Tiroler Heimat 80 (2016) -  - E-Book

Tiroler Heimat 80 (2016) E-Book

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Beschreibung

Inhalt von Band 80/2016:Christoph Haidacher: Fragmente aus dem Tiroler Landesarchiv. - Ursula Schattner-Rieser: Neue hebräische und aramäische Fragmente aus Nord- und Südtirol (Brixen und Bruneck). - Konstantin von Blumenthal: Die Herren von Velthurns. - Stefan Ehrenpreis / Thomas Bunte / Benjamin van der Linde: Tiroler im Indischen Ozean. Angestellte der niederländischen VOC aus Tirol im 17. und 18. Jahrhundert. - Michael Span: Ein Tal mit Büchern? Privater Buchbesitz in Tirol zwischen 1750 und 1850. - Hansjörg Rabanser: Andreas Alois Dipauli in der Certosa di Pavia. - Ulrich Leitner: Gebaute Pädagogik - Raum und Erziehung. Die Bedeutung der Architektur für die Fürsorgeerziehung am Beispiel der Landeserziehungsanstalt am Jagdberg. - Josef Riedmann: Nachruf auf em. o. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Johann Rainer

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Seitenzahl: 570

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsübersicht

Editorial

Aufsätze

CHRISTOPH HAIDACHERZerstörte Quellen.Die Fragmentesammlung des Tiroler Landesarchivs

URSULA SCHATTNER-RIESERDas Forschungsprojekt Genisat Tirolensia zur Erfassung der mittelalterlichen Hebraica-Bestände in Tirols Bibliotheken und Archiven

KONSTANTIN GRAF VON BLUMENTHALDie Herren von Velturns. Ein Beitrag zu ihrer Geschichte von den Anfängen bis zum Jahre 1240

THOMAS BUNTE / STEFAN EHRENPREIS / BENJAMIN VAN DER LINDETiroler in der niederländischen Vereinigten Ostindien-Kompanie (VOC) (ca. 1680–1795)

HANSJÖRG RABANSERDie kunst- und kulturhistorische Beschreibung der Certosa di Pavia durch Andreas Alois Dipauli (1785)

MICHAEL SPANEin Tal mit Büchern? Privater Buchbesitz im Stubaital zwischen 1750 und 1800

ULRICH LEITNERGebaute Pädagogik – Raum und Erziehung. Die Bedeutung der Architektur für die Fürsorgeerziehung am Beispiel der Landeserziehungsanstalt am Jagdberg

Nachruf

JOSEF RIEDMANNEm. o. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Johann Rainer †

Besprechungen

Abstracts

Autorinnen und Autoren dieses Bandes

Editorial

Mit Band 79 (2015) der Tiroler Heimat legte Josef Riedmann nach 35 Jahren überaus verdienstvollem und engagiertem Einsatz die Mitherausgeberschaft der Zeitschrift nieder und übergab sie an Christina Antenhofer vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Für die ausgezeichnete langjährige Zusammenarbeit sprechen der Mitherausgeber Richard Schober und der Universitätsverlag Wagner ihm ihren herzlichsten Dank aus. Auch im neuen Herausgeberteam wird damit die Zusammenarbeit zwischen dem Tiroler Landesarchiv und der Universität Innsbruck als zwei zentralen Forschungseinrichtungen Tirols fortgesetzt.

Der Wechsel in der Herausgeberschaft wurde zum Anlass genommen, um einige Änderungen vorzunehmen, die zum einen den geänderten Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs entgegenkommen, zugleich aber auch den Leserinnen und Lesern der Tiroler Heimat. Mit Band 80 (2016) durchlaufen die Beiträge der Zeitschrift nunmehr ein Begutachtungsverfahren (peer review) durch zwei redaktionsexterne Gutachterinnen und Gutachter. Dadurch wird die hohe wissenschaftliche Qualität der Beiträge gemäß internationaler Standards gesichert. Alle Beiträge werden zudem mit einer englischen Zusammenfassung und Verschlagwortung versehen, die gedruckt am Ende des Bandes stehen und zugleich auf der Homepage der Zeitschrift abrufbar sind. Sie erhöhen die internationale Sichtbarkeit der Beiträge auch für interessierte Fachkolleginnen und -kollegen aus dem nicht deutschsprachigen Ausland. Ebenso rundet nunmehr ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren den Band ab. Um die Lesefreundlichkeit der Rezensionen zu erhöhen, werden diese nicht mehr in Petit gedruckt.

Die Veränderungen in der Gestaltung der Zeitschrift finden ihren Ausdruck in der leichten Änderung des Untertitels: Die Bezeichnung Jahrbuch wurde durch den mittlerweile gängigeren Begriff der Zeitschrift ersetzt, das Themenpaar Geschichte und Volkskunde durch Regional- und Kulturgeschichte, da dies der inhaltlichen Ausrichtung der Beiträge in den letzten Jahren sowie der Planung für die Zukunft besser entspricht, insbesondere, da das Fach Volkskunde in dieser Form an der Universität Innsbruck nicht mehr existiert. Der Themenschwerpunkt der Zeitschrift hat sich mittlerweile ausgedehnt und umfasst nun im weitesten Sinne Beiträge zu Geschichte und Kultur Nord-, Ost- und Südtirols. Methodische und inhaltliche Vielfalt sowie ein hoher wissenschaftlicher Standard, der die Regional- und Kulturgeschichte des historischen Tirol in einen überregionalen, europäischen Rahmen einbettet, kennzeichnen die Arbeitsweise.

Einen thematischen Schwerpunkt dieses Bandes bilden historische Fragmente, die sich in Archiven und Bibliotheken als „Abfall“ über die Jahrhunderte erhalten haben und nunmehr wertvolle Quellen für die Wissenschaft darstellen. CHRISTOPH HAIDACHER gibt in seinem Beitrag Einblick in den Fragmentebestand des Tiroler Landesarchivs, den er über zahlreiche Abbildungen illustriert. URSULA SCHATTNER-RIESER präsentiert in ihrem Aufsatz das Projekt der Aufarbeitung von jüdischen mittelalterlichen Fragmenten aus Tirols Bibliotheken und Archiven und stellt einige bemerkenswerte Beispiele vor. Einen weiteren mittelalterlichen Akzent setzt KONSTANTIN GRAF VON BLUMENTHAL mit einer historisch-genealogischen Abhandlung zu den Herren von Velturns, deren Geschichte er bis zum Jahr 1240 nachzeichnet. HANSJÖRG RABANSERS Untersuchung der Beschreibung der Certosa von Pavia durch Andreas Alois di Pauli setzt den Themenschwerpunkt mit dem neuzeitlichen Interesse an Denkmälern und Altertümern fort. Der Geschichte des Buchbesitzes gilt der Beitrag von MICHAEL SPAN, der sich dem privaten Buchbesitz im neuzeitlichen Stubaital widmet. THOMAS BUNTE, STEFAN EHRENPREIS und BENJAMIN VAN DER LINDE geben als Team des Fachbereichs Geschichte der Neuzeit an der Universität Innsbruck Einblick in ein laufendes Projekt, welches die Präsenz von Tirolern in der niederländischen Vereinigten Ostindien-Kompanie als Beispiel von Fernmigration untersucht. ULRICH LEITNERS Abhandlung über das Zusammenspiel von Raum und Erziehung führt in das 20. Jahrhundert, wo er am Beispiel der Landeserziehungsanstalt am Jagdberg die Rolle der Architektur für die Fürsorgeerziehung aufzeigt. JOSEF RIEDMANN beschließt den Band mit seinem Nachruf auf den verdienstvollen Historiker Johann Rainer. 32 Rezensionen stellen schließlich die Neuerscheinungen zur Tiroler Landesgeschichte und verwandten Themenbereichen vor.

Universitätsverlag Wagner

Die Herausgeber

 

****

Am Beginn meiner Tätigkeit als Mitherausgeberin der Tiroler Heimat danke ich für das in mich gesetzte Vertrauen meinem Doktorvater Josef Riedmann, meinem Mitherausgeber Richard Schober, dem Universitätsverlag Wagner und dort insbesondere Mercedes Blaas, mit denen ich bereits als Schlern-Schriften-Autorin ausgezeichnete Erfahrungen sammeln konnte. Die Herausgabe dieses ersten Bandes durfte ich als erfreuliche, reibungslose und angenehme Zusammenarbeit erleben, wofür ich ferner noch besonders den Autorinnen und Autoren, den Rezensentinnen und Rezensenten wie auch den Gutachterinnen und Gutachtern und den Subventionsgebern danken möchte. Ich wünsche den Leserinnen und Lesern eine interessante Lektüre und freue mich, an der weiteren Gestaltung der Bände der Tiroler Heimat mitwirken zu dürfen.

CHRISTINA ANTENHOFER

Zerstörte Quellen. Die Fragmentesammlung des Tiroler Landesarchivs

CHRISTOPH HAIDACHER

„Wenn Buchmenschen zum Messer greifen“ – mit diesem griffigen Titel versah Mark Mersiowsky jüngst seinen grundlegenden Beitrag über die Wiederverwendung mittelalterlicher Bücher.1 Er drückte damit treffend aus, wie Fragmente üblicherweise entstehen: durch Zerstörung von nicht mehr benötigten Handschriften, Urkunden oder Drucken. Diese Geringschätzung schriftlicher Zeugnisse in der Vergangenheit ist heute einem steigenden Interesse der Sprach- und Geschichtswissenschaften an diesen „Überresten“ gewichen; man erkannte den Wert dieser bruchstückhaften Überlieferung und begann ab dem späten 18., vor allem aber im 19. Jahrhundert in den Bibliotheken und Archiven Fragmentesammlungen anzulegen, diese zu erschließen und zugänglich zu machen; heute ist dies vielfach schon online möglich.

I

Im Rahmen dieses Beitrags müssen die unzähligen einschlägigen Sammlungen in den in- und ausländischen Institutionen ausgeblendet bleiben,2 lediglich einige Hinweise auf Fragmente in Tiroler Archiven und Bibliotheken seien gestattet:

Die Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (Abteilung für Sondersammlungen) verfügt über einen Bestand von rund 220 Fragmenten, die aus deren eigenen Handschriften und Drucken herausgelöst wurden.3

Für die Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum weist der Hand-schriftencensus der deutschsprachigen Texte des Mittelalters zahlreiche Einträge auf;4 in einer Position, die unter anderem ein Fragment der Weltchronik des Rudolf von Ems enthält und auf Anton von Roschmann (1694–1760) zurückgeht, fanden sich auch acht frühkarolingische Blätter aus der Zeit knapp vor 800.5

Der erwähnte Handschriftencensus weist deutschsprachige Fragmente für viele weitere Tiroler Bibliotheken und Archive wie das Stadtarchiv Bozen,6 die Bibliothek des Priesterseminars Brixen, die Kapuzinerbibliothek Brixen, das Stiftsarchiv Fiecht-Georgenberg, das Stiftsarchiv Wilten in Innsbruck, das Stadtarchiv Meran, das Franziskanerarchiv Schwaz oder die Stadtbibliothek Trient aus.

