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Sudokus machen süchtig – doch ihre Lösung kann mörderisch sein … Als Kate in dem beschaulichen Granville ein Sudoku-Turnier ausrichtet, ahnt sie nicht, wie viel Aufmerksamkeit sie damit bekommt. Aus allen Teilen des Landes reisen Rätselfans an. Es wird ein spannender Wettkampf. Bis Kate über eine Leiche stolpert. Gordon Lott, einer der Teilnehmer, ist ermordet worden. Er war nicht sonderlich beliebt und wurde des Öfteren verdächtigt, mit unlauteren Mitteln zu kämpfen. Aber wer sollte ihn deshalb gleich erschießen? Noch bevor die Polizei die Spur aufnehmen kann, schneidet ein Blizzard den Ort von der Außenwelt ab. Und Kate ahnt, der Mörder ist immer noch in Granville …
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Shelley Freydont
Todesrätsel
Ein Sudoku-Krimi
Aus dem Englischen von Tamara Willmann
Ihr Verlagsname
SUDOKUS MACHEN SÜCHTIG – DOCH IHRE LÖSUNG KANN MÖRDERISCH SEIN …
Als Kate in dem beschaulichen Granville ein Sudoku-Turnier ausrichtet, ahnt sie nicht, wie viel Aufmerksamkeit sie damit bekommt. Aus allen Teilen des Landes reisen Rätselfans an. Es wird ein spannender Wettkampf. Bis Kate über eine Leiche stolpert. Gordon Lott, einer der Teilnehmer, ist ermordet worden. Er war nicht sonderlich beliebt und wurde des Öfteren verdächtigt, mit unlauteren Mitteln zu kämpfen. Aber wer sollte ihn deshalb gleich erschießen? Noch bevor die Polizei die Spur aufnehmen kann, schneidet ein Blizzard den Ort von der Außenwelt ab. Und Kate ahnt, der Mörder ist immer noch in Granville …
Shelley Freydont ist Autorin zahlreicher Romane und Krimis. Dies ist der zweite Band ihrer erfolgreichen Sudoku-Krimireihe.
Für Pearl.
Einen guten Freund, scharfsinnen Kritiker
und unermüdlichen Anfeuerer.
Die Lösungen zu den einzelnen Sudokus finden sich im Anhang.
«Etwas höher!» Kate schaute zu dem Transparent hinauf, das Harry Perkins am schwarzen Bühnenvorhang der Stadthalle befestigte. «Nein, jetzt wieder tiefer!»
Harry drehte sich auf der oberen Sprosse der Leiter um und warf ihr einen entnervten Blick zu. «Kate.»
Kate zog eine Grimasse. «O.K., dann fünf Komma fünf Zentimeter tiefer.»
Harry grinste. «Schon besser.»
«Und fall mir nicht runter!»
Er hielt das Transparent etwas tiefer, steckte es am Vorhang fest, stieg von der Leiter und trat zurück, um sein Werk zu betrachten. Seine Wangen waren vor Aufregung gerötet, als er sich zu Kate umdrehte.
«Super!», sagte er und grinste sie an.
«Super!», bestätigte sie.
Das erste P.-T.-Avondale-Sudoku-Jahresturnier. Kate wünschte, Professor Avondale hätte das noch selbst miterlebt. Doch er war vor sechs Monaten ermordet worden und hatte Kate ein heruntergewirtschaftetes Rätsel-Museum hinterlassen – und Harry.
Der vierzehnjährige Waisenjunge war ein Schützling des Professors gewesen. Jetzt war er Kates Schützling. Er war groß für sein Alter, mit schier endlos langen Armen und Beinen, ein paar Sommersprossen auf der Nase und einem Intelligenzquotienten an der Grenze zum Genie.
Kate war aufgeregt. Was ursprünglich als lokale Veranstaltung zum Spendensammeln gedacht war, war zu einem Dreitageereignis angewachsen und hatte das Interesse von Sudoku-Fans an der gesamten Ostküste auf sich gezogen.
«Ich hoffe nur, dass alles klappt.»
Harry warf ihr wieder einen dieser Blicke zu. «Hoffen ist ja nicht gerade wissenschaftlich.»
«Wem sagst du das.» Kate war Mathematikerin, nicht Eventmanagerin. Nichtwissenschaftliche Methoden waren daher nicht unbedingt ihre Spezialität.
Aber war sie nicht genau deshalb nach Granville, New Hampshire, zurückgekehrt? Hatte sie nicht ihre Stelle am Institut für Theoretische Mathematik aufgegeben, um endlich dazuzugehören, wie sie es sich immer gewünscht hatte? Als der Professor ihr dann das Rätsel-Museum hinterließ, hatte sie die Gelegenheit beim Schopf gepackt.
Die Tür ging auf, und aus dem Foyer drang das Stimmengewirr der Wettbewerbsteilnehmer in den Saal hinein, bis sich die Tür wieder schloss.
Polizeichef Brandon Mitchell steuerte auf Kate und Harry zu.
«Scheiße!», sagte Harry mit unterdrückter Stimme.
Kate sah ihn mit hochgezogener Braue an.
«’tschuldigung, ich meinte Mist.» Er wollte sich unauffällig verdrücken, doch ein Blick des Chiefs nagelte ihn fest.
Kate schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging dem Polizisten entgegen. Strahlend lächelte sie ihn an. «Chief Mitchell. Wie geht’s denn so?»
Er runzelte die Stirn. «Es ginge mir besser, wenn ich genügend Leute hätte, um diese Massen da draußen zu kontrollieren.»
Kate biss die Zähne zusammen. Sie hatte gehört, dass der Chief beim Sheriff des Bezirks Männer angefordert hatte, um seinen kleinen Fünfertrupp zu verstärken. Selbst den alten Benjamin Meany hatte er eingesetzt, als Fußgängerlotsen.
«Und noch besser wäre es, wenn ein gewisser Schüler heute nicht die letzten drei Unterrichtsstunden geschwänzt hätte.»
Harry trat hinter Kate, obwohl er größer war als sie; Brandon Mitchell überragte sie beide.
Kate sah den Chief stirnrunzelnd an: «Sie wollen doch nicht sagen, dass er …»
«Doch.»
«Oh.»
«Oh», äffte der Chief sie nach.
Kate drehte sich zu Harry um, der schuldbewusst den Kopf einzog. «Sie hätten mir ja doch keine Entschuldigung geschrieben. Außerdem war nichts Wichtiges los. Keine Klassenarbeit oder so. Und Kate braucht mich doch.»
Der Chief richtete seinen zornigen Blick auf Kate.
