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"Die Stille drückte auf jede Stelle ihres Körpers, quetschte ihren Kopf zusammen, legte sich um ihr Herz, presste auf ihre Brust. Sie konnte nicht mehr atmen, nicht mehr sprechen, nichts mehr. Wie in Trance blickte sie auf ihre Hände hinab und sah, wie Bäche von schwarzer Tintenflüssigkeit geräuschlos aus dem Gefäß strömten. Über ihre Finger, über ihr Kleid, ihre Beine hinab, überflutete das Schwarz den Boden, auf dem sie stand." * "Was war denn das hier für ein seltsamer Ort? Weit und breit nichts, überhaupt nichts. Nur grauer Dunst in dieser sonderbaren Dimension, die ansonsten völlig leer zu sein schien. Tagelang traf man hier nicht auf das geringste Etwas, keinen Menschen, kein Tier, nicht einmal Land oder Meer, nicht einmal ein Sandkorn. Und absolute Stille herrschte hier. Es war unheimlich, als ob man in einem Vakuum verloren gegangen wäre."
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Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2022
INHALTSWARNUNG
Dieses Buch handelt von Trauma,
emotionalem Missbrauch,
Kindesmisshandlung, Vernachlässigung,
Selbstverletzung.
Band 1 der Reihe Tintensee
© 2022 Anna Nave
Text, Layout und Umschlaggestaltung
von Anna Nave
www.annanave.com
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.
1. Auflage 2022
ISBN: 9783347758193
DIE GRAUE WOHNUNG
Danke, B. H.-W.
I
TINTENSEE
Sie hielt das runde, kupferfarbene Gefäß fest in ihren kleinen Händen. Barfuß ging sie, langsam, vorsichtig. Bloß nichts verschütten. Bloß nicht. Wie in Zeitlupe hob sie einen Fuß und bewegte ihn in der Dunkelheit ein Stück nach vorn. Mit dem Ballen stieß sie auf etwas Kaltes, Kleines, Scharfkantiges. Sie blickte nach unten. Der Boden war staubig, und es war in dem dumpfen, spärlichen Licht schwer zu erkennen, aber da lagen lauter glänzende Metallstücke. Überall verteilt, man musste wirklich aufpassen, nicht auf sie zu treten. Aber die kannte sie schon. Es waren Zahnräder, die lagen da schon immer herum. Sie gehörten dazu, zu dieser Welt. Zu dieser engen, düsteren, verstaubten Wohnung. Was auch dazugehörte, waren die Ranken. Also, es waren eigentlich keine richtigen Ranken, doch sie wusste nicht, wie sie es sonst nennen sollte. Sie wirkten wie schwarzes Dornengestrüpp, das die Wände hochkletterte. Doch wenn man sie sich näher ansehen wollte, erkannte man, dass sie nicht fest waren, nicht greifbar. Unklar, ob es Gas war oder Flüssigkeit, vielleicht eine Art Rauch? Undurchdringliche, undurchsichtige, dicke, gezackte Stränge, die sich an allen senkrechten Flächen der Wohnung hinaufwanden, sich in den Zimmerecken wie Spinnweben sammelten und die schmutzigen Fenster verdunkelten, durch die ohnehin nur wenig Licht drang - es war, als wäre draußen immer Dämmerung. Alles hier war eingehüllt in dieses Gewirr aus schwarzen Linien, von dem immerzu ein leises, bedrohliches Flüstern auszugehen schien. Meistens konnte sie nichts verstehen von den Wörtern, die so durcheinander aus allen Ecken zischelten. Aber manchmal, manchmal wurde es laut. Dann musste sie sich ganz stillhalten und das Gefäß noch fester umklammern, damit es nicht überschwappte. Dann wurde das Flüstern zu einem Sturm aus Schreien, aus ununterbrochenem Gebrabbel, aus gebrüllten Worten, die ihr um den Kopf schlugen und in ihren Ohren donnerten, und ihr sagten, dass sie hier nichts zu suchen habe. Dass sie hier alles zerstören würde. Dass sie verschwinden solle. Doch sie hätte nicht verschwinden können. Sie wusste nicht, wie. Sie kannte nur die Welt innerhalb dieser Wände. Und sie konnte auch nicht. Sie musste doch bleiben. Sie musste aufpassen. Sie musste helfen hier. Und überhaupt, wenn Türen hier verschlossen waren, öffneten sie sich nur selten. Sie selbst hatte noch nie eine Tür aufbekommen.
Aber heute, heute war die Tür zum Wohnzimmer offen. Die Tür, aus der, wie es schien, die Rauchranken wuchsen. Die Tür, die sie Tag für Tag anstarrte, hoffend. Flehend. Und immer blieb sie zu. Aber jetzt stand sie offen, nur einen Spalt.
