Tintenkiller -  - E-Book

Tintenkiller E-Book

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Beschreibung

Der grausame Mord an einer jungen Frau aus ihren Reihen erschüttert die Düsseldorfer Werbewelt. Es gibt die üblichen Verdachtsmomente, die kreativen Könner und Freaks, die burnout-bedrohten Manager auf Agentur- und Kundenseite, jede Menge abstrus-irriger Klischees, Geld und Gier im Überfluss, politisch mehr oder weniger korrekte und intelligente Menschen beiderlei Geschlechts, heimliche Verführer und den rumschnüffelnd-investigativen Journalisten. Also an sich nichts Besonderes. Sehr speziell und eigen wird es aber dann, wenn man diesen tödlichen und brisanten Fakten- und Indiziencocktail einmal kräftig durchrührt und dem Kreativkader Düsseldorf serviert, dessen talentierte Texter als feine Edelfedern arbeiten wollen und wohl auch werden. So entstanden acht neue, packende Crime Scenes, an deren Anfang ein gewaltsam herbeigeführter Tod steht, die sich bei den gleichen Figuren und Protagonisten jedoch in unerwartete Richtungen entwickeln und mit völlig unterschiedlichem Ausgang überraschen. Begleitet wurde dieses literarische Projekt von der Exlibris Publish Redaktion.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Tell me something I don‘t know.

Van Morrison

Die Stories

Z

EREBRUM

Alexander Crosland

W

ENN DER

F

ÄHRMANN EINFACH

N

EIN SAGT

Delvi (P)

B

ABYBLUES

Karoline M. Martre (P)

K

EIN

E

MPFANG

Philip Keens

D

IREKTOR

M

ORD

Henrik Bernard (P)

K

EINE

H

OCHZEIT UND

4 T

ODESFÄLLE

Hauke Lindstädt

M

ORD UM JEDEN

P

REIS

Andreas Stanitzek

D

ESTINATION

Thomas Seybold

Drei der Autoren bevorzugten unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, gekennzeichnet mit (P). Auf Anfrage und nach Rücksprache mit den Autoren informiert Exlibris Publish gern über die wahre Identität des Mannes, bzw. der Frau hinter der Geschichte.

Vorwort

Man nehme einen grausamen, tückischen Mord in der Düsseldorfer Werbeszene, gebe die üblichen Verdächtigen plus Klischees, eine Prise Sex, Geld und Gier dazu, schüttele das Ganze einmal gehörig durch und serviere diesen tödlichen Cocktail den Probanden des Kreativkaders Düsseldorf, die als Texter und Konzeptioner arbeiten wollen und werden.

Vor diese spannende Aufgabe gestellt, lieferten acht Absolventen des 9. Jahrgangs bemerkenswerte Crime Scenes ab; geprägt von Fantasie und Fabulierkunst. Acht spannende Krimis, an deren Anfang der gewaltsam herbeigeführte Tod steht, die sich jedoch in alle Richtungen entwickeln und mit völlig unterschiedlichem Ausgang aufwarten.

Die Texter mixten alle Komponenten gekonnt miteinander, fügten etwas Lokalkolorit und eigene Erfahrungen hinzu, schrieben unter anderem aus Sicht des Täters oder aus dem Blickwinkel des Opfers und entwickelten elegische Dramen oder kompakte Short Stories, die sich als Hörspiel genau so gut eignen wie als Drehbuchvorlage.

Bei der Begutachtung der Arbeiten konnte festgestellt werden, dass der spannende Plan funktionierte und sich die Vermutung, dass mancher Texter auch eine literarische Ader und das entsprechende Edelfeder-Talent hat, bewahrheitete.

Das Ergebnis ist der Tintenkiller, ein feines Crime Compendium der besonderen Art.

Spannende Unterhaltung. Gut überlegt, klug geschrieben, packend getextet. So soll es sein.

Jörg Krogull (Hrsg.)

Alexander Crosland

ZEREBRUM

Das Erste, was Sami Kaya sah, als er an diesem regnerischen Herbsttag in seinem kleinen, aber ausreichenden Appartement im 5. Stock eines Mehrfamilienhauses aufwachte, war die ergraute Raufasertapete der Wand, an der er lehnte.

Ohne auch nur daran zu denken sich umzusehen, torkelte er mit kleinen, schleppenden Schritten und halb geöffneten Augen durch den mit Bierdosen nahezu gepflasterten Raum ins Bad. Den rechten Mittel- und Ringfinger streckte er aus und schob sich beide gemeinsam tief in den Hals. Er war Rechtshänder. Sofort beugte er sich über das Klo und kotzte sich mit lautem Gestöhne die Seele aus dem Leib. Fast hätte er es noch geschafft den Deckel hochzuklappen, aber es war zu spät.

„So ‚ne Scheiße!“, zischte er und wusste nicht, ob er es nur gedacht oder auch ausgesprochen hatte. Das passierte ihm hin und wieder. Viele Kollegen und Freunde kamen deshalb schon zu ihm. Sie dachten ihm helfen zu können. Aber Sami war schon immer ein Dickkopf, der sich nicht gerne helfen lies, wenn es nicht notwendig war. Und überhaupt war für ihn nie etwas notwendig.