Noch größer ist die Zahl der überlieferten lateinischen Fragmente:7 Sie begegnen in fast allen Bibliotheken und Archiven Tirols, die über ältere Überlieferungen verfügen. Beispielsweise konnten im Stiftsarchiv Stams Bruchstücke entdeckt werden, die aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts und damit aus karolingischer Zeit stammen.8

Zum überwiegenden Teil sind diese Fragmente mit Ausnahme literarisch und historisch bedeutsamer Einzelstücke, denen seit jeher das Interesse der Forschung gegolten hat, noch ungenügend erfasst und bearbeitet. Vieles befindet sich noch in situ, d. h. es schlummert in den Einbanddecken und Buchrücken und wartet darauf, herausgelöst zu werden. Durch einzelne Projekte, wie beispielsweise den Hand-schriftencensus der deutschsprachigen Texte des Mittelalters, sind manche thematische und örtliche Bereiche gut erforscht und erfasst: Für Innsbruck weist das Werk mit Stand Juli 2016 insgesamt 214 Einträge auf.9 Seit kurzem beschäftigt sich ein österreichweites Projekt mit hebräischen Fragmenten; im Rahmen dessen konnten in Tirol bis dato insgesamt 45 Schriftstücke gefunden und bearbeitet werden.10

II

Diese erwähnten Unzulänglichkeiten in der Erfassung und Erschließung von Fragmenten gaben den Anstoß zu einem Forschungsseminar des Instituts für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck im Wintersemester 2013/14, das von Univ. Prof. Dr. Mark Mersiowsky, dem damaligen Ordinarius für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften,11 zusammen mit dem Verfasser dieses Beitrags abgehalten wurde. Ziel dieser Lehrveranstaltung war es, die zahlreichen, vielfach noch völlig unerschlossenen Fragmente des Tiroler Landesarchivs einzeln zu erfassen, zu verzeichnen und nach Sachgruppen (Liturgica, Musicalia, Scientifica, Litteraria, Iuridica, Acta, Varia, Drucke) zu gliedern; anschließend sollte eine Digitalisierung und die Eingabe der Metadaten samt Scans in das Archivinformationssystem des Tiroler Landesarchivs erfolgen.12 Die insgesamt fünf am Forschungsseminar teilnehmenden Studentinnen und Studenten erfassten unter Anleitung von Mark Mersiowsky und Christoph Haidacher die Dokumente in Excel-Tabellen und fertigten über einzelne Fragmente, die entweder inhaltlich oder äußerlich von Bedeutung waren, Prüfungsarbeiten an. Die Ergebnisse wurden im Rahmen eines Vortrags und einer kleinen Ausstellung am 7. Mai 2014 vor den Mitgliedern des Tiroler Geschichtsvereins und Angehörigen der Universität Innsbruck im Lesesaal des Tiroler Landesarchivs präsentiert.

III

Die Bewahrung von Relikten der Vergangenheit war für die Menschen früherer Epochen kein Wert für sich; wenn ein Objekt seinen Nutzen verlor, wurde es meist nicht – modernen „musealen Vorstellungen“ folgend – für kommende Generationen erhalten, sondern seinem Schicksal überlassen, zerstört oder verwertet. Dies lässt sich in der Architektur beobachten, wenn beispielsweise antike Tempel als Baumaterial für Kirchen verwendet oder romanische und gotische Kirchen barockisiert wurden.

Gleiches gilt für Bücher und andere schriftliche Hinterlassenschaften. Wenn liturgische Handschriften durch häufigen Gebrauch verschlissen waren, durch technische Neuerungen wie die Erfindung des Buchdrucks wertlos wurden, durch Änderungen im Ritus – beispielsweise infolge des Tridentinums – keine Gültigkeit mehr besaßen oder wegen der Reformation von den protestantischen Gemeinden nicht mehr benötigt wurden, dann erfolgte deren „Zerstörung“, aber nicht im Sinne einer vollständigen Entsorgung, sondern einer Wiederverwertung des kostspieligen Pergaments.

Großformatige Buchseiten, wie sie besonders bei Missalen, Antiphonarien oder Gradualen Verwendung fanden, dienten bevorzugt als Buchumschläge, kleinteiligere Pergamente wurden von den Buchbindern als Makulatur für Verstärkungen, Verklebungen oder Reparaturen benötigt, selbst Papier aus nicht mehr benötigten Drucken wurde mit Knochenleim zusammengeklebt und als Karton verwendet. Solcherart „recycelt“ verbrachten und verbringen Bruchstücke mittelalterlicher Kodizes und Urkunden, aber auch von Drucken, Jahrhunderte in einer „fremden Umgebung“.

Die Wahrnehmung als Fragment und nicht mehr als Makulatur, die Wahrnehmung als Träger wichtiger Informationen und manchmal als einziger erhaltener Überlieferung alter Texte setzte erst im Gleichklang mit der Entstehung einer methodisch fundierten Geschichtswissenschaft im späten 18. und im 19. Jahrhundert ein.

IV

Auch das damalige Innsbrucker Statthaltereiarchiv (der Vorläufer des heutigen Tiroler Landesarchivs), das sich 1866 vom internen Behördenarchiv zum öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen Archiv wandelte, sah die Fragmente als Teil der historischen Überlieferung und wandte diesen daher vermehrt sein Interesse zu.

Mangels detaillierter Unterlagen13 lässt sich die Entstehung der Fragmentesammlung des Tiroler Landesarchivs nur in groben Zügen nachzeichnen. Im Wesentlichen waren es drei Quellen, aus denen der heutige Bestand an Fragmenten erwuchs.

In den eigenen Beständen des Tiroler Landesarchivs wie auch in den übernommenen Archiven (Gerichtsarchive, geistliche und kommunale Archive, Privatarchive etc.) fanden sich vereinzelt Fragmente, die diesen Fonds entnommen und separat aufbewahrt wurden. Mehrfach treffen wir auf diesbezügliche Hinweise bzw. Vermerke.14

Ein Teil der im Tiroler Landesarchiv verwahrten Fragmente wurde im Kaufweg erworben. Neben vereinzelten Ankäufen im 19. und 20. Jahrhundert kam im Jahr 1943 ein größeres Konvolut an Fragmenten, das auf die Sammeltätigkeit von Oswald Zingerle zurückgeht, an das Archiv.

Oswald Zingerle kam am 8. Februar 1855 als Sohn des Literaturwissenschaftlers und Germanisten Ignaz Vinzenz Zingerle in Innsbruck zur Welt, studierte zunächst an seinem Heimatort und später in Erlangen und Berlin Germanistik und habilitierte sich 1881 an der Universität Graz. Von 1892 bis 1918 wirkte er als Professor an der Universität Czernowitz in der Bukowina. Er starb 72-jährig am 30. Jänner1927 in Innsbruck. So wie sein Vater sammelte auch Oswald Zingerle mit großer Leidenschaft Archivalien und Fragmente, die er zum Teil bei Antiquitätenhändlern erwarb, zum Teil oft zufällig auf Tiroler Burgen und Schlössern sowie an anderen Orten fand.

Aus seinem Nachlass erwarb das Tiroler Landesarchiv im Jahr 1943 von seiner Schwägerin Franziska Zingerle um 1520 Reichsmark Archivalien, darunter 40 meist aus Missalen abgelöste Pergamentblätter.15 Einen Teil dieser Fragmente (darunter ein Bruchstück der Statuten der Stadt Pisa aus dem Spätmittelalter)16 hatte Oswald Zingerle, wie man seinen handschriftlichen Vermerken entnehmen kann, beim Salzburger Antiquitätenhändler Wenzel Swatek, der damals zu den renommiertesten in der gesamten Habsburgermonarchie zählte, gekauft.

Der Großteil der Fragmente entstammt jedoch den Beständen des Tiroler Landesarchivs; sie wurden im Zuge von Neubindungen und Restaurierungen von den alten Trägermaterialen abgelöst.17

Da bis in jüngere Zeit18 meist nicht vermerkt wurde, aus welcher Archivalie ein Fragment entnommen wurde, kann lediglich vermutet werden, dass nicht wenige Stücke bei den umfangreichen Neubindungen von Handschriften, Urbaren sowie Kopial- und Rechnungsbüchern in den 1960er- und 1970er-Jahren ihren Weg in die Fragmentesammlung gefunden haben. Vereinzelt kann auf Grund der noch vorhandenen Signaturen und Beschriftungen nachgewiesen werden, von welchem Codex das abgelöste Fragment stammt.19

V

Die solcherart an das Tiroler Landesarchiv gekommenen Fragmente wurden mangels eines eigenen Fonds oder Sonderbestands in die Handschriftenreihe integriert. Diese Reihe wurde – damaligen Tendenzen im Archivwesen folgend – unter Zerreißung alter Provenienzen20 in den 1870er- und 1880er-Jahren angelegt.21 Dabei erhielten „prominentere“ und identifizierte Stücke eigene Signaturen: So wurden beispielsweise unter der Handschriftennummer 21 folgende Fragmente abgelegt:

Hs. 21/1:

Fragment aus dem „Buch der Väter“ aus der 1. Hälfte des 14. Jh. (17 Blätter)

Hs. 21/2:

Fragment aus dem „Buch der Väter“ aus der 1. Hälfte des 14. Jh. (2 Blätter)

Hs. 21/2a:

Fragment aus dem „Buch der Väter“ aus der 1. Hälfte des 14. Jh. (4 Blätter)

Hs. 21/3:

Fragment aus „Hadamars von Laber Jagd“ von ca. 1375 (2 Blätter)

Hs. 21/4:

Sonnenburger Psalmenfragmente aus der 1. Hälfte des 13. Jh. (2 Blätter)

Hs: 21/5:

Fragment aus der „Christherre-Chronik“ vom Beginn des 14. Jh. (2 Blätter)

Hs. 21/6:

„Altvater Jakob auf der Werbung um Rachel“ (Gedicht, Abschrift) (4 Blätter)

Hs. 21/7:

Fragment zweier mittelhochdeutscher Gedichte aus dem 14. Jh. (3 Blätter)22

All diese Stücke sind in der Fachwelt, insbesondere in der Literatur- und Sprachwissenschaft, bekannt, gut erforscht und mehrfach in der Fachliteratur thematisiert. Der Handschriftencensus der deutschsprachigen Texte des Mittelalters beschreibt die Fragmente der Handschriftennummer 21 und führt die aktuelle Literatur dazu an.23

Die Masse der Fragmente im Tiroler Landesarchiv landete jedoch in der Handschrift 95. Die diesbezüglichen Erwägungen lassen sich aus dem Eintrag von David Schönherr im Handschriftenrepertorium24 nachvollziehen: Demnach diente diese Position vor allem für abgelöste Pergamenteinbände und andere Makulatur. Lediglich einige wenige Stücke, die inhaltlich und zeitlich eingeordnet werden konnten, wurden dieser Position wieder entnommen und erhielten neue Signaturen.25

Damit wurde Handschrift 95, die aus drei Pappschubern bestand, zu einem „Sammelsurium“26 abgelöster Einbände und sonstiger Pergament- und Papiermakulatur bis hin zu Resten alter Spielkarten, das nur vereinzelt Beachtung von Forschern fand.27 Lange Zeit nahm sich im Tiroler Landesarchiv niemand die Mühe, sich der nicht ganz einfachen Aufgabe zu unterziehen, diese Fragmente zu erfassen, wenigstens grob einzuordnen und zu identifizieren.