«Ich habe es zwar nicht erlaubt», sagte sie rasch, «aber ich brauche ihn hier wirklich. Montagmorgen rufe ich sofort die Schule an und entschuldige ihn. Und Harry holt das Versäumte nach. Nicht wahr, Harry?»
«Klar.»
Harry kam sich in der Schule vor wie im Kindergarten. Und Kate konnte das nachvollziehen. Auch sie war in ihrer Jugend als Streberin gehänselt worden.
«Darum geht es nicht», sagte der Chief. «Ich muss wissen, wo du bist.»
Harry schob das Kinn vor. «Sie hätten mich doch über mein Handy erreichen können.»
Die dunklen Augen des Chiefs wurden noch dunkler.
Kate berührte ihn am Arm. Sie hatte ihn dazu überredet, Harry bei sich aufzunehmen, statt ihn ins Waisenhaus zu schicken. Doch die Verantwortung für den Jungen machte ihm merklich zu schaffen.
«Ich verstehe. Kommt nicht wieder vor.»
Die Tür öffnete sich erneut. Kates Tante Pru stand in der Tür, groß und dünn, in einem roten Sportsweatshirt, weißer Jerseyhose und marineblauen Turnschuhen, passend zur rot-weiß-blauen Dekoration, die das Veranstaltungskomitee für den 4. Juli zur Verfügung gestellt hatte. Selbst ihr Haar war blau – das allerdings schon länger. Und die Gründe dafür lagen nach wie vor im Dunkeln.
Pru musterte den Raum, warf dann dem Chief einen kurzen, scharfen Blick zu und kam geradewegs auf ihre Nichte zugeschossen. Normalerweise unerschütterlich damenhaft, brachte nur einer Tante Pru dazu, so außer Fassung zu geraten: Brandon Mitchell.
«Also meinetwegen können wir jetzt aufmachen», sagte sie und ignorierte den Chief geflissentlich.
«Jetzt schon?», quiekte Kate und merkte, wie sie ein unerwarteter Anfall von Lampenfieber überkam. Dabei musste sie nur einige Begrüßungsworte sagen und Tony Kefalas vorstellen, den sie als Moderator für das Wochenende engagiert hatte.
«Es ist Viertel vor acht.»
«Ist Tony schon da?»
«Ginny Sue hat ihn vom Gasthaus abgeholt. Er wartet hinter der Bühne.»
Kate schluckte. «Gut. Dann sag allen, sie sollen … äh …»
«In Stellung gehen», schlug der Chief vor.
Kate nickte. «Es kann losgehen.»
Mit einem letzten missbilligenden Blick in Richtung des Chiefs eilte Pru davon.
Nervös fuhr Kate sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und sah sich um. Alles war bereit. Nur sie selbst nicht. Obwohl ihre normalerweise widerspenstigen Locken bereits mit Spray und Spangen gebändigt waren, strich sie sich ständig mit der Hand durchs Haar. Dann zupfte sie an ihrer schwarzen Anzugjacke und schaute hinab zu ihren Slingpumps.
«Sie machen das schon.» Chief Mitchell schenkte ihr so etwas wie ein Lächeln und ging davon.
Genau, dachte Kate. Sie würde das schon machen.
Hinten im Saal gingen die Türen auf. Helfer in roten Hemden postierten sich an den Wänden. Leute strömten herein und füllten den abgesperrten Zuschauerbereich. Auch die Plätze auf den Emporen waren bald allesamt besetzt.
Kate atmete tief durch und ging im Kopf noch einmal die Tipps durch, die sie vor einiger Zeit bei einem Rhetorikkurs gelernt hatte. Entspannen. Freundlich sein. Die Augen durch den Raum wandern lassen, damit jeder Zuhörer sich persönlich angesprochen fühlt.
Als sie die Treppe zum Podium erreichte, sah sie Tony durch den Bühneneingang kommen. Das Atmen nicht vergessen. Er zwinkerte ihr zu. Sie blieb mit dem Fuß an der Kante der obersten Stufe hängen und strauchelte. Um Himmels willen! Nicht stolpern auf den Stufen zum Schafott.
Gott sei Dank fand sie ihr Gleichgewicht wieder und eilte nun in Richtung Podium. Doch als sie über das Meer von Köpfen sah, geriet sie in Panik. Jeder Platz war besetzt. Im Hintergrund standen die Wettbewerbsteilnehmer und warteten darauf, aufgerufen zu werden. Im vorderen Teil des Saales waren rechteckige Tische aufgereiht.
Kate räusperte sich. Wurde das denn nie leichter? Das Geräusch dröhnte übers Mikrophon, und sie zuckte zusammen. «Willkommen beim ersten P.-T.-Avondale-Sudoku-Jahresturnier. Ich freue mich, dass so viele von Ihnen den Elementen getrotzt haben, um an diesem Wochenende hier zu sein. Es soll Schnee geben, aber mit Schnee kennen wir uns in New Hampshire ja aus.»
Gelächter.
Man hielt es für einen Scherz. Aber sie wusste, wie schnell aus den angekündigten fünfzehn bis dreißig Zentimetern Schnee ein ausgewachsener Blizzard werden konnte. Sie drückte die Daumen, dass ihnen das an diesem Wochenende erspart bliebe. Wissenschaft hin oder her, für das Gelingen des Wochenendes war sie zu allem bereit.
«Das Turnier findet zu Ehren unseres bekannten Mitbürgers Professor P.T. Avondale statt, der bis zu seinem Tod im letzten Jahr Eigentümer und Kurator des Avondale-Rätsel-Museums war.» Sie musste heftig blinzeln, bevor sie fortfahren konnte. «Der Professor war mein Mentor und mein Freund. Ich bin sicher, er wäre überglücklich, heute Abend so viele Sudoku-Fans hier zu sehen.»
Sie holte noch einmal tief Luft und lächelte die hintere Wand an.
«Ich weiß, Sie wollen alle möglichst bald anfangen, deshalb will ich mich gar nicht mit großen Reden aufhalten, sondern den Moderator und Spielleiter des Wochenendes vorstellen. Ein Mann, dem sein Ruf vorauseilt …» Das rief erneut Gelächter hervor. «Für die, die noch neu in der Welt der Sudoku-Turniere sind, Tony Kefalas ist zweifacher Meister …» Kate umriss Tonys eindrucksvolle Laufbahn und bat ihn dann auf die Bühne.
Applaus brandete auf, als der bekannte Rätsel-Champion das Podium betrat. Tony war um einiges größer als Kate, etwa 1,80 Meter und schlank, mit schwarzem Haar, das an den Schläfen bereits ergraute. Er trug ein makelloses Tweedjackett, Krawatte und einen Pullover mit V-Ausschnitt über dem eleganten Hemd. Am Revers baumelte seine neueste Goldmedaille.