Im nächsten Moment sackte er zusammen. Erschöpft. Katerstimmung. Die Fliesen auf dem Boden waren so kalt, dass er sich schüttelte und prompt versuchte seinen Körper mit den Händen warmzurubbeln. Er bildete sich ein, seinen eigenen Atem zu sehen. So wie bei einer Expedition in der Antarktis, wo unfassbare Minusgrade herrschen. Natürlich konnte es in seiner Wohnung nicht so kalt sein, aber Sami war in Sachen Einbildung wirklich Weltklasse.

Nach kurzem Zögern nahm er schließlich die von einem Film aus Erbrochenem überzogene Fußmatte und deckte sich damit zu, um nicht komplett zu erfrieren. Prompt schlief er im Sitzen ein und begann zu träumen. Sami träumte gerne und viel. Das kam auch schon mal tagsüber vor. Und ohne, dass er dabei schlief. Oft fiel es ihm auch gar nicht auf, weil ihm seine Träume so echt erschienen, dass er sogar Schwierigkeiten hatte, Traum und Wirklichkeit auseinander zu halten...

..... er war draußen. Leicht bewölkter Himmel. Milder Wind blies ihm um die Ohren. Er bekam Gänsehaut. Den Ort kannte er nicht, aber er spürte, dass er schon Mal hier gewesen war. Weite Felder, viel Natur, reichlich Laub auf dem Boden. Schön hier, wenn da nicht dieser schrille Ton wäre, der ihm allmählich in den Ohren wehtat. Ein Klingeln, wie von einem Telefon. Sami drehte sich wild umher, um diesen störenden Ton zu lokalisieren. Schließlich konnte nirgends ein Anschluss sein, da draußen.

Dann entdeckte er das große, hölzerne Haus. Er stand direkt davor. Von dort musste es kommen. Die weiße Farbe blätterte schon ein wenig ab, es musste sehr alt sein. Davor ragte ein mächtiger Baum in die Höhe. Viel höher als das Haus es war. Einer, der so alt schien, dass man meinen konnte, er stünde schon seit der Entstehung der Erde dort. Als könne er jede Geschichte der Welt erzählen. Als sei er allwissend über alle Dinge. Aber er sah auch traurig aus. Vielleicht gerade weil er alles wusste?

Wenige Blätter hingen nur noch daran. Sami spürte eine enge Verbundenheit mit diesem etwas gruseligen Ort. Vor allem den Baum konnte er nicht aus den Augen lassen. Indes war das Klingeln unerträglich geworden und Sami wurde fast wahnsinnig davon....

Als schlug ihn jemand mit der Faust ins Gesicht, wachte er plötzlich wieder in seinem Bad auf dem Boden auf. Schweißgebadet. Überall Kotze. Das Telefon hatte ihn geweckt. Der gleiche störende Ton wie aus seinem Traum. Eine gute Stunde hatte er nun dort geschlafen, zugedeckt mit einer Fußmatte, die vollgekotzt war.

Wie ein Penner, nein, viel schlimmer! Und immer noch das Klingeln in den Ohren. „Wer ist da so penetrant?“, dachte er und versuchte aufzustehen, doch sein Nacken schmerzte. Steinhart. Er sank wieder auf die kalten Fliesen. Aus mit der Klingelei. Der Anrufbeantworter ertönte und eine ihm sehr bekannte Stimme kreischte lauthals aus der Anlage: „Sami, ich glaub‘, du hast sie nicht mehr alle! Wo bist du? Verdammte Scheiße! Wenn du hier nicht gleich auftauchst, dann ...ich schwöre dir, Freund. Das alles bringt dich noch um. Wenn das nicht schon passiert ist.“

Es war Rebecca, seine baldige Ex. Sie wird Schluss machen und damit die Krise des Sami Kaya abrunden. Aber vorher musste Sami noch Rebeccas Abfuhr kassieren. Auf der Stelle stand er auf. Die Schmerzen waren wie durch Zauberhand verschwunden.

Und die ersten Erinnerungen wurden wach. Die beiden waren verabredet, und zwar seit zwei Stunden. Sami putzte sich fix die Zähne, kämmte durch sein pechschwarzes Haar, wischte kurz über die fettigen Brillengläser, steckte das knittrige Hemd in die Hose und verschwand aus der Wohnungstür. Bald darauf kam er niedergeschlagen wieder herein. Trotzig wie ein kleiner Junge, der beim Einkaufen nicht das eine tolle Spielzeug, das er unbedingt haben wollte, bekommen hatte. Als Sami sich auf seinen Lieblingssessel fallen ließ, der schon ordentlich alt und durchgesessen war, quoll Staub aus den mit braunem Leder überzogenen Polstern. Ein zerknülltes Stück Papier piekte ihn in den Rücken. Augenblicklich holte er es hervor und wollte es eigentlich direkt zu dem anderen Schmutz auf den Boden werfen, wenn da nicht dieses Polizeilogo auf dem Briefkopf gewesen wäre.

Sami faltete das Blatt auseinander und las nur die Betreffzeile, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. „Sofortige Freistellung vom Polizeidienst.“ Mit offenem Mund und starrem Blick erhob er sich aus dem Sessel und ließ dabei den Brief fallen. Immer mehr erinnerte er sich. „Das war kein Selbstmord.“, flüsterte er und begann mitten in den Raum zu schreien: „Das war kein Selbstmord! ...Nein. Sie hat es nicht getan ...“ Er rannte zur Tür, um das Licht einzuschalten. Klick. Da war es. Das letzte Stück, das gefehlt hatte, damit sich Sami komplett erinnerte.

