Tod unter Whisky-Freunden - Eva Maaser - E-Book

Tod unter Whisky-Freunden E-Book

Eva Maaser

5,0

Beschreibung

Rauchig, torfig, hochprozentig – Krimivergnügen aus den Highlands Bei der Reise auf dem schottischen Whiskytrail hat Kommissar Rohleff von Anfang an das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Er hätte sich besser nicht von seinem einundachtzigjährigen Onkel Gustav zu dieser Tour zu den berühmten Whiskybrennereien überreden lassen. Die Reisegruppe ist sehr erfahren im Umgang mit echt schottischem Edelalkohol, und alle bis auf Karl Rohleff sind mit diversen Flachmännern in den Jackentaschen ausgestattet, mit sturmfester Bekleidung und unverwüstlicher Robustheit. Dass schon in der ersten Destillerie einer der Mitreisenden einem tödlichen Unfall erliegt, weckt Roleffs professionellen Spürsinn. Einiges an dieser Reise und vor allem an den Mitreisenden kommt ihm höchst seltsam vor. Der Whisky zieht sich als hochprozentige Fährte durch das Reisearrangement. Ganz allmählich, von einem zweiten Todesfall beflügelt, begreift Rohleff, dass es sich lohnt, dieser Spur zu folgen. In alten Schlosshotels, urigen Kneipen, malerischen Destillerien, an plätschernden Bachläufen und mit viel, viel Whisky, entfaltet er all sein kriminalistisches Können.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 440

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
5,0 (1 Bewertung)
1
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Eva Maaser, geboren in Reken (Westf.), studierte in Münster Kunstgeschichte, Germanistik und Theologie, seit 1999 als freie Schriftstellerin tätig. Sie verfasst Krimis, historische Romane und Kinderbücher. Besonders beliebt sind die Rohleff-Krimis mit dem Steinfurter Kommissar. Sie ist Mitglied des VS-NRW, war von 2009 bis 2016 Vorsitzende des Landesverbands, Mitglied des WDR-Rundfunkrats und ist seit 2009 Kuratoriumsmitglied des deutschen Literaturfonds. 2001 Stipendium des Ministeriums für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport NRW für Der Paradiesgarten, 2003 Reisestipendium des Verbands deutscher Schriftsteller für Der Clan der Giovese und 2006 Kulturpreis des Kreises Steinfurt.

Eva Maaser

Tod unterWhisky-Freunden

Kommissar Rohleff ermitteltauf dem schottischen Whisky Trail

Originalausgabe

© 2018 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

unter Verwendung von © Adam, © Michael Walker

und © FreeProd - alle Fotolia.de

Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln

Druck: CPI books, Ebner & Spiegel GmbH, Ulm

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-95441-433-8

E-Book-ISBN 978-3-95441-443-7

Inhalt

März

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

März

Rohleff hatte sich Ertrinken nicht so unangenehm vorgestellt. Vor allem nicht so langatmig, wobei er nicht zu sagen vermochte, wie lange er bereits in den verdammten Wellen herumschaukelte. Nur dass ihm das Geplätscher ringsum schrecklich auf die Nerven ging. Jedes Mal, wenn er sich im Ringen mit den widerspenstigen Elementen nach oben gekämpft hatte, blieb sein Magen unten und nahm ihm die Reise furchtbar übel. Überhaupt war es nicht gerade leise, von rechts kam ein grässliches Schnaufen. Beim nächsten Wellengang tastete er mit ausgestrecktem Arm neben sich und bekam etwas Siffiges, Haariges zu fassen, das, wenn er richtig vermutete, zu einem Walross gehörte. Er hielt sich mit zwei Fingern am Schnauzbart fest. Das Walross würde, hoffte er, die Prozedur des Absaufens verkürzen, er musste es nur genügend auf sich aufmerksam machen. Mit der nächsten Welle hob er mühselig den Kopf, versuchte die Augenlider einen Spaltbreit aufzureißen und schielte seitwärts. Der Schnauzbart glitt ihm aus den Fingern, dafür drehte sich neben ihm ein riesiges Hinterteil in sein Gesichtsfeld, was die These vom Walross bestätigte.

Genau in diesem Moment gab es ein Pochen, das laut in seinem Kopf direkt unter der Schädeldecke dröhnte, sodass er zu platzen drohte. Mit äußerster Anstrengung wandte er den Blick zur anderen Seite, während das Wasser unter ihm aufrauschte und er Schlagseite nach links bekam.

Da war auf einmal eine Stimme, die sagte: »Zimmerser…«, und dann abbrach.

Rohleff stellte den Blick schärfer.

Ja, da lugte jemand zu ihm herüber, genauer gesagt an ihm vorbei. Eine junge Frau. Das Gesicht ein Bild des Schreckens. Rohleff fuhr halb in Sitzposition hoch, drehte sich, spähte nach rechts, sah wieder dieses abnorme Hinterteil, verlor das Gleichgewicht und tauchte zurück in die Wellen.

»Entschuldigung, ich komme später …«, sagte die Frau.

Rohleff schrie auf, griff mit beiden Händen neben sich und kam nochmals schwankend hoch. »Halt!«

Die Frau verharrte auf dem Fleck, zur Salzsäule erstarrt.

»Sie müssen sich da nichts bei denken«, nuschelte Rohleff.

»Ich denk mir nichts«, sagte die Frau mit flacher Stimme, »ich geh dann.«

Mit einem Ruck schwang Rohleff sich herum und hatte auf einmal festen Grund unter den nackten Füßen. Während er sich in die Höhe stemmte, erfasste ihn neben der Übelkeit Drehschwindel, aber das war ihm egal. »Bitte!«

Die Miene der Frau wurde immer ausdrucksloser.

Rohleff lugte an sich herab. Doch, er trug eine Schlafanzughose, aber vorn sah es aus, als ragte die Spitze der Cheopspyramide hervor. Jetzt die Hand auf die Ausbuchtung zu legen, würde nur noch mehr Aufmerksamkeit erregen. Besser ignorieren.

»Ich muss jetzt weiter.«

Rohleff registrierte trotz des Nebels in seinem Hirn aufkeimende Nervosität in der Stimme der Frau.

»Kaffee!« Er schrie fast. »Eine Kanne Kaffee, Mineralwasser, Orangensaft, Alka Seltzer, doppelte Portion hier aufs Zimmer. Und schnell. Wir frühstücken dann später richtig.« Langsam erwachte sein Kampfgeist, gestählt in unzähligen anstrengenden Nachteinsätzen, die ihm gegenüber dem letzten allerdings läppisch vorkamen. »Bitte«, fügte er manierlich hinzu.

Die Antwort der Frau ging im Dröhnen unter seiner Schädeldecke verloren, Rohleff merkte nur, dass sich die Zimmertür schloss. Hoffentlich kam die Frau nicht gleich mit der Sittenpolizei zurück.

Rohleff stutzte. Er war ja selbst Polizist, wenn auch nicht bei der Sitte. Sturzbachartig meldeten sich ein paar Erinnerungen. Mit aufflackernder Wut wandte er sich an die reglose Gestalt auf der anderen Seite des geräumigen Doppelwasserbetts, der er die ganze Misere zu verdanken hatte. »Gustav, bedeck endlich deinen Arsch.«

Dann stutzte er, kroch vorsichtig wieder aufs Bett, bemüht, nicht zu viel Wellenschlag in der Matratze zu erzeugen, und beugte sich über den nackten Hintern. Tatsächlich, auf der einen Backe, oben rechts, prangte ein Tattoo. Ein unanständiges.

Aufstöhnend schob sich Rohleff wieder vom Bett, und dann verließen ihn die Kräfte. Mit letzter Anstrengung warf er sich in einen der beiden Korbsessel am Fenster, krallte sich an den Armlehnen fest und starrte den Rauchmelder an der Decke an, um dem Kreiseln Einhalt zu gebieten.

Das Hotel machte durch und durch einen Eindruck hanseatischer Nüchternheit. Ihr geräumiges Zimmer wies einen gewachsten Holzboden aus breiten Dielen auf, die an Schiffsplanken denken ließen, einen beinahe echt wirkenden, grauen Marmorkamin, über den der übliche, riesige Flachbildschirm an die Wand montiert war, graue, lange Vorhänge aus dickem Stoff und matt silbrig-graue glänzende Bettwäsche. Was vollkommen fehlte, waren grellrote Leuchten, üppige Goldschnörkel und neckische Drucke mit eindeutig pornografischen Szenen an den Wänden. Die einzige Extravaganz bildete das Wasserbett, sah man von einem grün glasierten Buddha auf dem Kaminsims ab, der Rohleff jedes Mal, wenn er zu ihm hinsah, leutselig zunickte, als wollte er ihm einige Weisheiten nahebringen. Wie etwa die, sich vor einem Saufgelage mindestens zwei Aspirin reinzupfeifen. Leider kam die Mahnung zu spät.