Als Erstsicherung wurden daher von der Restaurierwerkstätte des Tiroler Landesarchivs im Jahr 2004 konservatorisch geeignete Kartons angefertigt, so dass eine adäquate Unterbringung dieser teils doch sehr alten und historisch bedeutsamen Zeugnisse gewährleistet werden konnte. Die Detailerschließung erfolgte dann im Rahmen des bereits erwähnten Forschungsseminars des Instituts für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck im Wintersemester 2013/14.

VI

Als Ergebnis dieses Seminars verfügt das Tiroler Landesarchiv nun über ein Grundverzeichnis seiner unter Handschrift 95 in sechs großen Kartons aufbewahrten Fragmente, das zurzeit allerdings nur im intern zugänglichen Archivinformationssystem einsehbar ist. Im Zuge dieser Einzelstückerfassung wurden die Fragmente auch vollständig digitalisiert, so dass sie mit der Online-Stellung des Archivinformationssystems (voraussichtlich 2017/18) auch im Internet über die Homepage des Tiroler Landesarchivs einsehbar sein werden.

Die Gliederung und der Umfang der Fragmentesammlung des Tiroler Landesarchivs (Handschrift 95) stellen sich nun (Stand Juli 2016) wie folgt dar:

Die fast 400 Fragmente des Tiroler Landesarchivs bestehen zu mehr als einem Drittel aus liturgischen Texten, rechnet man die fast ausschließlich dem religiösen Bereich zuordenbaren „Musicalia“ hinzu, dann ergibt sich ein Anteil von fast 50 %. Es darf auf Grund dieses hohen Anteils liturgischer Texte auch nicht überraschen, dass Latein die vorherrschende Sprache der im Tiroler Landesarchiv überlieferten Fragmente ist; Gleiches gilt für den hohen Anteil an Pergamenten, wobei beim Beschreibstoff noch zu berücksichtigen ist, dass Pergament auf Grund seines großen Materialwertes und seiner guten Wiederverwendbarkeit im Gegensatz zu Papier geradezu dafür prädestiniert war, als Fragment die Jahrhunderte zu überdauern.

VII

Im Folgenden sollen nun die einzelnen Gruppen der Fragmente kurz vorgestellt, einzelne Dokumente näher besprochen und durch Abbildungen ergänzt werden.

Die Liturgica (Hs. 95.1000–1052 und 1500–1533) stellen – wie bereits erwähnt – die umfangreichste Gruppe innerhalb der Fragmente des Tiroler Landesarchivs dar. Dies hat seinen Grund zum einen im Umstand, dass sich die großformatigen Messbücher aus Pergament besonders gut zur Wiederverwertung, insbesondere zum Überziehen der meist hölzernen Einbanddeckel, eigneten. Zum anderen standen diese in großer Zahl zur Verfügung, da sie auf Grund starken Gebrauchs und der damit verbundenen Abnutzung immer wieder ausgeschieden wurden, aber auch wegen Änderungen im Ritus der katholischen Kirche nicht mehr benötigt und daher durch aktuelle Messbücher ersetzt wurden.

Aus diesem Grund umfasst die Sammlung vor allem großformatige liturgische Fragmente. Sogenannte Einbandmakulatur, die zum Reparieren, Verstärken etc. verwendet wurde, bildet die Ausnahme. Die Fragmente, meist aus Messbüchern, sogenannten Missalen, stammend, bestechen vor allem durch ihre Ausstattung, sei es die oftmals sehr feierliche gotische Textura, die als Buchschrift diente, seien es die vielen Zierelemente, insbesondere die prächtigen, mehrfarbig ausgeführten Initialen.

Mehrfach lässt sich bei den „Liturgica“ des Tiroler Landesarchivs die Herkunft des Fragments feststellen, da die „Neueinbände“ oft mit Signaturen versehen wurden, die manchmal bestimmten Beständen zugewiesen werden können. Beispielsweise kann das Fragment Hs. 95.1044 auf Grund der am Buchrücken angebrachten Signatur „Brix(en) L(ade) 32, N(ummer) 17, Litt(era) B“ dem Hochstiftsarchiv Brixen zugeordnet werden, das sich (seit 1803) bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in Innsbruck befand: Im zweiten Band des dazugehörigen Repertoriums findet sich unter der genannten Signatur ein Eintrag zu dieser Archivalie (Reichshandlungen 1608).28 Nicht wenige Stücke Einbandmakulatur aus der Gruppe „Liturgica“ sind in den letzten Jahren im Zuge von Restaurierungsarbeiten an den Kopialbuchreihen des Tiroler Landesarchivs entdeckt worden.29

Abb. 1: Verwendung eines Missales als Einband. TLA, Hs. 95.1009a.

Abb. 2: Missale mit aufwendig ausgeführten Initialen. TLA, Hs. 95.1515a.

Abb. 3: Einbandrücken mit alter Signatur. TLA, Hs. 95.1044.

 

Inhaltlich – im Sinne eines historischen Erkenntniswertes – ist den Liturgica-Fragmenten keine größere Bedeutung beizumessen, da es sich um Vielfachüberlieferungen handelt, deren Texte über Jahrhunderte im kirchlichen Gebrauch standen und daher allesamt bekannt sind. Der Wert dieser Fragmente liegt für das Tiroler Landesarchiv in ihrem teilweise hohen Alter. Einige der Liturgica30 gehören der karolingischen bzw. nachkarolingischen Schriftepoche31 an und stammen damit aus der Zeit zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert. Sie sind damit zum Teil älter als ein Diplom Kaiser Heinrichs II. für den Bischof von Brixen aus dem Jahr 1004,32 das bis dato als ältestes Dokument des Tiroler Landesarchivs gegolten hat.

Von diesen ältesten Fragmenten des Tiroler Landesarchivs verdienen folgende Signaturen besondere Erwähnung:

Hs. 95.1523: Ein Doppelblattfragment aus einem Missale, welches Gebete für den Zeitraum 19.–29. September (Euphemia bis Michaeli) und vom 11.–30. November (Mennas bis Andreas) enthält. Es diente als Umschlag für eine Kapellenbaurechnung (Salvatorkapelle südöstlich von Innichen) von 1590 und dürfte aus dem Hochstiftsarchiv Brixen33 stammen, wobei sich die angebrachte Signatur nicht mit letzter

Abb. 4: Fragment eines Missales aus Innichen. TLA, Hs. 95.1523.

 

Sicherheit in den bereits erwähnten Brixner Repertorien nachweisen lässt; ein Bleistiftvermerk aus dem 19. Jahrhundert „aus Innichen“ deutet auf eine Herkunft aus dem Hochpustertaler Kloster hin. Als Entstehungszeitraum kommt die Zeit zwischen Ende des 10. Jahrhunderts und Anfang des 11. Jahrhunderts in Betracht.

Hs. 95.1525a: Ein Einzelblatt aus einer Sammlung von collectae bzw. orationes primae, den sogenannten ersten Gebeten des Priesters in der Messe. Das Fragment enthält keinen Hinweis auf eine Provenienz. Die verwendete karolingische Minuskel ist älter als die im Fragment 95.1523 verwendete und in das 10. Jahrhundert zu datieren.34

Hs. 95.1525b: Ein Einzelblatt aus einem Messbuch mit dem Evangelium nach Johannes, Teilen des 52. Kapitels aus dem Buch Jesaja und dem 1. Kapitel aus dem Brief an die Hebräer. Auch dieses Fragment enthält keinen Hinweis auf eine Provenienz. Der Entstehungszeitraum fällt auf Grund des Schriftbefunds ins ausgehende 11. oder beginnende 12. Jahrhundert.

Hs. 95.1530: Ein Einzelblatt, das unter anderem Passagen aus dem Lukasevangelium (15,18) vom verlorenen Sohn, aus dem Matthäusevangelium (15,21), aus dem ersten Brief an die Thessaloniker (4,1), aus dem Buch Genesis (27,29) sowie liturgische Gesänge aus dem Buch Joel (2,17) enthält. Das Fragment wurde als Einband für ein Urbar des Klosters Sonnenburg („Urbar des ambts im Milwald des 1562 jars“) verwendet, das sich im Tiroler Landesarchiv allerdings nicht mehr erhalten hat.35 Die verwendete karolingische Minuskel ist in das 10. Jahrhundert zu datieren; einzelne Passagen (in kleinerer Schrift) wurden mit Neumen versehen.

Hs. 95.1532: Ein Einzelblatt mit Passagen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser (4,23–28; 5,15), aus dem Matthäusevangelium (9,1–8; 18,8–10) und aus dem Markusevangelium (12,28–34). Das Fragment enthält keine Provenienzhinweise. Von allen in karolingischer Minuskel überlieferten Fragmenten des Tiroler Landesarchivs ist es als das älteste anzusprechen und in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts zu datieren.

Abb. 5: Fragment eines Missales aus dem 9. Jahrhundert. TLA, Hs. 95.1532.

 

Die Musicalia (Hs. 95.2000–2027) sind in engem Konnex mit den „Liturgica“ zu sehen, da es sich bei sämtlichen 46 erhaltenen Fragmenten dieses Typs um kirchliche Gesänge handelt. Die für die Liturgie im Mittelalter verwendeten großformatigen Gesangsbücher eigneten sich nach deren Ausscheiden – so wie die Messbücher – ganz besonders für die Weiterverwendung, insbesondere zur Herstellung von Einbänden.

Die Musicalia-Fragmente des Tiroler Landesarchivs umfassen alle gängigen Arten mittelalterlicher Notationen: Adiastemische Neumen36 sowie Quadratnoten und Hufnagelnoten, wobei Letztere bei weitem überwiegen, während von den Neumen nur zwei Beispiele37 überliefert sind.

Zeitlich lassen sich die Musicalia-Fragmente des Tiroler Landesarchivs der gotischen Schriftepoche und damit dem ausgehenden Hochmittelalter und dem Spätmittelalter zuordnen. Inhaltlich besitzt das über die Liturgica-Fragmente Gesagte auch für die Musicalia Gültigkeit. Ihr Wert liegt in der oftmals hochstehenden kalligraphischen Ausfertigung der Stücke, wobei dies gleichermaßen für die ausgeprägte und hochstilisierte gotische Textura wie für die zahlreichen Zierelemente, insbesondere für die aufwendig gestalteten Initialen gilt.

Abb. 6: Adiastemische Neumen. TLA, Hs. 95.2002.

Abb. 7: Quadratnotation. TLA, Hs. 95.2005.