Seine Wand war fast wie tapeziert davon: kopierte Polizeiakten, Bilder und Zeitungsberichte. Immer ging es ihm um die eine Sache. Um den Fall Ridder. Sami war bis vor kurzem noch die rechte Hand von Oberkommissar Thomas Eppen. Wie Blitze trafen die vielen Gedanken sein Großhirn. Es schmerzte regelrecht. „Erst mal ein Glas Wasser.“, dachte er, nahm sich aber Whiskey. Um dann entlang seiner Ermittlungswand zu schleichen. Noch einen Whiskey. Immer wieder blieb er stehen, um kurz inne zu halten und in Denkerpose zu gehen. Doch er konnte keinen Gedanken wirklich greifen und festhalten. Murmelnd las er einige Überschriften der Zeitungsartikel vor, die allesamt aus der Feder des Boulevardblattes Klartext stammten: „Unnachahmliche Polizeiarbeit von Thomas Eppen! ...Gotham hat Batman. Wir haben Thomas Eppen. ...Thomas Eppen, die Lösung für alle Fälle. ...Wer braucht schon Sherlock Holmes? Wir haben Thomas Eppen.“

Sofort hustete er klebrigen, gelben Schleim in sein Glas. Sein ehemaliger Vorgesetzter war unheimlich beliebt bei den Medien. Allen voran aber bei „Klartext“. Sami hatte schon immer das Gefühl, dass zwischen Willy Rosenkranz, einem Klartext-Journalisten, und Eppen irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging. Offensichtlich war er damit der einzige.

Aber nie war er sich so sicher, wie beim Fall „Ridder“. Eppen konnte beweisen, dass es Selbstmord war, aber Sami wusste, dass die Beweise gefälscht gewesen sein mussten. Er hatte es irgendwie im Urin. Nadja Ridders Leiche fand man nur mit einem Designer-Kleidchen bekleidet am Rande des Stadtgrabens. Sami schaute sich immer und immer wieder die Bilder aus den Akten an seiner Wand an. Nun, der Fall wurde ad acta gelegt und Klartext berichtete mal wieder vom großen Helden, Thomas Eppen. Die Leute glaubten ihm.

Die leicht beeinflussbare Gesellschaft glaubte allen voran immer dem schnellsten aller Boulevardblätter, Klartext, die immer dicht an Eppens Fersen arbeiteten und ihre Infos so aus erster Hand bekamen. Die falschen, wie Sami das sah. Klartext bekam immer die fettesten Stories und Thomas Eppen wurde von Mal zu Mal berühmter. Keiner bemerkte, dass sie den in Samis Augen hoffnungslos überschätzten Ermittler Eppen unwahrscheinlich in den Himmel lobten. Fast so, als wäre er ein Popstar. Und die Menschen nahmen das an. Sie akzeptierten oft Dinge, bei denen sie kein besonders kompliziertes Verständnis benötigten. „Mieser Hochstapler.“, fluchte Sami. Er wollte die Leute wissen lassen, dass mehr hinter dem Fall steckte und die Wahrheit aufdecken. Also rollte er den Fall nochmal komplett aus. Auf eigene Faust und natürlich ohne jegliche Befugnisse.

Durch seinen guten Freund Jan, der im Polizeiarchiv tätig war, kam er an die Unterlagen zum Fall Ridder und richtete sich Zuhause sein eigenes kleines Ermittlungsbüro ein. Jan unterstützte Samis Meinung beim Mordfall Ridder und half ihm sowieso immer, wenn er ihn brauchte. Dass die beiden sich damit strafbar machten, war ihnen bewusst, aber auch die Sache wert. Bald schon drehte sich Samis Leben nur noch um diesen Fall. Er war wie besessen und tat nichts anderes mehr. Wurde beurlaubt und jetzt trennte sich auch noch seine Freundin von ihm.

Er versank immer mehr in diesem Strudel. Nadja Ridder arbeitete vor ihrem Tod in der Werbeagentur BW&H als Assistentin von Benedikt Homberg, dem Creative Director und Cheftexter der Agentur. Nach Polizeiinformationen war Nadja eine stets vorbildliche und lebensfrohe Mitarbeiterin, die sehr viel zum guten Arbeitsklima beigetragen hatte. Es gab viele Fragen, zu denen Sami Antworten brauchte. Nadja konnte er natürlich nicht fragen, obwohl sie diese Fragen am aller besten und ehrlichsten beantworten könnte. Aber vielleicht, so dachte er, bekam er Informationen aus ihrem näheren Umfeld. Deshalb beschloss er am Abend zu BW&H zu gehen.

Es war ein kalter Herbstabend. Sami kaufte sich unterwegs ein Päckchen Zigaretten. Eigentlich rauchte er nie, aber er hatte mal gehört, dass das die Nerven beruhigen solle. Und aufgeregte Nerven hatte er viele. Bald stand er vor dem großen Gebäude der Werbeagentur. Der Glas-Metall-Holz gewordene Traum eines extrem ambitionierten Architekten.. Imposant, aber Geschmackssache.

