechnet Weihnachten 1946, und da ich wohl schon immer die Pünktlichkeit als preußisches Relikt gepachtet hatte, setzten bei Mama auch exakt am ersten Weihnachtstag nach dem Frühstück die Wehen ein. Ganze vier Pfund habe ich bei der Geburt gewogen - aber, wie Mama immer sagte: Klein, aber oho. Getauft haben sie mich dann, da ich ja ein Christkind war, auf den Namen Christa. Gerufen hat mich allerdings nie jemand so, für alle war ich immer "die Kleene" oder "Tina".

Berlin war fast vollkommen ausgebombt, trotzdem war meine Familie wie durch ein Wunder heil durch die miesen Zeiten gekommen. Alle hatten überlebt, und das war das Wichtigste. Wahrscheinlich hat die Nähe zu Gott uns auch in den Kriegswirren behütet (Unsere ganze Familie war in der Heilsarmee.). Man glaubt jedenfalls ganz fest daran.

Wir wohnten in einer kleinen, aber schönen 2-Zimmer-Wohnung mit heißem Wasser aus der Wand. Damals der pure Luxus. Dazu besaßen wir ein rosa Sofa. Das war die absolute Sensation. Wer konnte schließlich ein rosa Sofa sein eigen nennen? Papa hatte es von einem Amerikaner geschenkt bekommen, und es war der Stolz der kleinen Familie. Mama und Papa schliefen im Wohn-Schlafzimmer, und Lothar und ich teilten uns das andere. Und noch etwas war ein absolutes Kleinod - ein eigener Plattenspieler. Im Winter kamen alle unsere Schulfreunde in unsere Wohnung, um die alten Platten zu hören. Mama machte belegte Brote und Brause. So liefen oft zehn Kinder durch die zwei Zimmer, und Mama blieb immer freundlich und lieb. Woher sie oftmals die Nerven genommen hatte, ist mir ein Rätsel. Aber nicht nur das. Sie wusste, dass der größte Spaß bei Kindergeburtstagen Schokoladeschneiden war. Schokolade gab es selten und war heißbegehrt. Alle Kinder saßen um einen Tisch mit einem Würfel. Wer eine Sechs würfelte, musste Mütze aufsetzen, Schal umbinden und Handschuhe anziehen und dann versuchen, mit Messer und Gabel ein Stück Schokolade abzuschneiden. Meinte es das Glück gut, dann konnte man genüsslich Schokolade verzehren, bis der nächste eine Sechs gewürfelt hatte. Hatte man Pech, dann kam man über das Handschuhanziehen nicht hinaus. Da ging es hoch her - ein Riesenvergnügen. Und Mama hat es immer irgendwie geschafft, Schokolade zu organisieren. Aus Erzählungen von Onkeln und Tanten weiß ich, dass man allseits erstaunt war, dass ich mit zwei Jahren nicht nur sprechen, sondern auch wunderschön singen konnte. Singen, Tanzen, Modenschau war mein Liebstes, vor allem, wenn ich das nötige Publikum hatte. Trotzdem war ich wahrscheinlich nicht eitler und geltungsbedürftiger als alle anderen Mädchen in meinem Alter. Wer hat nicht einmal davon geträumt, irgendwann ein Superstar zu werden? Aber ich hatte nicht nur zu Hause ein freundliches Publikum. Dafür sorgte meine Tante Ruth. Ihr amerikanischer Freund Curtis, der bei der Armee war, nahm mich manchmal mit in den Club. Dort stellte man die kleene Göre auf einen Stuhl. Onkel Fritz spielte Gitarre, und ich sang. Natürlich stiegen den meisten der Jungs Tränen in die Augen, hatten sie doch überwiegend selbst Familie und Heimweh nach USA. Sie trugen mich im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen, und alle wollten mir was Gutes tun. Also gab es Fresstüten, Eiscreme im Winter, Jeans usw. Die Fresstüten waren der absolute Hammer. Mein Bruder war damals kränklich und bekam so die ersten Orangen und Bananen seines Lebens. Mit "Onkel" Curtis hatte ich auch Weihnachtslieder auf englisch geübt - ich kann sie übrigens heute noch auswendig. Das war mein größter Erfolg. Sentimentalität pur.