Abb. 8: Hufnagelnotation. TLA, Hs. 95.2023.

 

Die Scientifica (Hs. 95.3000–3033) bilden einen wesentlich heterogeneren Bestand als die bereits vorgestellten „Liturgica“ und „Musicalia“, sowohl was Inhalt und Form als auch was den Entstehungszeitraum betrifft.

Die thematische Bandbreite der insgesamt 52 Fragmente reicht von Historiographie über Astronomie und theologische Kommentare bis hin zur Staatslehre; die Formate reichen von Bruchstücken (Einbandmakulatur) bis hin zu großformatigen Doppelblattfragmenten. Zeitlich (einordenbar über die verwendete Schrift) decken die Stücke das Hoch- und Spätmittelalter ab. Zahlreiche Fragmente aus der Gruppe „Scientifica“ stammen aus der Sammlung von Oswald Zingerle.

Hs. 95.3000: Ein Doppelblattfragment der um 93/94 n. Chr. abgefassten Jüdischen Altertümer (Antiquitates Iudaicae) des Flavius Josephus aus dem 12. Jahrhundert. Das Bruchstück enthält Teile der Kapitel 5 und 6 des 19. Buches (Rückgabe des großväterlichen Reiches an Herodes Agrippa I. durch Kaiser Claudius; Herodes’ Regierung nach seiner Rückkehr nach Judäa) sowie Teile der Kapitel 2 und 3 des 20. Buches (Übertritt der Königin Helena von Adiabene und ihres Sohnes Izates II. zum Judentum; Reise der Königin nach Jerusalem).38

Abb. 9: Fragment der Jüdischen Altertümer des Flavius Josephus. TLA, Hs. 95.3000.

Hs. 95.3001a–c: Zwei Einzelblätter und ein Doppelblatt des zweiten Buches der Politica des Aristoteles (384–322 v. Chr.). „Die politischen Dinge“, wie der griechische Originaltitel (Πολιτικά) lautet, stellt die wichtigste staatspolitische Schrift dieses antiken Philosophen dar. Die im Tiroler Landesarchiv erhaltenen Bruchstücke aus dem 13. Jahrhundert weisen starke Beschädigungen bzw. Gebrauchsspuren auf und sind zum Teil sehr willkürlich beschnitten bzw. sogar abgerissen worden.

Hs. 95.3003: Fragment einer spätmittelalterlichen Bibelkonkordanz.

Hs. 95.3012: Spätmittelalterliches Fragment einer astronomischen Abhandlung über den Mond (mit vielen Bezugnahmen auf die Etymologiae des Isidor von Sevilla (um 560–636), die sich im dritten Buch mit den vier mathematischen Disziplinen, darunter mit der Astronomie, beschäftigen).

Hs. 95.3015: Ein Doppelblattfragment aus der Summa Theologiae des Thomas von Aquin (um 1225–1274) (prima pars secundae partis, quaestiones 25+26), geschrieben in gotischer Textura.

Hs. 95.3016: Ein Doppelblattfragment des Doctrinale des Alexander de Villa Dei (auch Alexander Gallus genannt, um 1170 – vermutlich 1250). Es handelt sich dabei um ein um 1200 in Hexametern verfasstes grammatikalisches Lehrgedicht zur lateinischen Sprache. Es diente als Einband für ein Zinsregister des Amtes Kaltern von 1490, das sich noch heute im Tiroler Landesarchiv befindet.39

Abb. 10: Fragment des Doctrinale des Alexander de Villa Dei. TLA, Hs. 95.3016.

Abb. 11: Fragment aus dem Bibelkommentar des Nikolaus von Lyra. TLA, Hs. 95.3021b.

Hs. 95.3021: Zwei Doppelblattfragmente von Bibelkommentaren des Nikolaus von Lyra (um 1270/75–1349). Die zwei überlieferten Pergamente enthalten Erläuterungen dieses französischen Theologen zum Buch Exodus (u. a. Kapitel 32 und 38–40) und zum Buch Leviticus. Beachtenswert sind einerseits die Abbildungen der Tafeln mit den zehn Geboten Gottes, andererseits eine kalligraphisch höchst aufwendig ausgeführte Initiale. Die als Einbände für Verfachbücher des Landgerichts Rodenegg von 1528 und 1529 verwendeten Fragmente stammen aus dem 14. Jahrhundert und kamen über die Sammlung Zingerle an das Tiroler Landesarchiv.

Die Litteraria (Hs. 95.4000–4006) stehen, obwohl sie mit 17 Dokumenten nur einen sehr bescheidenen Anteil am Gesamtbestand „Fragmente“ einnehmen, gewissermaßen am Beginn dieser Sammlung und haben über viele Jahrzehnte das Interesse der Forschung auf sich gezogen, man könnte fast schon sagen, für sich „monopolisiert“. Es waren Sprach- und Literaturwissenschaftler wie der bereits erwähnte Oswald Zingerle und sein Vater Ignaz, die die Zeugnisse der deutschsprachigen Literatur Tirols gezielt sammelten und sich fachlich damit auseinandersetzten. Der Handschriftencensus der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters weist für beide Forscher 29 einschlägige Veröffentlichungen aus.40 Es war daher nur konsequent, dass für diese Stücke im Unterschied zur Masse der Fragmente des Tiroler Landesarchivs mit der Handschriftensignatur 21 eine eigene Nummer eröffnet wurde und die darin aufgenommenen Stücke auch detailliert erfasst wurden.

Über dieses Konvolut (Hs. 21) hinaus befinden sich in der Gruppe „Litteraria“ noch weitere bedeutsame Zeugnisse deutscher Literatur des Mittelalters:

Hs. 95.4000: Ein Papierfragment der Steinacher Salvatorrolle, ein geistliches Osterspiel von ca. 1520, das in den Akten des Landgerichts Steinach aufgefunden wurde.41

Hs. 95.4001: Ein noch in das 12. Jahrhundert zu datierendes Pergamentfragment eines Hoheliedkommentars des Williram von Ebersberg (vor 1010–1085). Diese Paraphrase Willirams zum Hohelied König Salomos ist in mehr als 40 mittelalterlichen Handschriften überliefert.42

Abb. 12: Fragment der Hoheliedparaphrase von Williram von Ebersberg. TLA, Hs. 95.4001.

Hs. 95.4003: Ein aus zwei Pergamentstücken zusammengenähtes Fragment der Roth’schen Predigtsammlung (Predigtbuch des Priesters Konrad) aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts, das sich ehemals im Gemeindearchiv von Proveis am Nonsberg befand.43

Hs. 95.4004: Zwei weitere Fragmente der Christherre-Chronik vom Beginn des 14. Jahrhunderts; von dieser Chronik befinden sich zwei weitere Blätter als Hs. 21/5 im Tiroler Landesarchiv.44 Bei der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts am thüringischen Hof entstandenen Dichtung handelt es sich um eine anonyme Weltchronik, die die Geschichte des Alten Testaments von der Schöpfung bis zum Buch der Richter erzählt, wo sie nach 24.330 Versen abbricht.

Hs. 95.4005: Von der ehemals im Zisterzienserstift Stams aufbewahrten Weltchronik des Rudolfs von Ems, die im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts leider dem „Messer der Buchmenschen“ zum Opfer gefallen ist, haben sich nach derzeitigem Stand der Forschung 34 Blätter erhalten, von denen sich sieben (zwei Doppelblätter, zwei Einzelblätter und die obere und untere Hälfte eines Blattes) im Tiroler Landesarchiv befinden (auch die Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum und die Universitätsbibliothek Innsbruck besitzen Fragmente dieser Stamser Handschrift).45 Die Bruchstücke datieren aus der Zeit um 1300.

Bei dem vom aus dem heutigen Vorarlberg stammenden Epiker Rudolf von Ems (um 1200 – vermutlich 1254) verfassten Werk, das König Konrad IV. gewidmet war, handelt es sich um die erste deutschsprachige Weltchronik. Allerdings konnte Rudolf von den geplanten sechs Weltaltern nur vier vollenden, so dass die mit der Schöpfung beginnende Darstellung nur bis zum Tod König Salomos reicht.

Einen ähnlich bescheidenen Umfang wie die „Litteraria“ weisen die Iuridica (Hs. 95.5000–5011) mit ihren ebenfalls 17 Fragmenten auf. Neben zahlreichen mit Glossen (meist glossa ordinaria) versehenen Rechtstexten verdient lediglich ein Einzelblattfragment Erwähnung, das von Oswald Zingerle zusammen mit anderen Stücken in Salzburg vom Antiquitätenhändler Swatek gekauft wurde und die Statuten der Stadt Pisa zum Inhalt hat. Das Bruchstück ist spätmittelalterlichen Ursprungs, in gotischer Buchschrift verfasst und mit zahlreichen erläuternden Glossen versehen; die erhaltene Passage hat die Wahl des Podestà zum Inhalt (De electione potestatis).

Abb. 13: Fragment der Statuten von Pisa. TLA, Hs. 95.5001.

Abb. 14: Fragment eines Kirchenrechtstextes mit Glossen. TLA, Hs. 95.5005b.

Abb. 15: Fragment einer frühneuzeitlichen Urkunde. TLA, Hs. 95.6003.

Sehr unspektakulär – sowohl was das Äußere als auch den Inhalt betrifft – stellen sich die Acta (Hs. 95.6000–6025) dar, in denen Fragmente von Urkunden, Akten und anderem behördlichen Schriftgut zusammengefasst sind. Unter den insgesamt 31 erhaltenen Dokumenten überwiegen zwar noch die Fragmente aus Pergament (von Urkunden, Libellen, Buchbeschilderungen etc. herrührend), jedoch herrscht bereits die deutsche Sprache vor, da die meisten dieser Bruchstücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammen, nur einige wenige datieren aus dem 15. Jahrhundert. Vielfach handelt es sich um reine Einbandmakulatur.

Der zahlenmäßig nicht unbeträchtliche Umfang der Varia (Hs. 95.7000–7013) mit insgesamt 63 Stücken relativiert sich ein wenig durch die Tatsache, dass der größere Teil dieses Konvoluts aus frühneuzeitlichen Spielkarten besteht, die als Einbandmakulatur verwendet wurden. Hervorzuheben sind zwei Schreibmeisterblätter aus dem 16. und 17. Jahrhundert,46 die als Umschlag eines Protokolls eines Unterinntaler Landgerichts (vermutlich Rattenberg) von 1721 bzw. eines Meraner Verfachbuchs von 1580 dienten.

Abb. 16: Schreibmeisterblatt. TLA, Hs. 95.7001.

Abb. 17a+b: Spielkarten. TLA, Hs. 95.7003jj+95.7003kk.

Abb. 18: Fragment eines Kalendars aus Schwäbisch Hall. TLA, Hs. 95.8001.

