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Undankbar ist sein Volk, so denkt König Gilgamesch. Es murrt beständig und sinnt auf Rache, während der gottgleiche Machthaber zwar mit starker Hand – aber in den eigenen Augen – absolut gerecht herrscht. Enkidu, ein Wesen aus dem Schlamm, wird geschickt, den ungeliebten König zu töten. Doch die beiden freunden sich an. Endlich ist Gilgamesch nicht mehr einsam, und sinnt nun auf Unsterblichkeit. Unsterblich aber wird nur, wer Unsterbliches vollbringt. Das Volk mittlerweile hat beschlossen, wegzuziehen, friedlichere Gefilde für sich zu finden. Opfer müssen gebracht werden und dennoch stehen am Ende der Reise Verlust, Enttäuschung und Misserfolg. Und Gilgamesch? Gilgamesch träumt.
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Seitenzahl: 42
Veröffentlichungsjahr: 2018
Maximilian Lang
Tod dem Gilgamesch!
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5 D | 7 H
Personen
GILGAMESCH, König von Uruk
NINSUN, seine Mutter
ENKIDU, Wesen aus dem Schlamm
SCHAMCHAT, Verführerin
DER WILDE, Herrscher über ein fremdes Volk
DER ALTE, ein Einwohner von Uruk
UTA-NAPISCHTI, ein Ahne von Gilgamesch
EINWOHNER von Uruk, Chor
STADT, Bewohner einer fremden Stadt, Chor
1
Die Einwohner von Uruk
Einwohner
Ischtar,
Stadtgöttin von Uruk.
Seit wir denken und fühlen und sprechen können,
seit wir leben und in die Welt blicken,
werden wir von einem beherrscht,
der sich nimmt, was er will, der nicht nachfragt,
weil er der Stärkste ist: Gilgamesch.
In den Seitengassen lauert er uns auf,
in unsere Schlafzimmer stürmt er hinein,
nimmt uns, tobt sich aus, stillt seine Lust
und geht dann, als hätte er nur schnell
Guten Tag gesagt.
Ischtar!
Jetzt hat Gilgamesch eine Inschrift gelesen, die ihn beleidigt.
Er möchte den Schuldigen haben. Die ganze Stadt ist in Aufruhr.
Der Nachbar verrät den Nachbarn, der Bruder den Bruder,
die Schwester die Schwester.
Hilf uns!
An seine Mutter können wir uns nicht wenden,
sie, Ninsun, verachtet uns, seit sie den Sohn
eines Gottes geboren hat.
Also bleibst nur du uns, Göttin.
Hilf uns.
Das ist kein Leben mehr
unter einem solchen Tyrannen.
Im Palast von Gilgamesch
Gilgamesch und seine Mutter Ninsun
Gilgamesch
Ein Meteor hat eingeschlagen, mitten auf der Straße. Er hat die Straße aufgebrochen und die umliegenden Mauern zerstört. Die Menschen sind in Scharen hingerannt. Die ganze Straße war bevölkert. Als ich aufgetaucht bin, ist es still geworden. Kein Laut mehr. Der Mittelweg wurde frei. Links und rechts sind sie mir mit ihren untergebenen Augen gefolgt.
Ängstlich. Feige. Und trotzdem voller Verachtung. Ich habe den Stein begutachtet. Ich habe ihn in die Höhe gestemmt. Ein Raunen ist durch die Menge gegangen. Ich habe ihn auf die Felder hinausgeschleudert. Und dann? Die Leute sind einfach weggerannt. Verschwunden. Geflüchtet, als hätte ich ihnen was Böses getan. Kein Dank, nichts!
Ninsun
So sind sie eben, die Menschen. Du hast ihnen Brunnen gegraben, Felder fruchtbar gemacht, ganze Landstriche erschlossen, hast Wälder gerodet, Holz hergebracht, hast Tempel gebaut, Brücken gebaut, Mauern gebaut, Kraftwerke, Lagerhallen, Schulen, hast ihnen Nahrung und Schutz gegeben, Frieden und Wohlstand. Du hast ihnen alles gegeben! Trotzdem danken sie dir nicht dafür.
Gilgamesch
Sie hassen mich sogar noch dafür –
Ninsun
Kümmer dich nicht darum. Sie ertragen es einfach nicht, dass du stärker bist. Dass du zu zwei Dritteln göttlich bist. Und nur zu einem Drittel Mensch.
Gilgamesch
Gestern habe ich etwas gelesen. Auf der Stadtmauer. „Tod dem Gilgamesch“, steht dort. „Tod dem Tyrannen“. Stand dort, in den Stein geritzt, in großen Buchstaben. Zuerst wollte ich einer Regung nachgehen und ein Haus, das gegenüberliegt, zerstören. Aber ich habe nachgedacht. Ich bin in das Haus eingetreten und habe gefragt, wer das geschrieben hat. Die Leute haben gesagt, sie wissen es nicht. Warum sie es nicht weggetan hätten! Sie können nicht lesen, sagen sie. Wieso könnt ihr noch immer nicht lesen! „Wir müssen auf die Felder.“ Das ist doch alles ein riesiger Unsinn! Es gibt Schulen, Bibliotheken, Akademien, und Ihr könnt nicht lesen! Bis zum nächsten Jahr könnt Ihr es! Und bringt mir den Schuldigen!
Ninsun
Lass sie reden, lass sie schreiben. Sie sind eben zu dumm, um dich zu verstehen.
Gilgamesch
Wenn sie könnten, würden sie mich vernichten.
Ninsun
Sie brauchen dich doch, das wissen sie genau.
Gilgamesch geht umher.
Ninsun
Als du ein Kind warst, hab ich mir immer gedacht: Dieser Junge, der größer, stärker, mächtiger ist als alle anderen Kinder, wird einmal sehr einsam sein. Das ist sein Los. Damit muss er leben. Darum bin ich immer für dich da. Hörst du?
Er ignoriert, was sie sagt, geht zum Fenster.
Gilgamesch
Wie fröhlich sie sind. Wie glücklich sie sind. Wie verbunden sie sich miteinander fühlen. Wie zärtlich sie sind zueinander. Wie hingebungsvoll. Wie aufopferungswillig. Wie brutal manchmal. Wie gnadenlos.
Wer sind die? Ich habe tausendmal versucht sie zu verstehen, die Leute. Sie sind glücklich, lieben sich. Im nächsten Moment verraten sie sich gegenseitig für ein bisschen Geld. Verkaufen ihre Nachbarn für ein paar Versprechungen.
„Tod dem Tyrannen.“ Wenn ich den erwische, der das geschrieben hat, werd ich ihn in Ruhe fragen, was er meint. Oder ihm gleich alle Glieder ausreißen.
Ninsun
