Tod einer Hundertjährigen - Eva Rossmann - E-Book

Tod einer Hundertjährigen E-Book

Eva Rossmann

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  • Herausgeber: Folio Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2022
Beschreibung

Endlich der neue Mira-Valensky-Krimi! --- Das Geheimnis des langen Lebens. Das Geschäft mit der Gesundheit. Mira Valensky ermittelt im Hochland Sardiniens. "A kent'ànnos! Mögest du hundert Jahre alt werden", wünscht man sich in Sardinien. Es wirkt: In der Ogliastra, dem rauen Hochland, leben die Menschen besonders lange. Das Geheimnis der Hundertjährigen zieht nicht nur Wissenschaftler an. Mit der Sehnsucht, gesund und glücklich alt zu werden, lassen sich auch gute Geschäfte machen. Präparate, die Zellgesundheit und Immunsystem stärken sollen, boomen. Doch dann stirbt Tzia Grazia mit hundertzwei Jahren und ihre beste Freundin behauptet, das sei kein natürlicher Tod gewesen. Die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre Freundin Vesna Krainer ermitteln: Hat der Hirte nur fantasiert? War es Blutrache? Oder gibt es ein viel profaneres Motiv? Nach einem weiteren Todesfall überschlagen sich die Ereignisse.

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Foto © Ernest Hauer

Eva Rossmann, geboren 1962, lebt im Weinviertel/Österreich und auf Sardinien. Verfassungsjuristin, politische Journalistin, ab 1994 freie Autorin, Publizistin, Radio- und TV-Moderatorin. Zahlreiche Sachbücher.

Seit ihrem Krimi Ausgekocht auch Köchin in Buchingers Gasthaus Zur Alten Schule. Ihre gesellschaftspolitischen Kriminalromane rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnischstämmige Putzfrau und Freundin Vesna Krajner wurden zu Bestsellern und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt bei Folio erschienen: Heißzeit 51 (2019), Vom schönen Schein (2020) und 2021 das Kochbuch für alle Fälle: No Stress.

Mira kocht (2021).

www.evarossmann.at

EVA ROSSMANN

TOD EINER HUNDERTJÄHRIGEN

EIN MIRA-VALENSKY-KRIMI

© Umschlagmotive: vorne: mauritius images / Travelstock44 / Alamy / Alamy Stock Photos; hinten: Shutterstock.

Lektorat: Joe Rabl

© Folio Verlag Wien • Bozen 2022

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dall’O & Freunde

Druckvorbereitung: Typoplus, Frangart

Printed in Europe

ISBN 978-3-85256-862-1

www.folioverlag.com

E-Book ISBN 978-3-99037-134-3

Inhalt

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

DANKE!

[1.]

Ich kann dich nicht sehen!“

„Hörst du mich?“

„Hallo?“

„Jetzt sehe ich dich, aber ich hör nichts!“

„Hallo?“

Lost in Cyberspace. Gestern hat die Videoschaltung noch funktioniert.

„Vielleicht ist Sardinien zu weit weg“, überlegt Vesna.

„Kilometer spielen keine Rolle“, knurre ich meine Freundinan.

„Ach, und warum es geht dann nicht?“

„Vielleicht hat Jana eine schlechte Verbindung.“

„Dann man würde sie schlecht sehen. Wir sehen sie gar nicht, wir hören sie nur.“

„Frau Computerexpertin“, höhne ich.

Vesna lächelt. „Jetzt weiß ich, wie diese große Gereiztheit auf der Welt entsteht.“

„Mira, geh auf den Button mit dem Mikro, einfach anklicken!“ Ein Befehl aus Sardinien. Wer sagt, dass die Welt nicht doch irgendwie verbunden ist. Nur eben nicht restlos.

Ich starre auf den Bildschirm. Leisten mit Symbolen, oben, unten, groß das verschwommene Foto von mir, keine Ahnung, wie es auf die Seite gekommen ist. Meine Freundin tapst ungeduldig auf ein Symbol, das ein Mikrofon darstellen könnte.

„Mein Laptop hat keinen Touchscreen!“ Ich fahre genervt mit dem Cursor herum. „Und kannst du mir sagen, warum deine Tochter nicht einfach anruft, wie ganz normale Menschen?“

„Geht doch! Das hab ich jetzt gehört!“, kommt es aus dem Laptop.

„Du hörst uns, Jana?“, fragt Vesna nach.

„Sieht so aus“, knurre ich. „Und frag sie ja nicht, warum wir sie nicht sehen. Ist mir nämlich einfach egal.“

„Oben, da sind so Bildschirmzeichen, da musst du draufklicken“, kommt es aus dem Laptop.

Bildschirmzeichen. Was für ein Wort. Ich klicke auf ein rechteckiges Symbol.

„Da bist du!“, schreit Vesna.

Jana grinst aus dem kleinen Rechteck und hebt den Daumen.

„Das nennt man Internet“, kontere ich.

„Jetzt noch einmal draufklicken, dann hast du mich in Groß“, sagt Jana.

„Will ich das?“

„Mach schon“, drängt Vesna.

Was für ein Fortschritt. Jetzt sehen wir Vesnas Tochter bildschirmfüllend herumruckeln, und uns selbst, Kopf an Kopf, in einem kleinen Fenster.

„Meine Verbindung ist nicht so gut“, sagt sie.

„Hab ich mir schon gedacht“, antworte ich und sehe meine Freundin triumphierend an.

„Na und?“, meint Vesna ungerührt. „Journalistin sein, das kann man auch virtuell. Putzen kann man nicht über das Netz, so etwas bleibt echt.“ Und an ihre verschwommene Tochter gewendet: „Wo ist Lilli?“

Janas Gesicht verzieht sich auf bizarre Art. Das, was sie sagt, ist nicht verständlich.

„Was ist?“, fragt Vesna alarmiert.

„Deiner Enkelin geht’s gut, das ist nur das Netz“, murmle ich.

Tatsächlich materialisiert sich Janas Gesicht wieder und neben ihrem ein kleines, dunkle Haare, große Augen, eine kleine Hand, die immer größer wird und offenbar nach dem Bildschirm greift.

Vesna lächelt begeistert. Ich finde Janas Tochter auch entzückend. Trotzdem bin ich immer wieder fasziniert, wie sehr meine sonst so souveräne Freundin wegschmilzt, wenn bloß ein Teilchen von Lilli ihr Bewusstsein streift.

„Wo bist du?“, frage ich Jana.

„Im Kent’Annos, in meinem Zimmer in dem Resort. War früher mal ein Kloster, durch die dicken Mauern geht das WLAN leider schlecht.“

„Setz dich näher zum Router.“ Sie soll ja nicht glauben, dass ich mich bei solchen Sachen nicht auskenne.

„Na ja. Besser nicht.“

„Was ist?“ Vesna schiebt ihren Kopf ganz nahe an den Bildschirm, als könnte sie Jana dann besser sehen. „Alles in Ordnung mit Lilli?“

„Alles bestens mit ihr, sie ist schon ziemlich gut zu Fuß, man muss verdammt aufpassen, dass sie nicht davonläuft. Es geht uns super hier, aber …“

„Was, aber?“

„Tzia Grazia ist gestorben.“

„Und wer ist das?“ Vesna und ich fragen es gleichzeitig.