Die Drucke (Hs. 95.8000–8006) umfassen insgesamt 27 Fragmente, die in ihrer Masse aus dem 16. Jahrhundert stammen. Sie dienten den Buchbindern als billiges Füll- und Kaschiermaterial, eine Verwendung als Einband war auf Grund der Fragilität des Papiers nur äußerst eingeschränkt möglich.47 Unter den meist sehr unspektakulären Druckfragmenten verdient lediglich ein aus zwei Teilen bestehendes Kalendar48 Erwähnung. Es handelt sich um einen Einblattkalender vom Jahr 1580 aus der Stadt Schwäbisch Hall. Auf Grund seiner Verwendung als Füllmaterial in einem Buchdeckel wurde er stark be- bzw. zerschnitten. Der Druck erfolgte einfärbig (die roten Schriftteile wurden durch einen Illuminator eingefügt), die ursprünglich insgesamt 48 Bildchen mit Szenen aus der heiligen Schrift wurden nachträglich koloriert. Das Kalendarium stammt von dem in Forchheim geborenen und in Schwäbisch Hall wirkenden Arzt und Humanisten Georg Winkler. Auf welchem Weg das Fragment nach Innsbruck gekommen ist, lässt sich nicht rekonstruieren.49

VIII

Die rund 400 Stücke umfassende Fragmentesammlung des Tiroler Landesarchivs fristete lange Zeit ein Schattendasein; mit Ausnahme jener vereinzelten Stücke, die schon im 19. Jahrhundert in den Fokus des Interesses der Germanisten geraten waren, diente der Bestand allenfalls dazu, im Rahmen von Restaurierungsarbeiten angefallene Makulatur aufzunehmen, wobei auf eine Einzelerfassung und detaillierte Verzeichnung weitgehend verzichtet wurde. Über die im Rahmen eines Forschungsseminars (Wintersemester 2013/14) vorgenommene Sichtung, Neuordnung und Einzelerschließung der umfangreichen Sammlung konnte neben den bereits in der Literatur bekannten Stücken eine nicht unerhebliche Anzahl von Fragmenten entdeckt werden, deren Bedeutung weit über die einer Einbandmakulatur hinausgeht.

So enthielt der Bestand zum einen zahlreiche großformatige Pergamente, hauptsächlich „Liturgica“ und „Musicalia“, deren kalligraphische Ausführung, insbesondere die Ausgestaltung mit aufwendigen Initialen, Lombarden, Rubrizierungen und anderen Zierelementen, durchaus beachtlich ist.

Mehrere liturgische Texte ließen sich auf Grund der Verwendung der karolingischen Minuskel und ihrer Weiterentwicklung in das 9. und 10. Jahrhundert datieren. Sie stellen damit die ältesten erhaltenen Archivalien des Tiroler Landesarchivs dar.

Inhaltlich ließen sich mit Fragmenten der Jüdischen Altertümer des Flavius Josephus, der Politica des Aristoteles, der Hohelied-Paraphrase des Williram von Ebersberg, der Christherre-Chronik oder der Weltchronik des Rudolfs von Ems Stücke finden, deren Vorhandensein im Tiroler Landesarchiv nicht erwartet wurde.

Mit der geplanten Onlinestellung des Archivinformationssystems des Tiroler Landesarchivs und der damit verbundenen weltweiten Zugänglichkeit der Fragmentesammlung sollte es möglich sein, die Erfassung noch zu vertiefen und zu präzisieren, insbesondere was Datierung und Inhalt betrifft.

 

________

1 Mark MERSIOWSKY, Wenn Buchmenschen zum Messer greifen: Zur Wiederverwendung mittelalterlicher Bücher, in: www.flick-werk.net. Die Kunst des Flickens und Wiederverwertens im historischen Tirol, hg. von Siegfried de Rachewiltz / Andreas Rauchegger in Zusammenarbeit mit Christiane Ganner (Schriften des Landwirtschaftsmuseums Brunnenburg 15), Brunnenburg 2014, 200–219.

2 Stellvertretend sei auf die Bayerische Staatsbibliothek München hingewiesen, deren im 19. Jahrhundert begründete Sammlung 3000 lateinische und 500 deutsche Fragmente umfasst (neben mehreren tausend Stücken, die nicht von ihren Trägermedien gelöst worden sind); vgl. https://www.bsb-muenchen.de/die-bayerische-staatsbibliothek/abteilungen/handschriften-und-alte-drucke/abendlaendische-handschriften/fragmente/ (aufgerufen am 25.7.2016).

3 Vgl. https://www.uibk.ac.at/ulb/ueber_uns/sondersammlungen/fragmente.html (aufgerufen am 25.7.2016).

4 Vgl. http://www.handschriftencensus.de/hss/Innsbruck (aufgerufen am 25.7.2016). Diese Dokumente bilden einen Teil der Bibliothek, eine gesonderte Fragmentesammlung existiert nicht. Die bei Restaurierungen herausgelösten Bruchstücke (rund 20 Stück) werden gesondert aufbewahrt (Auskunft von Bibliothekskustos Mag. Roland Sila).

5 Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, olim Bibl. Dip. 973; nun FB 32.139, FB 32.140 A–F, FB 32.141; vgl. dazu Josef RIEDMANN, Unbekannte frühkarolingische Handschriftenfragmente in der Bibliothek des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 84 (1976) 262–289.

6 Darunter ein Fragment der Christherre-Chronik aus dem beginnenden 14. Jahrhundert (Stadtarchiv Bozen, Umschlag von Hs. 683).

7 Die Erfassung der Fragmente im Tiroler Landesarchiv ergab, dass die lateinischen Dokumente gegenüber den deutschen bei weitem überwiegen.

8 Wilhelm KUNDRATITZ, Fund von Handschriftenfragmenten aus dem 9. Jahrhundert im Stiftsarchiv Stams, in: Tiroler Heimat 55 (1991) 167–168.

9http://www.handschriftencensus.de/hss#i (aufgerufen am 25.7.2016).

10 Vgl. dazu www.hebraica.at sowie den Beitrag von Ursula Schattner-Rieser in diesem Band.

11 Seit November 2014 Professor an der Universität Stuttgart.

12 Mit der für 2017/18 geplanten Onlinestellung des bis dato nur im Intranet zugänglichen Archivinformationssystems des Tiroler Landesarchivs sollen die bearbeiteten Fragmente zusammen mit Informationen über die anderen Bestände auch außerhalb der Öffnungszeiten des Lesesaals zugänglich sein.

13 Es wurde in der Vergangenheit meist unterlassen, genaue Daten über den Erwerb bzw. die Provenienz von Fragmenten zu vermerken.

14 David Schönherr vermerkt bei Hs. 21/1 und 21/2 (Fragmente aus dem „Buch der Väter“), dass diese 1869 im Gerichtsarchiv von Meran gefunden worden sind (Einbände von Urbaren des Klarissenklosters Meran).

15 Tiroler Landesarchiv (im Folgenden TLA), Archivregistratur Zl. 1, 193 ex 1943.

16 TLA, Hs. 95.5001.

17 Heute wird das Herauslösen von Makulaturfragmenten durchaus kritisch gesehen und zum Teil nicht mehr gemacht; der Einband wird – auch in seiner Heterogenität – als historisch gewachsenes Ganzes gesehen, der nur mehr in Ausnahmefällen zerlegt werden sollte; – vgl. Bernd BADER, Fragmenta Gissensia. Antike lateinische Literatur in Handschriftenfragmenten der UB Gießen (Berichte und Arbeiten aus der Universitätsbibliothek und dem Universitätsarchiv Gießen 63), Gießen 2015, 7.

18 Eine Ausnahme bildet Fragment Hs. 21/2a, bei dem angegeben ist, dass es sich ursprünglich im Einband von Urbar 99/1 (Urbar des Klarissenklosters in Meran von 1685) befunden hat und 1929 herausgelöst worden ist. Vgl. Christa BERTELSMEIER-KIERST, Tiroler ‚Findlinge‘, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 123 (1994) 334–340, hier 336. Erst in den letzten Jahren wurde die Herkunft der Fragmente konsequent vermerkt, so bei den im Zuge der Restaurierung von Kopialbüchern abgelösten Bruchstücken: Beispielsweise stammen die Fragmente Hs. 95.1528a–e, Hs. 95.1529a–e und Hs. 95.1533a–g aus den Kammerkopialbüchern Nr. 2 (1496/97), 27 (1505) und 138 (1534).

19 Fragment Hs. 95.2027 bildete ursprünglich den Einband von Hs. 2358, einem Protokollbuch des Klosters Sonnenburg im Pustertal von 1649–1670.

20 Bedauerlicherweise wurde damals das von Wilhelm Putsch im 16. Jahrhundert sehr gut erschlossene landesfürstliche Schatzarchiv (TLA, Rep. 1–8 bzw. 369–373) ohne Anfertigung von Konkordanzen zerrissen und in neuen Reihen (Handschriften, Urkunden, Urbare, Inventare etc.) aufgestellt.

21 Vgl. dazu Rep. 44, das erste 1879 begonnene und bis 1900 von David Schönherr und Oswald Redlich geführte Verzeichnis der Handschriften, das später durch Rep. 40 ersetzt wurde.

22 Weitere Fragmente sind unter folgenden Signaturen zu finden: Hs. 189 (Fragmente eines Nekrologs von ca. 1400), Hs. 214 (Fragment aus „De Musica“ von Boethius aus dem 11. Jh.), Hs. 308 (Fragment der Gesta Pontificum aus dem 12. Jh.), Hs. 310 (Fragment eines Nekrologs des Klosters Mariathal aus dem 13. Jh.), Hs. 1171 (Fragmente von Rechnungslegungen von ca. 1312/14), Hs. 4079 (Reste eines lateinischen Glossars aus dem 13. Jh. sowie ein Fragment aus dem Buch der Väter aus der 1. Hälfte des 14. Jh.).

23 Vgl. http://www.handschriftencensus.de/hss/Innsbruck (aufgerufen am 28.7.2016). Lediglich Hs. 21/6 blieb unberücksichtigt, da es sich um eine moderne Abschrift handelt.

24 Vgl. Rep. 44, sub numero. Die Eintragung der Handschriftennummer Nr. 95 erfolgte im Jahr 1880 durch David Schönherr.

25 So wurde ein Fragment der Christherre-Chronik entnommen und als Hs. 21/5 neu aufgestellt. Gleiches geschah mit einem Fragment aus dem Buch der Väter (zusammen mit Resten eines lateinischen Glossars), das nun die Signatur Hs. 4079 besitzt.

26 Es existierte weder ein Grundverzeichnis noch irgendeine andere Art der Erschließung; lediglich bei einigen wenigen Fragmenten, die das Interesse von Forschern erregt hatten, fanden sich rudimentäre inhaltliche Hinweise.

27 Vgl. beispielsweise den Beitrag von Christa BERTELSMEIER-KIERST, Die ehem. Stamser Handschrift der ‚Weltchronik‘ des Rudolf von Ems, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 122 (1993) 271–284.

28 TLA, Rep. 382, fol. 852v. Weitere Provenienzhinweise finden sich bei den Fragmenten Hs. 95.1052, 95.1513, 95.1521, 95.1523, 95.1528–1530.