Der Zusammenhalt wurde in unserer Familie immer groß geschrieben, und an den Geburtstagen und sonstigen Feierlichkeiten wurde kräftig musiziert. Zwei alte Tanten waren verbriefte Jungfrauen, meine Onkel Max und Otto, die außerhalb Berlins in der sogenannten Ostzone wohnten, waren auch stets dabei. Die alten Tanten brachten immer ihre Gitarren mit, und nach einem guten Essen wurde gesungen, was das Zeug hielt. Die Männer hatten auch Instrumente, mussten sich aber immer zurückhalten, denn für Trompete, Horn und Tuba war die Wohnung wirklich nicht geeignet. Alkohol war selbstverständlich bei der Heilsarmee verteufelt und verpönt, aber es kam auch ohne ihn immer eine tolle Stimmung auf.

1949 wurde der zweite deutsche Staat, die DDR, gegründet, und meine halbe Verwandtschaft war nun Bürger der DDR. Wohl dem, der einen Ami in der Familie hatte, so war fürs leibliche Wohl immer gesorgt. Und mein Opa Heinrich, der Große Opa genannt, zog immer eine Salami aus der Tasche und lieferte Eier. Er hatte ein kleines Häuschen mit Garten und Hühnern. Ob die Salami allerdings auch aus Hühnerfleisch war, das weiß ich nicht mehr. Opa war fast blind, und ich liebte ihn sehr. Er hat mir viele menschliche Werte vermittelt.

Verdammt, ich muss mich konzentrieren. Nur nichts falsch machen, nicht zu schnell fahren, überall lauern gut getarnte Radarfallen zu allen Tag- und Nachtzeiten auf der Transitstrecke. In der DDR war die Überwachung des Tempolimits perfekt organisiert - eine gute Devisenquelle. Trotzdem kann ich es nicht verhindern, dass meine Gedanken immer wieder in die Vergangenheit zurückwandern.

An meinen ersten Schultag kann ich mich beispielsweise noch genau erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Ausgerechnet ich war in einer Versuchsklasse für Ganzheitsmethode gelandet. Ich bekam natürlich eine riesige Schultüte mit süßen Sachen, und im Gegensatz zu heute waren mein Haare raspelkurz. Ich hatte mich erfolgreich gegen das ständige Durchkämmen gewehrt und eine Kurzhaarfrisur durchgesetzt. Da Anfang der 50er Jahre noch Ostern eingeschult wurde, bestand unsere erste Aufgabe darin, Ostereier in ein Heft zu malen. Am nächsten Tag wurde es noch langweiliger, da musste man die drei Seiten Ostereier bunt gestalten. Das hat mir die Sache mit dem Malen wahrscheinlich fürs ganze Leben verleidet. Beim Lesen hielt man mich zunächst für ein Wunderkind, so gut klappte das. Mein Geheimnis bestand allerdings darin, dass ich sehr schnell alles auswendig konnte und genau wusste, was da geschrieben stand. Natürlich blieb das meiner Lehrerin nicht lange verborgen, und dann gab es kein Entrinnen mehr. Meine große Leidenschaft war jedoch das Singen. Da das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte, spielte den ganzen Tag das Radio. Und wir übten uns in Hausmusik. Papa sang schon immer mit mir im Duett, er hatte eine wunderbare Stimme und wäre vielleicht ein großer Tenor geworden, wenn die Familie die nötigen finanziellen Mittel gehabt hätte. So blieb es beim Hausgebrauch. Manchmal sang auch meine Tante Mary mit uns, und so übte ich mich früh im dreistimmigen Gesang. Begleitet habe ich uns auf einer kleinen Gitarre, die in etwa die Größe einer Ukulele hatte. Diese Gitarre war speziell für meine Mama angefertigt worden, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ich habe sie heute noch, mittlerweile ist sie über 80 Jahre alt.