„Die Großmutter von Sandro, der hier sozusagen die Geschäfte führt.“

Lilli greift wieder nach dem Bildschirm. Verschwommene energische Patschhand.

„Ist sie nicht süß?“, seufzt Vesna, „sie will mich berühren!“

„Tzia heißt Tante“, versuche ich wieder zum Thema zurückzuführen. „Hat sie auch hier gewohnt?“

„Sie sagen zu vielen älteren Frauen tzia, selbst wenn sie nicht mit ihnen verwandt sind. Tzia Grazia hat in Birgu gelebt, dem Dorf in der Barbagia, aus dem auch Sandro kommt. Mitten in den Bergen. Es könnte sein, dass es kein natürlicher Tod war.“

Vesnas Gesicht strafft sich. So etwas gibt’s auch im echten Leben. Vor allem, wenn meine Freundin von der Oma zur Ermittlerin metamorphosiert. „Das sagt dieser Sandro? Warum? Was ist Todesursache?“

„Nein, Sandro behauptet, es war Herz-Kreislauf-Versagen. Das Übliche eben, wenn jemand stirbt und der Arzt schnell einen Totenschein ausstellt. Stimmt ja auch immer, in gewisser Weise.“

„Und warum glaubst du das nicht?“, mische ich mich ein.

„Nonna Laurina hat den Verdacht, dass da etwas nicht passt. Auch wenn es so aussehen sollte, als wäre sie friedlich hinübergeschlummert.“

„Und was? Lasse es dir nicht aus der Nase ziehen, Tochter. Wer weiß, wie lange das Netz noch funktioniert.“

Ich sehe Jana grinsen. „Sie meint, es gibt gewisse Anzeichen für ein traditionelles sardisches Gift. Ich hab die Tote natürlich nicht selbst gesehen, aber …“

„Wie alt war diese Tzia Grazia?“

„Hundertzwei.“

Unsere Köpfe schieben sich näher zum Laptop. Kann wohl bloß ein Übertragungsfehler sein. „Hundertzwei?“

„Es gibt gar nicht so wenige in den sardischen Bergen, die über hundert werden, ich hab euch doch davon erzählt. ‚Kent’Annos‘ heißt auf Sardisch hundert Jahre, und ‚a kent’ ànnos‘ ist ein gängiger Glückwunsch: auf hundert Jahre.“

Ich räuspere mich. „Ja, klar. Aber: alles okay mit dir? Gibt es etwas …“

Sie fällt mir ins Wort. „Alles okay. Mit mir. Mit Lilli. Nonna Laurina meint …“

„Und wie alt ist diese Nonna Laurina?“, fragt Vesna.

Jana seufzt und versucht ihre Tochter daran zu hindern, auf die Tastatur zu greifen. „Laurina Perra ist hunderteins. Sie ist total hell. Die weiß, was sie sagt.“

„Menschen sind nun einmal sterblich“, sage ich weise, beinahe feierlich.

„Quatsch“, meint Vesna eindeutig in meine Richtung und dann zu Jana: „Wie kommt sie darauf?“

„Sie war ihre beste Freundin. Und sie sagt, das Gesicht von Tzia Grazia war im Tod zu einem schaurigen Grinsen verzogen. Herba Sardonia. Schon mal was vom sardonischen Lächeln gehört? Hat damit zu tun.“

Vesna räuspert sich. „Es kann nicht sein, dass sie einfach sehr alt war und gestorben ist und sie hat gelächelt und mit den ganzen Falten hat es etwas verzerrt ausgesehen?“

„Kommt her, dann könnt ihr es selbst herausfinden.“

„Wo ist eigentlich Benjamin?“, frage ich. „Was sagt er dazu?“

„Vortragsreise in den USA, er holt jetzt eine Menge abgesagter Termine nach.“

Vesna verdreht die Augen. Sie ist nicht gut zu sprechen auf den Vater ihrer Enkeltochter. Sie hält den nicht eben öffentlichkeitsscheuen Philosophen Benjamin Koren für einen Schaumschläger. Es gab freilich eine Zeit, als Jana das ähnlich gesehen hat. Doch dann kam die große Aussprache, Benjamin hat sich eindrucksvoll um sie bemüht und sie sind gemeinsam mit Lilli nach Sardinien. Um auszuprobieren, ob sie als Familie leben können. Er hatte vor, in Ruhe an seinem nächsten Buch zu schreiben, und sie …

„Kann es sein, dass dir die Decke auf den Kopf fällt? So schön es in Sardinien ist, du bist keine Hausfrau, die mit Kleinkind auf die Rückkehr ihres Mannes und Helden wartet. Im März in einem Resort im Niemandsland, nicht einmal das Meer ist in der Nähe … Du hast doch erzählt, dieses Kent’Annos ist irgendwo im Landesinneren?“, frage ich.

„Mir ist nicht langweilig. Und ich denke mir nichts aus. Nur damit ihr es wisst: Ich kann wunderbar von hier aus arbeiten. Online. Unsere Welt ist vernetzt und so arbeitet auch CHANCE weltweit gegen die Weltklimakrise. Für unsere Organisation kooperieren Menschen aus mehr als hundert Ländern. So funktioniert das heute!“

„Während wir Fossile sind“, füge ich trocken an. „Apropos: die helle Nonna Laurina: Lebt sie im Kent’Annos? Ist das eher ein Altersheim als ein Resort für die Schönen und Reichen?“

„Momentan ist es nichts von beidem, sondern vor allem leer. Die wenigsten wollen offenbar im März Urlaub machen, das Kent’Annos ist ja auch bloß so etwas wie die Startbasis für das eigentliche Resort in den Bergen. So etwas dauert. Nonna Laurinas Enkeltochter Elena ist hier. Sie sagt nicht viel, aber sie macht sich offenbar Sorgen. Ihre Oma lebt in der Nähe von Birgu, in Perdasdefogu. Von dort stammt übrigens die langlebigste Familie überhaupt, sie war gleich mehrmals im Buch der Rekorde. Die neun Geschwister Melis waren gemeinsam 837 Jahre alt. Adolfo ist achtundneunzig und arbeitet noch immer in seiner Bar.“

„Und man hat sie alle ermorden müssen, damit sie gestorben sind?“ Es sollte ein Scherz sein, er ist mir nicht ganz geglückt.

Das Bild verschwimmt.

„Mach was“, befiehlt mir Vesna. „Außer dumm reden.“

„Ich habe nichts gemacht.“

„Eben.“

„Hallo? Jetzt sehe ich euch nicht mehr.“

„Wir hören dich, Jana, das Bild ist weg.“

„Ich höre euch auch. Jedenfalls: Elena ist keine vierzig, sie spricht fließend Deutsch, Italienisch, Englisch, sogar Sardisch, und sie glaubt ihrer Oma.“

„Und das Mordmotiv?“, will ich wissen.

„Kommt her und findet es heraus. Es ist wunderschön hier. Alles ist grün, alles blüht. Wenn die Sonne scheint, essen wir im Freien. Mam, du willst doch sehen, was Lilli schon alles kann?“

„Du hast Sehnsucht nach mir oder nach Babysitter?“

„Quatsch. Das ist doch das Beste, hier hab ich Zeit für Lilli, das wirklich gute Leben, das …“

Und dann ist auch der Ton weg.