29 Vgl. Hs. 95.1528a–e, Hs. 95.1529a–e sowie Hs. 95.1533a–g.

30 Hs. 95.1523–1525b, 1529a, 1530, 1532.

31 Die Masse der Liturgica-Fragmente ist in gotischer Textura geschrieben und stammt damit aus dem ausgehenden Hochmittelalter und dem Spätmittelalter.

32 TLA, Kaiserurkunden sub dato (1004 IV 10).

33 Unmittelbar bei der Signatur befindet sich ein Bleistiftvermerk (jedoch von anderer Hand wie der „Innichner“ Hinweis) des 19. Jahrhunderts: „Hochstiftsarchiv Brixen“.

34 Ich danke Prof. Dr. Mark Mersiowsky für den fachlichen Austausch, insbesondere hinsichtlich der Datierung dieser frühen Fragmente.

35 Hingegen haben sich die entsprechenden Urbare dieses Amts aus den Jahren 1560 und 1563 im Tiroler Landesarchiv erhalten – vgl. TLA, Urbare 108/31 und 108/32.

36 Adiastemische Neumen werden über oder neben dem Text notiert und können Tonhöhe und -dauer nicht angeben; dies wird erst durch die von Guido von Arezzo († 1050) eingeführten diastemischen Neumen möglich, die Notenlinien verwenden.

37 Hs. 95.2002 und 95.2003. Das Liturgica-Fragment Hs. 95.1530 weist ebenfalls Neumen auf.

38 Vgl. Christoph HAIDACHER, Ein Flavius-Josephus-Fragment im Tiroler Landesarchiv, in: Lateinforum 85/86 (2015) 1–11.

39 TLA, Urbar 23/5.

40http://www.handschriftencensus.de/forschungsliteratur (Suchbegriff Zingerle, abgerufen am 3.8.2016). Auch in jüngerer Zeit erschienen zahlreiche Abhandlungen über die im Tiroler Landesarchiv verwahrte literarische Überlieferung (vgl. die im Handschriftencensus zu Hs. 21 angegebene Literatur: http://www.handschriftencensus.de/hss/Innsbruck).

41 Vgl. Hansjürgen LINKE / Ulrich MEHLER, Die Steinacher Salvator-Rolle, in: Der Schlern 67 (1993) 489–506 (mit Edition).

42 Vgl. BERTELSMEIER-KIERST, Findlinge (wie Anm. 18) 334–336.

43 Vgl. Oswald ZINGERLE, Bruchstücke altdeutscher Predigten, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 23 (1879) 399–408 (mit Edition); Volker MERTENS, Das Predigtbuch des Priesters Konrad. Überlieferung, Gestalt, Gehalt und Texte (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 33), München 1971, 36.

44 Ein weiteres Fragment dieser Chronik befindet sich im Stadtarchiv Bozen (Fragm. 33c): Umschlag zu Hs. 683 (Bozner Kirchpropstrechnung von 1575/78).

45 Vgl. BERTELSMEIER-KIERST, Stamser Handschrift (wie Anm. 27). Eine detaillierte Aufstellung der Fragmente des Landesarchivs mit genauer Aufschlüsselung der Verse findet sich auf S. 274 (Nr. 7–13).

46 Hs. 95.7000 und 7001.

47 Manchmal wurden ganze Papierhandschriften mit Knochenleim zu Kartons zusammengeklebt und als billiger Bucheinbandersatz für die mittelalterlichen, mit Leder überzogenen Holzdeckel verwendet. Auf diese Weise wanderten oft ganze Handschriften in Pappdeckel; vgl. MERSIOWSKY, Buchmenschen (wie Anm. 1) 209 f.

48 Hs. 95.8000.

49 Die detaillierten Angaben zu diesem Fragment sind der von Burghard Planegger verfassten und im April 2014 eingereichten Seminararbeit entnommen.

Das Forschungsprojekt Genisat Tirolensia zur Erfassung der mittelalterlichen Hebraica-Bestände in Tirols Bibliotheken und Archiven1

URSULA SCHATTNER-RIESER

Nach einer vieljährigen Forschungs- und Lehrtätigkeit im judaistischen und kodi-kologischen Bereich an den Universitäten Paris, Zürich und Salzburg ergab sich für mich die Gelegenheit, die dabei erworbenen Kenntnisse in meinem Heimatland Tirol einsetzen zu können. Seit 2012 durchsuche ich als Judaistin und Historikerin, oftmals zusammen mit meinem Kollegen Dr. Josef Oesch, die Bestände in Tiroler Bibliotheken und Archiven nach jüdischen mittelalterlichen Fragmenten. Gesucht wird nach wiederverwendeter Makulaturware, die von mehr oder weniger vollständigen Fragmenten-Seiten bis zu schmalen Streifen reicht. Die Recyclingware ist in Einbänden christlicher Werke und Dokumente zu finden und hat als Innenspiegel oder Falze Jahrhunderte im Verborgenen überdauert. Das Tiroler Projekt mit dem Namen Genisat Tirolensia2 ist ein Teilprojekt des österreichischen Projekts „Hebräische Fragmente in Österreich“ und darüber hinaus des gesamteuropäischen Projekts „Books-within-Books“.

Beginn der Erfassung des jüdischen Kulturerbes nach dem Zweiten Weltkrieg

Auf Wunsch des ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion3 wurde kurz nach der Staatsgründung Israels (1948) begonnen, alle jüdischen Geistesschätze, insbesondere die der hebräischen Handschriften, die die Schoah überstanden hatten, zu sammeln und zu erfassen. Gemeint war damit nicht die physische Einsammlung der jüdischen Handschriften, sondern die fotografische Erfassung. Dies führte 1950 zur Gründung des „Institute of Hebrew Manuscripts under the auspices of the Ministry of Education and Culture, Jerusalem (IMHM)“. Damit war der Grundstein gelegt, und man begann, alle bis dato bekannten jüdischen Handschriften auf Mikrofilme zu kopieren und später zu digitalisieren.

Geschichte des Editionsprojekts in Österreich und Europa

Österreich kooperierte von Beginn an mit der National Library of Israel zur Mikroverfilmung der Hebräischen Handschriften in der Nationalbibliothek in Wien in einem gesonderten Projekt. Im Jahre 1991 wurde von Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Dexinger (Institut für Judaistik, Wien) und dem israelischen Generalkonsul DI DDr. Peter Landesmann in Zusammenarbeit mit Prof. Yaakov Sussmann (Hebrew University of Jerusalem) das Projekt „Hebräische Fragmente in Österreich“ gegründet, um alle Bibliotheken auf hebräische Makulaturware zu durchforschen. Zur detaillierten Gründungsgeschichte des gemeinsamen Forschungsprojekts Israel-Österreich und zum Projektverlauf bis 2007 dürfen wir auf die Veröffentlichung von Christine Glassner und Josef Oesch, Fragmenta Hebraica, und weiterführende Internetlinks verweisen.4 2004–2008 leiteten Ass.-Prof. Dr. Josef Oesch (Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie, Universität Innsbruck) und Univ.-Prof. Dr. Franz Hubmann (Katholisch-Theologische Privatuniversität Linz) das Projekt. Seit 2008 wird es von PD Dr. Martha Keil (Institut für jüdische Geschichte Österreichs, Wien, St. Pölten)5 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Mittelalterforschung6 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften weitergeführt.

Österreichs Hebraica-Bestände werden auf ca. 3000 Fragmente geschätzt, dabei sind aber viele Bibliotheken und vor allem Archive (u. a. das Wiener Stadtarchiv und das Archiv von Wiener Neustadt) nicht zur Gänze erfasst. Die Angaben und Beschreibungen zu den gefundenen Fragmenten und den Trägermedien werden in die Datenbank der Projektwebsite www.hebraica.at eingespeist. Seit 1995 sind die Ergebnisse online auf der Webseite www.hebraica.at dokumentiert, die vom Server der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) betreut wird. Ein weiterer Schritt erfolgte im Jahre 2007 mit dem Zusammenschluss der verschiedenen Teilprojekte in Europa unter dem Namen „Books-within-Books“. „Books-within-Books“ wird geleitet von meiner Pariser Kollegin Prof. Dr. Judith Olszowy-Schlanger (Universität Sorbonne) und ist unter der Adresse www.hebrewmanuscript.com für jedermann zugänglich. Beteiligt sind 13 europäische Länder: Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Schweiz, Slowakei, Spanien, Niederlande, Großbritannien, Tschechien, Ungarn, Polen, Russland, dazu kommen noch Israel und die USA. In regelmäßigen Tagungen und Kongressen tauscht man sich aus, löst technische Fragen und verbessert die Konservierungsmethoden. Das vordergründige Ziel ist die Digitalisierung und Identifizierung sowie die online-Stellung der Funde, um sie der wissenschaftlichen und interessierten Öffentlichkeit via Internet zugänglich zu machen.7

Bemerkungen zur Provenienz der Handschriften in Tirol

Die in Tirol gefundenen jüdischen Handschriften datieren vorwiegend zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Sie sind nicht unbedingt Produktionen von Tiroler Juden. Fundort, Bindungs- und Verwendungsort der lateinischen oder deutschen Trägerhandschriften sowie der Entstehungsort der hebräischen Handschriften sind meist nicht identisch – können es aber sein. Nur eine sorgfältige Analyse von Schrift, Inhalt und dem historischen Umfeld kann darüber Klarheit bringen. Gemeinsam ist allen Fragmenten, dass sie aus Tiroler Bibliotheken und Archiven stammen und über das Geistesleben des Tiroler oder österreichischen Judentums, die Judenpolitik der Landesherren sowie die jüdisch-christlichen Beziehungen Aufschluss geben. Selbst wenn die meisten Funde aus Ortschaften stammen, für die jüdische Präsenz belegt ist, heißt das nicht, dass ein z. B. in Hall gefundenes Fragment von Haller Juden geschrieben wurde.8

Oft ergibt sich bei einer Nachverfolgung der Herkunft der Trägerhandschrift eine andere Provenienz: Deutschland, Frankreich, Italien. Nur wenn die Schriften oder Vermerke es bestätigen, darf man auf eine Tiroler Herkunft schließen.

Der überwiegende Teil der jüdischen Handschriften stammt wahrscheinlich aus konfisziertem, zurückgelassenem oder geraubtem Gut, dessen Eigentümer aus religiösen und oder wirtschaftlich motivierten Gründen vertrieben oder ermordet wurden. Pergament und Leder waren im Mittelalter aufgrund ihrer Festigkeit und Haltbarkeit geschätzte Materialien, die sich als Bucheinbände und -verstärkungen, Vorsatzblätter sowie Falze in mittelalterlichen Codices bewährten. Deshalb findet man Urkunden, Gebetbücher, weltliche Literatur, Rechenzettel in lateinischer und deutscher Sprache, Glossare, medizinische Abhandlungen in christlichen Codices.