„Komischer Haufen, diese Werbeleute.“, sagte er, obwohl er es nur denken wollte. Genau betrachtete er die Fassade und versuchte durch die Fenster ein paar Details zu erhaschen. Viele Leute waren nicht mehr da, die meisten Lichter schon aus. Etwas unbehaglich trat er die Zigarette auf dem Boden aus und ging trotzdem rein. Drinnen, im sehr großzügigen und modern minimalistisch eingerichteten Foyer begrüßte ihn die Empfangsdame recht herzlich: „Willkommen bei BW&H, was kann ich ihnen antun?“, und lachte dabei piepsig.

Sami fühlte sich, als stieß ihn der Schall des Lachers um. Er wippte mit dem Körper dagegen um nicht rückwärts zu fallen, und fiel fast nach vorne um. „Hast Du das auch Nadja gefragt, Du verdammte Mörderin? Grins nicht so verschissen!“, dachte er und wartete einen Augenblick, um zu sehen, ob sie eine Reaktion zeigt. Das hätte sie auch sicher getan, wenn Sami das ausgesprochen hätte.

Tat sie aber nicht, also antwortete er gelassen: „Guten Abend, mein Name ist ...“, kurz überlegte er, ob er sie anlügen sollte, ließ es aber dann doch bleiben, „Sami. Kannten Sie eine Frau Nadja Ridder? Sie hat hier gearbeitet.“ Kaum hatte Sami das letzte Wort ausgesprochen, fing die Gute an zu weinen. Mit lautem Gejaule heulte sie ihm vor, was für eine tolle Mitarbeiterin Nadja war und dass alles, was passierte, ganz schrecklich für sie ist.

Doch Sami, ganz Polizist, blieb cool. Er dachte daran, dass Nadja vielleicht gar nicht so beliebt war und die Empfangsdame jetzt nur so ein Theater machte, um ihn abzulenken. Dass die Frau vielleicht etwas witterte. Und dass dann vielleicht sogar die Polizeiakten getürkt wurden. Inzwischen schien alles möglich. Als sie merkte, dass Sami keine Reaktion zeigte, wischte sie sich die letzten herausgepressten Kullertränen aus dem Gesicht und schluchzte noch ein wenig.

„Alles in Ordnung?“, fragte Sami. Sie schaute ihn ernst an. „Muss ja. Entschuldigen Sie. Nun, ich kannte Nadja. Warum fragen Sie?“ Auf die klassische Warumfrage war er sichtlich nicht vorbereitet. „Ich – ähh – bin ein alter Schulfreund von ihr.“ Der Schweiß lief ihm in Bächen herunter. Er wusste, dass es heftige Probleme gäbe, wenn seine privaten Ermittlungen öffentlich würden. Doch Sami bäumte sich auf, ganz nach dem Motto: Augen zu und durch. „Also – ähh – wie gesagt, klar? Ich habe jetzt auch keine Zeit für ein Kaffeekränzchen. Sind noch Sachen von Nadja hier?“ „Nee, die sind alle von der Polizei abgeholt worden. Thomas Eppen, haaach, ein toller Mann und der tollste Kommissar der Welt. Der hat sich dem Fall höchstpersönlich angenommen. Den kennen Sie doch, oder nicht?“

Natürlich kannte Sami ihn. Besser sogar als sonstwer. „Also, kannste vergessen hier.“, sagte Sami leise und wollte das wieder einmal nur denken. Die Frau guckte ganz entsetzt. „Wie bitte?“, fragte sie. Sami erwiderte: „Ach, ja na klar. Wenn das so ist, dann wird das schon alles seine Richtigkeit haben. Ich muss dann auch mal wieder, schönen Abend!“ Frech grinsend, näherte er sich langsam dem Ausgang. Doch bevor sich Sami vollends umdrehte, sah er noch einen Mann aus dem Fahrstuhl kommen.

Der verabschiedete sich ebenfalls von der Empfangsdame und stürmte an Sami vorbei nach draußen. Das alles passierte in wenigen Sekunden, doch Sami sah es wie in Zeitlupe. Dabei entdeckte er das Logo der Klausen GmbH auf einem kleinen Schild, das der Mann bei sich trug.

Auf dem Heimweg machte Sami noch einen kleinen Abstecher zu „Maggo’s“, der Kneipe eines Freundes. Hin und wieder konnte Sami dort mal einen umsonst heben, weil er dem Wirt mal einen Gefallen getan hatte. Er setzte sich direkt an die Bar. Ohne zu bestellen, stand schon nach einer Minute ein frisch gezapftes Bier vor seiner Nase. Das Maggo’s war an diesem Abend, wie so oft, sehr gut besucht. Trotzdem kannte Sami hier niemanden. Also saß er weiter alleine an der Bar und träumte vor sich hin. Wie ein kleiner Junge, der nicht bei den großen mitspielen durfte, schaute er hinüber zu einer Gruppe Menschen. Schon leicht angetrunken lachten sie und hatten eine Menge Spaß. Spaß hatte Sami schon lange nicht mehr. Dann wurde er plötzlich heftig angerempelt.