Wir sitzen am großen Esstisch, vor uns noch immer mein Laptop mit dem Standbild der Videoplattform. Ein Piktogramm glücklich kommunizierender Menschen. Alles ganz einfach, über tausende Kilometer, jenseits von Viren – außer sie sind im Computer. Während Vesna über Jana und ihre wenig gelungenen Beziehungen zu Männern monologisiert – es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die meisten Mütter gleichen –, suche ich nach Herba Sardonia und komme auf diverse Produkte aus einer Online-Apotheke: irgendwelche Blattextrakte, getrocknete Pilze „ohne Opium“, Angelikawurzeln, „herbal drugs“, lese ich, nur dass das auf Englisch Drogen ebenso bedeutet wie Medizin. Oh, ich habe „sardoria“ geschrieben. Ich tippe „sardonisches Lächeln“:

Das „Sardonische Lachen“ ist grimmig und schmerzvoll – ein trotziges Lachen im Angesicht des Todes. Die Römer beschrieben es als „Risus sardonicus“. Die Legende besagt, dass es seinen Ursprung in Sardinien hat, wo Sterbenden giftige Kräuter verabreicht wurden, um sie lächelnd ins Jenseits zu bringen. Wie antike Geschichtsschreiber berichten, wurden schwache, ältere Leute, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten, mit dieser Pflanze vergiftet und anschließend von einem hohen Felsen gestoßen oder zu Tode geprügelt. Geprägt wurde das „bittere Lachen“ aber bereits von den Griechen im 8. Jahrhundert v. Chr. In Homers „Odyssee“ lacht Odysseus sardonisch in sich hinein, als er – als Bettler verkleidet – seine Frau mit einem anderen vorfindet. Das soll mit dem in Sardinien heimischen Herba Sardonia zusammenhängen, von dem auch Vergil berichtet. Tatsächlich gibt es neben Strychnin und Wundstarrkrampf Pflanzengifte, die heftige Muskelkontraktionen auslösen und ein solch grimassenhaftes Lachen bewirken können. Während Forscher zuerst davon ausgingen, dass dabei vom Röhrigen Wasserfenchel die Rede war, gehen neuere Studien davon aus, dass es sich dabei um die Safranrebendolde (Oenanthe crocata) handeln muss.

Im Gegensatz zu anderen Pflanzengiften rufen die krampferzeugenden Polyacetylene aus der Safranrebendolde und verwandten Pflanzen keine unangenehmen Geschmacksempfindungen hervor, und die Wurzeln von O. crocata, einer äußerst giftigen Pflanze, haben einen paradoxen süßen und angenehmen Geschmack und Geruch. Beide Pflanzen gehören zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae). Zu ihnen gehören viele Gewürz- und Nahrungspflanzen, wie Koriander, Kümmel, Fenchel und Karotte, aber auch einige sehr giftige Pflanzenarten wie Arten des Schierlings.

„Herba Sardonia ist mit dem Schierling verwandt“, sage ich zu Vesna und erzähle ihr, was ich sonst noch so gelesen habe. Trotzdem, unwahrscheinlich: Warum sollte eine Hundertzweijährige vergiftet werden? Angeblich haben sich in den Bergen Sardiniens viele alte Bräuche erhalten, aber die Vergiftung der Alten? Stünde ja auch in krassem Gegensatz zu ihrem Stolz auf die vielen Hundertjährigen.

„Wer weiß, was in diesem SardaVit alles drin ist“, murmelt Vesna.

„Sarda – was?“

„Hast du sicher in Auslagen von Apotheken gesehen. Tom Marek, der Schauspieler, wirbt dafür. Das Resort, in dem Jana ist, gehört dem gleichen Unternehmer, der SardaVit erzeugt.“

„Dieses Mittel, durch das wir angeblich länger leben?“

Vesna lacht. „Genau das. Marek ist Mitte sechzig, seine neue Freundin ist einunddreißig, habe ich gelesen. Er will jetzt in Sardinien von den Hundertjährigen lernen und uralt werden. Ich glaube, er hat nicht mehr viele Rollenangebote, seit sie die Serie eingestellt haben. Wenn du vierzehn Staffeln lang Chefinspektor Franz in ‚Grenzpolizei‘ warst, dann sehen dich alle so.“

„Klingt nach Klatsch aus Herz-Schmerz-Blättern. Seit wann liest du so etwas?“

„Du weißt es nicht? Immer schon. Beim Friseur. Eine goldene Zeitung und ein Glas Prosecco. Man gönnt sich ja sonst nichts.“

„Sprudel magst du eigentlich auch nicht.“

„Eben.“

Vesnas Logik. Ich werde ihr auf keinen Fall verraten, dass ich eine Probe von diesem SardaVit-Zeug in meinem Badezimmerschrank habe. Haben sie mir mitgegeben, als ich um Kopfwehtabletten und meine Blutdrucksenker war. Man wird schließlich nicht jünger, hat mein Internist nach der letzten Vorsorgeuntersuchung gemeint. Und es sei ja ohnehin nur ein ganz leichtes Mittel, quasi „zur Unterstützung und Vorbeugung“, damit der Blutdruck nicht weiter steigt. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Vor allem dadurch, dass ich die Umstände ignoriere und die halbe Tablette schlucke. Ich wusste nicht, dass SardaVit mit Jana und diesem Resort in Sardinien zu tun hat.

„Wie hängen eigentlich Benjamin und das Kent’Annos zusammen?“, frage ich meine Freundin.

„Ich habe es dir erzählt.“

„Du hast dich vor allem darüber beschwert, dass Lilli in Sardinien ist.“

„Ich habe nicht beschwert, ich habe mir nur Gedanken gemacht, ob das gut ist für ein so kleines Kind.“

„Wo die Leute dort doch so alt werden?“

„Noch ist sie das lange nicht. Abgesehen davon man kann auch sagen: Dort werden sogar Uralte ermordet.“

„Du glaubst das mit Tzia Grazia?“

„Ich glaube, es war ein Hilferuf meiner Tochter. Sie will nicht zugeben, dass sie dort unglücklich ist. Sie ist so etwas von stur.“

„Von wem sie das wohl hat?“

„Da spricht die Richtige. Jedenfalls, alles weiß ich auch nicht, aber die Sache ist so: Dieser Benjamin …“

„Also dein Schwiegersohn, der Vater deines geliebten Enkelkindes.“

„Darüber wir reden später, verheiratet sie sind zum Glück nicht.“

„Dabei wolltest du, als Jana schwanger war, unbedingt wissen, wer der Vater ist.“

„Natürlich. Man muss auch wenig schöne Wahrheiten kennen. Aber dann ist der große Philosoph ja ganz persönlich erschienen. Wie sagt man? Vom Regen zur Taufe.“

„Vom Regen in die Traufe.“

„Was? Traufe?“

„Der Dachabschluss. Zuerst regnet es, dann kommt das Wasser im Schwall vom Dach runter.“

„Aber es gibt Dachrinne.“

„Das Sprichwort ist vielleicht älter als Dachrinnen.“

„Es ist Quatsch.“

„Vom Regen zur Taufe ist viel besser, was?“

Vesna nickt. „Zuerst tropft der Regen und damit wird dann das Kind getauft.“

„Und was ist daran schlechter als der Regen?“

„Hängt von der Religion ab, und dem Zugang.“

„Du hast wirklich geglaubt, das heißt so? Vom Regen zur Taufe?“ Ich kann mir ein wenig sardonisches, dafür ausgesprochen amüsiertes Lächeln nicht verkneifen.