«Danke, Kate», sagte Tony und ergriff das Mikrophon. «Es freut mich, heute Abend hier zu sein.»
Kate wollte bereits gehen.
Doch Tony ergriff ihren Ellenbogen und zog sie zurück aufs Podium. «Kate war sehr großzügig mit ihrem Lob, aber sie hat vergessen zu erwähnen, dass sie nicht nur die Kuratorin des Avondale-Rätsel-Museums ist, das diese Meisterschaft ausrichtet, sondern außerdem Siegerin der Klasse A beim Ostküsten-Sudoku-Wettbewerb von 2004.»
Höflicher Beifall.
«Und sie hat nur deshalb nicht an der Endausscheidung teilgenommen, weil sie am staatlichen Institut für Theoretische Mathematik als zuständiges Genie noch eine Arbeit abzuliefern hatte.»
Kate errötete. Das lag weit zurück. Außerdem war es schwierig genug, in ihrer Heimatstadt akzeptiert zu werden. Man musste nicht unbedingt darauf hinweisen, dass sie als vermeintliches Genie eigentlich nicht dazugehörte.
Die einzelnen Plätze für die Turnierteilnehmer waren mit gelben Pappwänden abgeschirmt. An jedem Platz befanden sich verschiedene Bleistifte und eine Wasserflasche, alles gestiftet von ortsansässigen Geschäftsleuten. Rote, weiße und blaue Banner schmückten Wände, Bühne, Fenster und die Zuschauergalerie. Über der Bühne blinkten rot die Zahlen einer riesigen Digitaluhr, die Marian Teasdale, die Museumspräsidentin, bezahlt hatte. Rayettes Café betrieb den Getränkestand. Und der Verein der Kriegsveteranen hatte den Saal zur Verfügung gestellt.
Die Veranstaltung war also in Zusammenarbeit mit der gesamten Stadt entstanden, was Kate ungemein zu schätzen wusste.
Als der Applaus nachließ, hastete sie von der Bühne. Tony setzte eine schwarzrandige Lesebrille auf und begann die Wettkampfregeln zu erläutern.
«… zwei Halbfinalrunden in allen Schwierigkeitsgraden. Die jeweils fünf Schnellsten nehmen am Finale morgen Nachmittag teil. In jeder Gruppe werden die Punkte zusammengerechnet, um die besten Mannschaften zu ermitteln. Die Siegerteams treten dann am Sonntag um zwölf Uhr zum Finale an. So hat jeder genug Zeit, am Gottesdienst auf der anderen Straßenseite teilzunehmen und für den Sieg zu beten …»
Leises Gelächter.
«Das Jugendturnier startet morgen früh um zehn Uhr. Danach – jetzt kommt meine Lieblingsveranstaltung – gibt es Frühstück mit Kaffee und Kuchen, gestiftet von Rayettes Bäckerei & Café auf der Main Street. Das Café sollte man in den Pausen unbedingt besuchen. Rayette backt bekanntlich die besten Kuchen der Stadt. Ach, was sag ich: in der Gegend, in ganz New Hampshire!»
Kate war ein wenig neidisch. Tony machte das gut.
Entspannt und amüsant. Er brachte Schwung in die Sache. Sie selbst konnte überhaupt nicht mit Leuten umgehen.
«Und wenn Sie am Samstag das Mittagessen in einem der netten Restaurants der Stadt genossen haben, besuchen Sie doch einen unserer Nachmittagsworkshops: Sudoku für Anfänger, Zähmung des Monster-Sudokus und Entschlüsselung von Codes und Kryptogrammen, eine spezielle Veranstaltung des hiesigen Staragenten, Harry Perkins.»
Hinten im Saal stand Harry und strahlte vor Stolz.
«Und das versteht sich von selbst: In jeder Runde herrscht absolute Ruhe. Und nun bitte ich die Teilnehmer von Wettkampf D an ihre Plätze.»
Ein Helfer öffnete das Absperrseil, das den Wettkampfbereich vom Zuschauerraum trennte, und alles eilte an die Tischreihen. Zahlreiche Stühle schrammten über den Boden, als die Teilnehmer Platz nahmen. In Sekundenschnelle waren alle Tische besetzt. Vor Spannung und Konzentration war die Luft nahezu elektrisch aufgeladen. Die Helfer legten die Sudokus mit der Rückseite nach oben vor jeden Teilnehmer.
Es wurde still im Saal, als die roten Punkte der Digitaluhr aufleuchteten.
«Die erste Runde dauert zwanzig Minuten.» Tony wartete, bis die Helfer sich an die Seitenwände zurückgezogen und die Schiedsrichter ihre Plätze am Ende jeder Tischreihe eingenommen hatten.
«Auf die Plätze … fertig … los!»
Raschelnd wurden die Blätter umgedreht, und die Turnierteilnehmer beugten sich über die Aufgabe. Auf der Uhr lief die Zeit nun im Sekundentakt rückwärts ab.
Kate stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Der Anfang war geschafft. Auf Zehenspitzen ging sie an der Wand entlang zum Ausgang und achtete darauf, dass ihre Absätze auf dem Holzboden nicht klapperten.
Vorsichtig öffnete sie die Tür und schlüpfte ins Foyer, wo Alice Hinckley und fünf andere ältere Damen an den Registriertischen saßen.
Alice sah von ihrem Klappstuhl hinter dem A–F-Schild auf. Ihre rosige, papierdünne Haut warf Falten um ihre Augen, als sie Kate den erhobenen Daumen zeigte.
Die alte Dame war klein, zierlich und so zerbrechlich wie ein Schmiedehammer. Sie wohnte neben dem Museum und hatte mit ihren Freundinnen den Widerstand gegen den geplanten Abriss der Altstadt zugunsten eines Einkaufszentrums organisiert.
«So viele Menschen habe ich in diesem Saal zum letzten Mal beim Waffenstillstand gesehen.»
«Bei der Jahrhundertfeier waren es mehr», bemerkte Pru von ihrem Platz hinter dem M-P-Schild aus.
«Waffenstillstand», entgegnete Alice.
«Jahrhundertfeier», antwortete Pru.
«Na, auf jeden Fall sind es viele», sagte Tanya Watson, die hinter G-L zwischen den beiden Streithähnen hockte. «Im nächsten Jahr brauchen wir einen größeren Saal.»
Carrie Blaine am Ende des Tisches lächelte Kate zu, ohne auf die Auseinandersetzung einzugehen. Sie hatte bestimmt ihr Hörgerät abgestellt, dachte Kate.