Er drehte sich und sah eine Frau. Sami nahm sie blitzschnell unter die Lupe: Augen verheult, Schminke verwischt, sturzbetrunken. Eigentlich wollte sie nur zur Bar, um zu bestellen. „Swwei tooppelde Koan ...büdde.“ Ihre Fahne war ekelerregend. Während der Barmann ihr die Schnäpse auf die Theke bretterte, schaute sie zu Sami. Sie lehnte sich zu ihm und sagte: „Ih blas dir einn - für einhundert.“ Doch bevor Sami überhaupt reagieren konnte, zog sie einer der Männer weg. „Komm jetzt!“ Fragend schaute Sami zum Barkeeper. „Kennst du die?“, fragte er ihn. „Oh ja. Glaub mir Sami, lass dich nicht auf die ein. Wenn ihr Alter davon erfährt, bist du dran.“ „Wer ist ihr Alter?“ „Sami, das ist Mira Gentheim, die Alte vom Kaiser. Vom jungen Kaiser – Felix Kaiser. Der übernimmt doch bald diese Klausen Dingens.“, flüsterte er Sami noch zu, bevor er hinter dem Tresen verschwand. „Ähh, damit das klar ist, ich wollte nichts von ihr. Sie kam auf mich zu.“, sagte Sami perplex und über dem Tresen lehnend.

Der Barkeeper tauchte wieder auf und sagte mit hochgezogenen Augenbrauen: „Yo, schon klar.“ Sami beließ es dabei und schaute Mira hinterher. „Natürlich!“, dachte er, als er ihn sah. Mira war die Freundin von demjenigen, dem er noch vor kurzem über den Weg gelaufen war. Der mit dem Klausen GmbH-Schild. In einer der hinteren Ecken saß er und wartete darauf, dass er seinen von seiner Freundin bestellten Korn bekam. Offenbar gab es etwas zu feiern.

Sofort machte sich Sami auf nach Hause. Dort recherchierte er ein wenig im Internet. Da hatte er es schwarz auf weiß: Die Klausen GmbH war ein Beratungsunternehmen und Kunde bei BW&H. Der dynamische junge Mann war Felix Kaiser, der Juniorchef und Lebensgefährte von Mira Gentheim. Wie von einer Tarantel gestochen, suchte er nach Indizien an seiner Wand. Was er aber nicht wusste, war, dass Mira Gentheim der Polizei nicht bekannt war. In den Akten konnte also nichts über sie in Verbindung mit Felix Kaiser stehen. Nach stundenlangem Durchforsten der Unterlagen legte er sich breit auf den Boden und grinste. „Kein Wort von ihr. Keine auch nur noch so kleine Info. Da muss man in die Kneipe gehen, um das zu erfahren.“, dachte er und fing an zu lachen.

Was für andere Leute nicht so aussah, war für Sami ein ganz klarer Hinweis dafür, dass Mira Gentheim ein Teil des Puzzles im Mordfall Ridder war. Gerade eben weil sie nie erwähnt wurde. Er hatte es in ihren Augen gesehen. Sie war eine clevere Frau und keineswegs jene, für die sie von vielen gehalten wurde. Vom einen auf den anderen Moment verwandelte sich der Raum. Ultrahelles Licht. Samis Netzhaut schien regelrecht in Flammen zu stehen, solche Schmerzen hatte er, als er mitten in das Licht blickte, das einfach überall war. Mit den Armen spendete er Schatten und versuchte zu erkennen, was das war. Kurze Zeit später schwächte es etwas ab und er konnte wieder halbwegs gut sehen. Er nahm die Arme wieder herunter.

Dann erkannte er einen alten, gebrechlichen Mann vor sich. Er stand leblos da und bewegte sich nicht. Er bewegte sich nur dann, wenn Sami sich bewegte. Sami fragte sich in diesem Moment, wo er denn sei. Und das wusste er wahrlich am besten. Er schaute sich um. Ein spärlich eingerichtetes Zimmer. Nur ein Bett, ein alter Sessel, Moment, sein alter Sessel und ein Spiegel. Er hatte keine Kleidung an, sondern lediglich einen weißen Lumpen, der von Blutflecken übersät war. Ebenso, wie der alte Mann. Doch der alte Mann, den Sami vor sich sah, war er selbst. Schlagartig fühlte er sich auch so. Schwach und gebrechlich und ...noch viel teilnahmsloser, als er es ohnehin war. Er sah sich. Apathisch. Im Zimmer gab es ein großes Fenster. Er schaute hinaus. Die Sonne schien. Ein warmes Gefühl. Kurz schloss er die Augen und ließ sich von den Strahlen berieseln. Dann entdeckte er den großen Baum im Garten. Da war wieder: der traurige Baum. Noch drei mickrige Blätter hingen daran. Trotzdem war es ein unheimlich schöner Ausblick von seinem Aussichtspunkt. Felder, Wiesen und der Garten, der mit Laub bedeckt war. Sami spürte ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht. Er hob den Arm, ohne Herr über seinen Körper zu sein. Eine halbe Ewigkeit verging. Dann biss Sami beherzt in seine Hand und riss sich ein Stück Fleisch heraus. Das Blut spritze aber erst so richtig, nachdem er sich auch den Arm vornahm. Dabei verletzte er seine Arterie. Er spürte nichts, nur den Drang weiterzumachen. Just in dem Moment sprang die Tür auf und eine Frau, die wie eine Krankenschwester aussah, ließ mit lautem Knall ein Tablett mit einem Teller Erbseneintopf fallen. Den Stummel seines Zeigefingers auf den Boden spuckend, blickte Sami zu ihr. Sie Atmete schwer und Sami wie ein Tier. In ihrem Gesicht war das blanke Entsetzen zu lesen. „Cathrin, 1 3 0, 1 3 0, schnell!“, schrie sie hinter sich, als sie auf ihn zurannte. Mit ihren starken Armen hielt sie ihn fest, nachdem sie einen Pressverband machte, um die Blutung zu stoppen. Dann kam endlich Cathrin. Eine schöne Frau und die Oberschwester, der Uniform nach zu urteilen. Zusammen hievten sie Sami auf eine spezielle Liege. Er dachte nur daran, warum er jetzt auf einmal in diesem großen hölzernen Haus war. Zuvor träumte er schließlich noch, dass er von außen darauf starrte. Bis ihn dann das Telefon weckte. Das wäre ihm jetzt gelegen gekommen, denn das hier war ihm wirklich unheimlich. Er fürchtete sich. Sah er seine Zukunft? Cathrin und die andere Schwester banden ihn fest und schoben ihn im Eiltempo mit der vierrädrigen Liege durch die sterilen weißen Gänge. Sami schloss die Augen. Er wurde schwächer. Im nächsten Augenblick hörte er keine Geräusche mehr von den Schwestern. Oder von überhaupt etwas. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Einfach weggedrückt.