Sie schubste das kleine, silberne Rädchen mit der Zehenspitze zur Seite und setzte umsichtig ihren Fuß auf dem rauen Boden ab. Einen Schritt geschafft. Einen Schritt, ohne etwas von der schwarzen, tintenartigen Flüssigkeit zu verschütten, mit der der Becher in ihren Händen bis zum Rand gefüllt war. Langsam, sodass kaum eine Bewegung sichtbar war, wagte sie einen weiteren Schritt in Richtung der Tür, die vom Flur ins Wohnzimmer führte. Leise schlich sie näher, immer bedacht, das Gefäß ruhig zu halten. Von drinnen klang laut der Fernseher. Stimmen, Musik, Lachen. Bläuliches Licht fiel durch den offenen Türspalt und warf einen flimmernden Streifen auf den Boden, in dem die Zahnrädchen blitzend funkelten. Geräuschlos schob sie sich auf den Spalt zu. Als sie nur noch Zentimeter von der Tür entfernt war, hielt sie inne. Ihr Herz klopfte jetzt so laut, dass sie meinte, es würde die schwarze Flüssigkeit in ihrem Gefäß erschüttern. Die Oberfläche zitterte leicht. Was passieren würde, wenn sie auch nur einen Tropfen davon vergoss, daran wollte sie gar nicht denken. Sie musste wirklich, wirklich vorsichtig sein. Angespannt spähte sie durch den Spalt. Von hier war nur der Fernseher zu erkennen, die einzige Lichtquelle in dem sonst dunklen, von Rauchranken zugewucherten Raum. Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie auf den Bildschirm, doch sie sah nur verschwommene Farben, die sich dort bewegten und flackerten, und obwohl sie angestrengt lauschte, verstand sie nichts von den Worten, die aus den Lautsprechern drangen. Sie hielt die Luft an und stupste sachte mit dem Fuß gegen die Tür. Mit einem leichten Knarren fiel diese ein Stück weiter auf, sodass das Licht des Fernsehers auf ihre nackten Beine und den Saum ihres Kleides geworfen wurde. Vorsichtig trat sie über die Schwelle und blickte sich um. Sie konnte den Umriss einer Gestalt erkennen, die auf dem Sofa saß, die Füße hochgelegt, zugedeckt, und stumm und reglos auf den Fernseher blickend.
„Mama?“ traute sie sich flüstern. Die Gestalt bewegte sich nicht.
„Mama?“ sagte sie noch einmal, ein wenig lauter.
Keine Reaktion. Sollte sie es wagen? Minutenlang stand sie da, ihr Gefäß umklammert, und starrte auf die wie eingefroren wirkende Gestalt.
„MAMA!“ rief sie auf einmal laut.
Nichts geschah. Der Fernseher dröhnte weiter, bunte Lichter tanzten auf dem Bildschirm und fielen auf das Gesicht ihrer Mutter, flackerten in ihren starren Augen.
„Ma-… Mama?“ hauchte sie noch einmal, verzweifelt.
Sie merkte, wie sich ein großer, schwarzer Klumpen in ihrem Hals verknotete.
„Mama… bitte. Hörst du mich? Bitte…“
Ihre Stimme wurde immer heiserer. Sie schluckte. Der Klumpen blieb, wurde größer. So groß, dass er nicht mehr nur im Hals steckte.
„Mama…“
Er trieb aus, floss in ihr Herz, ihren Bauch.
„Bitte…“
Immer leiser wurde ihre Stimme. Der schwarze Klumpen erstickte alles. Und dann fing er an, in ihren Kopf zu steigen. Ihre Sicht verschwamm, der Lärm des Fernsehers schwoll an, nun mischte sich das Zischeln aus den Rauchranken mit in das Grollen, war längst kein Zischeln mehr, war jetzt Geschrei, Geschrei in ihren Ohren. Wie ein Sturm fegte plötzlich alles um sie. Ihre Beine wie angewurzelt, konnte sie sich nicht bewegen. Keinen Ton mehr von sich geben. Ihre Stimme war aus ihrem Hals gesprungen. Irgendwohin gefallen, auf den dunklen Boden, weggerollt, ins Nichts. Stumm blickte sie zu der Gestalt auf dem Sofa, doch ihre Mutter regte sich nicht.
Eine kleine, glänzende, schwarze Träne lief aus ihrem Auge, rann ihre Wange hinab und fiel leise in das Gefäß in ihren Händen.
Und in dem Moment, in dem der Tropfen die Oberfläche berührte, wurde alles still. Als hätte jemand den Ton abgedreht, nicht nur vom Fernseher, sondern von der Welt. Die Stille drückte auf jede Stelle ihres Körpers, quetschte ihren Kopf zusammen, legte sich um ihr Herz, presste auf ihre Brust. Sie konnte nicht mehr atmen, nicht mehr sprechen, nichts mehr. Wie in Trance blickte sie auf ihre Hände hinab und sah, wie Bäche von schwarzer Tintenflüssigkeit geräuschlos aus dem Gefäß strömten. Über ihre Finger, über ihr Kleid, ihre Beine hinab, überflutete das Schwarz den Boden, auf dem sie stand. Und ihr Herz brach aus ihrer Brust und flog durch das Zimmer, schlug völlig lautlos an die gegenüberliegende Wand und fiel herab auf den schmutzigen Teppich, wo es leblos liegen blieb. Ihr Körper, leer, wurde nach hinten geschleudert und sie landete auf der Schwelle zum Flur, wo Staub und Zahnräder durch den Aufprall aufgewirbelt wurden. Das Gefäß fiel. Und fiel. Langsam. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis es schließlich still auf dem tiefschwarzen See aufschlug, der aus ihm hervorgequollen war, und der sich jetzt über den Wohnzimmerboden erstreckte, das Flackern des Fernsehers in der Oberfläche spiegelnd.
*
Sie konnte sich nicht erinnern, wie lange ihre Teile so verstreut in der Wohnung gelegen hatten. Aber sie wusste, dass der Ton irgendwann wieder an war.