Kaum zu glauben, dass das Hotel nur einen Steinwurf von der berüchtigten Reeperbahn entfernt lag. Die hatte Rohleff in der vergangenen Nacht gründlich kennengelernt, außerdem einige Gassen mit schrillen Etablissements, an deren Namen er sich nicht mehr erinnerte, und viel Volk, darunter unglaublich schöne, an näheren Kontakten interessierte Frauen, die gar keine waren, wenn er Gustavs Versicherung glauben mochte. Überhaupt Gustav! Der wandelte wie berauscht auf den Spuren eines wesentlich jüngeren, stattlichen Selbst mit roter Wikingermähne, das von Zeit zu Zeit die fränkische Alb verließ und ein Wochenende lang in das sündige Hamburger Nachtleben abtauchte, um den braven Dorfdoktor für eine Weile zu vergessen. Eine Art erotischer Dr. Jekyll und Mr Hyde, mutmaßte Rohleff.

»Was hat Tante Else denn gedacht, was du in Hamburg machst?«, hatte Rohleff sich erkundigt, um etwas Asche auf das alte Lotterhaupt zu streuen.

»Fortbildung«, war die lakonische Antwort. »Und das war’s auch irgendwie«, setzte er nachdenklich hinzu.

Rohleff wollte sich bei Gelegenheit erkundigen, in welche Richtung er sich die Fortbildung denken sollte. Gynäkologische Eingriffe? Tripperbehandlung?

Nach fast einer halben Stunde, in der es ihm nicht gelang, sich ins Badezimmer zu schleppen, und unausgesetzt Erinnerungen an die Nacht sein Hirn marterten, klopfte wieder jemand an die Tür.

Erst als der Kellner mit dem Tablett eintrat, fiel Rohleff erneut Onkel Gustavs bloßer Hintern ein und dass er wenigstens die Bettdecke hätte drüber- oder die heruntergerutschte Schlafanzughose hochziehen können.

Der grüne Buddha nickte wieder.

»Das ist mein Onkel, der da schnarcht, und nicht, was Sie denken«, sagte Rohleff matt und wedelte in Richtung Bett, »stellen Sie das Tablett einfach irgendwo ab.«

Dass der Kellner nicht zum Bett sah, sprach dafür, dass er bereits darüber informiert war, was es dort zu sehen gab, und die ganze Geschmeidigkeit, mit der er das Tablett abstellte und sich Rohleff zuwandte, ohne ihn direkt anzuschauen, erhöhte die Peinlichkeit.

»Ich denk mir nie etwas«, bekannte der Kellner voller Würde. »Noch Wünsche? Soll ich die Vorhänge aufziehen?«

Rohleff schauderte. »Nicht, wenn draußen die Sonne scheint.«

Das Licht, das durch einen Vorhangspalt hereindrang, ließ vermuten, dass sich draußen über dem alten und neuen Hamburg ein seidig blauer Himmel mit klarer, frischer Luft spannte – und er, Rohleff, hockte hier als von der Nacht übrig gebliebene Schnapsleiche mit wehem Magen, pelziger Zunge, dröhnendem Schädel, einem fortgesetzten Klingeln im Ohr und verquollenen Augen mit einer Phobie vor Licht. Und wem verdankte er das?

Dem Nacktarsch neben ihm.

Der Kellner war stehen geblieben, als wartete er auf etwas, und da fiel es Rohleff ein. Suchend sah er sich um. »Werfen Sie mir mal mein Jackett herüber.« Es hing unordentlich über einem Stuhl.

Ungeschickt fingerte er in seiner Brieftasche herum, fand einen knittrigen Schein. Als er ihn dem Kellner reichte, ging ihm auf, dass es sich nicht um zehn, sondern um fünfzig Euro handelte. Er wollte noch »Moment, hab mich geirrt« rufen, aber da war der Schein bereits zusammen mit dem Kellner verschwunden.

So zementiert man seinen Ruf als Lustknabe alter, einundachtzigjähriger Säcke, dachte Rohleff verbittert. Selber alter Sack, fügte er noch hinzu. Im Sommer würde er dreiundsechzig, und ganz oben auf dem Schädel gingen ihm allmählich die Haare aus.

Der Buddha war tatsächlich eine Nickfigur, jeder Luftzug im Raum setzte den Kopf sacht in Bewegung. Rohleff hielt ihm das Schächtelchen zur Begutachtung hin, das ein Geschenk für den Kollegen Patrick Knolle darstellte, der sich gern und oft über das Geschrei seines jüngsten, etwa zwei Monate alten Kindes beklagte. Das Geschenk hatte Rohleff in einem Lädchen erworben, das nur einen Artikel führte, den aber in zweihundert verschiedenen Ausführungen, darunter solche mit Erdbeergeschmack und andere mit lustigen Tentakeln.

Der kleine Buddha nickte weise.

Das Frühstück nahmen sie eineinhalb Stunden später im Speisesaal ein, als das Personal das Büfett bereits abräumte. Es ging streng auf Mittag zu. Die eineinhalb Stunden hatte Rohleff genutzt, um sich erst einmal gründlich zu übergeben, anschließend einen Liter Kaffee zu trinken, zu duschen, Gustav wachzurütteln, sich anzuziehen, und als sein Bettgenosse Anzeichen des Wiedererkennens zeigte, ihn systematisch, wenn auch mit Unterbrechungen, wegen der nächtlichen Ausschweifungen zur Minna zu machen – ein lustvoller Vorgang, den Gustav schließlich mit dem Satz beendete: »Ich hab dir das ganze Zeug, das du geschluckt hast, nicht eingeträufelt, Karl. Ich hab dir gesagt, lass die Finger von Absinth, Cuba Libre und solchen Sachen, die vertragen sich nicht mit Whisky. Also beklag dich nicht, wenn du einen Kater hast.«

Am Kater war er selbst schuld, das war Rohleff klar, aber für die Buchung des Doppelzimmers war Gustav verantwortlich, ebenso für das Wasserbett, das es schon vor zwanzig Jahren gegeben hatte, als Gustav das erste Mal hier in diesem Hotel im Hamburger Rotlichtviertel abgestiegen war. Rohleff hatte beim Einchecken vehement nach einem Einzelzimmer verlangt, hatte aber erfahren müssen, dass das Hotel, wie jedes Wochenende, vollkommen ausgebucht sei.

Wenn ihm doch wenigstens das Wasserbett erspart geblieben wäre. Beim Gedanken an das Schaukeln wurde Rohleff noch beim Frühstück seekrank.

Gustav selbst litt offensichtlich viel weniger unter einem Kater und hatte auch eine Erklärung dafür: »Bei mir verteilt sich das besser.«

Und da war was dran. Mit heimlichem Neid betrachtete Rohleff den Onkel, der zwar einen hübschen Bauch vor sich hertrug, aber alles in allem groß, kräftig und unendlich robust wirkte. Beinahe fünfundvierzig Jahre als Landarzt in der fränkischen Einöde hatten ihn nicht kleinkriegen können. Im Gegenteil. Volles, lockiges, weißes Haar mit einem Hauch von Rot, das manchmal im Gegenlicht wie ein brennender Heiligenschein aufschimmerte, und der phänomenale Walrossschnauzbart gaben ihm das Aussehen eines freundlichen Weihnachtsmannes. Wäre da nicht dieses Tattoo gewesen …

»Sag mal, Onkel Gustav, was meinte denn Tante Else zu dem Tattoo auf deiner Hinterbacke?«, fragte Rohleff hinterhältig und hatte zwei akkurat gestochene, rammelnde Karnickel vor Augen.

Gustav blinzelte nicht mal. »Else fand die sehr hübsch. Sie mochte Kaninchen.«

»Was meinte Else, was die beiden Karnickel machen?«, hakte Rohleff beharrlich nach.

»Bockspringen.« Gustav köpfte gekonnt sein Ei und lächelte in sich hinein.

Draußen schien immer noch die Sonne, für einen März in Hamburg wohl eher eine Seltenheit. Die Helligkeit brannte Rohleff in den Augen. Sie tränten so, dass er sie immer wieder schloss, und jedes Mal waren da die Bilder der Nacht; viel Geglitzer, Gesichter in dämmrigen Kaschemmen, Gerede von alten Kiez-Berühmtheiten, Gläserklirren, mal schrilles, mal raubeiniges Gelächter und dazwischen ein Onkel Gustav, der sich königlich amüsierte, wenn er nicht gerade umherspähte, damit ihnen niemand die Brieftaschen stahl. Der Polizist Rohleff kam sich wie der Neffe von früher vor, der vom großen Onkel beschützt wurde.

Auch jetzt ließ Gustav den Blick schweifen. »Gut, dass wir die Letzten sind.«

»Wieso?«

»Ich wäre ungern auf«, er zögerte unmerklich, »Bekannte getroffen«, gab er mit einem letzten, forschenden Rundblick zu.