«Vielleicht den Gemeindesaal», schlug Pru vor.
«Der ist nicht groß genug», sagte Alice. «Man müsste eins dieser großen Hotels mieten.»
«Das wäre doch viel zu weit weg. Da draußen will doch niemand wohnen.»
«Also, sie …»
Kate stöhnte. «Können wir nicht erst einmal dieses Wochenende hinter uns bringen?»
«Keine Sorge», sagte Alice. «Wir machen das schon.»
Kate wusste, sie konnte sich auf die alten Damen verlassen. Ohne sie wäre das heruntergekommene Rätsel-Museum nie wieder auf die Beine gekommen. Nachdem Kate die letzte Sekretärin entlassen hatte, saßen sie sogar abwechselnd am Eingangstresen. Und das funktionierte so gut, dass Kate sich nicht die Mühe gemacht hatte, eine neue zu suchen.
Aber sie würde sich erst entspannen, wenn das alles hier vorbei war, die Finanzen wieder in Ordnung waren, niemand auf dem Eis ausrutschte und das Toilettenpapier nicht ausging. Erst wenn der letzte Preis übergeben war und sie dem letzten Teilnehmer nachgewinkt hatte, würde sie sich entspannen können.
«Katie», sagte Tante Pru. «Du bekommst ja schon Sorgenfalten.»
Kate entspannte automatisch ihr Gesicht.
Eine Gruppe von Nachzüglern betrat hastig das Foyer und brachte einen Schwall eiskalter Luft und einen Schwarm Schneeflocken mit herein.
«Nein», stöhnte Kate. «Es geht schon los mit dem Schneesturm.»
«So ein Mist!», rief Pru. «Ich hoffe, dieser Rotzbengel von Chief hat an die Schneepflüge gedacht.»
Alice nickte. «Hat er bestimmt vergessen, wie ich ihn kenne.»
Kate seufzte. Das einzige Thema, worüber sich diese alten Freundinnen nie stritten, war Brandon Mitchell.
«Na, was kann man schon anderes erwarten. Er kommt aus Boston. Also.»
«Prudence McDonald», rief Elmira Swyndon quer durchs große Foyer, wo sie zwei halbwüchsige Mädchen in die Finessen der Garderobenkunst einwies. «Selbst in Boston gibt es Regeln und Vorschriften.»
«Die sie auch dort behalten können», sagte Pru. «Wirklich. Genauso wie einen gewissen Chief.»
«Schäm dich, Pru.» Elmira presste die Lippen zusammen und wandte sich wieder ihren Lehrlingen zu.
Chief Mitchell hatte aber auch Anhänger in der Stadt. Zum Beispiel Elmira. Sie war seine Sekretärin und Mädchen für alles. Kate gehörte ebenfalls zu seinen Anhängern, was sie ihn – oder Tante Pru – aber nie merken ließ.
Der Polizeichef war bereits vor einem Jahr von Boston nach Granville gezogen, brachte allerdings die Einheimischen immer noch gegen sich auf, weil er sich immer streng an Vorschriften hielt. Und in Granville hatte man nicht allzu viel für Vorschriften übrig.
Nachdem er den Mord am Professor aufgeklärt hatte, ging man vorübergehend etwas freundlicher mit ihm um. Aber kaum hatte er wieder Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung ausgestellt, war alles beim Alten. Er war der Fremde. Gehörte nicht dazu.
Und das würde immer so bleiben.
«Wenn mich jemand braucht, ich bin unten in der Kantine», sagte Kate und ging in Richtung Treppe.
Der im Keller gelegene Kantinenraum war etwa halb so groß wie der Saal. Dort gab es eine Getränkebar und eine lange Speisetheke. An einer Wand befanden sich vier grüne, gepolsterte Sitzgruppen. Dazwischen standen runde Tischchen, die Kate aus der Bäckerei kannte. Durch zwei kleine rechteckige Fenster hoch oben in der Wand hinter der Bar konnte man den mittlerweile schneebedeckten Parkplatz erkennen.
Die Waschräume lagen am Ende des Flurs. Gegenüber befand sich ein großer Raum voller Verkaufsstände mit Sudoku-Artikeln und Souvenirs. Krawatten, Pullover, Baseballkappen, Einkaufstaschen, Kaffeebecher und Stifte mit Sudokus drauf, Sprüchen oder Zeichnungen: Sudoku-Prinzessin. Heute schon sudokut? Her mit den Sudokus! Sudoku macht Spaß. Nur Flaschen radieren.
Die Kantine war gut besucht. Man stand in Grüppchen zusammen, trank Kaffee und unterhielt sich über das Rätselturnier. Im Verkaufsraum herrschte ein ständiges Kommen und Gehen.
In einer der Nischen entdeckte Kate Erik Ingersoll und Jason Elks. Beide gehörten zum Museumsvorstand und zum Club der Arkanen-Meister von Granville. Beide würden später an der Vorausscheidung der Gruppe A teilnehmen. Kate schlenderte in ihre Richtung, um die zwei Männer zu begrüßen.
Erik hatte seinen massigen Körper in eine Nische gezwängt und sprach so erregt, dass seine Wangen wabbelten. Jason hatte sich über den Tisch gebeugt, und sein kahler Schädel reflektierte die Deckenbeleuchtung, während er Eriks Ausführungen vehement zuzustimmen schien.
Schließlich sah Jason auf. «Katie. Wir müssen Ihnen etwas sagen.» Er rutschte weiter in die Nische und bedeutete ihr, sich zu setzen.
Kate schlüpfte neben ihn. «Was ist denn los? Ist alles in Ordnung?»
Jason schaute sich verstohlen um. Erik stützte seine stämmigen Arme auf den Tisch und schnaufte asthmatisch.
«Nicht hinsehen!», sagte Jason.
«Wohin?», fragte Kate und sah sich um.
«Nicht hinsehen!», wiederholte Erik zwischen zwei Schnaufern.
Kate machte sich allmählich Sorgen um ihn. Er war erst Mitte sechzig, aber sein Gewicht und seine Atemnot waren ausgesprochen beunruhigend.
«Da ist ein Mann», sagte Jason. «Da drüben bei der Gruppe.»
In diesem Augenblick ertönte Gelächter aus der gegenüberliegenden Ecke. Kate blickte verstohlen in die Richtung.
Dort standen drei Männer und zwei Frauen, darunter ein auffallend großer Mann, den Kate auf Anfang vierzig schätzte. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover und braune Cordhosen. Mit seinem goldblonden Haar und dem klassischen Profil würde er mit Sicherheit Tante Prus Instinkt als Kupplerin wecken. Pru hatte es sich nämlich zur Lebensaufgabe gemacht, einen Mann für Kate zu suchen – einen aus Granville, einen mit sicherem Einkommen. Hoffentlich war dieser Adonis gerade aus Anchorage oder Lettland eingeflogen und würde bald wieder davonfliegen, dachte Kate.
