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Thomas Manns Erzählung "Tobias Mindernickel" zeichnet das beklemmende Porträt eines vereinsamten Mannes, der von seiner Umwelt verspottet und ausgegrenzt wird. In seiner armseligen Existenz sucht er nach Nähe und Zuneigung und glaubt, sie in einem Hund zu finden, den er sich anschafft. Doch die anfängliche Freude schlägt bald in ein krankhaftes Bedürfnis nach Kontrolle und Macht um. Statt Liebe entwickelt sich ein Verhältnis von Tyrannei und Unterdrückung, das schließlich in grausamer Gewalt eskaliert. Mann zeigt mit psychologischer Schärfe, wie Spott und Isolation einen Menschen innerlich zerstören und ihn zu zerstörerischen Handlungen treiben können. Die Erzählung ist eine eindringliche Studie über Vereinsamung, Machtmissbrauch und die dunklen Abgründe der menschlichen Seele, die den Leser bis heute erschüttert und fesselt.
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Seitenzahl: 16
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Eine der Straßen, die von der Quaigasse aus ziemlich steil zur mittleren Stadt emporführen, heißt der Graue Weg. Etwa in der Mitte dieser Straße und rechter Hand, wenn man vom Flusse kommt, steht das Haus No. 47, ein schmales, trübfarbiges Gebäude, das sich durch nichts von seinen Nachbarn unterscheidet. In seinem Erdgeschoß befindet sich ein Krämerladen, in welchem man auch Gummischuhe und Ricinusöl erhalten kann. Geht man, mit dem Durchblick auf einen Hofraum, in dem sich Katzen umhertreiben, über den Flur, so führt eine enge und ausgetretene Holztreppe, auf der es unaussprechlich dumpfig und ärmlich riecht, in die Etagen hinauf. Im ersten Stockwerk links wohnt ein Schreiner, rechts eine Hebamme. Im zweiten Stockwerk links wohnt ein Flickschuster, rechts eine Dame, welche laut zu singen beginnt, sobald sich Schritte auf der Treppe vernehmen lassen. Im dritten Stockwerk steht linker Hand die Wohnung leer, rechts wohnt ein Mann namens Mindernickel, der obendrein Tobias heißt. Von diesem Manne giebt es eine Geschichte, die erzählt werden soll, weil sie rätselhaft und über alle Begriffe schändlich ist.