„Nein. Du musst nicht mit Sprache angeben, nur weil du ewig nichts anderes tust als schreiben.“

„Du bist ja auch stolz darauf, dass du sauber machst – in echt und im übertragenen Sinn, wenn’s um schmutzige Geheimnisse geht.“

„Ich habe letzte Woche fünfzigste Mitarbeiterin eingestellt. ‚Sauber – Reinigungsarbeiten aller Art‘ ist für den Preis zum Aufsteiger-Unternehmen nominiert. Und genau da geht Jana mit diesem eitlen Philosophen und Lilli …“

„Du hast wohl nicht geglaubt, sie übernimmt den Laden?“

„Sie ist gut, kannst du dich noch erinnern, sie und ihr Zwillingsbruder Fran haben sogar geputzt, während sie studiert haben. Sie kennen von der Pike auf …“

„Jana ist im Leitungsgremium von CHANCE, einer der weltweit größten Non-Profit-Organisationen im Kampf gegen die Klimakrise.“

„Non-Profit? Was sagt dir das? Man verdient damit kein Geld. Edles Ziel ist schön und gut, aber Lilli muss leben und …“

„Verhungert sieht sie nicht aus.“

„Du wolltest über SardaVit und Kent’Annos hören oder mit mir streiten?“

„Wer streitet?“

„Du spaltest Haare. Und sage mir nicht, dass das auch nicht richtig ist. Du wolltest über Sardinien-Connections wissen? Dann hör zu. Und nimm diesen Philosophen nicht in Schutz, das hat alles auch mit ihm zu tun.“

Ich gehe in die Küche und hole uns zwei Gläser Weinviertler Veltliner. Vesna nickt, nimmt einen Schluck und sieht mich konzentriert an. „Also: Das Kent’Annos gehört einem deutschen Unternehmer. Er heißt Claus Hartmann, mit C, und auch wenn du wieder protestierst, ich finde, das passt irgendwie zu diesem Benjamin.“

„Was bitte hat das damit zu tun?“

„Eitelkeit. Jedenfalls: Unser Philosoph kennt Hartmann, seit er diese Vorträge vor der Autolobby gehalten hat, vielleicht du kannst dich erinnern, dass Jana da sehr sauer war, zwecks Klimaschutz. Damals haben wir noch nicht gewusst, dass er der Vater von Lilli ist. Hartmann kommt aus der Autobranche. Soviel ich gesehen habe, er hat viel Geld in den Sand gesetzt, jetzt probiert er etwas Neues in Österreich und Sardinien. Wahrscheinlich denkt er, dass in einem kleinen Land oder einer Insel am Rand von Europa mehr geht. Er erzeugt außerhalb von Wien seine SardaVit-Dinger: sollen aus der Natur Sardiniens sein, wo die Menschen so alt werden. Und sollen uns alle gesund alt oder sogar jünger machen. Die große Rundum-Glückspackung kostet in seinem Internet-Shop im Sonderangebot über tausend Euro. Als Nächstes will er Globuli anbieten: SardaVit-Perlen. Geht ja alles, mit der Gutgläubigkeit der Leute. Hofft er zumindest.“

„Hat Jana dir das erzählt?“

Vesna schüttelt den Kopf und nimmt einen Schluck. „Mit dir ich werde noch Säuferin.“

„Es ist schon nach Sonnenuntergang.“

„Und? Du meinst, dann macht Alkohol weniger betrunken?“

„Du liest die falschen Bücher. Ich lese gerade einen französischen Krimi, in dem ein Kommissar mit seiner Freundin am Abend mindestens drei Flaschen Wein und zwei große Whisky trinkt. Von dem, was sie essen, gar nicht zu reden. Opulent.“

„Man hat schon lange die kaputten Typen in der Kriminalliteratur.“

„Das ist keiner davon. Alles sehr normal, sehr kulinarisch, gefällt mir.“

„Normal für dich vielleicht. Aber du lenkst ab. Also: Leider ich weiß noch nicht, wie dieser Hartmann den Tom Marek kennengelernt hat, aber: Der Schauspieler ist ganz begeistert von SardaVit und sagt, nur deswegen er macht dafür Werbung. Weil es wirklich wirkt. Und weil er erkannt hat, dass es im Leben um anderes geht: nicht Filme drehen und Society, nicht dauernd Erfolg und Stress, sondern um das echte Leben, und das hat er in den Bergen von Sardinien gefunden. Wo die Menschen so alt werden und gesund sind und zufrieden. Wo die Luft gut ist und alle noch ehrlich sind und genügsam, wahre Werte und all das. Er hat geschwärmt von einem Zentrum für das gute Leben, wo man abschalten und sich neu finden kann. Er war erst vor kurzem in ‚Talk mit mir‘ und hat erzählt.“

„Das Kent’Annos ist doch gar nicht in den Bergen, oder? Und selbst Jana hat durchklingen lassen, dass es keine Gäste dorthin verschlägt.“

„Das richtige soll erst gebaut werden, das jetzige ist nur so etwas wie Basislager oder so. Ein Test.“

„Der offenbar nicht positiv ausfällt.“

„Wir müssen klären, was in SardaVit drin ist. Ob es mit diesem alten Gift zu tun hat.“

„Unsinn, warum sollten sie ihre Kundinnen vergiften?“

„Ist alles eine Frage der Dosis, meine liebe Mira.“

„Du steigerst dich da ziemlich hinein. Du willst wirklich hinfahren?“

„Ich habe mich erkundigt, immerhin geht es ja auch um Lilli und Jana, die sich wieder einmal was weiß ich einredet. Ich werde noch mehr herausfinden.“

„Eine Hunderteinjährige behauptet, dass eine Hundertzweijährige ermordet wurde. Du liebe Güte!“

„Man kann nachsehen.“

„Du willst nur nachsehen, wie es Jana und Lilli geht.“

„Es gibt dir nicht zu denken, dass der große Benjamin Koren nicht dort ist, obwohl er alles eingefädelt hat?“

„Jetzt sag nur noch, du glaubst, er hat Tzia Grazia ermordet.“

„Habe ich nicht behauptet. Aber ein Zusammenhang mit dieser Firma SardaVita ist auf der Hand. Die arbeiten mit Kräutern. Und man hat die Tzia Grazia mit einem Kraut ermordet.“

„Das sind wilde Spekulationen.“

„So nähert man sich der Wahrheit. Außerdem: Benjamin hat Familie in Sardinien.“

„Einen alten Onkel, der vor ein paar Monaten gestorben ist. Die anderen sind vor Jahrzehnten ausgewandert, wie viele damals in Sardinien.“

„Ich sage ja nicht, dass er damit zu tun hat. Direkt. Du kannst dich erinnern, wie schön Sardinien war?“

Ich sehe meine Freundin an und lächle. „Zuerst weniger. Wir sind vom Flughafen in Cagliari abgeholt worden und wussten nicht, ob man uns entführen will.“

„Aber dann: das Haus auf dem Hügel in Torre delle Stelle, mit dem Blick über das Meer. Lella Giampiero: Sie ist übrigens für ein Jahr nach Barcelona gegangen.“