Er öffnete seine Augen und fand sich auf dem Boden liegend in seiner Wohnung wieder. Genau so hatte das angefangen. Damit das nicht nochmal passiert, stand er blitzschnell auf und ging ins Bad um sich sein Gesicht kalt abzuwaschen. Verwirrt blickte er auf seine Uhr. Er trug sie immer falsch herum und am rechten Arm, weil er die Uhr hässlich fand. Aber sie tickte immerhin richtig, weshalb Sami sie überhaupt trug. Ein Blick reichte nicht. Er musste zwei Mal hinsehen und eine kurze Pause zum Rechnen einlegen. War wirklich so viel Zeit vergangen? Er legte sich darauf fest, dass es wohl zwei Stunden gewesen sein mussten. Dabei waren es runde 26, die er auf dem Boden gelegen hatte. Um auch wirklich auf Nummer sicher zu gehen, nicht noch der kranke Alte zu sein, betrachtete er nun gründlich seinen gesamten Körper im Spiegel des Badezimmerschrankes. Alles wieder normal.

Er atmete tief ein, plusterte seine Lungen richtig auf, und hustete arg beim Ausatmen. „Scheiß Raucherlunge“, dachte er. Während Sami sein Gesicht trocken wischte, kam draußen ein Sturm auf. Hagel schmetterte gegen die Jalousien. Eigentlich wollte Sami an diesem Abend zum Fundort der Leiche von Nadja Ridder spazieren. Das musste er wohl verschieben. Unwetterwarnungen konnte er, wenn überhaupt, nur über das Internet mitbekommen. Einen Fernseher hatte er nicht. Und ein Smartphone wollte er nicht. So etwas hätte ihn auch nur unnötig abgelenkt. Schließlich hatte er einen Job zu erledigen. Einen sehr ernsten noch dazu. Zumindest war das seine Einschätzung. Aufgrund des Unwetters also, welches ja nun wahrlich nicht unbemerkt bleiben konnte, beschloss Sami den Rest des Abends mal etwas ganz anderes zu tun. Etwas, das nichts mit seinem Schatz, dem Fall, zu tun hatte. Natürlich klappte das nicht. Er tat, was seine Bestimmung zu sein schien. Er lebte für Zigaretten, Alc und den Fall Ridder. Was sollte er also anderes tun? Es gab für ihn nichts anderes mehr. Selbst Schlafen war für ihn reine Zeitverschwendung. Obgleich er ja nicht wusste, dass er hin und wieder einen Aussetzer hatte. Aber das bezeichnete er ohnehin als kurzes Wegnicken. Von Tag zu Tag wurde Sami müder und schwächer. Es war jedoch nicht der Schlafmangel und die Sucht allein, die ihn kaputt machten.

Es schellte. Zu selten bekam Sami Besuch, was unter anderem auch die Unordnung in seiner Wohnung erklärte. Und, ja klar, die Abwesenheit einer Frau natürlich nicht zu vergessen. Sami ging geduckt zur Tür, um den Hörer der Sprechanlage abzuheben. Wie ein Soldat in feindlichem Gebiet tastete er sich vorsichtig heran. Nochmals schellte es. Diesmal doppelt so lange. Irgendwie aggressiv hörte sich das an. Langsam nahm Sami den Hörer in die Hand. Als wäre er in einer Bibliothek und er müsse aufpassen, dass er keine störenden Geräusche macht. „Ha ...Hallo?“ Nur Rauschen. „Ist da jemand?“ Da war niemand. Sami glaubte, sich das Schellen nur eingebildet zu haben. Etwas Schweiß tropfte gerade von seiner Nasenspitze auf den Boden, als er den Hörer wieder in die Anlage drückte. Er atmete schwer. Er setzte sich selbst so unter Druck, dass Anstrengungen dieser Art und Weise schwer für ihn waren.