Dann fiel ihr Blick auf die gertenschlanke Blondine, die sich eng an ihn schmiegte. Ihr beeindruckender Körper steckte in Lycra-Hosen und knappem Nicki. Kate atmete erleichtert aus. Der Mann war schon vergeben. Eine Sorge weniger.
«Katie, hören Sie überhaupt zu?»
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Jason und Erik zu.
«Der da. Der mit dem schwarzen Rollkragenpullover.» Jason presste die Lippen aufeinander. «Sie müssen ihn disqualifizieren.»
«Warum?», fragte sie und drehte sich erneut um.
«Kennen Sie ihn nicht?»
«Nein. Sollte ich?»
«Wahrscheinlich nicht. Das war vor Ihrer Zeit.» Erik holte sein Taschentuch hervor, um sich die Stirn abzuwischen.
Jason rückte näher und flüsterte mit unterdrückter Stimme: «Das ist Gordon Lott. Er ist ein Betrüger, und man sollte ihn ausschließen.»
«Können Sie das beweisen?», fragte sie. Sie wusste, disqualifizieren konnte sie nur jemanden, wenn sie ihn beim Täuschen erwischte. Nur aufgrund von Gerüchten würde sie ihm ganz bestimmt keinen Betrug vorwerfen.
«Vor zehn Jahren wollte er Mitglied bei den Arkanen-Meistern werden. Er kommt aus Hanover. Ist Geschichtsprofessor mit beeindruckenden Fähigkeiten. Wir haben damals für seine Aufnahme gestimmt.» Jason schüttelte den Kopf. «Wir haben es nicht sofort gemerkt. Er war brillant. Dachten wir jedenfalls.»
«Eines Abends war er früher zu einem Treffen gekommen, und P.T. ertappte ihn dabei, wie er eine Reihe Sudokus studierte, die wir in der Gruppe bearbeiten wollten. Lott spielte natürlich den Unschuldigen. Sagte, er wäre gerade hereingekommen und hätte die Sudokus nur weglegen wollen, damit niemand in die Versuchung käme, einen Blick hineinzuwerfen. Er war dann aber wesentlich schneller als alle andern.»
Ein Hinweis, aber kein Beweis, dachte Kate. Waren die Männer vielleicht ein bisschen neidisch auf Lott? In solchen Situationen sehnte sie sich immer nach der Berechenbarkeit der Mathematik. Denn eins war bei Zahlen sicher: Sie wurden nicht eifersüchtig, und sie tratschten nicht.
«Und als wir an einem Wochenende an einem Sudoku-Turnier in Harvard teilnahmen, habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie er einen Taschenrechner einschmuggelte.» Erik schnaubte. «Angeblich hatte er nicht gemerkt, dass das Ding noch in seiner Hosentasche steckte. Es war empörend. Und besonders peinlich für P.T. und mich als alte Harvardabsolventen. Glücklicherweise wurde der Rechner konfisziert, bevor es losging, aber es war trotzdem peinlich. In Granville entzogen wir ihm dann die Mitgliedschaft und schickten einen Brief nach Harvard, um sie davon in Kenntnis zu setzen. Der Mann hat keine Spur von Moral.»
«Wir wissen, das sind alles nur Gerüchte», sagte Jason. «Aber wir können uns nicht leisten, den Ruf unseres ersten Sudoku-Turniers aufs Spiel zu setzen. Wir sind nicht die Einzigen, die von Lott wissen.»
«Aber wir können ihn nicht disqualifizieren ohne einen eindeutigen – und beweisbaren – Vorfall», warf Kate ein.
Die beiden Älteren begannen zu protestieren.
«Es tut mir leid. Aber Sie müssen mich auch verstehen. Ich werde zusätzliche Beobachter an seinen Platz stellen, um ihn im Auge zu behalten. Beim ersten Täuschungsversuch wird er fliegen. Vielleicht hat er sich ja gebessert», fügte sie hoffnungsvoll hinzu.
Erik schnaubte so laut, dass er sich verschluckte. Jason beugte sich über den Tisch und klopfte ihm auf den Rücken.
«Mehr kann ich nicht tun. Aber warum vergessen Sie beide jetzt nicht das Ganze und überlassen alles mir. Wir wollen doch nicht, dass Ihre Konzentration leidet. Wir müssen schließlich die Mannschaften aus Hanover und Cambridge schlagen.»
Erik hob die Hände. «Siehst du. Ich hab dir ja gesagt, sie unternimmt nichts. Um alles müssen wir uns selber kümmern.»
Kate bekam ein mulmiges Gefühl bei der Vorstellung, dass Erik und Jason sich mit Gordon Lott anlegen könnten.
«Bitte, meine Herren. Unternehmen Sie nichts, was die Veranstaltung gefährden könnte.»
«Um die geht es uns doch gerade. Komm, Jason. Sie entschuldigen uns, Kate.»
Kate rutschte widerstrebend von der Bank, um Jason herauszulassen, und sah hinter den beiden Männern her. Da Lott wahrscheinlich an dem Spitzenturnier der A-Gruppe teilnehmen würde, blieb ihr noch eine gute Stunde, um sich verlässliche Informationen über ihn zu beschaffen. Sie eilte wieder nach oben und überprüfte die Anmeldeformulare.
Gordon Lott. Alter: 37. Beruf: Professor für Geschichte. Wohnort: Hanover, New Hampshire. Er war tatsächlich für den Einzelwettkampf der Gruppe A und als Mitglied der Denksportclubs in Hanover zusätzlich noch für den Mannschaftswettkampf einge tragen.
Kate kannte einige der Mitglieder, an die könnte sie sich wenden. Aber sie wollte die Pferde nicht scheu machen. Nicht, wenn es sich vermeiden ließ.
Als sie wieder in den Saal kam, hatten zahlreiche Teilnehmer ihr Sudoku bereits ausgefüllt. Helfer eilten durch die Reihen, um die Blätter einzusammeln. Am linken Bühnenrand stand Ginny Sue Bright an der Tafel und notierte Namen und Zeiten.
Sie sah reizend aus mit ihren braunen Augen und einer Wolke rotbraunen Haars, um die Kate sie beneidete. Außerdem gehörte Ginny Sue zum Museumsvorstand und war Kates rechte Hand bei diesem Turnier.
Als das Ende der Runde verkündet wurde, gaben die wenigen Spieler, die noch nicht fertig waren, nur widerstrebend ihre Blätter ab.