„Woher weißt du das?“

„Ich dachte mir, wenn sie in der Nähe ist, Jana kann sie einmal besuchen. Oder umgekehrt. Ich finde, sie ist eine sehr sympathische Uni-Professorin. Sozialgeschichte ist sehr interessant. Und: Du kannst dich erinnern, wie gut sie gekocht hat?“

Ich lache. „Kann ich. Sollte ich Benjamin wieder einmal sehen, werde ich ihm einen Tipp geben: Er soll für dich kochen.“

„Unsinn, ich sehe nur Tatsachen. Du bist es, die sich gerne einkochen lasst.“

„Ich kann nicht nach Sardinien. Ich hab zu viel zu tun. Und Oskar noch mehr.“

„Er bleibt eben hier. Aber du? Mache mir nichts vor, du hast Zeit genug. Man muss Geschäftemachern und Blendern auf die Finger sehen, du bist Journalistin. Du schreibst eine große Story für ECCO, und wenn es sich herausstellt, dass eine hundertzweijährige tzia ermordet worden ist: Dann ist es überhaupt der Knaller.“

Ich stehe auf und öffne die Terrassentür. Eiskalter Nordwestwind, im März keine Seltenheit in Wien. Vom Frühling ist hier noch wenig zu merken. Unser Kater Vui hebt irritiert seinen dicken Kopf und sieht missmutig aus seinem Lieblingskorb mit den alten Zeitungen. Wahrscheinlich zieht’s ihm. – Wenn die Sonne scheint, essen sie im Freien, hat Jana gesagt. Realistisch betrachtet, habe ich im Moment nichts zu tun. Gar nichts. Ein ungutes Gefühl. Oft habe ich mir diesen Zustand herbeigewünscht und jetzt … Rosa Prager ist gestorben, ganz plötzlich und unspektakulär. Ich sollte die Biografie der außergewöhnlichen Schauspielerin schreiben. Das ist Geschichte. Auch wenn ich das Manuskript und das Recht, alles zu veröffentlichen, geerbt habe. Mit der trockenen Notiz: „Mach was daraus, oder auch nicht. Wenn ich tot bin, ist es mir egal.“

„Vielleicht ist dieses Kent’Annos doch guter Platz, ich frage herum und du schreibst an Biografie.“

Ich drehe mich zu Vesna um. Manchmal kann sie Gedanken lesen. Oder zumindest beinahe. „Vergiss es, die Biografie ist abgesagt. Niemand wird sie kaufen, wenn die Hauptperson tot ist.“

„Was ist mit Napoleon? Oder mit Marilyn Monroe?“

„Rosa Prager war interessant, weil sie so lebendig war. Eine Fünfundneunzigjährige, die hinreißend und pointiert erzählen konnte. Und die noch immer eine großartige Schauspielerin war. Man wollte wissen, wie sie das macht. Es war ein Zeichen der Hoffnung, dass es diese sprühenden Frauen gibt, die fast alterslos sind. Aber jetzt ist sie tot.“

„Dir fallt auf, wir reden sehr viel über sehr alte Frauen? Hast du Krise, weil du sechzig wirst?“

„Ich hab nicht damit angefangen. Und ich habe keine Krise. Mir geht’s gut.“

„Und du hast Zeit und wir fahren nach Sardinien. Auch ans Meer. Ich verspreche es. Wie lange warst du nicht am Meer?“

„Na ja, war alles eher mühsam in letzter Zeit.“

„Diesmal kann Oskar sich nicht einmal Sorgen machen. Wir fahren bloß Jana und Lilli besuchen. Kein gefährlicher Fall. Ich glaube eigentlich auch nicht an Giftmord an tzia. Mehr schon an Geschäftemacherei mit Hundertjährigen. Ich werde auch Benjamin in Ruhe lassen.“

„Der ist ohnehin in den USA.“

„Weißt du, dass dieser Hartmann in Amerika auch eine Firma für SardaVit gegründet hat?“

„Amerika ist groß, du böse Schwiegermutter.“

„Ich bin nicht Schwiegermutter. Du sagst, du hast kein Problem damit, aber wir werden auch älter. Vielleicht ist das Kent’Annos gut dagegen.“

„Ohne Oskar … Er ist es, der dringend Urlaub bräuchte.“

„Dann nehmen wir ihn mit.“

„Der arbeitet mehr als je zuvor. Die einen Firmen gehen ein, die anderen fusionieren, bauen um, bauen aus …“

„Und für alles man braucht einen guten verlässlichen Wirtschaftsanwalt. So er bleibt da und wir fahren dorthin, wo alles noch ist, wie es immer war.“

„Samt Gift für die Alten?“

„Das habe ich nicht gemeint.“

„Dass in Sardinien alles so ist, wie es immer war, glaubst auch nur du. Das wollen Tom Marek und dieser Hartmann den Menschen höchstens einreden.“

„Na eben. Dann musst du ihnen auf die Finger sehen. Wo ist dein journalistischer Ehrgeiz? Oder wirst du wirklich alt?“

Etwas später stehe ich im Badezimmer und versuche zu entziffern, was auf der Probepackung von SardaVita steht. Ich war immer schon ein wenig kurzsichtig, aber wer muss schon alles ganz scharf sehen? Ich brauche keine Brille. Beim Autofahren hilft das Navi beim Erkennen zu klein geratener Wegweiser, Lesen ist für mich an sich kein Problem. Nur dieses Kleingedruckte. Und das schlechte Licht. Wir brauchen mehr Licht im Badezimmer. Darum sollte ich mich kümmern.

Vui streicht um meine Beine. Wenn er sich schon erhoben hat, weil er geglaubt hat, ich füttere ihn, dann kann ich seinen Irrtum nun wirklich berichtigen. Indem ich ihn eben füttere.

Ich halte die Packung unter das Licht am Spiegel und kneife die Augen zusammen. SardaVit forte – mit der Kraft Sardiniens. Das Öl der Wilden Pistazie (Pistacia lentiscus), die Beeren der sardischen Myrte (Myrtus communis) und der hohe Spermidin-Gehalt der Bergkichererbse verjüngen Ihre Zellen (durch Studien bewiesen – QR-Code scannen!). Ihre antiviralen, antibakteriellen und entzündungshemmenden Eigenschaften halten gesund und beugen vor.

Probieren Sie auch: SardaVit immun, „stark wie eine Eiche“ mit Quercetin zur Förderung der Gefäßgesundheit und des Immunsystems. Coming soon: unsere SardaVit-Perlenreihe. Globuli aus der Natur Sardiniens mit potenzierter Heilinformation.

Schaden kann es ja nicht. Wahrscheinlich sollte ich die Kapsel mit etwas Mirto nehmen. Myrte mal zwei. Den bittersüßen Likör hab ich in Sardinien lieben gelernt. Wie werde ich mich verjüngen! Ein Blick in den Spiegel. Das Licht ist viel zu hell. Kein Wunder, dass ich aussehe, als hätte ich jede Menge Falten. Und Tränensäcke. Und so bleich bin ich auch nicht. In echt.