»Dann packen wir nun unseren Kram zusammen und machen uns auf die Heimreise«, knurrte Rohleff ungnädiger, als er wollte.

Früher hatte er den Onkel sehr gemocht. Aber heute? Seit Jahren hatten sie nur noch sporadisch Kontakt miteinander. Fünf Jahre zuvor war Tante Else gestorben, Gustavs Frau, auf der Beerdigung hatte er ihn das letzte Mal gesehen. Eigentlich hätte sich Rohleff danach mehr um den alten Mann kümmern sollen, bestimmt hatte er ihm damals versprochen, bald wiederzukommen. Der Onkel stand ja nun allein da, Kinder gab es keine, jedenfalls keine, von denen Rohleff wusste. Unversehens spürte er einen Anfall von schlechtem Gewissen, und diesem war es wohl zu verdanken, dass er sich breitschlagen ließ, vor der Heimreise noch einen Abstecher in den Hamburger Hafen zu unternehmen.

»Was ich dir noch sagen wollte, du schuldest mir fünfzig Mäuse, Gustav. Die musste ich dem Kellner, der den Kaffee aufs Zimmer brachte, als Schweigegeld in den Rachen schmeißen, damit er nicht auf Facebook postet, was er bei uns zu sehen gekriegt hat«, sagte er, als sie das Hotel verließen. Bis zur Abfahrt des Zuges hatten sie ihr Gepäck im hoteleigenen Abstellraum untergebracht.

»Facebook? Kenne ich nicht.« Gustav spähte ausgiebig die Straße hinauf und hinunter, er hielt wohl Ausschau nach dem bestellten Taxi, das sie in den Hafen bringen sollte.

Im Hafen blühte er, nachdem er sich bisher wortkarg gegeben hatte, sichtlich auf. Tief atmete er ein und aus, und schon beim zweiten Mal machte Rohleff es ihm nach.

Ja, die leichte Meeresbrise, falls es denn eine war, war wundervoll. Die Luft von Licht erfüllt und von den Düften einer fernen Welt, die der Wind mit Dieselöl getränkt herantrug. Vor ihnen glitt in majestätischer Langsamkeit ein gigantisches Containerschiff heran, eine kleine Bugwelle vor sich herschiebend. Rohleff setzte in Gedanken riesige Segel, die sich wie Brüste blähten. Auf einmal drang ein sonores Tuten herüber – das hatte noch gefehlt, um sich so richtig nach der Ferne zu sehnen, wie früher als kleiner Junge, nach verlockenden Abenteuern in der großen, weiten Welt. Rohleffs Seele schlug Purzelbäume, Leichtigkeit breitete sich wie eine rosige Wolke in seinem Hirn aus.

»Na, siehst du«, sagte Onkel Gustav, der ihn heimlich beobachtet hatte, befriedigt. »So einen wundervollen Morgen im Hafen erlebst du nur nach einer ordentlich durchzechten Nacht.«

»Morgen?«, brummelte Rohleff, grinste aber. »Mittag ist längst vorbei.«

Ja, die Weite faszinierte ihn. Wann hatte er sich zuletzt so frei, so gedankenlos zufrieden gefühlt? In seinem Privatleben herrschte seit seiner Scheidung von seiner schönen Frau Sabine nichts als gesetzte Langeweile mit gelegentlichen Kartenspielabenden, einem Kinobesuch in Steinfurts einzigem Lichtspielhaus, dem jährlichen Besuch eines Rockkonzerts in Gronau – und das war’s dann auch so ziemlich. Urlaub? Er konnte sich kaum noch daran erinnern.

Gustav bückte sich mit leise knackenden Gelenken, hob etwas von der Straße auf und steckte es in einer flüssigen, gedankenverlorenen Bewegung ein, ohne einen prüfenden Blick darauf zu werfen.

Unversehens überkam Rohleff Rührung. Schon früher hatte der Onkel jeden Pfennig, jeden Knopf, Stift oder anderen kleinen Gegenstand aufgehoben, den er auf der Straße fand. In seinem Haus hatte es in Rohleffs Kindheit ganze Schachteln voll der seltsamsten Fundstücke gegeben, darunter ein winziger, vollständig erhaltener Spitzmausschädel, der es dem kleinen Rohleff von damals sehr angetan hatte. War der Schädel nicht wundervoll gruselig gewesen? Anscheinend war Gustav der alten Sammelleidenschaft treu geblieben. Rohleff wollte sich schon erkundigen, um was es sich diesmal handelte, da kam ihm Gustav mit einer Bemerkung zuvor.

»Lass uns ein paar Schritte laufen, bevor wir zu Mittag essen.« Er berührte ihn knapp am Arm und setzte sich bereits in Bewegung, auf die Niederbaumbrücke zu.

Während sie darüber wandelten, gluckerte unter ihnen ölig die breite Wasserstraße. Ein Stück weiter ragten altehrwürdige Speicherhäuser aus roten Backsteinen mit Fenstern wie Schießscharten auf, die aber im Licht wie blank gewaschen funkelten. Rohleff ließ den Onkel vorgehen und sah, wie er stehen blieb und sich umsah.

»Bist du hier mit jemandem verabredet?«, fragte Rohleff, einer plötzlichen Eingebung folgend, sobald er ihn eingeholt hatte.

Zuckte Gustav nicht leicht zusammen?

»Nein, nein, nur mit mir selbst«, wehrte dieser ab.

Ein wenig nervös kam er Rohleff vor. Vielleicht waren das auch nur die verspätet einsetzenden Reaktionen auf die lange Nacht. Mittlerweile hatte er ihm den nackten Hintern, das Wasserbett und den größten Teil der Sauftour verziehen, schwor sich aber, sich nie wieder auf Whisky und See einzulassen, so großartig das Hamburger Hafenpanorama auch sein mochte.

Unter ihnen zog ein kleiner Lastkahn dahin, sie guckten genau aufs Deck, auf dem sich sorgfältig gestapelte Holzkisten befanden, die alt aussahen, gut durchgewittert in der salzigen Meeresluft, und drei Fässer.

»Hochprozentiges«, sagte Gustav blinzelnd, »da wette ich drauf.«

Ja, das sah nach Versprechungen lang gereifter Genüsse aus, die kostbaren Einzelteile in den Kisten traditionell in Stroh und Holz verpackt. Ein paar Strohhalme trudelten übers Deck.

»Hoffentlich gut verzollt«, bemerkte Rohleff nüchtern. Aus den Augenwinkeln nahm er eine dunkel gekleidete Gestalt wahr, die am Kai auf den Kahn zu warten schien. Plötzlich kam ein wenig Hektik in die Gestalt, sie hob einen Arm und bewegte ihn in eigenartigen Achterschleifen, wohl um den Kapitän auf sich aufmerksam zu machen.

Erst später, viel, viel später sollte ihm der Kahn samt Fracht wie ein düsteres Omen vorkommen.

Gustav lenkte ihn von der Gestalt und dem Kahn ab. »Komm, Zeit zu gehen. Mir knurrt der Magen. Lass uns ein Taxi suchen.«

Das Hafenpanorama genossen sie noch einmal ausgiebig beim Mittagsmahl in einem Nobelrestaurant im Fischereihafen mit Blick auf die maritime Pracht, die Rohleff im Geist für sich ad acta legte. Sehr schön, das alles, aber nie wieder. Nicht mit ihm.

Auch daran sollte er sich später häufiger erinnern.

Weiter hinten im Lokal, weitgehend verdeckt von wedelartigen Grünarrangements in hohen Kübeln, saßen zwei Herren, von denen Rohleff einer vage bekannt vorkam. Er sah aber nicht genug von ihm, um es genau sagen zu können, außerdem mutmaßte er, dass sich hier Erinnerungsbilder der Nacht einmischten. Gustav hatte einen Tisch in einer Ecke gewählt, hier hatten sie Aussicht durch die Fenster nach zwei Seiten, die Aussicht ins Lokal fiel dagegen ab. Das Lokal war zu dieser Zeit nicht mehr gut besucht. Es kam Rohleff so vor, als hätte Gustav das alles mitbedacht, das Essen war jedenfalls hervorragend und der Service auch. Mit jedem Gang versank Rohleff tiefer und tiefer in eine Genussorgie, die ihren Abschluss in einer Kreation aus pürierten Esskanien, Vanillesahne, knusprigen Keksen und in reichlich Whisky getränkten Orangenfilets fand, bekrönt mit einem Spitzendeckchen aus Karamell. Nur der Whisky störte ein wenig.

Rohleff trank viel Mineralwasser zu allem.

Die lange Heimreise ins fränkische Dorf machte es nötig, dass Gustav wie vor ihrem Aufbruch nach Hamburg eine Nacht bei Rohleff in Steinfurt verbrachte, bevor er ihn am Montagmorgen eilig in den Zug setzte.