Tony trat wieder vors Mikrophon und ermunterte die Neulinge, nicht den Mut zu verlieren. «Es gibt immer ein nächstes Jahr. Oder nicht, Kate?»
Kate zuckte zusammen und winkte ihm dann von der Tür her zu. Im Augenblick wollte sie nur das Wochenende überstehen. Ums nächste Jahr würde sie sich dann später kümmern.
Während die Sudokus hinter die Bühne gebracht wurden, damit ein Team von Schiedsrichtern sie auf ihre Richtigkeit überprüfen konnte, begannen die Teilnehmer sich zu unterhalten.
Als die offizielle Wertung feststand, übergab Ginny Sue die Ergebnisse an Tony, der die Siegerehrung vornahm.
Man räumte die Bleistifte und leeren Wasserflaschen von den Tischen und ersetzte sie durch neue Flaschen und frischgespitzte Stifte. Die Teilnehmer der Gruppe C nahmen Platz.
Ginny Sue kam zu Kate und stellte sich neben sie. «Es läuft ja ausgezeichnet, findest du nicht auch?»
«Ja, wirklich», stimmte Kate zu. «Weil sich alle so engagieren. Vor allem du. Danke nochmal, dass du nach Manchester gefahren bist, um Tony abzuholen.»
«Kein Problem.» Ginny Sue lächelte und schaute zum Podium. «Er ist sehr nett.»
«Das ist er», bestätigte Kate. «Und es ist ganz reizend von ihm, dass er uns so unterstützt. Nur gegen Spesen, ohne Honorar. Mir war allerdings schon ganz schlecht vor Sorge, sein Flug könnte wegen des Schneefalls gecancelt werden.»
«Ja, als wir vom Flughafen wegfuhren, lagen auch schon dreißig Zentimeter Schnee. Aber jetzt brauchst du dir ja keine Sorgen mehr zu machen. Schlimmstenfalls kommt er nicht mehr zurück und sitzt dann ein paar Tage in Granville fest.»
Als mit der Gruppe A die Teilnehmer mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad an die Reihe kamen, platzierte Kate einen zusätzlichen Schiedsrichter neben Gordon Lott und stellte sich selbst unauffällig ans Ende der Reihe.
Tony ließ die Sudokus verteilen. Als sie alle umgedreht vor den Konkurrenten lagen, wurde die Digitaluhr eingestellt.
«Sie haben zwanzig Minuten Zeit. Achtung … fertig … los.»
Es herrschte eine besondere Spannung im Saal, die Zuschauer waren konzentrierter als in den Runden zuvor. Hier waren einige der besten Denksportler der gesamten Ostküste anwesend. Das Finale würde bestimmt aufregend werden.
Bald war nur noch das stete Schaben der Bleistifte auf dem Papier zu hören. Zehn Minuten verstrichen. Kate ließ Gordon Lott nicht aus den Augen, der immer wieder auf seine Uhr schaute. Offensichtlich eine nervöse Angewohnheit, dachte Kate. Oder vielleicht war sie auch eine Art Talisman. Die Leute hatten ja alle möglichen Rituale, um ihr Glück zu beschwören. Ein Bekannter von ihr trug bei jedem Turnier die gleiche Krawatte. Ein anderer dachte, es brächte Glück, den Bleistift zu küssen. Die Menschen verhielten sich bei Anspannung schon merkwürdig.
Lott hob die Hand. Ein Helfer trat vor, notierte die Zeit auf dem Sudoku und nahm es mit. Ginny Sue hielt Namen und Zeit auf der Tafel fest.
Bis die nächste Hand hochging, dauerte es fast eine ganze Minute. Es war Jason Elks. Innerhalb weniger Augenblicke hoben sich weitere Hände.
Als die Schlussklingel die angespannte Stille unterbrach, standen fünfzehn Namen auf der Tafel. Wer jetzt noch an seiner Lösung arbeitetete, gab mit enttäuschter Miene unwillig auf. Im Saal brandeten erneut Gespräche auf.
Lott lehnte sich zurück, er wirkte entspannt und selbstsicher. Seine Zeit war erstaunlich gewesen, dachte Kate, aber er schien nicht geschummelt zu haben. Er schaute zur Zuschauerempore und hielt den Daumen hoch. Kate folgte seinem Blick und entdeckte zwei der Männer aus der Kantine. Offenbar nahm keiner von ihnen am Turnier teil.
Einige Minuten später waren die Punkte errechnet. Der erste Sieger: Gordon Lott. Die Gewinner holten ihre Urkunden ab, und Tony sagte eine halbstündige Pause an.
Auch Tony verließ das Podium und schloss sich dem Menschenstrom Richtung Ausgang an. Kate ging hinter ihm her, um ihn zu fragen, was er über Gordon Lott wusste. Doch kaum war sie im Foyer, da ergriff Tante Pru ihren Ellenbogen.
«Der Mann dort drüben, der die letzte Runde gewonnen hat … Er heißt Gordon Lott.»
«Ich weiß», sagte Kate und ahnte schon, worauf ihre Tante hinauswollte. «Ich muss vor der nächsten Runde unbedingt mit Tony reden.»
Prus Griff wurde fester. «Er sieht gut aus. Ist Professor.» Eine bedeutungsschwangere Pause. «Und Junggeselle.»
Auf dem Antragsformular wurde nicht nach dem Familienstand gefragt. Pru war also nicht untätig geblieben.
«Tante Pru. Ich habe tausend Sachen zu erledigen –»
«Mach dich mit ihm bekannt», unterbrach sie Kate. «Ihr habt so viel gemeinsam. Er ist gut in diesen Denksportsachen. Und er hat …»
«… ein sicheres Einkommen», fuhr Kate fort. «Tante Pru, im Augenblick habe ich wirklich keine Zeit für so etwas.»
«Du hast nie Zeit. Aber du wirst auch nicht jünger.»
Der gefürchtete dreißigste Geburtstag drohte unübersehbar am Horizont und noch gewaltiger in Prus Vorstellung.
«Er ist intelligent. Er hat einen Lehrstuhl inne. Und er kann von hier aus nach Hanover pendeln. Es liegt nur vierzig Minuten entfernt.»
Kate schloss die Augen und atmete tief durch. Aber es war vielleicht wirklich eine gute Idee, sich mit Gordon Lott bekannt zu machen, um einen Eindruck von ihm zu gewinnen. Klar. Sie mit ihrer wahnsinnigen Menschenkenntnis!
Kate sah zu Lott hinüber und erblickte die Blondine von vorhin wieder neben ihm. Die junge Frau stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf den Mund. Er lachte und tätschelte ihr Hinterteil.