„Talk mit mir“: diese Talkshow, in der Tom Marek aufgetreten ist. Ich kann sie in der Mediathek abrufen. Oskar kommt heute spät. Jede Menge Zeit. Aber für so etwas muss es nicht der Fernseher sein, der Laptop tut es auch. Erzeugt außerdem eher das Gefühl von Arbeit: Ich ziehe mir keine Talkshow rein. Ich recherchiere. Vielleicht sieht man ein paar Bilder aus dem Kent’Annos. Auf den Fotos, die mir Vesna in den letzten Wochen gezeigt hat, war vor allem Lilli drauf. Ich möchte wissen, was dieser Tom Marek über sein neues Leben in Sardinien erzählt. Ich habe die Serie, mit der er zum Publikumsliebling geworden ist, nicht häufig gesehen. Aber ich habe die Figur des Chefinspektors Franz recht sympathisch gefunden. Er war unaufgeregt, auf eine nachlässige Art attraktiv und manchmal überraschend flink.

Ich sollte seine Rolle nicht mit dem Menschen Tom Marek verwechseln. Es ist noch nicht lange her, dass er gemeinsam mit anderen in einem TV-Kabarett aufgetreten ist. Seit der Pandemie sind Kabarettsendungen zumindest endemisch geworden. Wahrscheinlich, weil es so wenig zu lachen gab. Er war leider gar nicht gut. Aber Schauspieler sind eben nicht automatisch begabte Kabarettisten. Gilt auch umgekehrt. Dabei soll Marek als Comedian begonnen haben. Ich kann mich nur daran erinnern, dass er vor Jahrzehnten Stimmenimitator beim Radio war. Ich navigiere durch die Mediathek. Apropos Kabarettisten: Auch „Talk mit mir“ wird von einem moderiert: platt, platter, Platterer. So heißt er. Und das Wortspiel stammt nicht von mir, sondern von einer Kritikerin, der er daraufhin Humorlosigkeit und Männerhass vorgeworfen hat. Aber ich sehe mir das Programm nicht zum Spaß an. Sondern um mehr über Marek herauszufinden.

Zuerst einmal stelle ich allerdings fest, dass Platterer als Moderator tatsächlich gelinde gesagt platt ist. Er redet mit der Soubrette, die man seit Jahrzehnten an ihrer Hochsteckfrisur erkennt. Danach mit einer jungen Frau, die mit ihren zwei Riesenpudeln bei einer US-Fernseh-Talenteshow den zweiten Platz belegt hat. Zum Schluss kommt Marek an die Reihe. Leider ohne Filmbeitrag aus Sardinien, sie zeigen nur ein paar Fotos, die ihn glücklich und tatsächlich nahezu verjüngt auf einem Felsen mit dem Meer im Hintergrund, bei der Ernte von roten Beeren und gemeinsam mit traditionell gekleideten Sarden bei einem Reihentanz zeigen. Der eine sei schon beinahe hundert, erzählt Tom Marek. Ein Tänzer, der ihn trotzdem locker in die Tasche stecke. „Hier habe ich meine Kraftquelle gefunden“, sagt Marek und strahlt. „Jedem tut es gut, sein Leben zu überdenken, sich eine Auszeit zu nehmen. Angesichts der schroffen Felsen, der kargen Bergwiesen der Ogliastra, der Weisheit der Hundertjährigen, dem weiten Blick bis hin zum Meer – da werde ich klein und groß zugleich. Es geht um die Dimension, um die richtige …“ Für einen Moment wirkt er, als hätte er seinen Text vergessen.

„Klingt richtig gut, und deine Freundin, für die brauchst du wohl auch Kraft, du weißt schon, sie ist ja doch um einiges jünger … oder?“ Als Kabarettist war mir Platterer allemal lieber.

Marek lacht. „Ach, dafür braucht es keine Chemie. Sondern das, was die Erde uns schenkt. Und gesundes Leben im Einklang mit den Jahreszeiten und dem, was sie zu bieten haben. Keine Hektik, das ist das Wichtigste. Eine Abkehr vom … toxischen Stress, wie ich ihn über Jahre und Jahrzehnte praktiziert habe. Weil ich geglaubt habe, es geht nicht anders. Sieh dir die jahrtausendealten Felsen an, die Gesichter der zufriedenen alten Frauen und Männer, Landkarten des Lebens, Bescheidenheit, endlich gute Luft, Durchatmen, Erlösung …“ Wieder scheint er kurz den Faden zu verlieren. „Und das Schönste, das alles findet sich auch in unseren Produkten von SardaVita, das Echte …“

„Wenn da einer nicht ins Schwärmen gerät. Aber du weißt, keine Werbung! Verrate uns: Was ist deine nächste Rolle? Und: Wirst du heiraten? Ich habe gehört, es …“

Ich klicke auf das x rechts oben am Laptop und fühle mich tatsächlich erlöst. Dafür muss ich nicht in die sardischen Berge.

[2.]

Es war kein Problem, Sam von einer Reportage über SardaVita zu überzeugen. Die Chefredakteurin von ECCO ist in den letzten Jahren zu einer guten Freundin geworden. Sie ist tough, witzig und weigert sich, vor der traditionellen Freunderlwirtschaft, dieser typisch österreichischen Mischung von Politik, Journalismus und Provinzpromis, in die Knie zu gehen. Wenn ich für ECCO schreibe, habe ich mehr Freiraum als bei den meisten Medien. An deren Abhängigkeit von Inseraten und ihren potenten Geldgebern hat sich auch nach dem Skandal um einen Kurzzeit-Kanzler wenig geändert. Schon klar, ECCO existiert nur online – aber wer sagt, dass das nicht die Zukunft ist? Was Qualität angeht, so lässt sich die wohl nicht daran messen, ob Texte gedruckt oder digital dargestellt werden.

Natürlich hat auch Sam ihre eigenen Ansichten. Die über Homöopathie sind sehr dezidiert. „Warum sollte man an Zuckerkügelchen glauben, in denen pro Kilo ein Molekül irgendeiner Substanz ist?“ Unter „Information“ verstehe sie jedenfalls etwas anderes, als dass so ein Teilchen uns flüstert, wir sollen doch keinen Husten oder keinen Krebs mehr haben. Beinahe habe ich mich dafür geniert, dass ich dieses SardaVit noch immer in meinem Schrank habe. Aber dabei handelt es sich ja ohnehin um eine Kapsel. Aus der Natur Sardiniens. Oder so. Und ich habe sie nicht gekauft, sondern geschenkt bekommen. Nahrungsergänzungsmittel helfen schon, hat Sam gesagt, und ich habe sie verwundert angesehen. „Denen, die sie erzeugen. Beim Geldverdienen. Halbwegs gesunde Menschen brauchen so etwas nicht.“ Und wie ist das mit dem Älterwerden? Ich wollte es fragen, habe es aber dann doch nicht getan. Uncool. Sam ist in den Dreißigern. Älter zu werden ist ja tatsächlich keine Krankheit. Auch wenn es letztlich mit dem Tod endet. Neuigkeit. Noch ist es nicht so weit. Ich werde tun, was ich kann: recherchieren.

Ich fahre von der Autobahn ab. Sanfte Hügel mit jungem Grün, vielleicht wird es doch bald Frühling. Windräder, nach der Hügelkuppe eine Ansammlung von flachen Industriegebäuden, Hallen, aus Beton, aus Stahl und Glas, gar nicht so wenige in kräftigen Farben. Einer der ECO-Parks, die im Umland von Wien neue Unternehmen durch gute Infrastruktur und günstigere Grundstückspreise anziehen. Man sieht: Sie wollen sich voneinander unterscheiden, jeder Architekt hat zu beweisen, dass sein Auftraggeber besser, kreativer, erfolgreicher ist. Und trotzdem: Wie finde ich in der Menge des Unterscheidbaren ausgerechnet SardaVita? Ich hätte mich um die genaue Adresse kümmern sollen, nicht bloß um die Lage des ECO-Parks.