Erst abends, bei der Heimkehr vom Dienst, entdeckte er auf seinem Schreibtisch, sorgfältig glatt gestrichen und mit einem gläsernen Briefbeschwerer fixiert, einen Fünfzigeuroschein.

Onkel Gustav hatte nicht nur die Zug- und die zahlreichen Taxifahrten bezahlt, sondern auch das Hotel, das Essen und jeden verdammten Drink, den Rohleff konsumiert hatte, und er hatte sich nur einmal lau für alles bedankt. Nun traf ihn die Scham tief und ließ seinen Nacken brennen. Gustav war auch früher immer großzügig gewesen, genau wie seine Else, die darunter gelitten hatte, kein eigenes Kind zu haben, und daher nur zu gern die Kinder von Gustavs älterer Schwester in den Ferien zu sich einlud und sie wochenlang verwöhnte.

Ja, Rohleff schämte sich nun heftig. Erst jetzt ging ihm auf, dass Gustav noch immer der Onkel war, den alle Kinder liebten, kein Kind aus dem Dorf hatte jemals Angst vor dem Besuch beim Doktor gehabt, alle vertrauten ihm. Rohleff kam sich im Nachhinein wie ein klein karierter Armleuchter vor.

Und es fiel ihm ein, dass Gustav einige Male zum Sprechen angesetzt, es aber immer wieder sein gelassen hatte, vor allem, als sie im Hafen herumspaziert waren. Hatte er etwas Spezielles auf dem Herzen gehabt? Und nur nicht die richtige Gelegenheit gefunden, darüber zu reden? Warum hatte er, Rohleff, nicht nachgefragt? Weil er zu sehr in seinem Groll versunken und mit der eigenen Befindlichkeit befasst gewesen war. Was sollte er also tun?

Er würde ihn später anrufen. Er würde sich erst einmal angemessen bedanken und dann zu der Frage vortasten, ob Gustav etwas auf dem Herzen gehabt habe.

Dumm, sehr dumm sogar, dass er das dann doch vergaß oder verdrängte, aber das sollte ihm erst später aufgehen.

Eine Woche nach dem Hamburgausflug brachte der Postbote ein Paket, dem Rohleff zwei Flaschen siebzehn Jahre alten Whiskys der Marke Balvenie entnahm, der der Erklärung auf dem Etikett zufolge in extra angefertigten Eichenfässern und anschließend noch eine gute Zeit lang in alten Sherryfässern der Vollendung hatte entgegendämmern dürfen. Das Aroma sollte unter anderem an Pfirsiche erinnern. Das zu überprüfen lehnte Rohleff schaudernd ab, unversehens hatte er wieder einen pelzigen Geschmack auf der Zunge. Und außerdem enthielt das Paket einen kleinen, faustgroßen, grün glasierten Buddha. Rohleff rätselte, ob Gustav die Figur heimlich hatte mitgehen lassen oder ob er sie dem Hotel abgekauft hatte. Aber vielleicht gehörte sie ja auch gar nicht zum hoteleigenen Inventar und war von einem früheren Gast vergessen worden. Wie auch immer, Gustav musste sehr geschickt vorgegangen sein, sodass Rohleff von der Transaktion nichts mitbekommen hatte. Er stellte den Buddha oben auf seinen uralten Röhrenfernseher und ließ sich von ihm hypnotisieren.

Anders war nicht zu erklären, dass er sich zwei Monate später auf eine Reise einließ, die er gar nicht hatte antreten wollen.

Für den Whisky und die Figur bedankte sich Rohleff mit einer Ansichtskarte von Steinfurt, die die Burg zeigte, ein durch und durch uraltes Gemäuer, eine Sehenswürdigkeit, beinahe ein Sehnsuchtsort.

Vielleicht war die Karte ein Fehler gewesen.

- 1 -

Mai

Rohleffs Hamburger Mitbringsel für Patrick, den leidgeprüften, ewig übernächtigten Vater, das Schächtelchen aus dem Laden namens Condomerie mit seinem farbigen, verspielten Inhalt aus strapazierfähigem, dehnungsfreudigem Gummi, rief nur mäßige Erheiterung hervor. Dennoch wollten die drei engsten Mitarbeiter aus Rohleffs Team immer wieder Einzelheiten des Wochenendtripps hören, und mit jeder Wiederholung (Rohleff ließ den übermäßigen Kater, das Doppelzimmer und einiges andere aus) gewann der Ausflug an Farbigkeit und Exotik. Endlich, nach Jahren hatte er überhaupt wieder etwas aufregend Privates zu erzählen.

Patrick Knolle und Lilli Gärtner gehörten seit Langem zu seinem Ermittlungsteam, Harry Groß dagegen hatte sich, nachdem er Rohleffs Exfrau Sabine geheiratet hatte, von der Steinfurter Kreispolizeibehörde nach Münster in die dortige Mordkommission versetzen lassen, was alle aufatmen ließ. Statt seiner gehörte nun Sandra Kupfer zu ihnen, erst achtundzwanzig Jahre alt, hübsch, effizient, eine richtige Schnelldenkerin, die sich gut eingefügt hatte, ohne sich im Mindesten anzubiedern. Bei Schießübungen traf sie fast immer ins Schwarze.

Mit ihr war das Team, das Rohleff seit vielen Jahren als Kriminalhauptkommissar leitete, wieder komplett.

Anfang April hatte sich Gustav wieder bei ihm gemeldet, sie hatten ein wenig am Telefon geplaudert, wobei sich Rohleff zurückhaltend gab, vermutete er doch, dass es den Onkel wieder nach Hamburg zog. Ein entsprechender Vorschlag blieb aber aus, dennoch hatte Rohleff den Eindruck, dass Gustav etwas auf dem Herzen hatte. Einige Tage später erkundigte er sich nach Rohleffs Urlaubsplänen. Der Urlaub musste ja, wie bei Behörden üblich, lange vorher festgelegt und genehmigt werden. Rohleffs begann im späten Mai. Der Termin rückte ohne konkrete Planung näher, da sprach Gustav die nächste Einladung aus.

Rohleff war perplex. Und erbat sich Bedenkzeit.

»Nach Schottland eingeladen? All inclusive wie in Hamburg?«, fragte Patrick aufgeregt, den blanken Neid in der Stimme. Rohleff hatte die Einladung beiläufig erwähnt, als alle wie so oft in letzter Zeit über Urlaubspläne sprachen. Rohleff hatte immer noch nichts Konkretes in Aussicht. Was auch? Zwei Wochen ins Gebirge oder an die See? Jeden Tag allein an einem Tisch im Restaurant sitzen, ein einsamer Wolf ohne Anhang? Dann doch lieber die Zeit in seinem Schrebergarten verbringen mit Bier und Würstchen vom Grill. Der Zaun musste dringend erneuert werden, sein Nachbar mahnte immer nachdrücklicher. Und er könnte ja mal wieder Tomaten anpflanzen.

»Ich überleg mir’s noch«, wiegelte Rohleff ab, weil er sich plötzlich genierte. Es gab nichts, womit er sich so eine Reise verdient hätte.

»Du überlegst es dir? Bist du bescheuert?«, ereiferte sich Patrick und fasste sich theatralisch an die Stirn. Er würde wohl wieder zwei Wochen samt Frau und drei Kindern auf Ameland verbringen zwischen Sandburgenbau und Windelwechsel. Aus dem Draufgänger von einst, dem Motorradfreak, war ein braver Schreibstubenhengst mit leichtem Bierbauchansatz geworden.

»Wieso?«, hielt Sandra dagegen. »Ich hätte keine Lust auf so eine Rundreise. Das ist was für betagte Leute. Jeden Morgen beim Frühstück packen die ihre Pillenschachteln aus und machen einen Krankheitenabgleich. Dreimal Bandscheibenvorfall gegen einmal hoher Blutdruck mit Tendenz zum Herzinfarkt. Und außerdem sind da nur Ehepaare dabei. Mir würde das auf die Nerven gehen, ich weiß das.« Sandra war mit ihrem Freund im Vorjahr nach Kuba zum Tauchurlaub geflogen, die beiden allein. Sie streifte Rohleff mit einem nachdenklichen Blick. »Aber vielleicht ist es ja die letzte Gelegenheit, mit deinem Onkel noch was zu unternehmen. Mit einundachtzig, na ja, da …«

Tickte die Uhr lauter?

War Gustav etwa schwerkrank? Siedend heiß fiel Rohleff diese Möglichkeit ein. Hatte er deshalb so bedrückt geklungen bei ihren letzten Gesprächen? Etwas beschäftigte den Onkel, etwas Schwerwiegendes, über das zu sprechen er Mut brauchte. Er hatte ein wenig hilflos und anlehnungsbedürftig gewirkt. Ja, die Uhr tickte, mutmaßte Rohleff, aber nicht nur für Gustav.