«Unmöglich», schnaubte Pru. «Einfach hier, vor allen Leuten.»
Kate hingegen war erleichtert.
«Also, die lässt jedenfalls nichts anbrennen.» Pru sah ihre Nichte an und schnalzte mit der Zunge. «Halt dich gerade. Ich erkundige mich mal, wer das ist.»
Kates Handy vibrierte. Sie ging zum Fenster, wo weniger Leute standen.
«Ich wollte nur sagen, dass meine Schaufelbagger bereitstehen», sagte Mike Landers. Kate hatte den Landschaftsgärtner beauftragt, den Parkplatz vor der Stadthalle vom Schnee zu räumen. «Von Nordosten zieht etwas auf. Aber keine Sorge – vor der Veranstaltung morgen ist alles blitzblank.»
«Danke, Mike, dass ich mich auf Sie verlassen kann.» Sie legte auf, sah sich hastig nach Pru um und eilte dann nach unten, um Tony zu suchen.
Die Kantine war gerammelt voll. Rayette, die die Leute emsig mit Kaffee, Mineralwasser und Gebäck versorgte, war hinter dem Tresen kaum zu sehen.
Dann entdeckte Kate Tony, der gerade mit gerunzelter Stirn aus der Herrentoilette kam. Er steuerte auf die Treppe zu und war unterwegs nach oben, bevor sie sich durch die Menge drängen konnte.
Wieder öffnete sich die Tür der Herrentoilette, und Gordon Lott trat heraus. Er wirkte ausgesprochen zufrieden. Warum auch nicht, er hatte gerade die Qualifikationsrunde gewonnen. Er lächelte Kate zu, als er vorbeikam, hielt dann einen Moment inne und kam auf sie zu.
«Sie müssen unsere reizende Veranstalterin sein, Katie McDonald.»
Katie! Sie erschauerte. Er muss mit jemandem aus der Stadt gesprochen haben, dachte sie, nur die nannten sie immer noch Katie.
«Kate», verbesserte sie ihn.
«Ich finde das Wochenende bisher großartig.» Gordon Lott musterte sie. «Und die Veranstalterin ebenfalls.»
Noch bevor Kate wusste, wie ihr geschah, hatte er ihr den Arm um die Schultern gelegt. Er zog sie leicht an sich, das Gesicht so nah an ihrem, dass sie seinen Atem auf ihrer Wange spürte. «Keine Sorge. Ich bin nicht überall so schnell wie beim Sudoku. Manchmal sollte man sich auch ein bisschen Zeit nehmen.»
Man musste kein Genie sein, um zu erraten, wovon er sprach, und Kates Nackenhaare stellten sich auf. Mit einem verkrampften Lächeln auf den Lippen rückte sie von ihm ab. Als sie dann auch noch Jason Elks näher kommen sah, verging ihr endgültig das Lächeln.
Direkt hinter ihm schnaufte Erik, als hätte er einen Hundertmetersprint hinter sich.
Gordon Lott erblickte die beiden ebenfalls. Er ließ Kate los und zog lässig die Ärmel seines Rollkragenpullovers herunter.
«Wir haben Ihnen etwas zu sagen, Gordon Lott», sagte Jason und sah zu dem größeren Mann auf.
«Jawohl», keuchte Erik.
Kate warf ihnen einen flehenden Blick zu. Bitte keinen Ärger!
«Na, wenn das nicht meine alten Freunde sind. Mir war doch so, als hätte ich Sie vorhin im Saal gesehen. Wollen Sie mir gratulieren?» Gordons Stimme klang freundlich, aber Kate meinte, einen Hauch von Sarkasmus wahrzunehmen.
Jason fuchtelte mit dem Finger vor Gordons Gesicht. «Eines sagen wir Ihnen, Freundchen! Wenn Sie diese Runde fair und mit rechten Mitteln gewonnen haben, sind wir die Ersten, die Ihnen gratulieren, aber sollten wir rausbekommen, dass Sie hier Schmu machen …»
«Und das nicht zum ersten Mal», unterbrach Erik.
Gordon stieß einen Seufzer aus. «Ach Katie, Sie werden meinen Kollegen verzeihen müssen.» Er warf ihr einen komplizenhaften Blick zu. «Wir haben … eine gemeinsame Vergangenheit. Eine alte Geschichte. Diese beiden selbsternannten Rätselmeister können sich einfach nicht damit abfinden, dass ich schlauer war als sie. Neid ist so hässlich. Finden Sie nicht auch?»
«Ich – äh. Sicher.»
«Katie!», rief Jason entrüstet.
«Aber das gilt auch für …» Das Wort Täuschung kam nicht über ihre Lippen. Sie konnte ihn schließlich nicht hier in der Kantine vor allen Leuten beschuldigen.
Kate biss sich auf die Lippe. «Unser Motto ist: Fair spielen – fair gewinnen. Wichtig ist doch das Lösen der Sudokus, nicht der Sieg.» O Gott, war das lahm! Sie war ein hoffnungsloser Fall. Natürlich nahmen die Leute an Turnieren teil, weil sie gewinnen wollten.
«Wie wahr», sagte Gordon und sah auf seine Uhr. Es war ein kitschiges goldenes Monster, das mehr Tasten und Knöpfe hatte als so mancher Computer. «Ich gehe jetzt lieber nach oben. Ich möchte das Halbfinale nicht versäumen.»
«Es ist unser voller Ernst», sagte Jason. «Wir werden Sie im Auge behalten.»
Nun verlor Gordon die Beherrschung. «Allmählich wird’s langweilig. Diese Geschichte ist mittlerweile Jahre her, und Sie konnten nie etwas beweisen. Und es gab auch nichts zu beweisen. Alte Kamellen. Wenn Sie mich weiter belästigen, lasse ich Sie vom Wettkampf ausschließen. Lest mal die Regeln, Männer. Katie hält sich bestimmt daran.»
«Sie …»Jason war zu aufgebracht, um weiterzusprechen.
Als Gordon Lott die Treppe hinaufstieg, wandte sich Kate an die beiden Vorstandsmitglieder. «Sie sollten sich schämen.»
«Er hat betrogen», schnaubte Jason ärgerlich.
Erik nickte. «Niemand hätte das Sudoku in weniger als sechs Minuten lösen können. Es war unglaublich kompliziert.»
Die ersten Gäste sahen irritiert in ihre Richtung. Kate zog Jason und Erik in den Gang.