Papa war nicht nur ein toller Sänger, sondern auch ein Klasse-Sportler. Er hatte alle Sportabzeichen, die man sich denken konnte und den DLRG-Rettungsschwimmerschein. Da die Zeiten damals in Berlin vergleichsweise hart waren und wir auch nur Geld fürs Nötigste besaßen, war unser Sonntagsausflugsziel oft die Krumme Lanke. Papa und Lothar saßen auf dem Fahrrad und die kleine Tina auf dem Kindersitz vorne. Mama kam mit der S-Bahn nach. An der Krummen Lanke wurde ich an die Leine gebunden und musste richtig schwimmen lernen. Und so wurde im Sommer das Freibad das zweite Zuhause für Lothar und mich. Da man mir "Kleenen" wohl nicht zutraute, dass ich schon schwimmen konnte, wettete mein Bruder fleißig mit seinen Kumpels um Eis, dass seine kleine Schwester vom 5-Meter-Turm springt. So habe ich uns damals so manche Eistüte ersprungen.

Für meine Lehrer war ich in der Schule nicht der absolute Knaller, und der Typ, der dem Lehrer die Schultasche trägt, war ich nie. Aber ich war beliebt bei meinen Mitschülern. Schließlich kannte ich alle neuen Schlager und konnte sie vorsingen, wobei ich mich dann mit meiner kleinen Gitarre begleitete. Rein musikalisch war jedoch damals in Berlin eine besondere Musik der absolute Schrei - Skiffle. Mit Lothar, Fritz, Detlef und Soni, der eigentlich Jürgen hieß, gründete ich also eine solche Skiffle-Band. In unserem Keller durften wir üben und rauchten heimlich dabei. Die Jungs waren keine unbedingten musikalischen Talente, und so kam es auch nie zu einem einzigen Konzert. Aber einen super Spaß hatten wir auf jeden Fall, besonders als Fritze und Detlef die Haare gefärbt haben wollten. Farbe wurde organisiert, schwarz musste es sein, und Fritze, der ein dunkler Typ war, sah mit seinem blauschwarzen Haar eigentlich nicht übel aus. Beim armen Detlef hingegen, von Natur aus weißblond mit Locken, war das Ergebnis grauenhaft. Er rannte sofort zu seinen Eltern und die schnell mit Sohn im Gepäck zum Friseur, der aber unter Aufbietung aller Künste nicht über ein Orange hinaus kam. Heute wäre das vielleicht cool gewesen, in den 50er Jahren schlicht eine Katastrophe. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen, und wir machten alles noch schlimmer, indem wir sangen: ROTKOPF - DIE ECKE BRENNT - FEUERWEHR KOMMT ANGERENNT.

Modisch wollte ich natürlich auch auf dem letzten Stand der Dinge sein, und so musste natürlich ein Petticoat her. Ich trug einen schwarz-bunten Rock, weit geschnitten und um die Taille so eng, dass ich wirklich kaum Luft bekam. Darunter kam dieses Monstrum von Petticoat. Zwar war ich, was Hausarbeit betraf, ein ziemlich verwöhntes kleines Ding, aber ich ließ es mir nicht nehmen, meinen Petticoat selbst zu waschen, zu bügeln und zu stärken. Und das funktionierte folgendermaßen: frisch gewaschenen Petticoat in ganz wenig Wasser, dafür um so mehr Stärke tauchen, Petticoat ausdrücken, sofort aufs Bügelbrett und trocken bügeln. Der Petticoat war anschließend so steif, dass man ihn glatt hätte hinstellen können. Er war hart und kratzte, aber was machte das schon. Wer schön sein will, muss leiden... Die Schweinerei, die mit dieser Prozedur einherging, war ein mittlerer Albtraum. Ich hatte nie Zeit, so kann man das auch nennen, und ließ nach dem Bügeln alles stehen und liegen. Das ging selbst meiner liebevollen und harmoniebedürftigen Mama auf den Wecker. Und um den Familienfrieden wieder herzustellen, bekam ich nun einen neuen Petticoat genäht - ein ganz scharfes Teil, einteilig bis zur Hüfte und sieben Röcke drangenäht mit viel Spitze. Ich sah zwar ein bisschen wie eine Kaffee-Wärmer-Puppe aus, aber ich fand mich toll. Im Styling war ich auch ein absoluter Trendsetter - ich hatte mir jeden Fingernagel andersfarbig lackiert und das zu Zeiten, als der Punk noch fast zwanzig Jahre auf sich warten ließ. Denn ich wollte immer etwas ganz Besonderes sein, sah mich in meinen Tagträumen natürlich schon in Hollywood, und meine armen Eltern hatten es sicher mit ihrer pubertierenden Göre manchmal nicht so leicht. Es musste jedenfalls ein seltsamer Anblick gewesen sein, wenn die Tochter mit ihren Jeans in der Badewanne lag, damit diese schön eng wurden. Manchmal nähte ich die Hosen morgens vor dem Schulbeginn noch ein Stück enger. Eng, eng, eng - so musste es sein. An Pipimachen war bei diesen Konstruktionen von Jeans natürlich kaum zu denken. Wie ich das manchmal durchgehalten habe, weiß ich heute nicht mehr. Aber in diesen Dingen unterschied ich mich eben auch nicht von Millionen anderer Teenager auf der Welt.