»Wie heißt denn der Reiseanbieter?«, fragte Patrick eifrig nach. »Hast du die Reise denn überhaupt schon gecheckt? Reiseroute, Hotels und so?«

Von den Einzelheiten wusste Rohleff gar nichts, erkundigte sich aber beim nächsten Telefonat mit dem Onkel danach, trotzdem sagte er die Teilnahme immer noch nicht fest zu. Allein schon die Nachfrage heiterte Gustav auf.

Die Recherche im Internet ergab, dass der Preis für zehn Tage Schottland in etwa vier Wochen Karibik im Luxusresort entsprach. Gustavs teure Reiseambitionen erschienen Rohleff bedenklich. Ein letztes Aufbegehren vor dem nahen Ende?

Gegen viel inneren Widerstand sagte er schließlich zu.

Die Reise, so hatte er nachgelesen, würde entlang eines Whisky Trails verlaufen. Wollte Gustav seiner Leber den Gnadenstoß versetzen?

Der Bus, der im Rotterdamer Hafen auf sie wartete, sah glänzend und windschnittig aus, die moderne Vision eines Rennkamels, gut geeignet für Haarnadelkurven, Schlaglochgruben, Schotterpisten und weiche, tückische Torfmooruntergründe. Der Reiseanbieter hatte laut Gustav unvergessliche Erlebnisse abseits ausgetretener Pfade versprochen. Erst viel später sollte Rohleff aufgehen, dass unvergesslich nicht automatisch etwas Gutes bedeuten musste.

Der Parkplatz, auf dem der Bus stand, war eine große, asphaltierte Fläche, auf der die wenigen Busse und die Autos, die dort abgestellt waren, verloren wirkten. Über ihnen kreisten aggressiv schreiende Möwen und erinnerten Rohleff daran, dass er unmittelbar davorstand, sich aufs Meer zu wagen – und ein leichtes Schaudern befiel ihn.

Am nahen Kai – in einer Lücke zwischen zwei nüchtern wirkenden Hafengebäuden zu erspähen – ragte ein mehrstöckiges Schiff auf, in dem, zweckdienlich einsortiert, die halbe Bevölkerung von Steinfurt hätte Platz finden können. Rohleff sah sich bereits auf der Suche nach seiner Kabine durch ein Labyrinth von engen Korridoren irren, und ein deutlicher Anflug von Klaustrophobie überkam ihn. Auf was für eine Blödheit hatte er sich da eingelassen?

Einige Schritte vom Bus entfernt stand eine Gruppe von Menschen, lebhaft ins Gespräch vertieft. Hauptsächlich Männer, mutmaßte Rohleff, oder Männer wie Frauen waren annähernd gleich gekleidet. Er machte ziemlich viel tristes Olivgrün aus, eine Farbe, die er seit jenem Moment, in dem ihm Patrick Knolle eine gebrauchte Windel in die Hand gelegt hatte, zuverlässig mit gut verdautem Spinat in Verbindung brachte. Der optische Eindruck stimmte, nur der Gestank fehlte.

Möglicherweise war diese Tarnfarbe gut für die Moorhuhnjagd. Moorhühner kamen, Rohleffs Reiseführer zufolge, in den weglosen, regendurchweichten Moorgebieten, die etwa achtzig Prozent Schottlands ausmachten, häufiger vor.

Hier und da standen neben voluminösen Gepäckstücken einige schmale Rollbehälter herum, die allerdings keine Schrotflinten enthielten, sondern Golfschläger. Vielleicht waren das gar nicht die Whiskypilger, die sich dort versammelt hatten, und er und Gustav strebten auf den falschen Bus zu.

Nahe der Stelle, wo sie vom Taxi abgesetzt worden waren, stand eine Frau und sah abwartend zu der Gruppe hinüber. Als sie sich halb zur Seite drehte, wahrscheinlich weil sie sie kommen hörte, wurde Rohleff langsamer und ließ Gustav mit seinem Koffer an sich vorbeiziehen. Ein Blick aus strahlend blauen Augen hielt ihn wie vom Blitz getroffen auf der Stelle fest.

»Auch nach Schottland?«, fragte die Frau mit einem zögerlichen Lächeln, das besonders liebliche Grübchen auf ihre Wangen zauberte.

Unter den nicht ganz echten Damen im Hamburger Rotlichtviertel war Rohleff eine aufgefallen, die in einem kurzen Blickaustausch die heftige Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach lustvollem Unter-die-Bettdecke-Kriechen aufkommen ließ. Der Moment war aber ziemlich schnell vorbeigewesen, als die Frau ohne weitere Umstände ihren Preis nannte.

Diese Frau nun, die ihn so unvermittelt angesprochen hatte, trug eine schwarze Hose zu hochhackigen Schuhen und ein rosiges, locker sitzendes Oberteil, am Hals schwarz abgesetzt, darüber ein vorne weit offenes, grünes Lodencape, und alles zusammen ergab eine lässige Eleganz, zu der nur der etwas abgetragene Rucksack, der ihr über einer Schulter hing, nicht passen wollte. Die Frau war mit all ihren Rundungen durch und durch attraktiv und kaum älter als Mitte vierzig. Ihr aschblondes Haar war oben auf dem Kopf zu einem Strubbelnest zusammengedreht, aus dem ein paar Korkenzieherlocken herausfielen und ihr hübsches Gesicht umrahmten. Eine anheimelnde Schlafzimmerfrisur, fand Rohleff, von einer weiteren erotischen Aufwallung überfallen.

Eigentlich war die Frau nicht sein Typ, er stand seit jeher auf schlanke, gemeinhin als »rassig« bezeichnete Dunkelhaarige. Das Äußere seiner Exehefrau Sabine war für ihn immer noch das Maß aller Dinge, was Frauen betraf. Dass er sich von dieser Frau spontan angezogen fühlte, verwirrte ihn. Und was hatte die Unbekannte veranlasst, gerade ihn anzusprechen?

»Ja, schon. Aber die Gruppe da sieht für mich nach Golfclub aus. Golf in Schottland hab ich nicht gebucht. Meine Reise hat mehr was mit Whisky zu tun.«

Die Frau lächelte. »Golf ist nur ein Nebenaspekt. Es ist schon die richtige Gruppe.«

»Überlegen Sie ein letztes Mal, ob Sie überhaupt mitwollen?« Das war Rohleff so herausgerutscht.

Er überlegte das schon, dabei wollte er sich noch nicht eingestehen, dass sein bockiges Festhalten an Vorbehalten endlich ein wenig nachließ.

Um die Augen herum traten bei der Frau hübsche Lachfältchen auf, dem konnte er schon gar nicht widerstehen.

»Ich glaube, das sollte ich wirklich«, sagte sie verschmitzt.

»Kennen Sie jemanden von denen?« Rohleff blickte wie die Frau zur Reisegruppe hinüber, die sich inzwischen vergrößert hatte. Noch mehr Olivgrün. Gustav hatte die anderen fast erreicht, gleich würde er, ebenfalls tarnfarben gekleidet, eine Baskenmütze auf dem Haupt, von der Gruppe aufgesogen werden. Rohleff, mit seinem alten, kamelhaarfarbenen Duffelcoat über dem Arm, kam sich jetzt bereits als Außenseiter vor.

Unverkennbar war auch die Frau leicht angespannt, das machte sie ein wenig zur Verbündeten, was ihm gefiel.

»Nein, niemanden.«

Rohleff sah sich um. »Aber Sie sind doch bestimmt nicht alleine hier.« Unversehens hatte sich Hoffnung in ihm geregt, die er aber niederzuknüppeln suchte. So viel Glück konnte er nicht haben – er doch nicht! Er erinnerte sich an Sandras Bemerkung, dass mehrtägige Busreisen fast ausschließlich von Ehepaaren gebucht wurden. Einen elenden Moment lang sah er sich abgehängt all den Paaren hinterhertrotten, die sich in ihrer Zweisamkeit nicht stören lassen wollten.

»Doch, das ist ja das Problem. Ich trau mich allein nicht weiter. Die wirken jetzt schon alle so gut bekannt miteinander.«

In Rohleff wallte Mitgefühl auf, dann besann er sich.

Dass eine so elegante, hübsche Frau schüchtern war, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Dass sie allein reiste, allerdings erst recht nicht. Er hatte das Gefühl, gleich jetzt zu Beginn dieser seltsamen Reise den Boden unter den Füßen zu verlieren.

»Dann sollten wir zusammen weitergehen. Ich heiße übrigens Karl Rohleff.«

Die Frau zögerte einen Moment, während sie Rohleff prüfend ansah. Dann hob sie leicht und locker die Schultern. »Rosa Wurm.«

Rohleff unterdrückte den Impuls, »Wie bitte?« zu fragen. Absurd, die Frau konnte nicht Rosa Wurm heißen, niemand hieß so. Rosa vielleicht, aber Wurm?

Gerade noch rechtzeitig bemerkte Rohleff, wie sich das Gesicht der Frau verschattete, vermutlich war sie allerhand blöde Reaktionen auf ihren Namen gewöhnt, hatte aber bei ihm auf mehr Esprit gehofft.