Dass man jüdische Handschriften in christlichen Bucheinbänden findet, ist mit dem Schicksal des jüdischen Volkes verbunden: oft missachtet und zerstreut. Die jüdischen Schriften wurden von ihren Besitzern9 meist nicht freiwillig abgegeben oder verkauft, denn der Respekt vor den heiligen Schriften, die den Gottesnamen enthalten, untersagt deren Verkauf oder Abtreten. Solches wurde sogar ausdrücklich verboten.10 Nach Pogromen wurden jüdische Pergamente oft geraubt und um viel Geld an „Buchbinder ... zu schertz verkauft“, um „andere Bücher drein zu binden“,11 wie in einem jiddischen Text aus dem Jahre 1614 aus Frankfurt zu lesen ist (Megillas Vinz zum Fettmilch-Aufstand).12 Es gibt wenige vollständige Exemplare von mittelalterlichen Handschriften, und deshalb ist jeder Fund hebräischer Fragmente eine Sensation und Teil eines Puzzles. In Tirol sind zwei vollständige Handschriften erhalten! Eine stammt von Antonius Margaritha, jenem jüdischen Konvertiten, der Martin Luther zu seinen antijüdischen Schriften inspiriert hat. Diese Handschrift ist ein weltweites Unikat und wurde von Margaritha vor seiner Konversion geschrieben.13 Die zweite vollständige Handschrift ist ein Talmudkommentar des Traktats Nidda aus der Feder des Gelehrten Rashi aus Troyes (Shlomo ben Jitzchak) aus dem 14. Jahrhundert.14

Trotz der enormen Verluste hat sich kostbares Material in christlichen Bucheinbänden erhalten, und um es mit Malachi Beit-Arié, dem israelischen Paläographiker und Talmudforscher auszudrücken:

„It may seem rather paradoxical that the extant Hebrew manuscripts which have mostly survived from Christian countries, while escaping mass expulsions and persecutions, were saved mainly by European libraries which purchased them, preserved, conserved and kept them accessible for students and scholars. These Christian institutions became guardians of Jewish literary heritage ...“15

Tiroler Bestände und Forschungsperspektiven

Während die meisten österreichischen Bundesländer in Bezug auf jüdische Schriften schon gut erforscht sind, ist Westösterreich noch ein relativ unerforschtes Gebiet und eine systematische Durchsicht ein Desiderat. Das Tiroler Projekt zur gezielten Durchsicht der Bestände startete im Jahre 2012 dank der Unterstützung der Tiroler Landesregierung, des Instituts für Jüdische Geschichte in Österreich, St. Pölten Wien, und vor allem der Universität Innsbruck. Die neuen Funde sind vielversprechend und lassen auf weitere interessante Schätze schließen. Vor dem Hintergrund immer wiederkehrender Migrationsbewegungen der Juden von Nord gen Süd und Süd gen Nord findet sich in Tirol als häufigem Durchzugsland eine äußerst facettenreiche Handschriftenvarietät vor: Die Dokumente im Gebiet des historischen Tirol sind verschiedenster Provenienz und Traditionsriten. Hier sind auf kleinstem Raum drei große jüdische Traditionen präsent: Aschkenasisch, Italienisch und Sefardisch.16

Eine Tiroler Besonderheit ist auch, dass wir in kollegialem Einverständnis mit dem Projektleiter der Handschriftenforschung Italiens, Prof. Mauro Perani (Universität Bologna), über die nationalen Grenzen hinaus die Südtiroler Bestände17 erfassen und sie auf unserer Webseite hebraica.at einstellen können. Bisher konnten im Bundesland Tirol und in Südtirol über 40 Fragmente ausfindig gemacht werden. Die meisten wurden im Zuge von Restaurierungen entdeckt. Unser Ziel ist es nun, gezielt zu suchen und alle mittelalterlichen jüdischen Texte, Notizen, Registereinträge und Grabinschriften digital zu erfassen und auf der Webseite www.hebraica.at online für die Wissenschaft zugänglich zu machen.

Bestandsituation im Bundesland Tirol und in Südtirol

Bis 2012 waren auf der Webseite hebraica.at 18 Fragmente verzeichnet. Zwischen 2012 und 2016 kamen 27 neue Fragmente hinzu, davon sind 30 online, der Rest ist in Vorbereitung zur online-Veröffentlichung; somit ergibt sich folgendes Bild:

 

Bundesland Tirol

Juni 2016

November 2012

Hall

1

 

Innsbruck Stift Wilten

3

 

Innsbruck TLA18

5

 

Innsbruck ULBT19

25

18

Schwaz

2

 

Südtirol

 

 

Innichen/San Candido

2

 

Brixen/Bressanone

4

 

Bruneck/Brunico

2

 

Meran/Merano

2

 

Gesamt

46

18

Auswertung der Handschriften für Nordtirol

Die Tiroler Hebraica datieren zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert und zeichnen sich durch ihre Diversität aus: Die Schriften sind aschkenasischer, sefardischer und italienischer Tradition und in den Sprachen Hebräisch-Aramäisch, Mittelhochdeutsch, Jiddisch und Altfranzösisch geschrieben. Der Großteil der Nordtiroler Texte stammt aus der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, Innsbruck mit einer breiten Textvielfalt: Biblische Texte aus Rollen oder Codices, gesetzestextliche Kommentare (Halacha), liturgische Texte, Glossare (Altfranzösisch/Hebräisch, Aramäisch/Hebräisch, Mittelhochdeutsch/Hebräisch). Im Tiroler Landesarchiv konnten bis jetzt zwei Talmudhandschriften, hebräische Vermerke auf Urkunden und eine beglaubigte Handschrift von 1604 mit einer Sammlung von acht Schutzbriefen aus der Zeit von 1509 bis 1600 mit hebräischen Randglossen erfasst werden. Die Franziskanerbibliotheken in Hall und Schwaz beherbergen einen Talmudkommentar in einem Bucheinband, ein Fragment einer Torarolle und eine private Notiz eines Konvertiten.20 Einige Texte sind noch nicht identifiziert. Somit ergibt sich aktuell folgendes Gesamtbild:

 

Bibel-Rollen (Tora- und Ruthrolle)

5

Bibel-Kodizes (+ Haftarot/Prophetenlesung)

4

Talmud

5

Kommentare und Exegese

15

Liturgie

7

Privatnotiz eines Konvertiten

1

Hebräische Randbemerkungen in Schutzbriefen

1

Hebräische Vermerke auf Urkunden

2

Glossare, Wörterbücher

3

Historische, texthistorische und internationale Bedeutung des Tirol-Projekts

Die jüdischen Textzeugen besitzen einen großen philologischen und texthistorischen sowie sozial- und kulturhistorischen Wert. Sie geben Auskunft über die soziale Zugehörigkeit der einstigen Besitzer, das mittelalterliche jüdische Kultur- und Geistesleben und indirekt auch über die jüdische Migration. Der allgemeinhistorische Wert ist ebenso beträchtlich: Nachdem bislang die jüdische Präsenz in Tirol ausschließlich auf der Grundlage externer Quellenberichte erschlossen wurde, ermöglichen es nunmehr die diversen Handschriftenfunde, die jüdische Traditionsgeschichte und teils auch die jüdische Geschichte Tirols und/oder den Bezug der einstigen Besitzer dieser Schriften zu Tirol von einem anderen Standpunkt aus zu rekonstruieren und zu bewerten. Sie können zudem dazu beitragen, andere Quellen besser zu verstehen.

Das Forschungsprojekt Tirol ist auf mehrfache Weise „international“: zum einen aufgrund unserer engen Zusammenarbeit mit internationalen Spezialisten, zum anderen, weil die mittelalterliche Geschichte Tirols in ihrer Gesamtheit zu betrachten ist, um ein vollständiges Bild zu liefern, und über die nationalen Grenzen hinaus auch Südtirol und gelegentlich Klöster in Süddeutschland mit Besitzungen in Tirol miteinbezogen werden. Weitere Recherchen könnten ergeben, dass sich unsere Funde mit Fragmenten aus den Datenbank-Projekten anderer Länder ergänzen und wie ein Puzzle zusammengefügt werden können.

Zielsetzung und weitere Perspektiven

Ziel ist es nicht nur, Inkunabeln und Frühdrucke bis 1700 in Tiroler Bibliotheken und Archiven auf hebräische und aramäische Fragmente zu untersuchen, sondern alle Tiroler Hebraica-Realien, ob Fragmente, Grabsteine oder Bucheinträge, zu publizieren und in einem Katalog mit genauer Beschreibung zusammenzufassen. Die inhaltliche, zeitliche und räumliche Auswertung der Texte führt zur nächsten Etappe, nämlich der Komplettierung der Geschichte der Juden Tirols21 (Bundesland Tirol und Südtirol) im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Denn diese internen Zeugen jüdischer Präsenz liefern zusätzliche Informationen über jüdisch-christliche Wechselwirkungen.

Die Erfassung, Digitalisierung und Identifizierung der hebräischen Fragmente wird der Allgemeinheit auf der seit ihrem Bestehen intensiv frequentierten Webseite www.hebraica.at zugänglich gemacht.

Um ein möglichst vollständiges Ergebnis zu erzielen und ein Maximum an Informationen aus den Texten zu holen, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Judaisten, Hebraisten, Germanisten, Mediävisten und Historikern anderer Epochen im interdisziplinären Bereich, allen voran mit den Kollegen der Universität Innsbruck, anzustreben.22 Die internationale Vernetzung mit Spitzenforschern diverser Fachbereiche ist bei der Identifizierung und Zuordnung sowie der Bekanntmachung der Resultate unentbehrlich, und es ist erfreulich, dass die Kooperation mit den in- und ausländischen Kollegen hervorragend ist. Dies hat sich auch bei dem von Dr. Josef Oesch und mir organisierten Kongress „700 Jahre jüdische Präsenz in Tirol. Neue literarische und kulturhistorisch-archäologische Erkenntnisse“ gezeigt, wo alle betreffenden Spezialisten mitwirkten, um die Tiroler Forschung auf internationalem Niveau zu unterstützen und zu stimulieren.

Mit der Aufarbeitung dieser fragmentierten Geschichte werden neue Impulse für die Judaistik, das österreichische Judentum und die jüdisch-christliche Zusammenarbeit gesetzt. Fragen danach, was hinter einem Fragment steckt, wer die Autoren waren, warum die Handschrift in einem christlichen Einband endete und was mit ihren ursprünglichen Besitzern geschah, sollen so gut wie möglich beantwortet werden. Mir persönlich ist das ein Anliegen, für das ich mich auch weiterhin einsetzen möchte.

Jüdische Zeugnisse in Tirol

Beispiele zur Veranschaulichung des Forschungsmaterials aus dem Südtiroler Kollegiatstift Innichen, dem Tiroler Landesarchiv, dem Stift Wilten, den Franziskanerbibliotheken Hall und Schwaz und der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, Innsbruck.23

Beispiel 1:Schwaz, Franziskanerbibliothek: Halachischer Kommentar (13./14. Jh.)