Etwas verloren kurve ich an einem Installateur-Betrieb mit überdimensionalen Alurohren als Fassadenschmuck vorbei, einem Fenstererzeuger mit einem Turm aus Glas, großen flachen Hallen in Rosa. Dann, nach einer Kurve, ein deutlich größeres mehrstöckiges Gebäude aus Stahl, Glas, farbigen Zwischenelementen. Sieht aus wie die Zentrale einer Bank oder einer Versicherung. „POINT ONE“ steht auf dem Wegweiser. Genug Raum für ein paar hundert Büros. Ich lenke meinen e-Soul Richtung Parkplatz. Ich werde googeln, was das ist. Und vor allem die genaue Adresse von SardaVita heraussuchen. Sonst schaffe ich es nicht mehr zu meinem Termin mit Hartmann. Ich hasse es, zu spät zu kommen.

Neben mir parkt ein Jaguar ein. Elektrisch wie mein Wagen, aber eine andere Preisklasse. Und der Beweis, dass die E-Mobilität auch bei den eingefleischten SUV-Fahrern angekommen ist. Als jemand an meine Scheibe klopft, fahre ich von meinem Smartphone auf. Ein Typ mit viel Bart im Gesicht. Ist das noch immer modern? Ich bin berühmt für mein mieses Personengedächtnis, aber den Bärtigen kenne ich wirklich nicht. Oder hat er sich die Gesichtsbehaarung erst vor kurzem zugelegt? Ich will das Fenster öffnen. Geht natürlich nicht, weil ich den Motor abgestellt habe. Peinlich. Ich bin kurz irritiert und mache die Tür auf.

„Kann ich helfen?“, fragt er und lächelt freundlich. „So von E-Fahrer zu E-Fahrerin. Auch wenn es bei uns gar nicht mehr wenige davon gibt. Suchen Sie was im ECO-Park? Geht vielen so. Oder arbeiten Sie jetzt im Point?“

Ich lächle zurück. Auch SUV-Fahrer können nette Menschen sein. „Was ist das hier? Dieses … dieser Point?“

„Start-up-Center. Unterschiedlichste Branchen unter einem Dach. Bis sie mehr Platz brauchen und sich mehr leisten können. Supersache. Vorzeigeprojekt der Landesregierung. Und gut gefördert. Kann ich empfehlen.“

„Sie arbeiten hier?“

„Ich bin so was wie der Hausmeister.“

„Mit Elektro-Jaguar. Die müssen gut zahlen. Ich überlege mir das.“

„Na ja, man könnte auch sagen, ich führe hier die Geschäfte. Aber Hausmeister trifft’s besser. Im Alltag.“

„SardaVita, wo finde ich das? Auch hier im Haus?“

„Sie haben tatsächlich ein kleines Büro bei uns. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil hier die Infrastruktur und die Breitbandverbindung weniger kosten. Deutscher Sparmeister. Oder er will sich doppelt absichern. Datenmäßig.“

„Nur ein kleines Büro? Ich dachte, sie produzieren hier?“

Der bärtige Beinahe-Hausmeister lacht. „Jetzt haben Sie sich gefragt, ob Sie auf eine große Story gestoßen sind. Der neue Shootingstar der Anti-Aging-Mittel lässt das Zeug fix fertig aus China heranschaffen … da reicht ein Mini-Büro.“

„Woher wissen Sie …“

„Ganz unbekannt sind Sie nicht, liebe Mira Valensky. Und außerdem haben wir uns vor einigen Monaten bei einer Weinverkostung Ihrer Freundin Eva gesehen. Mein Bart ist erst später gewachsen.“

„Zur Tarnung.“

„So schlecht hab ich mich damals gar nicht benommen. Und: SardaVita produziert tatsächlich im ECO-Park. Hartmann hat alle Hallen geleast, die nach dem Konkurs des Bonbon-Kaisers frei geworden sind. Und er hat eine Option auf einige Gewerbegründe rundum genommen. Aber das ist bloß eine Info im Vertrauen. Unter Freunden der Weine von Eva Berthold. Und damit Sie nicht glauben, dass SardaVita grundsätzlich Fake ist.“

„Grundsätzlich?“

„Na ja, ob man an so etwas glaubt oder nicht, ist wohl Geschmackssache.“

„Oder eine Frage des Alters?“, kontere ich und ärgere mich sofort darüber.

Er lächelt mich an. „Dann sind Sie sicher skeptisch. Gute Recherche wünsche ich. Und wenn Sie was brauchen …“ Sein Telefon läutet, er hält mir eine Visitenkarte hin, winkt und dreht ab.

Kompliziertes Kompliment, wenn es denn eines war. Aber nett.

Von außen wirkt die Produktionsstätte von SardaVita eher wie der Sitz einer Kugellagerfabrik. Alles grau in grau, Hallen aus Beton und Wellblech. Die Kaiser-Bonbons vom Bonbon-Kaiser waren knallbunt. Und sehr süß. Nicht mein Ding. Ich suche nach dem Eingang. Zwischen den Hallen ein zweistöckiges Gebäude mit einem Parkplatz davor. Bis auf zwei Autos ist er leer. Immerhin gibt es an dieser Fassade etwas Signifikantes: eine der typisch sardischen Wandmalereien, der „Murales“: die alte Flagge Sardiniens mit dem roten Kreuz und den vier Mauren samt ihren Stirnbändern, dahinter ein schroffer Berg, davor eine Sardin in Festtagstracht, die einem Sarden Brot und Wein reicht. Am Rande ein paar Schafe, über allem in geschwungenen Riesenlettern der Name des Unternehmens: SARDAVITA.

Der Empfangsbereich ist klein, die Portiersloge verweist und vom Vorraum durch eine hohe Glasscheibe abgetrennt. Ich rufe einige Male laut Hallo. Keine Antwort. Gerade als ich nach Hartmanns Telefonnummer suchen will, schnelle Schritte, die Treppe herunter.

„Frau Valensky, schön, Sie zu sehen!“, sagt Hartmann, ohne mir die Hand entgegenzustrecken. Hat sich mit Corona irgendwie aufgehört.

Er geleitet mich in den ersten Stock. Im breiten hellen Gang hängen zahlreiche Fotos. Landschaftsaufnahmen von Sardinien: Felsgipfel im Sonnenuntergang, am Horizont das Meer. Hochland mit Schafen. Steinhäuser und davor eine Katze. Ein lächelndes Frauengesicht, über und über voller Runzeln. Terezia Sanna, 103, lese ich. Zwei alte Sarden neben einem Esel unbekannten Alters. Eine hagere Sardin in der traditionellen schwarzen Kleidung, mit schwarzem Kopftuch, auf einen Stuhl gestützt: Marigiosa, 105.

„Sie ist wirklich hundertfünf?“, frage ich Hartmann.

Er nickt. „Das ist keine Seltenheit in den Bergen Sardiniens. Diese Menschen wissen noch zu leben. Und sie können offenbar gar nicht genug davon bekommen.“ Jetzt erst sehe ich ihn genauer an. Sardische Vorfahren hat er wohl keine. Seine Haare haben dieses Blond, das mit dem Alter übergangslos zu Grauweiß verblasst. Mittelgroß, schlank, bartlos, Anzug mit Hemd ohne Krawatte. Er ist so unauffällig, dass es kein Wunder ist, wenn man sich automatisch den Bildern an der Wand widmet.