»Der Herr, der eben an uns vorbeigezogen ist, heißt Gustav Gans«, sagte Rohleff betont nüchtern, »er hat mich auf diese Reise eingeladen.«

Wie dumm von ihm! Nun musste sie denken, dass er sich die Reise selbst nicht hätte leisten können, was natürlich nicht stimmte. Er hätte schon, nur wäre er nie auf die Idee gekommen, so eine teure Reise zu buchen. Er sprach rasch weiter: »Er hat mir mal erklärt, dass die Comicfigur, die auch so heißt wie er, bei seiner Geburt noch nicht so allgemein bekannt war wie heute. Seine Eltern wussten nicht, was sie taten.«

Hatte er zu viel gesagt?

Rosa riss die Augen weit auf, starrte ihn an, dann schlug sie die Hand vor den Mund und begann laut zu lachen. Erleichtert stimmte Rohleff in das Lachen ein. Gemeinsam zogen sie, Seite an Seite, auf die Gruppe vor dem Bus zu.

Auf Gustav hatte er nicht mehr geachtet, aber anscheinend hatte dieser bereits, wie vermutet, Anschluss an die Gruppe gefunden. Er stand mit dem Rücken zu Rohleff und hörte jemandem zu, der auf ihn einsprach.

Rohleff war im Begriff, ihm auf die Schulter zu tippen, um sich bemerkbar zu machen, da sah er aber Gustav um den Bus herumbiegen, anscheinend hatte er seinen Koffer auf die andere Seite gebracht, und kam zurück. Der Mann, den er für ihn gehalten hatte, trug ebenfalls die allgegenwärtige, wetterfeste, kakifarbene Outdoorjacke, außerdem hatten die weißen Locken am Hinterhaupt und die Baskenmütze Rohleff in die Irre geführt. Vorne trug der Mann keinen Schnauzbart, unter der Mütze lugten keine Locken hervor, und die Wangen hingen schwer und traurig herab wie bei einer Bulldogge. Nicht die Spur von Ähnlichkeit mit Gustav.

Unter den Reisenden gab es doch einige weitere Frauen. Sie standen dicht neben Männern, mit denen sie vermutlich verheiratet oder wenigstens liiert waren. Rohleff nahm erst einmal nicht an, dass sich außer Rosa noch eine Frau allein auf die Reise traute.

Er winkte Gustav kurz zu und folgte Rosa zur Rückseite des Busses, wo sich der Stauraum für das Gepäck befinden musste. Als er sie beinahe eingeholt hatte, hörte er sie leise Miau sagen.

»Was haben Sie gesagt?«, fragte er verblüfft.

»Gar nichts. Wie kommen Sie darauf?«

Rohleff schüttelte nur den Kopf.

Der Busfahrer nahm ihnen die Koffer ab und reichte sie an seinen Assistenten weiter, der sie sorgfältig verstaute.

Rosa stieg in den Bus, Rohleff folgte ihr, um die neue Reisebekanntschaft zu vertiefen, das gab ihm vielleicht einen Vorsprung vor anderen Mitreisenden – Gustav eingeschlossen. Außerdem würde der bis auf Weiteres schon allein klarkommen.

»Sie müssen wieder aussteigen, Sie gehen zu Fuß aufs Schiff«, hörte er den Busfahrer hinter sich, achtete aber nicht weiter darauf.

Rosa schaute erstaunt auf, als er sich ihr gegenüber auf den Platz jenseits des Ganges setzte. Hoffentlich hielt sie ihn nicht für aufdringlich.

»Die anderen lerne ich bestimmt noch früh genug kennen«, meinte er leichthin und lächelte gewinnend. »Wenn Sie nichts dagegen haben, leiste ich Ihnen noch ein wenig Gesellschaft. Ich kann Sie nicht einfach allein hier sitzen lassen.«

»Doch, natürlich. Ich hab mich in den Bus gesetzt, weil es mir draußen zu windig ist, ich friere leicht.«

Allerdings hing ihr grüner Umhang über der Lehne des Sitzes vor ihr, und im Bus war es kein bisschen wärmer als draußen. Wegen der offen stehenden Türen eher noch zugiger. Der Mai hatte sich von Anfang an von einer freundlichen, aber nicht unbedingt warmen Seite gezeigt. Nur in den nächsten Tagen sollten die Temperaturen entschieden ansteigen, über dem Münsterland würde ein strahlendes, sonniges Hoch heraufziehen, dann, wenn Rohleff im notorisch verregneten Schottland durch die Heidekrautwüsten stapfte, von wütenden Moorhühnern verfolgt, die ihre Nester verteidigten. Er zog die Schultern hoch und bemerkte in diesem Moment, wie sich Rosas Rucksack auf dem Sitz neben ihr unmerklich etwas mehr nach vorn ausbeulte. Wahrscheinlich war er durch sein eigenes Gewicht in sich zusammengesackt.

Bevor Rohleff die Erklärung für das Phänomen einfallen konnte, lenkte ein Quietschen seine Aufmerksamkeit ab.

Rosa schraubte einen Flachmann auf und hielt ihn ihm hin. »Zwölf Jahre alter Balvenie, nehmen Sie einen Schluck, tut gut gegen das Frieren.«

»Whisky?«, fragte Rohleff ungläubig. Balvenie hieß doch auch das Zeug, das Gustav ihm geschickt hatte.

»Aber ja. Als kleine Einstimmung auf die Reise.« Ein merkwürdiger, gedämpfter Laut mischte sich in ihren Satz, der Rohleff wieder an das Miau erinnerte, das er bereits gehört hatte. Vielleicht litt Rosa an einer seltsamen Variante des Tourette-Syndroms? Wer davon befallen war, konnte ja nicht immer kontrollieren, was er an Worten oder auch Geräuschen von sich gab. Solange sie aber nur miaute, war es gut mit ihr auszuhalten.

Unter ihrem auffordernden Blick konnte er nicht anders, als gehorsam nach der Flasche zu greifen und sie wie unter Zwang an die Lippen zu setzen. Wahrscheinlich verzog er angewidert das Gesicht beim Trinken.

Rosa lachte laut und fröhlich auf. »Sie scheinen ja ein echter Kenner zu sein, Karl.«

Mein Gott, war die Frau attraktiv, wie ein einziger, lichter Sonnenstrahl, durchfuhr es ihn. »Sind Sie denn eine Expertin?«

Rosa neigte nachdenklich den Kopf zur Seite. »Ich hab mich ein bisschen damit befasst. Aber ich hatte mal einen Nachbarn, der war richtig verrückt nach Whisky. Ich selbst nicht, nein.«

»Und dennoch machen Sie so eine Reise mit?«

Sie lächelte versonnen in sich hinein. »Warum nicht? Wissen Sie, solche Spezialreisen werden nicht ausschließlich von Ehepaaren gebucht, da sind auch immer einige Alleinreisende dabei, die ihrem speziellen Interesse nachgehen und auf Gleichgesinnte hoffen. Das macht es, wenn man selbst allein reist, sehr viel angenehmer. Die ganze Gruppe ist entschieden lockerer. Regelrechte Singlereisen wären nichts für mich, die haben etwas von verkappter Partnervermittlung an sich. Finden Sie nicht?«

»Sind denn auf dieser Reise so viele ohne Partner dabei?«

»Jedenfalls genug für mich«, antwortete Rosa, strahlte ihn verheißungsvoll an und zog dabei ihren Rucksack mit einer Hand etwas näher zu sich. Dass Rohleff in Begleitung aufgetaucht war, hatte sie anscheinend vergessen. Er nahm sich vor, daran zu arbeiten, als sehr eigenständig Reisender wahrgenommen zu werden.

Ungünstigerweise tauchte in diesem Moment Gustav schnaufend im Bus auf. Rohleff sah ein paar Felle davonschwimmen, sicheres Indiz dafür war Rosas nun reservierter Gesichtsausdruck und die Art, wie sie im Sitz näher ans Fenster rückte, auf Distanz nämlich.

»Hier steckst du, stimmt also doch, dass du in den Bus …« Gustav warf einen langen, interessierten Blick auf Rosa und lüpfte seine Kopfbedeckung. »Gustav Gans, und Sie sind?«

Rosa lachte unvermittelt, Grübchen im Gesicht.

Doch, Rohleff freute sich nun auf die Reise. Die hübsche Rosa, das hatte er bemerkt, trug keinen Ehering.