Abb. 1: Talmudkommentar24 von Rabbi Ascher ben Jechi‘el: Hilchot ha-Rosh, zum babylonischen Talmud, Traktat bJebamot 46a. Dieses Schriftzeugnis diente als Einbandfragment. Der Buchrücken ist übermalt und lässt auf den ersten Blick keine hebräischen Spuren vermuten. Der Text weist zahlreiche Varianten zur heute gebräuchlichen Version auf. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1550.

Beispiel 2:Schwaz, Franziskanerbibliothek: Torarolle (17./18. Jh.)

Abb. 2: Diese stark beschädigte Handschrift ist Teil einer Torarolle und beinhaltet die Kap. 12–16 aus dem Buche Exodus mit dem Schilfmeerlied (Schirat ha-Jam) in typischer Halb-Ziegelanordnung. So wird die graphische Darstellung genannt, bei der Text und Leerstellen alternieren. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1594.

Beispiel 3:Schwaz, Franziskanerbibliothek: Konvertitennotiz (1637)

Abb. 3: Bei diesem Text handelt es sich um den Eintrag eines jüdischen Konvertiten, der nach seinem Übertritt zum christlichen Glauben den Namen Carolus Sigismundus Constantinus annahm. Der Taufname ergibt sich aus den Vornamen der beiden Söhne Claudia de’ Medicis und Leopolds V. († 1632): Ferdinand Karl (* 1628) und Sigismund Franz (* 1630). Die Taufe fand am 29. Juni 1637 in der Innsbrucker Hofkirche statt.25 Der kursiv-hebräisch geschriebene Text lässt auf einen gelehrten Juden schließen, der geschickt aus der Bibel und der jüdischen Gebetsliturgie zitiert. Die Orthografie ist stark vom Jiddischen beeinflusst. Am Ende zeichnet der erwachsene Täufling mit: „Ego C.“ (ich Carolus). Permalink: http://hebraica.at/?ID=1551.

Beispiel 4:Innsbruck, Stift Wilten: Babylonischer Talmud (12./13. Jh.)

Abb. 4: Der Abt des Prämonstratenserstiftes Wilten, Raimund Schreier, Stiftsarchivar Dr. Helmut Gritsch und die Autorin dieses Beitrags, Ursula Schattner-Rieser, mit den Blättern aus dem babylonischen Talmud. Foto Roland Sigl.

Abb. 4a/b: Drei Blätter aus dem babylonischen Talmud, Traktat Nedarim (bNed 38b–40b; bNed 49b–51b; bNed 52b–55a), recto-verso beschrieben. Die Traktate weisen eine andere Ordnung auf als die heutige Standardversion. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1553.

Beispiel 5:Innsbruck, Synagoge: alter Grabstein (18. Jh.)

Abb. 5, 5a: Dieser jüdische Grabstein von 1782 wurde von einem Innsbrucker Theologieprofessor ohne weitere Informationen in der Synagoge Innsbruck deponiert. Nach intensiven Recherchen konnte ich mit Kollegen seine ursprüngliche Herkunft ausfindig machen. Dabei stellte sich heraus, dass der Stein im Jahre 1942 aus dem jüdischen Friedhof Hamburg-Altona entwendet wurde und dabei die untere Zeile mit dem Datum verlorenging. Aufgrund eines Vergleichs mit Archivfotos aus der NS-Zeit gelang die Identifizierung. Mit dem deutschen Denkmalamt konnte 2013 seine Rückführung organisiert werden. Foto Ursula Schattner-Rieser; Permalink: http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidatPfunction=Ins&sel=hha&inv=8000.

Beispiel 6:Innsbruck, Tiroler Landesarchiv: Babylonischer Talmud (13./14. Jh.)

Abb. 6: Im Adelsarchiv der Familie Trautson aus Matrei befinden sich zwei Talmudhandschriften, die als Einbände dienten. Dieses Talmudfragment beinhaltet Traktat bEruvin 35a–37b und diente als Umschlag eines Urbars von 1522. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1552.

Beispiel 7:Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, Innsbruck: Bibelkodex (14. Jh.)

Abb. 7: Die Einbandfragmente mit Ausschnitten aus dem Buche Exodus (2. Moses) sind beidseitig beschrieben und stammen aus einem aschkenasischen Bibelkodex. Die Verse im hebräischen Originaltext alternieren mit der aramäischen Bibelversion („Targum“). Der Text ist punktiert und mit Randkommentaren versehen, die man Masora magna und parva nennt. Insgesamt wurden drei zusammengehörige Fragmente in drei weißen Renaissance-Einbänden gefunden, die zum Einbinden lateinischer Werke aus dem 17. Jh. wiederverwendet wurden und aus der temporären Jesuitenbibliothek Brixen, Südtirol stammen. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1572.

Beispiel 8:Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, Innsbruck: hebräisches Glossar (ca. 13./14. Jh.)

Abb. 8: In der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol befinden sich einige Exemplare eines altfranzösisch-hebräischen Glossars zu den biblischen Büchern der Psalmen und Sprüche (Proverbien). In drei Spalten werden die Worte des Bibeltextes in altfranzösischer Übersetzung mit weiteren hebräischen oder aramäischen Synonymen aus anderen Bibelstellen erklärt. Dieser Text ist eines von vier erhaltenen Fragmenten und ein wichtiges Zeugnis für die Philologie und Sprachwissenschaft. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1341.

Beispiel 9:Tiroler Landesarchiv, Innsbruck: Sammelschrift von Judenprivilegien mit hebräischen Randbemerkungen (1604)

Abb. 9: Bei dieser frühneuhochdeutschen Sammelschrift mit der Signatur TLA Hs 4389 handelt es sich um eine von Ferdinand von Khuepach beglaubigte Abschrift von acht kaiserlichen und landesfürstlichen Schutzbriefen, die zwischen 1509 und 1600 zugunsten der Familie Maggio aus Bassano und Bozen (Italien) sowie deren Verwandtschaft ausgestellt wurden. Die Schrift enthält hebräisch-aramäische Randglossen mit zusammenfassenden und erklärenden Bemerkungen zu bestimmten Passagen, die dem jüdischen Besitzer dieser Kopie zuzuschreiben sind. Foto TLA.

Beispiel 10:Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, Innsbruck: Gebetbuch (14. Jh.)

Abb. 10, 10a: Anonymes Gebet zum Laubhüttenfest (Sukkot) aus einem aschkenasischen Gebetsbuch (Machsor). Das hier gezeigte Fragment diente als Einband eines lateinischen Frühdruckes von 1603. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1569.

Beispiel 11:Museum des Kollegiatstifts Innichen/San Candido, IT (13./14. Jh.)

Abb. 11: Prophetenlesung (Haftara) Sefardischer Ritus, aber aschkenasische (oder italienische?) Schrifttradition. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1581.

Beispiel 12:Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, Innsbruck: Gebetbuch für Festtage (14. Jh.)

Abb. 12: Das Fragment aus einem Gebetbuch (Machsor) zeigt auf der rechten Seite ein Gebet für den Morgengottesdienst (Jotser) zu gewissen Fasttagen. Die groß geschriebenen Buchstaben markieren die Worte des Vorbeters. Die Punkte über bestimmten Buchstaben bilden ein sogenanntes Namensakrostichon. Sie ergeben den Namen des Verfassers, Gerschom ben Jehuda, eines der bedeutendsten rabbinischen Gelehrten des aschkenasischen Judentums (* Metz, † 1040 in Mainz), der unter anderem die Monogamie im Judentum als verbindend durchsetzte. Permalink: http://hebraica.at/?ID=1593.

 

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1 Ich danke Frau assoz.-Prof. Dr. Christina ANTENHOFER für ihre Bereitschaft, in diesem Beitrag für die „Tiroler Heimat“ das gemeinnützige Projekt der Erforschung der mittelalterlichen Hebraica-Fragmente in Tirol und Südtirol vorstellen zu dürfen.

2 Das aramäische Wort Genis/zah (im status absolutus), Genisat/Genizat (im status constructus) leitet sich vom Persischen ginza, „Schatz“, ab und bedeutet zugleich „Aufbewahrungsraum, Schatzkammer“ und „Versteck“. Es bezeichnet ein Depot in oder nahe der Synagoge, in dem beschädigte oder liturgisch untaugliche hebräische Schriften deponiert werden. Sind mehrere liturgische Schriften, die den Gottesnamen enthalten, zusammengekommen, werden sie rituell bestattet. Metaphorisch wird der Terminus für die Sammlung aller jüdischen Makulatur-Schriften gebraucht, die nun in Projekt-Datenbanken gesammelt werden. Die metaphorische Verwendung des Begriffs Genisah wurde vom israelischen Talmudforscher Prof. Yaakov SUSSMANN anlässlich der 80-Jahr-Feier zur Wiederentdeckung der „Kairoer Genisah“ geprägt und spielt auf den größten Handschriftenfund der jüdischen Geschichte an, nämlich die Entdeckung von mehr als 200.000 Handschriften und Fragmenten im Jahre 1896 in der „Kairoer Genisah“, die sich heute v. a. in Cambridge zur Aufarbeitung befinden. Vgl. Mauro PERANI, Fragments of Linguistic Works from the Italian Genizah, in: A Universial Art. Hebrew Grammar across Disciplines and Faith, hg. von Nadia Vidro / Irene E. Zwiep / Judith Olszowy-Schlanger, Leiden 2014, 137. – Vgl. zum Potential der Genisa ferner Andreas LEHNARDT, Genisa – Die materielle Kultur des deutschen Judentums im Spiegel neu entdeckter synagogaler Ablageräume, in: Einführungen in die Materiellen Kulturen des Judentums, hg. von Nathanael Riemer (Jüdische Kultur. Studien zur Geistesgeschichte, Religion und Literatur 31), Wiesbaden 2016, 173–202.

3 David BEN GURION in einer Deklaration vom 5. März 1950 in Tiberias: “... our first duty is to save Hebrew literature. There are thousands of Hebrew manuscripts lying idle in various libraries ... Many of them have vanished in the darkness of the past or have been destroyed by the wrath of oppressors ... It is the duty of the State of Israel to acquire and gather those exiles of the spirit of Israel dispersed in the Diaspora. Not to acquire ... the original manuscripts, but their reproductions ... or mis ä disposition with public Internet access so zitiert auf: http://primolevicenter.org/printed-matter/the-biblioteca-palatina-and-the-national-library-of-israel/ (aufgerufen am 16.10.2016).

4 Fragmenta Hebraica Austriaca. Akten der Session Hebrew Manuscripts and Fragments in Austrian Libraries, hg. von Christine GLASSNER / Josef M. OESCH (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Sitzungsberichte 783), Wien 2009; weiters: Peter LANDESMANN zum Projekt der Europäischen Genizah: http://www.hebraica.at./landesmann.pdf (aufgerufen am 16.10.2016) und Ferdinand DEXINGER zum Stand der Hebraica-Erforschung: http://www.hebraica.at./dexinger.pdf (aufgerufen am 16.10.2016).

5 Martha KEIL