„Ich freue mich, dass Sie sich für unsere Schätze der Langlebigkeit interessieren“, sagt er in einem Hochdeutsch, dem ich keinerlei regionale Färbung entnehmen kann. „Wir sind den neuen Medien gegenüber sehr aufgeschlossen, wir orientieren uns an alten Werten und blicken gerade dadurch in die Zukunft. Ich finde Ihren Blog sehr interessant.“

Nur dass ich keinen Blog habe. Ich versuche so nichtssagend zu lächeln, wie er aussieht. „Ich liebe Sardinien.“ Das ist nicht gelogen.

„Es ist eine Schatzkammer, in vielerlei Hinsicht“, setzt Claus Hartmann ein.

Bevor sich unser Duett zu ziehen beginnt, deute ich auf die Fotos mit den alten Menschen. „Wissen sie eigentlich, dass sie hier ausgestellt werden?“

„Wie meinen Sie das? Warum?“

„Nicht jeder möchte zu Werbezwecken verwendet werden.“

„Es sind doch wunderschöne Bilder, nicht wahr? Diese weisen alten Gesichter. Falten sind wie Landkarten des Lebens, hat einmal jemand gesagt.“

„Und sie sind so alt, weil sie Ihre Mittel nehmen?“

Hartmann sieht mich irritiert an. „Wie meinen Sie das? Vielleicht, wer weiß? Aber an sich sind wir es, die von ihnen lernen. Von dem, wie sie leben, was sie essen. Wussten Sie, dass die Wissenschaft inzwischen davon ausgeht, dass die Lebensweise und vor allem die Ernährung deutlich mehr zur Langlebigkeit beitragen als die genetische Disposition?“

„Vereinfacht gesagt, packen Sie also die Ernährung der alten Sarden in Ihre Kapseln.“

„Die wichtigsten, die aktivsten Substanzen. Und nicht nur in Kapseln, sondern auch in Shots, wir haben … verschiedene Formen. Das wünschen sich unsere Kundinnen. Auch dafür ist die begleitende Forschung ganz wichtig. So haben wir beispielsweise in einer Studie erhoben, dass unsere Konsumenten zwei Kapseln pro Tag bevorzugen. Und dass die Darreichung als Shots dem Gefühl entspricht, sich zu boostern, wenn Sie verstehen. Also schnell viel wichtigen Wirkstoff zu bekommen.“

„Wichtiger als das Was ist also das Wie?“

Er sieht mich beinahe weidwund an. Sind seine Augen grau? Oder doch blau? „Zynismus, meine liebe Frau Valensky, bringt uns nirgendwohin. Finden Sie nicht, dass unsere Gesellschaft ohnehin viel zu gespalten ist? Tragen Sie bei zum guten Ganzen. Wir brauchen Versöhnung, Hoffnung, heute mehr denn je.“

„Sie kommen ursprünglich aus der Automobilbranche.“

„Das ist doch das beste Beispiel für das große Umdenken. Heute konzentrieren sich die Weltmarken auf Elektromobilität, die Versöhnung von Technik und Natur. Ich mache es … auf meine Art und Weise.“

Ich nicke. Ich habe keine Lust, mit ihm über die Verflechtungen von Aktienmärkten, Umweltzerstörung, Wahlergebnissen und Profit zu reden. Und bei Licht betrachtet, verstehe ich davon auch nicht besonders viel.

„Hier geht es ums Substanzielle, das ist das Schöne“, fährt er fort. „Um nichts weniger als um Zellgesundheit, um Zellerneuerung. Das ist das große Geheimnis der Hundertjährigen von Sardinien, darüber gibt es inzwischen viele Untersuchungen. Viren und andere Krankheiten können ihnen wenig anhaben, und warum ist das so? Es ist vor allem ihre Ernährung, ihr Lebensstil: Es gibt pflanzliche Substanzen, die, untechnisch gesagt, die Zellen aufräumen, damit sie sich wieder verjüngen können.“

„Wenn ich also SardaVit nehme, werden meine Zellen aufgeräumt und ich werde jünger.“

Hartmann ist an einer Tür angekommen, die sich von den anderen dadurch unterscheidet, dass sie höher, größer und nicht weiß, sondern aus dunklem Holz ist. Er drückt die Klinke und dreht sich zu mir um. „Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind? Ich nehme an … etwas über fünfzig, richtig?“

Ich lächle. „Ich werde demnächst sechzig.“

„Dann können Sie sich glücklich schätzen. Sie haben offenbar gute Gene. Wie unsere sardischen Lehrmeister auch. Und trotzdem, ja: Zellgesundheit ist gerade bei Menschen, die schon eine Weile gelebt haben, ein wichtiges Thema. Die Regeneration der Zellen verlangsamt sich mit zunehmendem Alter. Wir arbeiten dagegen.“

„Wir? Mir scheint es hier überraschend still.“

Hartmann räuspert sich, öffnet die Tür, lässt mich eintreten, schließt sie wieder. Wir stehen in einem Raum von der Dimension eines Ballsaals, auch hier an den Wänden Sardisches aus dem Langlebigkeitsuniversum, dazu Plakate der SardaVita-Produkte, Tom Marek in Lebensgröße, neben Schafen und einem sicher hundertjährigen Schäfer. In der Hand hält er einen Zweig mit kleinen grünen Blättern und roten Beeren. Hartmann hat meinen Blick gesehen.

„Wissen Sie, was das ist? Eine der faszinierendsten Pflanzen, die auf Sardinien wachsen: Lentisco. In Griechenland heißt sie Mastix. Es handelt sich um die Wilde Pistazie, Pistacia lentiscus. Aus den Beeren wird in Sardinien seit tausenden von Jahren Öl gepresst. Aus dem Stamm gewinnt man ein Harz, das auf vielfältige Weise wirkt.“

„Wie viele Mitarbeiterinnen haben Sie?“

„Ist das … ein Gender-Blog? Ich dachte, es geht Ihnen um die Produkte von SardaVita?“

„Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen, egal welchen Geschlechts. Die Portiersloge ist leer, ich habe außer Ihnen niemand gehört oder gesehen.“

Hartmann deutet zum Fenster. „Schauen Sie auf die Hallen. Dort wird gearbeitet. Unter besonderen Schutzbedingungen, natürlich sorgen wir für äußerste Reinheit. Sie sehen die beiden Lkw dort? Sie liefern unsere Erzeugnisse zu den Großhändlern. Mit den notwendigen Vorkehrungen können Sie die Produktion sehr gerne besichtigen. Und was die Verwaltung angeht: Ich bin für möglichst schlanke Strukturen. Das habe ich, Sie werden lachen, in der Automobilbranche gelernt. Dort hat sich viel an Repräsentationsmüll angelagert.“

„Was meinen Sie damit?“

„Müll in den Hirnen, nicht, dass Sie mir unterstellen, ich meine damit Menschen. Müll, wie man arbeitet. Kennen Sie den Maestrale?“

„Der Nordwestwind Sardiniens. Er bläst alles durch und reinigt die Luft. Allerdings kann er auch saukalt sein.“