Nachdem sie den Bus verlassen hatten, stellte Rohleff fest, dass sich die Reisegesellschaft noch einmal vergrößert hatte, aber nicht sehr. Der Bus bot wenigstens fünfzig Reisenden Platz, da blieben noch immer viele unbelegte Sitze übrig. Die Gesellschaft konnte sich ungeniert ausbreiten, das war ihm überaus recht. Bloß keine drangvolle Enge. Alles in allem, das hatte ihm Gustav auf der Zugfahrt nach Rotterdam erklärt, würden sie nicht mehr als zwanzig sein, zuzüglich des Busfahrers und seines Assistenten. Und in Schottland würde eine extra engagierte Reiseleiterin zu ihnen stoßen, eine Fachfrau in Sachen Whisky. Rohleff stellte sich eine resolute Dame mit ausgesprochen männlichem Charme vor, die deutlich nach verbranntem Torf roch und jeden unter den Tisch trank.

Der Busfahrer heischte nun nach Aufmerksamkeit, das allgemeine Gemurmel erstarb allmählich. »Ich bin der Robert«, tönte es mit kräftiger Stimme aus einem strammen Oberkörper über den Platz, »und das hier ist der Kevin, unser Mädchen für alles.«

Verhaltenes Gelächter erklang.

»Gebt ihm eine Schürze!«, schrie jemand.

Rohleff hätte gern erfahren, wie der Robert mit Nachnamen hieß.

Kevin, das Mädchen für alles, war ein Schlacks von etwa ein Meter neunzig mit kräftigem, rotblondem Haar, das streng aus dem breitflächigen Gesicht nach hinten gegelt war. Ansonsten fand ihn Rohleff nicht weiter auffällig, umso mehr erstaunte es ihn, mit welchem Interesse Gustav den jungen Mann musterte.

»Glaub mir«, flüsterte ihm Rohleff zu. »Er ist ein Junge, da bin ich mir sicher.«

Ungeduldig winkte Gustav ab. »Hör lieber zu«, raunzte er.

Robert erläuterte, dass sie nun unter Kevins Führung alle aufs Schiff gehen würden, während er später mit dem Bus nachkomme, denn Fahrzeuge würden als Letztes verladen. Und er erinnerte noch einmal daran, dass für die Nacht auf See alle Mitreisenden nur eine kleine Reisetasche mit in die Kabinen nehmen sollten, das große Gepäck verbleibe im Bus.

Rohleff schielte auf Rosas Rucksack, den sie zu ihren Füßen abgestellt hatte. Daher dieses unförmige Ding.

Auf die geforderte kleine Übernachtungsausrüstung hatte ihn Gustav bei ihrem letzten Telefonat ausdrücklich hingewiesen, widerwillig hatte Rohleff eine Segeltuchtasche mit dem Allernötigsten gefüllt und ärgerte sich nun, dass sein gutes Jackett im Koffer blieb. Für Rosa hätte er sich herzlich gern etwas schick gemacht.

Sie würden mit der Nachtfähre von Rotterdam nach Newcastle übersetzen. Bisher hatte diese Aussicht ihn eher mit Schrecken erfüllt, nun dachte er an einen ausgiebigen, langen Aufenthalt in nettester Gesellschaft an der Bar, während ein malerischer Sonnenuntergang in schönsten Rottönen durch die Fenster lugte und die See sich unmerkbar in Wellen legte. Und hoffentlich ging Gustav früh schlafen.

Die meisten der männlichen Reisegefährten durften mindestens die sechzig, wenn nicht die siebzig hinter sich haben, eine Ansammlung von Graubärten, Weißhäuptern und Kahlköpfigen, manche waren sich bei flüchtigem Hinsehen schon verflixt ähnlich. Aber es gab mindesten einen jüngeren Mann. Dem glatten Gesicht nach war er höchstens Mitte vierzig, und er hatte volles, wenn auch angegrautes Haar, einen gepflegten Bart mit dunkleren Schattierungen, eine kräftige Statur, aber kein bisschen Fettansatz. Haltung und Aussehen waren die eines lässigen Abenteurers. Ob Rosa auf so einen Typen stand?

Der Busfahrer fiel allerdings auch mehr oder weniger in diese Kategorie, nur dass seine Haare länger und lockig waren und noch Farbe hatten, ebenso wie der Bart, der das kräftige Kinn eindrucksvoll umrahmte. Ein Wikinger-Typ.

»Wie heißt Robert denn weiter?«, murrte Rohleff, als sich die Gruppe in Bewegung setzte. »Ich bin es nicht gewöhnt, Menschen mit Vornamen anzusprechen, mit denen ich nicht näher bekannt bin.«

»Kasinsky, aber sag einfach Robert, das tun alle, glaub mir«, antwortete Gustav, noch immer den Blick auf den rotblonden Kevin geheftet. »Und guck in deine Reiseunterlagen, da gibt es auch eine Liste mit allen Mitreisenden.«

Die Unterlagen hatte Rohleff zwar drei Tage vor der Abreise erhalten, aber nicht näher studiert, denn im Büro war für die Zeit seiner Abwesenheit zu viel zu regeln gewesen. Steinfurt wurde von einer Reihe schwerer Einbrüche in Atem gehalten. Kriminelle Banden hatten herausgefunden, dass Kleinstädte mit Anbindung an die nächste Autobahn und dem dank des Schengenabkommens unkomplizierten Grenzübertritt nach Holland ein solides und risikoarmes Aktionsfeld boten. Die ganze letzte Woche war Rohleff immer erst spät heimgekommen, und nun war die besagte Liste in der Hektik der letzten Stunden zu Hause geblieben, ebenso wie der Reiseplan.

Gustav hatte für sie eine Doppelkabine gebucht. Kaum hatte er das begriffen, ging Rohleff zum Zahlmeister und verlangte energisch nach einer Einzelunterkunft, kam aber schnell davon ab, als er einen Blick in die Innenkabine warf, die man ihm anbot. Sie kam ihm wie ein geräumiger Sarg vor. Es störte ihn mächtig, dass die sogenannte Kabine kein Guckloch nach außen besaß. Rohleff sah sich bei einer Kollision mit einem anderen Schiff oder einem zufällig vorbeischwimmenden Eisberg hilflos dem Ertrinken preisgegeben, eingesperrt in der Finsternis.

Reumütig nahm er Abstand von der Einzelkabine, die ihn für den Luxus, sich eine Nacht lang mutterseelenallein zu Tode zu gruseln, eine Stange Geld gekostet hätte. Gustav hatte sofort erklärt, dass solche Zusatzausgaben in der Einladung nicht enthalten seien.

Die Doppelkabine wies ein Fenster auf, sogar ein relativ großes, und überhaupt lag sie auf einem der oberen Decks und gehörte zur ersten Klasse. Rohleff spürte Erleichterung. Für eine Nacht mochte die Unterkunft für sie beide ja reichen.

Auf dem Weg in den Speisesaal verirrten sie sich genauso, wie Rohleff es sich ausgemalt hatte: in endlosen Korridoren, die unvermittelt abknickten und nirgendwohin als in die Irre zu führen schienen, vorbei an Tausenden von eng aneinandergereihten Zellentüren, die das Schiff als labyrinthischen Knast erscheinen ließen.

Auf einmal waren sie wieder direkt bei ihrer Kabine angekommen. Beim zweiten Versuch nahmen sie eine andere Abzweigung. Gustav schnaufte vernehmlich, als sich vor ihnen eine der Zellentüren öffnete und ein verwuschelter Blondschopf herauslugte.

Rohleff stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Rosa!«

Der Kopf schien im Begriff, wieder zu verschwinden. Mit langen Schritten eilte Rohleff auf die Tür zu. »Wir wollen zum Abendessen. Kommen Sie mit?«

Die Tür schloss sich wieder. »Ich komme nach«, drang Rosas Stimme leise nach draußen und endete in einem Laut, der ein bisschen wie Miau klang.

Verdutzt blieb Rohleff vor der Tür stehen.

»Vergiss sie«, bemerkte Gustav, »die ist nichts für dich.«

»Wie kommst du denn darauf?«, gab Rohleff mit unterschwelliger Entrüstung zurück, während sie sich zögernd weiterbewegten. »Ich finde sie sehr sympathisch.«

Gustav schüttelte den Kopf. »Frauen mit niedlichen Stupsnasen bringen nur Ärger, glaub mir, ich kenne den Typ. Weich und ein bisschen konfus, wenn ich mich nicht täusche. Außerdem lacht sie zu viel.«

Dass Rosa gern lachte, war Rohleff aufgefallen. »Was meinst du damit? Meinst du, sie hat einen Vogel?« Er tippte sich an die Stirn.

»Bloß eine Katze.«

Rohleff ließ das erst einmal so stehen. Gustav bog in den nächsten Quergang ein, wo sie auf Kevin trafen, der ihnen den richtigen Weg wies.

Robert, der Busfahrer, trug gut sichtbar einen Ehering an der rechten Hand, der Abenteurertyp trug keinen, saß Rosa schräg gegenüber und sah sie häufiger an, während sie sich mit mehreren aus ihrer Reisegruppe im Salon der ersten Klasse mit spektakulärer Aussicht aufs Meer von gegrillter Lachsforelle erholten. Die cremige Nachspeise hatte Whisky enthalten, es schien, als hätten das alle außer Rohleff erwartet.