Obwohl ich nie ein sonderlich politisch denkender Teenie war, blieb mir der 13. August 1961 im Gedächtnis haften. Ich war in Berlin geboren und aufgewachsen, kannte nur diese in Zonen aufgeteilte Stadt. Das Glück hatte meine Familie im West-Teil angesiedelt. Meine zwei Tanten jedoch und mein Opa hatten ihr Haus im Ost-Teil. Tante Mary arbeitete als Postbeamtin im Westen und fuhr nach Feierabend zurück in ihr Haus in Hohenschönhausen. Bis zu jenem einschneidenden 13. August 1961, an dem plötzlich der Weg zur Arbeit versperrt war. Walter Ulbricht hatte den Befehl gegeben, eine Mauer zu errichten, die für die kommenden 100 Jahre gedacht war und tatsächlich 28 Jahre bestand. Dadurch wurde aus der aufgeteilten Stadt Berlin über Nacht eine geteilte Stadt, und Tante Mary kam nicht wieder zurück und blieb bei Opa und Tante Alice im Osten.

Einmal noch, zu Weihnachten 1961, wurde die Grenze für uns West-Berliner ohne Besuchserlaubnis passierbar, und wir fuhren alle zu Opa und Tante Mary und Alice. Es war mein Geburtstag, und wir machten uns alle fein zurecht. Mama hatte einen Käsekuchen gebacken, der an der Passierstelle Friedrichstraße genau unter die Lupe genommen wurde. Man hätte ja etwas darin verstecken können. Nach der Untersuchung ging es weiter und Mama sagte nur zum Papa: "Hast die den Stein fallen hören?" Worauf Papa nur erstaunt dreinblickte. Mama hatte 20.000,- DM in ihrem Hüftgürtel versteckt. Da waren die gesamten Ersparnisse von Opa und Tante Mary, die auf diesem etwas ungewöhnlichen Weg nun wieder ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt wurden. Das gab ein großes Hallo. Mir wird dieses Weihnachtsfest - mein 15. Geburtstag - jedenfalls unvergesslich bleiben.

Endlich - Drewitz - wieder endlose Warterei... Stop and Go... Handbremse - die Fußbremse versagt immer mehr. Ein Unfall in der DDR hätte mir jetzt gerade noch gefehlt. Bei meinen vielen Gastspielen "drüben" habe ich die Menschen stets als warmherzig, freundlich und hilfsbereit kennen und schätzen gelernt - was aber in einer Unfallsituation auf mich eingestürmt wäre, übersteigt meine Phantasien.