Dann brach der Schweiß aus ihm heraus. So wie im Gespräch mit der Empfangsdame bei BW&H. Purer Stress für Sami. Sami ließ den Hörer los und wandte sich von der Tür ab, als es an der Wohnungstür klopfte. Sofort zuckte er am ganzen Körper zusammen. Es klopfte wiederholt. Jetzt zuckte Sami nicht mehr, weil er darauf eingestellt war. Dagegen stampfte er mit dem Fuß auf und mit ernster Mine ging er dem Klopfen nach. Sich der Tür nähernd, wurde er langsamer. Vorsichtig schaute er durch den Spion. Mit aufgerissenen Augen lehnte er sich mit dem Rücken an die Tür. Davor stand seine Nachbarin „Sami? Ich weiß, dass du da drin bist.“ Sami kannte sie, aber er wusste nicht, dass sie seine Nachbarin war. Er betrachtete sich eilig im Spiegel, kontrollierte seine Frisur und dass er nichts zwischen den Zähnen hatte. Dann machte er schnell noch die Scheinwerfer, die auf seine riesige Wand gerichtet waren, aus und öffnete seelenruhig die Wohnungstür. Bevor Sami was sagen konnte, sprudelte es aus der Frau heraus: „Sami, na endlich. Wie geht es dir? Alles okay, ja?! Ich wollte mal nach dir sehen. Und, naja, eigentlich ...“

„Stop mal. Cathrin, richtig?“, unterbrach Sami die aufgewühlte Brünette. Sollte das wirklich Cathrin sein? Die Schwester aus dem, naja, ein Krankenhaus war es eher nicht. Und auch kein Gefängnis. Aber wieso träumte er von seiner Nachbarin, an die er sich gar nicht erinnern konnte? „Richtig. Ähm, Sami? Haaallo – Erde an Sami“ Sie lachte. Stand stocksteif da. Er kapierte gerade nichts. Woher kannte sie ihn so gut? Vielleicht war sie aber auch nur eine sehr aufgeschlossene Persönlichkeit. Sami schüttelte den Kopf, als wollte er etwas daraus verschwinden lassen. Er grinste sie übertrieben an. „Ja, nein, schon klar. Bin hier – hiiii.“ „Scheiß Regen, oder? Naja, darf ich reinkommen? Hab mich leider ausgesperrt und der Schlüsseldienst braucht so lange.“ „Ich kann dir helfen. Also nicht, dass du nicht gerne reinkommen kannst, aber ich kann das machen.“ „Ich weiß schon, wie ihr das bei der Polizei immer gemacht habt. Nein, danke. Ich will, dass meine Tür heil und unversehrt bleibt.“

Wieder lachte sie und ging an Sami vorbei in seine Wohnung. Sie schien also sogar zu wissen, dass Sami vom Polizeidienst suspendiert worden war. „Puuh ist’s hier dunkel.“ Er schloss die Tür und versuchte Cathrin davon abzuhalten das Licht anzumachen, damit sie nicht den ganzen Müll und vor allem nicht seine Wand sieht. „Naja, ich will Geld sparen und deswegen ...“ Sami holte aus der Schublade vom Küchenschrank ein Feuerzeug und zündete damit zwei kleine Teelichter an. „Naja, immerhin. Du Romantiker.“ Das war ihr wieder ein Lacher wert. In der nächsten Sekunde setzte sie aber einen ernsten Blick auf. „Du sollst aufhören damit.“ „Mit was?“, entgegnete Sami und wieder floss ihm der Schweiß die Wange herunter. Cathrin sah ihn sehr ernst an und schüttelte verneinend den Kopf, wie eine Mutter, die ihrem kleinen Sohn die Leviten liest.

Sie erhob sich und stellte sich souverän auf. Man konnte den Zorn aus ihrem Gesicht lesen. „Immer wieder habe ich es gesagt. Lass es bleiben! Wieso hörst du nicht auf? Muss dich erst jemand umbringen? Keine Sorge, das tust du gerade selbst!“, dann wurde ihre Stimme weinerlich und sie setzte sich leicht auf die Vorderkante des Sessel, auf dem sie vorher gesessen hatte, „... ich wollte dir doch nur helfen, Sami. Nur helfen.“.

Sami wusste gar nicht, wie er mit so vielen Gefühlen umgehen sollte. Und erst recht verstand er nicht, wer diese Person überhaupt war. Das Gefühl der Bedrohung machte sich in ihm immer breiter. Mit geballter Faust wischte er sich den Schweiß von der Stirn und damit er nicht völlig ahnungslos auf die schöne Frau wirkte, sagte er: „Nun, also, ääh, ich weiß schon, was du meinst, glaube ich.“ Cathrin wippte auf der Vorderkante ganz nervös vor und zurück. Sie holte ihre Handtasche hervor und öffnete sie, während sie Sami in die Augen starrte. Ihr Blick hatte eine hypnotische Wirkung auf Sami, der nun beide Fäuste so fest ballte, dass sich die Fingernägel tief ins Fleisch bohrten und seine Knochen laut krachten. Seine Halsschlagader pulsierte und zeigte sich stark. Mit den Zähnen knirschend konnte er es kaum erwarten, was Cathrin aus ihrer Tasche zog. Eine Waffe? Er würde sie sofort K.O. schlagen. Auch wenn sie eine Frau war. Er müsste es einfach tun.