Draußen über dem Meer glühte tatsächlich ein feuriges Abendrot, wie es schöner nicht sein konnte: ein Rot, das an den Rändern in tiefes Violett und schließlich in Dunkelblau überging, ein weiter Himmel, der sich endlos über dem ruhigen Meer wölbte, als wollte er beweisen, wie dumm alle Vorbehalte Rohleffs gewesen waren. Rosa saß neben ihm, ihren Sessel hatte sie eng an seinen gerückt. Für die Mitreisenden musste es so aussehen, als ob sie zusammengehörten. Rohleff gedachte, den Eindruck noch zu verstärken, indem er sich ihr zuwandte und nicht allzu leise, aber in vertraulichem Ton fragte: »Soll ich dir etwas von der Bar holen?«

Rosa war bereits beim Abendessen umstandslos zum Du übergegangen, das schien auf Gruppenreisen so Sitte. Rohleff wusste dennoch nicht, wie ihm geschah, war aber willens, alles anzunehmen, was ihm das Schicksal zugedacht hatte. Mit Einschränkungen. Gustavs nicht eben freundliche Bemerkung über sie wirkte nach, aber anders als beabsichtigt. Nicht einen Moment nahm Rohleff das unsinnige Urteil ernst, aber ihm war bewusst, dass er im Begriff stand, sich in einen bedürftigen, liebeshungrigen Narr zu verwandeln, wenn er seine aufwallende Sympathie nicht zähmte und ihre Freundlichkeit überinterpretierte. Natürlich suchte sie Anschluss an die Gruppe, und er war ihr nun mal als Erster begegnet.

Mehr Leichtigkeit, mahnte er sich, mehr spielerisch an alles herangehen, mehr Coolness bewahren, wie der Abenteurertyp, der Rosa zwar Aufmerksamkeit, aber nicht allzu viel davon schenkte, vielleicht gehörte das zu einem durchtriebenen Anschleichmanöver. Vor dem Mann stand ein Glas Rotwein.

»Kann ich empfehlen«, mischte er sich ein. »Ein Primitivo aus Montepulciano d’Abruzzo.« Wenigstens trank er nicht den schottischen Nationalfusel.

Rosa hatte noch nicht geantwortet.

Einige aus der Gruppe erhoben sich gerade. »Wir gehen nach draußen, Sonnenuntergang gucken. Wer kommt mit?«

Mit einem nachdenklichen Blick in die Runde stand auch Rosa auf, blieb aber erst noch stehen. »Ja«, sagte sie weich, mit einer Art feierlichem Ernst, »wer weiß, wann wir so einen wunderbaren Sonnenuntergang wieder erleben. Lass uns die Gelegenheit nutzen«, wandte sie sich zuletzt an Rohleff. Sie sah den anderen nach, die zu zweit oder zu dritt gemächlich den Türen zustrebten, zuletzt der Abenteurertyp. Er hatte sich als Fabian Dupré vorgestellt, aber als Allerletzter kam der Mann mit den ausgeprägten Hängebacken auf die Füße, der außerdem als zweites markantes Merkmal eine kolossale Stirnglatze aufwies. Da er seine Baskenmütze nicht mehr trug, fiel sie nun auf. Er hieß Rainer Fietzig und war Architekt, wie er bereits allen mitgeteilt hatte, Experte für bauliche Großprojekte. Großmaul, hatte Rohleff die Angabe für sich übersetzt.

Er und Rosa schlenderten aus dem Salon, aber draußen auf dem Gang, der quer durchs Schiff verlief, blieb sie stehen und wies auf eine Tür mit einem dick geschriebenen D darauf.

»Ich geh erst dahin, warte nicht auf mich, es dauert ein bisschen. Ich finde dich dann schon«, sagte sie mit einem Hauch von Verlegenheit.

Rohleff tippte auf Verdauungsprobleme. Unschlüssig verharrte er einen Augenblick auf der Stelle und ging dann zurück in den Salon und an die Bar. Er musste ein Weilchen warten, bis der Barkeeper Zeit für ihn hatte. Beinahe hätte er auf die Bestellung verzichtet und sich auf die Suche nach Rosa gemacht.

»Einen doppelten Whisky, aber einen anständigen«, forderte er entschlossen.

Der Barkeeper, was auch immer er von seinem Englisch verstanden hatte, nickte gleichmütig, griff nach einem Glas und füllte aus einer fest über Kopf installierten Flasche eine dunkelgelbe Flüssigkeit ab.

Dem Preis nach musste es etwas sehr Anständiges sein, ein nicht unerheblicher Teil von Rohleffs britischen Barreserven ging dafür drauf, und ihm tat die unüberlegte Handlung bereits bitterleid, als er das Glas an die Lippen setzte.

Mit dem ersten Schluck rann ihm Feuer die Kehle hinab, nach dem zweiten tränten seine Augen, und nach dem dritten begann er zu keuchen und zu husten. Halb blind taumelte er durch den Salon bis zum Fenster und suchte Halt, indem er eine Hand gegen die Scheibe presste. Im Tränenschleier verschwamm ihm die Sicht. Die Sonne hatte beinahe den Horizont erreicht, ihre letzten Strahlen blendeten zusätzlich. Im Gegenlicht, in dieser gleißenden Bahn, nahm Rohleff am rechten Blickfeldrand des Fensters undeutlich die Silhouette einer großen, dunklen Gestalt wahr, die sich draußen tief über die Reling beugte.

Dem ist der Fisch nicht bekommen, dachte Rohleff, hoffentlich wird mir nicht auch gleich schlecht.

Eigentlich sah er kaum die Hälfte von dem Mann, eines der Rettungsboote versperrte ihm weitgehend die Sicht. Außerdem beschlug unter seinem Gehuste in Windeseile die Scheibe. Dennoch nahm er nun eine rasche Bewegung hin zu der Gestalt an der Reling wahr, blitzartig tauchte etwas Helles auf.

Hektisch machte er sich daran, die Scheibe freizuwischen.

Und hustete wieder.

Auf einmal spürte er, wie ihm jemand auf die Schulter klopfte. Unwillig drehte er sich um und erblickte unter Tränen den Kellner, der ihm ein Glas Wasser hinhielt. Wieder wandte er den Kopf und schaute erneut nach draußen. Direkt vor dem Fenster schob sich von links ein Grüppchen von plaudernden Leuten in sein immer noch nicht sehr klares Blickfeld und nahm ihm die Sicht auf die Reling. Rohleff schüttelte sich wie ein nasser Hund, griff nach dem Glas und leerte es auf einen Zug.

Hatte er tatsächlich gesehen, wie jemand einen anderen Passagier im Schatten des Rettungsboots über Bord schubste?

Hätten die Leute, die gerade aufgetaucht waren, nicht Zeugen der Tat sein müssen?

Allem Anschein nach hatten sie aber nichts mitbekommen – vielleicht wegen des Rettungsboots.

Vermutlich hatte er sich alles bloß eingebildet.

Und warum war ihm das Opfer irgendwie bekannt vorgekommen? Eventuell spielte ihm sein schlechtes Gewissen einen Streich, dass ihm vage Gustav in den Sinn kam, der sich so früh bereits zurückgezogen hatte. Vielleicht weil es diese kleine Verstimmung wegen Rosa zwischen ihnen gegeben hatte?

Wäre tatsächlich jemand über die Reling in die Tiefe gestürzt, hätte es bereits einen Aufruhr geben müssen. Sicheres Indiz für die bloße Einbildung waren die Leute vor dem Fenster, die auch weiterhin ganz unaufgeregt miteinander zu reden schienen. Einer von ihnen war Fabian Dupré, den erkannte Rohleff nun, und da standen noch weitere Mitglieder der Reisegruppe, er konnte allerdings nicht alle sehen, sie standen zu dicht beieinander.

Rosa fand er erst nach einigem Herumsuchen, er war noch immer ganz aufgewühlt.

Es war ihm nicht gelungen, sich auf direktem Weg auf das Außendeck vor dem Salon zu begeben, das ärgerte ihn maßlos. Um dorthin zu gelangen, musste er anscheinend erst eine Etage tiefer, dann irgendwo eine Treppe höher, aber das wurde ihm zu unübersichtlich.

Zu gern hätte er über die Reling geschaut, nur um sich zu vergewissern, dass er sich alles eingebildet hatte. Es musste so gewesen sein.

Dann konzentrierte er sich lieber auf die Suche nach Rosa.

Sie war allein und blickte aufs Meer hinaus. Anscheinend kannte sie sich auf solchen Fährschiffen aus. Unter ihrer Führung wechselten sie mehrfach die Seiten, standen mal rechts, mal links an der Reling, auch auf verschiedenen Etagen und neben Rettungsbooten, sahen hier und da einige der anderen und winkten ihnen zu. Rohleff beruhigte sich allmählich.