In der Schule langweilte ich mich mittlerweile immer mehr. Ich schreckte nicht einmal davor zurück, furchtbare Bauchschmerzen vorzutäuschen, um einen Tag zu Hause bleiben zu können. Papa nahm mich aber gleich mit in die gegenüberliegende Klinik, in der er als Krankenpfleger arbeitete und schickte mich in die Notaufnahme. Einer leicht erhöhten Leukozytenzahl hatte ich es schließlich zu verdanken, dass die Ärzte mir bereitwillig den Blinddarm entfernten. Der Professor höchstpersönlich verpasste mir einen Bikini-Schnitt, auf den er so stolz war, dass er ihn während meines gesamten Klinikaufenthaltes täglich seinen Studenten vorführte. Aber im Gegensatz zu meinem Interesse an der Schule stieg mein Interesse an Jungs. Das Musikkorps der schwedischen Heilsarmee gastierte in Berlin, und da musste die Familie natürlich hin und das selbstverständlich in erster Reihe. Da blickte ich in unverschämt blaue Augen. Sie gehörten dem Trompeter des Ensembles, den ich nach der Vorstellung unbedingt kennen lernen musste. Und so schlich ich mich hinter die Bühne. Dieser blonde Traum von einem Mann entpuppte sich als Bernt Tilström, genannt Tim. Tim besuchte eine Offiziersschule in Jönköpping. Wir mochten uns auf Anhieb. Papa wunderte sich natürlich, dass ich am nächsten Morgen dringend zum Busbahnhof musste, um die Truppe zu verabschieden. Wir tauschten unsere Adressen aus, und dann begann ein langer, intensiver Briefwechsel. Er sprach und schrieb sehr gutes Deutsch. Sogar von einer Verlobungsabsicht konnte ich lesen. Bei seinem nächsten Besuch in Berlin zeigte ich ihm meine Stadt. Übernachten durfte ich bei Tante Ruth. Aber wie das Leben so spielt... Irgendwie waren meine Vorstellungen ganz anders als seine, und zwischenzeitlich war ich auch schon mit einem anderen netten blonden Jungen aus Berlin ausgegangen. So reiste Bernt Tilström schließlich ab, meine Vorliebe für gut aussehende Männer aber blieb...

Ich hatte also meine erste Bekanntschaft mit Jungs hinter mir, hatte fleißig Knutschen geübt und wartete auf den großen Moment, der mein Leben verändern sollte. Den sah ich in Form einer Anzeige in der Berliner Zeitung. Dort suchte ein Tonbandgerätehersteller für die in diesem Jahr stattfindende Funkausstellung Nachwuchsinterpreten, Talente, die vor Publikum ihr Können unter Beweis stellen sollten. Dem Sieger winkte natürlich als erster Preis ein Tonbandgerät. Damals unerschwinglich für uns. Aber heißbegehrt. Also nix wie hin... Ich pirschte mich durch die Hallen und stand vor einem gläsernen Studio. Klein und unscheinbar, wie ich war, hätte ich da wohl heute noch gewartet, wenn da nicht dieser süße Junge mit seinen dunklen Haaren gestanden hätte, bei dem ich auf Anhieb wacklige Knie bekam. Der hatte mit seinem frech-forschen Blick wahrscheinlich sofort erkannt, was mich dort hingezogen hatte, kam weltmännisch auf mich zu und fragte direkt: "Du willst wohl ooch singen?" Und ob ich wollte, jetzt erst recht. Er hatte seinen Auftritt bereits hinter sich und brachte mich zu den Männern im Studio. Was ich denn singen wollte? Keine Ahnung - darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das bekannteste Lied war von meiner Lieblingssängerin Conny Froboes, ebenfalls Berlinerin und hieß "Zwei kleine Italiener". Mit diesem Lied hatte Conny die deutschen Schlagerfestspiele 1962 gewonnen, und der Titel war ein echter Hit. Den Text konnte ich natürlich auswendig. Also - Playback rein und los gings. Bislang hatte ich immer nur mit Bands gesungen oder mich auf der Gitarre begleitet. Das war nun mein Debüt als Sängerin mit einem Playback, das natürlich von einer dieser Super-Bandmaschinen abgefahren wurde. "Eine Reise in den Süden ist für andere schick und fein, doch zwei kleine Italiener würden gern zu Hause sein. Oh Tina, oh Marina..."