«Ich habe ihn beobachtet», sagte Kate. «Ich konnte keine Anzeichen für irgendeine Schummelei entdecken. Und offen gesagt, wie sollte das auch gehen? Die Sudokus waren verschlossen, bis sie den Helfern ausgehändigt wurden, und die Helfer mussten in Sichtweite bleiben, nachdem sie die Blätter auf die Tische gelegt hatten. Er hatte also keine Chance zu betrügen. Das ist hier doch kein Buchstabierwettbewerb oder Kreuzworträtselturnier. Es gibt keine Hilfsmittel, nur die Zahlen auf dem Blatt und den eigenen Verstand. Es ist einfach unmöglich.»
Vielleicht hätte sie lieber nicht sagen sollen, dass irgendetwas unmöglich ist. Denn kaum hatte man eine Theorie widerlegt, wurde entweder eine neue Theorie entwickelt, oder es gab zusätzliche Fakten. Das kannte sie aus der Mathematik.
«Na, ich hoffe nur, dass Sie recht haben», sagte Erik und schob seinen Kollegen in Richtung Ausgang.
Kate ging zurück in die Kantine, wo Rayette bereits sauber machte, während die Massen sich wieder nach oben bewegten. Als sie Kate näher kommen sah, hielt sie inne. «Lassen Sie sich von Jason und Erik nicht verrückt machen, Schätzchen. Die beiden nehmen Sudoku-Wettbewerbe unheimlich ernst. Zu ernst, wenn Sie mich fragen. Setzen Sie sich, und entspannen Sie sich. Ich habe gerade frischen Kaffee gemacht.»
Kate ließ sich auf einen Stuhl fallen, während Rayette zwei Tassen füllte und damit zu ihr kam.
«Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Kate, aber meine Füße bringen mich um. Das liegt bestimmt an den Pfunden, die ich im letzten Winter zugelegt habe.»
«Meine auch», sagte Kate und ließ die Schuhe von den Füßen gleiten. «Morgen muss ich etwas Bequemeres anziehen. Vorausgesetzt, das Wetter hält sich noch so lange, dass es ein Morgen geben wird.»
«Das hört bestimmt wieder auf zu schneien», sagte Rayette. «Außerdem habe ich zehn Dutzend Teilchen und fünfzig Pfund Wiener Würstchen für morgen bereitgestellt. Und keinen Platz, um sie einzufrieren, falls sie nicht gegessen werden. So, und nun müssen Sie leider wieder zurück, fürchte ich.»
Als Kate in den Hauptsaal zurückkam, hatte die zweite Runde des Turniers bereits begonnen.
Tony rief die zweite Runde für die Gruppe A auf, und die Teilnehmer des Halbfinales nahmen ihre Plätze ein. Zwei Reihen hinter Gordon entdeckte Kate Jason Elks. Nach Erik suchte sie erst gar nicht, obwohl sie wusste, dass er dabei war, ebenso wie Obadiah Creek, das dritte Mitglied der Arkanen-Meister. Sie fragte sich, was Obadiah wohl von Gordon Lott hielt.
Vielleicht war er tatsächlich ein Betrüger. Vielleicht hatte er aber auch recht, und die Anschuldigungen der anderen Männer beruhten eher auf Neid als auf Tatsachen, was allerdings hochgradig peinlich wäre. Denn die Bemühung um die Lösung eines Rätsels war wirklich genauso wichtig wie der Sieg. Jedenfalls für Kate.
Das war ja das Großartige an Rätseln, dachte sie. Sudokus stellen eine ganz elementare Herausforderung für den menschlichen Verstand dar. Natürlich gab es auch ein allgemeines Bedürfnis zu siegen. Sie müsste eben wachsam sein und abwarten.
Tony stellte die Zeit ein, die Sudokus wurden vor die Teilnehmer gelegt, und die Runde begann. Gordon schaute auf seine Uhr und legte los.
Kate schloss die Augen, bis sie das Wort ‹Los!› hörte. Das tat sie immer. Bei ihr hatte das selbstverständlich nichts mit Aberglauben zu tun, es war nur eine Methode, um einen klaren Verstand zu bekommen.
Kate blickte auf die Zeitanzeige. Erst zwanzig Sekunden waren vergangen. Gordon sah erneut auf seine Uhr, beugte sich dann über sein Sudoku und legte den linken Arm auf den Tisch, als wollte er wie ein Schuljunge sein Blatt vor spähenden Blicken schützen. Was unnötig war, denn die Trennwände machten das Abschreiben ohnehin unmöglich.
Drei Minuten später ging Gordons Hand hoch. Die Zuschauer schnappten hörbar nach Luft. Auf dem Podium legte Tony den Finger an die Lippen, um sie ruhig zu halten.
Gordon lehnte sich zurück und sah sich triumphierend um. Ein Helfer eilte an seinen Platz, um sein Blatt entgegenzunehmen. Gordon schaute zur Zuschauerempore hoch und lächelte. Kate folgte seinem Blick. Dort saßen wieder seine drei Begleiter.
Als Tony das Ende der Runde verkündete, begannen die Zuschauer wieder, sich angeregt zu unterhalten. Aber niemand verließ den Saal. Es würde nur ein paar Minuten brauchen, um die Teilnehmer der Endrunde zu ermitteln. Und auch, wenn der erste Sieger bereits feststand, konnten sich noch vier weitere Spieler für das Finale am nächsten Abend qualifizieren. Danach würden die Mannschaftspunkte zusammengerechnet, und die drei besten Teams würden um den ersten Platz kämpfen.
Die Atmosphäre im Saal war spannungsgeladen. Einige Wettbewerbsteilnehmer liefen ungeduldig vor der Bühne hin und her. Andere standen an der Seite und kauten an den Fingernägeln oder unterhielten sich leise. Wieder andere standen vor der Tafel und musterten die Namen der voraussichtlichen Finalisten.
Kate konnte die Nervosität gut nachempfinden. Sie war schon oft in der gleichen Situation gewesen. Es war nervenaufreibend, aber auch stimulierend und herausfordernd. Und sie musste sich eingestehen, dass auch sie gewinnen wollte wie alle anderen. Aber natürlich würde sie dafür nie betrügen.
Kate schaute zur Tür, die hinter die Bühne führte. Die doppelte und dreifache Überprüfung der Sudokus durch die Wettkampfrichter dauerte ungewöhnlich lange. Aber schließlich öffnete sich die Tür, und Ginny Sue trat in den Saal. Doch statt Tony die Ergebnisse zu übergeben, sah sie sich suchend nach Kate um und winkte sie zu sich.
Da stimmte etwas nicht. Kate eilte zu Ginny Sue und erreichte sie gerade, als Tony die Stufen herunterkam.
Ginny Sue schien aufgeregt. «Wir haben ein Problem.»
«Mit dem Material?», fragte Kate.
«Nein. Komm und sieh dir das an!»