Cathrin setzte ihr hässlichstes Grinsen auf. Ihre Mundwinkel reichten von Ohrläppchen zu Ohrläppchen und ein hämisches Kichern kroch aus ihren Lippen. Der Anblick flößte Sami große Angst ein und provozierte ihn noch mehr. Cathrin zückte einen Revolver und zielte damit auf Sami. Sami fand sich wieder im Bett dieser eigenartigen klinischen Einrichtung wieder. Seine Hand und sein Arm wurden sorgfältig verbunden. Er war wieder der Alte, im wahrsten Sinne des Wortes. Was war bloß passiert? Hat Cathrin ihn erschossen? Ist das jetzt das Leben nach dem Tod? Er fühlte sich sehr schwach. Draußen beobachtete er den großen Baum. Zwei Blätter hingen jetzt nur noch daran. Eines weniger als beim letzten Mal. Mühselig hievte er sich aus dem Krankenbett und ging zum Fenster. Er wollte etwas mehr sehen. Dann erkannte er eine Frau im Garten, die er zuvor noch nie gesehen hatte. Oder vielleicht doch? Sie sah aus wie Mira Gentheim. Zumindest das, was Sami von ihr erkennen konnte. Sie hockte mit dem Rücken zu seinem Zimmer im Gras und wühlte herum. Doch als Sami gerade wieder zum Bett gehen wollte, drehte sich die Frau. Tatsächlich, es war Mira. Sie schien nach etwas zu suchen. In ihrer Hand hielt sie eine Waffe. Sie sah aus wie der Revolver, den Cathrin Sami vor die Nase gehalten hatte. Wie ein Spürhund schnüffelte sie auf dem Grundstück herum. Sami hielt es für richtig sich neben das Fenster zu stellen, damit Mira nicht sah, wie er sie angaffte. Mira Gentheim holte einen kleinen Schmierzettel aus ihrer engen Jeanshose und faltete ihn auseinander. Sah aus wie ein Einkaufzettel. Aber Einkaufen geht sie sicher nicht mit einer Waffe in der Hand. Und erst recht nicht in dieser verlassenen Gegend, wo es sonst nichts gibt als dieses Haus. Sie musste hier also jemanden kennen. Und sie wollte sie oder ihn finden und womöglich töten. Jetzt scannte sie mit Blick zum Detail die Fassade ab. Den Zettel faltete sie wieder zusammen und steckte ihn zurück in die Hosentasche. Mira war unsicher und prüfte auf dem Zettel nochmals, ob sie auch wirklich richtig war. War sie. Ihr Ziel nun fest im Blick kniff sie die Augen zusammen und nahm den Arm, in dem sie den Revolver hielt, hoch. Sami stand der Schweiß im Gesicht. Unter seinem Verband begann es arg zu jucken, aber an Kratzen war nicht zu denken. Erst jetzt merkte er, dass er gar nicht der alte sondern der junge Sami war. Wie konnte das sein? War jetzt nicht wichtig. Gedankenschneller und wendiger riskierte er einen Blick aus dem Fenster. Er sah Mira nicht. Sein Kopf ragte immer weiter nach oben. Bis er mit gebückter Körperhaltung vor dem geschlossenen, doppelverglastem Fenster Stand und er Mira für einen kurzen Augenblick sah. Plötzlich knallte es laut und nochmal und nochmal. Sami ließ sich sofort auf den Boden fallen und hielt die Arme über seinen Kopf. Drei Geschosse hatten ihn nur haarscharf verfehlt. Das Fenster war hinüber und die tausenden Scherben verteilten sich über Samis Körper. Sein Puls war bei gefühlten 300 Schlägen pro Minute. Hastig checkte er, ob er verletzt wurde. Und ob er noch der junge Sami war. Wäre er der alte gewesen, hätte er wahrscheinlich keinen Schmerz gespürt. So wie beim letzten Mal, als er sich selbst zum Fraß vornahm. Mira hätte ihn beinahe erwischt. Aber wieso wollte sie ihn überhaupt erwischen? Sami hatte in ihren Augen ein stählernes Funkeln gesehen. Eines, das nur wirklich böse Menschen hatten.

Die Tür zu Samis Zimmer ging auf, als er gerade versuchte nachzudenken, was jetzt der cleverste Schachzug war. Doch wer oder was reinkam sah er nicht.

Stattdessen hockte er auf Cathrin in seinem Appartement im 5. Stock. Seine rechte Faust schmerzte. Cathrins Gesicht auch. Aus ihrer Nase lief Blut. Sami hatte sie wirklich augeknocked. Zumindest hoffte er das, denn er wollte nicht als Mörder verurteilt werden. Langsam fuhr seine Wut herunter und Cathrin regte sich. Sie war ganz benommen und ächzte nach Luft. „Ich ...ich bring dich sofort ins Krankenhaus.“, sagte Sami als er gerade aufstand um sich die Hände gründlich mit Seife zu waschen. Doch als er gerade wieder aus dem Badezimmer kam, war Cathrin nicht mehr da. Stattdessen lag ein spitzer Gegenstand auf dem Boden. Ein Skalpell oder so etwas ähnliches. Vielleicht hatte sie das verloren.

Wer überhaupt? Sami begann zu stammeln: „Ich ...Sie war doch. Also Cathrin, diese Schwester aus dem Krankenhaus oder was immer das ist. Dort, wo ich alt bin. Was? Wo ist der Sinn?“ Allmählich begann Sami zu zweifeln, ob Cathrin wirklich in seinem Appartement aufgetaucht war. Sie musste hier gewesen sein. Sonst würde seine Faust vom Schlag nicht schmerzen. Na gut. Aber zumindest das Blut. Das Blut war eindeutig nicht von ihm. Und niemand sonst war hier. Außer diese Frau. Cathrin.